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Archiv 



für 



Philosophie 



herausgegeben 



von 



Ludwig; Stein. 



Erste Abteilung: 
Archiv für Geschichte der Philosophie. 




BERLIN. 
Druck und Verlag von Leonhard Simion Nf. 

1917. 




Archiv 



für 



Geschichte der Philosophie 



herausgegeben 



Ton 



Ij u d w i g" Stein. 



XXX. Band. 

Neue Folge 
XXIII. Band. 







'y 



(. 



BERLIN. 
Druck und Verlag von Leonhard SimioQ Nt. 

1917. 



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M.So 






Inhalt. 



Seite 

I. Herbarts uucl Benekes Kritiken des Schopeahauerschen 
üauptwerkes und ihre Aufnahme. (Fortsetzung.) Von 

Dr. Erpelt 1 

IL Die Lehre vom Logos bei Plotinos. Von Schulrat Dr. 

H. F. Müller, Blankenburg am Harz 38 

III. Nietzsche als Philosoph und die Philosophie unserer Tage. 
Von Dr. Alfred Werner 66 

IV. Dialog: Piaton oder Über die ersten Dinge zur Einführung 
in die Methode des Piatonismus. Von Dr. Wilhelm 

M. Frankl . ' 7.^ 

V. Franz C. Müller-Lyer. Von Wilhelm Börner .... 95 
VI. Zum Wesen der Schlaflosigkeit. Von Prof. Dr. Albert 

Adamkiew icz, Wien 98 

VII. Soeren Kierkegaard — ein Seelsorger für die Seelsorger. 

Von Lic. Dr. Kurt Warmuth, Dresden 111 

VIII. Herbarts und Benekes Kritiken des Schopenhauerschen 

HauptAverkes und ihre Aufnahme. (Schluß.) Von Dr. Erpel t 1.39 
IX. Der Marburger Logismus und sein Verhältnis zu Hegel. 

Von Gustav Körber, Freiburg i. Baden 189 

X. Die Historik Wilhelm Diltheys. Von Max Pomtow . . 203 
XL Hypothese und Fiktion. Von Bmanuel Seyler, Nürnberg 241 
XII. Die Philosopihsche Rechtslehre des Jakob Friedrich Fries. 

Von Kurt Hiller 251 

XIII. Kritisches Verzeichnis der philosophischen Schriften Hol- 
bachs. Von Dr. Hubert Rock in Innsbruck 

Rezensionen 85 174 243 291 

Die neuesten Erscheinungen auf dem Gebiete der Geschichte der 

Philosophie 93 185 248 

Zeitschriftenschau 94 187 249 

Zur Besprechung eingegangene Werke 18.^ 



Archiv für Philosophie. 

I. Abteilung: 

Archiv für Geschichte der Philosophie, 

Neue Folge. XXIII. Band, 1. Heft. 



I. 

Herbarts und Benekes Kritiken des Schopeahauerschen 
Hauptwerkes und ihre Aufnaiime. 

Eine kritische Untersuchung und Würdigung. 

Von 
Dr. Erpelt. 

Zweiter Hauptteil. 

Die W^ i r k u n g der R e z e n s i o n e n. 

Um eine Beeinflussung Schopenhauers durch die besprochenen 
Rezensionen nachzuweisen, sieht man sich naturgemäß auf die Ände- 
rungen angewiesen, die sein System im Zustand der fortgeschritte- 
neren Entwicldnng gegenüber der ersten Fassung aufweist. Solche 
Änderungen sind ganz allgemein von doppelter Art: 

1. Die ursprünglichen Denkarten und Meinungen können durch 
die in der Ivi'itik zutage geförderten Ergebnisse und Ansichten er- 
setzt oder ihnen mindestens angenähert sein. Solche Unterschiede 
weisen unmittelbar und sicher auf die Tatsache der Berücksichtigung 
hin, sind aber bei den Grundlehren Schopenhauers — von dem er- 
kenntnistheoretischen Idealismus und damit der Erkennbarkeit des 
Willens abgesehen — nicht vorhanden, sie zeigen sich nur in den 
untergeordneten und unselbständigen Bestandteilen seines Systems, 
vorwiegend in einigen Kleinigkeiten und nebensächlichen Zügen. 

2. Dann aber können ursprünglich vorhandene Lehren beibe- 
halten, aber umfassender dargelegt und exakter fundiert sein. Ände- 
rungen dieser Art überwuchern in Schopenhauers Werken die aller 
andern. Diese Erscheinung aber ist als eine bei fast allen philoso- 
phischen Systemen vorhandene nur naturgemäß und daher in solche)" 

1* 



2 Erpelt, 

Alltiemeinheit nicht beweiskräftig. Es müssen vielmehr unzweifelhafte, 
deutliche Orientierungen nach den Gesichtspunkten der Gegner hinzu- 
kommen. Sie sind hei der Darstellung vorhanden, wenn die Lehre 
in der durch die Kritik meist eindeutig bestimmten, gegensätzlichen 
Richtung ausgeprägt ist und liegen bei der Begründung vor, wenn 
sich ausgesprochene AViderlegungen der gegnerischen Argumente 
auffinden lassen, wobei es ohne Belang ist, ob sie als solche ausdrücklich 
eingeführt sind oder nicht. 

Unsere Besprechung wird nun in der Hauptsache auf diese Ände- 
rungen zweiter Ait angewiesen sein, da die erstgenannten bei funda- 
mentalen Lehren Schopenhauers nur in verschwindendem Maße 
auftreten. Ihr Vorkommen bei untergeordneten, unwesentlichen 
Lehren und in einzelnen Bemerkungen aber whd zweckmäßig im An- 
schluß an die erweiternden und ausbauenden Änderungen zweiter 
Art erwähnt. Denn auf diese Weise wird der Zusammenhang mit 
den durchweg übergeordneten und bedingenden Lehren gewahrt 
und die Art und Weise ihrer Behandlung setzt uns am besten in- 
stand, zu entscheiden, ob es sich hier um eine bewußte Rücksicht- 
nahme oder bloß um eine schattenhafte Krinnerung und unbe\^^lßte 
Reminiszenz handelt; deren Vorkommen ist ja bei Schopenhauer 
nach Kenntnisnahme der Ki'itiken niemals ausgeschlossen. 

Es erübrigt sich noch, einen Blick auf die Fundorte und deren 
Bedeutung für unsere Zwecke zu werfen. 

In erster Linie kommt der erste Band des Haupt- 
werkes in der zweiten Auflage von 1844 in Betracht. 
Seine Änderungen gegenüber dem Texte der ersten werden besonders 
zu betrachten sein und ergeben, daß die Fundamente des philoso- 
phischen Systems unverändert l)eibehalten sind. Auf diese Weise 
sind bewußte Änderungen erster Art ausgeschlossen. Es bleiben nur 
die meist unbewußt, durch „Selbstbewegung" des Schopenhauerschen 
Denkens im Anschluß an die erweiternden Änderungen zweiter Art 
erfolgenden Verschiebungen übrig. " Für diese kommen vier Schriften 
in Betracht. Zunächst der zweite, in 24 Jahren „con amore" fertig- 
gestellte Band des Hauptwerkes, in der zweiten Auflage von 1844, 
der sich zum ersten Band „wie das ausgemalte Bild zur bloßen Skizze" 
verhält (Br 76) und den Kanon des Systems in seinem ausgereifteren 
Zustande darstellt. Die Veränderungen in der dritten und vierten 
Auflage des Hauptwerkes aus den Jahren 1859 und 1873 (Frauen- 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. HauptA\ . u. ihre Aufnahme. 3 

Stadt) kommen für unsere Zwecke nicht mehr in Betracht, da von 
1844 bzw. 1847 ab Schopenhauer in einen lebhaften philosophischen 
Meinungsaustausch mit seinem „Apostel" Becker und dem „Erz- 
evangelisten" Frauenstädt tritt. Gleichzeitig werden andere Kritiken 
häufiger (Carov6 1841/2, Fortlage 1845, Seydel 1847,.lornill und Bona 
Meyer 1856), während im Laufe der Zeit die Rezensionen des Jahres 
1820 verblassen. 

Zeitlich früher liegen zwei Schriften „Über den Willen in der 
Natur", aus dem Jahre 1836, und die „Grundprobleme der Ethik", 
im Jahre 1840 veröffentlicht. Beide Schriften sind wertvoll nur durch 
ihre Methode. In ihren Ergebnissen aus dem Rahmen des Systems 
von 1844 nicht herausfallend, gehen sie aus von den empirischen 
Verhältnissen der Natur bzw. des Bewußtseins und gewinnen erst 
später den Anschluß an die Metaphysik. Die erstgenannte Schrift 
wird so zu einer konzentrierten Darstellung der Schopenhauerschen 
Philosophie, zu einem „Werkchen von größtem spezifischen Gewicht" 
(Br 91), auf das Schopenhauer während seines ganzen Lebens deshalb 
l)esonders große Stücke hielt, weil es den Kern seiner Metaphysik, 
„den eigentlichen nervus probandi der Sache gründlicher darlegt 
als irgend eine andere seiner Schriften" (Lebensabriß bei Erdmann). 
In der ethischen Schrift aber beleuchten „beide Dissertationen sich 
gegenseitig und w^erden miteinander einen vollständigen Grundriß 
der Ethik bilden" (Schreiben an die dänische Societät Gw 301); 
sonst aber zeigen gerade die ethischen Ergebnisse eine merkwürdige 
Konstanz. Zeitlich später fällt dann noch die zweite Auflage der 
Dissertation von 1844, „an der etwa ^/s Neues und Va -^^^s ist" 
(Br 109). Die Unterschiede gegen die Doktorschrift von 1813 sind 
allerdings durchgreifend, fallen aber, wie das Werk von 1818 beweist, 
vorwiegend in den Zeitraum von 1814 — 1818, die Sturm- und Drang- 
zeit der Schopenhauerschen Philosophie. 

Von einer gerade für unseren Zweck besonderen Bedeutung aber 
sind die Vorlesungen Schopenhauers, die in der Deußenschen 
Ausgabe seiner Werke, Bd. 9 und 10, vorliegen. Von diesen enthält 
der zweite bis vierte Teil, die Metaphysik der Natur, des Schönen 
und der Sitten, Ausführungen, die Schopenhauer im. Winter 1819/20, 
kurz vor seiner am 23. März erfolgten Habilitation, angefertigt hat. 
Diese liegen also zeitlich vor den Kritiken, da die Herbartsche 
Rezension erst Juli ^ die Zeitschrift „Hermes" war eine Vierteljahrs- 



4 Erpelt, 

Schrift, ihr drittes Stück konnte also frühestens x\nfang Juli er- 
scheinen — , die Benekesche endlich erst im Dezember des Jahres 1820 
erschien. Die aus ihnen unter Ausschluß der Appendiees gezogenen 
Ergebnisse gestatten darzutun — besonders über die Erkennbarkeit 
des AVillens — , daß manche Punkte von Schopenhauer schon 
aus eigenem Antrieb verändert wurden, ohne daß es dazu des 
fremden Anstoßes der Kritiken bedurft hätte. Die genannten drei 
Teile bilden also immer die letzte Instanz bei Fragen über eine ver- 
mutete Wirkung der Rezensionen. Der erste, erkenntnistheo- 
retische Teil aber ist hierzu nicht zu benutzen, denn in 
die Erkejintnislehre der ursprünglichen Vorlesung „Über die gesamte 
Philosophie" hat Schopenhauer die im Jahre 1821 verfaßte ,, Theorie 
der gesamten Erkenntnis", das andere von ihm angekündigte Kolleg, 
hineingearbeitet. In ihr lassen sich denn auch einige deutliche Hin- 
weise auf die Benekesche Rezension auffinden. 

In den Vorlesungen ist zudem das ganze System in eine erweiterte 
und freiere Form gegossen, die sich durch geschicktere pädagogische 
Anordnung (weitgehende Einteilungen, Vorwegnahme der Ansätze 
neuer Probleme, ausführliche Rückbeziehungen) und eine größere 
Ivlarheit und Deutlichkeit des Systems gerade an den Punkten, wo 
es der naiven Weltansicht am fremdartigsten erscheint (metaphy- 
sische Einheit des AVillens, Verhältnis des Dings an sich zur Erschei- 
nung), auszeichnet. Ihr gegenüber erscheint die Fassung des Haupt- 
werkes von 1844 mit seiner Trennung in zwei ungleiche und doch 
einander entsprechensollende Hälften als Rückschritt, den Schopen- 
hauer allerdings mit in Kauf nehmen mußte, wenn er sein Jugend- 
werk erhalten und das Vorhandene nicht wertlos machen wollte. 

Wenden wir uns zunächst zur Prüfung des ersten Bandes der 
zweiten Auflage von 1844. Hier kommt man bei eingehender Prüfung 
zur völligen Anerkennung der Worte, die Scho])enhauer selbst der 
neuen Fassung seines Werkes vorausgeschickt liatto (Vorrede XXI): 

,,Was nunmehr diese zweite Auflage anbetrifft, so freut es mich zuvörderst, 
daß ich nach 2.5 Jahren nichts zurückzunehmen finde, also meine Grundüber- 
zeugungen sich wenigstens bei mir selbst bewährt haben. Die Veränderungen 
im ersten Bande, welcher allein den Text der ersten Auflage enthält, berühren 
demnach nicht das Wesentliche, sondern betreffen teils nur Nebendinge, 
größtenteils aber bestehen sie in meist kurzen, erläuternden, hin und wieder 
eingefügten Zusätzen. Bloß die Kritik der Kantischen Philosophie hat be- 
deutende Berichtigungen und ausführliche Zusätze erhalten; da solche sich 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 5 

hier nicht in ein ergänzendes Buch bringen ließen, wie die vier Bücher, welche 
meine eigene Lehre darstellen, jedes eines, im zweiten Bande, erhalten haben." 

Obwohl sich nun Schopenhauer über dergleichen Verschiebungen 
seines Systems und deren Wichtigkeit täuschte — vgl. seine Be- 
merkung über Kant und Lo 3 — , bedeuten in der Tat jene Zusätze 
teils nur Ausschmückungen des Wortlauts und Erläuterungen des 
Satzinhaltes (so in der vierten Auflage 139 8/11, 152 19/15 v. u.) oder 
solcher historischer, polemischer (38 gegen Fichte), oder naturwissen- 
schaftlicher Ai-t, (51 7/10, 96 20/25, 138 12/22, 156 17/18, 223 10/17), 
teils l)estehen sie in Literaturangaben (94 10/13, 154 15/9 v. u., 
169 2/15), Belegungen durch Autoritäten (104 12/17, 151 24/3 v. u., 
224 19/20), oder „mythologischen Deuteleien" (38). Die Ausbeute 
an solchen Stellen, die für den vorliegenden kritischen Zweck in Be- 
tracht kämen, ist nahezu gleich Null. Xichtsdestoweniger ist dieses 
Ergebnis doch von grundlegender Bedeutung : Wir werden darauf 
vorbereitet, daß Schopenhauer die Ausstellungen der 
Kritiker im großen- ganzen unbeachtet gelassen, sich 
über alle gleichmäßig hinweggesetzt hat und das Grund- 
gefüge seiner Philosophie mit all seinen Schäden voll- 
kommen beibehielt. Unsere Aufmerksamkeit wird sich daher 
ausschließlich der erweiterten und ausgebauten Fassung seines Systems 
zuzuwenden haben. Hier hat sie sich dann zu verschärfen, um die 
weniger stark in die Augen fallenden Verlagerungen und Wandlungen 
in den Hauptlehren zu verfolgen und die mehr beiläufigen, 
untergeordneten, mitunter aber viel verratenden Bemerkungen 
aufzufinden. 

Wenden wii- uns zunächst zur Erkenntnistheorie. Hier hätte 
Schopenhauer vor allen Dingen gegen die tiefgreifenden Vorwürfe 
Herbarts gegen den Phänomenalismus Stellung nehmen müssen. 
An diesem hat er aber unentwegt festgehalten, wie man durch Belege 
aus allen Schriften nachweisen kann. Zunächst findet sich ein abso- 
luter, und zwar individuell-psychologisch gefaßter Ideaüsmus, gepaart 
mit einem krassen Materialismus, in dem Exordium zur Dianoiologie, 
dessen untere Grenze der Entstehung der Winter 1819/20, die obere 
das Frühjahr 1822 darsteUt (D 9/39): - 

,,Wie der Magen verdaut, die Leber Galle, die Nieren Urin, die Hoden 

.>Amen absondern, so stellt das Gehirn vor, sondert Vorstellungen ab 

Aber diese Funktion hat etwas eigenes, was sie höher stellt als die Galle, welche 



6 Erpelt, 

die Leber, und den Speichel, welchen die Speicheldrüsen al sondern, näiulich 
diese: Die ganze Welt beruht auf ihr, liegt in ihr, ist durch sie bedingt." 

Im zweiten Bande des Werkes von 1844 widmet er der „Idealisti- 
schen Grundansicht" das ganze erste Kapitel und teilt darin dem 
Satze: Die Welt ist meine Vorstellung" eine Gewißheit zu, die mit 
den Axiomen Euklids rivalisiere (4), betrachtet den IdeaHsmus geradezu 
als den Probierstein für die Eedlichkeit eines philosophischen System i 
(5) und versucht, ihn als die ursprüngliche erkenntnistheoretische 
Überzeugung Kants ,,als das richtige Ergebnis der Kantischen Philo- 
sophie" (13, 8) hinzustellen. Auch erwähnt er Gegenargumente und 
Mißverständnisse, denen der Idealismus ausgesetzt sei; diese aber 
sind wenig charakteristisch, da es nach seinem eigenen Ausspruche 
nur solche sind, die ,,sich in jedem, deutlich oder undeutlich," regen 
würden (6). Die schon im ersten Bande (18 — 21) vorhandene Kritik 
des Realismus, die darauf hinweist, daß ,,der Schluß von der Vor- 
stellung auf das von ihr verschiedene Objekt als Grund derselben 
so unstatthaft wie möglich ist, findet sich in den eben gebrauchten 
Worten auch in den V^orlesungen wieder (D 9, 26/27). In beiden 
zieht sie denn auch das verdammende Urteil nach sich, daß er .,dem 
Dogmatiker, der die Realität der Außenwelt als ihre Unabhängig- 
keit vom Subjekt erklärt, eine solche Realität sclilechthin ableugnen" 
müsse (I 17, D 9, 783/4). Einige Momente weisen darauf hin, daß 
Schopenhauer über die eigentümlichen Punkte der Herbartschen 
Kritik hinweggesehen haben muß. Denn er benutzt nach wie vor, 
da er eben in der Wahrheit seines Idealismus nicht irre geworden ist, 
die innerlich gefühlte Einseitigkeit, um eine mühelose Überleitung 
zum metaphysischen Kern der Welt zu finden. So sagt er in den 
Vorlesungen : 

„Wenn wir nun also die Welt ihrem ganzen Lüial c nach als bloße Vor- 
stellung des Subjekts, welches wir selbst sind, erklären, so regt sich dabei 
doch ein gewisses Widerstreben, welches ankündigt, daß diese Betrachtung 
doch nur eine einseitige sein kann, auf einer willkürlichen Abstraktion beruhen 
muß, da jeder sich sehr fest bewußt ist, daß die Welt doch weit mehr als seine 
Vorstellung ist" (D 9 70, 487). 

Auch behält er in allen Schriften den von Herbart gerügten Fehler 
bei, aus der ursprünglichen Bedingtheit auf die endgültige rein vor- 
steUungsmäßige Beschaffenheit der Realität zu schließen. Er erklärt 
mit geradezu erstaunlicher Unbefangenheit und Kiivität: ,,Nur 



Herbarts u. Benekes Ki-it. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahm.; . ( 

das Bewußtsein ist unmittelbar gegeben, daher ist ihre Grund- 
lage auf Tatsachen des Bewußtseins beschränkt" (II 5 u, 14), 
und „die ganze Welt der Objekte ist und bleibt Vorstellung und 
ebendeswegen durchaus und in alle Ewigkeit durch das Subjekt be- 
dingt" (D 9, 483). Demgemäß kennt Schopenhauer im zweiten 
Bande von 1844 nur einen absoluten KeaHsmus, der „die allererste 
Tatsache überspringt oder verleugnet, diese, daß alles, was wir kennen, 
innerhalb des Bewußtseins liegt" (11 6), während Herbart die Meinung 
durchbhcken ließ, daß man trotz der Berücksichtigung dieses phäno- 
menalistischen Ai-guments zu einem Realismus, dem kritischen, ge- 
langen könne. 

Dagegen holt Schopenhauei- in seinen Vorlesungen zu einer 
erweiterten Fassung und Ablehnung des Realisnms aus, der sich der 
kritischen Abart desselben annähert. Er ist (J) 9, 229) folgender 
Ansicht : 

Es „reihen sich alle Erkenntnisse des Individuums zunächst in der bloßen 
Zeit aneinander. In dieser aber gibt es bloß eine einfache, d. i. kein Zugleich 
zulassende, und flüchtige, d. i. kein Beharrliches habende Reihe von Vor- 
stellungen. Hieraus erwächst nun der Unterschied zwischen der Vorstellung, 
sofern sie dem Bewußtsein des individuellen Subjekts immittelbar gegen- 
wärtig ist, und sofern sie in der von seinem Verstände vollzogenen und stets 
von diesem vorausgesetzten Gesamtvorstellung der Erfahrung enthalten ist. 
Man hat sie in dieser Hinsicht unterscheiden wollen und allein, sofern sie dem 
Subjekt unmittelbar gegenwärtig ist, sie Vorstellung, das Objekt aber, sofern 
es dem Ganzen der Erfahrung angehört, das reale Ding nennen wollen: Es 
ist die Ansicht des gemeinen Verstandes und der realistischen Philosophie. 
Uns ist es aber ausgemacht, daß auch das Ganze der Erfahrimg mit allen Ob- 
jekten, die es begreift, immer nur für das Subjekt da ist, durch ein Subjekt 
bedingt, außerdem schlechterdings undenkbar, also in jedem Sinne Vor- 
stellung ist. Alles Sein dieser realen Dinge, die das Ganze der Erfahrung 
ausmachen, ist und bleibt nm- ein VorgesteUtwerden ; oder will man etwa 
nur die unmittelbare Gegenwart im Bewußtsein des Individuums ein Vorge- 
stelltwerden nennen, so ist jenes Sein der realen Dinge vollends niu' ein ^ or- 
gestelltwerden können." 

Damit geht Hand in Hand, daß sich in den Vorlesungen eine 
starke, 1844 aber wieder abklingende Betonung des reinen Sub- 
jekts des Erkennens als Träger des Weltbildes bemerkbar macht: 
,, Freilich, vom Individuo ist das Objekt nicht abhängig, aber vom 
Subjekt des Erkennens überhaupt." (D 9, 113). Eine parallelgehende, 
genauere Entfaltung liefert er 1847 im § 19 der zweiten Auflage 



S Erpelt, 

seiner Dissertation. Wenn auch nähere Hinweise auf Herbart fehlen, 
lassen diese Ausführungen doch die Vermutung auftauchen, durch 
dessen Iviütik veranlaßt zu sein. Diese Vermutung aber wird wider- 
legt durch die Tatsache, daß sich schon in der ursprünglichen Schopen- 
hauerschen Dissertation von 1813 genau dieselben Gedankengänge 
vorfinden (D 3, 24). 

Dagegen scheint sich eine leise Nachwirkung im folgenden be- 
nierkl)ar zu machen: Herbart stellte den Ausgang der Philosophie 
vom Su1)iekt als genugsam bekannt und wenig originell dar; dem 
entspricht in der zweiten Auflage des ersten Bandes der charakte- 
ristische Zusatz: ,,Neu ist diese Wahrheit keineswegs, sie lag schon 
in den skeptischen Betrachtungen, von welchen Cartesius ausging," 
{I 4), der weiterhin auf S. 4 und 5 durch ausführliche philosophie- 
geschichtliche Bemerkungen über Cartesius uns Berkeley erläutert 
wird. Beachtet man aber, daß Schopenhauer seine idealistische 
Lehre l)eibehalten und noch in einer Weise ausgearbeitet hat, die nicht 
die mindeste Spur einer AVirkung der Rezensionen erkennen läßt 
— wobei auch das Eingehen auf jene durchdachtere Art des Realismus 
keine Handhabe bietet — , so wird man bei der reichen Belesenheit 
und dem sonstigen regen Interesse, das Schopenhauer der geschicht- 
lichen Entstehung gerade der idealistischen Lehre entgegenbrachte,*) 
nicht fehlgehen, diese historischen Bemerkungen als Früchte der von 
ihm selbst aus getriebenen geschichtlichen Studien anzusehen. Daß 
er die Verdienste Berkeleys schon zur Zeit seiner Vorlesungen zu 
würdigen wußte (D 9, 115), wird der bekannten Stellung dieses Philo- 
sophen in der geschichtlichen Entwicklung zuzuschreiben sein. 

Dem Drängen Benekes auf eine Änderung der Wortbezeichnung 
von Verstand und Vernunft ist nicht nachgegeben, wie die unver- 
änderte Beibehaltung beider Ausdrücke in der zweiten x\uflage des 
ersten Bandes, sowie schon die Überschriften des zweiten und sechsten 
Kapitels im zweiten Bande: „Zur Lehre von der anschauenden 
oder Verstandeserkenntnis" und ,,Zur Lehre v(m der abstrakten 
oder Vernunfterkeimtnis" dartun. Den Grund der von ihm auf 
p. 72 f. vorgenommenen Erwähnung früherer Philosophen gkücher 
Ansicht, deren Ursache in der Kritik zu finden man leicht geneigt 



*) Vgl. sein Interesse bei der voikantisehen Ix'hre von der Idealität 
<ler Zeit (Br 110, 12.3). 



Herbarts u. Benekes Kiit. d. Schopenh. Haiiptw. u. ihre Aufnahme. 9 

Aväre, liibt Schopenhauer selbst an: Es ist der in Deutschhmd ge- 
triebene Mißbrauch des Begriffes der Vernunft. 

Auch die vereinigten Einsprüche Herbarts und Benekes be- 
treffs der Methode, in der Mathematik getrieben werden soll, haben 
keine Wirkung gehabt. Schopenhauer spricht seine ursprünglichen 
Ansichten nochmals aus in seinen Vorlesungen (D 9, 429 — 443), im 
Kapitel 13 des zweiten Bandes und im § 39 der zweiten Auflage 
seiner Dissertation. In den Vorlesungen wii'd seine Darstellung 
erweitert durch den Versuch, die Methode Euklids aus dem antiken 
Kationalismus heraus zu verstehen. Er leitet diesen Versuch ein 
mit den seinen alten Standpunkt kennzeichnenden Worten: Es ,, er- 
scheint uns die Euklidsche als eine Verkehrtheit, wenn auch als eine 
sehr glänzende. Nun aber läßt sich wohl immer von jeder großen, 
aljsolut und methodisch betriebenen, dazu vom allgemeinen Beifall 
begleiteten Verirrung, sie möge das Leben oder die Wissenschaft 
betreffen, der Grund nachweisen in der zu ihrer Zeit herrschenden 
Philosophie". Ebenso fragt er noch jetzt: ,, Warum soll man in 
der Geometrie sich mit dem Wissen, daß etwas so sei, begnügen und 
nicht einsehen wollen, warum?'' Aber das ist eben das Eigentümliche 
und Fehlerhafte der Euklidschen Methode, daß sie bloß jenes gibt, 
ohne sich um dieses zu bekümmern" (D 9, 437). Auch gibt er schon 
hier ein später in der zweiten Auflage seiner Dissertation wieder- 
holtes Beispiel für seine Methode an dem 6. und 16. Satz des ersten 
Euklidschen Buches und erwähnt ähnliche Versuche aus der Ent- 
wicklung der Mathematik in den letzten 10 Jahren (439). Im Kapitel 
13 des zweiten Bandes kritisiert er insbesondere die Theorie der Paral- 
lelen, in der „die Euklidsche Demonstriermethode aus ihrem 

eigenen Schöße die treffendste Parodie und Karrikatur geboren hat." 
Gerade hier trete „die Selbständigkeit und Klarheit der intuitiven 
Evidenz mit der Nutzlosigkeit und Schwierigkeit der logischen Über- 
führung in einen Kontrast, der nicht weniger belehrend als belustigend 
ist". Hinsichtlich ihrer Beweiskraft erklärt er, daß „die reine, nicht 
empirische Anschauung e})enso unmittelbar und sicher sei, wie der 
Satz vom Widerspruche selbst", und erläutert ihre Notwendigkeit 
(38) an dem Beispiel des rechtwinkligen, gleichseitigen Dreiecks, 
da die Unvereinbarkeit der Prädikate „hier nie durch bloßes Denken, 
sondern erst „durch Konstruktion ihres 'Gegenstandes in der reinen 
Anschauung "erkannt werde. Ein Zugeständnis über die Ohnmacht 



10 Erpelt, 

(1er Anschaiiuiii( betreffs der Auffindung mathematischer Sätze scheint 
allerdings II 199 vorzuliegen: „Diese kann, wie besonders in der 
Algebra, Trigonometrie, Analysis geschieht, die Anschauung ganz 
verlassend mit bloßen abstrakten, ja nur durch Zeichen statt der 
Worte repräsentierten Begriffen operiereri, und doch zu einem völlig 
sicheren und dabei so fernliegenden Resultate gelangen, daß man 
auf dem festen Boden der x\nschauung verharrend, es nicht hätte 
erreichen können." iVllerdings hatte er schon 1818 die Vorteile der 
abstrakten Erkenntnisart auch in der Geometrie nicht verkannt, 
und erwähnt sie auch in seinen Vorlesungen (D 9, 384): 

, »Ebenso erkennen wir in reiner, selbst von der Erfahrung unabhängiger 
Anschauung vollkommen das Wesen und die Cesetzmäßigkeit einer Parabel, 
Hyperbel, Spirale: Aber um von dieser Erkenntnis sichere Anwendung in 
der Wirklichkeit zu machen, mußte sie zuvor zum abstrakten Wissen ge- 
worden sein, wobei sie freilich die Anschauliclikeit einbüßt, aber dafür die 
Sicherheit und Bestimmtheit des abstrakten Wissens erhält. Alle Analysis 
erweitert gar nicht unsere Erkenntnis von den Kurven, die ihr Gegenstand 
sind, sie enthält nichts mehr, als schon die bloße reine Anschauung derselben. 
Aber sie ändert die Ai't und Form der Erkenntnis, verwandelt die intuitive 
in eine abstrakte, was für die Anwendung höchst folgenreich ist." 

Trotz der hiermit anerkannten geringen Leistungsfähigkeit der 
Anschauung hält er an ihr doch noch als einem Ideal fest: „Freilich 
ist nur bei so einfachen Lehrsätzen als jener 6. des Euklid der Seins- 
grund so leicht in die Augen fallend: Aber er nmß doch überall auf- 
zuweisen, und auch die verwickeltsten Lehrsätze auf so eine einfache 
/Anschauung zurückzuführen sein." .Darin fiiulet er sich bestärkt, 
als er (D 9, 442) erkennt, daß die Euklidsche Beweismethode ..bloß 
auf die Geometrie angewandt worden, nicht auch auf die Aiüthmetik: 
Vielmehr läßt man in dieser wirklich die Wahrheit allein durch die 
Anschauung einleuchten, welche hier im bloßen Zählen besteht". 
Zwar reicht ,,die unmittelbare Anschauung der Zahlen in der bloßen 
Zeit nur bis 10" (442), aber deshalb verliert die Anschauung ihren 
fundamentalen Wert doch nicht: Denn die absolute Sicherheit 
und Bestimmtheit, die sie vermöge ihrer apriorischen Tsatur besitzt, 
macht jenes begriffliche Verfahi'en überhaupt erst möglich, und sie 
))leibt auch die letzte Instanz für die Richtigkeit der Ergebnisse, 
die erst durch Kontrolle und Realisation in ihr ge})rüft werden (II 
199 f.). Im Einklang mit dieser eingeschränkten Auffassung steht 
die Stelle II 93, wo die Mathematik als „eine Wissenschaft aus der 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 1] 

Moßen Vergleichuiig der Begriffe, also aus allgemeinen Sätzen" aner- 
kannt wird, ihre Sicherheit aber aus der synthetisch-apriorischen 
Natur aller ihrer Sätze hergeleitet ist. In dieser Modifikation eine Hin- 
neigung zu dem von Herbart diktierten Programm der Mathematik, 
eine bessere Bearbeitung ihrer Begriffe zu betreiben, annehmen zu 
wollen, würde sich schwer rechtfertigen lassen. Daß auf jeden Fall 
das von Beneke als solches bezeichnete Kantische Vorurteil, wonach 
die Mathematik eine wesentlich apriorische Wissenschaft sei und 
das Allgemeine unmittelbar, also im einzelnen angeschaut werden 
könne, nicht geschwunden ist, zeigt die Bemerkung II 132, wo die 
Mathematik neben der Logik „als bloße Verdeutlichungen des un;- 
a priori BeTMißten, nämlich der Formen unseres eigenen Erkennens" 
gekennzeichnet und behauptet wnd: ,,Sie lehren uns eigentlich 
nur, was wir schon vorher wußten." Auch ist sich Schopenhauer 
über die Tragweite dieses Vorurteils klar; denn er bemerkt D 9 438. 
daß seine Ansichten über die Mathematik hinfällig seien, ,,wenn Kant 
Unrecht habe" Woher endlich der Drang nach Verdeutlichung, 
den ja die x\nschauung, wie Beneke zeigte, nach den sonstigen An- 
sichten Schopenhauers gar nicht ausüben darf, zu erklären sei, ist 
nirgendswo gesagt, und ebenso fehlt jede Argumentation gegen die 
Benekesche Hypothese über die ausschließliche Herrschaft der In- 
duktion in der Mathematik. Dieser Standpunkt war für Schopen- 
hauer überhaupt undiskutabel, da er vor einer Wissenschaft die 
deduktive Methode verlangte. Alle die angeführten Stellen bieten 
keine sichere Handhabe, eine Beeinflussung Schopenhauers einwands- 
frei sicher zu stellen Eine solche würde sich dann schon in den Ände- 
rungen und Zusätzen des ersten Bandes angekündigt haben, was 
jedoch nicht der Fall ist. Seine Ansichten konnten auch schwerlich 
geändert sein, solange die Wurzeln dieser merkwürdigen Lehre blieben : 
Seine Theorie des Seinsgrundes, die Bevorzugung der Anschauung 
und die Lehre vom Apriorismus. 

Von dieser letzteren weist das zweite Kapitel des zweiten 
Bandes nach, daß sie in dem vollen Umfange, in der sie im ersten 
Bande entwickelt und beibehalten \mrde, in Bausch und Bogen 
vorausgesetzt ist. Ihre lü'önung findet sie in der Tafel der prädi- 
cabilia a priori, von der Schopenhauer im schärfsten Gegensatz zu 
Beneke und seiner Forderung, daß sämtliche Resultate einer Analyse 
der Vorstellungen nur als Abstrakta zu deuten seien, zugestel :, daß 



12 Erpelt, 

man sie „als eine Zusammenstellimg der ewigen Grnndgesetze der 
Welt, mithin als die Basis einer Ontologie betrachten könne" (II 54). 
In den Vorlesungen nun lassen sich von einer vorsichtigen, resignierten 
Deutung der apriorischen Formen als Bedingungen für das Zustande- 
kommen der Vorstellungen bis zu dem vorliegenden Extrem alle 
Phasen verfolgen. So sagt er (D 9 444): „Wenn wir nun von vei-- 
schiedenen Erkenn Luiski'äften reden (Verstand, Vernunft, reine 
Sinnlichkeit), so kommt es nicht daher, daß wir das Subjekt des Er- 
kennens erkannt haben, sonst würden über jene Kräfte nicht so 
verschiedene und falsche Meinungen im Umlauf sein, sondern jene 
Kräfte sind abstrahiert und erschlossen. Sie sind eigentlich auf- 
gestellt als subjektive Korrelate der verschiedenen Klassen der Vor- 
stellungen. ..." Ebenso 455: ,,Die Erkenntniskräfte werden nicht 
erkannt, sondern von den Objekten erschlossen." .Diese Abstrakta 
und suljjektiven Korrelata werden dann apriorisch und konstitutiv: 
„Denn der Satz vom Grunde (die wesentliche Form des Verstandes) 
ist nur die All und Weise, wie für ein Subjekt, welches Individuum 
ist, Objekte da sind: Und diese Art und Weise liegt schon a priori 
in unserem Bewußtsein." Einen weiteren Schritt zu ihrer Reali- 
sierung bedeutet dann ihre Abstamnmng aus einer Urbeschaffenheit 
des Erkenntnisvermögens (D 9, 457): „Das Gemeinschaftliche aller 
dieser Formen wie ihr Unterscheidendes haben wir erkannt und hal)en 
gesehen, daß so, wie sie in ihrem Ausdruck gemeinschaftlichen zu- 
sammentreffen, welcher der Satz vom Grunde ist, sie auch aus einer 
Urbeschaffenheit unseres Erkenntnisvermögens stammen müssen, die 
Wurzel des Satzes vom Grunde." Endlich, unter der Einwirkung 
des metaphysischen Bedürfnisses, die darauf hinausläuft, alles Eigen- 
tümliche des Objekts in den Erkenntnisapparat hineinzuziehen, um 
als eigentliche Realität ein Ding an sich übrig zu behalten, wird jenen 
Formen die Rolle der Parasiten zugewiesen, die den Objekten den 
letzten Rest des Blutes der Realität aussaugen: „Erinnern Sie sich, 
wie ich Ihnen zeigte, wie alle Gestalten des Satzes vom Grunde den 
Objekten alle Selbständigkeit benehmen, wie demnach der Satz vom 
Grund das Prinzip der Endlichkeit, der Repräsentant alles Daseins 
ist." (D 9, 452) Die Verflüchtigung der Objekte durch die Erkenntnis- 
formen wird dann vollständig durch die Stelle (D 9, 454): „So folgt, 
daß vermöge des Satzes vom Grund, als der allgemeinen Form aller 
Objekte des Subjekts, diese Objekte durch und durch nur in der 



Herbarts u. ßenekes Krit. d. !*'chopciih. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 13- 

Relation zueinander bestehen, nur ein relatives, Ijedingtes .Dasein 
haben, nicht ein absolut bestehendes Dasein an und für sich." Aus 
dieser Entwicldung ersieht man, daß die Benekeschen Ausführungen 
schon 1820 spurlos an Schopenhauer vorüber gegangen sind, worin 
man noch bestärkt wird durch den Umstand, daß Schopenhauer 
viel mehr bemüht ist, seine Aprioritätslehre nicht im Widerspruch 
zur Unerkennbarkeit des Subjektes erscheinen zu lassen, ein Punkt, 
den Beneke gar nicht berührt hat. 

iVuch ist der Gegensatz in der Zweckbestimmung der Philosophie 
geblieben. Der Gedanke, daß sie eine bloße „Wiederholung der Welt 
in abstrakten Begriffen sei" (I 99, 452 u, 453 u), hat Schopenhauer 
wohl vorgeschwebt, wenn er erklärt, daß die Philosophie alle Weis- 
heit „actualiter et ex}Dlicite" zu liefern habe (II 464), und auf die 
Frage: ,,W^as ist das Leben", eine Antwort für den Begriff, „also für 
die Reflexion und in abstrakto" geben solle (auch D 9, 505). Ebenso 
behauptet er in den Vorlesungen: ,,Aber das anschaulich und in 
concreto Erkannte und Alles, was der weite Begriff Gefühl umfaßt 
und bloß negativ als nicht abstraktes Wissen bezeichnet, dieses zu 
einem solchen, zu einem abstrakten Wissen, zu einem deutlichen 
und sich gleichbleibenden, zu erheben, das eben ist Aufgabe der Philo- 
sophie." Ja, auf p. 502 spielt die Philosophie ausgesprochenermaßen 
die Rolle der obersten Wissenschaft, deren Gegenstand jedoch aus- 
drücklich gekennzeichnet wird „als das allgemeinste und deshalb 
wichtigste Wissen, welches die Aufschlüsse verheißt, zu denen die 
anderen nur vorbereiten", und II p. 504 spricht er von der Philo- 
sophie, ,,als welche die Dinge vom allgemeinsten Gesichtspunkt aus 
betrachtet und ausdrücklich das Allgemeine zum Gegenstände hat, 
welches in allem Einzelnen dasselbe bleibt". Eingehend setzt dann 
Schopenhauer das Verhältnis zwischen Philosophie und Wissenschaft 
auseinander in den Vorlesungen (D 9, 545): ,,Denn zwei Dinge sind 
schlechthin unerklärlich . . ., erstens nämlich der Satz vom Grund 
selbst . . ., das zweite Unerklärliche kommt nur bei den empirischen 
Wissenschaften hinzu, nämlich die ursprünglichen, schlechthin ge- 
gebenen Eigenschaften der Dinge. Hier nun eben, wo die Natur- 
wissenschaft, ja jede Wissenschaft die Dinge stehen läßt, da eben 
nimmt die Philosophie die Dinge wieder auf." Im Anschluß daran 
folgt dann später eine Spezifikation des von den Einzelwissenschaften 
vorausgesetzten empirischen Unerklärlichen (547/8). Daß diese ge- 



14 Erpelt, 

iiaiie Bezeichnung- des Gegenstandes aber nicht als Konzession an 
Beneke, sondern als organische Weiterbildung aufzufassen ist, geht 
daraus hervor, daß auch schoi^. im ersten Bande Angaben über das 
besondere Gebiet der Philosophie auftreten (1, 97, 980). Die andere 
Auffassung von der Bestimmung der Philosophie, die ihre sirejig 
begriffliche Arbeitsmethode zurücktreten läßt, ja ganz unterdrückt, 
und wonach diese „das Wesen der Welt unabhängig vom Satze vom 
Grunde" darzustellen hat, läßt sich nichtsdestoweniger an vielen 
Stellen des erweiterten Systems nachweisen. In den Vorlesungen 
bezeichnet er als Hauptproblem der Philosophie die Frage: „Was 
ist die Welt außerdem, daß sie meine Vorstellung ist?" (D 9, 20), 
und definiert in der Dianoiologie die Metaphysik als die Erkenntnis 
des inneren Wesens an sich des Daseins und der Dinge. Ja, an manchen 
Stellen des zweiten Bandes von 1844 spricht er offen aus, daß die 
Philoso])hie „nicht ohne weiteres der Betrachtung, die der Satz vom 
Grunde heischt", nachgeht (II 140), ja, sie soll (180) über die Möglich- 
keit der Erfahrung, also über die Natur oder die gegebene Erscheinurg 
der Dinge „hinausfliegen", um Aufschluß zu erteilen über das, „was 
hinter der Natur steckt und sie möglich macht". Sie gibt keine 
„physische, sondern eine metaphysische Erklärung", welche den 
„Schlüssel zu allen ihren (sei. der physischen) Voraussetzungen liefert, 
eben deshalb aber auch einen ganz andern Weg einschlagen nnißte" 
(II 192 0, 197 m, 204 u, 339 o). Der ganze Gegensatz ist gewisser- 
maßen nur das Schattenbild des weit grelleren Widerspruchs in den 
Bestimnmngen über die Erkennbarkeit des Dings an sich, der weiter 
unten klar zu legen sein wird; je nachdem, ob Schopenhauer diese 
für möglich hält oder nicht, gewinnt auch die letztere Bestimmung 
der Philosophie die Oberhand über die erstgenannte. Tatsächlich 
hat er beide Aufgaben der Philosophie in seinem Systeme verwirk- 
licht, und die angeführten Bemerkungen entstammen nur dem zwie- 
spältigen, wenn auch unbewußten Eindruck, mit dem seine philo- 
sophische Tätigkeit auf ihn zurückwirkte. 

Es ist mmmehr das Verhalten Schopenhauers zu den manchmal 
tiefgreifenden Einwänden gegen die Begründung und Ausführung 
seiner Willensmetaphysik zu untersuchen. Da findet sich zunächst 
die Lehre vom unmittelbaren Objekt im ersten Band an den ent- 
sprechenden Stellen (13, 22) beibehalten und im zweiten, sowie in 
den übrigen Schriften, merkwürdig konsequent weiterentwickelt 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopeiüi. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 15 

In den Vorlesungen tauchen Bemerkungen auf, die gegen Herbart 
gemünzt zu sein scheinen, da er die vorstelhingsmäßige Natur des 
Leibes mehr in den Vordergrund schiebt: „Der Leib ist selbst Objeki 
unter den Objekten, ist dem rein erkennenden Subjekt eine Vor- 
stellung wie jede andere" (D 9, 29, 3S). Ebenso erklärt er p. 162 vom 
Körper: ,,Uns ist er hier die erste Vorstellung, und zwar nicht ein- 
mal er selbst als Objekt, sondern nur seine Affektionen." Im Zu- 
sammenhang damit betont er wiederholt, daß das einzig Unmittelbare 
die Sinnesempfindungen seien. So sagt er in der Dianoiologie, daß 
,,jede Empfindung, Einwirkung auf unseren Leib, die empfunden 
wird, sich zunächst und unmittelbar bloß auf unseren Willen bezieht, 
nicht auf irgend eine Erkenntnis, daß sie nämlich als angenehm oder 
unangenehm empfunden und wahrgenommen wird. Von der Emp- 
findung selbst sagt er (D 9, 163): „Sie ist etwas, das eben, weil es das 
erste und unmittelbare ist, sich nicht weiter beschreiben läßt". Auch 
im zweiten Bande lassen sich solche Stellen auffinden: „AVir nehmen 
ganz unmittelbar die Dinge selbst wahr, obwohl es gewiß ist, daß 
das Unmittelbare nur die Empfindung sein kann" (26), und: „Was 
man als Beispiele von einfachen Begriffen* ) anzuführen pflegt, sind . . . 
bloße Sinnesempfindungen, wie etwa die einer bestimmten Farbe" (691 
In der zweiten Auflage der Dissertation bleiben gleichfalls die Emp- 
findungen als das allein Unmittelbare bestehen und der Leib wird 
dann ursächlich als Objekt erschlossen, wozu Schopenhauer jetzt 
gezwungen ist, da er die 12-Zahl seiner Kategorien aus der ersten Auf- 
lage der Dissertation auf die Kausalität allein i'eduziert hat, so daß 
die Synthese des Objekts von dieser allein geleistet werden muß. 
Doch alle diese Bemerkungen kann man nicht auf die Herbartschen 
Bedenken zurückführen, da Schopenhauer schon in der ersten Auf- 
lage seines Hauptwerkes dieser Meinung nicht fern stand ulid die Lehre 
von der Einfachheit und der alleinigen Unmittelbarkeit der Emp- 
findungen der ersten Auflage seiner Farbenlehre durchaus immanent 
ist. Daß überhaupt die Polemik Herbarts in diesem Punkte ein Kampf 
gegen Windmühlenflügel ist, soll weiter unten nachgewiesen werden. 
Auch die Einwände beider Kritiker gegen die Identität von 
Willensakt und Leibesbewegung hat Schopenhauer anbekümmert 



*) sei. solche, die unauflösbar sind, nie Subjekt eines analytischen 
Urteils sein können. 

Archiv für Geschichte der Philosophie. XXX. 1. 2 



16 Erpelt, 

Übersehen. Nach wie vor erklärt er: „Diesen einzigen Fall, wo es 
uns gestattet ist, von den Vorgängen in der realen Welt mehr zu 
wissen, als in der Vorstellung liegt, müssen wir festhalten und ihn 
benutzen zur Erklärung des Wesens an sich bei andern Vorgängen 
und Erscheinungen, mithin sagen, daß diese bei allen Erscheinungen 
der Art nach dasselbe sein muß mit dem, was wir selbst als Wille 
erkennen" (D 9, 33, Anm.). Er hat demnach an der Deutung „der 
einzigen uns intim bekannten Erscheinung, welche deshalb durch- 
gängig unser Urphänomen bleibt" (II 378) nichts geändert; er erldärt 
wiederum (II 280), daß „in diesen (sei. den einzelnen Aktionen von 
Wille und Leib), was im Selbstbewußtsein als unmittelbarer wirk- 
licher AViUensakt erkannt wird, äußerlich als Bewegung des Leibes 
darstellt", und schärft uns (281) ein: ,,Sie sind eben unmittelbar 
identisch und ihre scheinbare Verschiedenheit entsteht allein daraus, 
daß hier das Eine und Selbe in zwei verschiedenen Erkenntnisweisen, 
der inneren und äußeren, wahrgenommen wird." Er weist die gegne- 
rischen Argumente scharf ab: ,, Keineswegs erkennen wir den eigent- 
lichen unmittelbaren Willensakt als ein von der Aktion unseres Leibes 
Verschiedenes und beide als durch das Band der Kausalität verknüpft . 
sondern beide sind eins und unteilbar. Zwischen ihnen ist keine 
Sukzession. ... Sie sind eins und dasselbe, auf doppelte Weise wahr- 
genommen ... (II 41, 42). Schopenhauer verrät auch einige Zeilen 
vorher, wo ihm diese Meinung entgegengetreten sei: Zwar nicht bei 
Herbart und Beneke, wohl aber bei — Maine de Biran! Die starre 
Beibehaltung der Lehre sowie die Erwähnung dieses Namens an einer 
Stelle, wo Herbarts Name mit Notwendigkeit hätte genannt werden 
müssen, macht es unwahrscheinlich, daß Schopenhauer gerade von 
Herbart zu einer neuen gedanklichen Durcharbeitung dieses seines 
Lehrsatzes angeregt wurde. Andererseits gibt es zwei Anzeichen, 
die dafür sprechen: Herbart wandte sich bekanntlich besonders 
scharf gegen die Meinung Schopenhauers, daß der bloße Nachweis, 
nicht Beweis genüge. Nun sagt Schopenhauer im Stammtext seiner 
Vorlesungen (D 9, 36) : 

„Ich werde die Identität des Willens mit dem Leibe, die bisher nur 
vorläufig dargestellt ist, nun noch gründlicher dartun. Nun bemerke ich zu- 
förderst, daß diese Identität eben nur- nachgewiesen, d. h. aus dem unmittel- 
baren Bewußtsein, aus der Erkenntnis in concreto zum Wissen der Vernunft 
erhoben, in die Erkenntnis in abstracto übertragen werden kann. Hingegen 
kann sie ihrer Natur nach niemals bewiesen, d. h. als mittelbare Erkemitnis 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 17 

von einer anderen unmittelbaren abgeleitet werden, eben, weil sie selbst die 
unmittelbarste Erkenntnis ist." 

Und in einer später eingefügten Anmerkung zu dem schon ge- 
druckten Handexemplar der ersten Auflage seines Werkes spricht er 
geradezu aus: ,,Aber wenn einer keine andere Evidenz gelten lassen 
will als die der Beweise aus Begriffen, so ist er freilich gut verschanzt. 
Der Beweis aus Begriffen ist nur die Nachweisung, daß man in dem, 
was man schon dachte und ^mßte, das zu Beweisende schon mit- 
gedacht und mit gewußt war: Denn in der Conclusio darf nicht mehr 
liegen als in den Prämissen. Wie soll man eine neue Einsicht auf 
diese Ar.t beweisen?" (D 10, 32). Der Inhalt dieser Bemerkung, ver- 
bunden mit der Art und zeitlichen Entstehung ihres Fundortes gibt 
hier eine große Wahrscheinlichkeit, daß dieser Satz gegen Herbart 
gerichtet ^\alrde. Mit derselben Wahrscheinlichkeit stellt eine andere 
Bemerkung zu derselben Seite seines gedruckten Handexemplars 
gerade eine Abweisung Benekes dar. Beneke hatte ja besonders 
scharf an dem Verhältnis von Ursache und Wirkung festgehalten. 
Nun sagt Schopenhauer a. g. 0.: ,, Sobald wir etwas unmittelbar 
wollen, sehen wir den Leib sofort die gewollte Bewegung iriachen. 
Weiter ist uns nichts bewußt: Nun anzunehmen, daß unser Wollen 
und die Bewegung des Leibes zwe i verschiedene Dinge sind, zwischen 
denen ein Kausalverhältnis obwaltet, wie wir solches aus der äußeren 
Erfahrung kennen, ist eine ganz aus der Luft gegriffene, durch gar 
nichts begründete Annahme: Vielmehr ist das unmittelbar Gegebene 
dies, daß unser Wollen und die Bewegung des Leibes eins sei." Hier 
haben wir eine Nachwirkung, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf 
die Rezensionen zurückzuführen ist. Sie enthält aber nicht das kleinste 
Entgegenkommen, stellt vielmehr eine glatte Abweisung dar. 

Bei den nunmehr sich anschließenden, von Herbart allein vor- 
gel)rachten Bedenken könnte man sich versucht fühlen, eine Nach- 
wirkung zu konstatieren: Die Identität des ganzen Leibes mit dem 
Willen ist ausführlich nachgewiesen in der „Objektivation des Willens 
im tierischen Organismus". „Zunächst werden wir diese Identität 
des Leibes mit dem Willen inne in den einzelnen Aktionen beider" 
(II 280). Aber auch die physiologische Bedeutung des Blutes gibt 
schlagende Beweise dafür ab (286 — 289), ebenso die Existenz der 
nicht abzuleugnenden ,,vis naturae .medicatrix" (295)! Daneben 
finden sich noch einige. spezielle Belege (300). Nochmals aber kommt 

9* 



18 Erpelt, 

Schopenhauer darauf zurück in seinem Kapitel „Leben der Gattuii<>", 
wo er aus der Natur des Sperma als der „Quintessenz aller Säfte" 
erschließt, „daß der Leib . . . der Wille seihst unter der Form der 
Vorstellung ist" {bS9). Schon die i\.llgemeinheit der neuen Lehren 
bietet keinen sicheren Anhalt, und die Berücksichtigung, die Schopen- 
hauer diesem Punkte im Stammtext seiner Vorlesungen widerfahren 
läßt, führt vollends zu einem negativen Ergebnis: Xachdem er 'ii 
einer vorläufigen Besprechung die Lmigkeit der Verbindung zwischen 
AVille und Leib nicht nur an seinem Urphänomen, sondern auch c,n 
dem umgekehrten Prozeß der Schmerzhaftigkeit ül)ernormaler Sinnes- 
reize, endlich an den körperlichen Begleiterscheinungen der Affekte 
(Schreck, Zorn, Gram, Freude) dargetan hat (D 10, 34/36), widmet 
er das ganze fünfte Kapitel der endgültigen Erhärtung dieser Wahr- 
heit. Sein Hauptargument ist dabei neben der Erwägung, daß der 
Leib schon deshalb mit dem Willen identisch sein muß, weil er son;x 
als fremdes und zufälliges Element die Erscheinung des Willens be- 
einflussen, ja verhindern würde, „die vollkommene Angemessenheit 
des menschlichen und tierischen Leibes überhaupt zum menschlichen 
und tierischen Willen überhaupt". Dabei entfaltet er allen Glanz 
seines in der damaligen Zeit bei einem Philosophen so seltenen natur- 
wissenschaftlichen Wissens (D 10, 18 — 54). 

Der Mangel, den Herbart in dem Fehlen einer vollständige}! 
Widerlegung des Solipsismus fand, ist zwar auch im zweiten Bancle 
nicht ausgeglichen, wohl aber ist durch mancherlei Gründe die liloß 
vorstellungsmäßige Natur alles Seienden als unwahrscheinlich d;;r- 
getan. Zu dem Argument, daß die Welt in einem solchen Falle ,,wie 
ein wesenloser Traum oder ein gespensterhafres Luftgebilde an uns 
vorüberziehen müßte, nicht unsere Beachtung wert'", das im ersten 
Bande (118) und in den Vorlesungen beibehalten ist (D 10, 27), ge- 
sellt sich noch das Vorhandensein von qualitates occultae im Bereiche 
der anorganischen Natur, die „Unergründlichkeit der höchsten Pro- 
duktionen der Natur" (II 217) und bei dem Menschen ,,sein uner- 
gründlicher, bei aller Erklärung seiner Taten aus Motiven- voraus- 
gesetzter Charakter". Eine solche Unergründlichkeit widerspricht 
ja der bloß vorstellungsmäßigen Beschaffenheit entschieden. Alle 
diese Punkte finden sich aber schon in den Vorlesungen eingehend 
erörtert. Hier faßt er seine Meinung über die Naturkräfte gelegentlich 
einer Auseinandersetzung über Aitiologie in die Worte (D 10, 24. 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 19 

93/94): „Wir leben zwischen lauter Rätseln, Masken, verhüllten Ge- 
stalten", und urteilt im Zusammenhang seiner ausführlichen Aus- 
einandersetzung über empirischen und intelligiblen Charakter: ,, Dabei- 
ist mein Wollen nie seinem ganzen Wesen nach aus Motiven zu er- 
klären" (D 10, 47). In den Vorlesungen ist endlich eine neue Art 
der Widerlegung des Solipsismus vorhanden; sie besteht in einer 
geschichtlichen Bemerkung, die die Lebensunfähigkeit dieser An- 
sicht durch das baldige Aussterben dieser Sekte dartut. Diese nach- 
trägliche Eintragung ist mit gleicher Handschrift und Tinte wie der 
Stammtext geschrieben, also wohl zur selben Zeit wie dieser ent- 
standen, so daß ^tich Schopenhauer auch hiev von sich aus zur Be- 
schäftigung mit der Geschichte des Solipsismus angetrieben fühlte. 
Man steht also auch hier vor der Unmöglichkeit, die Ausführlichkeit 
der neuen Begründung auf Herl)artschen Einfluß zurückzuführen. 
Die geringe Differenzierung der neuen Ausführungen nach den Ge- 
sichtspunkten der Rezensionen bildet die Hauptschranke. 

Auch auf die Aufschließung des Kernes der Erseheinungswelt mit 
Hilfe des Analogieschlusses hat Schopenhauer nicht verzichtet, weder 
tatsächlicl . wie die unverändert beibehaltene Willensmetaphysik an 
den einschlägigen Stellen des ersten Bandes beweist, noch prinzipiell, 
wie die Stelle II 309 zeigt: Es ist unmöglich, daß ,,wir auf dem rein 
objektiven Wege zum Inneren der Dinge gelangen. . . Hingegen auf 
dem su])iektiven Wege ist das Innere uns jeden Augenblick zugäng- 
lich: Da finden wir es als den Willen zunächst in uns selbst und 
müssen, am Leitfaden der Analogie mit unserem eigenen Wesen, die 
übrigen enträtseln können"' Den weitausholenden iVusführunsfen 
Benekes aber, deren Quintessenz darin besteht, daß die Analogie nur 
soweit sich durchführen lasse, als die Einfühlung unseres Seelen- 
lebens in fremde Objekte möglich sei, scheint er zustimmend gegen- 
überzustehen, wenn er sagt (II 335): ,,So ist hingegen die Zurück- 
führung der Ivi'äfte der unorganischen Natur auf dieselbe Grundlage 
(sei. des AVillens) in dem Maße seltener, als die Entfernung dieser 
von unserem eigenen Wesen größer ist." Diese Maxime scheint aber 
nur ein augenblicklicher Anflug von Mäßigung zu sein, da er sie tat- 
sächlich unbekümmert beiseite schiebt: Bei dem Beispiel eines seine 
Gleichgewichtslage erst nach langem Hin- und Herrollen findenden 
Körpers, wo Schopenhauer in sinnender Betrachtung die allgemeine 
Naturkraft „als die Seele eines sehr kurzen Quasilebens" empfindet 



20 Erpelt, 

(II 339), wird man ihm diese Zurückfiihriing zwar noch zugestehen; 
dagegen würde die anf die Spitze getriebene Hineindeiitung seelischer 
Eigenschaften in lebhjse Körper, wenn er ,,die elastischen Körper 
als die mutigeren betrachtet, welche den Feind zurückzutreiben 
suchen oder wenigstens ihm die weitere Verfolgung benehmen", 
Herbart veranlassen, die „Leichtfertigkeit des Analogieschlusses" 
noch intensiver zu empfinden nnd noch dringender vor ihr zu warnen. 
Die diesbezüglichen Ausführungen im zweiten Bande der Vorlesungen 
endlich sind so gehalten, als ob Schopenhauer die Einwände Benekes 
schon vorausgeahnt hätte. Zunächst betont es äußerst stark, daß 
alles Seiende nur zwei Seiten habe, Wille nnd Vorstellung, und daß 
wir infolge des tertium non datur alles als Wille anerkennen müssen 
(D 10, 41): ,, Welche andere Realität sollten wir nun noch der übrigen 
Realität beilegen? Wenn wir nicht sie für bloße Vorstellung er- 
klären wollen, so müssen wir sagen, daß sie außer aller Vorstellung, 
also an sich, Wille sei: Wir können nicht anders und sind schon aus 
Mangel an allen andern Begriffen dazu gezwungen." Ebenso sagt 
ein Zusatz zu dem Handexemplar der ersten Auflage, den er allerdings 
in den zweiten Band nicht aufnahm, da er diesen Punkt dort nicht 
betonte: „Denn alle Realität für uns hat nur jene zwei Elemente, 
und der Mangel anderweitiger Begriffe läßt uns keine Wahl." Auf 
diesen logischen Zwang legt er an verschiedenen Stellen das Haupt- 
gewicht und nur als Ergänzungsmittel zu dieser abstrakten Erkennt- 
nis fordert er dann zu einer anschaulichen Erfassung und intuitiven 
Ahnung allerdings um so stärker auf: ,, Vergegenwärtigen Sie sich, 
so lebendig Sie können, die Ivi'äfte der anorganischen Natur in der 
ganzen Stärke und Heftigkeit ihrer Äußerungen" (D 10, 87). Schopen- 
hauer bietet dann seinen Hörern die Gewalt und Ewigkeit des AVirkens 
von Schwerkraft, Magnetismus, der Kohäsionskraft bei der Iviistall- 
bildung. der chemischen Affinitäten in wenigen anschaulichen Bildern 
leicht übersichtlich dar und fährt fort: ,, Nachgewiesen habe ich es, 
soweit es sich nachweisen läßt . . Andemonstrieren kann ich's Ilinen 
weiter nicht, Sie müssen es unmittelbar erfassen: Denn hier werden 
nicht Urteile aus Urteilen abgeleitet, nicht bloß Begriffe hin und her 
geworfen . . . Den Übergang von der Vorstellung zum Ding an sich 
müssen Sie zuletzt selbst machen. . . . Diese lebendige Anschauung 
ist allein die wahre Erkenntnis (87)." Er hat diese Erkenntnis aber 
auch durcli Anordnung und durch die Ausgleichung der Übergänge 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. v. ihre Aufnahme. 21 

l)esonders erleichtert. Er konnte mit Recht sagen: „(Ich) halie Sie 
stufenweise von einer Erscheinung zur andern geführt," immer „ab- 
wärts" und dem „Leitfaden der Natur" (81) folgend, wozu er durch 
seine Vorbildung besonders befähigt war; so benutzt er zum Beispiel 
die Zoophyten, um die Ivluft zwischen Tier und Pflanze zu ül)er- 
brücken: Wenn man die Naturgeschichte der Zoophyten studiert 
und dort erkennt, wie ganz allmählich das Tierleben in Pflanzen- 
leben übergeht, wird man aufs deutlichste einsehen, wie das innere 
Wesen der Pflanze dasselbe ist wie das des Tieres, nämlich der 
Wille . . . (81). Um den Übergang zum Anorganischen zu erleichtern, 
scheidet er die Begriffe Wille und Leben voneinander, um nicht mit 
der berechtigten Meinung, daß die Materie unlielebt sei, in Konflikt 
zu geraten. Hätte sich endlich Schopenhauer im Analogieschluß als 
solchen angegriffen gefühlt, so würde er nicht versäumt haben, die 
noch merkwürdiger anmutende Hineindeutung von Erkenntnis 
in die anorganische Natur, die er in den Arbeiten von drei her- 
vorragenden Gelehrten, Kepler, Bacon und Leibniz fand (D 10, 42), 
zu seiner Verteidigung zu benutzen. 

Den Idaffenden Riß im Schopenhauerschen System, den die 
Erkennbarkeit des Dings an sich darstellt, hatte Herbart aus- 
drücklich und Beneke durch seine Einwände gegen die Freiheit 
des Willens von den Formen der Erscheinungswelt mittelbar her- 
vorgehoben, und Schopenhauer hat ihn durch zalüreiche Aus- 
führungen, Beschönigungen und Ivlarlegungen wenigstens zu ver- 
decken gesucht, wobei er selbst in eine zwiespältige Stimmung 
verfallen ist. Denn in seinem ersten Bande ist die vorherrschende 
Ansicht von der Möglichkeit einer absolut unmittelbaren Auffassung 
des Dinges an sich geblieben (37, 41, 123, 131, 193, 597, 599), wäh- 
rend im zweiten Bande ausschließlich ein im Sinne der Kiitik ein- 
geschränkter Standpunkt angenommen ist, wie vor allem das diesem 
Gegenstand gewidmete 18. Kapitel zeigt. Er stempelt dort den Willen 
zum Gegenstand der ,, inneren Wahrnehnumg", behauptet aber (220 o), 
daß diese „noch keineswegs eine erschöpfende und adäquate Kenntnis 
des Dings an sich liefert" und erläutert dies weiter unten: 

„. . . auch in der inneren Erkeimtnis findet noch ein Unterschied statt 
zwischen dem Sein an sich, ihres Objekts und der Wahrnehmung desselben 
im erkennenden 8ubjekt". ,, Jedoch ist die innere Erkenntnis von zwei Formen 
frei, welche der äußcicn anhängen, nämlich von der des Raumes und von der 



22 Erpelt, 

alle Sinnesanschaiiungen vermittelnden Form der Ka isalität. Hingegen 
bleibt noch die Form der Zeit, wie auch die des Erkanntwerdens und Er- 
kemiens überhaupt." 

Eine ausführliche Wiederhohiiig findet sich im zweiten Bande 
]t. 221 m, 366, und in diesem Sinne sind auch gehalten die Stellen 
p. 41, 203 m, 279, 280. Dieser modifizierte Standpunkt ist weiterhin 
(325 o'estützt durch die sekundäre, schattenhafte Natur des In- 
tellekts überhaupt: Er gesteht ihm nur zu (327), 

,,auf einem Umwege mittelst der weit verfolgten Reflexion und durch 
künstliche Verknüpfung der nach außen gerichteten objektiven Erkenntnis 
mit den Datis des Selbstbewußtseins zu einem gewissen Verständnis der Welt 
und des Wesens der Dinge 7A\ gelangen." 

Ja, Schopenhauer tut Äußerungen, in denen er die Erkennbar- 
keit des Dings an sich radikal verneint: Der Wille ,,ist an 
sich weder Vorstellendes noch Vorgestelltes, sondern von seiner 
Erscheinungsweise völ'ig verschieden (1120), und auch: ,,Nur 
die noi'male Gehirnerkenntnis ist mitteilbar"' (II 207 i). Er ge- 
steht zu, daß ,,w^o das Wesen an sich der Dinge anfängt, das Er- 
kennen wegfällt, und alle Erkenntnis schon grimdwesenthch bloB auf 
Erscheinungen geht''. Es versucht zwar noch, durch einen Macht- 
spruch den ganzen Gegensatz aus seinem System herauszuscluiffen, 
indem er (11 304) dekretiert: „Die Beihilfe des Intellekts haben wir 
wegzudenken, wenn wir das Wesen des Willens an sich selbst er- 
fassen . . .", findet sich aber endlich resigniert damit ab, in seiner 
Willensmetaphysik nur eine ,, fragmentarische Darstellung'" zu liefern, 
,,da die angeschnittenen Probleme" mit den Funktionen des In- 
tellekts ,, nicht eigentlich zu erfassen seien" (II 367 f). Daß ihn die 
Sicherstellung des Dings an sich so intensiv beschäftigte, ist haupt- 
sächlich daraus zu erklären, daß er darin selbst ,,den eigentümlichsten 
1111(1 wichtigsten Schritt" seiner Philosophie, „nämlich den von Kant 
als unmöglich aufgegebenen Übergang von der Erscheinung zum 
Ding a;n sich" erkannt hat (II 213) und sie für sein Hauptverdienst 
hält. Ob er aber diese Erkenntnis schon zur Zeit der ersten Abfassung 
seines Hauptwerkes besaß, so daß es nicht erst des Anstoßes der 
Kritiken bedurfte, seine Aufmerksamkeit gerade auf diesen Punkt 
zu richten, ist nach dem von den zweiten Bande von 1844 darge- 
botenen Hilfsnn'tteln ungewiß. Dafür scheint seine stolze Bemer- 
kung auf ]). 597 dei' ersten Baiules uiul seiner rühmend Hinweis „auf 



Herbarts ii. Beiiekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 23 

den «anz anderen Weg, den wir gegangen sind", zu sprechen, mit 
dem er die Darstellung der von Kant in diesem Punkte begannenen 
Inkonsequenz beschließt. Dagegen aber die Tatsache, daß erst im 
Ergänzungsbande des Hauptwerks eine ausführliche, wenn auch, wie 
gezeigt, zwiespältige Stellungnahme zur Erkennbarkeit des Dinges 
an sich stattfindet. 

Hier entscheiden nun die Vorlesungen die ganze Frage, da sie, 
in diesen Teilen noch vor Kenntnisnahme der Rezensionen entworfen, 
doch schon den eingeschränkten Standpunkt dartun. Schon hier 
lehrt Schopenhauer (D 10, 36): „Endlich ist die Erkenntnis meines 
Willens, so unmittelbar sie auch ist, doch nicht zu trennen von der 
meines Leibes: Ich erkenne meinen Willen nicht im ganzen, nicht 
als Einheit, nicht vollkommen, seinem Wesen nach; sondern ich er- 
kenne ihn allein in seinen einzelnen Akten; also in der Zeit, welche 
die Form der Erscheinung meines Leibes, wie jedes Objekts, ist'^, 
und l)ehauptet auch späterhin: 

„Es tritt der Wille nicht ganz und in seiner Gesamtheit in die Erkenntnis, 
sondern nur in einzelnen Willensakten, also in der Sukzession, die die Form 
der Zeit mit sich bringt. Erst das Denken ist es, das auf C4rund der Idealität 
der Zeit alle .Sukzession wegfallen läßt und zur Konzeption des Willens als 
Ding an sich kommt: Durch die unmittelbarste Selbsterkenntnis, in der 
Subjekt und Objek*^ zusammenfallen, und gar keine Form zwischen beide tritt, 
offenbart sich uns, daß das, was äußerlich als Alrtion des Leibes erscheint, 
an sich Wille ist, Akt des WoUens. In jedem Akt des Leibes zeigt sich also 
der Wille als das Wesen an sich, davon die Aktien des Leibes die Erscliei- 
nung. Da nun aber das gesamte Wollen nicht anders sich darstellt. Is in 
einer Reihe solcher Willensakte,, also in einer Sukzession von Veränderungen, 
diese aber durch die Zeit bedingt ist, so müssen wir, weim wir den Willen 
als Ding an sich erkennen wollen, auch alles von ihm abziehen, was durch 
die Zeit bedingt ist, also alle Sukzession, Veränderung, kurz, das Zerfallen 
in eine Reihe von Erkemitnisakten. W^ir müssen folglich den Willen eines 
jeden Menschen als Ding an sich denken als außer der Zeit, folglich als 
etwas Unveränderliches, dessen Erscheinung jedoch sich darstellt als eine 
Reihe von Willensakten. (D 10, 43/4.) 

In der Erkcnntnislehre des ersten Bandes der Vorlesungen 
in der Schopenhauer seinen Apriorismus auseinandersetzt, ist end- 
lich gar kein Raum für den AVillen als unmittelbar adäquat er- 
kanntes Ding an sicli (D 9, 467): Ich bin nämlich noch einen SchriU 
weiter gegangen als Kant, indem ich auch schon das bloße Objekt- 
sein, das Vorgcstelltwerden, der Erscheinung zuerkenne und dei]i 



24 Erpelt, 

])ing an sich abspreche. Weiter: „Außerdem könnte jenes Ding an 
sich überhaupt nicht Ol^jekt sein, da solches immer nur als Vor- 
stellung des Subjekts vorhanden ist." Die Gemütsbewegungen, das 
Hauptmaterial für die Konzeption seines Willens, werden noch von 
der Zeit verhüllt (D 9, 136, 141). Nur in der abseits stehenden Schrift 
des Exordium tritt aus jener Zeit der Wille als unmittelbar Erkanntes 
auf, und dort ist das innere Wesen der Dinge „eben nichts anderes 
als jenes durch die unmittelbarste Selbsterkenntnis genau Bekannte 
und sehr Vertraute, was wir in uns den Willen nennen" (D 9, 70) 
AI) und zu findet sich dann noch „die vollkommen adäquate Er- 
kenntnis des Willens" im ethischen Teil der Vorlesungen (D 10, 419). 

In dem grundlegenden Punkte der Erkennbarkeit des Dinges 
an sich ist also, wie die angeführten Momente nachweisen, die Wand- 
lung des Standpunktes ohne äußeren Anstoß aus der inneren geistigen 
Entwicldung Schopenhauers erfolgt. Dies wird erhärtet durch die 
Tatsache, daß diese Entwicklung noch weiter geht: Der alternde 
Schopenhauer neigt immer mehr zu einer Absonderung einer besonders 
uuerkonubaren Sphäre des Willens: Es ist der Teil des Dinges an 
sich, der über den Willen des einzelnen Menschen, zu dem ihn der oben 
dargestellte incuitive Prozeß führte, und den er später als Idee be- 
zeichnet (154), hinausliegt, oder auch außerhalb aller Relationen zur 
Erscheinungswelt steht (Br 205 u, 210 u, 211 m, 456). 

Wenden wir uns nun zu den Ausstellungen gegen die Magie des 
Willens, mit denen Herbart die lü-itik des zweiten Buches schließt, 
so finden wir zwar die Benennung der damit gemeinten Nichtigkeit 
der Individuenzahl für den Willen als Ding an sich verschwunden, 
die Lehre als solche aber unverändert beibehalten (I 512). Schopen- 
hauer muß dies tun, solange er daran festhält, daß das principium 
iudividuationis gebildet wird durch Raum und Zeit, also Formen 
unseres Erkennens, die für das Wesen des Dings an sich bedeutungslos 
sind: Der Wille ist einer „nicht wie das Individuum, noch wie ein 
Begriff, sondern wie das, dem die Bedingung der Möglichkeit der 
Vielheit fremd ist. Demnach haben wir von dieser nur eine negative 
P^rkenntnis. Jede positive Vorstellung, die wir uns davon zu machen 
suchen, ist falsch" (D 10, 104). Demgemäß versichert er uns im 
zweiten Bande an unzähligen Stellen, daß die Vielheit für den Willen 
als Ding an sich bedeutungslos sei. Endlich unterstützt er diese Lehre 
(lurcli rückhaltlose Versenkungen in das Treiben der natura naturans, 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 2o 

in denen er das ganze Reich der Natur und der Schöpfungen vor seinem 
geistigen Auge vorbeifliegen läßt, „sich von der Erkenntnisform der 
Zeit frei macht", sie ge\visser maßen sub specie aeternitatis betrachtet 
(so etwa D 10, 85/7). Eine weitere großartige Ausgestaltung findet 
dann diese seine Lehre noch in dem Kapitel vom Leben der Gattung 
seines zweiten Bandes. Aber er muß bei diesen beachtenswerten 
Leistungen poetischen Tiefsinns bekennen, daß er als wissenschaft- 
licher Denker zu diesem Problem nichts sagen könne, da es zu den 
transzendenten gehöre. 

iVn der Schopenhauerschen Ästhetik hatte Beneke die Unbe- 
stimmtheit in den Grundlagen gerügt, indem er eine genaue Fassung 
des Begriffes Idee vermißte. Li diesem Punkte hat Schopenhauer 
sein System bedeutend vervollständigt, aber wohl hauptsächlich aus 
eigenem Antriebe, da er sich schon zu der Zeit seiner früheren i)hilo- 
sophischen Produktion darüber klar war. welche Schwierigkeiten 
dieser Lehre anhafteten (I 207 u). In der ersten Fassung seines Haupt- 
werkes war das Wesen der Idee meistens durch die stereotype Formel 
von der ., adäquaten Obiektivation des Willens auf einer bestimmten 
Stufe" gekennzeichnet, aber schon gegen den Begriff unterschieden 
worden (I § 49). Im zweiten Bande findet sich nun eine tiefergehende 
Aufdeckung ihrer Eigenart und eine weitergetriebene Unterscheidung 
von ähnlichen in Frage kommenden Objekten. Die Ideen sind ,,die 
beharrenden, unwandelbaren, von der zeitlichen Existenz der Einzel- 
wesen unabhängigen Gestalten, die species rerum (II 416) .oder auch 
die permanenten Formen der Natur (II 401). Die Idee ist nicht „das 
Wesen des Dings an sich, selbst" wohl aber der eigentliche Charakter 
des Dings als „das Resultat der Summe aller Relationen'" (II 410 
D 10, 179). Sie repräsentiert für eine Vielheit gleichartiger Dinge 
„das Wesen ihrer ganzen Gattung (II 331), kurzum, sie ist identisch 
mit den universalia ante rem der Scholastiker, denen „ein objektives, 
reales Sein beigelegt werden kann" (II 418). Dies ist auch der funda- 
mentalste Unterschied von dem nur im Bewußtsein existierenden 
Begriff. Die Gegensätze beider werden nochmals betont (II 155, 466), 
aber auch ihre Ähnlichkeiten hervorgehoben (11 418). Die species, die 
nach der schon, angeführten Bemerkung mit den Ideen selbst identisch 
waren, unterscheiden sich nach anderen Ausführungen von. ihn.en 
dadurch, daß sie das „in der Zeit auseinandergezogene AVesen der 
Idee ab1)il(lcn und Gegenstand der normalen, empirischen Erkenntnis" 



26 Erpelt, 

siiicl (II 554, 584).) Man muß Schopenhauer zugestehen, durch diese 
Auslassungen den Begriff Idee, soweit es überhaupt möglich ist, auf- 
gehellt zu haben. Beneke aber kann noch nicht einmal das Verdienst 
für sich in Anspruch nehmen, eine schon vorhandene Anregung weiter 
verstärkt zu haben. Zum Beweise dieser Behauptung geben uns 
wieder die Vorlesungen das Material an die Hand: Die Ideen sind 
schon hier gegen Verwechslung mit allen möglichen ähnlichen Denk- 
gegenständen durch genaue Unterscheidungen geschützt. Zunächst 
findet sich (DIO, 100) eine Erklärung der verschiedenen Bedeu- 
tungen, in denen das W'ort Idee gebraucht wird. An vielen Stellen 
wird das Wesen der Idee genau auseinandergesetzt, ganz im platonisch - 
schematischen Sinne als Musterbild (107. Kapitel 2 des dritten Buches). 
Endlich tiitt hier eine Vergleich ung der Ideenlehre Piatons mit der 
Ding-an-sich-Lehre Kants auf (188), und das Kapitel 15 faßt das 
Verhältnis der Idee zum Begriff in folgender Gegenüberstellung: 

Der Begriff ist abstrakt, diskursiv, innerhalb seiner Sphäre völlig unbe- 
stimmt, nur ihrer Grenze nach bestimmt, jedem, der nur Vernunft hat, er- 
reichbar und faßlich, durch Worte ohne fernere Vermittlung mitteilbar, durch 
seine Definition genau zu erschöpfen. Die Idee dagegen, allenfalls als adä- 
quater Repräsentant des Begriffes zu definieren, ist durchaus anschaulich, 
und, oljwohl eine unendliche Menge einzelner Dinge vertretend, dermoch 
durchgängig bestimmt. Vom Individuo als solchem wird sie nie erkannt, 
sondern nur von dem, der sich von allem Wollen und aller Individualität 
losgemacht hat und sonach reines Subjekt des Erkennens geworden ist. Daher 
ist sie nur dem Genie erreichbar, sodann dem, der durch eine Erhöiiung seiner 
< Geisteskräfte in einer genialen Stimmung ist." 

Somit erweist sich auch hier wieder die völlige Erfolglosigkeit 
Benekes. Es wird vielmehr neben Piaton selbst ein anderer kon- 
genialer Geist gewesen sein, dessen Anregung die Ideenlehre schon 
in dieser Zeit zu einer solchen Entfaltung gebracht hat U)\d der seine 
gleichartigen, natiupliilosophischen. Anschauungen durch einen reichen 
persönlichen Verkehi- auf Schopenhauer übertrug : Goethe. 

.Dieses negative Urteil wird weiter verstärkt durch die Tatsache, 
daß auch die kritischen Ausführungen Benekes über ein objektives 
Kritciiiim dei' Schönheit, die Schopenhauer die Augen über seine 
Inkonsequenzen hätten öffnen müssen, in der Hauptsache ohne Wir- 
kung vorübergegan.gen sind. Nach wie vor besteht für Schoi)enhauer 
die Schönheit eines Dinges in ,, dessen, die Erkenntnis seiner Idee er- 
leichternden Beschaffenheit- '• (I 323, II 423). Über die Rolle, die 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 2 ( 

die Form des Dinges dabei spielt, sind die Schopenhauerschen Ai - 
sichten trotz des langen Zeitraumes in allen Werken dieselben ge- 
blieben, auf jeden Fall noch dazu unvereinigt. In seiner Kunst- 
lehre entwickelt sich die Form immer mehr und mehr 
zu einem gleichberechtigten Prinzip, und zwar ist diese 
Entwicklung von Stufe zu Stufe gleichmäßig in allen 
seinen größeren Werken zu verfolgen. Im Werke von 1818 
ist die Form zunächst bloß Vermittelndes (I 323), wenn auch ihre 
,, Bedeutsamkeit und Deutlichkeit" (I 237) stark in den Vordergrund 
üeschoben wird; in der Architektur tritt sie dann neben der unmittel- 
I)aren Zweckmäßigkeit jedes Gliedes zum Bestände des Ganzen als 
gleichberechtigtes Prinzip auf (I 254), wenn auch Schopenhauer ihren 
Wert in bewußter Weise herunterzudrücken versucht, und wird dann 
bei der Erklärung der menschlichen Schönheit allein ausschlaggel3end 
— ,, Menschliche Schönheit drückt sich aus durch die Form" — (525), 
ja sogar selbständig: ,,Die adäquate Objektivation des WiUens durch 
eine bloß räumliche Erscheinung ist Schönheit im objcktiv;m Sinn." 
Daneben hat , .jedes Ding seine eigentümliche Schönheit" (I 248). 
Diese Stellen des ersten Bandes sind in seiner zweiten Auflage ge- 
blieben und im zweiten Bande wie auch in den Vorlesungen ist die- 
selbe Verschiebung zu verfolgen. Auch hier wird die Form, die ihre 
Selbständigkeit als ästhetisches Prinzip bei der Ai-chitektur unliebsam 
bemerkl)ar gemacht hat, einer ausdrücklichen Zurückweisung ge- 
würdigt. So erläutert Schopenhauer (D 10, 265) an dem Beispiel 
zweier aus Stein und Holz in denselben Formverhältnissen herge- 
stellter Gebäude und ihrer verschiedenen ästhetischen Wirkungen: 
,,Dies alles wäre unerklärlich, wenn, wie man bisher annahm, das, 
was durch die Baukunst zu uns redet und worauf es also ankommt, 
bloß Ordnung, Form, Symmetrie wäre", und bekräftigt im zweiten 
Bande von 1844 (472): ,;Auch in der Architektur also sind sie nur 
sekundären Ursprungs und haben eine untergeordnete Bedeutung.'' 
„Sie helfen nur dann aus, wo der Kampf zwischen Starrheit und 
Schwere, das Hauptthema der Architektur, die Formen nicht völlig 
bestimmt" (D 10, 267). Gleichzeitig handhabt Schopenhauer d? s 
Zweckmäßigkeitsprinzip, um die geschmackvollste Form einer Säule 
zu analysieren (II 470). Auffällig aber ist die rückhaltlose Aner- 
kennung einer „besonderen, unabhängigen und für sich gehenden 
Schönheit", weh-he hervorgebracht wird durch die bloße Harmonie 



28 Erpelt, 

der Faiijeii, die AVohlgefälligkeit der Gruppierung (11 481). Eine 
solche findet sich nach D 10, 305 in den Hören von Poussin, dem 
Genius des Ruhms von Hannibal Carragio, der Nacht von Corregio. 
Dies sind „sehr schöne Bilder; aber das ist ganz davon zu 
trennen, daß sie Allegorien sind". Auch auf andern Gebieten kommt 
eine für sich gehende Schönheit zutage (D 10, 300): ,, Diese hinzu- 
kommende Schöidieit ist in der Malerei das, was in der Poesie die 
Diktion, das Metrum, der Reim. Beide sind das, was zuerst und 
ganz unmittelbar auf uns wirkt." Auch wird die Form wieder 
völlig selbständig bei der menscMichen Schönheit: ,, Menschliche 
Schönheit ist ein objektiver Ausdruck . . ., die Idee des Menschen 
lil)erhaupt vollständig ausgedrückt in der angeschauten Form" (D 10) 
286). Für unseren Iffitischen Zweck wäre die im zweiten Bande plötz- 
lich auftauchende Anerkennung der für sich gehenden Schönheit von 
Bedeutung, ihr Vorhandensein in den Vorlesungen aber jiimmt ihr 
diese. 

Auch die Lehre von der Willensfreiheit, die beiden Rezensentcii 
Anlaß zu kritischen Ausstellungen gab, ist in der ersten Fassung 
beibehalten. Die an charakteristischer Eigenart reiche Freiheits- 
lehre konnte auch in der Form, wie sie im Bande der ersten 
Auflage und seiner Reproduktion in der zweiten gleiclilautend 
ent\\nckelt ist, keine Änderung mehr ertragen, ohne die ki'assesten 
Widersprüche zu liefern. Die in Frage kommenden Äußerungen im 
zweiten Bande gehen mit den schon vorhandenen Entwicklungen 
konform: So steht die ,, Ursprünglichkeit und Unveränderlichkeit 
des angeborenen Charakters" noch immer „als Tatsache fest" (II 687) ! 
Während des Lebens ist der Wille des Menschen ohne Freiheit: ,,Anf 
der Basis seines unveränderlichen Charakters geht sein Handeln, an 
der Kette der Motive, mit Notwendigkeit fort" (11 582). Nach wie 
vor ist die Willensrichtung des Individuums gegeben durch jenen 
außerhalb der Zeit liegenden, geheimnisvollen, unteilbaren Akt, der 
sich in dunkler metaphysischer Tiefe vollzieht und gegen dessen 
Mystizismus Beneke vergeblich ankämpfte, als er darauf hinwies, daß 
das sittliche Handeln nur in der raumzeitlichen und körperlichen 
p]xistenz des Individuums, gewissermaßen am hellen Tageslicht, seine 
AVirksamkeit besitze. Mit der Beibehaltung dieses Dogmas bleuet 
zugleich der Herbartsche Einwand unbeachtet, daß im Grunde ge- 
nommen der Freiheitsbegriff des Spinoza, nicht der Kantsche vor- 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 29 

liege. In der Tat kommt die „absolute Freiheit nur dem Ding an 
sich zu, dieses ist aber gerade der Wille" (11 607). Die Äußerung der 
Freiheit dieses Willens ist „nicht unmittelbar das Wirken, sondern 
zunächst das Dasein und Wesen der Dinge" (II 364). Es findet sich 
aber eine eigenartige Entwicklung, in der Schopenhauer auseinander- 
setzt, daß der Vorwurf des „Fatalismus", wie er den Neuspinozisten 
anhafte, auf sein System nicht mit Recht angewandt werden könne, 
da er als erster das zwischen der Möglichkeit einer willkürlichen 
Erschaffung der Welt von selten eines außerhalb derselben befind- 
lichen, unabhängigen, höchsten Wesens, und ihres Bestehens aus nicht 
weiter erklärbarer Notwendigkeit liegende tertium aufgestellt habe, 
nämlich, daß der WiUensakt, aus dem die Welt entspringe, unser 
eigener sei. Als Beispiel eines Philosophen, den ein solcher Fatalismus 
von den in Frage kommenden Systemen abgeschreckt habe, erwähnt 
er — Jacobi! (II 742). Von Herbart, der vor allen Dingen mit dieser 
besonderen begrifflichen Anordnung seines Systems hätte zum Schwei- 
gen gebracht werden können, ist keine Rede. Deshalb kann es auch 
nicht mit Sicherheit entschieden werden, ob der im „Exordium über 
Vortrag und Methode" (D 9, 71) vorliegende Versuch Schopenhauers, 
sein Svstem vom Verdachte des Spinozismus fern zu halten*), der dem 
Zeitpunkte nach von Herbart inspiriert sein könnte, wirklich auf den- 
selben zurückzuführen ist. Zumal, da sich auch aus den Vorlesungen, 
von deren drei letzten Teilen es feststeht, daß Schopenhauer sie zu 
einer Zeit verfaßte, wo er die Rezensionen noch nicht kannte, einige 
gute Beispiele für die Selbstbewegung des Schopenhauerschen Denkens 
auf ethischem Gebiete anführen, die man sonst wohl als Wirkung' 
der Kritiken auffassen würde. Es erfährt nämlich die Lehre von der 
Konstanz des Charakters folgende Milderung (D 10, 136): „Allein 
diese Bestimmung erstreckt sich nur auf das Wesentliche des so 
erscheinenden Lebenslaufes, nicht auf das Unwesentliche desselben." 
Zudem führt Schopenhauer in seiner Lehre vom erworbenen Charakter, 
der „möglichst vollkommenen Kenntnis der eigenen Individualität" 



*) Ich muß zur dargelegten Metaphysik gleich die Ethik fügen, um so 
mehr als sonst zu besorgen wäre, daß jene Metaphysik der Natur Sie zu einem 
trostlosen und unmoralischen Spinozismus verleiten körmte, daß Sie sich 
der wichtigsten aller Erscheinungen des Lebens, der großen ethischen Bedeut- 
samkeit des Handelns, verschließen und zur verstockten Ableugnung der- 
selben geführt werden könnten." 



30 Erpelt, 

(D 10, 415), eine neue Größe ein, die geeignet ist, der inneren Ent- 
wicklung des Menschen gerecht zu werden. Endlich vollzieht sich 
die Einführung des intelligiblen Charakters in den Vorlesungen so, 
daß man so viele freie Willen annehmen könnte, als Individuen voi- 
handen sind (D 10, Kapitel 5). 

Auch die Bedeutung der Selbstverneinung des Willens im Schopei-- 
hauerschen System ist nicht im geringsten eingeschränkt. Das 48. Ka- 
pitel des zweiten Bandes dient dazu, diesen ,, Gipfelpunkt des Sy- 
stems-", wo es mit ,, einer Ts^gation endigt" (II 703}, durch die Zeug- 
nisse der Mystiker, denen er jetzt das Wort tiberlassen muß, positiv 
abzuschließen, und ., nichts kann übei'raschender sein als die Überein- 
stimmung der jene Lehren vortragenden Schriftsteller nebeneinander, 
bei der allergrößten Verschiedenheit ihrer Zeitalter, Länder und Reli- 
gionen, begleitet von der felsenfesten Sicherheit und innigen Zuvei- 
sicht, mit der sie den Bestand ihrer inneren Erfahrungen vortragen'" 
(II 1704). Die Wucht dieses historisch-empirischen Beweises und die 
gleichartigen Dokumente seines Innenlebens, mochten sie auch nur 
in der Form der Sehnsucht auftreten, machten ihn blind gegen den 
offen zutage liegenden AViderspruch, in dem die Möglichkeit der 
Selbstverneinung zu der Konstanz des moralischen Charakters steht. 
Die Lösung, die er später Becker und Frauenstädt gab, daß dies« 
Konstanz nur der Erscheinung des sich bejahenden Willens anhänge, 
der ganze Willensakt immer noch die Möglichkeit habe, sich unab- 
liängig davon zu entscheiden (Br 92 f), ist in seinem Hauptwerke 
nur in keimhaften Anfängen zu finden, insofern, als die Individualität 
„dem Willen nur in seiner Bejahung inhäriere" (II 700). Auf den 
angeführten Fundamenten fußend, erklärt er zwar beschönigend, aber 
in der Hauptsache unerschüttert, daß die Freiheit des Willens aller- 
dings nur an dieser einzigen Stelle das von der Kausalität streng ge- 
flochtene i\'etz der Erscheinungen zerreiße. Die Selbstverneinung 
ist und bleibt das Ziel der ganzen Weltentwicklung (II 656), und dies 
leitet uns über zu der Rolle, die das Werden in der Schopenhauerscheii 
Philosophie spielt. 

Daß sich Schopenhauer über den darauf bezüglichen Herbari- 
schen Einwand weder der Grundtendenz, die darin bcotand, ihn 
überhaupt auf das Vorhandensein eines Werdens in seinem System 
aufmerksam zu machen, noch weniger aber in bezug auf die Einzel- 
heiten klar geworden ist, geht aus der Existenz von Dunkelheiten 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aiifnahme. 31 

und AVidersprücheu zur Genüge hervor. Der Versuch, sich über die 
in beiden Fällen gerügten Punkte Kechenschaft zu geben, hätte ihm 
die Augen öffnen müssen. K^ur daraus, daß dies nicht geschehen ist, 
erklärt sich die Unbefangenheit, mit der Schopenhauer an den fol- 
genden Problemen vorübergeht. Man überlege: Der Wille an sich 
ist unerschaffen und frei, besitzt Aseität, ist ein Herrscher von eigenen 
Gnaden. Die AVeit der Erscheinungen steht erst da in dem ersten 
Auge, das sich öffnete, und .,habe es einem Insekt angehört" (135 
D 10, 492). Damit ist überhaupt erst die Möglichkeit von Vorstel- 
lungen der Einzeldinge und der Ideen gegeben (vgl. D 10, 142,7); 
unter den letzteren aber hatte schon vorher ein Kampf getobt (D 10, 
136/9), in dem jede der andern die Materie zu entreißen suchte (II 614), 
eine Materie, die ,,nur für den Verstand, durch den Verstand, im 
Verstände" ist (I 13), also erst mit der Wirksamkeit des Intellekts 
entsteht, der seinerseits wieder eine „rüstige und wohlgemute" Steige- 
rung des Willens voraussetzt. W^o ist hier der Anfang? Der Kampf 
der Ideen ist sehr spannend: Die Willensobjektivationen niedrigerer 
Stufe sind als ,, aufgehobene Momente" in der Idee höherer Stufe 
enthalten (I 172 f.); das Ergebnis dieses Kampfes ist keineswegs 
,,ein durch das vereinigte Wirken dieser Ivi'äfte zufäüig hervorge- 
Ijrachtes Phänomen, sondern ist eine höhere Idee, welche durch über- 
wältigende Assimilation jene niedrigeren sich unterworfen hat". Die 
^'atur setzt ihre ganzen Kräfte ein, daß ihr keine einzige Idee ver- 
loren gehe (II 401). Dies hlftdert aljer nicht, daß es für diese auch 
ein Versch^^'inden aus der Erscheinung gibt (II 417, 552, 534 u), 
ebenso wie für jede Idee auch wieder ein Zeitpunkt des Eingehens 
in die Körperlichkeit existiert (I 519); die Ideen stehen also durch- 
gängig unter der Herrschaft der Zeit. Auf der letzten und höchsten 
Stufe der Objekt ivationen aber steht der Mensch: „Die Idee des 
Menschen durfte, um in der gehörigen Bedeutung zu erscheinen, nicht 
allein und abgerissen sich darstellen, sondern sie mußte begleitet 
sein von der Stufenfolge abwärts, durch alle Gestaltungen der Tiere, 
durch das Pflanzenreich, bis zum Unorganischen" (D 2, 148). Auf 
dieser letzten Stufe aber kommt der Wille zur Besinnung und ,,hier 
nun fängt die Sache an, ihm bedenklich zu werden, die Frage drängt 
sich ihm auf, woher und wozu dies alles sei, und hauptsächlich, ob 
die Mühe und Xot seines Lebens und Strebens wohl durch den Ge- 
winn belohnt werde?" (II 656). Die Selbstverneinung bildet dann 

Archiv tür Geschichte der Philosophie. XXX, 1. 3 



32 Erpelt, 

nicht nur den Gipfelpunkt des Scliopenhauerschen Systems, sondern 
auch des in ihm enthaltenen Entwicklungsganges. Die ganze „Schöp- 
fungsgeschichte" (ausführlich dargestellt D 10, 130/47) wird dann noch 
mit dem Charakter der Xotwendigkeit ausgestattet: „Jedoch finden 
wir diese innere, aus dem Willen selbst entspringende Notwendigkeit 
der Stufenfolge seiner Erscheinungen im Ganzen der Erscheinung 
selbst, auch ausgedrückt durch eine äußere Notwendigkeit, ein«? 
physische, nämlich die, daß vermöge welcher der Mensch zu seiner 
Erhaltung der Tiere bedarf, diese stufenweise eines andern, dann auch 
der Pflanzen. Diese wieder bedürfen des Bodens, des Wassers, der 
chemischen Elemente und ihrer Mischung, der Naturkräfte, des 
Planeten, der Sonne, der Rotation und des Umlaufs um die Sonne, 
der Schiefe der Ekliptik und so fort" (D 2, 149). Die von Herbart 
aufgewiesene Selbstwiderlegung Schopenhauers findet also auch noch 
bei der späteren Fassung seiner Lehre statt: denn er hält auch jetzt 
noch daran fest, daß sich der Lehre „von irgend einem Werden mittels 
des Weltprozesses die Einsicht a priori entgegenstellt", daß „bis zu 
jedem gegebenen Zeitpunkt bereits eine Unendlichkeit abgelaufen ii-t" 
(II 205). Neben diesen tatsächlichen Verhältnissen haben wir noch 
den bündigsten Beweis dafür, daß sich Schopenhauer über diesen 
Punkt der Herbartschen Ivritik keine Skrupel machte, in der an Un- 
befangenheit und Naivität nicht zu übertreffenden Äußerung an 
Becker: „Ich habe nie die Geschichte des Dings an sich, wie es außer 
der Zeit sein mag, geschrieben. SondeiTi nur die des in der Zeit sich 
objektivierenden Seins an sich, wo es als Wille zum Leben auftritt •• 
(Br 101). Im Zusammenhang damit ist es auch als organische Ent- 
wicklung des philosophischen Systems aus sich selbst heraus aufzu- 
fassen, wenn Schopenhauer schon in den Vorlesungen auf die Herbart- 
sche Frage eingeht, wie der Wille dazu komme, sich in die Ideen und 
später in die Einzeldinge zu zersplittern. Daß diese Frage für sein 
System berechtigt ist, gibt Schopenhauer indirekt zu (D 10, 169): 

„Es ist daher Unbesonnenheit, ja Unverstand, wenn in öchellings Schriften 
noch bisweilen gefragt wird: Was ist Ursach der Schwere, der Elektrizität? 
Xiir etwa, wenn man dargetan hätte, daß Schwere und Elektrizität (die im 
Schopenhauerschen System Ideen sind) nicht ursprüngliche Xaturki-äfte 
wären, sondern nur Erscheinungsweisen einer schon bekannten Xatm-kraft 
(diese ist doch der Wille bei Schopenhauer), da ließe sich fragen nach der 
Ursache, welche macht, daß diese Naturkraft hier die Erscheinung der Schwere,, 
der Elektrizität hervorbringe" (D 10, 169). 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Haup'tw. u. ihre Aufnahme. HB 

Die Antwort Schopenhauers, die das ganze Problem für sein 
System als illusorisch erklärt, liegt in folgender Stelle: 

,,Es kömite also etwa folgende Frage von Ihnen aiifgeworfen werden: 
Jeder Wille ist ^Yille nach etwas, hat ein Objekt, ein Ziel seines Wollens; 
was will er denn zuletzt, oder was will jener Wille, der uns als das Wesen an 
sieh der Welt dargestellt wird? So kami man nur fragen, solange man noch 
nicht das Ding an sich deutlich getrennt hat von der Erscheinung. Auf die 
Erscheinung allein, nicht auf das Ding an sich erstreckt sich der Satz vom 
Grund, auf welchen alles Warum wozu, woher beruht, und dessen Gestaltung 
auch das Gesetz der Motivation ist. Überall läßt sich nur von Erscheinungen 
als solchen, von einzelnen Dingen ein Grund angeben, nie vom Willen selbst, 
noch von einer Idee, welche seine adäquate Objektivation ist" (D 10, 1690). 

Auch hinsichtlich seines Pessimismus steht seine Philosophie 
immer noch unter dem IJrucke des: ,,Wir sollen elend sein, und wir 
sind's" (II 663). Die Lektüre von Kapitel 45 und 46 des zweiten 
Bandes, die von der Bejahung des AViUens zum Leben und der Nichtig- 
keit und dem Leiden des Lebens handeln, hinterläßt den Eindruck 
.der vollständigsten, mit überlegener intellektueller Kraft durch- 
geführten ,, Abrechnung" mit Welt und Leben und einer durch das 
Fehlen jeder Entwicldungsmöglichkeit nur noch verschärften Ver- 
dammung beider. Die Fundamente dieser Lehre sind namentlich 
verstärkt hinsichtlich der Charakteristik des Generationsaktes (§ 45) 
und der exakten Widerlegung des Leibnizschen Optimismus (II 668). 
Auch der gewissenmaßen experimentelle Beweis, daß Dante den Stoff 
zu seiner Hölle aus dieser AVeit genommen habe, entstammt den 
si)äteren Bemühungen Schopenhauers um größere Festigung seines 
Pessimismus, da dieses Argument in der ersten Auflage fehlt. Die 
Gründung des Pessimismus auf die feineren geistigen Verhältnisse 
findet sich schon in den Grundzügen, wenn auch in der Ausführuni^- 
karg und stichwortartig gehalten, in den Vorlesungen (D 10, 439 f.) 
Auch findet sich in diesen schon eine Abweisung der Errettung vom 
Pessimismus des menschlichen Daseins, die Herbart von einer Besse- 
rung der sozialen Verhältnisse erwartet hatte (D 10, 520/1): ,,Es 
ließe sich denken, daß ein vollkommener Staat oder auch ein voll- 
kommen fest geglaubtes Dogma von Belohnungen und Strafen jen- 
seits des Todes jedes Verbrechen verhinderte. Dadurch wäre positiv 
sehr viel gewonnen, ethisch aber gar nichts: Vielmehr wäre nun die 
Abbildung des Willens durch das Leben gehemmt". — (.Diese Stelle 
ist auch dadurch merkwürdig, daß in ihr die Selbstverneinung die 

3* 



34 Erpelt, 

Rolle des sunimuiii l)omiin si)ic4t.) — Xoch weiter ausholend erlcäuterl 
er DIO, 488: 

„Da im Staat nicht nur jeder geschützt ist gegen Kränkungen seines 
Rechts dui'ch andere, sondern auch Verteilung der Gewerbe, die im Staat 
nun vereinigten Menschenkräfte die übrige Xatur mehr und mehr dienstbar 
machen und die vereinten Kräfte für alle den Nutzen befördern, den jeder 
einzelne sich nicht beschaffen könnte, so würden, wenn der »Staat seinen Zweck 
vollkommen erreichte, nach und nach alle Übelstände weggeschafft werden 
inid so allmählich ein gemeinsames Wohlsein zustande kommen, das sich 
in etwas dem Schlaraffenlande näherte. Allein, teils ist der Staat noch immer 
weit hinter diesem Zweck zurückgeblieben, teils gibt es noch immer unzähligr 
Übel, die dem Leben durchaus wesentlich sind, und die es stets im Leiden er- 
halten; und würden sie auch wirklich weggeschafft, so ist immer noch die 
Langeweile da, welche jede von anderen Übeln verlassene Stelle sogleich 
zu adoptieren bereit ist. Endlich kann auch selbst den Zwist der Lidi- 
viduen der Staat nie ganz haben: Denn, wenn er auch im großen verpönt ist, 
so neckt er doch noch im kleinen. Und nun zuletzt, wenn auch die Eris aus 
dem Inneren glücklich vertrieben ist, kommt sie von Außen wieder: Als 
Streit der Lidividuen durch die Staatseinrichtungen verbannt, kommt sie 
von außen als Krieg der Völker wieder und fordert nun im großen und mit 
einem male als angehäufte Schuld die blutigen Opfer ein, welche man ihr durch 
■ kluge Vorkehrungen entzogen hatte." 

Man sieht, Schopenhauer war hinreichend gepanzert:, die Herbari- 
schen Vorwürfe an sich a})prallen zu lassen. 

Gleichfalls ergebnislos verlief die Aufsuchung von Umwand- 
lungen Schopenhauerscher Ansichten in denjenigen Punkten seiner 
Kritik Kants, bei denen die Rezensenten gegenteilige Auoichten. 
geltend gemacht hatten. Seine Polemik gegen den Kantischen Begriff 
der reinen Vernunft ist mit belanglosen Änderungen geblieben (1 610 f. ); 
daß er dieselbe durchaus nicht missen will, zeigen mannigfaltige, im 
ganzen Buch verstreute Hinweise auf dieselbe (I 100). Wenn er auch 
die Benekeschen Erläuterungen nicht nötig hatte, um den eigent- 
lichen Sinn des Kantischen Begriffs der reinen Vernunft zu erfassen. 
wie seine Auseinandersetzungen im Werke von 1818 zeigen (I 619». 
so will er darunter immer nur das vernünftige Handeln verstanden 
wissen (D 10, 236, 404). Seine eigene Definition des praktischen 
Handelns (T 102) bekräftigt er nochmals im zweiten Band (613): Jn 
dem „Maße, wie der Mensch dieses Vorrecht (sei. des Besitzes von 
Begriffen, sein Handeln zu leiten) geltend macht, ist sein Handdn 
vernünftig zu nennen, nicht im Kantischen. ..." 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnalime. H5 

Ebenso richtet er immer noch an jeden, der die Verehrung Kants 
mit ihm teile, die Aufforderung, den ,, ungeheuren Widerspruch, der 
(hirch die ganze transzendentale Logik geht und die eigentliche Quelle 
der Dunkelheit ist, die sie umhüllt", auszugleichen (I 521). Der 
Herbaitsche Vorschlag zur Beseitigung hat ihn also nicht befriedigt. 
Desgleichen nennt er, wenn er für sein Dogma von der traumartigen 
Beschaffenheit der Sinnenwelt Autoritäten anführt, wiederholt Kant 
und Piaton in einem Atem, während Herbart in Hinsicht auf die 
Begründung eine strenge Scheidung zwischen beiden Philosophen 
i;emacht sehen wollte (I 9, 322 u). Ja sogar die Stelle, wo Schopen- 
hauer selbst schon l)ei der ersten Abfassung seines "Werkes auf den 
Unterschied beider Philosophen in der Begründung dieser Lehre ein- 
gegangen war (I 4% f.), und den er dahin charakterisierte, daß Kant 
diese Lehre „auf eine völlig neue und originelle Weise" ausdrückte 
und sie ,, mittels der ruhigsten und nüchternsten Darstellung zur 
erwiesenen und unstreitigsten AVahrheit" machte, während Plalo 
seine Behauptung bloß ,,auf eine allgemeine i\nschauung der Welt"" 
gründete und ihn als ,, unmittelbaren Ausdruck des Bewußtseins" 
vorl)rachte, ist Wort für Wort dieselbe geblieben und zeigt nicht 
den geringsten Anklang an die Herbartschen Ideen. 

Dagegen scheint es, als ob zwei andere Punkte der Herbartschen 
Kritik Schopenhauer zu denken gegeben haben könnten. Dieser geht 
nämlich auf die Herkunft des Materiellen und damit — nach Herbart- 
scher Meinung — auf den Grundfehler der Kantischen Lehre ein 
(D 9, 162): ,,Wie kommt nun aber in elieses bloß Formale, in dieses 
ein- für allemal gesetzmäßig Bestimmte das Materielle, der Stoff, 
aie Erfahrung in dieser bestimmten Einzelheit und Konkretheit? 
Er gibt zur Antwort: ,,Die reine Anschauung muß die Grundlage 
der empirischen sei-i, sie ist deren erste Bedingung Dann muß als 
Anlaß die Anregung der Sinnesorgane, d. i. die Empfindung hinzu- 
kommef. Diese gibt die Materie der Anschauung, den bestimmter, 
individuellen, empirischen Stoff. Aber zur Anschauung wird dieser 
erst durch die Form . . . Der eigentliche Kernpunkt der Herbart- 
schen Entgegnung ist aber doch verkannt. Diese ging bekanntlich 
dahin, daß wir einen Hinweis auf die Realität, die Selbständigkeit 
und damit auf die nicht vorstellungsmäßige Beschaffenheit des Ob- 
jekts daran haben, daß es von den apriorischen Formen eine ganz 
bestimmte Kombination und davon jede Komponente in l)estimmtem 



o6 Erpelt, 



(rrade zur AVirksamkeit veranlaßt. Diesen Punkt streift Schopen- 
hauer einmal bedenklich bei seiner Eaumlehre (D 9, 168): „Bei keinem 
Sinn aber kommt die bloße Empfindung der Anschauung so entgegen 
als beim Sehen, gibt so reiche Data, Data, die unmittelbar auf 
räumliche Bestimmung der äußeren Ursache leiten, 
wiewohl sie diese nicht schon enthalten." Aber diese durch die Selb- 
ständigkeit des Objekts veranlaßte flüchtige Bemerkung ist nur ver- 
einzelt und verschwindet gegenüber dem Bestreben Schopenhauers, 
die Apriorität des Raumes um jeden Preis zu retten vor der Möglich- 
keit des Ursprungs aus Empfindungen: ,,Der Raum wird weder 
gesehen noch getastet, sondern er wird intellektuell angeschaut, 
(1. h. er ist die ursprüngliche Form eine Intellekts, dessen 01)jekt 
eine anschauliche Welt ist." Herbart hatte weiter auf die Ausbildung 
und Erlernbarkeit der Raumvorstellung hingewiesen, um auch auf 
diese Weise die Apriorität abzuweisen und die vom Objekt abzuleitende 
Herkunft des Raumes stärker zu betonen. Xach Schopenhauer läßt 
sich nun nicht die Raunivorstellung selbst vervollkonmmen, sondern 
nur die Fertigkeit der Anwendung apriorischer Formen auf die „äußeren 
Anlässe" (D 9, 191): 

,,Das Kind in den ersten Wochen seines Lebens empfindet mit allen Sinnen: 
Aber es schaut nicht an, es apprehendiert nicht. Daher starrt es dumm in 
die Welt hinein. Es muß erst die Apprehension, die Anwendung seines Ver- 
standes erlernen wie die Sprache. Dies geschieht allmählich Es fängt 

also an, den Verstand brauchen zu lernen, das auch ihm vor aller Erfahrung 
bewußte Gesetz der Kausalität anzuwenden mid es mit den ebenso a priori 
gegebenen Formen aller Erkenntnis, Zeit und Raum, zu verbinden." 

Beide Stellen, die dem zeitlichen Auftauchen nach von Herbart 
eingegeben sein könnten, enthalten nicht die geringste Konzession. 
Von der ersteren ist es infolge Verkennens des eigentlichen Zielpunktes 
der Herbartschen Ausstellungen überhaupt zweifelhaft, ob sie wirldich 
auf Anregung der Rezension erfolgt ist. 

Fassen wir die Ergebnisse zu einem Schlußurteile zusammen. 
so steht ganz zweifelsohne fest, daß von einem echt wissenschaftlichen 
Verhalten Schopenhauers, das vor allem eine tiefgehende Analyse 
der Iviitiken und eine wohldurchdachte Stellungnahme in dem einen 
oder anderen Sinne zu den zutage geförderten Ergebnissen erfordert 
hätte, nicht gesprochen werden kann. Eine solche Behauptung wäre 
eine Utopie! Hat man doch nicht einmal die ^Möglichkeit, aus den 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenb, Hauptw. u. ihre Aufnahme. 37 

Verschiebungen seiner Meinungen und Lehren mit einiger Sicherheit 
abzuleiten, daß Schopenhauer die beiden Ki'itiken überhaupt ge- 
kannt hat. An einigen Stellen — seinen historischen Bemerkungen 
zum Idealismus, den Ausführungen über die Identität von Willens- 
akt und Leibesbewegung, sowie den Verdacht des Spinozismus, den 
Ansichten über das Materiale der Anschauung und die Ausbildung 
der Raumvorstellung — schienen sich zwar Hinweise darauf be- 
merkbar zu machen, aber es ließen sich auch stets Momente aufweisen, 
die im besten Falle nur von einer gewissen "Wahrscheinlichkeit zu 
reden erlaubten. An keiner Stelle hat Schopenhauer Konzessionen 
an seine Gegner gemacht. Dort, wo solche vorzuliegen schienen, bei 
der Erkennbarkeit des Willens, gelang immer der Nachweis, daß er 
von sich selbst aus zu einem eingeschränkteren Standpunkt gelangt 
war. Faßt man dazu noch die große Anzahl und Schwere der nega- 
tiven Momente ■ — so beim Apriorismus, dem Zweck der Philosophie, 
dem Analogieschluß, der Ideenlehre, der Selbstverneinung und der 
Lehre vom Werden — zu einem Gesamteindrucke zusammen, so 
kommt man zu der Überzeugung, daß Schopenhauer über die I{jitiken 
Hcrbarts und Benekes hinweggesehen hat. 

(Schluß folgt.) 



IL 

Die Lehre vom Logos bei Plotinos. 

Von 
Scliulrat Dr. H. F. Müller, Blankenburg am Harz. 

Das bekannte Buch von Max Heinze „Die Lehre vom Lo^ds 
in der griechischen Philosophie" trägt zwar ein Motto aus Plotinos 
an der Stirn: «(>//} orr /070c x«t :xärTa Xoyoq (Eun. III 2, 15), 
behandelt aber seine Lehre nur anhangsweise und ohne sonderliches 
Interesse. Der Verfasser hielt das für berechtigt, weil gerade die 
Lehre vom Logos bei Plotin an vielen Unklarheiten und Wider- 
sprüchen leide und weil auch die Erörterung einer großen Zahl von 
Stellen nichts Neues ergeben hätte. Ol) Heinze eine solche Unter- 
suchung angestellt hat, weiß ich nicht. Ich will sie hier durchführen 
und das Ergebnis vorlegen. 

Was ist eigentUch das Wort, /o/o^-? Plotin kommt darauf zu 
sprechen gelegentlich der Kritik der aristotelischen Kategorienlehre. 
Aristoteles hatte y.ar. 4 b 20 behauptet, das Wort sc. o .«tr« ffcorfig 
/.öyoQ sei offenbar ein Jtoöör, da es durch Länge und. Kürze der 
Silben gemessen werde. Dagegen Plotin Eun. VI 1, 5: Das gesprochene 
oder tönende Wort wird freilich gemessen, uiul insofern ist es ein 
Quantum; aber das Wort als solches ist kein Quantam. sein Wesen 
besteht darin, als ovona und o////« etwas zu bezeichnen, Sinn und 
Verstand zu haben, wie auch Ai'istoteles ji8qI tQfi. 16 a 27 und b 26 
erklärt. Und selbst rein physiologisch betrachtet, als der aus dem 
Munde gehende Stoß in die Luft (jt/a;///), der die Luft formende f]in- 
druck [tvjicoölq iiOQqovoa) ist das Wort nichts Quantitatives, son- 
dern vielmehr eine Tätigkeit, eine jToh](UJ: örji/fo'Tiy.// (xara avr- 
ih'/xijv Ar.), die Luft kommt nur als Substrat in Betracht, von dem 
größeren oder geringeren Quantum der geformten Luft hängt die 



Die Lehre vom Logos bei Plotinos. 39 

Bezeichnung und Bedeutung nicht ab. Wie hier gebraucht Biotin 
(fcovij und '/i.öyoa auch VI 4, 12. 15 in Verbindungen wie /o/oc Iv 
rfi ffon'i], rf,o)rrid^t\^ y-öyoq, (jfwiv} Xo'/or örj^/airovoa im Unter- 
schiede von der bloßen rjytj und srh/y/j. x\hnlich VI 3, 19: Ein x\us- 
druck wie ov Xtv/Mv ist, wenn man nicht innerhalb des Farben- 
ringes bleibt, lediglich eine (fortj // woiia fj /o/oc, wobei unter- 
schieden wird einerseits (fcov// als y.h^i/oh ric, anderseits oroiia 
// Xoyoa als :x{)öz ti y.aiho 6?jfacvTix(c. 

Auf demselben Wege liegt /.oyog = AVort, Satz, Kede. 1 6, 9 
g. E.: Das überweltliche Gute hat das Schöne als Hülle vor sich, 
ojots 0Ä0ö'/_tQti fdr Äoycp to rrQvnor y,a/Mv. VI 4, 15: Eine auf- 
geregte Volksversammlung bringt das verständige "Wort eines be- 
sonnenen Mannes zur Ruhe; hört sie nicht auf den äroi&^er /.6yog. 
so ist es des Volkes Verderben. III 2, 17: Der Dichter schreibt den 
Schauspielern die passenden Worte, ihre Reden und Handlungen vor. 

Von hier 'st nur ein Schritt zu Äoyog = ratio, argumentum, 
ratiocinatio; vernünftige Überlegung, Beweisführung, Darstellung einer 
Ansicht oder Lehre, sei es der eigenen oder sei es einer fremden. So 
gleich I 1, 2. 5. 12. I 2, 1. 2 und in vielen andern Kapiteln aller sechs 
Enneaden. Die Worte III 6, 1 o ?.6yog ijiilv xal t6 ßovXfjfuc könnte 
man übersetzen: ,,Wir von unserem Standpunkt aus sind gesonnen." 
Dahin gehören auch die /.oyoi t/]q cfiXoooffiag, rF/q ducXsy.Tixfjg 
13, 1. 3: Beweisgrüude. wie sie die Bhilosophie und deren wert- 
vollster Teil, die Dialektik, an die Hand gibt. Einmal stehen fivfhn 
und Xoyoc, mythische und begriffliche Darstellung einander gegen- 
über III 5, 10. 

Im Vorbeigehen erwähnen wir, daß Biotin auch den Mr/oc 
Ivdiäd^troQ und :xQOffOQiyMc kennt, aber davon nicht den Gebrauch 
macht wie die Stoiker und Bhilon, bei denen er ein Lehrbegriff des 
Systems ist. Die reine Tugend, wird I 2, 3 ausgeführt, eignet allein 
der denkenden Seele. Aber das Denken der Seele ist ein anderes als 
das des ihr übergeordneten Geistes {vovq). ,,Denn wie der ausge- 
sprochene Logos ein Nachbild des in der Seele befindlichen ist, so 
auch der in der Seele ein Nachbild des in einem andern befindlichen. 
Wie nun der im diskursiven Denken herausgesetzte Logos zu dem 
in der Seele sich verhält, so auch der in der Seele, als Dolmetscher 
jenes, zu dem höheren vor ihm." Die Seele, heißt es V 1, 3, sei dy.f'>r 
TIC vor' oior /o'/oc o Iv .rnoffofxl. /j'tyoc rar iv tl^r'/fj, ot'rro toi 



40 H. F. Müller, 

y.cd avrtj Xoyoq poc. Ebenda Kap. 6 werden wir ermahnt, Gott 
anzurufen nicht mit lautem Worte {^.oyo) yr/ojvo}), sondern indem 
wir uns mit der Seele strecken zum Gebet. Plotin entfernt sich im 
Grunde nicht von dem Sprachgebrauch des Aristoteles, der Anal, 
post. 76 b 24 unterschieden hatte zwischen dem töco oder Iv rfj 
^pvyjj und dem t^co Xoyog: es ist das Verhältnis von ratio und oratio. 

Nun erst kommen wir zu der Lehre vom Logos im engeren Sinne. 
Sie nimmt in der Philosophie des Plotin einen so breiten Raum ein, 
daß sie nicht kurzerhand abgetan werden kann. 

yloyog ist zunächst Begriff in rein logischem Betracht, wie am 
besten aus II A, 14 erhellen wird. Dem Plotin genügt die Behauptimg 
des Ai-istoteles, die v?.rj sei ortQfiOig, nicht. Es nuiß, sagt er, unter- 
sucht werden, ob die Materie Beraubung ist oder ob die Beraubung 
an ihr ist. „Die Meinung nun (o zolvvv )Jyojv Xoyog), wonach beide 
dem Substrat nach eins, dem Begriff nach zwei sind (Xoyo) ovo), 
hätte ])illigerweise auch angeben sollen, welchen Begriff {Xoyog) 
eines jeden man aufstellen müsse, also einen Begriff der Materie, 
der sie definiert, ohne die Beraubung zu berühren, ebenso umgekehrt 
einen Begriff der Beraubung.'' Genau so VI 1, 26: „Weder liegt im 
Begriff der dreifachen Dimension die Materie, noch in dem Begriff 
der Materie die dreifache Dimension"; desgl. VI 2, 4. 21 u. ö. Im 
Intelligiblen werden Möghchkeit und Wirklichkeit nur begrifflich 
unterschieden, ov yco^i^trai aX)' /} Xoyro 115, 3; ohy tttQor «//' // 
?Mym To voov^isvov xai ro voovv VI 7, 40. Von dem Einen und 
Absoluten gibt es keine begriffhche Erkenntnis: to o)- ovroig tv, 
or II f) Xoyog [itjiSl t7riOTt'/^i?j V 4, 1. Anderswo, z. B. II 1, 6; VI 3, 8 
stehen sich /o'/oc und aujß-t/Oig gegenüber als Erkenntnis durch 
Begriffe und aus sinnlicher Wahrnehmung. Daß unter die Kategorie 
„Begriff" Xoycoiiog und Xoyutoiha fällt, versteht sich von selbst. 
Auch die ganze Sippe der Ausdrücke, die eine Analogie bezeichnen, 
gehört hierher. Die AVorte II 1, 6: ()ivo oraQm axQor Xöyov tjovra 
dro fitöcor deirca übersetze ich: zwei feste Elemente, welche die 
äußeren GUeder einer Proportion bilden, bedürfen zweier Mittelglieder. 
Ähnlich VI 9, 1: tpvyf] trtQOV ov6a rov trog iiäXXor tyei y.ara rov 
Xöyov Tor jicdXor xai örxcog dvai ro tr, wo xMta rov Xöyov 
auch bedeutet: nach Verhältnis, je nachdem. Ferner III 2, 18: Haben 
die Seelen sich einmal von der intelligibk^n Welt getrennt, so ist es 
durchaus rationell («'r« Xör/ox^, daß sie ihrem Begriff und Wesen nach 



Die Lelu'e vom Logos bei Plotinos. 41 

{t(o y'.o'/fo) verschieden sind. Ebenda: ra tg)£^~iq sv reo jiavzl xal 
ejrofisva TOig yucxaic rojv tQycov 7.6yoi y.al y.axa loyov. Die 
TiiicoQriitara geschehen yMva löyor IV 3, 16. Für das, was die herab- 
gesunkenen Seelen Böses tun, darf man nach dem Grundsatz ./uria 
l^.ofiivov'' von der Vorsehung keine Verantwortung und Rechen- 
schaft fordern {ory cl.-raiTelr löyor ov6\ Iv^irai jTQoöt'jy.ti 
III 2, 7). Auf /o'/oc = Verhältnis führt auch I 6, 1. Plotin bekämpft 
dort die Behauptung, das Schöne beruhe auf der Symmetrie der Teile 
zueinander und zum Ganzen. Wäre sie richtig, so wäre alles Ein- 
fache wie das funkelnde Gold, der leuchtende Glanz in der Nacht, 
der einzehie Ton nicht schön. Auch die Seele ^^wde nicht schön sein. 
Zwar hat die Seele verschiedene Teile oder Ivräfte, aber nach welchem 
Verhältnis {:ro'i(p )Myro) sollten diese geordnet werden? Nicht die 
Symmetrie macht die Schönheit, sondern der Begriff der Schonhei. 
die Symmetrie. Öfter begegnet uns die Zusammenstellung agii^^inH 
yai hryoi. AVo Zahl ist, da ist Begrenzuno- II 4, 15: jitQaq, y.al oQog 
y.al /.öyog im Gegensatz zum ajttiQov, VI 8, lOff. : löyoc rt xal 
ra^ig xa) oqoc im Gegensatz zur rvyj/, dem Ungefähr und blinden 
Zufall. Dies führt uns auf neue Bezirke im Herrschaftsgebiet des 
Logos. 

Das deutsche ,. Begriff" hat etwas Abstraktes, Starres und Totes: 
das griechische ,, Logos" ist viel konkreter, ist lebendige Kraft und 
AVirksamkeit Beide decken sich nicht, weder dem Inhalte nach dem 
Umfange nach. Der Übersetzer wird also, um den Sinn des griechischen 
"Wortes wiederzugeben, zu Umschreil)ungen greifen und etwa von 
,, bildenden, schöpferischen" Begriffen reden müssen. Öfter kommt 
ihm dabei der Autor zuhilfe, indem er ein Synonymum hinzusetzt, 
außer den eben genannten besonders häufig iioQff// und elöog. 
Was das heißt, werden wir am besten im Zusammenhang des Systems, 
der uns immer gegenwärtig sein muß, lernen. 

Anfang und Ende der Plotinischeii Spekulation ist das Eine und 
Absolute, vop dem als Prinzip und Quelle alles herstammt, zu dem 
als höchstem und letztem Ziele alles hinstrebt. Erhaben über De-iken 
und Dasein, kann es weder von dem Denken erfaßt noch durch die 
Sprache adäquat ausge^drückt werden. Wir bezeichnen es aber nach 
seinen Wirkungen, soweit wir sie erkennen und in uns erfahren; wir 
nennen es das Gute oder Gott oder gar Vater und prädizieren so 
gleichnisweise (olo)^') von ihm alles, was uns als das Beste und Höchste 



42 H. F. Müller, 

s;ilt. Logos jedoch dürfen wir Gott nicht nennen er ist höher und 
mehr als das, ist /o/or >c(d diriac. xcci ovoiag idricodovc .-raTt/Q 
(VI 8, 14 g. E.). Nur einmal (VI 1, 26), wo Plotin den Materialismus 
der Stoiker, die Gott bloß anstandshalber (tr.TQtJTfiag tvextv c. 27) 
einführen, bekämpft und das rein geistige Wesen des schöpferischen 
Prinzips betonen will, lesen wir: aQ/osid/jc: cor yMi /.oyog docoffaTog 
(Iv thj o .9^foc y.ai .Toir/Tixor dafjiaiTor. Auch das Epitheton 
Iheiog erhält m. AV. der Logos nur einmal I 6, 2 als Erzeugnis 
der Götter. Es heißt dort, das absolut Häßhche sei t^fo d^tiov 
Äoyov, und der Körper werde schön /'.cr/ov d.-ro ßtcör tld^övroc 
xoivcovia. Von Gott kommt der Logos, aber Gott ist nicht Logos 
und denkt nicht. Darum kann er auch nicht durch Denken erkannt 
werden: er will von dem aller Vielheit enthobenen ganzen und mit 
?ich einigen Menschen in völhger Hingebung ergriffen und geliebt, 
geschaut und erlebt sein Dieses liebevolle, ganz in das Eine ver- 
senkte Schauen ist eine höhere Geistestätigkeit als das Erkennen 
durch Begriffe: /uKor /o/or xa) .tqo Xoyor xcu lrr\ nö /.oyf;) 
VI 9, 10. 11. Aber der Logos wü'd dabei nicht ausgeschaltet, er leistet 
protreptische und pädagogische Dienste: tx nör h'r/cov tJtl t/ji' 
ihiav . . mudaycoyrör /o/oc VI 9, 4. x\hnlich V 9, 1. 2: der wahre, 
d. h. philosophische Erotiker bleibt nicht ])ei dem sinnlichen und 
seehschen Schönen stehen, sondern strebt zu d»m Schönen an sich 
empor: xiä .tÖB^bv t) övrajuc atTfo xai tIq loyog rovror tov 
^KOTcc ,Tfciö(ryroyriO£Tai ; Die Antwort gil)t eine nähere Erörterung 
des /'orc, zu der wir nun übergehen. 

Nicht zeitlich, sondern von Ewigkeit her und nur begrifflich 
folgt dem fV der vovg. Das Eine hat ihn, bildlich gesprochen, erzeugt 
als seinen Sohn (toxoq, xÖqoc), er trägt in sich die gesättigte Fülle 
(xoQog) der Ideen, in ihm kommt die intelligible Welt zu Stand und 
Wesen, deren Vorsteher oder Könio' oder Vater er genannt wiid. 
•Seine ,, Natur" besteht im Denken, doch ist dieses Denken kein dis- 
kursives, sondern ein intuitives; es geht auch nicht auf ein äußeres 
Objekt, sondern lediglich auf sich selbst: der Nus denkt, was er ist, 
in ihm sind Denken und Sein identisch. Man unterscheide wohl 
zwischen einem vovg Äoyiyöfarog xai Xoyionxog xiüovfavog und 
einem rovg jt^k) löyov xcu ärtv Xoyioitor : o iilv loyiZ('>!(ero~. o 
61 XoyiC^ijOai .-ruoi'/for (V 1, 10. VI 2, 21. VI 9, ö. 10 u. a.). In 
der sichtbaren Welt ist der Logos geteilt und nicht alles Logos, 



Die Lehre vom Logos bei Plotinos. 43 

Ir T(ri xooffo) T(rf votjT(~> jiävTii hr/OQ xcd vjTtQ Xöyov (III 3, 5). 
Der göttliche Nus steht zu hoch, als daß ein Begriff oder Gedanke, 
ein Logos an ihn heranreichte. Er ist auch nicht Logos (VI 7, 17). 
Da in ihm aber alle Vernunft, alle Gedanken und Begriffe ihre Ein- 
heit und ihren Ursprung haben, so darf mit Vorbehalt von ihm gesagt 
werden, er sei eiJ: oiov /070c, [ityag, rtXeiog, Jtdvrag jisQitycor, 
a.7io T(öi' jTQVJTCor fcvTOv tJie^iojv, {läD.ov 6t del EJtsS,BXd-c6v, ojcre 
/ifjdtjtote t6 tJTf-^itrat d/.i/O^tg streu (VI 2, 21). Die Herrschaft 
des einen Logos über die vielgestaltige Welt hebt Biotin nachdrück- 
hch hervor. Diese Welt ist ihm ein Kosmos, eine vielstimmige Sym- 
phonie, eine natürliche und sittliche Ordnung zugleich, der niemand 
und nichts sich entziehen kann. Die geläufigen Ausdrücke sind tig 
jTävta 7.öyog^ o h'r/og 6 toi rrarroq oder xov oXoc, ovvTa^ig fiia, 
rc'c^ig y.ard t6 ötov dyovOa. ij re^.eia jiQovoia oder xqovouc // 
jräoa, auch das ., heilige Wort'' Adrasteia; die Hauptstellen in den 
Büchern .-xf(>) ujtaQf/tvrjg und jtsqI jiQoroiag III 1 — 3, ferner 
IV 3, 1—17. 4, 30 ff. VI 8, 17 u. a. Biotin geht hier den Weg der 
Stoiker; aber er weicht in einem Bunkte von ihnen ab und kommt 
in einem andern über sie hinaus. Die Stoiker sind Materialisten, sie 
vermögen sich die objektive AVeltvernunft und den weltordnenden 
Logos nur als materiell oder doch als körperlich zu denken. Biotin 
ist Spirituahst, sein Welt-Nus und Welt-Logos sind geistige Mächte. 
Die Stoiker haben das Broblem, wie neben der unverbrüchlichen und 
zwingenden Weltordnung die menschhche Freiheit bestehen könne, 
nur unvollkommen gelöst. Biotin denkt der Frage tiefer nach, bis 
ins Metaphysische hinein VI 8 ji^qI tov txovötov xcd {hl/jf/azog 
Tov tvog.^) Hier nur folgendes. 

Jede Seele ist eine uranfänglich wirkende Ursache (.T()wro r(j 70-; 
ovo'ia) in ihrem körperlosen Dasein, aber auch in ihrer Verbindung 
mit dem Körper noch frei und zu selbständigem Handeln befähigt. 
Jeder Mensch ist ein Ich oder Selbst {cdtog), ein Ganzes für sich 
(oixsiov oXav): er hat Selbstbewußtsein, Verstand und WiUen. Die 
Menschen können von sich aus {iJtaQ mvrcov) die Initiative ergreifen, 
das Brinzip und der Ausgangspunkt ihres Tuns liegt in ihnen selbst: 
dfj/cu dl xai drd-Qoj.Toi. Darum können sie auf die Welt wirken 



^) Vgl. meinen Aufsatz ,, Plotinos über Notwendigkeit und Freiheit" in 
den Neuen Jahrbüchern 1914 Bd. :^3 Heft 7 S. 462—488. 



44 H. F. Müller, 

und in den Gang der Dinge eingreifen. Alier stören diese freien Ein- 
griffe die einmal vorgeschriebene und vorbedachte Ordnung nicht? 
Nein. Das Universum ist so geordnet, daß nichts aus ihm heraus- 
fällt, vielmehr alles sich ihm einfügt und seinen Zwecken dient; die 
Weltordnnng rechnet auf dich und mich und auf unser Handeln aus 
eigenem Antrieb. ,,Wenn es auch in meiner Macht steht, mich für 
dieses oder jenes zu entscheiden, so ist es doch der AVahl nach mit 
in der allgemeinen Ordnung befaßt; denn dein Wesen ist kein Zwischen- 
fall (LrrEiooöior) für das Ganze, sondern du bist mit deiner besonderen 
Beschaffenheit als solcher mitgezählt" (III 3, 3). In der Natur herrscht 
das starre Gesetz der Notwendigkeit, // jrdvTon' .Ttdvrcog drctyy.tf. 
in der sittlichen Welt Freiheit unter dem als Vorsehung erkannten 
und selbstgewoUten Gesetz. Wäre der Mensch, heißt es III 3, 4, ein 
einfaches ^föov, ein bloßes Naturwesen, und wäre in ihm nur ein 
Logos wirksam, so wüchse er wie die Pflanze aus dieser Wurzel heraus, 
unfrei und unverantwortlich. Nun aber ist er kein einfaches Wesen, 
und es wirkt in ihm nicht der eine Logos wie in den Pflanzen und 
Tieren; in ihm liegen mehrere Prinzipien, höhere und niedere, deren 
Betätigung jedoch nicht außerhalb der Vorsehung und Gesamtver- 
nunft ^teht. Er hat die Wahl, welchem Logos er folgen wiU, und für 
seine AVahl ist er verantwortlich. So wird er dem Kosmos einge- 
ghedert, den lebendige Ki'äfte bewegen, der ein System ist von schöpfe- 
rischen Begriffen oder Logoi. Vor der Einzelseele denken wir die AYelt- 
seele, vor dieser eine Seele an sich {avroipv/jj), d. h. das Leben im 
Nus, bevor Seele wurde (V 9, 14. IV 3, 2. 4). Auf der ersten Stufe 
steht der absolut umfassende Logos (o Äoyog rov oXov), in der Mitte 
der /ö/oc Jtohixixcq der Weltseele (»/'r//} rov oÄov), auf der dritten 
Stufe der Äoyog der einzelnen Seelen. Das Band bildet der X6y<pj: 
der Gesamtseele oder Seele als solcher {ohj ipvyj/), das die /o/o/ 
alle verknüpft zu dem jiäv Jt^sy/ia, auf dessen Verwirklichung es der 
allumfassenden Vorsehung {jiQÖroia i) .tccOu) ankommt. Die voll- 
ständige und zwecksetzende Vorsehung (/; rskeia jigövoia), die über 
dem Ganzen waltet, nimmt die freien Einwirkungen der höheren 
Naturen als aufgehobene Momente in ihren Plan mit auf. „Plotin 
denkt sich den Weltlauf so eingerichtet, daß jene Eingriffe die nötige 
Entsprechung zwischen Körper- und Seelenen.wicklung und die Ver- 
wirklichung des eigentlichen Weltzweckes nicht nur nicht stören, son- 
dein vielmehr in beiden Beziehungen notwendige Momente des Ganzeji 



Die Lehre vom Logos bei Plotinos. 45 

und als solche von der Vorsehung eingeführt sind/-) Zu demselben 
Eesultat kommen wir von einem andern Ausgangspunkt her. Piaton 
sagt, Gott habe uns die aQBT/j als ein döto-rorov gegeben. Die 
Tugend hat keinen Herrn über sich, denn sie stammt nicht von dieser 
AVeit. Die Werke der Tugend sind herrenlos, insofern als sie nicht 
durch ,,das Verhängnis dieser Welt" gesetzt, nicht durch" kosmische 
Ursachen herbeigeführt werden. Gleichwohl schweifen sie nicht be- 
ziehungslos umher, sie werden von der vollständigen Vorsehung, die 
alles im voraus berechne"-, aufgenommen und in die Gesamtordnung 
eingeflochten. ^Machen wir Ernst mit der Lnmanenz des Weltgesetzes 
und mit der organischen Weltanschauung, so wird es für uns ei.i 
widerspruchsfreier Gedanke sein, daß die selbstherrlichen Eingriffe 
der einzelnen Seelen, weit entfernt, die Pläne der Vorsehung zu kreuzen, 
sie vielmehr fördern, ergänzen und vollenden.^) 

Doch wir müssen weitergehen und zu ergründen suchen, wie 
aus dem Einfachen ein Vieles werden und wie der überwelthche Nus 
auf die Welt wirken kann. Plotin hat viel Scharfsinn und Phantasie 
aufgewandt, um l)eides vorstellig zu machen. Für unsern Zweck 
genügt die Angabe der Resultate. 

Das Wesen des Nus besteht im intuitiven Denken, Denken aber 
ist Zusammenfassen einer Vielheit zur Einheit oder vielmehr Zu- 
sammenschauen des Vielen zu einem Ganzen. Xun ha])en wir im 
Xus das denkende Subjekt, den Gedanken und das Gedachte: rovg, 
rvr/oig, rvr/vor, diese drei. Der Xus ist der erstgeborene Sohn dco 
Einen, er wendet sich zum Vater hin und umki'eist ihn in ewiger Ruhe 
liebevoll, am sich mit seines Wesens Kraft zu erfüllen. Die Kj'aft 
oder die IvtQysia des Einen sind die Ideen, die von ihm ausströmen 
wie das Licht von der Sonne; sie sind die Entfaltung der höchsten 
Einheit. Diese Ideen, die ewigen Formen des Seins, ergreift der Nus, 
und dadurch werden sie seine Gedanken, in denen seine Einheit sich 
zur Vielheit entfaltet. Wie die Wissenschaften in der Seele, die ge- 
samte und jede einzelne für sich, so sind die Ideen im Xus, zugleich 
und doch geschieden: er umfaßt sie wie die Gattung die Arten, wie 
das Ganze die Teile. Insofern sie gedacht wird, ist jede Idee vovq 

^) Hugo von Kleist, Plotinische Studien (Heidelberg 1883) S. 47 Anin. 2 
in der Analyse von IV 3, 12. 

=*) Mit JKleist a. a. 0. S. 57 Anm. 3 zur Analyse von IV 3, 15. — Piaton, 
Politeia 617 E; Plotin Enn. II 3, 9. IV 4, 35 ff . 



46 H. F. Müller, 

und der ganze vovg nichts anderes als die Gesamtheit der Ideen. 
.Das meinte Piaton mit dem o ton ^cöor (Tim. 39 E) und das meinen 
wir mit dem Cföov tr xai rihiov xai jricvTtXtg, dem vielfach 
geghederten und allumfassenden Einen und Ganzen. Wir nennen es 
auch den xfjO^uog vof/Toc. das Urbild des xoG/zog aloO-tiTÖg. Damit 
jedoch aus dem Urbild das Alibild werde, bedarf es einer Vermittelung. 
-Denn der Nus in seiner göttlichen Erhabenheit befaßt sich nicht mit 
dem Irdischen, aber er erzeugt als Mittlerin eine neue Hypostase, die 
Seele, die vom Himmel bis zur Erde reicht und eine sichtbare AVeit 
als Nachahmung der unsichtbaren l)ildet. Wir müssen aber unter- 
scheiden die Seele an sich oder die Gesamtseele (/) jtäoa, o/./j oder 
ovQccria, auch atroipvyj'j) von ihren Modifikationen oder Indivi- 
duationen, den sogenannten Teilseelen {ai Ir ittgti), nämhch der 
Weltseele (/} tov xoijjiov, zov xavtäc) und den Einzelseelen {cd to)]- 
li£Q(öv, //idreQcu). In dieser Ausgestaltung tritt die Seele in Tätig- 
keit, während sie selbst nicht ,,auf die Dinge fällt", sondern ruhig 
im Intelligiblen verharrt. Die Mittel, deren sie sich zu ihrer Wirksam- 
keit bedient, sind die tiö/j und die löyoi. Plotin kombiniert die 
Logoslehre der Stoiker mit der Platonischen Ideenlehre. Piaton 
spricht zwar den Ideen auch Bewegung, Vernunft und KausaUtät 
zu, doch treten diese Prädikate hinter dem der Substanzialität zurück, 
weil es ihm nicht darauf ankam, die sichtbare Welt aus der unsicht- 
baren abzuleiten; aber gerade darauf hat Plotin sein Absehen ge- 
richtet, er will die Genesis der Welt deduzieren, darum betont er deii 
genetischen Charakter der Idee und eben darum sucht er die Starr- 
heit der Ideen zu lösen und durch das bewegliche Element des Logos 
in Fluß zu l)ringen. Immer darauf bedacht, einen lückenlosen Zu- 
sammenhang der wirkenden Potenzen herzustellen, schiebt er zwischen 
Idee und Seele einerseits und zwischen Seele und Materie anderseits 
die Logoi ein. Wie unterscheiden sich d^t/ und löyoi? Die 
Ideen sind substantielle Formen des Seins. Sie sind nicht, weil sie 
gedacht werden, sondern sie werden gedacht, weil sie sind. Die Logoi 
werden vom Nus erzeugt und in die Seele eingestrahlt, die von ihm. 
wie der Mond von der Sonne, ihr Licht empfängt (III 2, 2. V 1, 7. 
V 6, 4 u. a.). Nach den Ideen, die sie in ihrem vorweltUchen Dasein 
geschaut hat, bildet die Seele mittels der Logoi die irdischen Dinge 
(II 3, 17. IV 3, 10. 11. VI 7, 11). Die Idee erscheint in dem beweg- 
lichen Element der Seele als Logos, und durch eben diesen Logos, 



Die Lehre vom Logos bei Plotinos. 47 

der die Materie belebt und bildet, wird die Idee zur //o(>r/;y, d. h. zur 
formenden, von innen heraus gestaltenden Form. So kommt es, daß 
tidoc, /o'/oc, iioQffi'i häufig als Synonyma beieinander stehen, z. B. 
I 6, 2. 3. 6. 111 3, 6. IV 3, 10. VI 7, 10. 11). Ej soll dadurch das Mit- 
und Ineinander der schaffenden Ivi"äfte bezeichnet werden. Ferner: 
wie das gesprochene Wort der Dolmetscher des Logos in der Seele 
ist, so ist der in der Seele der Dolmetscher des in einem andern, d. h. 
der Idee im Nus (I 2, 3). Wie im Nus die fM//, so sind in der Seele 
die h'r{(n, und diese Logoi bringen alles zum Ausdruck und zur Ent- 
faltung, was implicite in den Ideen liegt. Die Seele ist hr/oq vor 
xiu tPiQyeid Tic, SöJteQ avxoc tzsivov {zov h'oc), ja sie ist 
xfffäXaior rojv hr/oiv xal IvtQytia «rr//c ■/mt'' oioucr tvtQyovotjc 
Ol Aoyoi, ij öt ovola Öiwccfiig zcov loycor (V 1, f. VI 2, 5). ,,Die 
Seele verhält sich also zum Nus wie der Begriff (/o/o-;) zu der nur 
durch Intuition zu erfassenden Idee, und die Welt zur Seele wie der 
ixi der Materie verwärkhchte Begriff zum ).6yoc ilvÄog. Wie nach 
Piaton das Mathematische in der Mitte steht zwischen der Idee 
und dem Wahrnehmbaren, so steht nach Biotin die Seele als /.öyog 
in der Mitte zwischen dem Nus und dem Körperhchen.''^) Auf die- 
selbe Unterscheidung führt uns Enn. IV 3, 5. Wir lesen dort : ul ^pvyai 
bffs^fjg xaB-' by.aCTor vovv E$,rj()Tr]{itvai, löyoi v(~)v ovOai xal 
t^si?.iy(f i VCCI [icüXov y avroi x. r. /. Wenn die Seelen sich mehr 
entwickeln als dei vovg, an den eine jede geknüpft ist, so bedeutet 
(las doch wohl, daß sie als Äoyoi rcäv durch diskursives Denken 
ihren Inhalt vielseitiger eiitf alten als der vovg, der seine Einheit 
besser wahrt und in seinem intuitiver Denker sich weniger zerstreut. 
Gleiches gilt von der Einzelseele im Menschen. Nach Enr. 11,8 haben 
wir den vocg gemeinsam mit allen als einen unteilbaren und als 
besonderen, individuellen. Demgemäß haben wir auch die Ideen in 
doppelter Weise: in der Seele (im diskursiven Denken) gleichsam 
losgewunden und getrennt [oloi' artiliyiiha xal oiov xsycoQiöfitva), 
im Nus dagegen (in der intellektuellen Anschauung) alle zu- 
sammen fofiov jTcwTa). Ebenda c. 1 werden öiavoia und vorjOig 
unterschieden, und c. 7 schließt mit den Worten: ovvöqoiiov yao 



*) H. von Kleist a. a. 0. S. 39 Anmerkung zur Analyse von IV 3, 10. 
Ferner S. 23, wo in Aiun. 1 über Anschauung und diskursives Denken auf 
Lotzes Miki-okosmus Bd. II 5, 3 hingewiesen wird. 

Archiv für Geschichte der Philosophie. XXX. 1. J. 



48 H. F. Müller, 

ovTog TOI di'd(K'jJTor tTj ).(r/iySi (j'ryj'j, orav /.oyiCcjiai^a. ////f/- 
XoyiCoifsd^a tcZ tovc: /.oyioiiotJ: fv'/Jjg tirta IrtQ-pKiaxa. Die 
vof-oa dis^odog der Seele wird IV 8, 7 beschriebeii. Um kurz 
zu sein: die didroia ist das diskursivo De iken, „das Vermögep der 
Begriffe", t6 dua'Oi/Tixor. Sie operiert did vor mit Begriffen 
Oyr/oi). )) loyi'/J] ^n^yji dicvosTvai, xQirei. XoyiytTai. Die roi]Oig 
dagegen ist intuitives Denken, ,,das Vermögen der Ideen"; yiyrvny/.hi 
ruvotiTä,d^£coQüruovra. Vgl. Enn. V], 4. 3, 1 ff. 5, 1 u. a. Porj3h. 
dffOQimi XLIII und XLIV (Mommertj. 

So also unterscheiden sieh vovc und ipc///, tU// und /.öyoi. 
Begeben wir uns nun auf die AVanderung durch das weite Gebiet des 

Logos ! 

Die ganze Welt, die unsichtbare wie die sichtbare, ist Logos und 
alles in ihr Logos, dort oben in ewiger Schönheit und Reinheit, hier 
unten vielfach getrübt und doch überall wirksam und wohlgefällig. 
Geistige Mächte und schöpferische lü'äfte sind es, die das Universum 
durch walten und bilden, beleben und umfangen: /} Ityo^itvri Iv t(ö 
jtavri fpiXia VI 7, 14, wie das Biotin allerorten betont und besonders 
in den Büchern •jrf(>/ jiQoro'iag III 2. 3 und Jtt{n üsoQiac III 8 
auseinandersetzt. Der ).6yoQ o;.o^\ teilt sich (III 3, 4. 5), man kann 
sogar von einem Tror/Alog lo/oc reden (II 4, 9). Jeder Begriff ist 
einheitlich, vielheitlich und mannigfaltig {jxoiyJXog) wie ein seeHscher. 
vielfache Formen in sich schheßender Organismus (IV 3, 8). Ähnhch 
finden wir Xoyoq jroXvg y.cu xäg V 3, 16 und Xoyog elg xai jtoXvg 
VI 7, 14. UnermeßHch ist sein Reich. Er erstreckt sich von dem 
höchsten Gebilde bis zum niedrigsten Gewächs, und bleibt doch immer 
derselbe, Vielheit in der Einheit. Noch mehr. Der eine Logos tritt 
in Gegensätze auseinander, die sich bekämpfen und aufheben. Höreii 
wir darüber den Biotin selbst, der in Enn. III 2, 2 sagt: „Aus jener 
wahrhaften und einen Welt hat diese nicht wahrhaft eine Welt ihr 
J)asein. In der Tat ist sie mannigfaltig und in Vicllieit geteilt und eiji 
Teil vom andern räumlich getrennt und ihm entfremdet; in ihr herrscht 
nicht mehr ])loß Freundschaft, sondern auch Feindschaft durch die 
Trennung, und infolge seines mangelhaften Zustandes ist notwendig 
der -eine Teil dem andern feindlich gesinnt. Denn der Teil genügt 
nicht sich selbst, sondern er wird durch einen andern erhalten und ist 
gleichwohl dem andern, durch den er erhalten wird, feindlich." Den- 
noch verknüpft die verschiedenen Teile, die sich gegenseitig schädigen 



Die Lehre vom Logos bei Plotinos. 49 

und vernichten können, der Logos zu einer harmonischen Einheit 
und bewerkstelhgt eine Ordnung" und Ver])indung zum Ganzen 
{lüar rrjv OvvtasLV sie xa ola). „Denn dieses All hier ist nicht 
wie dort Nus und Logos, sondern hat nur teil an Nus und Logos. 
Die intelligible Welt ist allein Logos, eine andere AVeit, die allein 
Logos wäre, kann nicht entstehen; wenn aber etwas anderes ent- 
stand, so mußte es geringer sein als jenes und konnte weder Logos 
noch Materie allein, mußte also etwas Gemischtes sein, d. h. Materie 
und Logos." Weiter sagt Plotin c. 16, der in der Welt wirkende Logos 
(Vernunft) sei nicht ay.Qarog vovg ovöt arrorovo, auch nicht von 
der Art der reinen Seele, sondern von ihr* abhängend und gleichsam 
eine Ausstrahlung aus beiden, aus Geist {7'ovg) und Seele, die diese 
Vernunft (Logos) erzeugen als Leben, das eine gewisse Vernunft in 
der Euhe der Betrachtung enthalte. Alles Leben aber, auch das 
schlechte, sei Tätigkeit, und zwar eine künstlerische. „AVobei nun 
diese Tätigkeit vorhanden ist und was immer irgendwie Anteil an 
ihr hat, das ist sofort vernünftig (/f /o/cot«/,), das heißt gestaltet 
{fieiioQrpcoTai), da die Lebenstätigkeit zu gestalten vermag und ihre 
Bewegung ein Gestalten ist." Dieser aus dem einen Nus und dem 
einen Leben stammende Logos nun schüttet sich nicht mit einem Male 
ganz und vollständig in die Dinge aus, sondern ergreift eins nach 
dem andern, bildet sie alle und fügt sie als Glieder dem Gesamt- 
organismus ein. Er ist der „Idee" {Zoyog) eines Dramas vergleichbar, 
die auch viele Kämpfe sich in befaßt. ,,Das Drama führt die s*^rei- 
tenden Elemente wie zu einer übereinstimmerden Harmonie zu- 
sammen, indem es gleichsam den Gesamtverlauf der streitenden zur 
Darstellung bringt, dort dagegen kommt aus dem einen Logos der 
Kampf der getrennten Elemente; daher könnte man ihn mehr mit 
der Harmonie aus entgegenstehenden Tönen vergleichen und fragen, 
weshalb die Logoi (reale Begriffe) Gegensätze enthalten. AVenn nun 
auch hier ideale Tonverhältnisse {Iöyol) Höhe and Tiefe hervor- 
bringen und als harmonische A^erhältnisse {X6yoi ovrtc) zur Har- 
monie selbst sich vereinigen, also zu einem anderen größeren Ver- 
hältnis {/jr/og), während sie selbst geringere Verhältnisse und Teile 
sind; wenn wü* ferner auch im All die Gegensätze sehen, wie weiß 
und schwarz, warm und kalt usw., alle als Teile des L,oiov tv; und 
Avenn das All mit sich übereinstimmt, während die Teile vielfach 
iiiUerhalb des harmonischen und vernunftgemäßen {y.ara h'r/oi') Alls 

4* 



50 H. F. Müller, 

streiten: so muß auch dieser eine loyoi^ aus widerstreitenden h'r/ai 
als einer bestehen, indem gerade diese Entgegensetzung ihm Be- 
stand und gleiehdam "Wesenheit verschafft. Denn wenn der Loaos 
nicht die Vielheit in sich schlösse, so mirde er keine Totalität und 
überhaupt nicht Logos sein. Verschieden in sich, wird er auch die 
größte Verschiedenheit, d. h. den Gegensatz hervorbringen, und erst 
durch Hervortreibune: der Geoensätze in sich selbst wird er voll- 
kommen sein." Der Logos ist eben kein abstraktes leeres Eins, son- 
dern eine innerlich reichgegliederte Einheit. Wie in dem zeugenden 
Lebewesen immer derselbe und ganze Logos wohnt/ so herrscht in 
dem großen Lebendigen der Welt ein und dieselbe Vernunft (ffQÖrrioi^), 
die allgemeine und gleichsam ,, stehende'" Weltvernunft, die vielfach 
und mannigfaltig und doch wieder einfach ist; sie wird durch die 
Vielheit nicht verändert, sondern ist der eine und zugleich alles um- 
fassende Logos (IV 4, 11). Dasselbe gilt von dem vovc, der, obv.dhl 
an sich einig und ganz, eine Fülle von Gedanken als seine IvhQytw.c 
in sich hegt und diese als h'r/oi aus sich heraussetzt. Davon handelt 
Enn. V 3, ein Buch, das unter dem Titel rr^Ql to)v yv('jQi(jTiX(~)r 
c.TOGTaotojv eine Art Erkenntnistheorie enthält. 

Daß die Wissenschaft, die allgemeine wie jede besondere, eine 
Schöpfung des Logos ist, wird niemand bestreiten. Die Mittel, welche 
Wissen erzeugen, sind das voeiv und das Öiavoücihat. Die Seele 
hat den Wissenstrieb in sich, sie kreist in Wehen, um Wissenschaft 
zu gebären. Forschend wandert sie vom einen zam andern, prüfend 
vergleicht, verljindet und trennt sie die gemachten Wahrnehnumgen, 
in unermüdlichem Nachdenker kommt sie auf logischem Wege (/o/^;/ 
ßadiZovoa) durch Urteile' und Schlüsse zu dem ersehnten Kesultat. 
Anders der Nus, dessen Wesen im Schauen besteht und der duich 
diese intellektuelle Anschauung erfaßt, was die Seele sich mühsam 
erarbeiten muß: es ist der schon berührte Gegensatz von Lituition 
und diskursivem Denken. Logos ist das Wesen der Seele, und zu 
ihrer Plerophorie gelangt sie durch die größtmögliche Annähern na' 
an den Nus. Gegenstand und Ziel der Erkenntnis ist das Seiende. 
Wahrheit oder /o'/oc dhjfhjg wird definiert als Gewinnen dieses 
Zieles: ro /«(> Xoy'iLjBOihaL t'i allo av euj ij to t(fUot)^ai tv^eiv 
ffjQorr/Oir y.cu '/Jyyov dhj\9rj y.al TvyydrorTOC ror orro^; i^IV 4, 12). 

Der oQdoc hryog, von dem bei Aristoteles, den Stoikern und 
Philon soviel die Rede ist, wird im ganzen Plotin nur viermal er- 



Die Lehre vom Logos bei Plotinos. 51 

wähnt, und zwar da, wo die menschliche Freiheit zur Diskussion 
steht, also auch wie bei den Vorgängern auf ethischem Gebiete. In 
Enn. III 1, 10 heißt es, alles geschehe nach Ursachen, es gebe aber 
deren zwei Klassen : die natürlichen oder kosmischen und die aus der 
Seele selbst hervorgehenden. Nur in den Handlungen, die sie von 
sich selbst aus x«r« loyov oqO-ov vornehme, sei die Seele autonom. 
In Enn. VI 8, 2 wird auf die Frage, was in unserer Macht stehe und 
wessen wir Herr seien, geantwortet: dasjenige, was wir tun tw opi9-o7 
y.oyioiifö y.ai rij ofiO^ij OQt^ei. Und weiter in c. 3 lautet es: wenn 
wir das tcf' ijiür auf einen Entschluß zurückführen, dann diesen in 
einen JLo'/oc und dann in einen löyog ogS-og setzen, so müssen wir 
vielleicht noch das ,. wissen thch" hinzufügen; denn wer unwissenthch 
oder nur vermuthch das Rechte tut, darf nicht als frei im voUen Sinne 
des Worts betrachtet werden. Enn. III 5, 7 spricht von schlechten 
Menschen, die aUe edleren Regungen durch böse Begierden und ihre 
angeborene gesunde Vernunft (?jjyov tov oQd-or) durch schhmme 
Meinungen in Fesseln geschlagen haben. Endlich IV 4, 17: Wenn 
das richtige Urteil (o Xoyog 6 6q{)-6c) zu den niederen Wesensteilen 
der Seele herabgestiegen ist, wird es schwach durch die Mischung, 
nicht durch seine eigene Natur. Zum regulativen oder gar konsti- 
tutiven Prinzip der Tugend eignet sich dieser Begriff nicht, denn was 
ist der ,, rechte^' Logos? Es fehlt an einer klaren und eindeutigen 
Definition. Sonst aber hat der Lo2;os auch in der Ethik ein Feld der 
Tätigkeit. Ist doch die Seele Äoyoc vor, durch den sie ihre Vollendung 
erhält (V 1, 3 ff.), und der Mensch selbst P.o/oc yMi ^cöov Xoyixöv 
(VI 7, 4 ff.)! 

Um das größte vorwegzunehmen: durch den Logos werden wir 
erst wir selbst, Persönlichkeiten: w\is ,,für sich'' {jtqoc eavTo) ist 
imd als XsXoycoidvor auf sich selber steht, ist weder dem Zufall 
{Tvyij) preisgegeben noch dem Zwange der Naturnot w^endigkeit 
{(fvör/Mlc. dväyy.cud) unterworfen; nur durch den Logos vermögen 
wir uns der ,, Bezauberung" durch die Natur ((pviisroQ yorjtsia) zu 
entwinden, d. h. aus der Verkettung der natürhchen Ursachen zu 
lösen und über den ,, gesamten Mechanionms der Natur" zu erheben 
(IV 4, 43. 44. VI 7, 4 ff. 8, 17). „Wenn die Seele dem Logos als dem 
reinen, leidenschaftslosen und eigentlichen Führer in ihrem Wollen 
folgt, so ist ein solcher Wille allein als frei und selbständig zu be- 
zeichnen" (III 1, 9). Also durch den Logos erringen wir unsere Frei- 



52 H. F. Müller, 

heit, die Grundlage aller Sittlichkeit. Plotin weiß, daß diese Freiheit 
im Intelligiblen wurzelt; er kennt auch den Menschen als Phänomenon 
und den Menschen als Noumenon (I 1, 7 ff. II 3, 9. III 4, 2 u. ;i.). 
Gott hat uns die uq^ti) als ein ddeajcoTor gegeben, sagt Piaton 
(Politeia 617 E). Die Tugend hat keinen Herrn über sich, denn sie 
stammt nicht von dieser AVeit. Obgleich in die allgemeine Ordnung 
der Dinge mit eingeflochten, sind die Werke der Tugend doch herren- 
los, insofern nämlich als sie nicht durch ,,das Verhängnis dieser AVeit"" 
gesetzt, nicht durch die dieser Welt angehörigen Ursachen herbei- 
geführt werden. Die Tugend macht uns frei, und unsere Freiheit 
reicht nur so weit als unsere Tugend.^) Aber nicht bloß l)ei der Grund- 
legung, auch bei dem Aufbau der Ethik hat der Logos wichtige Dienste 
zu leisten. Daß er die dianoetischen Tugenden schafft und beherrscht, 
sagt schon der Name. Nicht minder bedürfen die ethischen seiner 
Hilfe. Wenn Tugend eine Harmonie der Seele ist und diese darin 
besteht, daß jeder Seelenteil das ihm eigentümliche AVerk veiTichtet 
und alle sich harmonisch zum Ganzen fügen: wer sorgt dafür, daß 
ein jeder seine Stimme gut singt und alle sich fügsam zu einem wohl- 
lautenden Chor vereinigen? Der Logos, der ihnen das Gesetz ihres 
Tuns aufzwingt. Er hat die niederen Affekte zu zügeln, so daß sie 
in Gegenwart des Herrn sich ruhig verhalteii und vernünftig l)e- 
nehmen, wie man in der Nachbarschaft eines weisen Mannes sich 
seiner Schwäche schämt und nichts zu tun wagt, was ihm mißfallen 
könnte. Wenn der begehrende, mutige, überhaupt jeder Teil der 
Seele auf den Logos merkt und hört (Ijraitiv vor /jjyov), dann ist 
er seinem Wesen nach tätig und tugendhaft. Auf die XoytyMi tSsi^ 
der Seele kommt es überall an, wenn von Tugend und Glück die Rede 
sein soll. Die Dialektik, der eigentlich wertvolle Teil der Philosophie, 
vollendet erst die Tugend. Ist die Seele ihrem Wesen nach löyac, 
so kann sie auch nur durch den Logos ihre Bestimmung erreichen. 
Um vöUig tugendhaft zu sein, nuiß sie sich reinigen, denn alle Tuiieiul 
ist Reinigung; dies aber kann sie nur dann, wenn sie ungehindert 
und beständig durch den Logos zum Nus emporstrebt, bis sie mit 
ihm vereinigt und mit ilim allein tätig ist: (hxaioOvrti öt /au 



^) Theodor GoUwitzer, Plotins Lehre von der Willensfreiheit (2 Pro- 
gramme von Kaiserslautern 1900. 1902) und meinen Aufsatz „Plotinos über 
Notwendigkeit und Freiheit" in den Neuen Jahrb. 1914 Bd. 33 Heft 7. 



Die Lehre vom Logos bei Plotinos. 53 



^o 



öoxfQOGvi'H y.cü ()/.o)g «(>6r// IvtQytud TLveg vor n:i!.CHU (VI 2, 18; 
vgl. I 2, 3. 5. I 3, 6. III 6, 1. 2. IV 7, 12). 

Mit der Ethik Plotins ist seine Ästhetik nahe verwandt, wie man 
sich ans den Büchern I 6 .teqI tov xalov und V 8 xegi tov vor/ror 
xäXlovQ leicht überzeugen wird. Sittlichkeit, kann man sagen, ist 
Schönheit der Seele, das höchste Kunstwerk ein reines und ganz im 
göttlichen Ts^is aufgehendes Menschenleben. ,,Es gibt auch in der 
Xatur einen Begriff [Iöyoc) der Schönheit, das Urbild der körper- 
lichen und sichtbaren; aber schöner als der in der Natur ist der in 
der Seele, von dem auch der in der Natur stammt. Am hellsten strahlt 
natürlich der in einer edlen Seele, wenn er sich eben in Schönheit 
manifestiert. Denn nachdem er die Seele geschmückt und ihr Licht 
gebracht hat vom Lichte der größeren ursprünglichen Schönheit, 
veranlaßt er selbst in der Seele verbleibend sie nachzudenken über 
das Wesen des voraufliegenden und ihr übergeordneten Gedankens, 
der sich nicht mehr einem andern mitteilt, sondern in sieh selber ver- 
harrt. Deshalb ist er auch nicht einmal Gedanke (^o/oc), sondern 
Schöpfer des ersten Gedankens der in der Seele als ihrer Materie 
wohnenden Schönheit. Und dies ist die Vernunft {rovS}^ die ewige, 
zeithch unveränderliche Vernunft, da sie nicht von außen her zu sich 
selbst gekommen ist." Auch die Götter verdanken nur dem Geiste, 
dem sich zur Erscheinung auswirkenden Geiste ihre Schönheit (V 8, 3). 
Man beachte die Reihenfolge rote, /o'/oc, <fvyjj, der Logos in der 
Mitte. Sie kehrt auch sonst wieder, z. B. V 9, 3: der wahre Schöpfer 
und Bildner des Weltalls ist der Intellekt, er führt der Seele, welche 
die Elemente formt, die Begriffe zu {rovq ahrfj xo(>r/yog tojv /.oyojv), 
wie den Seelen der Künstler von den Künsten her die zur Verwirk- 
lichung gelangenden Begriffe zugeführt werden. Der Logos ist der 
Pädagoge, der den philosophischen Erotiker von der sinnlichen zur 
übersinnlichen Schönheit aufwärts leitet (V 9, 2). -- Form heißt die 
Losung der Plotinischen Ästhetik (V 8, 7. V 9, 3. 8j. Alles Schöne 
kommt durch Teilnahme an Form, Idee und Begriff zustande. Die 
Reihe fioQff/j, tiöoc, /j'r/oj: begegnet uns häufig (I 6, 2. 3. 6. III 3, 6. 
VI 7, 10. 11). Dabei ist jedoch zu merken, daß /WQff)} und sldo^ 
in aktiver wie passiver Bedeutung vorkommen, als Gestaltung uiid 
Gestak oder als formende (innere) und geformte (äußere) Forni, 
während man bei dem stets aktiven Logos diese Unterscheidung nicht 
machen kann. Er ist überall dabei. Die Kunst bildet Schönes nacJi 



54 H. F. Müller, 

dem inmianeiiten Begi'iff (V 8, 1), ja die Ttyvai heißen geradezu 
'AÖyoi (VI 3, 16). "Wenn Schönheit allerorten da aufleuchtet, wo die 
Idee von dem Schöpfer auf das Geschöpf, von der Kunst auf das 
Kunstwerk übergeht, so ist schön auch der die Materie beherrschende 
Logos und erst recht der im Schöpfer tätige, dieser erste und im- 
materielle Logos (V 8, 2). „Die Natur, das Wesen der Idee muß selbst 
Tätigkeit sein und durch ihre Anwesenheit schaffen, wie wenn die 
Harmonie aus sich selbst die Saiten bewegte. Folghch wird der leidende 
Teil die Veranlassung der Affektion sein, indem die Bewegung von 
ihm ausgeht, entweder auf Grund einer sinnlichen Vorstellung oder 
auch ohne eine solche, indem er selbst aber ruhig in der Idee der 
Harmonie bleibt. Die Ursachen der Bewegung entsprechen dem 
Musiker, das von der Affektion in Bewegung Gesetzte den Saiten. 
Auch dort ist ja nicht die Harmonie, sondern die Saite affiziert worden. 
Es würde aber die Saite, auch wenn der Musiker es wollte, nicht in 
musikalischer Weise bewegt werden, wenn nicht die Harmonie es 
angäbe" (III 6, 4). Was liegt in diesen Sätzen? Abgesehen von den 
Argumenten für die Unaffizierbarkeit des Unkörperlichen, doch dies, 
daß es keine Kunst gibt ohne die Idee, aber auch, daß es kein Kunst- 
werk gibt ohne den Künstler, der es nach der Idee in seinem Geiste 
schafft; erst durch den Künstler wird die Idee in Bewegung gesetzt 
und wirksam und a^s solche gegenwärtig in einer Tätigkeit, „als ol)" 
die Harmonie aus sich selbst die Saiten bewegte. / Dem Musiker ver- 
gleichbar ist der Logos, der unablässig seines Mitt^eramts waltet vom 
Nus zur Seele a^s löyoa jtQOJvoq xai ävlog (wie eben erwähnt, vgl 
II 3, 17) und von der See^e zur sichtbaren Welt als /o/oc h^vkog 
(II 7, 3. III 2, 4 ff. III 6, 15. 16. IV 3, 10. 11. IV 7, 2. VI 7, 11 
u. ö.). Weiter aber darf man die Analogie zwischen Künstler und Logos 
nicht treiben. Denn der Künstler bringt sein Werk mir nach langer 
Überlegung und mit vieler Mühe zustande, der Logos nicht. Es gibt 
eine Künstlerin, die ihren Zweck ohne Nachdenken und mühe'os er- 
reicht, die Natur. Und hier öffnet sich dem Logos ein weites Feld 
der Tätigkeit, so daß man sagen kann: Anfang und Prinzip und alles 
ist Logos (III 2, 15). Der rofjTog löyoa ist es, der die Dinge in der 
Sinnenwelt erzeugt, jener altertümliche Hermes in ithyphallischer 
Bildung, von dem die aHen Weisen in der symbolischen Rätselsprache 
ihrer Geheimlehren künden (III 6, 19; vgl. III 2, 2; 3, 4). Ein löyog 
hält die Welt zusammen, aber gar mannigfaltig und vielgestaltig ist 



Die Lehre vom Logos bei Plotincs. ^^ 

das All, und in jeder Weltperiode gibt es so viele ?jr/ot als Einzel- 
wesen (IV 4, 36. V 7). Ja nicht nur die Dinge, auch ihre Qualitäten 
und Relationen sind streng genommen Wirksanüveiten, durch den 
Logos vermittelte Energien der Idee, sind loyoi Tivsg xat f/oQcpal, 
und wenn nicht selbst eU/j und Xoyoi, so doch ndovg xcd loyov 
litTcdrjrpeig (II 6 VI 1, 9. 10). 

Wir wollen, um das deutlich zu machen, nicht alle Stellen auf- 
zählen, sondern uns auf zwei Kapitel leschränken: die von der Stoa 
ül?ernommene, aber iuugebildete Lehre vom Äoyog öx^QffaTiyMg 
und das originelle Buch rrtQ) fhecoQiag Enn. III 8. 

Nach Überweg ist die stoische Lehre von den loyot ojrtQ- 
/jccTixoi eine materiahstisch und nominalistisch gestaltete Umformung 
der sUrj des Aristoteles. Anders Plotin. Als Platoniker hält er die 
Transzendenz und Substantialität der Ideen aufrecht, aber um das 
Hervorgehen der sensiblen Welt aus der intelhgiblen zu erklären, 
sucht er sie für diese Entwicklung flüssig und fruchtbar zu machen. 
Es geschieht mit Hilfe des Logos. Die Ideen sind im Nus, gelangen 
aber durch den Logos in die Seele und von da aus in die Natur. So 
ergeben sich zwei Klassen von /.6yoi : die höheren, die ro/jToi, und 
die niederen, eben die oxtQiiaxr/.oi. Auch diese sind, was ihr Name 
besagt, wirkHche hr/oi, geistige Ki'äfte und schaffende Mächte 
{öwäiitig IV 9, 3, .T£(n (Köfia -Aal OcoiiaTcov jroi/jö&ig oi löyoi 
VI 3, 16): sie bilden und weben mit an der Welt als der Gottheit 
lebendigem Kleide, ja selbst im Unorganischen, in Feuer und Erde, 
Luft und Wasser, überall ist ihre Tätigkeit zu spüren. Unsere Erde 
muß doch wohl, „auch in ihren erdigsten Erzeugnissen und Ge- 
bilden", ihrem Wesen nach Form und Begriff sein {(lOQff)) -/m) löyog). 
,,Von dem Wachstum und den Bildungen der Steine und von den 
inneren Umgestaltungen der emporwachsenden Beriie muß man 
schlechterdings doch wohl annehmen, daß ein beseelter Logos sie 
von innen heraus entstehen lasse und nach ihrer Art gestalte und daß 
dies die schöpferische Form der Erde sei, ähnlich wie die sogenannte 
Natur in den Bäumen . . /} 6tj örnaovQyovOa lyycud-rjiitvti rfi yij cpvoig 
Cojf) tv Xoycp (VI 7, 11 j.*^). Also der Logos ist in Tieren und Pflanzen 

®) Plotin sucht in diesem Kap. vorstellig 7,u machen, wie; alle Dinge 
dieser sichtbaren Welt auch in jener unsichtbaren seien. Von den Pflanzen 
lasse sich das leicht einsehen, sei doch auch die Pflanze hier ein lebendiger 
Logos. ,,Weiin also der in der Materie wirksame Logos der Pflanze, dem gemäß 



56 H. F. Müller, 

inid ü])eran eine innere und von innen heraus wirkende geistige Kraft. 
Die Stoiker dagegen kommen über den Materialismus nicht hinaus. 
Sie sagen zwar löyoq öJceQfiarixÖQ, aber das ist eigentUch eine 
Tautologie. Ihr Sperma hat gar nichts vom Logos in sich, es ist eiji 
feuriger oder luftiger oder feuchter Keim, der sich nach natürhchen 
Gesetzen entwickelt. Bei den Stoikern geschieht alles xara rfvoir 
und fpvaixolg dvdyyMfg, bei Plotin yMTcc (fcoir, weil yucrä löyor : 
o /070c jToiojv aQicov, öioixmv (III 2, 10 ff. III 3, 5). Erklären 
wir den Weltlauf nach diesen stoischen layoi öjreQimrixoi, die 
sich der Naturnotwendigkeit als einer siiiaQuhti fügen müssen, so 
geraten wir in einen starren Decerminisnms, der, weil alles Eins ist, 
eine Mehrheit konkurrierender Ursachen nicht kennt und damit eine 
kausale Verkettung der Dinge {rcöv airior tot uQi/dv xai rrir 
ovfiJtloxyr) aufhelt (III 1, 4. 7). Es verschlägt auch nichts, daß 
sie von einem allumfassenden Logos und sogar von einer Vorsehung 
reden: denn das sind nur Namen für die alkemeine Naturordnuno-, 
und in ihrer xQÖvoia fehlt gerade das beste, der rote. Nein, Geist 
ist in der Natur und Vernunft in der Welt. An der Spitze steht der 
Alleinherrscher Nus, der zugleich eine und vielgestaltige Logos, der 
alle löyoi, auch die (jjtsQffaTiy.oi providentiell regiert und zur 
Einheit zusammenschheßt. „Es werden also die Dinge im All nicht 
nach den im Samen beschlossenen Begriffen (loyoi), sondern nach 
solchen, die noch frühere in sich befassen, als die Begriffe der Samen- 
körner sind. Denn in den o.Tf(>//«r/xo< /o/o/ ist nichts von dem, 
was unabhängig von ihnen wird oder was von der Materie aus zur 
Vollendung des Ganzen mit beiträgt oder was von dem Gewordenen 
her aufeinander Einwirkungen ausübt. Vielmehr dürfte der Logos 
des Alls vergleichbar sein dem Logos, der einem Staate Ordnung und 
Gesetz gibt, indem er schon im voraus weiß, was die Bürger tun werden 
und weswegen sie es tun werden, und dem entsprechend alles durchs 
Gesetz ordnet und bei den Gesetzen mit in die Berechnung zieht 
alle ihre Leidenschaften und Handlungen, Ehren und Unehren wegen 
der Handlungen, wobei alles wie von selbst sich in den Bahnen zur 



die Pflanze existiert, ein bestimmtes Leben und eine Seele ist, so ist dieser 
entweder die erste Pflanze oder nein, er ist es nicht, sondern vor ihm ist die 
erste Pflanze, von der auch diese hier stammt. Demi jene ist Eine, diese aber 
sind viele und stammen mit Notwendigkeit aus der Einen." Erinnert dies 
nicht an die ,,Tdee" der Urpflanze? 

: / 



Die Lehre vom Logos bei Plotinos. 5 i 

Harmonie bewegt" (IV 4, 39. IV 9, 3). „Der Gesamt-Niis umfaßt 
alles wie das Genus die Arten und wie das Ganze die Teile. Auch 
mit den Kräften der Samenkörner verhält es sich ganz ebenso : jedes 
Samenkorn in seiner Ganzheit ist ein Mittelpunkt, der alle Teile des 
Organismus ungetrennt enthält; gleichwohl gibt es einen andern Logos 
des Auges, einen andern der Hände, und diese Verschiedenheit wird 
an dem von ihm erzeugten sichtbaren Organ erkannt" (V 9, 6. II 6, 1). 
AVie die Seelen viele sind und doch eine, so ist auch im Samenkorn 
eine Mehrheit von Kräften und ein Einheitliches, und aus diesem 
Einen heraus ist das Viele eins (IV 9, 3. 4). Die Seele hat in sich selbst 
durch und durch die Kraft, alles yucrä löyoiK zu schmücken, wie auch 
die h'r/oi Iv toiq öJitQimöLv die Organismen gleichsam als kleine 
AVeiten bilden und gestalten (IV 3, 10). Im Universum kommen alle 
Logoi zur Entwicklung und Entfaltung; es sind deren so viele da als 
Einzelwesen: ein jedes hat seinen eigenen Logos, auch das von einem 
andern nicht zu unterscheidende, „wenn es überhaupt ganz und gar 
nichtverschiedene Einzelwesen gibt". In verschiedenen AVeltperioden 
können ebendieselben, also durchaus identischen Dinge wiederkehren, 
in dieser jetzigen Periode gibt es nichts schlechthin Identisches; wir 
sind nur nicht imstande, den LTnterschied zu fassen und zu erkennen. 
Die Menge der ojTtQiiara und loyoi ist aber nicht unbegrenzt, den 
die Größe der AVeit und die Zahl der lebenden AA^esen, die sich in ihr 
entwickeln, liegt von Anfang an in dem sie enthaltenden Prinzip, in 
der alles umfassenden AVeltseele (V 7, 2. 3). Ein C<oov entsteht, wenn 
die Materie den loyog ojTSQ/^taTixog aufnimmt ; aber das AVesentliche 
an ihm ist der Logos, der den Stoff nach Ideen formt. Naturwidrige 
Bildungen kommen nicht von der formenden &aft, denn ,,ini Samen 
ist keine Lahmheit". Die Lahmheit z. B. der Füße schon bei der 
Geburt kommt daher, weil der Logos nicht die Oberhand gewonnen 
hat; die zufäUig entstandene ist A^erlust oder Schädigung der Form 
(V 9, 9. 10). Der im Sperma wirksame Logos schafft die Organismen, 
Tiere wie Pflanzen, nicht nach vorhergehender Überlegung, analog 
dem im Nus und in der Seele, von dem. er abstammt (VI 2, 21, V 8, 2. 3. 
IV 3, 11). Die Analogie geht noch weiter. Denn ,,wie aus dem einen 
Nus und dem von ihm ausgehenden Logos dieses All in seiner räum- 
lichen Geteiltheit und mit seinen Gegensätzen entstanden ist, so ist 
bei dem Logos im Samen alles zugleich und beisammen ohne Kampf 
und Verschiedenheit und gegenseitiges Sichbehindern der Teile, und 



58 H. F. Müller, 

doch entsteht alsl)ald in der Stoffmasse etwas mit verschiedenen 
räurahch gesonderten Teilen, die einander hinderlich werden und 
sich gegenseitig vernichten können" (III 2, 2). Der '/.oyo^ ojito- 
iicaiy.oQ ist nicht identisch mit den Dingen, die er macht, wohl aber 
der Seele, die ihn in sich enthält, wesensver\tandt. ,,Man darf das 
InteUigil)le nicht au! seine Qualität hin untersuchen wie an den Körpern 
Farbe und Gestalt; denn bevor diese waren, ist jenes. Auch der Logos 
im Samen, der diese hervorbringt, ist nicht identisch mit ihnen: denn 
unsichtbar ist auch dieser seiner Natur nach und viel mehr noch jenes, 
und die Natur jenes (des rof/röv) und des dasselbe Knthaltenden ist 
ein und dieselbe, wie der Logos im Samen und die ihn enthaltende 
Seele" (V 3, 8). Also Farbe und Gestalt bringt der Logos hervor. 
Wie aber, wenn die Qualitäten, Farbe oder Süßigkeit oder Wohlgeruch, 
unabhängig von den Körpern existieren? Dann werden allerdings die 
im Samen beschlossenen Logoi die Farben nicht machen, z. B. an den 
bunten Vögeln, sondern die bereits vorhandenen zusammenbringen und 
sich zu ihrem Geschäft auch noch der Farben in der Luft bedienen, 
die in dem angenommenen Falle voll von ihnen sein müßte (IV 4, 29). 
Doch wir sehen davon ab, und halten fest, daß die /.oyoi tv toU 
ojitQfmöi zwar nicht schlechtweg Seelen, aber nicht ohne Seele und 
nicht unbeseelt sind. Iviaft der (fvrix/) ipryj] (V 2, 2) bilden sie 
auch den Menschen, nicht als vernünftiges, sondern als animahsche^ 
Wesen; die Vernunft kommt ihm vom rorc und von der ro/yr/} fry// 
(VI 7, 4 ff.). 

Schließlich bedarf der Interpretation noch ein Satz iu Enn. V 9, 6, 
aus dem Kirchner S. 82 seines verdienstlichen Buches über die Philo- 
sophie des Plotin geschlossen hat, daß die /.oyoi OjteQiicar/.oi 
körperlich und materiell gedacht seien. Mit Unrecht, wie auch Heinze 
glaubt, ohne indes seine Meinung näher zu begründen. .Der Satz 
lautet: al fiev ovr tr roTg oxinaöL dvvdfietg exccaz/j avrojv XöyoQ 
elg oXog fjeza tcov Iv amcö tfurtQiEyojitrHor iieQvJr <(6v> ro /Ar 
ooi(iaTiy.ov v?.i]v t'/ff, oior oöov ryttöi', avzog Öa siÖog ton to 
o).()V '/cai h'r/og avrog cor fi'yjjg döti reo ytvroivri. // lonr 
Ivöaliia rpvy/jg alh]g xQSirrorog. Das heißt: ,,Jede der im 
Samen wirkenden Kräfte ist ein einiger und vollständiger 
Logos mitsamt den in ihm enthaltenen Teilen." Nun aber be- 
steht das Wesen des loyog ojitititarixög in der Verbindung, nicht 
Identität mit dem ojitQiac, das körperlich und teilbar ist oder 



Die Lehre vom Logos bei Plotinos. 59 

ni. a. ^y. viele Bestandteile wie feuchte, feste, feurige und andere hat. 
Ein jeder dieser Teile steht unter der Herrschaft des Logos, d. h. er 
wird sogleich zum Logos und zur Form gemacht {l^löyonai xiü 
itfiiOQCfcoTcu III 2, 16. VI 8, 17); insofern hat der Logos selbst Teile, 
rtoixüx'naTor yccQ ro rcär xal loyoL jtarreg Iv avtrö xal Övi'diuu 
l'ixtiQOL xal rroixi/Mi (IV 4, 36). Also wir haben in dieser Ver- 
bindung von Logos und Sperma zu unterscheiden einerseits ein Un- 
körperliches, das formt, und anderseits ein Körperliches, das geformt 
wird. ,,Das Körperhche (im Samen) hat Materie, er selbst aber, der 
Begriff (im Samen) nicht, er ist durchaus Form und identisch mit 
der zeugenden Form der Seele, die das Abbild einer anderen höheren 
Seele ist." Der Logos ist das Wesentliche im Samen und nicht die 
Materie, nicht das Feuchte als Substrat, in dem der Logos sich vor- 
findet, sondern das Unsichtbare, und das ist Zahl und Logos (V 1, 5). 
Wie könnte das Unsichtbare körperlich und materiell sein ! Nein, das 
lebendige Prinzip und die zeugende Kraft, welche einige auch die 
rpvoiQ h Tolc orrhQffaöi. nennen, ist Seele, und diese wirkt in der 
Materie organisch und nicht mechanisch, sie bewegt und bildet die 
Materie, „nicht durch Stoß und Druck, auch nicht durch Anwendung 
der vielberufenen Hebel, sondern durch Mitteilung der Logoi" (V 9, 
6 a. E.). Körperhch sollte ein Logos sein? Man lese II 7, 3 nach, 
wo Plotin sagt: ösi .rtfu vÄrjr löyov dvai xal tyyerof/Ero)- 
(croTsXEiv To oojjia xal elvat f/tr t6 ocotia vh]v xal löyov ii^orra, 
arzor Öh eiÖog ovra avsv r/?;c rpilov d^tcoQSloi^^ai, xav oti fidhora 
d'/o'jQiOTOc avTog //. Das genügt. 

Die Art des Logos whd eigentümhch beleuchtet in dem Buche 
.T£(/( H-tcoQiaq Enn. III 8, 1 — 8 und einigen dazu gehörigen PalaUel- 
stellen. Was versteht Plotin unter d^ecooia? Was der Name sagt: 
ein Schauen und kein Wissen. Das Wissen kommt durch Nachdenken 
und allerlei logische Operationen zustande, das Schauen ist ein un- 
mittelbares und intuitives Erkennen ohne Reflexion und diskur^ives 
Denken. Nun können wir wohl begreifen, daß ein solches mystisches 
Schauen im Nus und in der vernünftigen Seele stattfindet; aber, wie 
Plotin behauptet, auch in der Natur? Ja, auch in dieser. Denn unter 
„Natur" haben wir nicht bloß den Komplex der geschaffenen sinn- 
fälhgen Dinge (natura naturata, creata), sondern vielmehr den In- 
begriff der in ihrem Innern schaffenden lü'äfte oder Logoi zu ver- 
stehen (natura naturans, creatrix). Was wir gemeinhin Natur nennen, 



60 H. F. Müller, 

ist wesentlich Seele, die vermöge der Logoi von innen heraus schafft. 
Haben doch Philosophen auch sonst schon von „schöpferischen Be- 
griffen" und einer „inneren Bildkraft" der Natur gesprochen. So sagt 
denn Biotin, der Erde selbst und den Bäumen und ül^erhanpt den 
Gewächsen komme das Schauen zu; er führt die Geschöpfe und Er- 
zeugnisse der Erde auf die Tätigkeit des Schauens zurück; er will 
zeigen, wie die Natur, der man Vorstellungen und Begriffe abspricht, 
Schauen in sich selbst hat und was sie schafft eines Schauens wegen 
schafft, das sie nicht hat. Es entwickelt sich von unten nach oben 
ein Schauen nach dem andern und es erfolgt ein Angeschautes aus 
dem andern als Resultat des Schauens. — Daß aus der schöpferischen 
Tätigkeit der Natur jede mechanische Ursache entfernt werden muß. 
Hegt auf der Hand. Denn was für ein Stoß und welche Hebelki-aft 
könnte die bunte Mannigfaltigkeit von Farben und Gestaltungen 
hervorbringen? In der Natur ist alles organisch; sie wird nicht be- 
wegt, sondern sie bewegt alles durch den unbewegten Logos. Die 
Natur schafft wie der Künstler nach einer ihr vorschwebenden Idee, 
aber nicht wie dieser mit Händen und Werkzeugen, sondern mittels 
der ihr immanenten Logoi. Form {ei'do^) nmß sie sein, nicht aus 
Materie und Form zusammengesetzt. Die an sich qualitätslose Materie, 
die das Substrat bildet, erhält ihre Qualität, nachdem sie der Ein- 
wirkung des Logos unterzogen worden ist {ÄoycoH-eiöa). ,,Denn nicht 
Feuer muß hinzukommen, damit die Materie Feuer werde, sondern 
Logos. Dies ist auch ein nicht geringes Zeichen dafür, daß in den 
Tieren und Pflanzer die ).6yoi das schöpferische Prinzip sind und 
die Natur ein Logos ist, der einen andern Logos als Erzeugnis seiner 
selbst schafft, indem er zwar dem Substrat etwas gibt, selbst aber 
bleibt. Der Loüos nun, der an der sichtbaren Gestalt erscheint, ist 
bereits der letzte, ist tot und kann keinen andern mehr schaffen; der 
aber das Leben hat, ein Bruder dessen, der die Gestalt hervorgebracht 
hat, und selbst mit der nämlichen Kraft ausgerüstet, schafft in dem 
erzeugten Logos." Das ist hübsch gesagt und bei einiger Aufmerksam- 
keit wohl verständlich. Aber der kühne Satz; ov yccQ jivq du jiqo- 
Gt)JHii\ hrc jivQ ,) vhj yi'r/]Tai, dUa löyor'i Biotin erläutert 
ihn VI 7, 11 so: Auch das Eeuer ist ein Logos in der Materie, und 
das Feuer nicht von selbst durch Zufall entstanden. Woher denn? 
Aus Reibung entsteht es nicht, wie man meinen könnte: denn weil 
(las Feuer im All schon vorhanden ist, erzeugt es die Reibung der 



Die Lehre vom Logos bei Plotinos. 61 



-^o 



Ivöl'per, die bei der Reibung es schon haben; auch die Materie hat 
es nicht so der Möglichkeit nach in sich, daß es von ihr stammte. 
„Wenn also das Schöpferische als ein Gestaltendes dem Logos gemäß 
sein muß, was ist es da? Seele, die Feuer hervorbringen kann, d. h. 
Leben und Logos, eines und dasselbe beides. Deshalb sagt auch 
Piaton, in einem jeden dieser Dinge sei eine Seele, in keinem andern 
Sinn als daß sie dieses sichtbare Feuer schaffe.'^) Es ist demnach auch 
dasjenige, was hier Feuer schafft, eine Art feuriges Leben, ein wahr- 
hafteres Feuer. Das übersinnliche Feuer also, das in höherem Grade 
Feuer ist, dürfte auch in höherem Grade lebendig sein; es lebt also 
auch das Feuer an sich." Ganz recht. Wäre das Feuer nicht im Kiesel, 
wie könnte es ihm entlockt werden? Aber Logos, Leben, Seele? Auch 
die Stoiker sagen so etwas von dem Urfeuer und xv^i reyrixor, aber 
das ist weder Logos noch Leben noch Seele, sondern tote, wenn auch 
noch so feine Materie. Den besten Kommentar glaube ich bei Aristo- 
teles Metaph. VII 17 (1041b 14 ff.) gefunden zu haben. Aristoteles 
erörtert dort abermals den Begriff der oröia und bestimmt ihn so: 
die ovGia oder das ro r/ /}r ttvai. eines Dinges ist das jcqcotov airior 
seines Seins, ovoia eines jeden Seienden ist dasjenige, was sein Wesen 
konstituiert, das Öia tI für das toös ti eines Dinges. Beispiel: das 
Fleisch besteht aus Feuer und Erde, aber es ist nicht dasselbe wie 
Feuer und Erde, sondern noch etwas anderes (ertQor xi). W^as ist 
nun jenes Andere, das Feuer und Erde zu Fleisch macht? Ist es 
wiederum ein stoffliches, dem Feuer und der Erde analoges Element? 
Allein in diesem Falle würde sich noch einmal und bei der gleichen 
Antwort ins unendliche fort die Frage ergeben, was denn diese drei 
Elemente nun eigentlich zu Fleisch mache. Also etwas Stoffliches 
kann nicht das Wesen, somit auch nicht der hervorbringende Grund 
eines Dinges sein, es muß etwas Geistiges zu der Materie hinzukommen 
als die cIq'/ji und das (äxiov tov tirai toÖ) rodt. Plotin nennt 
diesen hervorbringenden geistigen Grund Logos. — Weiter fragt es 
sich, wie denn die schaffende Tätigkeit des Logos in der Natur ein 
,, Schauen" sein könne. Das Schaffen und Handeln, ttoihv und 



^) Einen solchen Ausspruch Piatons finde ich in dessen Schriften nicht. 
Oder sollte Plotin an die Stelle im Phaidr. 246 B ttügu fi ^pv^v, TtavTÖq iiri- 
Ijekenui rov diliv^ov gedacht haben, die er IV 3, 7 ungenau zitiert mit der 
Interpretation: was könnte wohl die Xatur des Körpers durchwalten oder bilden 
oder ordnen oder schaffen als die (Seele? 



62 H. F. Müller, 

xQaTteiv sei doch kein fhsfOQsTrl AVirklich iiicht? Jedes jToutr 
ist sldoc :xoitTi\ jedes künstlerische Bilden ist Darstellung einer 
Idee, die von dem Auge geschaut werden soll, wie die Seele sie ge- 
schaut hat. Desgleichen ist jedes .7r(>aTr6»' in letzter Linie ein d^tmQHv, 
denn es handelt sich um die Realisierung eines Gedankens : der durch 
die Handlung darzustellende Gedanke ist Grund und Zweck des 
Handelns. ,, Die Handlung geht nach einem Logos vor sich, verschieden 
offenbar vom Logos; jedoch der Logos, und gerade der, welcher mit 
der Handlung verbunden ist und sie leitet, ist nicht Handlung. Ist 
er also nicht Handlung, sondern Logos, so ist er Schauen; und in der 
'ganzen Sphäre der Logoi ist der letzte aus dem Schauen und so als 
ein geschauter selbst Schauen, der vor diesem Hegende aber ist in 
seiner Gesamtheit ein doppelter: einerseits nicht wie Natur, sondern 
Seele, anderseits in der Natur und Natur." Immerhin also fallen^ 
obwohl das Handeln um des Schauens willen geschieht, Praxis und 
Theorie auseinander. Kiner befriedigenden Antwort werden wir näher 
kommen, w^enn wir an die Herkunft des Logos in der Natur denken. 
Er steht in der Kontinuität des von dem transzendenten Einen her 
die Welt durchflutenden Lebens auf der untersten Sprosse der Stufen- 
leiter, er ist sozusagen der letztgeborene Sohn der Seele, die ihrer- 
seits ihn von dem Nus, dem erstgeborenen Sohne des Einen, emp- 
fangen hat (II 3, 17. 18). Da er als solcher durch ein unzerreißbares 
Band mit der intelligililen Welt verbunden ist, so sehnt er sich nach 
ihr; er schaut aus nach den höheren Mächten und schaut die von dort 
ausgehenden Bilder an; vermöge dieses Schauens, denn er hat geistige 
Kraft in sich, schafft er und tut nichts weiter als schauen und schaffen. 
Tausend und abertausend lebenski'äftige Keime streut er über die 
Erde aus und senkt er in der Erde Tiefen, plastische Formen, durch 
welche die Welt ein „stets sich bildendes Abbild'' der Urform wird. 
Ein Bewußtsein davon, das Selbstbewußtsein geht ihm ab, höchstens 
könnte man ihm ein schlummerndes Bewußtsein beilegen, ,,wie man 
etwa das Bewußtsein des Schlafes dem des Wachenden vergleicht.' 
Dasselbe gilt von der Natur im ganzen, ,, obwohl sie doch Leben ist 
und Logos und wirkende Iiraft". Versunken in ihr schaffendes Schauen^ 
wiU die schaulustige Natur {rpvOiq (ptloihm(icor) nicht gefragt und 
gestört werden. Fragte man sie dennoch, so würde sie antworten: 
,,das Gewordene ist ein Werk meines schweigenden Schauens (dkcfia) 
und das schauende Vertnögen in mir schafft eine Anschauung 



Die Lehre vom Logos bei Plotinos. 63 

{&6ojQf/ija), wie die Geometer schauend ihre Figuren zeichnen; aber 
ich zeichne nicht, sondern schaue nur, und so treten die Umrisse der 
Körper gleichsam von selber herausgleitend ins Dasein. Dabei er- 
geht es mir wie der Mutter (der Seele) und meinen Erzeugern (den 
Äoyoi) : denn auch jene sind aus dem Schauen, und ich bin aus ihnen 
entsprungen, ohne daß sie etwas taten, sondern dadurch, daß sie 
höhere Logoi sind und sich selbst schauen, bin ich geboren." Das 
klingt nun freihch einigermaßen mystisch, al)er es ist eine Mystik, 
die wiederkehrt bei ]\Iännern wie Goethe und Schelling. „Bleibt dieser 
Begriff der Natur in einem Halbdunkel, so ist dieses Halbdunkel 
doch etwas heller als die Sage vom Atom und ihre pechrabenschwarze' 
Nacht. Kommen wir ohne Mystizismus nicht aus, warum soll das 
mystische Atom besser sein als die mystisch ahnende und bauende 
Natur?"«) 

Ideen zu schauen und Gesichte zu sehen, ist recht eigenthch das 
Anhegen der Seele. Sie hat sich durch ihr Aufschauen zum Nus mit 
£tÖ9] und loyoi erfüllt. Und nun treibt sie die Lernbegier und die 
Forschungslust und die in Geburtswehen kreisende Fülle, sieh zu ent- 
binden, zu zeugen und zu gestalten, ähnlich wie der künstlerische 
Trieb sich durchsetzen und in seinen Schöpfungen manifestieren will. 
Fortwährend erzeugt sie Leben aus Leben, es gibt in der weiten Welt 
keinen Ort, wohin ihre Lebensenergie sich nicht erstreckte, so daß 
sie alles mit Formen und Gedanken erfüllt. Die unter ihrer Ein- 
wirkung stehende Natur schafft den Logos und zielt dabei auf die 
Vollendung eines andern höheren Logos ab. Die in den Tieren wirk- 
samen Logoi erregen den Trieb und die Kraft, neues Leben, d. h. wieder 
neue Gebilde und Logoi zu erzeugen. Nicht anders beim Menschen 
als animalischem Wesen. Auch der handehide Mensch, der Praktiker 
hat nicht die Handhmg allein im Auge. Motiv und Zweck des Han- 
delns ist der Logos: es soll ein Gedanke reahsiert, ein sitthches Gut 
erworben, der geistige Besitz vermehrt werden. So ist die Praxis 
in die Theorie ,, umgeschlagen". Schauen und Anschauungen sind für 
die Handelnden das Ziel, ,,und was sie gleichsam auf direktem Wege 
nicht erlangen konnten, das suchen sie auf Umwegen zu erreichen". 



^) Fr. Th. Vischer in der Jenaer Literaturzeitung 1874 Nr. 34 S. 525 in 
der Anzeige von C. G. Reuschle, Philosophie und Naturwissenschaft (Bonn 
1874). — Wunderbare Worte spricht der Apostel Paulus Rom. 8, 18 ff. von 
dem ßvGTevu^stv und GvvwSiveiv, der unoxaQadoxCu vrjg xtCohjüq. 
Archiv für Geschichte der Philosophie. XXX. 1. 5 



64 H. F. Müller, 

Haben sie ihren Wunsch erreicht und ein geistiges Besitztum er- 
worben, so ruht es in der Seele als „schweigender Logos". Das Ver- 
langen ist gestillt, bis erneutes Handeln neue Unruhe weckt. Der 
ßiog jTQaxTixog vermag sich eben nicht auf der Höhe des Gedankens 
zu halten, das vermag allein der ßiog d-ecogririxog, dem deshalb 
auch der Preis zuerkannt werden muß. Der Tugendhafte, der voll- 
kommen Weise ist bereits ganz Vernunft geworden {7.0Myirytai yörj) 
und er zeigt andern gegenüber nur den Abglanz seines Wesens, während 
er selbst bei sich selbst bleibt und schon dem Einen zugewandt in 
ungestörter Betrachtung ruht. Neben dem schauenden LiteUekt wnd 
der Eros genannt als der uns vom Boden hebt und zum Schönen der 
Ideen emporführt. Wenn aber der Eros im Sinnhchen stecken bleibt 
und die Vernunft schwächKch versagt, dann verirrt sich das Schauen 
und es treten Störungen, Verunstaltungen und Mängel aller Art ein, 
wie ja der ideenlose und gedankenarme Maler häßliche Bilder malt . 
Logoi sind freihch auch diese Mißbildungen und sogar die Krank- 
heiten, aber loyoi ärElslg, weil sie ihr Ziel nicht erreichen und den 
widerstrebenden Stoff nicht bewältigen (VI 1, 10). Dennoch behält 
die Materie nicht den Sieg, Sieger bleibt der /070c ölolx&v, der die 
Materie beherrscht und z. B. bei Verwundungen oder Erki'ankungen 
des Organismas die Gesundheit entweder von sich selbst aus oder 
nach dem Logos des Arztes wieder herstellt (HI 3, 4. 5). — Plot'n 
streift unter dem Gesichtspunkt des Schauens das erkenntnistheo- 
retische Gebiet. Seit Sokrates wird uns gelehrt, der Begriff 3ei das 
Wesen der Sache; wer den Begriff erfaßt habe, wisse die Sache. Unserm 
Buche (c. 7) entnehmen wir, daß die sinnliche Wahrnehmuno- 
{aiaQ-rjOLg) und der reflektierende Verstand {Öiavofjoeig) nach Er- 
kenntnis streben; erstere nehme den Gegenstand eben nur wahr, 
letztere wolle sein Wesen erkennen. Und was i^t sein Wesen? Logos 
Dieser Logos in dem zu erkennenden Objekt und der Logos in dem 
erkennenden Subjekt stehen einander gegenüber, dürfen aber, soll 
Erkenncnis zustande kommen, nicht voneinander getrennt bleiben, 
sondern müssen sich miteinander vermählen, „das Erkennende und 
das Erkannte müssen eins werden", und zwar je tiefer die Erkenntnis, 
des CO größer die Einigkeit. Möglich wird eine solche Verschmelzung 
darum, weil die Dinge keine toten Massen, sondern Gebilde eines 
Logos sind und. weil die Seele rastlose Energie, Logos und gleichsam 
Nus ist (c. 6). 



Die Lehre vom Logos bei Plotinos. 65 

„AVenn nun das Schauen weiter hinaufsteigt von der Natur zur 
Seele und von dieser zum Nus, und das Schauen in den einzehien 
Momenten immer inniger wird und eins mit dem Schauenden, und in 
der vollkommenen Seele die Erkenntnis als welche dem Nus zustrebe 
zusammenfällt mit dem Gegenstand: so ist in dem Nus offenbar 
beides, Subjekt und Objekt, eins, nicht durch eine gesuchte Ver- 
einigung, sondern dem Wesen nach, durch die Identität von Denken 
und Sein." Dieser Nus ist das erste Leben, das Lebendige selbst 
{avT0L.cöv), die Quelle, aus der alles andere, das psychische und sensitive 
und vegetative Leben entspringt. Auch diese Äußerungen des Lebens 
sind, weil vom vovg erzeugt, rotjatig und Xoyoi, freihch dunklere 
und abgeschwächte und am so schwächer, je weiter sie sich von ihrem 
Ursprung entfernen : ein Satz, der für Plotin die Geltung eines Axioms 
hat. Gleiches Gewicht legt er auf den Nachweis, daß der Nus, trotz- 
dem er eine für uns unübersehbare Vielheit und Mannigfaltigkeit aus 
sich entwickelt, doch in allen seiren Teilen immer derselbe eine und 
ganze Nus bleibt, ohne sich zu verringern oder gar zu erschöpfen (c. 8). 

Der monistische Zug de^ Denkens führt den Philosophen noch 
weiter überwärts, ersxscva 2'ov xcu sjitxEiva oioiag. Über dem 
Nus, in dem logisch und ideell ein Zweifaches unterschieden wd, 
setzt er das Eine schlechthin, ohne alle Attribute und Prädikate. Es 
ist nicht das AU, sondern vor dem AU; selbst nichts von aUem ist 
es der absolute Anfang und Grund aUer Dinge, der unsichtbaren und 
der sichtbaren. Wie aUes im Himmel und auf Erden an ihm hängt, 
so drängt aUes nach ihm als dem schlechtsinnigen Guten und Schönen, 
um sich mit ihm zu vereinigen, in ihm zu Stand und Wesen zu kommen. 
Beide Welten, den xoöfiog vorjzog als das Urbild und den xoOfiog 
atod^r/Tog als ein stets sich bildendes Abbild hat Plotin in großartiger 
Einheit gedacht oder vielmehr geschaut. 



III. 

Nietzsche als Philosoph 
und die Philosophie unserer Tage. 

Von 
Dr. Alfred Werner. 

Die erste Periode der Nietzscheschen Philosophie bedeutet im 
Grunde nichts anderes als eine mystische, phantastische Weltbe- 
trachtung unter dem starken Einfluß des Schopenhauerschen Pessi- 
mismus. Metaphysik, Dichtung, damit kann man die Geburt der Tra- 
gödie aus dem Geiste der Musik bezeichnen. Von klarem sinnvollen 
Bestimmen, wie es der Philosophie eigen sein soll, kann nicht die Rede 
sein. Dabei läßt es sich nicht leugnen, daß für die Betrachtung des 
griechischen Altertums und darüber hinaus für die Kultur überhaupt^ 
insbesondere für die Kunst und für ästhetische Prinzipien, neue Hypo- 
thesen aufgestellt sind, die wesentliche Fragen in einem ganz anderen 
Lichte als bisher zeigen. Auf diese zweite Periode folgt der Posi- 
tivismus Nietzsches, der Kampf gegen seine erste Philosophie. Es 
wird die Gleichsetzung von Wii'klichkeit und Wahrheit vorgenommen, 
allem Phänomenalismus Todfeindschaft zugeschworen und nur das 
tatsächlich Erfahrbare und Prüfbare anerkannt. Ursprünglich steht 
das Wahrheitsideal obenan, Wahrheit um jeden Preis ist jetzt Nietz- 
sches Devise. Sehr bald setzt er sich aber nur für die Wahrheiten 
ein, die das Leben fördern. Schüchtern taucht sogar jetzt schon 
die Meinung auf, die großen Lebenslügen ermöghchten überhaujit erst 
die Existenz des Menschen. Immerhin steht der Denker im Werte 
über dem Künstler. 

Vielleicht kann man die dritte Periode eine Vereinigung der 
beiden ersten nennen. Zarathustra besitzt die Erfahrungen des 



Nietzsche als Philosoph und die Philosophie unserer Tage. 67 

gelehrten Mannes, aber er ist mehr- als dieser, er ist ein weiser, ein 
großer Dichter und ein noch gi-ößerer Prophet. Hinter den künstle- 
rischen und rehgiösen Eigenschaften treten die wissenschaftlichen 
Bemühungen vollkommen in den Hintergi'und. Das erkenntnistheo- 
retische Problem, das WahrheitsproUem, die eigenthche philosophische 
Frage ist im Zarathustra etwas ganz Gleichgültiges. Eine Antwort 
hierauf könnte man höchstens zwischen den Zeilen lesen. 

Die letzte Periode mit dem Willen zur Macht als Kerngedanken 
gibt sich wiederum wissenschafthch, aber es sind im Grunde die ver- 
meinthch wissenschaftlichen Ausführungen eines leidenschafthcher , 
metaphysisch gerichteten Dichters. Blicken wü* jetzt auf das Lebens- 
Averk Nietzsches zurück unter dem Gesichtspunkt des Wissenschaft- 
lers, so ist der im engsten Sinne des Wortes philosophische Gehalt 
sehr dürftig. Die unzähligen Widersprüche des Dichters, die scharfen 
Gegensätze der einzehien Perioden lassen ein zusammenhängendeo 
Bild des Werkes selbst kaum aufkommen. Jeder systematische 
Zug wü'd vermißt, um so mehr als Nietzsche seine Gedanken in un- 
zähhgen Aphorismen niederlegt, die in ihrem bunt schillernden 
Eigenleben aufeinander sehr wenig Rücksicht nehmen. Außerdem 
vertritt bereits Nietzsche eine x\nsicht, die heute zum Schaden der 
Philosophie fast überall in Geltung steht. Die Philosophie bedeutet 
für Nietzsche wie für Wilhelm Wmidt im wesentlichen eine Verar- 
beitung der aus anderen Wissenschaften gewonnenen Resultate. 
Damit kommt ein unsteter Zug in die Philosophie hinein, ein flüchtiges 
Umherflattern von einem Gebiet zum anderen und außerdem eine 
mehr oder weniger geschickte Zusammenfassung von Elementen, die 
wohl nebeneinander gestellt, aber keine neue Einheit ergeben können. 
Das Aufl)lühen der Naturwissenschaft, die dem modernen Menschen 
mit ihren Ergebnissen und Experimenten eine ganz neue Welt er- 
schloß, machte sich auch im philosophischen Denken geltend. Der 
nachkantische metaphysisch gerichtete Ideahsmus hatte den Den- 
kern den festen Boden unter den Füßen entzogen, so daß sie haltlos 
rfiit ihren Phantasien in einer jenseitigen Welt, welche die reale er- 
klären sollte, umherirren. Als Gegenstoß auf diese ideahstischen 
Träumereien folgte dann die von der Naturwissenschaft bestimmte; 
auf das WirkUche eingestellte moderne Philosophie, wie sie in unserer 
Tagen von Wilhelm AVundt getrieben wird. Scheinbar hat sie damit 
ihre Bodenständigkeit wiedergewonnen. Blickt man jedoch näher 



68 Alfred Werner, 

hin, so bemerkt man, wie sie mit einer gi'oßen Zahl unoeprüfter Vor- 
urteile arbeitet, die sie als vermeintliche Wahrheiten in ihre Theorien 
aufnimmt. Schlägt man die Methode der naturwissenschaftlichen 
Philosophie ein, so wird man vielleicht bald bemerken, daß eine große 
Anzahl wissenschafthcher Probleme ganz ohne die Hilfe der Xatur- 
wissenschaft gelöst werden kann, ja sogar gelöst werden muß. 
Der philosophische Kern steckt in naturwissenschaftlicher Schale, 
die der Denker selbst herumgelegt hat. Man kann das Wesen dieses 
Kernes verstehen, ohne ein Naturwissenschaftsproblem zu berühren. 
Wenn die Naturwissenschaft es zum Beispiel mit bestimmten Körpern 
zu tun hat, deren, Besonderheit von ihr dai'getan werden soll, so hat 
es die Philosophie mit Körpern überhaupt zu tun, deren Bestimmt- 
heiten gezeig-t werden können, ohne daß eine der vielen naturwissen- 
schafthchen Besonderheiten zu ihrem Verständnis auch nur das 
geringste beitrüge. Ehemals hatte sich die Philosophie bestimmen 
lassen von phantastischen Idealen metaphysischer Art, darauf gab 
sie sich der realen Sinnfälligkeit der naturwissenschaftlichen Be- 
trachtung hin. In unseren Tagen macht sich jedoch bereits eine 
Richtung bemerkbar, die der Philosophie wiederum ihren eigenen 
Platz und ihre eigenen Probleme anweist. Die Philosophie soll nicht 
mehr in den Wolken herumphantasieren, sie soll sich aber auch nicht 
von anderen Wissenschaften Vorschriften machen lassen, sie soll 
sich auf ihr eigenes Gebiet besinnen und wieder bodenständig werden. 
Derartige Ansichten vertreten vor allem die Immanenzphilo- 
sophen. Der erkenntnistheoretische Ansatz ^nlrde von ihnen neu 
geprüft und eine interessante eigenartige philosophische Grundlage 
geschaffen. Man kann die immanente Philosophie auch einen er- 
kenntnistheoretischen, immanenten Monismus nennen. Er vertritt 
die Ansicht, es gebe keinen Unterschied zwischen den realen Dingen 
und den sie vermittelnden psychologischen Korrelaten; das Gegebene 
sei stets bewußt, im Bewußten sei sowohl Ich und Nichtich, Subjekt 
und Objekt enthalten. Nach Schuppe ist das Vorgefundene, das 
auch dem naiven Bewußtsein ohne wissenschafthche Reflexion ge- 
geben sei, das einzig sichere, von der Wissenschaft zu bestimmende. 
Es ist Aufgabe der Philosophie, insbesondere der erkenntnistheoreti- 
schen Logik, das Seiende seinem allgemeinen Charakter nach zu er- 
forschen und damit zugleich die Grundbegriffe für alle Spezialwissen- 
s^'haften zu klären. Der philosophische Ansatz, der bei Schuppe 



Nietzsche als Philosoph und die Philosophie unserer Tage. 69 

ausgesprochen subjektivistiseheii, psychologistischen Charakter trägi, 
indem die Zugehörigkeit zum, Be\Mißtsein, das Bewußtseinsmoment, 
so stark betont wird, ist dann später von Johannes Rehmke, der in 
einigen Zügen mit der Immanenzphilosophie verwandt ist, geprüft 
worden. Auch Rehmke spricht vom Gegebenen; während jedoch 
bei Schuppe die Zugehörigkeit zum Bewußtsein betont whd, also 
im Ansatzpunkt bereits ein Vorurteil liegt, wird bei Rehmke in den 
Sinngehalt des Gegebenen kein Urteil mit aufgenommen. Er sieht 
seine Aufgabe darin, an den besonderen Gegenstand der "Wissenschaft 
mit Fragen, aber nicht mit Urteilen heranzutreten. Darum whd die 
Vorurteilslosigkeit der Voraussetzungslosigkeit nicht gleichgesetzt. 
,,Die Grundwissenschaft ihrerseits setzt Gegebenes schlechtweg, 
aber nichts weiter voraus, dieses ist ihr Ansatz." (J. Rehmke, Philo- 
sophie als Grundwissenschaft, S. 55.) Dieser Ansatz gibt zu keiner 
Frage Anlaß, er ist als sicher gegebene Tatsache, als schlechthin ge- 
gebene Voraussetzung als solcher nicht unter Frage zu stellen. Die 
Erkenntnistheorie whd darum von Rehmke nicht bekämpft. Es 
wird nur mit Recht von ihm, darauf aufmerksam gemacht, daß die 
erkenntnistheoretische Untersuchung, die ein Erkennendes und ein 
Anderes voraussetze, in dieser Voraussetzung bereits ein Vorurteil 
enthalte. Eine Wissenschaft aber, die mit einem Vorurteil behaftet 
ist, kann unmöglich die Grundwissenschaft sein. Der Gegenstand 
der Grundwissenschaft ist ,,das Allgemeinste des Gegebenen über- 
haupt". Hier finden wir einen Berülu-ungspunkt zwischen Schuppe 
und Rehmke, die beide in der Philosophie die Fundamentalwissen- 
schaft erbhcken. Während jedoch bei Schuppe ein Psychologismus 
vorhegt, der durch die individuelle Färbung des Bewußtseienden 
zum Sohpsismus führen muß, hat Rehmke einen von allem Psycho- 
logismus befreiten, unangTeifbaren Ansatz für seine philosophische 
Arbeit gefunden. In dieser Beziehung ist die zweite Periode der 
Nietzscheschen Lehre heranzuziehen, die in ihren Gedanken ähnhche 
Ansichten äußert, wenngleich Nietzsche das Gegebene gewöhnlich 
dem Wirkhchen gleichsetzt, während bei Rehmke die Frage nach 
Whklichkeit oder NichtWirklichkeit bei gi-undwissenschaftlicher Be- 
trachtung gar nicht auftaucht. Der Kampf gegen Kant und den Phäno- 
menalismuri verbindet beide Denker miteinander. Im sogenaniiten 
„Ding an sich" sehen beide nur ein phantastisches Gespenst, das 
auch heute noch in den Köpfen der Phänomenalisten herumspuk.. 



70 Alfred Werner, 

die der AVirklichkeit damit die ihr zukommende Bedeutung nehmen. 
Versteht man unter Philosophie im engsten Sinne nichts anderes 
als die Klärung der allgemeinsten Begriffe, so finden wir bei Nietzsche, 
dem Künstler, doch nur sehr geringe Ansätze zu einem solchen Unter- 
nehmen. Gehört zur Philosophie auch die Lösung der Lebens- und 
Weltanschauungsfrage, die nach m,einer Ansicht stets mehr oder we- 
niger individuelle Färbung zeigen wird, so steht Nietzsche als ein 
gewaltiger Riese da, dessen WirKung auch heute noch zu spüren ist. 
Ich glaube jedoch, daß niese Probleme immer nur hypothetisch gelöst 
werden können, daß vor allem die ethischen Probleme durchaus 
von dem besonderen Volk, von dem besonderen Denker sowohl in 
der Fragestellung als auch in der Lösung abhängig '^ind. Es hängt 
doch mehr oder weniger von der faszinierenden Ivi-aft des Denkers ab, 
wenn es ihm. gelingt, die anderen von dem Wert oder der Wertlosig- 
keit des Menschen und des Lebens überhaupt zu überzeugen. Hier 
spricht das Gefühl viel lauter als der Verstand. Die großen Forde- 
rungen der Werte, die anerkann. werden sollen, haben mit dem In- 
tellekt und mit der Wissenschaft, sofern sie nicht bei der bloßen Be- 
schreibung ihrer Entstehungsgeschichte und ihrer Beziehungen unter- 
einander bleibt, gar nichts zu tun. Die laute Ekstase, mit der Denker 
wie Windclbrand, Pdckert, H. Schwartz ihre neue Philosophie der 
Werte verkünden und sich dabei als Philosophen, als Wissenschaftler 
dünken., gibt zu Bedenken x\nlaß. Man sollte das Gebiet der Lebens- 
führung und der Sittlichkeit überhaupt nicht mehr als Wissenschaft, 
sondern als Kunst betrachten. In dieser Beziehung haben unsere 
großen Dichter weit stärkere Wirkung ausgeübt als die Philosophen. 
die sich als Verkünder emer neuen Lebensanschauung nur durchzu- 
setzen vermochten, soweit sie Künstler waren. Die Wissenschaft 
allein reicht nicht aus, unser Leben zu erfüllen; die große Kunst steht 
neben ihr als gleichberechtigte Schwester und ihre neuesten Offen- 
baruno-en hat uns der Dichter Friedrich Nietzsche verkündet. 



Nietzsche als Künstler und die Kunst unserer Tage. 

Zarathustra sagt einmal. „Ich gehöre nicht zu denen, welche 
man nach ihrem Warum fragen darf. Ist denn mein Erleben V(m 
gestern? .Das ist lange her, daß ich die Gründe meiner Memungen 
erlebte." (Zarath. S. 186.) Und dennoch weiß Zarathustra mit 



Nietzsche als Philosoph und die Philosophie unserer Tage. 71 

seinen meist unbegründeten Meinungen zu überzeugen und mit seinen 
flammenden Idealen zu begeistern. Seine W-'rkungsmittel sind nicht 
wissenschaftlicher, sondern künstlerischer Natur. Nicht in logischen 
Gesetzmäßigkeiten, Abstraktionen und Folgenmgen, sondern in 
Wünschen und Hoffnungen, in bunten Träumen einer reichen, über- 
strömenden Phantasie liegt der Zauber seiner Verführungskünste. 
Auch Zarathustra ist ein Dichter, der sich bisweilen seines Werkes 
als einer bloßen Dichtung, die mit Wnkhchkeit und Wahrheit wenig 
zu tun hat, sehr klar bewußt ist. ,, Wahrlich, immer zieht es uns 
hinan — nämJich zum Reich der Wolken ; auf diese setzen wir unsere 
bunten Bälge und heißen sie dann Götter und Übermenschen. Ach, 
wie bin ich des Unzulänghchen müde, das durchaus Ereignis sein 
soll! Ach, wie bin ich der Dichter müde!'" (Zarath. S 188.) Und 
dennoch sind die Hauptgedanken Nietzsches vom Üljermenschen 
und von der ewigen AViederkehr künstlerische Erlebnisse, bloße An- 
nahmen, die an wü'klichem Tatsachenmaterial nicht geprüft und nicht 
bewiesen werden können. Die Stärke des Gefühls und der Phantasie, 
die wimdervoUe Rhythmik der Sätze, die Anschaulichkeit der vielen 
leuchtkräftigen oder melanchoHsch düsteren Bilder, das sind die Lock- 
und Zaubermittel der Dichtungen Friedrich Nietzsches. Wie der 
Künstler mit wenigen Sätzen die Schönheit des Herbstes in südhcher 
Landschaft schildert, das ist bisher von keinem Dichter übertroffen 
worden. „Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süß; 
und indem sie fallen, reißt ihnen die rote Haut. Ein Nordwind bin 
ich reifen Feigen. Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zj, 
meine Freunde : nun trinkt ihren Saft und ihr süßes Fleisch ! Herbst 
ist es umher und reiner Himmel und Nachmittag. Seht, welche 
Fülle ist um uns ! Und aus dem Überflusse heraus ist es schön hinaus- 
zublicken auf ferne Meere." (Zarath. S. 123.) Oder der Dichter 
fährt uns hinüber über den Totenfluß zu der ernsten, schweigsamen 
Insel der Verblichenen. „Dort ist die Gräberinsel, die schweigsame; 
dort sind auch die Gräber meiner Jugend. Dahin will ich einen immer- 
grünen Kranz des Lebens tragen." (Zarath. S. 160.) Schon der junge 
Nietzsche, der Schriftsteller der unzeitgemäßen Betrachtungen, 
weiß bisweilen Stimmungen von dämonischer Kraft wie flüchtige 
Impressionen auftauchen zu lassen. Am hohen, einsamen Gebirge 
ertönt plötzlich ^^^lnderbare Musik, aber die frohen Töne verstummen 
allzubald, wenn der frühe Abend heranschleicht mit seinen grauen 



72 Alfred Werner, 

Nebelschleiern. „Es liegt ein Wintertag auf uns, und am hohen 
Gebirge wohnen wir, gefähiiich und in Düi'ftigkeit. Kurz ist jede 
Freude und bleich jeder Sonnenglanz, der an den weißen Bergen 
zu uns heranschleicht. Da ertönt Musik, ein alter Mann di-eht einen 
Leierkasten, die Tänzer drehen sich — es erschüttert den "Wanderer, 
dies zu sehen: so trübe, so verschlossen, so farblos, so hoffnungslos 
ist alles, imd jetzt darin ein Ton der Freude, der gedankenlosen Freude ! 
Aber schon schleichen die Nebel des frühen Abends, der Ton verldingt, 
der Schritt des Wanderers knirscht; soweit er noch sehen kann, sieht 
er nichts als das öde und grausame Antlitz der Natur." (Schopen- 
hauer als Erzieher, S. 245, 246). In der kurzen Schrift „Der Wanderer 
und sein Schatten" whd manch eine psychologisch feine Beobachtung 
in poetische Atmosphäre gerückt; zum Beispiel der achte Aphorismus 
über die zum Tode überredende Nacht. „Sobald die Nacht herein- 
bricht, verändert sich der Wind, der wie auf verbotenen Wegen um- 
geht, flüsternd, wie etwas suchend, verdrossen, weil er nichts findet. 
Da ist das Lampenlicht, mit trübem röthchcn Scheine, ermüdet 
bhckend, der Nacht ungern widerstrebend, ein ungeduldiger Sklave 
des wachen Menschen. Da sind die Atemzüge des Schlafenden, ihr 
schauerhcher Takt, zu der eine immer wieder kehi'en de Sorge die 
Melodie zu blasen scheint, — wir hören sie nicht, aber wenn die Brust 
des Schlafenden sich hebt, so fühlen wir uns geschnürten Herzens, 
und wenn der Atem sinkt und fast ins Totenstille erstirbt, sagen wh 
uns, ,ruhe ein wenig, du armer gequälter Geist!' — wir wünschen 
allem Lebenden, weil es so gedrückt lebt, eine ewige Ruhe ; die Nacht 
überredet zum Tode. — " (D. Wanderer ii. s. Schatten, S. 195.) Ln 
zweiten Bande der ,,fröhUclien Wissenschaft" beseelt Nietzsche die 
gierigen, wilden Wellen, die alle ihi* trotziges Sonderleben fülu'en 
und mit den reichen, sich so oft widersprechenden Gedanken des 
Dichters auch in diesem Sinne verwandt sind. ,, Treibt es wie ihr 
wollt, ihr Übermütigen, brüllt vor Lust und Bosheit — oder taucht 
wieder hinunter, schüttet eure Smaragden hinab in die Tiefe, werft 
euer unendhches weißes Gezottel von Schaum und Gischt darüber 
weg — es ist mir alles recht, denn alles steht euch so gut, und ich 
bin euch für alles so gut : wie werde ich euch verraten ! Denn — hört 
es wohl! — ich kenne euch und euer Geheimnis, ich k(>nne euer Ge- 
schlecht ! Ihr und ich, wir sind ja aus einem Geschlecht ! — Hu- und 
ich, wir haben ja Ein Geheimnis !" (D. fr. Wissenschaft, S. 264.) 



Nietzsche als Philosoph und die Philosophie xiuserer Tage. 73 

Das starke Gemütsleben, die schöne Sinnlichkeit, die allem Ab- 
strakten abhold ist, bilden die wesenthche Grundlage für die Nietzsche- 
schen Schöpfungen. Oft ist es auch die rein technische Freude an 
der wohlgerundeten Form, die den Autor dazu verleitet, manch einem 
Gedanken eine zunächst gar nicht beabsichtigte Wendung zu geben; 
wie große Künstler sich bisweilen vom Zwange des Reimes verleiten 
lassen — man denke an Lenau, an Stefan George — , wie Max Lieber- 
mann oft erst durch die praktische Ausführung seiner Werke zu 
interessanten Lösungen geführt wird. Metzsche hat sich weit mehr 
von künstlerischen als von wissenschaftlichen Gesetzen leiten lassen 
Den Künstler treffen die Vorwirfe des Widerspruches nicht, die 
wir gegen den Denker Nietzsche erheben. Zwei auf emanderf olgende, 
sich widersprechende Behauptungen können beide künstlerisch wert- 
voll sein. Beruht doch der künstlerische Wert im wesentlichen auf 
der Gefühlsbeseeltheit, die aus der vom Künstler geformten Materie 
zu uns spricht. Die Freude an der Beseelung alles Lebendigen ist 
ein unwissenschaftliches Prinzip. Die Fähigkeit, sich in alles Gegen- 
ständliche einzufühlen, ist vielleicht notwendig mit einem dauernden 
Wechsel in der Einstellung, mit steter Veränderung der Gesichtspunkte 
verbunden. Erst mit dieser schillernd bunten, auch in ihrem Hellig- 
keitsgi'ad ständig wechselnden Beleuchtung vermochte der Dichter 
Nietzsche dieselben Dinge so verschieden zu beurteilen und so ver- 
schieden zu bewerten. 

Neben der meisterhaften Schilderung von Seelenzuständen, 
neben der feierhchen Rede des Propheten, der Zukunftsideale predigt, 
finden wir bei Nietzsche stim.mungs volle Gemälde, deren Motive aus 
Kunst und Natur stammen. 

Wir stehen im Spätherbst auf ödem Felde und haben eben unserer 
Heimat, der Vaterstadt, ein letztes Lebewohl gesagt. Einsam ziehen 
wir unseres Weges, einem unbekannten Geschick entgegen. Stille 
ist um uns, nur bisweilen stoßen die Krähen ihre heiseren Schreie aus 

„Die Krähen schrei'n 
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: 
bald wird es schnei'n, — 
weh dem, der keine Heimat hat !" 

Sehr oft wird der Zauber Venedigs lebendig. Im Mittagsglaiize 
liegt der Markusplatz vor uns. Der blaue Himmel ist wie ein seidenes 



74 Alfred Werner, 

Dach ausgespannt. Der Markusturm ragt trotzig empor, der Dogen- 
palast zeigt sein buntes Kleid, so reich und schillernd wie das eines 
Pfauen; die Tauben flattern uns zu Füßen. Oder wir stehen am Kanal 
Grande. Gondeln huschen vorüber, Musik ertönt, hier und da blitzen 
bunte Lichter aus dem Dunkel. 

„An der Brücke stand 
jüngst ich in brauner Nacht 
Fernher kam Gesang: 
goldener Tropfen quoll's 
über die zitternde Fläche weg 
Gondeln, Lichter, Musik — 
trunken schwamm's in die Dämm'rung hinaus" . . . 

Grandiose Meeresstimmungen in ihrem ewigen Wechsel hat Nietzsche 
mit einer Größe im Strich und einer Feinfühligkeit der Farben in 
"Wortgebilde gebannt wie kein zweiter. Man rühmt gewöhnlich Heine 
als den großartigsten Sänger des Meeres. Ihm ist Nietzsche an Reich- 
tum der Stimmungen und an Feinheit der Einfühlung überlegen. 
Über ein so vielsaitiges Instrument wie dieser, verfügte Heine nicht. 
Die Meeresbilder bedeuten die Lieblingsgleichnisse bei Nietzsche. 
Ewig wechselnd wie das Meer ist auch die Seelenhaltung des Dichter.,. 
Dabei geht er über eine bloße Schilderung der Natur meist hinaus. 
Was er sag't, soll symbolisch aufgenommen werden. Eng verbunden 
damit ist Nietzsches künstlerische Art überhaupt, die mit zum stärksten 
Ausdruck der modernen Romantik gehören dürfte. Nietzsches Eigen- 
art ist selbstverständlich nicht genügend bezeichnet, wenn man sie 
romantisch nennt, wie ja das Individuelle eines Dichters ))egrifflicli 
überhaupt nicht zu bestimmen ist. Denn das BegTiffliche ist nichts 
anderes als das Allgemeine, das stets mehreren eigen ist, und das Per- 
sönliche eines Dichters ist nichts Begriffliches, weil es ja ihm aUeiji 
zugehölt. Dennoch kommen wir in der Literaturbetrachtung um die 
Hilfsbegriffe nicht herum. Ein solcher HilfsbegTiff wird auf die 
Dichter angewandt, trotzdem damit niemals eine erschöpfende Be- 
stimnmng des Einzelnen, vielmehr nur eine Einordnung im großen 
ermöglicht wird. Zwei Gegensätze, die durch die ganze Literatur, 
ja durch alle Perioden der Kunst überhaupt festzustellen sind, die 
zum Verständnis des Kunstwerks beitragen können, sollen hier kurz 



Nietzsche als Philosoph und die Philosoiihie unserer Tage. 75 

erläutert werden: die Geoensätze des Klassischen und des Roman- 
tischen. 

Das klassische Kunstwerk ist völlig in sich gerundet und ge- 
schlossen. Inhalt und Form decken sich. Die Kunstseele ist aufs 
engste mit dem Kunstleibe verbunden. Die geschlos^^ene, in sich selbst 
ruhende Einheit ist das klassische Kunstwerk. Für den Betrachter 
bedeutet das : engste Konzentration auf das Kunstwerk, mit dem aller 
seelische Gehalt aufs innigste verschmolzen ist. Alle Gefühle und 
Stimmungen gehen in das Werk selbst ein oder sie erwachsen aus 
ihm, sie strömen dem Betrachter gleichsam entgegen, um wiederum 
zu ihrem Ausgangspunkt zurückzufluten. Um einen von den ,,Ein- 
fülilungsästhetikern'', besonders von Theodor Lipps beliebten Aus- 
druck zu gebrauchen: beim klassischen Kunstwerk ,, objektivieren" 
wii' alles Seelische im Kunstwerk selber, mit den Ausdrücken der ani- 
mistischen Ästhetik*) hieße das : Kunstleib und Kunstseele bilden 
eine Einheit, wie Leib und Seele eine Einheit bilden. Daher stammt 
der ausgeglichene harmonische Zug in der ,, großen Kunst", die olym- 
pische Ruhe in der Bewegung. Der Mensch ist das Maß aller Dinge. 
Das ist der Hauptsatz des Klassikers. Unter diesem Gesichtspunkt 
sollte man den gTiechischen Tempel, die Plastik des Phidias, Bra- 
mantes Entwurf für St. Peter, einen Renaissancepalast in Rom 
betrachten. Da gibt es keinen Überschwang des Gefühls, kein „Über- 
schäumen über alle Ränder", sondern im edelsten Sinne des Wortes 
menschüche Gebilde. Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Für den 
Menschen ist der Renaissancepalast gebaut, er ist „wohnlich" und paßt 
sich in großem Stil den Maßen des menschlichen Körpers an. Über- 
sichtlichkeit und klare Faßlichkeit der Gebilde erwächst aus dieser 
„Vermenschhchung" der Kunstwerke. 

Das romantische Kunstwerk ist niemals in sich selbst geschlossen 
oder doch nur in beschränktem Sinn. Es ist stets Symbol, das über 
sich selbst hinausweist und nur einen kleinen Kreis darstellt, der 
stets einen größeren bedeutet. Stimmungsanreger ist das romantische 
Kunstwerk. Im Gegensatz zu den klassischen Melodien Mozarts 
seien die romantischen Tonfolgen Wagners oder Richard Strauß" 
genannt. Für den ästhetischen Betrachter, der sich der Kunst Wirkung 



*) Zeitschr. f. Ästhetik u. Allg. Kunst wissensch. Juli- u. Oktoberheft 1914, 
Werner: „Zur Begründung einer animistischen Ästhetik". 



76 Alfred Werner, 

hingibt, liegt im Werke selbst der Zwang, über den in ihm liegenden 
Seelengehalt hinauszugehen. Der Betrachter muß aus eigenem Er- 
leben heraus die im Werke liegende Stimmung ausdeuten und weiter- 
spinnen. Das romantische Kunstwerk im weiteren Sinne wird über- 
haupt erst, wenn es einen produktiven Betrachter findet. Aus eigenem 
Vorstellungs- und Gefühlsreichtum muß der Betrachter sowieso 
bei jedem Werke, auch dem klassischen, spenden, um die ästhetische 
Beseelung zu ermöghchen; während der vom Betrachter aufgebrachte 
Seelengehalt beim klassischen Kunstwerk völüg mit dem Objekt 
verschmilzt, treten im Genuß des romantischen Kunstwerks Asso- 
ziationen hinzu, die nur selten der Kunstseele zugehörig sind, 'viel- 
mehr als selbständige Gebilde, bildhch gesprochen als konzentrische 
Kreise um das Werk gelagert sind und die ihm eigene Atmosphäre 
bilden. 

Als ein Beispiel für romantische Lyrik sei hier an das dritte Ge- 
dicht aus dem Zyklus gedacht, der die Üüerschrift trägt: „Die Sonne 
sinkt". 

Das Gedicht ist auch ohne jede Symbolik zu begTeifen; aber es 
wird erst einigermaßen erschöpft, wenn man sich in die von Nietzsche 
bisweilen so heiß ersehnte Ruhe hineinversetzt, die seiner leidenschaft- 
lichen Seele in glücklichen Stunden beschieden war. 

„Heiterkeit, güldene, komm! 
du des Todes 

heimlichster, süßester Vorgenuß! 
Lief ich zu rasch meines Wegs? 
Jetzt erst, wo der Fuß müde ward, 
holt dein Blick mich noch ein, 
holt dein Glück mich noch ein. 

Rings nur Welle und Spiel. 

Was je schwer war, 

sank in blaue Vergessenheit, — 

müßig steht nun mein Kahn. 

Sturm und Fahrt — wie verlernt' er das 

Wunsch und Hoffen ertrank, 

glatt liegt Seele und Meer. 



Nietzsche als Philosoph und die Philosophie unserer Tage. 77 

Siebente Einsamkeit ! 

Nie empfand ich 

näher mir süße Sicherheit, 

wärmer der Sonne Bück. — 

Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch? 

Silbern, leicht, ein Fisch, 

schwimmt mm mein Xachen hinaus . . . ." 

Wü'ft man einen Bhck in die moderne Literatur, so findet man 
von Nietzsche stammende Gedanken in Hiüle und FüUe. Das ,, Über- 
menschentum" hat unter den Jüngeren begeisterte Anhänger gefunden, 
wemigleich der Gedanke gegen den WiUen Nietzsches oft ins schranken- 
los Erotische oder ins ski'upellos Egoistische umgebogen wurde. Echte 
Jünger Nietzsches erbhcke ich vor anderen in Richard Dehmel und 
in Max Klinger, die in ihrer Lebensanschauung von ihrem Meister 
beeinflußt \mrden, ohne daß darum die eigenartige Auschuckski'aft 
ihrer genialen Schöpfungen gehtten hätte. 

x\ls Vertreter neuester Romantik seien endhch Stefan George 
und Hugo von Hofmannsthal genannt, die jedoch rein gedanklicL 
weiter von Nietzsche abrücken. 



IV. 

Dialog: Piaton oder Über die ersten Dinge zur 
Einführung in die Methode des Piatonismus. 

Von 
Dr. Wilhelm M. Frankl. 

„Diese Ideenlehre des Piaton blieb zu allen Zeiten, 
bis auf den heutigen Tag, ein Gegenstand des Nach- 
denkens, des Forschens, des Zweifeins, der Verehrung, 
des Spottes so vieler und so verschieden gesinnter Köpfe 
im Laufe der Jahrhunderte: ein Beweis, daß sie wich- 
tigen Inhalt und zugleich große Dunkelheit hatte." 
Schopenhauer, Nachlaß II 40 f. 

Piatons Ideenlehre ist „in der nüchternen Form eines 
philosophischen Systems bei weitem nicht so poetisch, 
wie in den einzelnen Dialogen, wo sie in bunten, immer 
neuen und verblüffenden Formen dem jeweiligen Zwecke 
entsprechend wie spielend gehandhabt wird". 

Jurandic, Prinzipiengeschichte der 
griechischen Philosophie S. 91. 

Personen: Sokrates. 
riaton. 

Sokrates: Für das Nichtselbstverständliche also suchen wir Gründe. 
Ist es nicht so? 

Piaton : Gewiß. 

Sokrates: Nicht aber füi" das Selbstverständliche. Will man also 
beim Forschen ans Ziel gelangen, so nuiß man bis zum Selbst- 
verständlichen fortschreiten. — Oder nicht? 



Dialog: Platen oder über die ersten Dinge usw. 79 

Platon: "Wie du sagst. 

Soki-ates: Was ist nun das Xichtselbstverständliche ? 

Platon: Was denn, o Sokrates? 

Soki'ates: Ist es nicht z. B. das, daß irgend ein Mensch denke, oder 

daß irgend ein Laubwerk verwelke; kurz: daß einem ein 

anderes zukomme? 
Platon: So scheint es, o Sokrates; aber nicht immer verhält es sich 

so. So ist es z. B. klar und selbstverständhch, daß das Gerade 

zugleich das Kürzeste ist. 
Sokrates: Beachte doch, daß ich nicht, behauptet habe, daß es sich 

allewege so verhalte, sondern niu", daß, wenn irgendwo ein 

Xichtselbstverständliches vorliegt, daß dann notwendigerweise 

einem anderen ein anderes zukomme bzw. zugeschrieben 

werde. 
Platon: Ich beachte es und verstehe, o weisester Sokrates. 
Soki'ates: Aber wohlan! Was ist nun also selbstverständlich? 
Platon: Daß einem dasselbe zukomme, ist selbstverständhch. 
Soki-ates: Richtig. Daß also das Kreisförmige kreisförmig, das Fahle 

fahl, das Schwere schwer sei, hältst du für selbstverständlich? 

Platon : Ganz gewiß. 

Sokrates: SÄid wii nicht jetzt ans Ende jegiicher Forschung gelangt? 

Platon : In wiefern ? 

Sokrates: Ximm an, ein Stein sei rot. Das nun ist entweder selbst- 
verständlich oder nicht. 

Platon: Xicht selbstverständhch, o Sokrates. 

Soki-ates: Daß aber das Rote rot sei, dürfte vielleicht selbstverständ- 
hch sein? 

Platon: Wie anders? 

Sokrates: Rot also ist ein Stein, weil er ein Rotes ist, denn wäre er 
nicht ein Rotes, so wäre er auch nicht rot. 

Platon: Ganz ge^^•iß. 

Sokrates: Und ebenso, wie ein Stein rot ist, weil er ein Rotes ist, 
ebenso ist eine Frucht süß, weil sie ein Süßes ist, und ebenso 
(verhält es sich) mit den anderen Dingen, z. B. damit, daß der 
Mensch vernünitig ist, weil er ein Vernünftiges ist. 

Platon: Sicherhch. 

Archiv für Geschichte der Philosophie. XXX. 1. Q 



80 Wilh. M. Frankl, 

Sokrates: Jetzt nun wäre es ersprießlich, jenes Rote, von dem es 
sich von selbst versteht, daß es rot ist, mit einem Xamen. zu 
belegen, damit wir in den Stand gesetzt werden, dieses von dem 
nicht an sich selbst Roten mit Leichtigkeit zu unterscheiden 
und ebenso das an sich Süße und das an sich Vernünftige. 

Piaton: Das erste Rote, das erste Süße, das erste Vernünftige niöchte 
ich 's nennen. 

Sokrates: Schön, o Piaton! Wenn du nur immer dessen eingedenk 
bleiben wirst, daß sich das nicht auf die Ordnung in der Zeit 
bezieht, sondern in einer anderen Beziehung gemeint sei. Und 
analog muß es ein erstes Seiendes geben, durch welches alles, 
was da ist, sein Sein hat, indem es an dem Sein jenes teil- 
nimmt. 

Piaton: Sehr schöne Gedanken entwickelst du. 

Sokrates: Und ein Ur wahres, durch dessen Wesenheit alles wahr ist, 
was wahr ist, und ein Urschönes, durch dessen Gegenwart alles 
schön ist, was schön ist, un.d ein Urgutes, das alles Gute zu 
Gutem gemacht hat. 

Piaton: Wie, o Geliebtester könnte es anders sein? 

Sokrates: Wie nun, o Lieber, scheint dir das erste Seiende auch drei- 
eckig zu sein? 

Piaton: Wie das? Deine Rede ist sonderbar. 

Sokrates: Es genügt also, daß das erste Seiende sei und daß das erste 
Dreieck dreieckig sei. 

Piaton: So scheint es. 

Sokrates: Wie kommt es nun zustande, daß ein Seiendes dreieckig 
oder ein Dreieck seiend sei? 

Piaton: Wie anders, als durch eine Art Zusammensein und Gemein- 
schaft des ersten Seienden mit dem ersten Dreieck? 

Soki'ates : Sind wir wohl auf richtigem Wege hierzu gelangt ? 

Piaton: Was fragst du? 

Sokrates: Ist es nicht staunenerregend, wozu wir gelangt sind? 

Piaton: Fiü'wahr, erstaunlich ist es, o Sokrates! 

Sokrates: Haben wir nicht jetzt endlich alles Nichtselbstverständliche 
auf Selbstverständliches zurückgeführt? 

Plalon: Wenn es auch beispielsweise selbstverständhch ist, daß das 
Rote rot ist und sich das anders nicht verhalten kann, so ist 



Dialog: Platoii oder über die ersten Dinge usw. 81 

doch das keineswegs und niemals allein auf Selbstverständ- 
liches zurückzuführen, daß ein Stein rot ist. 

Sokrates: Sind wir nicht übereingekomraen, daß das daherrühre, 
daß jener Stein ein Kotes ist? 

Piaton: Beim Zeus, ja! Aber gerade das ist nicht selbstverständlich. 

Soki-ates: Wirst du nun nicht unsere Untersuchung für verächtlich 
und wertlos halten, da wir wiederum zu einem Nichtselbst- 
verständhchen gelangt sind? 

Piaton: Keineswegs, sobald wir nur richtig geschlossen haben. 

Soki-ates : Wohl gesprochen, o Piaton ! Ii'gend eine Vereinigung 
irgend welcher zweier erster Dinge hat einen Grund, sei es in 
der ersten Vereinigung derselben, »sei es in etwas anderem. 

Piaton: Wenn ihr Grund die erste Vereinigung wäre, müßte sie da 
nicht ewig sein? Im Gegenteile sehen wir, daß Dinge sich ver- 
ändern, ja sogar entstehen und vergehen. 

Soki'ates: Wäre es nicht glaubwürdig, o Piaton, wenn, man dieses 
Entstehen und Vergehen und dieses sich Verändern zurück- 
führte auf die Vereinigung eben dieser entstehenden und ver- 
gehenden und sich verändernden Dinge mit der ersten Ent- 
stehung und dem ersten Vergehen und der ersten Verände- 
rung ? 

Piaton: Wenn sich auch dieses so verhielte, so wäre doch wieder 
jene Vereinigung aus irgend einem anderen Prinzipe abzuleiten. 
Denn ewig ist sie nicht, und entweder wirst du ins Unendliche 
fortschreiten oder du wirst Gründe anderer All suchen. 

Sokrates: Wohlgesprochen, o Piaton! Als diesen anderen Gründen 
zugehörig nenne ich dir einerseits die mathematischen, anderer- 
seits die physischen Gesetze. Und zwar regeln die letzterei^ 
das Zusammensein mit dem ersten Seienden und wachen 
darüber; über das Zusammensein anderer erster Din^ge unter- 
einander haben die mathematischen Gesetze die Aufsicht. 
Ihr Werk ist ewig. 

Piaton: Dank dir, o Sokrates! 

Sokrates: Und auch ich sage dir Dank, heber Piaton! Freuen wir 
uns also in der Erkenntnis des ersten Seienden., das an sich 
eingestaltig ist — weder dies noch das — , mit allem aber zu- 
sammentretend aus NichtSeiendem Seiendes schafft, indem es 

6* 



82 Wilh. M. Frankl, 

sich auf irgend eine Weise vervielfältiot — sich mischend mit 
etwas NichtSeiendem — und das, obgleich alles, was ist, seiend, 
dennoch eines an sich selber bleibt wandellos und unvermischt 
in Ewigkeit. 

Den vorstehenden Dialog wollte ich ursprünglich — vor allem 
stilgemäß — in griechischer Sprache und womöghch ohne x\ngabe 
des Verfassers veröffentlichen. Da er mh aber so weder von den 
philosophischen noch von den philologischen Zeitschriften, an die ich 
mich damals gewendet habe, aufgenommen wurde, habe ich mich 
entschlossen, ihn in deutscher Sprache zu veröffentlichen, da er nach 
meiner Überzeugung ein handUcher Schlüssel ist, in die Denlrtechnik 
des Piatonis mus einzuführen. 

Ln übrigen verweise ich auf nieine später entstandene Studie 
„Piatonismus" in dieser Zeitschrift XXIII, Bd. 4, Heft 1910. Dem 
habe ich noch folgendes, das freihch auch zusammenfassende Wieder- 
holungen fordert, anzuschließen. — Das Verständnis des Dialoges, 
der ganz absichtlich einiges Unvollkommene enthält, ist nicht an 
das Verständnis des Folgenden (Ergebnisse jahrelangen Nachdenkens) 

gebunden. 

Die „Ideenlehre" ist für Piaton charakteristisch. 

Piatonismus ist die Denkmethode, die zur „Ideen- 
lehre" führt. 

Der Name „Idee" wird in einem weiteren und in einem 
engeren Sinne verwendet. 

Im weiteren Sinne ist Idee jedwedes 6r yxcO-' kirro, ini engeren 
Sin.n.e ist sie nach Xenokrates jtagddsiyfia rojv xara ffioiv ael 
ryvvsoTokfov. (Auf die erstere bezöge sich adäquat (Ue iiäS-estg, 
auf die letztere zugleich die itifttjGig). 

Piatonismus findet sich auch außerhalb Piatons, z. B. 
bei Parmenides*), dessen Ausgangspunkt ein Begriff ist, in Hinsicht 
dessen er alle eigentliche fitd-s^ig negiert, während Plato gelegent- 
hch von einem „empirischen" Befund ausgeht, den er zu „retten" 
{diarjf6^£ir) bestrebt ist. Es ist das Doppelmotiv a) vom einen All- 
gemeinen mit vielem Besonderen, h) von dem einen Ding mit vielen 
Eigenschaften, das dann anklingt. 



*) Zum mindesten läßt sich der Hauptteil seiner Lehre so auffassen. 



Dialog: Piaton oder über die ersten Dinge usw. 83 

Daß sich bei Schriftstellern außer Piaton nicht immer 
vollständiger, reiner nnd ausschließlicher Piatonismus 
finden wird, ist naheliegend. 

Auch bei Piaton ist der Piatonismus nicht vollständig 
und nicht ausschließlich, sofern in seinem Gedankengebäude 
auch Gedanken anderer Provenienz und nicht nur als Ausgangs- 
punkte Platz finden. „Platonisch" und ,,platonistisch" decken ein- 
ander nicht. 

Charalrteristisch in dieser Hinsicht ist, daß die Ergebnisse de> 
Piatonismus bei Piaton vielfach Andeutungen von etwas Höherem 
sein sollen, das die tiefste Sehnsucht der Seele befriedigt. So wird 
die Spitze der Weltpyramide deutungsweise — und keineswegs bloß 
definitorisch — im äyad-ov gefunden. 

Der Piatonismus ist unzureichend, das Welträtsel zu lösen. Eine 
hierher gehörige Ergänzung innerhalb des platonischen Gedanken- 
gebäudes bietet die Rolle, die die rpvyj^ spielt. 

Ich halte es zurzeit nicht für ausgeschlossen, daß Antisthenes' 
angebliche Lehre vom oixslog h'.yoc. eine Persiflage auf einen nicht 
ganz verstandenen Platouismus sei. Da mir die Fragmente des Anti- 
sthenes nicht bekannt sind, habe ich indes kein definitives Urteil 
darüber. 

Das wirklich historische Verhältnis Plato-Aristoteles ist viel- 
leicht nicht zu kläreu. Iii.dessen bestehen die angebhch die Ideen- 
lehre kiitisierenden Kapitel der Metaphysik zu Recht (mit Ausnahme 
etwa des xq'lxoq, avi^Qcojtog), ohne daß damit die tatsächlichen, 
Ergebnisse des Piatonismus angetastet würden. • — Die Doppelsinnig- 
keit von or mag viele Mißverständnisse (in der großen Menge) ver- 
anlaßt haben. Auch die aristotelische Präzision der Wortbedeutungen 
macht sich bemerkbar, z. B. betreffs ymQiGxöv. — Im übrigen 
dürfte das Inbetrachtziehen des Unterschiedes von exoterisch und 
esoterisch bei Plato hier wie beim td't'ß-Begriff letztlich alle Schwierig- 
keiten einheithcher Auffassungsmögiichkeit beseitigen. 

Das Verhältnis Plato-Demoki'it (ersterer als Vertreter des Pla- 
tonismus) ist sachlich — prinw ein methodischer Unterschied. 

Piatonismus, einmal zu Ende gedacht (und er läßtTsich zu 
Ende denken), ist in seinen p]rgebnissen, ohne zu werden. Er lebte 



84 Wilh. M. Frankl. 

allenthalben in unklarer Verknüpfung mit Thesen anderer Provenienz, 
deren Geltungsbereich ev. andere Gebiete sind. Teilweise bei Plato 
selbst, der jedoch eine Almung solchen Sachverhaltes gehabt haben 
dürfte. 

Die Klauseln, mit denen der Piatonismus bei Plato schon be- 
haftet erscheinen mag (betreffs des Seins und des Relativen), mit 
denen behaftet er ausdi'ücklich in der Scholastik auftritt, die in un- 
serem Dialog absichtlich unberücksichtigt gebheben sind, ergeben 
sich aus dem Tatbestande solcher ^lischung. 

Der Erkenntnischemiker Kant war der Meiniwig, durch seine 
Ivritik dem Scheinleben des Piatonismus in der Scholastik ein Ende 
l^ereitet zu haben. Wesentlich dasselbe trifft Meinongs Unter- 
scheidung von Gegenstandstheorie und Wirklichkeitswissenschaft. 
Bei solcher Mischung werden betreffende Thesen auf Gmnd von 
Äquivokation in einem außer berechtigten Sinne genommen. 



Rezensionen. 

Hans Vaihinger, Der Atheismusstreit gegen die Philo- 
sophie des Als Ob und das Kantische System. 8°. 32 S. Reuther 
& Reichard, Berlin. 

Die kleine Schrift von Vaihinger, die zuerst in etwas kürzerer Fassung 
im Festheft der Kantstudien zum 70. Geburtstag Rudolf Euckens erschien, 
ist weniger bemerkenswert durch die persönliche Polemik gegen „Herrn Hugo 
Bund", alias Dr. Hugo Otczipka, als durch eine Reihe von Bemerkungen, 
die auf die Religion überhaupt, auf das Kantsche System und vor allem auf 
die Philosophie des Als Ob helle Streiflichter werfen. 

Auf religiösem Gebiet vertritt Vaihinger die Ansicht, eine liberale und 
eine konservative Richtung könnten sehr wohl nebeneinander bestehen, wäh- 
rend Hugo Bund, abgesehen von Widersprüchen, auf die sein Gegner hinweist, 
der Meinung ist: ,,Wer an die Dogmen seiner Kirche nicht mehr mit auf- 
richtigem Harzen glauben kann, der soll sich offen und ehrlich von ihr lösen." 
Vaihinger entgegnet darauf: ,, Überall und zu allen Zeiten haben es weise 
Regenten und Regierungen verstanden oder wenigstens danach gestrebt, 
diese beiden Richtungen der Religion, die konservativere und die liberalere, 
im Gleichgewicht zu erhalten, um einerseits das Erstarren der Religion im 
Buchstaben der Dogmen zu verhüten, und um andererseits die freiere Rich- 
tung stets wieder an die Realitäten des Lebens zu erinnern, welche sie in ihrem 
Fluge zu leicht zu übersehen geneigt ist." 

Wenn Hugo Bund in Kant einen „Vertreter des Jesuitismus in seiner 
schlimmsten Form" erblickt und ihm wegen gewisser Widersprüche und 
Vieldeutigkeiten „Unlauterkeit des Charakters" vorwirft, so ist es erfreulich, 
die mit jugendlicher Begeisterung geschriebene Entgegnung Vaihingers zu 
lesen. „Daß Kant mit den Problemen ehrlich gerungen hat, daß er in diesem 
Ringen allen Seiten der schwierigen Weltprobleme und Lebensfragen gerecht 
zu werden versuchte, daß er in immer neuen Ansätzen und von den verschie- 
densten Angriffspunkten aus die Schwierigkeiten zu überwinden suchte, daß 
er seine Leser an diesem Ringen um diese Probleme teilnehmen läßt, daß er 
nicht mit starrer Einseitigkeit nur eine Linie verfolgt, sondern die ganze 
Fülle und Vielseitigkeit- der Probleme aufdeckt, daß er nicht dogmatisch 
dekretiert, sondern suchend und untersuchend vorgeht — alle diese Vorzüge 
Kants sind für Bund nur Gelegenheiten, über den großen Mann mit wüstem 
Geschrei in blinder Wvit herzufallen." 



86 Rezensionen. 

Für die „Als Ob-Theorie" ist vor allem der folgende Satz Vaihijigers 
von Wichtigkeit, in dem er gegenüber Bund ilue positive Bedeutung vertritt: 
„Die Als Ob-Betrachtung verwandelt die theoretischen, ethischen und reli- 
giösen Ideen nicht etwa in leere Einbildungen, sondern stellt im Gegenteil 
deren Nützlichkeit, ünentbehi'lichkeit, ja Notwendigkeit in denkbar stärkstem 
Maße fest, und macht sie damit unabhängig von allen metaph3'sischen Speku- 
lationen, indem sie ausschließlich ihren praktischen Hilfswert betont." 

Die in formvollendeter, lebendiger Weise vorgetragene Abhandlung 
Vaihingers verdient besondere Aufmerksamkeit, weil sie ein wichtiges Zeit- 
dokument ist und weil sie nach des beinahe erblindeten Forschers eigenen 
Werten vielleicht das letzte sein wird, was er öffentlich sagen kann. 

Alfred Werner. 

Dr. Mircea Florian, Der Begriff der Zeit bei Henrj- Bergson. 8^ 126 S. 
Greifswald 1914. Bruncken & Co. 

Der Kritiker findet die erste ernste Schwierigkeit in der Unklarheit 
und Unbestimmtheit Bergsonschen Denkens, das mit fließenden Begi'iffen 
umgeht, und, wenn wir endlich eine klare Fassung herausgefunden zu haben 
meinen, immer noch einen Vorbehalt wie: „dans une certaine mesure", „plutos", 
„pour ainsi dire" usw. macht, der oberflächlich alle Widersprüche auszugleichen 
scheint, aber — offen gesagt — gar nichts zur Klarheit beiträgt" (S. 9). Mit 
diesen Worten entschuldigt sich der Bukarester Philosoph für alle — wie ich 
glaube unvermeidlichen — Ungerechtigkeiten, die dem Kritiker bei einem 
so vieldeutigen Denker wie Bergson mit unterlaufen müssen. Als der wesent- 
lichste Begriff der Bergsonschen Philosophie wird von Florian „Die Schöpfung" 
hingestellt, die ewig neue Zeugung aus dem Nichts, die im Grunde jede Konti- 
nuität ausschließt. Als Mittel der Erkenntnis, der Erfaßbarkeit der Wahrheit 
wird die Intuition angesehen, nicht etwa logisch klares Begreifen. Beigson 
hat sich, ähnlich wie Descartes, von der Sinnenwelt abgewandt, in sein eigenes 
Wesen versenkt, aus der Selbstvertiefung heraus, demi anders ist diese geheim- 
nisvolle Intuition nicht zu verstehen, gelangt der französische Denker zu der 
wichtigsten und einfachsten Entdeckung: „Ich lebe!" „Das ,vivo' ist ihm 
die .integrale' und reine Erfahrung, une vision integrale, quoi(juo sans doute 
evanouissante." (S. 17.) 

Die Erfahrung der ewigen Schöpfung, des ununterbrochenen Lebens- 
stromes mit seiner vielfarbigen, bunten Pracht, diese antiintellektualistische 
Erfahrung, ist „uninteressiert", ist ein ästhetischer Zustand. Die Selbstlosig- 
keit der Intuition wird gegen das Denken ausgespielt. Die Bergsonsche Philo- 
sophie ist Antiintellektualismus und Panästhetizismus. 

Die erste der drei Gestalten der Schöpfung ist die Dauer. Bergson ver- 
neint jedes Unterschiedensein in der Dauer; er stellt Raum und Zeit kontra- 
diktorisch einander gegenüber. Die irrige Betrachtung des Zeitproblems ist 
darin zu sehen, daß man bisher die Zeit stets al.^ etwas Meßbares, Zählbares 
und das heißt als etwas Räumliches betrachtet hat. Das Wort vom Zeitraum 
aber sei ein Widerspruch in sich. Als Grundfehler der Bergsonschen Zeitauf- 
fassung sieht Florian die Behauptung der Ablehnung eines jeden Unterschiedes 



Rezensionen. 87 

in der Dauer an; gibt es doch nach Bergson in der Dauer nur ., innerliche", 
sich durchdringende „Momente". Nach Florian hat Bergson „das Unter- 
schiedensein mit dem Nebeneinander (juxta position) vermengt; alles, was 
Unterschiedenes ist, muß nach ihm auf jeden Fall Räumliches sein." (S. 44.) 
Was unterschieden ist, braucht darum nicht immer Dingliches zu sein. 

Während Bergson als auffallendsten Unterschied zwischen Raum und 
Zeit die rein qualitative Natur der Zeit behauptet, „die gnnidsätzlich Zahl 
und Maß ausschaltet", besteht nach Florian, der sich hier der „Grundwissen- 
schaft" Johannes Rehmkes anschließt, die grundlegende Verschiedenheit 
keineswegs. „Wenn wir den Raum direkt messen köimen und die Zeit nur 
indirekt, so liegt dies nicht an einei geheimnisvollen Wesensverschiedenheit 
derselben, sondern daran, daß wir bei .Raum' einmal von dem Punkt zur Linie, 
von der Linie zur Fläche, von der Fläche zum Körper übergehen können, 
und dann auch im Räume von hier nach dort, wie auch umgekehrt von dort 
nach hier gehen können, während die Zeit, bildlich gefaßt, nur eine Dimension 
und nur die Richtung von früher nach später aufweist." (S. 57/58). Ein be- 
sonderer Abschnitt ist dem verwandten Thema „Zeit und Welt" gewidmet. 
Bergson sieht in der Welt ein Individuum, ein Ganzes, das sich entwickelt, 
wächst und „dauert". „L'univers dure . ." (Evol. II). Demgegenüber stellt 
Florian die ebenso gewagte Hypothese von der Welt auf, die nach ihm keine 
besondere Einheit ist. Daraus folgt dami der auf Grund ungesicherter Prämissen 
unsichere Schluß: Die Welt ist „nicht in der Zeit, obgleich die Zeit in sich 
hat.' (S. 77.) 

Eng verknüpft mit dem Raum- und Zeitproblem ist das der Bewegung. 
Bergson will die Bewegung im Gegensatz zur alten Anschauung vollkommen 
gesondert vom Räume betrachten. Für ihn ist Bewegung ein Akt, ein Fort- 
schritt, ein unausgedehnter, psychischer Prozeß (Essai 84). Für Florian ist 
Bewegung nichts Seelisches, sondern Ortsveränderung, Wechsel von Bestimmt- 
heitsbesonderheiten. Wesentlich ist seine unter Rehmkes Einfluß entstandene 
Ortsauffassung. Der Ort ist wohl etwas vom Dinge, vom sich bewegenden 
Dinge, Verschiedenes, jedoch nichts von diesem Geschiedenes.- Im Gegenteil: 
Der Ort ist als unverlierbare Bestimmtheit dem Dinge zugehörig. Dieser 
Unverlierbarkeit widerspricht die Bewegung keinesfalls, denn es wechseln 
nm" die Ortsbesonderheiten, die besonderen Oi'te, miteinander. Veränderung 
wiederum ist ohne Zeit nicht zu verstehen. 

Abgesehen von den „Schlußbemerkungen" sei endlich noch auf das 
letzte Kapitel der „Entwickelung" hingewiesen, das mir vor allem darum 
wertvoll zu sein scheint, weil Florian gegen die weitverbreitete Theorie der 
„Schöpfung aus dem Nichts" ankämpft. Florian schlägt hier den französischen 
Philosophen mit seinen eigenen Worten, die er gegen seine irrige Anschauung 
des Schöpferischen, Unvorhersehbaren ins Feld führt. ,,Es ist eine allgemeine 
philosophische Illusion — sagt Bergson, und wir unterschreiben dies — .. daß 
das Sein einen Sieg über das Nichtsein bedeutet, daß das Nichtsein (le neant) 
dem Sein (l'existence) vorangehe, und somit die Welt aus dem Nichtsein her- 
vorgegangen sei." (S. 115.) 

Berlin. Alfred Werner. 



88 Rezensionen. 

Robert Stein, Eine chemische Arbeit von Görres. Hochland (heraus- 
gegeben von Karl Muth) 1915 (soll heißen 1915—16), S. 595—601. 
Besprechung aus den „Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und 
der Naturwissenschaften" XV. Bd. Nr. 3 (Juli 1916). 
Mit den naturwissenschaftlichen Versuchen des streitbaren Historikers 
und Politikers sind die Leser der „Mitteilungen" bereits dui'ch Herrn 
Dr. Stein bekannt gemacht worden.*) Im vorliegenden Aufsatze 
erfahl en wir noch einiges Nähere. Görres reiste im November 1799 nach 
Paris, um Fourcroy, den rasch berühmt gewordenen Verfasser der ,,Tableaux 
synoptiques", kennen zu lernen, der neben dem großen Entdecker Lavoisier 
als der berufenste Verkündiger der neuen „Chimie fran^aise" galt. Sein 
„Systeme" kaufte sofort (1801) die Herzogliche Bibliothek in Weimar an; 
zweifellos auf den Wunsch Goethes, der schon am 21. Januar jenes Jahres 
das Werk entlieh. Görres' deutsche Bearbeitung, erschienen bei dem „Bürger 
Lassaulx" in Koblenz, der übrigens bei anderen Gelegenheiten seinen Adel 
durchaus nicht unter den Scheffel zu stellen geneigt war, muß als sehr tüchtig 
bezeichnet werden; sie half der neuen antiphlogistischen Auffassung in Deutsch- 
land die Bahn brechen und führte diese namentlich auch, wie die Koblenzer 
Schulprogramme von 1803 und 1809 beweisen, in die Unterrichtspraxis ein. 
Entschiedene Verdienste hat er sich um die chemische Nomenklatur erworben, 
und daß es auch sonst bei ihm nicht an eigenen Gedanken fehlte, lehrt seine 
,, Interpolation" in der Reihe der chemischen Elemente (diese Zeitschrift, Nr. 65 
S. 5 ff.). Übrigens betätigte er sich nicht bloß als Theoretiker, sondern scheint 
auch ein eifriger Experimentator gewesen zu sein; ,, nimmer", sagt er einmal, 
„scheide sich Empirie und Spekulation", und damit ist doch entschieden der 
zeitgenössische Irrwahn der Naturphilosophen zurückgewiesen. Man darf 
demnach ihn so wenig, wie Döllinger den älteren, der wahrlich ein scharf- 
beobachtender Biologe war, mit v. Baader, Ennemoser, Windischmann und 
auch Oken auf eine Stufe stellen. Auf einer Hochschule ist Görres nie ge- 
wesen, aber auf dem Gymnasium hatte er eine gute Vorbildung genossen, 
und in Koblenz konnte er Anregungen aller Art empfangen. Man kann den 
eigenartigen Mann in der Geschichte chemischer Forschung und Lehre nicht 
außer Acht lassen. So dachten auch seine Mitlebenden, denn der bekannte 
Gehlen, der bald nachher zu früh sein Leben als Opfer der Wissenschaft be- 
schloß, hätte eine gleichgültige Persönlichkeit gewiß nicht aufgefordert, in 
die Reihe der Mitarbeiter an seinem „Neuen allgemeinen Journal der Chemie" 
einzutreten. Geh. Hof rat Prof Dr. Siegmund Günther, München. 

Als ich die Tübinger Doktorarbeit von Leo Bayer „Isidors von Pe- 
lusium klassische Bildung" (Forschungen zur clu-istlichen Literatur und 
Dogmengeschichte 13, 2. Paderborn Schöningh 1915. 4^20 Mk.) in die Hand 
nahm, wurde ich sofort lebhaft erinnert an jene zwei Jahre, als ich bei Augustin 



*) 1. Fourcroys synopt. Tabellen. 1915. 

2. Ein Keim des natürlichen Systems der chemischen Elemente 
in einer Bemerkung von Görres um 1800. 1916. 



Rezensionen. 89 

ein Xachleben antikrömischer Schriftsteller, besonders des Livius und seiner 
Auszüge, festzustellen mich bemühte, wie mir einer meiner inzwischen heim- 
gegangenen Lehrer geraten. Bei der Arbeit Dr. Bayers ist das Ergebnis 
auch ziemlich negativ: wörtliche Entlehnungen sind unverkennbar. 
doch ist fast nie mit unbedingter Sicherheit zu sagen, ob der Schrift- 
steller aus der alten Vorlage unmittelbar schöpfte oder Zwischen- 
quellen, benützte, vor allem Sammlungen von Redensarten und Sprich- 
w"örtern, da derartige Zusammenstellungen besonders in den sog. Rhetoren- 
schulen gebraucht wiu'den, wie auch in deutschen Gegenwartsunterrichts- 
anstalten. Weil also alle Schlüsse über eine Möglichkeit, im besten Fall Wahr- 
scheinlichkeit sehr selten hinauskommen (S. 95 ff.), halte ich derartige Unter- 
suchungen für innerlich wenig berechtigt. Es schaudert mich beinahe der 
Gedanke, es möchte in 1500 Jahren jemand unsere Gegenwartschöpfungen 
ebenso nach „Entlehnungen" durchforschen und manches feststellen, über 
das wir selbst am erstauntesten wären. Jeder Schreibende ist in seinen Ge- 
danken und seinem Stil teils von anderen — bewußt oder unbewußt — be- 
einflußt, teils strebt er nach Eigenem, ohne sich über den doppelten Ursprung 
seiner Ansichten und Schreibweise ^tets unbedingt Rechenschaft ablegen zu 
können. Doch sind derartige Forschungen nach Vorlagen ein guter Ansporn, 
sich mit verschiedenen Schriftstellern sehr eingehend zu beschäftigen und 
machen im Falle ihres Gelingens der Belesenheit des Verfassers alle Ehre 
(S. 2), obwohl zahlreiche lexikalische Hilfsmittel das Entdeckerverdienst mit- 
unter etwas veiTingern. Immerhin ist es unbedingt anzuerkennen, daß 
•Dr. B. nicht in dem Nachweis von Entlehnungen und Nachahmungen stecken 
blieb, sondern sich redlich und mit gutem Erfolg bemüht hat, die allgemeine 
Zeitlage, in der Isidor lebte und schrieb, zu schildern, und das gegen- 
seitige Bedingtsein gewisser Gedanken und Anschauungen bei zeitgenössischen 
Schriftstellern klarzulegen. Wenn der Verfasser nach dem Zweck und der 
Absicht, welche die Schriftsteller bei einzelnen Äußerungen hatten, gefragt 
hätte, so wäien jene Zusammenhänge noch schärfer herausgearbeitet worden. 
Im Hinblick auf die viele Mühe Dr. Bs. ist es eigentlich schade, daß seine 
Arbeit nicht mehr- tatsächliche Ergebnisse hatte; deim unsere Kermtnis von 
den Kirchenvätern des vierten und fünften Jahrhunderts wird nicht wesentlich 
erweitert, nur daß die sog. klassische Bildung des Isidor sich als nicht sehr 
groß erwies (S. 100) und er als echtes Kind seiner Zeit erscheint. In früheren 
Darstellungen wurde ihm also manche übertriebene Anerkennung zuteil. 
Wir freuen uns, daß Dr. B. diese Irrtümer aufdeckte, indem er sorgfältig 
arbeitete und vorsichtig urteilte, wie auch seine zwei beratende Professoren, 
Dr. W. Schmidt-Tübingen und Dr. A. Ehrhard -Straßburg, bi igten. Vor 
allem aber hoffen und wünschen wir, daß auch dem jungen .torscher bei 
künftigen Arbeiten ein erfolgreiches Neuland beschieden sein möge. 

Dr. Jegel. 

Als Dr. Rudolf Kleinpaul seine „Volkspsychologie, das Seelen- 
leben im Spiegel der Sprache" (Berlin und Leipzig, G. I. Göschen, 1914. 
Mk. 4,80), veröffentlichte, schenkte er uns ein ganz entzückendes Buch; 



90 Rezensionen. 

denn es ist voll von Ergebnissen der verschiedensten Wissenschaften, besonders 
Kulturgeschichte im weitesten Sinne des Wortes und vor allem der Sprach- 
wissenschaft, und doch frei von aller Trockenheit, welche immer noch vielfach 
als Kennzeichen wahrer Wisseiischaftlichkeit gilt. Daß der Forscher Quellen- 
verweise vermißt, muß ich trotz alledem hervorheben. Wenn ich sagen wollte, 
was in dem Buch steht, so müßte ich es nochmals abdrucken; denn bei dieser 
Arbeit kommt es nicht sowohl darauf an, was in ihr niedergelegt ist, sondern 
wie der Stoff dem Leser nahegebracht wird. Doch läßt sich das, was der Ver- 
fasser will, mit seinen eigenen Worten kxuz zusammenfassen. „Er erstrebt nicht 
eine Psychologie für das Volk oder eine Beschreibung der Volksseele, die sich 
in der Sprache, Religion und Sitte spiegelt. Volkspsychologie nennt 
er die Psychologie, die das Volk treibt. Als Gegenstand wird das weite 
Feld der Sprache ins Auge gefaßt (S. 9/10)". Der Verfasser will also beweisen, 
daß die während des Gebrauches gewordene Sprache unbewußte Psycho- 
logie ist. Wer nach dem Lesen dieser 208 Seiten, über deren Hauptgedanken 
außer einem guten Inhalts- auch oin brauchbares W'ortverzeichnis unterrichtet, 
noch zweifelt, daß die Menschheit bei allen Verschiedenheiten, welche durch 
die von der Umwelt bedingten Lebensformen veranlaßt werden, ein Ganzes 
bildet, dem ist nicht mehr zu helfen: es geht ein gemeinsamer Zug durch 
alle behandelten Sprachen hindurch, Beobachtungen der Ereignisse 
des Alltags und Beneimung derselben mit dem bestmöglichsten Ausdruck. 
Er läßt zugleich die Entstehungsursache des Wortes mindestens ahnen und 
dem vergleichenden Sprachforscher und Psychologen sehr oft klar erkennen. 
Bei allem Gemeinschaftlichen, das die verwandten Ausdrücke aufweisen, hat 
jedes Volk — wenn ich dieses Wort ohne weitere Begriffsbestimmung einmal 
gebrauchen darf — seine Besonderheiten. Sie erklären sich aus der Wesens- 
art des betreffenden Volkes oder — richtiger — lassen dieselbe erschließen. Das 
Gesetz der Wechselwirkung wird jedem, der nicht mit Gewalt gegen das- 
selbe blind sein will, auf Schritt und Tritt sinnenfällig. Deshalb mögen das 
Buch alle lesen, Avelche in völkische Eigenart und vor allem in die unserer 
deutschen Stämme eindringen wollen. Gerade in der Gegenwart, die unge- 
heure trennende Mauern zwischen den einzelnen Völkern aufrichten will, 
muß das gemeinsame Gut beachtet werden; deim es wird mit manchen schein- 
bar unbedeutenden und doch wichtigen Einzelzügen uns näher gebracht, 
als langatmige Schilderungen vermögen. Daß der Verfasser selbstverständlich 
nur einzelne Punkte hervorhebt und gerade in der Beschränkung sich als 
Meister zrigt, versteht sich von selbst, soll aber doch besonders betont werden, 
damit nicht jemand mit übertriebenen Vorstellungen an das Buch herantritt 
und enttäuscht, weil er das Erwartete nicht findet, das viele Anregende gering 
schätzt. Dem Verfasser gebührt besonders warme Anerkennung, daß 
er viele sehr geläufige Tatsachen \{)n neuen Seiten beleuchtet, indem er 
sie in Zusammenhang setzt, und zugleich ein sehr anregendes, fast spamiend 
geschriebenes Buch, das auch der Xichtfachmann mit großem Vergnügen 
und viel Nutzen lesen wird, für die Allgemeinheit geschaffen hat. 

Dr. Jegel. 



Rezenpionen. 91 

Ein Abbild im kleinen, wie deutsche Zähigkeit vorgestecktes Ziel im 
Auge behält und durchführt, bieten die mit gewohnter Regelmäßigkeit er- 
scheinenden Bände der Monumenta Germaniae Paedagogica. 

Dank der Geschicklichkeit, mit welcher der Schriftleiter (z. Zt. Univ. -Prof. 
Dr. Max Herrmann) der Gesellschaft für deutsche Erziehungs- und Schul- 
geschichte in Kehrbachs Geiste tätig ist, werden abwechselnd die einzelnen 
deutschen Stämme und Zeiträume berücksichtigt. 

1913 behandelte im 52. Bande Schulrat Dr. Julius Richter das Er- 
ziehungswesen am Hofe der Wettiner-Albertinischer Hauptlinie, in- 
dem er sehr verständnisvoll Urkunden und Aktenstücke aaswählte und auch 
die Haupttatsachen in allgemeinen Darlegungen herausarbeitete. Den 53. Band 
widmet der Münchener Professor Dr. Franz Zwerger der Geschichte der 
realistischen Lehranstalten in Bayern (Berlin, Weidmann, 1914, 
804, 63, S. 12 M). 

Auf Grund von selbständigem Aktenstudium und zahlreichen fremden 
Quellenveröffentlichungen und Bearbeitungen, welche a:f über 8 Seiten auf- 
gezählt und zum Teil auch wörtlich benützt werden (s. z. B. Anm. S. 432), 
schildert er vor allem die Verhältnisse in Altbayern (besonders München) und 
Franken (Nürnberg). Zahlreiche Ausblicke und Andeutungen lassen erkennen, 
wie aus dem ganzen deutschen Sprachgebiet sich die Fäden von und nach 
Bayern schlangen (z. B. S. 9 and 51). Entsprechend den allgemeinen Richt- 
linien, welche die herausgebende Gesellschaft aufgestellt hat, bietet Dr. Z. 
seinerseits auch Verarbeitung des Stoffes und Abdruck von Quellen. 
Letztere fügt er mit feinem Gefühl und Geschick ein, nui' der von der Gesell- 
schaft gewünschte Gebrauch der zeitgenössischen Rechtschreibung stört mich, 
dei ich lieber die (hundsätze der badischen historischen Kommission an- 
wende, mitunter etwas. Wemi auch der Verfasser seine persönliche Liebe, 
die auf selten der behandelten Lehranstalten ist, natürlich nicht 
verleugnet (z.B. Seite 4, 7 ff., 11 ff., 18, 22, 50, 61, 80, 385), so widersteht 
er doch der Versuchung, den Richter der Vergangenheit zu spielen, ohne daß 
er selbstverständlich auf maßvolles, eigenes Urteil verzichtet (z. B. Seite 28, 
45 ff., 82, 87, 112, 135, 149, 168 ff., 213, 271, 343). Xcch weniger wellte er, 
der auch die humanistische BiWung hochschätzt, eine einseitige Parteischrift 
mit geschichtlichem Mantel schreiben (v?l. S. 37). Infclgedessen vermeidet 
der Verfasser auch fast immer die Nutzanwendung fiüherer Erfahrungen für 
die Gegenwart zu ziehen und überläßt es dem Leser, aus der Ver- 
gangenheit für seine.Zeit zu lernen, wie Gutes zu wirken und Fehler zu 
vermeiden sind. Diese wohltuende Zurückhaltung sollte sich zwar bei einem 
wissenschaftlichen Buche von selbst verstehen, ist aber, wie auch ich bei 
Besprechungen an dieser Stelle erwähnen muß, nicht überall gegeben. Das 
deshalb nicht genug zi rühmende Verfahren Dr. Z.s liegt m. E. in seinen ge- 
diegenen geschichtlichen Kenntnissen begründet; denn sie bewahren ihn vor 
einseitigen, übereiligen Schlüssen und unnötigen Ausfällen gegen Anders- 
denkende. Bei aller Gelehrsamkeit, welche auch in zahlreichen An- 
merkungen ihren Niederschlag gefunden hat, ist das Buch nicht langweilig 
zu lesen, weil wir spüren, daß mitunter sehr heißblütige, leidenschaftliche 



92 Rezensionen. , 

Menschen die bayerische Schulgeschichte machten. Dr. Z. läßt aber die ein- 
zelnen Persönlichkeiten uns nicht nur durch Schilderung ihrer Taten wieder 
lebendig werden, sondern gibt auch von allen bedeutenden Männern kurze 
Lebensbeschreibungen. Sie regen zusammen mit den Bemerkungen über 
das Schicksal der einzelnen Anstalten zu weiterer Arbeit an; denn 
mit Recht hat Dr. Z. Ortsgeschichtliches nui berührt, „wo es für die Stellung 
in der Geschichte der Erziehung und des Unterrichtes zur Gewinnung eines 
Gesamtbildes von Bedeutung war". (Vorwort S. V.) Mögen diese verschie- 
denen Anregungen vielfach beachtet werden, damit die Beilagen der 
Schuljahresbeiichte die Erziehungsbüchereien mehr bereichern, als es 
mitunter durch manche dem Schulbetrieb etwas fernerliegcnde Stoffe geschieht 
(vgl. S. 115 ). Für derartige Untersachungen bietet außer den Anmerkungen 
a.uch das sorgfältige Inhaltsverzeichnis um so mehr brauchbare Winke, 
als es zum Unterschied von den meisten Artgenossen auch Ergänzungen bietet 
(Vorwort VI). Eine Sonderarbeit könnte z. B. auch untersuchen, welche 
Wirkungen sich ergaben, daß auch die Realschulen gleich der älteren Schwester, 
zu der sie in einen Gegensatz traten, mehr Kenntnisse als Können übermitteln 
wollten (vgl. S. 11 und 48). Der Nützlichkeitsgrundsatz hat zusammen mit 
dem Berechtigungswesen immer wieder seinen Einfluß geäußert (vgl. auch 
S. 67) und mitunter alle philosophischen Gedanken über Erziehen und Bilden 
beiseite geschoben. Eine neue Abhandlung könnte auch den inneren Zu- 
sammenhang zwischen dem orbis Pictus des Comenius, den Schülerver- 
suchen der Gegenwart, dem Handfertigkeit?- (vgl. 7.. B. S. 72 und 353 ff.) und 
Anschauungsunterricht (vgl. S. 43), dem Leitgedanken unseres Münchener 
Ober Studienrates Dr. Kerschensteiner (vgl. m. Besprechung seines Buches 
, »Charakter und Charakterbildung" in dieser Zeitschrift) klarlegen und zeigen, 
wie alle diese Anordnungen aus einer richtigen Erkenntnis in die Wesensart 
der Jugend flössen. Nicht nur auf diesem engbegrenzten Gebiete, sondern auch 
bei allen anderen Maßnahmen die Triebfeder festzustellen (vgl. z. B. 
S. 207 ff., 247 ff., 237 ff.) und auch zu entwickeln, wie weit sie willkürliche 
Versuche oder auf Erfahrungen, welche die Kindesnatur zu erkemien sich be- 
mühten (vgl. 301), begründet waren, wäre auch eine sehr dankenswerte Er- 
gänzung und Verarbeitung des mit Bienenfleiß und großem Ver- 
ständnis gesammelten und gesichteten urkundlichen Stoffes bei Dr. Z. Daß 
er so entsagungsvoll in erster Linie Kärrner sein wollte, der sich peinlich hütete, 
Tatsachen durch Darstellung zu verzerren, müssen wir ihm m. E. ganz be- 
sonders danken. Hoffentlich ist es Di. Z. vergönnt, auch die Entwicklung 
der realistischen Lehranstalten, einschließlich der Technischen Hochschule sowie 
ihrer Vorläuferin, der Polytechnischen Schule, und Forstschule im 19. Jahrb. 
zu schreiben, wenn die Gesellschaft für deutsche Erziehungsgeschichte usw. 
ihren Grundsatz, mit dem beginnenden 19. Jahrh. abzuschneiden, endlich 
aufgibt. Über diese Grenze kann man bekanntlich sehr verschiedener 
Meinung seih. Dr. Jegel. 



Die neuesten Erscheinungen auf dem Gebiete 
der Geschichte der Philosophie. 

Deutsche Lit e.,r a t ii r. 

Agrippas v. Xettesheim magische Werke, ö Bde. Berlin, Barsdorf. 
Alfarabi, Über den Ursprimg der Wissenschaften (de oitu scientiarum). Eine 

mittelalterliche Einleitungsschrift in die philosophischen Wissenschaften. 

Herausgegeben von C. Baeumker. Münster, Aschendoiff. 
Baeumker, Cl., Der Piatonismus im Mittelalter. München, Eranzscher Verlag. 

— Roger Bacons Natiirphilosophie, insbesondere seine Lehren von Mateiie 

und Foim, Individuation und Universalität. Münster, Aschendorff. 

Erdmama, B., Gedächtnisworte auf Leibniz. Berlin, Reimer. 

Füllknig, G., Nietzsche und der Weltkrieg. Schwerin, Bahn. 

Geyser, J., Neue und alte Wege der Philosophie. Münster, Schöningh. 

Grabinski, B., Neuere Mystik. Hildesheim, Borgmeyer. 

Grau,.K., Die Entwicklung des Bewußtscinsbegriffs im 17. vmd 18. Jahrhmidert. 
Halle, Niameyer. 

Herbertz, R., Prolegomena zu einer realistischen Logik. Halle, Niemeyer. 

Hessen, J., Die Begründung der Erkenntnis nach dem hl. Augustinus. Münster, 
Aschendorff. 

Heyne n, W., Diltheys Psychologie des dichterischen Schaffens. Halle, Nie- 
meyer. 

Intermediarius, Christliche Theologie und Kosmosophie nach d. Zeichen d. 
Heiligen Graal. Leipzig, Xenien -Verlag. 

Kraus, 0., Anton Marty. Sein Leben und seine Werke. Halle, Niemeyer. 

Lasson, G., Was heißt Hegelianismus? Berlin, Reiither. 

Martin, A., Coluccio Salutati und das humanistische Lebensideal. Leipzig, 
Teubner. 

Mong Dsi (Meng Ko), Aus dem Chinesischen verdeutscht und erläutert von 
R. Wilhelm. Aus der Sammlung: Religion und Philosophie Chinas. 
Jena, Diederichs. 

Müller, W., Der Staat in seinen Beziehungen zur sittlichen Ordnung bei Thomas 
V. Ac^uin. Münster, Aschendorff. 

Reiner, J., Fr. Nietzsche, der Immoralist und Antichrist. Stuttgart, Frankh. 

Stockum, Th. C. van: Spinoza- Jacobi-Lessing. Ein Beitrag zur Geschichte 
der deutschen Literatur und Philosophie des 18. Jahrhunderts. Gro- 
ningen, Noordhoff. 

Spinozas Briefwechsel und andere Dokumente. Ausgewählt und übertragen 
von J. Bluwstein. Leipzig, Lisel-Vcrlag. 

Verweyen, J., Der Krieg im Lichte großer Denker. München, Reinhard. 

Weiser, Ch., Shafttsbury und das deutsche Geistesleben. Leipzig, Teubner. 

Windelband, W., Geschichtsphilosophie. Fragment aus dem Nachlaß. Her- 
ausgegeben von Bauch vxnd Windelband. Berlin, Reuther. 

— Lehrbuch der CJeschichte der Philosophie. 7. Aufl. Tübingen, Mohr. 



Historische Abhandlungen in den Zeitschriften. 

Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik. Bd. 161 H. l. Kallen, 
Die Geschichtsphilosophie Martin Deutingers. Becher, Zur Ki'itik des 
parallelistisch-spiritualistischen Monismus. 
Viertel Jahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie und Soziologie. Bd. XI 

H. 1. Wernick, Der Begriff des physikalischen Körpeis nach Mach. 
Philosophisches Jahrbuch. Bd. 29 H. 2. Gutberiet. R. Eucken. Hahn, 

Bolzano und seine Auffassung von der Unsterblichkeit. 
Logos. Bd. VI H. 1. Tioeltsch, Das Ethos der hebräischen Propheten. 
Zeitschrift für pädagogische Psychologie und experimentelle Pädagogik. Bd. XVII 
H. 4. Brockdcrff, Die neueren Ziele der philosophischen Propädeutik. 
Störring, Erwiderung auf die ki-itischen Entwicklungen Professor Külpes 
betreffend Professor Meumann. — Antwort von weil. Professor Külpc. 
Zeitschrift für Aesthetik und allgemeine Kunstwissenschaft. Bd. XI H. 3. 
Lucacs, Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Ver- 
such über die Formen der großen Epik. Görland, Die Idee des Zufalls 
in der Geschichte der Komödie. Meyer, Der Typus des Künstlers in 
der Dichtung Thomas Manns. 
Psychologische Studien. Bd. X H. 3. Wundt, Völkerpsychologie und Ent- 
wicklungspsycholo^ ie. 
The p'i ilosophical Review. Vol. XXV, 2. More, The Parmenides of P]ato. 
Proceedings of the fifteenth annual meeting of the American Philoso- 
phical Association. 
The Monist. Vol. XXVI, 3. Sarton, The history of science. Jom'dain, 

Richard Dedekind. 
The Journal of Philosophy, Psychology and Scientific Methods. Vol. XII, 23. 
Miller, The religious implicates of Bergsons philosophy regarding In- 
tuition and the primacy of spirit. 
— Nr. 24. Santayana, German philosophy and politics. Sabine, A new 

monadology. 
Rivista di Filosofia. VII, 4. Maggiore. La religione di Fichte. Albeggiani, 

II sistema filosofico di C. Guastella. 
The New-Church Review. Vol. XXIII, 1. Gould, What the modern w^orld 
thinks of Swedenborg. French, The religious philosophy of Swedenborg. 



Archiv 



für 



Geschichte der Philosophie 



herausgegeben 



Yon 
Ludwig Stein. 



XXX. Band. 

Nene Folge 
XXIII. Band. 




BERLIN. 
Druck und Verlag von Leonhard Simion Nf. 

1917. 



Archiv für Philosopliie. 



I. Abteilung: 



Archiv für Geschichte der Philosophie, 

Neue Folge. XXIII. Band, 2. Heft. 



V. 

Franz C. Müller-Lyer. 

E i n N a c li r u f . 

Von 

Wilhelm Born er. 

Der tragische Tod, den Franz C. Müller-Lyer am 29. Oktober 
erlitt, wird im In- und Auslande aufrichtige Teilnahme und tiefe 
Trauer wachgerufen haben. Mit Müller-Lyer hat Deutschland einen 
seiner hervorragendsten Soziologen der Gegenwart und einen bedeu- 
tenden Philosophen verloren. 

Was ihm innerhalb der deutschen Soziologie eine eigenartige 
Stellung verschaffte, war, daß Müller-Lyer ursprünglich, gleich Franz 
Oppenheimer, Arzt gewesen ist, also von der Naturwissenschaft zur 
Sozialwissenschaft kam, während die führenden Soziologen der Gegen- 
wart in Deutschland fast durchwegs ihren Ausgangspunkt von der 
Philosophie nehmen, wie P. Barth, F. Tönnies, L. Stein, A. Vier- 
kandt, R. Eisler, G. Simmel u. a. Am nächsten dürfte ihm noch der 
österreichische Forscher R. Goldscheid kommen, dessen, soziologische 
Lehren auch einen starken naturwissenschaftlichen Einschlag haben. 
Die ersten wissenschaftlichen Arbeiten von Müller-Lyer erstrecken 
sich auf das Gebiet der Psychophysik und Psychophysiolopie und er- 
freuen sich bei den Psychologen hohen Ansehens. 

. Erst nachdem er seine Stelle als Psychiater an der LTniversitäts- 
klinik in Straßbürg aufgegeben, Frankreich und England bereist und 
sich als Privatgelehrter nach München zurückgezogen hatte, begann 
Müller-Lyer die Ausführung seines weitschichtigen soziologischen 
Planes. Freilich erkennt man schon an dem ersten, 1908 erschienenen 

8* 



96 Wilhelm Börner, 

Teil des groß angelegten Lebenswerkes, daß es in vieljährigem Forschen 
nnd dnrch selbständiges T)enken entstanden und zur Reife gekommen 
ist. Denn dieses Buch über die „Phasen der Kultur und die Richtungs- 
linien des Fortschritts'' zeigt bereits den Meister seines Faches. Miiller- 
Lyers großes Verdienst besteht darin, daß er die vergleichende Methode 
der Naturwissenschaften auf die Kulturentwickhmg anwandte und 
die ..phaseologische Methode" begründete. Diese besteht dariu, daß 
zunächst das Gesamtgebiet der Kultur in einzelne Teile zerspalten 
wird, wie Wirtschaft, Familie, soziale Organisation, Sprache, Wissen, 
Glauben, Moral Recht, Kunst und daß sodann auf jedem dieser 
Untergebiete der Verlauf, den die Kulturerscheinungen von ihren An- 
fängen bis zur Gegenwart genommen haben, in eine Folge von Phasen 
zerlegt wird. Aus dem Vergleiche der einzelnen Phasen untereinander 
ergeben sich gewisse Linien, nach MüUer-Lyer die „Richtungslinien 
des Fortschi-itts". ])iese Richtungslinien lehren die Vergangenheit 
verstehen und dienen den Menschen zugleich als Weg\veiser fiir die 
Zukunft. Denn die Ermittlung der in der Kulturentwicklung wir- 
kenden soziologischen Mächte deckt die Gesetzmäßigkeiten dieser Ent- 
wicklung auf und gestattet dadurch bis zu einem gewissen Grade, au^ 
den vergangenen Phasen die künftigen vorauszu a h neu, wenn auch 
freiUch nicht mit Bestimmtheit vorauszusagen. Müller-Lyer kommt 
auf anderem Wege wie Augast Comte füglich zu derselben Erkeimtnis: 
„Savoir c'est prevoir"'. Die Methode, die er anwendet, ist also diese; 
von den soziologischen Tatsachen gelangt er zu den Kulturphasen, 
von diesen zu den Richtungslinien des Fortschritts und von diesen 
zu den Gesetzmäßigkeiten der Kulturentwicklung. Xur ein Gelehrter 
wie Müller-Lyer, der in so hohem Maße alle einschlägigen Hilfswissen- 
schaften beherrschte, konnte die Ausführung eines solchen wissen- 
schaftlichen Gebäudes in Angriff nehmen. Leider ist es infolge des 
frühen Todes von Müller-Lyer nicht zur Vollendung gekommen. Aber 
schon die vorhandenen Teile, welche die Wirtschaft, die Ehe, die 
Fanrlie und die Liebe behandeln, sind Werke von anerkannt dauerndem 
Werte. Durch eine großzügige Synthese aller bisherigen P>gebnisse 
der Detailforschung ist es Müller-Lyer gelungne, die Soziologie zu einer 
von jedem spekulativen, metaphysischen Beiwerk befreiten Erfah- 
rungswissenschaft zu machen, die in solcher Reinheit und zugleich 
solchem Umfange bisher noch niemals, auch nicht von Herbert 
Spencer, konzipiert worden ist. 



Franz C. MüUer-Lyer. 97 

Weil die phaseologische Betrachtungsweise das Ziel erkennen läßt, 
dem die Kulturbewegung zustrebt, so ergibt sich aus ihr die Möglich- 
keit und die Notwendigkeit einer ,, Kulturbeherrschung", die MüUer- 
Lyer in den Mittelpunkt seiner Philosophie stellt. Diese hat einen 
ausgesprochen praktischen, aktivistischen Charakter, ist in dem 
Werke ,,Der Sinn des Lebens" (München 1910) niedergelegt und weist 
dieselben Vorzüge auf wie seine Soziologie: sie ist streng wissen- 
schaftlich fundiert und schaltet metaphysische Voraussetzungen 
grundsätzlich aus. Müller-Lyer hat seine Welt- und Lebensanschauung 
, .euphorische Philosophie" oder ,,Euphorismus" genannt. Er ver- 
steht darunter eine Philosophie, welche ,,die vollkommene Persönlich- 
keit als den obersten Zweck und den vollkom]nenen Staat als das 
letzte Ziel betrachtet und diese beiden höchsten Werte durch Kultur- 
beherrschung zu verwirklichen sucht". Müller-Lyer sieht — ■ auch 
liierin mit T omte verwandt — die metaphysische Stufe des mensch- 
lichen Denkens für überwTinden an und stellt sich auf den Standpunkt 
des Positivismus, der Wirklichkeitsphilosophie. ,,Wir verlangen" 
— so schreibt er einmal — „von einer guten Philosophie nicht mehr, 
daß sie uns alle Probleme löst, sondern daß sie uns sagt, welche Fragen 
l)eantwortet werden können, welche nicht." In diesem Sinne war 
Müller-Lyer einer der vorgeschrittensten .f)enker der Gegenwart in 
Deutschland. Diesem Umstände verdankte er auch die einstimmige 
Wahl zum Vorsitzenden des ,, Deutschen Monistenbundes", nachdem 
W. Ostwald 1915 die Stelle niedergelegt hatte. (Schon im Jahre 1911 
wurde eine eigene Vereinigung gebildet, deren x\ufgabe die Pflege und 
Ausbreitung der euphorischen Philosophie ist.) So hat die deutsche 
Wissenschaft, die Philosophie und die größte Organisation der freiheit- 
lichen Kulturbewegung in Deutschland mit MüUer-Lyer eine geschätzte 
Stütze, bzw. einen anerkannten Fülirer verloren. Alle, die ihm aber 
^jersönlich nahe standen, betrauern überdies noch einen großen, 
schüchten und iS^uten Menschen. 



VI. 

Zum Wesen der Schlaflosigkeit. 

Ein Beitrag zur Theorie vom „Unbewußten Denken"-^) 
und zur Mechanik der Gedan kenassinailation. 

Von 

Prol. Dr. Albert Adamkiewicz, Wien. 

In der lebenden Substanz der einfachen wie der zusammen- 
gesetzten Zellen, — der Gewebselemente, der Organe und der Orga- 
nismen spielen sich physikalische und chemische Prozesse von höchster 
Komplikation ab, die sich zueinander in Gleichgewicht setzen und 
deren durch dieses Gleichgewicht geschaffene Harmonie das ist, was 
wir ,, Leben"' nennen. 

Unterhalten wird dieser Bei rieb dmch einen Verbrauch an. Spann- 
kräften, d. h. Stoffen, die dent Organismus und seinen Organen und 
Elementen als Nahrungsmittel zugeführt werden und die ihn a.h 
Abfallsstoffe in derjenigen Menge wieder verlassen, welche von den 
Nahrungsstoffen übrig geblieben, nachdem sie zur Unterhaltunü' 
der Lebensvorgänge verbraucht worden sin.d. 

Solange die lebende Substanz als Zelle, Organ -und Organisnur- 
nichts anderes tut, als daß sie lebt, ist dieser Betrieb der Stoff- 
aufnahme und Stoffabgabe auf den niedrigsten Stand seiner Leistung 
eingestellt und ein Vorgang, welchen man als „Selbstzweck" bezeichnen 
kann, da er nur sich dient, seinem Zweck, seiner Existenz und aus- 
schließlich dem Leben, — der nach außen, d. h. eine über seine Exi- 
stenz hinausgehende, eine andere als dem eigenen Leben dienende 
Wirkuni' nicht ausül)t. 

Nun gilt der Physiologie gerade die äußere Wirkung des leben- 
den Organismus, seiner Teile und Elemente als das Merkmal ihrci- 



') Adiuukiewicz : Über das „Unbewußte Denken" und das Ge- 
dankensehen. Wien 1904. 



Zum Wesen der Schlaflosigkeit. 99 

Tätigkeit, während sie den Zustand der lebenden Substanz, wo 
dieses Merkmal fehlt, als ,,Kuhe" bezeichnet. 

Da nun aber das Leben an sich, auch ohne Entfaltung einer 
äußeren Wirkung schon eine große und höchst komphzierte Leistung 
ist, so geht daraus hervor, daß die organisierte Materie, so lange 
sie lebt, überhaupt niemals ruht. — Sie ruht erst dann, wenn 
sie sthbt. — 

Der Lebensprozeß ist also auch ohne äußere Wirkung nicht nur 
niemals ,,Ruhe", sondern steht zur Ruhe im vollen Gegensatz, — 
in demselben, in welchem Leben und Tod zu einander stehen. 

Weil aber der Lebensprozeß an sich weder Ruhe ist, noch Tätig- 
keit der lebenden Substanz auf der Höhe ihi'er Leistungsfähigkeit, 
sondern sozusagen auf die Abszissenhnie eingestellte minimale Ai'beit, 
mit der sich die Wissenschaft bisher noch nicht beschäftigt hat, so 
habe ich es vorgeschlagen, den Zustand der nur Lebensarbeit verrich- 
tenden Zellen, Organe und Organismen als den ihrer „Inaktivität" 
zu bezeichnen, während ich den Zustand ihrer vollen, nach außen 
sich äußernden LeistungsfähigKeit als den ihrer ,,Akti\'itäf ange- 
sehen habe.i) 

Organe und Organismen haben die Bestimmung, einem Ganzen 
zu dienen, — die Organe dem Körper, — die Organismen der Gesamt- 
heit der organischen Welt. 

Sie erfüllen diese Aufgabe vermöge ihrer Aktivität, während 
sie vermöge ihrer Inakitvität ihrer eigenen Erhaltung dienen. 

Xun steht die Inakiivität der lebenden Substanz zm- Ruhe im 
Gegensatz und ist doch keine nach außen zm- Wirkung kommende 
Arbeit. 

Folghch kann sie nichts anderes bedeuten, als einen "Zustand 
des Rastens, der ebenso im Schlummer und im Schlaf der Orga- 
nismen, wie die Aktivität, der Zustand ihrer vollen Leistungsfähig- 
keit, im Wachen ihren Ausdruck findet. 

Man kann deshalb sagen: Für die Aufgaben der Selbsterhal- 
tung der lebenden Substanz (der höheren Organismen) genügt der 
Schlaf. — Den Dienst für das Ganze erfüllt sie im Wacheji. 



^) Vgl. Über das aktive und das inaktive Ich. Ztschr. f. kl. Med. 1901. 
Bd. 42.- — Über das unbewußte Denken und das Cledankensehen. Wien 1904. — 
Die Eigenki-aft der Materie und das Denken im Weltall. Wien 1906. 



100 Albert Adamkiewicz, 

Geweckt zu diesem Dienst wd die organisierte Materie durch 
den Euf der Erregungen, ^Yelche entweder in ihr oder außerhalb der- 
selben entstehen und entweder durch ihre eigenen Bedürfnisse oder 
durch diejenigen des Ganzen und so durch die an sie gestellten . An- 
forderungen des Lebens hervorgerufen werden. 

Die Wirkung des Weckrufes aber hängt außer von der Stärke 
dieser Anforderungen vor allem von der Leistungsfähigkeit 
des geweckten Organismus und seiner Teile ab. 

Die Wirkimg des Weckrufes aber hängt außer von der Stärke 
dieser Anforderungen vor allem von der Leistungsfähigkeil 
des geweckten Organismus und seiner Teile ab. 

Und diese Leistungsfähigkeit endlich wird durch die Vorräte 
an Betriebs material bestimmt, welche ihr im Augenblick des Er- 
wachens, d. h. der Erregung der lebenden Substanz, zur Verfügung 
stehen. 

Daraus ergibt sich die wichtige Tatsache, daß Aktivität und 
Liaktivität der lebenden Substanz zueinander in funktioneller 
Abhängigkeit stehen. Und speziell folgt aus dieser Tatsache der 
bedeutsame Schluß, daß die Inaktivität ein den aktiven 
Zustand der lebenden Materie und alles dessen, was 
sie umfaßt, vorbereitendes Stadium ist, das die Leistungs- 
fähigkeit dieser Materie bestimmt. 

Diese fundamentalen Beziehungen der beiden Zustände der 
lebenden Substanz, ihrer Aktivität und ihrer Inaktivität, flu die 
organische Lebensleistung, d. i. für die Funlvtion im ganzen organischen 
Reich, also füi' die Leistung der einzelnen Organe des lebenden Körpers 
und dadurch des Ganzen findet in der gesetzmäßigen Naturerscheinung 
ihren allgemeinen AusdrucK, daß im gesamten Reich der Lebewesen 
Tätigkeit und Rast regelmäßig und periodisch miteinander ab- 
wechseln 

Die Pflanzen rasten im allgemeinen und wo -die Kunst sie nicht 
wider ihre Natur ,, treibt", im Winter und entfalten im Sommer ihre 
fruchtbare Arbeit — auf Grund der im Winter gesammelten Kräfte. 
Und von den Tieren machen es die AVinterschläfer ihnen nach. 

Bei den übrigen Tiereu und den Menschen WTchsehi Phasen 
der Arbeit und der Rast nicht nur wie Tag und Nacht, sondern zu- 
gleich auch mit ihnen. 



Zum Wesen der Schlaflosigkeit. 101 

Während also Menschen und Tiere schlafen und rasten, arbeiten 
ihre Organe in aller Stille fort. Und diese abgeschiedene, weltfremde 
Nachtarbeit der Teile bereitet die Tagesarbeit des Ganzen für sich 
und die Welt vor. 

Die Tagesar bei t des Menschen zerfällt in zwei Hauptgruppen: 
in die körperliche und in die geistige Arbeit, — in Bewegung 
und Denken. 

Somit sind Rast und Schlaf Vorbereitungen und Sammlungen 
für Denken und Bewegung. 

Die körperliche Arbeit ist mechanische Leistung und fordert 
eine doppelte Vorbereitung: 1. den leistungsfähigen Zustand der 
die mechanische Arbeit verrichtenden Organe, der Muskeln, und 2. den 
Vorrat an Material, welches bei der mechanischen Arbeit der Muskeln 
verbraucht wird und Substrat der mechanischen Kraft wird. 

J)ie geistige Arbeit setzt gleichfalls eine zweifache Vorbe- 
reitung voraus: 1. den leistungsfähigen Zustand der die geistige 
Ai'beit verrichtenden Werkstätten, d. i. der Ganglienzellen der Rinde 
des Großhirns und 2. den Vorrat des Materials, welches bei der Denk- 
arbeit verbraucht wird und dem Denlqjrozeß als materielles Substrat 
zugrunde liegt. 

.Die durch die Arbeit der Muskeln verm'sachte Abnützung von 
Miiskelsubstanz fordert, da die MusKeln im wesentlichen aus Eiweiß 
und zwar aus Myosin bestehen, einen Ersatz von Myosin. 

Dieser Ersatz findet aus dem Eiweiß der Nahrung statt, äas 
durch die Verdauung im Magen in Pepton, d. h. in einen an sich form- 
losen Eiweißgrundstoff 1) von eigenartigen Eigenschaften verwandelt 
wird, der die Fähig Keit hat, nicht nur leicht resorbiert zu werden, 
sondern auch der Resorption in allen Organen, in die ihn der Bhit- 
strom trägt, den jedem Organe und jeder Zelle eigentümlichen und 
speziellen EiwTißkörper zu ersetzen. — (Diese von mir im Jahre 
1872 gefundene Tatsache ist in neuerer Zeit von anderer Seite (Abder- 
halden) als eine eigene und ,,neue EntdecKung" ausgegeben worden.) 

So wird unter dem Einfluß des Protoplasmas der Muskelzellen 
an Stelle des verbrauchten, aus dem verdauten Eiweiß der Nahrung, 
dem Pepton, neues Myosin gebildet. 



Adam kie wie z: Natur und Nährwert des Peptons. Berlin 1872. 



102 Albert Adamkiewicz, 

Die Ai-beit des Muskels selbst gehl auf Kosten von Kohlen- 
hydraten, Fett und Zucker vor sich, die das Blat den Muskeln gleich- 
falls zuführt und die sich in den Muskeln während ihrer Inakdvitär 
sammeln. 

Weil die Inaktivität der Muskulatur, deren Masse zwei Drittel 
des Körpers beträgt, selbst als Ausdruck des vegetativen Mini- 
mums ilu-er Lebensexistenz die Fortdauer der Funktionen aller Organe 
des vegetativen Lebens, Herz, Gefäße, Darm und Drüsen, voraussetzt, 
so würde diese beständige und nie rastende Ai'beit der Organe des 
vegetativen Lebens dem hier dargelegten und begründeten Gesetz 
von der Aktivität und der Inaktivität der lebenden Substanz direkt 
widersprechen, stände es nicht fest, daß auch die Beständigkeit und 
Rastlosigkeit der Arbeit der vegetativen Organe nur eine scheinbare 
ist. — Denn der Darm arbeitet nicht immer. Die Drüsen funktio- 
nieren abwechselnd. Selbst ihre Bestandteile lösen sich gruppen- 
Aveise in der Arbeit ab, wie ich das für die Schweißdrüsen^) direkt 
nachgewiesen habe und wie das auch für die Acini der Leber und der 
Nieren gilt. Auch das — scheinbar niemals rastende — Herz ist nicht 
immer tätig. Zusammenziehurg und Erschlaffung zweier seinei- 
Muskelgru])pen, der systolischen und der diastolischen, wechseln 
beständiff. 

So groß der Verbrauch an Material liei der Bewegung ist, die 
mechanische Arbeit verrichtet und Wirkungen der Kraft vollführt, 
so gering ist der Stoffverbrauch bei der geistigen Arbeit, 
dessen unmittelbare Produkte Gedanken sind, die zwar materieJl 
aus der Materie hervorgehen"^), aber wie diese weder gewogen roch 
g'emessen werden können und genau so, wie die Emanationen de? 
Radiums, als wahre und doch reelle Imponderabilien aus ihrer 
Muttersubstan/ entweichen. 

Es ist deshalb der Wissenschaft bisher ncch nicht gelungen, 
einen erhöhten St off verbrauch bei der geistigen Arbeit mit Sicherheit 
nachzuweisen. Und der Stoffverbrauch der Ganglienzellen des Groß- 
hirns eines stumpf sinr igen Philisters dürfte sich von dem — eines 
Genies kaum unterscheiden. 

Und noch viel weniger kann wohl von einer Abnützung der 
Gangliensubstanz durch das .Denken die Rede sein. 



^) Die Sckietioii des ,Schweiße.s. Berlin 1878. Hirschwald. 

■^) Über das unbewußte . Denken und das Gedankensehen. Wien 1904. 



Zum Wesen der iSchlaflosigkeit. 103 

Denn es geschieht beim Denken gewiß etwas ähnliches mit der 
Großhirnrinde! gaiiglie, wie es mit der Bhime und der Blüte geschieht, 
wenn sie dnftet. Sie erzeuge und spendet Duft, ohne mit dieser Gabe 
etwas vom eigenen Körper zu o]3fern. 

Die Blüten, duften solange sie leben und sie leben die ihnen von 
der Natur zugemessene Zeit, wenn ihnen durch "Wurzel und Blätter 
aus Luft un.d Erde genügende Nahrung zufließt. 

So denkt auch die Ganglienzelle der Großhirnrinde, solange 
sie lebt. Und Leben und Denken ist für sie ein urd derselbe unbe- 
wußte Prozeß, den der jiährende Blutstrom unterhält 

Weil aber hier wie dort der Schwerpunkt auf der richtigen und 
ausreichenden Ernährui.g liegt, deshalb sitzt, wie die Blüte im krei- 
senden Strom der Pflapzensäfte, — so auch die Ganglienzelle (wenig- 
stens die größte, die kleinen werden osmotisch durch ein reiches 
Bhrr<i(>fäßnetz versorgt) mitten im Strom des lo-eisenden Bhites und 
hat zu diesem Zweck eine ganz eigenartige Einrichtung von der 
Natur erhalten, der ich eine besondere und ausführliche Beschrei- 
bung gewidmet habe.i) 

Während also von. eijier Abnützung der Denkmaterie durch den 
Denkprozeß kaum gesprochen werden kann und soweit nie statt- 
findet, ihren Ersatz direkt aus dem Blute schöpft, so ist die Frage, 
wie sich die Großhirnrindengang lienzelle den eigentlichen Denk- 
stoff, den Inhalt ihre;' Denkarbeit und das Grundmaterial 
für ihre Denkuperationen verschafft, "ine noch vollkomn^en 
offene. 

Wenn ich diese mecliziniscl bi.-her ncoh gar nicht in Angriff 
genommene, geschweige denn behandelte Frage hier zu lösen ver- 
suche, so geschieht dies deshalb, weil meine Untersuchungen ,,Über 
das unbewußte Denken" mir die Mittel zu liefern scheinen, diese 
Lösung zu finden 

Meine Uncersuchungen haben gelehrt, daß die GanglienzelL^ 
der Großhirnrinde, also des Denkorganes, genau so wie jede andere 
Zelle des Pflanzen- und Tierreiches 1. eine Kardinaleigensehaft 
besitzt, d. h. etwas ganz Spezifisches und nur ihr Eigentümliches 
hervorbringt und 2. daß sie, was sie Spezifisches hervorbringt, in 
zweifacher Form äußert: aktiv und inaktiv. 



^) Adamkiewicz: Der Blutkreislauf der Canglienzelle. Berlin 1872. 
Hirsch wald. 



104 Albert Adamkiewicz, 

In der Pflanzenwelt bringt jeder Same eine ganz bestimmte 
Pflanze hervor und jede Zelle eines Pflanzenteils immer iinr Zellen 
dieses Pflanzenteils. — Ich habe diese Wiedergeburt immer des Gleichen 
die „Isogenese" genannt und aus ihr auch den Irrtum der Deszendenz- 
lehre abgeleitet. 1) 

Für das Tierreich gilt sie genau ebenso wie für das Pflanzenreich, 
jedes Eichen produziert immer nur eine bestimmte Tierart. 

Und wie jede Leberzelle immer nur eine Leberzelle und jede 
Leberzelle immer Glykogen und Gallenbestandteile, jede Nierenzelle 
immer nur Nierenzellen und Harn erzeugt, so erzeugt die Großhirn- 
rindenzelle anatomisch nur Ihresgleichen und physiologisch Gedanken, 
— inaktiv die unbewußten, die von der Außenwelt und der Wirk- 
lichkeit unbeeinflußten — und aktiv die bewußten, die von der 
Außenwelt und der Wirklichkeit angeregten und beeinflußten. 

IVIit dem Augenbhck, da die Ganglienzellen der Großhirnrinde 
entwickelt sind und zu leben anfangen, also ungefähr im fünften 
Monat ihres intrauterinen Daseins, entsteht in ihricn ebenso das 
.Denken, wie in den Zellen der Harnkanälchen eines fünf Monate alten 
Embryo der Harn sieb bildet. Und es besteht zwischen diesen beiden 
Tätigkeiten nur der durch die Kardinaleigenschaften der Substanz 
gebotene Unterschied, daß die Großbirnriudenganglienzelle allen 
anderen Körperzellen, also auch denen der Niere gegenüber, eine be-- 
sondere Fähigkeit besitzt, die keiner anderen Zellenart der ganzen 
übrigen organisierten Welt zukommt, — rämlich die Fähigkeit der 
Wahrnehmung dessen, was in ihrem Innern spontan ent- 
steht, also eine Art inneren Sehens, eines Sehens in sich, 
was wir als Träumen bezeichnen . 

Dieses Träumen, das, wie wir eben erkannt habei', schon im 
intrauterine]! Leben des Embryo lieginnt und folglich ohne äußere 
Erregungen, abseits von der Außenwelt und der Wirklichkeit, und 
uur durch den Prozeß des Lebens hervorgerufen wird, also ,, inaktiv" 
ist, steht zu derjenigen Tätigkeit der Großhirnganghenzelle in einem 
gewissen Gegensatz, zu welcher sie angeregt whd durch die realen 
Einwirkungen der Außenwelt, durch die Eindrücke des Tages 



^) Adam k ic" wi (■ z: Die Formel der Schöpfung. Straßburg und 
Leipzig 1911. 



Zum Wesen der Schlaflosigkeit. 105 

und durch die Eeize der Wirklichkeit, — also zu der ihres 
aktiven Zustandes. 

Diese aurch die Reize der Außenwelt erregte, durch die Sinne 
vermittehe, in dem Protoplasma ihrer Ganglie sich abspielende spezi- 
fische Tätigkeit der Großhirnrinde aber ist das ,, Denken". Da nun 
das Denken, das die Wirklichkeit zum Inhalt hat, nichts aiuleres 
ist als das, was wir Bewußtsein nennen, so ist die aktive Arbeit 
der Großhirnrinde gleichzeitig- bewußtes Denken und die inaktive 
Tätigkeit der Großhirnrinde, das Träumen, unbewußtes Denken. 

Über das Wesen des ,, unbewußten Denkens habe ich bis jetzt 
Folgendes festgestellt : 

1. Die Schöpfunger des unbe\Naißten Denkens sind geistige Bilder, 
die die inaktive Großhirnrinde unablässig schafft, solange sie lebt, 
die sie aber selbst nur zum Teil als Träume wahrnimmt und die' 
auch während des Wacher s, von den helleren und stärkeren Siimes- 
eindrücken wenn auch zurückgedrängt, also unwahrnehmbar, 
fortleben, um sich mit diesen zu mischen und aus der Tiefe des 
Unbewußten entweder von ihnen beeinflußt als reife Gedanken oder 
von der Wirklichkeit unbeeinflußt über ihre Schranken hinaus als 
Schöpfungen der Phantasie zu erstehen. 

2. Wenn auch die Schöpfungen des unbewußten Denkens sich 
nicht an die Wirklichkeit halten, so umfassen sie sie doch. Und 
-deshalb ist die ganze Wirklichkeit nur ein Teil ihres Inhaltes. 
Zu ihrer Domäne gehört alles, was ihre Werkstätten, die Ganglien- 
zellen der menschlichen Großhirnrinde, als die höchst organisierten 
Gebilde der Schöpfung, nach oben hin krönen: ^ d. h. das All, mit 
seinem ganzen, folglich sichtbaren und unsichtbaren Inhalt. 

3. Weil die Schöpfungen des unbewußten Denkens die sicht- 
bare Welt umfassen, steht die Wirklichkeit nicht nur räumlich, 
sondern auch zeitlich zu ihrer Verfügung, — und sie spiegelt ebenso 
die Gegenwart, wie sie die Vergangenheit zitiert und die Zukunft 
voraussieht. Und weil sie auch die unsichtbare Wirldichkeit um- 
fassen, sind sie die Quelle aller Erfindungen und Entdeckungen und 
werden es solange sein, bis alle Erfindungen \ind Entdeckungen ge- 
macht oder die Bedingungen, sie zu machen, ihnen genommen sein 
werden. 

4. Insofern, als das unbewußte Denken über die Grenzen der 
Wirklichkeit hinauswogt, wird es zum Born der Phantasie und der 



106 Albert Adamkiewicz, 

Dichtkunst. Und insofern das unbe\mßte Denken über seine eigenen 
Quellen und Wei'kstätten nicht hinausdringt, wird es niemals den 
Ursprung des Menschen und der Welt vollkommen ergründen, son- 
dern ihrer Erkenntnis nur b-s zu einer gewissen Grenze sich nähern. 
— Die Werkstätten des unbe^nißten Denkens sind, wenn auch die 
höchsten, so doch nur winzige Produkte der Schöpfung uiul 
können als solche nicht über sie hinausgehen — Wie ein Ei nicht 
klüger sein kann als die Henne. 

5. Als einfache und ganz nafir liehe Produkte der dem lebenden 
Protoplasma eigentümlichen Schaffenskraft sind die Schöpfungen 
des unbewußten Denkens mechanisch und doch seelisch, geistig und 
doch materiell, phantastisch und doch, wie alles Seiende, vernünftig, 
wahr und logisch. 

6. Der feste Pol in der Schöpfungen Flucht des Unbewußten ist 
die Persönlichkeit des unbewußt Denkenden. — Daher sieht 
sich auch der Träumende immer in eigener Gestalt, wäh- 
rend alles andere um ihn her im Traume wechselt. Und weil das 
.Denken immer nur diejenige Welt für \\ahr hält, welche es wahr- 
nimmt, so ist der Träun ende ganz in seiner Traumwelt befangen, 
hält dieselbe für Wirklichkeit und weiß von der Wirklichkeit gar 
nichts, — ein Zustand, der, wenn er die physiologischen Grenzen 
überschreitet, pathologisch werden, d. h. zum Wahnsinn, führen 
kann. — Da aber be\\'ußtcs urd unbewußtes Denken • in ein umi 
derselben Ganglie vor sich geht, diese Ganglie aber, wie alle Zeileji 
und alle Materien das Gedächtnis als eine physische Eigenschaft^) 
besitzen, — so können die Schöpfungen des unbewußten Denken;- 
ebenso und zwar auf ganz mechanischem Wege in das Bewußtseir 
gelangen, wie der Inhalt des bewußten Denkens Gegenstand des 
Unbewußten wird. 

7. Wie endlich das unbewußte Denken gleich jedem anderen 
Zellenvorgang, beispielsweise der Harn Sekretion, als einfacher mecha- 
nischer Vorgang des Lebens, wir können direkt sagen, des vegeta- 
tiven Lebens, sich darstellt, indem es automatisch als Ausdruck des- 
selben entsteht, so äußert es sein AVesen als eines einfachen, physio- 



^) Vgl. Über rias unbewußte Denken. — Zur Mechanik des Gedächt- 
nisses. Ztschr. f. kl. Med. Bd. 40. • — Über die Gcdächtniski-aft des Gehirnes 
und ihi'o Stöninf^en. Prager med. Wochenschr. 1910, 15. — Intern. Med. 
Kongroß zu Budajx'st 1909. \'erliandlungen IT. Fa.sc. S. 203. 



Zum Wesen der Schlaflosigkeit. 107 

loiiischen Aktes darin, daß es oenau so, wie beispielsweise eine Maskel- 
zuckung, auch als einfache Reflexbewegung auftritt. Xur besteht 
zwischen einem reflektorisch erregten unbewußten Denkvorgany 
und anderen Reflexen der Unterschied, daß die gewöhnlichen Reflex- 
bewegungen auf dieselben Reize immer in der gleichen Weise ant- 
worten und selbst an Form und Inhalt immer die gleichen bleiben, 
während das unbewußte Reflexdenken inhaltlich unbegrenzt ist, 
wenn es auch zu den es erregenden Reizen in gewissem Zusammen- 
hanj2 steht. 

Reize, die das unbewußte Denken reflektorisch hervorrufen, 
gehen meist vom Darm oder von der Haut aus. Es sind das unge- 
wöhnliche Einwirkungen auf beide während des Schlafes. Und was 
sie hervorrufen, sind Traumdichtungen von buntem und phantasti- 
schem Inhalt, in denen nichts als die Reizquelle, der Reflexbogen 
und der Reflexvorgang konstant sind. 

Die Tatsache aber, daß das unbewußte Denken überhaupt reflek- 
torisch erregt werden kann, scheint mir eine Handhabe zu bieten, 
auf dasselbe künsthch einzuwirken und so Träume künsthch hervor- 
zurufen oder zu beeinflussen, was für Pathologie und Therapie der 
Psychosen nicht ohne Bedeutung sein dlufie. Hier dürfte sich der 
Forschung ein noch unbebautes, großes Gebiet eröffnen. 

Zu diesen FeststeiluLgen über das ,, unbewußte Denken" möchte 
ich hier eine neue und nicht die unwichtigste fügen. 

Was die Großhirnrinde im aktiven Zustand an Ein- 
drücken aufnimmt und sammelt, das verarbeitet die 
Großhirnrinde im inaktiven Zustand, um das Resultat 
dieser Verarbeitung dem aktiven Gehirn, d. h dem Be- 
wußtsein als fertiges Produkt wieder zurückzugeben und 
zur Verfügung zu stellen. — Mit anderen Worten: Die Groß- 
hirnrinde ist im inaktiven Zustand ein Laboratorium 
des Geistes, das die im aktiven Zustande gesammelten 
Eindrücke, Begriffe und Vorstellungen verarbeitet und 
daraus Schlüsse und fertige Gedanken bereitet, ähnlich 
wie ein chemisches Laboratorium aus chemischen Roh- 
stoffen chemische Produkte herstellt. 

Wenn die Einförmigkeit des Daseins mit seinen täghchen nicht 
tiefer in die Seele dringenden Erlebnissen durch "»'oigänge freudiger 
oder schmerzKcher Art unterbrochen wird, welche das Bewußtsein 



HOB Albert Adamkiewicz, 

tief erregen, dann geschieht es regehnäßig, daß die im Bewußtsein 
brandenden Wogen im Unbewußten wiecierli allen und so auch 
das unbewußte Denken erregen und folglich im Traume wieder 
erscheinen. 

Es geschieht das gewöhnlich in der Weise, daß das das Be^\'ußt- 
sein erschütternde Ereignis nicht als ein ganz getreues Echo im 
Unbewußten • widerhallt und folglich als Traum wieder autlebt, 
sondern es geschieht, daß Pe'-sonen oder Dinge, die eine Haupt- 
rolle in jenem Ereignis spielen, im Traum sich zeigen, während 
alles andere phantastisch kombiniert ist. 

Wenn es sich hier, wie wir gesehen haben, um natürliche und 
zwar physische Dinge mechanischer Natur handelt, so kann es keinem 
Zweifel unterliegen, daß alle Wellen des Bewußtseins, alle Er- 
regungen der aktiven Großhirnrinde, alle Vorgänge des Denkens, 
alle Vorstellungen, Begriffe und Akte der tätigen Psyche in das 
Organ des Unbewußten gelangen und daß diejenigen von diesen Ein- 
drücken im Unbewußten spurlos untertauchen, ohne seine Ober- 
fläche zu kräuseln, welche durch die Banahtät ihres Alltagsinhalts 
indifferent sind, während diejenigen Eindrücke es um so mehr und 
bis zu turmhohen Wogen aufpeitschen, welche von der Banalität 
der täglichen Erlebnisse abweichen und durch die Eigenart und Uii- 
gewölmlickheit ihres Inhaltes über die Alltäglichkeit der Erlebnisse 
hinausbranden. 

Hallen aber alle Erregungen der aktiven Rinde in der in 
aktiven wieder, ist somit die inaktive Rinde ein ständiges Repe- 
titionsorgan der aktiven, dann haben wir es hier mit einer Ein- 
richtung zu tun, in welcher diese Repetition auch eine ganz 
bestimmte physiologische Bedeutung haben und im Denk- 
prozeß eine gesetzmäßige Rolle spielen muß. 

Um das Wesen dieser Rolle zu finden, müssen wir solche Vor- 
gänge in der Natur ins Auge fassen, bei welcher die Wiederholung 
einer Funktion ein regelmäßiger physiologischer Vorgang ist. 

Es ist merkwürdig und wirkt im Hinblick auf die sublime Feinheit 
der l*rozesse, in deren zartes Netz wir hier gedrungen sind, geradezu 
revoltierend, daß wir die Wiederholung als physiologischen Vorgang 
gerade liei den allergröbsten Verrichtungen des tierischen Körpers 
findeji — beim Wiederkäuen des Rindes. — Trotzdem wirkt 
diese Erkemitnis befreiend. — Denn sie bestätigt die große Wahrheit. 



Zum Wesen der Schlaflosigkeit. 109 

daß alle Vorgänge in der Natui", ob sie hoch oder niedrig, geistig oder 
materieil, organischer oder anorganischer Natur sind, — ob sie daher 
die höchsten. Probleme des Denkens oder die gröbsten Akte des vege- 
tativen Lebens, die Ernähi'ung, betreffen, immer ein und desselben 
Wesens sind und immer unter der Herrschaft derselben natürlichen 
Gesetze, der Gesetze der Mechanik, stehen, — die für alle 
ihre Verrichturgen nur ein Prinzip kennt, das der Eigenkraft der 
Materie. 

Welche Bedeutung hat nun das Wiederkäuen des Rindermagens 
physiologisch ? 

Wenn die von den Zähnen des Rindes zermahlenen Gräser uu'i 
Kerne, nachdem sie in den Magen gelangt sind, zum z^^ eitennLal 
zerkaut, zum zweitenmal in den Magen befördert werden, so kann 
der Zweck dieser ,,AViederkäuung" nur der sein, die selbst von den 
Säften des Wiederkäueimagens schwer angreifbare Nahrung des 
Rindes durch das wiederholte Zermahlen dem Verdauungschemismus 
zu erschließen und dadurch — assimilierbar zu- machen. 

Wie eine wissenschaftliche Erlösung befreit die hier gewonnen 
Erkenntnis, daß auch für die höchste physiologische Funktion des 
Menschen, — die des Denkens, dasselbe Prinzip gilt. Die am hellen 
Tage von der wachen Grcßhirnrinde aufgenommenen 
Eindriicke bilden eine noch unaufgeschlossene geistige 
Nahrung, die eines geistigen Verdauungsaktes bedarf, 
um assimilierbar zu werden. 

Wenn dem Tage die Nacht folgt, die aktive Rinde inaktiv wird 
und in das Reich des Unbewußten versinkt, gelangt der geistige Inhalt 
der wachen Rinde in die Werkstätten und Laboratorien der inaktiven 
GroßhirnrindenzeUen und wird hier, geschützt von. den. Schleiern der 
Nacht, des Schlafes und der Weltentrücktheit von den Mühlsteinen 
des geistigen Laboratoriums zerrieben und in seinen Retorten gelöst, 
um als verarbeitetes, d. h. assimilierbares Material des Geistes, als 
fertiger Gedanke, durch die Apparate des unbewußten Denkens 
klar zu filtrieren. 

So erhält eine Reihe von rätselhaften Tatsachen ihre natürliche 
und wissenschaftliche Erklärung. 

Jedem Denker ist es bekannt, lücht nur, daß die besten Gedanken 
ihm in der StiUe der Nacht kommen, wenn er geschlafen und sein 
Gehirn geruht hat, sondern auch, daß die Lösung schwieriger Auf- 

Aroliiv für Geschichte der Philosophie. XXX. 2. 9 



110 Albert Adamkiewicz. 

gaben, und die Antwort auf verwickelte Fragen, die ihm der Tag 
trotz aller Mühe nicht brachte, sich in der Ruhe der IN^acht häufig 
ganz von selbst einstellen. 

In dem Schlagwort vom ,, Beschlafen der Dinge'' findet diese 
Erfahrung einen ganz vulgären Ausdruck. 

Daß es sich hier tatsächlich um Vorgänge in der inaktiven Groß- 
hirnrinde handelt, gehh noch besonders deutlich aus folgender Tat- 
sache hervor. 

Genau so wie die körperliche, kann auch die geistige Nahrung 
Bestandteile ^aithalten, die — unverdaulich sind. Dazu gehören 
Eindjücke, Vorstellungen und Erlebnisse von unnatüi-lichem untl 
daher widerstrebendem Inhalt und geistig unüberwindlicher Härte. 

Wie unverdauliche Stoffe den Magen, so beschweren solche 
Steine des geistigen Anstoßes das Organ, das sie zu verarbeiten 
bestimmt ist, das des unbewußten Denkens. — Indem sie dieses 
Organ über seine Leistungsfähigkeit hinaus bedrängen und es so aus 
seiner Ruhe bringen, stören sie das unbewußte Denken, das 
ihr Wesen ist und damit die Inaktivität der Großhirnrinde, 
die wiederum den Schlaf bedeutet. 

Stören sie aber den Schlaf, so erregen sie den wachen 
Zustand. Und stören sie das unbewußte Denken, den Traum, 
so erregen sie das Denken. 

Daraus folgt; 

Die in die wache Großhirnrinde gelangenden Ein- 
drücke werden während des Schlafes von ihr verarbeitet, 
verdaut und gelangen dann — wie aus einem Wieder- 
käuermagen — in das wache Gehirn zurück, um hier 
als fertiges geistiges Produkt, als ,, bewußter" Gedanke, 
aufzutreten. 

Findet dieser Vorgang Schwierigkeiten, welche die 
Grenzen der physiologischen Kraft der inaktiven Groß- 
hirnrindenarbeit übersteigen, dann wird die inaktive 
Arbeit der Großhirnrinde, das unbewußte, traumerzeu- 
gende Denken der Großhirnrinde gestört. — Und diese 
Störung ist eine der Ursachen eines nicht immer so klar 
wie hier ergründbaren pathologischen Zustandes, — der 
Schlaflosigkeit. 



VII. 

Soeren Kierkegaard — 
ein Seelsorger fiir die Seelsorger. 

Von 

Lic. Dr. Kurt Warmuth, 

Pfarrer an der Christuskirche in Dresden. 

Es gibt nur ein Heil: das Christentum. 

Es gibt für das Christentum nur ein Heil : die Strenge. 

Das Christentiim ist Innerlichkeit,, 

Verinnerlichung des Cliristentums meine Aufgabe. 

Soeren Kierkegaard. 

Soeren Kierkegaard erzählt in seinem Tagebuch^), daß sein Brnder 
Pastor Lic. theol. Peter Kierkegaard auf dem Pastorenkonvent zu 
Koskilde einen Vortrag über Martensen nnd ihn gehalten habe, in 
welchem er aus Martensen die Besonnenheit, aus ihm aber die Ekstase 
gemacht habe. Er bemerkt dazu: „Also ich habe Opfer gebracht, 
auf irdischen Lohn, vei^ichtet — und nun ist der ,, herzliche" Bruder 
so gut, im Gegensatz hierzu Martensen, der auf jede Weise den Profit 
genommen hat, als Besonnenheit hinzustellen; denn ich, das Gegenteil 
von Besonnenheit, ich werde als Repräsentant der Ekstase hingestell."", 
vermutlich einer Art von Verrücktheit, wodurch Pastor Kierkegaard mit 
den x\ii.griffenderganzen höhnenden Menge, welche stets darauf ausgeht, 
mein Leben als eine Art von Verrücktheit hinzustellen, fast in Ein- 
verständnis kommt . . . Die Sache, der zu dienen ich die Ehre habe, 
ist die größte, die Dänemark je gehabt hat, die Zukunft des 
Christentums, eine Sache, die hier beginnen soll. Diese Sache ist, 
wie sich's gebülirt, von meiner Seite mit Eifer und Anstrengung, 
mit Fleiß und Uneigennützigkeit so bedient worden, daß Dänemark 



^) Hermann Gottsched, Soeren Kierkegaards Buch des Richters. Eugen 
Diederichs, Jena 1905 S. 191. 

9* 



112 Kurt Warmuth. 

keine andere Sache besitzt, die ihr in dieser Hinsicht gleicht. Vielleicht 
meint die Gegnerschaft, daß ich dadurch, daß man meinen Bruder 
dazu brachte, als Wortführer gegen mich aufzutreten, einen Anlaß 
zu Lebensüberdruß bekommen könnte, so daß mir das Ganze ver- 
leidet würde. Eine Sache, welche ein ganzes Volk angeht, eine Sache, 
in welche die ganze Geistüchkeit kriminell hineingezogen ist, sollte 
sich plötzlich, während übrigens aUes Stillschweigen beobachtete, 
in einen Privatzank zwischen zwei Brüdern verwandeln, in ein ei- 
wünschtes Motiv für Geschwätz und Stadtklatsch, gerade etwas für 
eine Krämerstadt und für ein Land, welches im Begriff steht, ganz 
und gar zu einer Krämerstadt zu werden . . . Ich habe gar keine 
Angst davor, Skandal zu erregen. Das Christentum des Neuen Test; - 
ments ist gerade eitel Skandal, das Wort selbst ist ja das griechische 
oxdrdcüov, welches beständig im Neuen Testament vom Christentum 
gebraucht wird." Aus diesen Worten erkennen wir Kierkegaards 
Gegensatz zur Geistlichkeit seiner Zeit, er fühlt sich als Kämpffr 
für das Christentum des Neuen Testaments, das er wesentlich als 
oxccrÖalor faßt. — 

Beiläufig erwälmt sei, daß sein Bruder Pastor Peter Kierkegaard, 
später Bischof von Aalborg, in hohem Alter auf den schwermütigen 
Gedanken kam, er sei kein rechter Pfarrer und Oberhirt gewesen; 
er legte plötzlich den Bischofstitel ab, schickte dem König seine 
Orden zurück und predigte mit Vorliebe im Armenhaus — ein echc 
Kierkegaardscher Zug! 

Auch jetzt soll von Soeren Ivierkegaard die Rede sein. Ob er 
uns beistimmen würde, wenn er diese Zeilen lesen könnte? AVer weiß? 
Er hat einmal mit Schaudern davon gesprochen, daß eine trompetende 
Nachwelt ebenso „eselhaft" wie die praldische Welt, in der er lebte, 
sich mit seinen Hosen beschäftigte, sich mit seinen Ideen und Schriften 
beschäftigen werde. ^) Georg Brandes bemerkt hierzu: „Die Kari- 
katurzeichnungen in dem Witzblatt „Korsar" hatten Kierkegaards 
Beine in den Kreisen bekannt gemacht, zu denen sein Genie nicht 
hindurchgedrungen war. Seine Hosen hatten bei uns eine ebenso 
große Beriüimtheit, wie in Frankreich 10 Jahre vorher Theophile 
Gautiers rote Weste. "^) 



-) Buch des Richters S. 106. 

=>) Goorg Brandes, Gesammelte Schriften, 3, Bd. München, Albert 
Langen 1902, S. 258. 



Soeren Kierkegaard — ein Seelsorger für die Seelsorger. 113 

Nun, wü- wollen jetzt in die Tiefe seines Wesens einzudringen 
suchen. Wü- werden sehen, daß er, der von den Geisthchen seiner 
Zeit bestgehaßte, gerade den Geistlichen der Gegenwart viel 
zu sagen liat. Die Bedingung, die wir unserseits erfüllen müssen, ist 
die, daß wü' ihm vorurteilslos nahen und uns von ihm beschenken 
lassen: er spendet mit der Freigebigkeit eines Königs. Mit Recht 
nennt er sich selbst ,,heiniatberechtigt im Reiche der Genialität". 

Dreierlei erschwert uns freiüch sein Verständnis: die 
Sprache, in der er geschrieben hat; die Ait, wie er geschrieben hat, 
und der herbe Klang seiner Stimme.^) 

Er hat selbst eingesehen, welche Mauer er um den blühenden 
Garten seiner Gedanken zog, als er seine Muttersprache wählte, um 
in ihr seine Gedanken auszudrücken. Er sagt: ,,Wenn ich einen 
Sohn hätte, wikde ich zu ihm sprechen: Werde um Gottes willen 
nicht Schriftsteller in Dänemark; strebe darnach, so zeitig wie möglich 
eine fremde Sprache zu erlernen, so daß du in ihr schreiben kannst, 
schreibe keine Zeile auf dänisch, sondern beginne sofort in der fremden 
Sprache. Xicht allein, daß Dänemark ein kleines Land ist, wo du 
keinen Leser findest und man beinahe zusetzt, um Schriftsteller zu 
sein, sondern Dänemark ist überhaupt kein Land, es ist eine Provinzial- 
stadt, eine Kneipe!"^) 

Was die Art seiner Darstellung betrifft, so besteht die Schwierig- 
keit darin, daß er mit dem Leser Verstecken spielt. Er verbirgt 
sich in den Hauptwerken seiner ersten Schaffensperiode hinter einer 
Reihe von Pseudonymen. Es ist nicht ^eicht, seine eigene Meinimg 
herauszufinden. Man vermag es nicht aus einem Buch, man muß 
seine ganze Schriftstellerei in Betracht ziehen. 

Vor allem aber mutet uns der tiefe, dunkle K^ang seiner Stimme 
fremd an. Er ist so voll Ernst und Strenge und zugleich so voll geistigen 
Sprengstoffs, daß uns bei der Lektiü-e seiner Schriften zu Mute wird 
wie einem, der durch ein Land wandert, das von den Stößen eines 
Erdbebens schwankt. Er regt uns im Innersten auf, er läßt unsere 
Seele erzittern in der Sorge um ihr Heil. Erist 3ingroßerSeelen- 
aufrüttler und damit ein Seelsorger im tie f sten Sinn. Ein 



*) Vgl. Raoul Hoffmaim, Kierkegaard et la certitude religieuse. Paris 
Fischbacher, S. 3. 

^) Georg Brandes a. a. 0., S. 442. 



114 Kurt ^Yarmuth, 

Kritiker der „R^^'ue de Paris" nennt ihn ,,barde de fer", d.h. mit Eisen 
beschlagen. Und Christoph Schrempf^), einer der scharfsinnigsten 
Kierkegaard- Kenner in Deutschland, ruft uns zu: „Ein angenehmer 
Lehrer ist er nicht, sein Studium ist nicht nur intellektuell anstren- 
gend, sondern gemütlich angreifend; es ist sogar wirklich gefährlich.'' 

Es ist nicht leicht, ihn richtig zu beurteilen. Den einen ist er der 
beste dänische Prosaschriftsteller ; den andern ist er der Inspirator Ibsens , 
dessen „Brand" er hätte geschrieben haben können, und der durch Ibsei s 
Vermittlung einen ungeheuren Einfluß auf die gesamte Moderne ge- 
wonnen hat; noch andere sehen in ihm den Anfänger der großen 
ethischen Bewegung, die Skandinavien seit einer Generation beheri-scht. 

Man hat ihn mit einer Reihe berühmter Männer verglichen: 
mit Socrates, den er besonders liebte, mit Vinet und Pascal, mit 
Schopenhauer und Nietzsche. Jedenfalls ist er der größte Philosoph 
Dänemarks, einer der bedeutendsten religiösen Denker der Neuzeit 
und einer der interessantesten Persönlichkeiten, die je gelebt haben. 
Er hat einer Zeit, die ohne Christentum oder in Gewohnheitschristentum 
dahinlebte, den Ernst des Christentums eingeschärft, er ist der christ- 
liche Socrates gewesen, der die Christenheit lehren wollte, was Christen- 
tum ist, der Streiter für das Ideal der Innerlichkeit, der 
alle Phrase und Erbärmlichkeit, alle Bequemlichkeit und Oberfläch- 
hchkeit angriff und eindringlich machte, daß es sich auf religiösem 
Gebiet um persönliche Entscheidung und unbestechliche 
Redlichkeit handelt, 

AVelche Wirkung geht noch heute von ihm aus ! Der ausgezeichnete 
dänische Kierkegaard- Kenner Carl Koch'^) sagt: „Kierkegaard übt 
fortwährend großen Einfluß in Dänemark aus; er wird viel gelesen, 
seine Gedanken sind in unserer religiösen und kirchüchen Eirhvicklung 
ein wirksames und heilsames Ferment; seine Spuren sind in philoso- 
phischen und theologischen Büchern, ja selbst in Romanen deutJich." 

Auch anderwärts beginnt man immer mehr zu erkennen, welch 
einen Schatz von religiös-ethischem Gehalt seine Werke bergen; 



^) Soeren Kierkegaards Angriff auf die Chi-istenlieit, übersetzt von 
A. Dorner und Ciu-. Schrempf. Stuttgart, Fr. Frommaims Verlag, 1896, 
S. XIV. 

^) Carl Koch, Pfarrer in Ubberup bei Kaiundborg: 1. S. K. tre Foredrag 
1898; 2. S. K. og Enül Boesen; 3. S. K. Udvalg og Indledning, alle nicht ins 
Deutsche übersetzt. Ebenso nicht: P. A. Rosenberg, 8. K. 1898. 



Soeren Kierkegaard — ein Seelsorger für die Seelsorger. 115 

vor allem in Deutschland, und das ist bezeichnend flu- die Gemütstiefe 
der Deutschen. 

Eine ausgezeichnete deutsche Gesamtausgabe ^) seiner Werke hat 
der Verlag von Eugen Diederichs in Jena herausgegeben. 

Im gleichen Verlag erschien im Jahre 1905 „Das Buch des Rich- 
ters", Auszüge aus Kierkegaards Tagebüchern 1833 — 1855, von 
Hermann Gottsched in Basel übertragen. Wer Kirkegaard auf eine 
angenehme und leichte Weise kennen lernen will, dem sei dieses treff- 
liche Buch auf das wärmste empfohlen; es läßt uns tiefe Blicke tun 
in sein großes, gutes Herz. Füi- Theologen von höchstem Interesse 
ist dieLektüi-e der Schriften aus Ivierkegaards letzter Schaffensperiode, 
die in der Gesamtausgabe den 12. Band unter dem Titel „Der Augen- 
bhck" bilden. Diesem Buch gebührt ein Platz in jeder Pfarrbibliothek; 
es stellt einen Pastoren-Spiegel dar, in dem sich keiner ohne inneren 
Gewinn beschauen wird. Mag auch vieles darin übertrieben und nur 
aus der großen persönlichen Gereiztheit des Verfassers zu erklären 
sein, dennoch enthält es viel Beherzigenswertes. 

Von Übersetzern seien. noch erwähnt Bärthold, Michelsen und 
Gleiß, Dorner und Julie von Reincke. 

Als Interpreten kommen folgende in Betracht. Bärthold stellt ihn 
von seinem milden positiven Standpunkt aus dar. Georg Brandes 
behandelt ihn nach der Methode moderner psychologischer Literatur- 
geschichte und sucht seine Persönlichkeit nach den exalrten Ge- 
setzen Taines zu erklären. Martensen beurteilt ihn sehr ungünstig, 
vielleicht bestimmt durch eine persönliche Differenz, die in seiner 



^) Soeren Kierkegaard, Gesammelte Werke. In 12 Bänden unverkürzt 
herausgegeben von Hermann Gottsched und Christoph Schrempf. Eugen 
Diederichs Verlag in Jena 1912. 

Bd. 1 u. 2. Entweder — Oder. 

Bd. 3. Fuicht und Zittern. Wiederholung. 

Bd. 4. Stadien. 

Bd. 5. Begriff der Angst. 

Bd. 6 u. 7. Philosophische Brocken. Abschließende unwissenschaftliche 
Nachschrift. 

Bd. 8. Die Krankheit zum Tode. 

Bd. 9. Einübung im Christentum. 

Bd. 10. Der Gesichtspunkt für meine schriftstellerische Wirksamkeit, 

Bd. 11. Zur Selbstprüfung. 

Bd. 12. Der Augenblick. 



116 Kurt Warmuth, 

Selbstbiographie gelegentlich hervorblitzt. Jedenfalls ist ihm Kierke- 
gaard sehr unsympathisch. Ich habe den Eindruck, als habe Martensen 
Kierkegaard um sein Genie und Kierkegaard Martensen um seinen 
Bischofsstuhl beneidet. Martensen nennt ihn „ein Meteor"), das durch 
sein Steigen wie seinen Niedei-gang einen eigentümlich gemischten 
Eindruck hervorgebracht habe"; er erwähnt die Worte eines seiner 
Freunde über ihn: „Er war ein edles Instrument, jedoch mit einem 
Riß im Resonnanzboden." In seiner Ethiki») wirft er ihm vor, daß 
er Jesum einseitig als Vorbild aufgefaßt und den Versöhner darüber 
in den Hintergrund gestellt habe. Doch das war ja Kierkegaards 
bewußte Absicht, das „Vorbild" Jesu seiner Zeit einzuschärfen 
zur AVeckung der Gewissen. 

Seit 1890 hat C h r i s t o p li S c h r e m p f die Auf merksa mkeit stärke]- 
auf Kierkegaard gelenkt, nicht ohne Erfolg, weil er dessen revolu- 
tionär-polemischen Standpunkt mehr hervortreten ließ und dessen 
Konsequenzen selbst zog. Er sagt: „Ich danke es Kierkegaard, 
daß er mich nötigte, mit der Kirche und mit mir selbst abzurechnen, 
wobei ich zuerst mein Pfarramt drangeben nwßte und dann dazu 
getrieben wurde, mein Konfhmationsgelübde als ein Mißverständnis 
zurückzunehmen!" Schrempf hat freilich dem Glauben Vorschub 
geleistet, als ob sich Kierkegaard für eine bestimmte theologische 
Richtung in Anspruch nehmen ließe, was die Wertung Kierkegaards not- 
wendig veräußerlichen muß, wie Eduard Platzhoff-Lejenne mit Recht 
bemerkt. • 

Harald Höffding"), Professor der Philosophie an der Uni- 
versität Kopenhagen, stellt Kierkegaard vom Standpunkt der humanen 
Ethik aus dar. 

Emil Rasmusseni'^) versucht, eine Analyse des geistigen Zu- 
standes Kierkegaards zu geben und ihn als einen ausgeprägten Typus 
der epileptischen Geisteski-ankheit hinzustellen. 



») Martensen. Aus meinem Leben III, 8. 12 ff. Leipzig, Reuther, 1884. 

") Martensen, Ethik I, 277, und I, 386. Gotha, R. Besser, 1873. 
11) Höffding, S. K. als Philosoph, Frommanns Klassiker der Philosophie 
III. .Stuttgart, Hauff, 189G. 

1-) Dr. E. Rasmussen, Jesus, eine vergleichende psychopathologische 
Studie, übertragen von Arthur Rothenburg. Verlag Julius Zeitler, Leipzig 
1905- S. 115. 



Soeren Kierkegaard — ein Seelsorger für die Seelsorger. 117 

Eduard Platzhof f-Lejenne^^) skizziert Kierkegaards Stand- 
punkt mit Benutzung seiner eigenen Terminologie, setzt ihn in 
Beziehung zu den Errungenschaften imd Anfgaben der heutigen 
Religionsphilosophie und sucht ihn aus seinen persönlichen Schick- 
salen heraus zu verstehen. Mit Schrempf sieht er Kierkegaards 
Hauptbedeutung fiü" Gegenwart und Zukunft in seiner Methode. 

Eine geistvolle Studie ist die französische von Raoul Hoff- 
mann i^), Sohn des deutschen Pastors in Genf, die ins Deutsche 
übersetzt ist: ,, Kierkegaard und die religiöse Gewißheit". Er meint: 
,, Kierkegaards Ideen von der Uneinsehbarkeit des Christentums und 
von der Gewißheit als Tochter des Willens sind heute gerade nützlich 
zu verkündigen. Durch seine Art, die christlichen Probleme zu fassen, 
drückt er Stacheln in das Fleisch des Lesers, von denen sich dieser 
nicht so leicht befreit. In seiner Schule können wir uns das er- 
werben, was er über alles pries: eine persönliche Religion. Man 
kommt von ihm zurück erschüttert und bereichert." (On en revient 
meurtri et enrichi.) 

K. Walz^sj \i^^ Soeren Kierkegaard als den ,, Klassiker unter 
den Erbauungsschriftstellern des 19. Jahrhunderts" dargestellt. 

Eduard Lehmann^^) an der Universität Lund führt gut in 
Kierkegaards Leben und Werke ein. 

Alfred Th. Jörgensen^'^), Privatdozent an der Universität 
Kopenhagen, behandelt Kierkegaard und das biblische Christentum. 
Er schließt sein instruktives Schriftchen mit den Worten: ,,Das Größte 
bei Kierkegaard ist dieses, daß er es nicht leicht machen will, Christ 
zu werden. Li einer Zeit, wo die Spitzen des biblischen Christen- 
tums nur allzuoft abgebrochen werden, brauchen wir die Stimme 
Soeren Kierkegaards." 



1^) Theologische Riindschau, Tübingen, Mohr, 1901, 4. Jahrgang, Heft 
4—6. 

^*) Raoul Hoff mann, Kierkegaard et la certitude religieuse, Paris, Librairie 
Fischbacher. 

^^) D. K. Walz, y. K., ein Vortrag, Gießen, J. Rickersche Verlagsbuch- 
handlung, 1898. 

^®) Prof. T>. Eduard Lehmann, So?ren Kierkegaard, lOLS, Protest. 
Schriftenvertrieb Berlin-Schöneberg. 

^^) Lic. Alfred Th. Jörgensen, S. K. und das bilb. Christentum, 1914, 
Verlag von Edwin Runge in Berlin-Lichterfelde. 



118 Kurt- \Yarmuth, 

Kierkegaards äußeres Leben ist sehr einfach. Er ist am 
5. Mai 1813 in Kopenhagen geboren, widmet sich theologischen und 
philosophischen Studien, erwirl^t die Würde eines Magisters der Philo- 
sophie mit einer Abhandlung ,,Uber den Begriff der Ironie in stetem 
Hinblick auf Socrates", einer eigenartigen Arbeit, die bereits alle Haupt- 
gedanken seines Lebens in nuce enthält, verlobt sich und entlobt sich, 
reist nach Berlin, wo ihn Schelling enttäuscht — er nennt ihn „einen 
ganz schrecklichen Schwätzer'' — , lebt als Schriftsteller in Kopen- 
hagen, wo er bald eine bekannte Straßenfigur wird wie Socrates in xAchen 
und auch in dem Lustspieldichier Hostrup seinen Aiistophanes findet, 
will DorfpfaiTer werden, fordert aber das Kopenhagener Witzblatt 
„Korsar" zum Angriff auf sich heraus und greift nun seinerseits 
„die Christenheit", „das Bestehende" d. h. die dänische Staaisküche 
an. Aufgerieben von diesem Streit, stirbt er, nur 42 Jahre alt. Kr 
schrieb 30 gedruckte Bände, nach seinem eigenen Ausdruck „eine 
Literatur in der Literatur", und ebenso viele Tagebücher im Manusloipt 
und das alles im Laufe seiner letzten 12 Jahre. Professor Rudiu^^) 
von der Universität Upsala hat in seinem Buch über Kierkegaard 
eine Chronologie seiner Werke nach Jahr und Tag ihres Erscheinens 
gegeben : man staunt über diese geistige Fruchtbarkeit ! Die Haupt- 
werke sind: Entweder — oder, Stadien auf dem Lebensweg, Ein- 
übung im Christentum, Zur Selbstprüfung, Leben und Walten der 
Liebe. Mit Recht sagt Georg Brandes: ,,So wunderlich und eintönig 
erschien die Außenseite eines Lebens, das innerlich vielleicht das 
bewegteste war, das je in Dänemark geführt worden ist." 

Kierkegaard'^) hat sein Wesen selbst als eine Vereinigung von 
Melancholie, Reflexion und Gottesfurcht bezeichnet. Li der 
Tat : Schwermut liegt von Kindheit an auf ihm als Erbe von seinem 
Vater. Dieser hat das Christentum in seiner ganzen Strenge auf die 
Schultern des schwachen Kindes gelegt, er hat ihm aber auch das 
Christentum als Rettung aus seiner angeerbten Schwermut gezeigt. 
Kierkegaard glaubte, seine Schwermut lasse sich lösen, und verlobte 
sich, um zu sehen, daß es nicht der Fall war, daß er, die Ausnahme, da , 
Allgemeine nicht verwirklichen könne. Nun gehört sein Leben seinena 



^^) W. Rudin, Hoeren Kierkegaard. A. Nile^en, Stockholm 1880. 

'") Vgl. Gottsched und Höffding a. a. 0. und Monrad, Soeren Kierke- 
gaard. Eine Einführung in die Gesamtpersönlichkeit, Leben und Wirken. 
Eugen Diederichs, Jena. 



Soeren Kierkegaard — ein Seelsorger für die Seelsorger. 119 

Vater, der ihn uiiiilücklicli machte, imd seiner Braut, die e r uiigiück- 
hch zu machen glaubte. Seinem Vater widmet er seine erbaulichen 
Reden und seiner Braut seine ästhetischen Schriften und schließlich 
seinen ganzen Nachlaß. Welch schwermütige Treue ! 

Der andere Grundzug seines Wesens ist eine ganz hervorragende 
Kraft des Denkens, eine Anlage zu zersetzender, dialektischer 
Arbeit, er ist eine Hamletnatur, ein Genie der Reflexion. 

Damit verbmiden ist eine Phantasie, die bei jedem Aufleuchten 
der Stimmung Bilder voll Glanz und sprechender Lebendigkeit ent- 
wirft, und die ihn, obgleich er keinen einzigen Vers geschrieben hat, 
dennoch zum großen Dichter und Seelenforscher macht. Dieser poe- 
tische Trieb, wie bei Plato mit scharfer Dialektik des Gedankens ver- 
mählt, läßt ihn nicht nur Erzählungen und Stimmungen dichten, 
sondern Charaktere von Fleisch und Blut, die miteinander dispu- 
tieren. Unter lauter Pseudonymen setzt er seine ganze Phantasie- 
welt aus sich heraus, um seine im Ästhetischen lebende Zeit am Reli- 
giös-Kthischen anstoßen zu lassen, damit sie sich besinne und auf- 
richte. 

Und dann— über welch seltene Kunst der Sprache verfügt 
er, welche Klarheit und Anmut, welche Tiefe und Leidenschaft ! 

Daneben her zeigt bereits der Knabe ein lebhaftes, munteres 
T e m p e r a m e n t , einen Drang, sich in Witz undgeistigen Kraftübungen 
zu ergehen. Leider hat ihm in diesem Pim.kt die Erziehung in. Haus 
und Schule geschadet : er wurde zu sehr eingeschüchtert. Daraus ent- 
sprang seine Neigung zu Einseitigkeit, Isolation und die Unmöglich- 
keit, sich anderen vertraulich zu erschließen. 

Zu diesem hochgespannten Stimmungsleben, zu dieser unend- 
lichen Dialektik, zu dieser gegen alle Gefühlsnuancen und Gedanken - 
Übergänge gefügigen Phantasie gesellt sich als einigendes Band ein 
energischer Wille, mit dem er die auseinander strebenden 
Elemente seines Wesens zusammenzuhalten und alle Strömungen 
seiner reichen Individualität auf ein Ziel hinzuleiten versteht: 
auf die Innerlichkeit. 

Dies es Dringen auf Innerlichkeit qualifiziert ihn zu einem 
Seelsorger par excellence. Er kennt nur eine Sorge, die Sorge für 
seine Seele, und schärft durch seine Schriften jedem ein : sorge für 
deine Seele ! Er ist übrigens eine rechte Seelsorgernatur. 



120 Kurt Warmuth, 

Von mehr als einer Seite ist bezeugt ^o)^ daß er einen merkwüi-digen 
Blick dafüi' hatte, ob die Leute seiner Umgebung etwas drückte, und 
daß er auf eine so rücksichtsvolle und zaite Weise wie kein anderer zu 
beruhigen und zu trösten verstand. Nicht nur ihm selbst gewährte 
es Linderung seiner Schwermut, auf der Straße umherzuziehen unci 
mit den Leuten aus dem Volk zu reden, sondern er hatte herzliche 
Teilnahme für sie und verstand die Kunst, sich in. ihre Lage hineinzu- 
versetzen. Noch zuletzt, als sich seine Auffassung des Christentums 
verschärfte und er die Zeit herankommen sah, wo das Ideal in seiner 
vollen Strenge geltend gemacht werden mußte, zögerte er damit 
eine Zeit lang aus Teilnahme für das Glück, das er stören, für das 
Leiden, das er da und dort verursachen würde, wo bisher eine milde, 
harmonische Lebensanschauung geherrscht hatte. 

Wertvolle Winke voll seelsorgerischer Weisheit und gewissen- 
schärfender Ivraft, die von tiefer Kenntnis der Pastorenpsyche zeugen, 
finden sich in vielen seiner Werke verstreut, besonders in seinen 
Tagebüchern.^^) Hier warnt er in der ,, Theaterkritik"'^"^) vor religiöser 
■ Schauspielerei. Hier läßt er in der „Situation" einen Theologen 
— wir glauben Kierkegaard selbst zu erkennen — in der vornehmsten 
und prachtvollsten Kirche der Hauptstadt vor König und Königin 
über das Thema predigen ,, Christentum kann nur in. der Wirklich- 
keit gepredigt werden": ,, Christus war kein schmuckvoller Mann, 
der in einer schmuckvollen Kirche vor einer schmuckvollen Versamm- 
lung davon predigte, daß die Wahrheit leiden muß, es war wirldich, 
daß auf ihn gespieen wurde." — „Welch schnöder Betrug in der Pre- 
digt", ruft Kierkegaard aus, ,,man sagt: Christus ging nicht in die 
AVüste oder ins Kloster, er bheb in der Welt: ja, damit glaubt man 
all die unendliche Weltlichkeit, worin die Geisthchkeit lebt, verteidig l 
zu haben. Aber halt ! Unleugbar, Christus ging nicht in die Wüste, 
nicht ins Kloster, das wäre für ihn eine Milderung gewesen; er bheb 
in der Welt — aber doch nicht, um Justizrat, Kitter, Ehrenmitglied 
von diesem oder jenem zu werden, sondern um zu leiden. Das war 
der Profit, den er davon hatte, daß er in der Weit blieb, und d e ii 
Profit hätte er ganz gewiß vermieden, wenn er ins Kloster gegangen 



-") Vgl. Höffding a. a. ü. 

21) Buch des Richters, S. 100 ff . 

") Buch des Richters, b. 148, U3. 



Soeren Kierkegaard — ein Seelsorger für die Seelsorger. 121 

wäre. Auf so etwas hört die Gemeinde liatürlich mit eitel Freude 
— das Ganze ist Weltlichkeit und das Wunderbare nur Gottes Lang- 
mut, daß solch einen Schlingel von Pfarrer nicht' plötzlich auf der 
Kanzel der Schlag trifft; da sollte er ihn doch eigentlich treffen, gerade 
in dem x\ugenbhck, ehe er den Talar auszieht, um in den Ivlub zu 
gehen." Wie versteht Kierkegr.ard darüber zu spotten, daß das 
Christentum in der Christenheit „nur Sonntagsdienst" ist^^)! 
Ähnliche Gedanken spricht er aus in der ,, er wecklichen Betrachtung, 
die zahme Gans". Angesichts dieses schlaffen, trägen und heuch- 
lerischen Zustands des Bestehenden, der Christenheit, bezeichnet 
er «ein Wirken, insofern es die Sirenge der Forderungen Christi be- 
wußt einseitig betont, als den Flug des wilden Vogels über den Köpfen 
der zahmen. Sein Ideal ist, das Christentum des Neuen Testaments 
existenziell24), d. h. in der persönlichen Existenz darzu- 
stellen, für dasselbe zu leiden, und wenn es sein muß — zu sterben. 
Ihm besteht das Christentum nicht in Worten und Geschwätz, nicht 
in hochgeschraubter Prosa und MangvoUen Versen, sondern in der 
Handlimg unbediiiglen Gehorsams^s). Die Einwendungen gegen 
das Christentum kommen nicht vom Zweifel, also von einem 
intellektuellen Faktor, sondern von einem moralischen, vom Wider- 
willen zu gehorchen, vom Aufruhr gegen alle Autorität. ,, Darum 
hat man bisher mit den Ein. Wendungen in die Luft gekämpft, weil 
man intellektuell mit dem Zweifel gekämpft hat, während ethisch 
mit dem Aufruhr gekämpft werden muß. "26) Kierkegaard sagt^?): 
„Es gibt nichts, wovor der natürliche Mensch sich so krümmt, als 
gerade das, was das Neue Testament Cluistentum nennt", und be- 
zeichnet das Christentum der meisten als Limonadengewäsch. ^s) 

Kurz vor seinem Tode, am 3. Juli 1855, schreibt er in seinem 
Tagebuch : „Ich hätte mich um ein geistliches Amt bewerben können, 
wäre Pfarrer geworden, jetzt vielleicht schon Probst, hätte vielleicht 
etwas Administratives erfunden, so daß ich Kitter von Danebrog 
geworden wäre. Es ist mir nun anders gegangen. Auf eine besondere 



") Buch des Richters, S. 147. 

2*) Buch des Richters, S. 115. 

25) Buch des Richters, S. 110. 

26) Buch des Richters, S. 128. 
2') Buch des Richters, S. 161. 
28) Buch des Richters, S. 164. 



122 Kurt Warmuth, 

Weise ist diese meine natürliche Entwicklung durch die Frage, welche 
ich mh' stellte, aufgehalten worden: ,,Bist du ein Christ?" Von 
dieser Zeit an habe ich mehr zu tun bekonmien als irgend ein Pfarrer 
und Probst, aber immer, wie es ein Pfarrer oder Probst nennen wiu-de, 
diese Zauderei eines Trödelpeters ! Das ist wohl wahr, ich bin ja 
auch eine Ewigkeit hmter dieser emsigen Wirklichkeit zurück, die 
damit beginnt, das einzig Wichtige natürlich vorauszusetzen, um 
dann heillos mit Kü'che und Staat, mit Registratur und häuslichen 
Dingen zu tun zu haben, so daß sie kaum einmal Zeit bekommen, 
auf die Frage: „Bist du ein Christ?" natüilich mit „Ja" zu ant- 
worten." 

Bist du ein Christ ? Das ist in der Tat die Frage, die Kierke- 
gaards persönliches Leben sowie seine Schriftstellertätigkeit beherrscht 
Kun, wer ist nach seiner Ansicht ein Christ? Das ersehen wir aus 
einer Äußerung, die er im Jahre 1851 in der Zeitung „Das Vaterland" 
getan: „Weil ich von Anfang an verstand, daß das Christentum 
Innerlichkeit sei und Verinnerlichung des Christentums 
meine Aufgabe, deshalb habe ich mit der ängstlichsten Gewissen- 
haftigkeit darüber gewacht, daß sich da nicht e i n Satz, nicht eine 
Zeile einschleiche, die einen Vorschlag zu einer Veränderung im Äußeren 
andeuten könnte." Aus dieser Stelle geht hervor, daß nach Kierke- 
gaards Auffassung das Wesen des Christentums in seiner Inner- 
lichkeit besteht, und daß infolgedessen nur der ein Christ heißen 
darf, der Innerlichkeit besitzt. 

Als Darsteller des Christentums in seiner Innerlich- 
keit kann Kierkegaard gerade den Geistlichen viel werden, zumal in 
der Gegenwart, die gegen die Stimnae der Innerlichkeit etwas taub 
geworden ist, liei ihrer Neigung zur Öffentlichkeit auch die Religion 
nach außen zieht und sie mit Vorliebe ins werktätige Leben setzt. 

AVohl hat die Ausübung des geistlichen Berufs-^) schon in ältester 
Zeit ihre sittlichen Gefahren gehabt. Das ersehen wir aus dem Tugend- 
katalog füi- einen tjrioxojcog 1. Tim. 3, 1 ff sowie aus der Didache, 
welche mahnt, daß der, welcher die Sache des Herrn in der Gemeinde 
treibt, kein Geschäft daraus machen, kein yQiOTtf/jroQog sein soll. 
Die besondere Gefahr unserer Zeit ist die der Veräußerlichung 



■-») Vgl. K. Walz, Veräußerlichuiig — eine Hauptgefahr für die Ausübung 
des geistlichen Berufs in der Gegenwart. Gießen, J. Ricker, 1896. 



Soeren Kierkegaard — ein Seelsorger füi- die Seelsorger. 123 

Sie hat ihren Grund in der Hegemonie des Realismus seit der Mitte 
des vorigen Jahrhunderts. Er hat eine Lebensanschauung erzeugt, 
die den Sinn vorwiegend auf diese Erde mit ihren Gütern und Gaben, 
auf das Nützliche und Praktische, auf das äußerliche Gelingen richtet. 
Die Naturwissenschaften und die Technik treten als gleichberechtigt 
neben die Geisteswissenschaften. Auf religiösem Gebiet zeigt sieh 
dieser Sinn in der Betonung der Kirchlichkeit, der Statistik und des 
Vereinslebens, welches das Volksleben vielfach verflacht, indem e^ 
den aushäusigen Zug der Menschen von heute fördert. Die Folge 
davon ist bei den Geistlichen häufig eine oberflächliche Macherei. 
Vielgeschäftigkeit, zerflatterndes, abgehetztes Wesen, Hast und 
Unruhe, Beugung unter die Macht der Schlagwörter, besi)nders des 
alles infizierenden Wortes „sozial". Mitschwimmen im Parteitreiben 
mit seiner Menschenknechtschaft und iVbstunipfung des Gefühls für 
persönliche Verantwortlichkeit. Was Wunder, wenn unter dem 
unaufhörlichen Einströmen so verschiedenartiger Reize die Seele 
des Geistlichen, nach allen Seiten hin und hergezogen, die Spannkraft 
verliert und um das Beste gebracht wird, was ihr zur Ausübung ihres 
Berufes nötig ist : um die Innerlichkeit ? 

Wer aber könnte uns diese Innerlichkeit energischer einschärfen 
als der, den man einen , Märtyrer der Lmerlichkeit" genannt hat, 
weil er nicht nur in klassischen Schriften sie dargestellt, sondern sich 
auch bemüht hat, ihr zu leben, ja dem im Kampfe für sie das Herz 
gebrochen ist? Insofern habe ich mir erlaubt, ihn einen „Seelsorger 
für die Seelsorger" zu nennen, denn aus all seinen Schriften können 
wir den Ruf heraushören: „Seelsorger, vergiß die Sorge für 
deine eigene Seele nicht nu Jdann kannst du recht für die 
Seelen anderer sorgen ! Eins ist not : Innerlichkeit P'^o) 

Wie entsteht Lmerlichkeit ? In dem Augenblick, wo der Mensch 
entdeckt, daß er eine Seele hat, die nicht in den äußeren Dingen auf- 
geht. Das Kind, noch unmittelbar an das Äußere hingegeben, be- 
sitzt sie noch nicht. Der Mensch muß erst Konflikte erleben, in 
denen er sich auf sich selbst besinnt; das geschieht in der Reue, in 
der er sich seiner Verantwortung und Schuld be\mßt wird. .Oie 
Reue isoliert ihn von der Außenwelt, niemand kann sie ihm abnehmen ; 



^°) Vgl. K. Walz, Soeren Kierkegaard, Der Klassiker unter den E-r 
bau Imgsschriftstellern des 19. Jalirhunderts. Gießen, J. Ricker, 1898. 



124 Kurt Warmuth, 

er muß selbst die Schuld tragen; er muß zugeben, daß er vor Gott 
jederzeit Unrecht hat. Kur mit einem, der das zugibt, kann man 
religiös verhandeln. Sonst wäre dies ein so fruchtloses Tun, wie wenn 
man nähen wollte, ohne zuvor einen Knoten gemacht zu haben — eine 
Danaidenarbeit ! 

Innerlichkeit ist also das Gegenteil von Naivetät. In dieser ist 
der Mensch noch nicht zu sich selbst gekommen, er lebt noch in dem 
Wahne, daß er und die Welt, das Innere und das Äußere in Harmonie 
stehen. Naiv kann der Mensch, zumal der moderne, nicht bleiben, 
er käme sonst zu keinem wirklichen Gottes Verhältnis. 

Innerlichkeit ist nicht etwa Glut der Empfindung oder der Phan- 
tasie, noch weniger pietätvolles Festhalten an dem Herkömmliche)), 
oder gar religiöser Fanatismus; sondern sie ist der Stand, in 
welchem sich der einzelne unendlich verantwortlich 
weiß, d. h. Gott gegenüber in unendlicher Schuld. 

Die Voraussetzung der Innerlichkeit ist der einzelne. 
Nur da kann von Innerlichkeit die Rede sein, wo der Mensch als 
einzelner, nicht en masse in Frage kom.mt. Damit stoßen wir auf 
einen der Hauptbegriffe in Kierkegaards Lexikon, auf den des einzelnen. 
Georg Brandes sagt: ,,Als Kierkegaard in Kopenhagen im Jahre 1842 
seine Schriftstellertätigkeit begann, war in. .Dänemark die ästhetische 
Periode im Verschwinden, und die politische Periode stieg herauf. Die 
Menschen waren nach seiner Meinung unpersönlich geworden, Menge, 
Publikum,, Klub. Er war ein einzelner, isolierter Mensch, allein mit 
sich selbst und seiner Verantwortlichkeit, denkend mit seinem, eigenen 
Hirn, handelnd mit seiner eigenen Hand . . . Seine Welt war die 
Idee: der einzelne ... In einer Periode, wo die Menschen mit größter 
Selbstzufriedenheit in Komitees und Generalversammlungen 
schwatzten, Schuld und Verantwortlichkeit aufeinander abwälzten, 
nannte er das Wort: der einzelne, verlangte dafür unbedingt Gehör 
und machte es für jeden geltend, daß durch diesen Engpaß, wo nur 
einer nach dem andern wandern könne, das entartete Geschlecht 
gezwungen werden müsse, um wieder ein aufrichtiger, ernster Menschen- 
schlag zu werden." 

AVie leb>e Kierkegaard in dieser Zeit? Als einzelner. Georg 
Brandes erzählt: ,,Kierk(gaard war bereits damals fest entschlossen, 
sich nicht mit Vaterland, Gesellschaftsallgelegenheiten oder Staats- 
saclu'n abzugeben. Übrigens war er als Straßen original in Kopen- 



Soeren Kierkegaard ^ ein Seelsorger für die Seelsorger. 125 

hagen bekannt . In früher Morgenstunde begegnete man ihm auf 
den abgelegenen Pfaden am Stadtgraben, füi- den er eine Fischerei- 
marke gelöst hatte, um ungestört denken und dichten zu können. 
— Man konnte ihn allein in seinem gemieteten Wienerwagen in flie- 
gender Hast die Landstraßen Nord-Seelands entlang oder in langsamem 
Trabe durch die Wälder fahren sehen. Derartige Ausflüge, die oft 
mehrere Tage in Anspruch nahmen, unternahm er eia paar in jedem 
Wintermonat und im Sommer nionatlich 6 oder 7. 

Man konnte ihn auf der Östergade um die Mittagszeit zwischen 
2 und 4 Uhr im Mens chensch warme sehen, die hagere zarte Gestalt 
mit dem gebeugten Haupt und dem Regenschirm unter dem Ai-me. 
Er grüßte jeden Augenblick nach rechts und links, unterhielt sich 
mit diesem und jenem, hörte vereinzelt einen kleinen Gassenjungen: 
,, Entweder — oder!" hinter sich herschreien, ebenso zugänglich 
für jeden auf der Straße wie unzugänglich in seinem Heim, hier ebenso 
verschwenderisch mit seiner Person wie sonst eifersüchtig dieselbe 
behütend. 

Ging man eines Winterabends an seinem Hause vorüber und 
fiel der Bück auf die lange Reihe erhellter Fenster, die der von ihm 
bewohnten Etage das Aussehen gaben, als sei dieselbe illuminiert, 
so gewahrte man eine Flucht schön möblierter, sänrtlich geheizter 
Zimmer, in denen der seltsame Denker auf- und abschritt unter einer 
Stille, die rur durch das Kj-itzeln der Feder auf dem Papier unter- 
brochen ward, wenn er stehen blieb, um einen. Einfall in sein. Manuski'ipt 
oder eine Notiz in sein Tagebuch zu schreiben, denn in allen Zimmern 
fand sich Tinte, Feder und Papier. 

So lebte er : spazieren gehend, fahrend, Gespräche führend und 
vor allem schreibend, immerzu schreibend. Er war fleißig wie wenige. 
Er sprach nicht allein mit seiner Zeit, sondern mit sich selber mittelst 
seiner Feder." 

In seiner Ethik betont er den Begriff des einzelnen auf das Ent- 
schiedenste. Er sagt: „Meine etwaige ethische Bedeutung ist un- 
bedingt an die Kategorie des einzelnen geknüpft !"^^) 1854 sckreibt 
er in sein Tagebuch: ,, Weshalb mache ich soviel Wesen von der 
Kategorie des einzelnen? Ganz einfach, durch sie und mit ihr steht 
die Sache des Christentums." 



^1) Im „Gesichtspunkt". 
Archiv für Geschichte der Philosophie. XXX. 2. - \Q 



126 Kurt Warmuth, 

Der einzelne muß gefaßt werden. Die Menschen, w'io sie nun 
einmal sind, verlassen sich immer einer auf den anderen. Redner, 
die dem Pnblilmm gefallen wollen, sprechen daher lieber: ,,AVh- 
alle" statt „du einzelner"; denn das ist der Menge zu persönlich. 
„Die Menge ist die Unwahrheit", d. h. nur dann kommt die Wahrheit 
zu ihrem Recht, wenn sich ihr der einzelne persönlich zur Verfügung 
stellt. 

Kierkegaard ist mißtrauisch gegen das bloße Mitlaufen und 
Mittun im Christentum, weil es die Menschen nicht zur rechten Inner- 
lichkeit kommen läßt. Deshalb eifert er gegen den Sammelbegriff: 
„Christenheit" als gegen einen Ungeheuern Sinnenbetrug, ^sicht die 
äußere Zugehörigkeit zur Kirche, sondern die innere Stellung zu 
Gott ist das Entscheidende. Überhaupt warnt er vor Überschätzung 
der Kirchlichkeit. 

Er wünscht sich den „einzelnen" als Leser und sagt: „Mein 
lieber Leser, lies womöglich laut ... Du wü-st, wenn du laut liest, 
am stärksten den Eindruck bekommen, daß du es einzig mit du- seilst 
zu tun hast, nicht mit mir, der ohne Gewalt ist, auch nicht mit andern, 
was Zerstreuung sein würde." Kierkegaard will nicht etwa, daß der 
Mensch seine natiü-lichen Beziehungen aufgeben und zum Einsiedler 
werden soll, sondern er soll sich als angeredet ansehen, er soll wissen: 
um dich handelt es sich ! Man hat den Begriff des einzelnen bei Kierke- 
gaard so mißverstanden, als ob der einzelne zum Einsiedlertum führen 
müsse, so z. B. Martensen in seiner Ethik. Aber kann man nicht im 
größten Menschengewühl, im stärksten Drang der Geschäfte sich als 
den einzelnen wissen? Sind wir nicht einzelne, wenn sich in uns die 
Stimme des Gewissens regt? Und werden wir nicht ehizelne sein, 
wenn wir einst Rechenschaft ablegen müssen vor Gottes Richterstuhl ? 
Martensen hat dem Kierkegaard antisoziale Tendenzen vorge- 
worfen. Das Gegenteil beweist seine Schrift „Leben und AValten 
der Liebe", diese scharfsinnige und tiefe Darstellung der unbedingtej) 
Pflicht der Liebe. Die Liebe kann nicht ohne das Du des Nächsten 
sein; das ist der Sieg des Christenlums über die Welt, daß es jedes 
Verhältnis zwischen Mensch und Mensch zu einer Gewissenssache 
macht. Die Kategorie „der einzelnen" besagt also, daß sich der 
Mensch Gott und dem Nächsten im Gewissen unendlich verpflichtet 
weiß. Daß der Glaube gemeinschaftbildend ist, weiß Ivierkegaard 
sehr wohl. Er sagt: „Erst, nachdem das einzelne Individuum, 



b 



Soeren Kierkegaard — ein Seelsorger für clie Seelsorger. 127 

der ganzen übrigen "Welt zum Trotz, in sich selbst den ethischen 
Halt gewonnen hat, erst dann kann davon die Rede sein, sich auch 
mit andern in Wahrheit zu vereinigen. "^2) 

]\Dt dem Begriff des einzelnen hängt auch Kierkegaards Begriff 
der Erbauung zusammen. Eine wirkliche Erbauung kommt nicht 
dadurch zustande, daß man die Menschen damit beruhigt oder ent- 
flam.mt, daß man ihnen sagt, sie seien die vielen. Das erzeugt Stolz, 
schläfert aber das Gewissen ein. Dann entsteht wohl Korpsgeist, 
Massentrotz, vielleicht auch Fanatismus. Aber der einzelne wird 
dadurch nicht gefördert; er wird so von seiner Verantwortlichkeit 
entbunden. ,,JNur die Wahrheit, die dich erbaut, ist Wahrheit für 
dich!" Beschäfiigt sie deine Einbildungski'aft, dein Denken, deine 
Stimmung noch so sehr, käme aber nicht in dir zur Existenz, so hättest 
du ihr doch nicht als der Wahrheit gehuldigt. Du nennst dich viel- 
leicht ihren Anhänger; gewisse Leute eifern ja für „Wahrheit und 
Recht", die sie keineswegs in sich verkörpern. Aber das ist die 
schlimmste Unwahrheit, daß ,,man ein Anhänger wird statt ein Exi- 
stierender". Es gibt ein doppeltes Verhältnis zur Wahrheit: man 
kann sie für zutreffend und richtig anerkennen und doch ihr per- 
sönlich fern bleiben. Man kann sie aber auch mit all ihren Verpflich- 
tungen annehmen und sich unter sie beugen. Im. ersten Fall stehe 
ich nur in einem äußeren (objektiven) Verhältnis zu ihr — Kierkegaard 
nennt es auch ein ästhetisches Verhältnis, wo ich es als angenehm 
und anregend empfinde, ein gewisses Interesse an ihr zu pflegen, 
wo ich aber meine Teilnahme nicht weiter erstrecke, als es mir paßt, 
und wo ich aus meinem Verhältnis zur Wahrheit keine mich belastenden 
Pflichten erwachsen lasse. Im andern Fall habe ich mein Leben, 
meine Existenz in ihr, fühle mich ihr daher auch verpflichtet und ver- 
antwortlich. Dort bin ich Herr, hier ist es die Wahrheit. Xur das 
letztere ist Ernst, denn im ersteren Falle setzt man ja seine Person 
nicht ein. Den Grundschaden seiner Zeit sah er darin, daß sie zur 
Wahrheit nur eine kühl objektive, unpersönliche Stellung einnehme 
und sich die Lebensaufgabe in rein ästhetisch-äußerliche Beziehungen 
verflüchtige. Ob das nicht auch noch ein Hauptschaden unserer 
Zeit, ja aller Zeiten ist, da ja der Mensch, wie er nun einmal ist, im 
Grunde seines Herzens stets egoistisch und sinnlich ist ? 



^2) Eine literarische Anmeldung. 

10=* 



128 Kurt Warrauth, 

Wir sehen, Kierkegaard denkt Wahrheit und Existenz zusammen 
ganz im Sinne dessen, der gesagt hat: „Ich bin die Wahrheit!" und 
im Sinne des evangelischen Christentums, das nicht zuerst fragt : 
,,Bist du ein Anhänger der Kirche und ihrer Lehre?" sondern: ,,Bist 
du aus der Wahrheit? Stehst du flu' deine Person in der Walirheit?" 
Kierkegaard trennt sich also von denen, welche die Wahrheit nur 
zu einer Theorie oder Lehre machen, der man anhängt, um ihr vielleicht 
persönlich aus dem Wege zu gehen. Insofern ist Kierkegaard ein 
moderner Mensch, denn ein solcher läßt sich nicht mehr abspeiseii 
mit Sätzen, Formeln und Regeln, er will leben. Aber die Modernen 
wollen aus sich selbst Leben schöpfen und so das Unendliche aus dem 
sehr beschränkten Gefäß ihres Ichs herausholen. Ivierkegaard sagt: 
Dieses Gefäß sei eigenthch leer. Wohl fülile das der Mensch, wage 
es aber nicht, es sich zu gestehen. Dieser geheime Zwiespalt sei seine 
„Kianldieit zum Tode". AVie er sich auch dagegen sträuben möge, 
er ist verzweifelt, so lange er seine Existenz nicht im Ewigen und 
in Gott gefunden hat. Die Menschen, die ihr Leben in endlichen, 
äußerlichen Beziehungen aufgehen lassen, leben „in der Verzweiflung, 
in einer geheim.en, im Innern schlummernden Angst". „Es ist das 
Unglück im Leben der meisten Menschen, daß sie niemals erkennen, 
daß in ihrem Leben das Ewige und Zeitliche immer auseinander 
gingen. Warum? Weil sie nicht stille sein und harren können. "^3) Nur 
durch Stillesein kann der Mensch zu einer religiösen Existenz kommen. 

Stille sein heißt: im Augenblick da und zur Stelle sein, zu sich 
selbst gekommen sein, aufmerksam werden. Zu solcher Aufmerk- 
samkeit will Kierkegaard den Menschen, in seinen zahlreichen erbau- 
lichen Reden verhelfen, die sich alle fern von Phrase und Mache halten 
sowie von hohem sittlichem Ernst und einer ^Mlnderbar durchge- 
arbeiteten Selbst- und Weltbeobachtung erfüllt sind. „Nimm dich 
in Acht, du könntest etwas zu hören bekonunen, was du nicht hören 
willst ! Nimm dich in Acht vor dem Erbaulichen ! Es ist nichts so 
milde als das ErbauHche, aber es ist auch nichts so herrschsüchtig 
und nichts so bindend !" Nach Luther macht er darauf aufmerksam, 
daß der Glaube ein „unruhig Ding" ist. Will einer zum Glauben 
kommen, so kann ihm die Unruhe nicht erspart bleiben. 



='3) Vgl. die Rede Kierkegaards: „Die Lilien auf dem Felde und die 
Vögel unter dem Himmel", 1843. 



Soeren Kierkegaard — ein Seelsorger für die Seelsorger. 129 

Das Haupthindernis für die Innerlichkeit ist die „Objektivi- 
tät", d. h. die unpersönHche Stellung des Menschen zur "Wahrheit, der 
Standpunkt des bloßen Beobachters, Bewunderers, Kiitikers, der gar 
nicht merkt, daß es die Wahrheit auf ihn selbst abgesehen hat. Als 
Beispiel führt lüerkegaard in der Schrift „Zur Selbstprüfung" den 
König David an, der an der Bußpredigt des Propheten Nathan die 
reizende Einkleidung in Gestalt der Erzählung, die meisterhafte 
Komposition, den Stil, den Vortrag bewundert, statt sie auf sich selbst 
zu beziehen, ähnlich wie unsere Gebildeten eine „Predigt für die 
Gebildeten, die an sich selbst schon objektiv genug ist", zu bewundern 
pflegen. „0 Tiefe der Arglist, man macht das Wort Gottes zu etwas 
Unpersönlichem, Objekiivem, zu einer Lehre, während es doch Gottes 
Stimme ist, die du hören sollst; so hörten es die Väter und erschraken ! 
Xun freilich klingt es objektiv wie — Kattun! Diese als Bildung 
und Kunst in unserm Jahrhundert gepriesene Objektivität und Un- 
persönlichkeit ist Ge"\\issenlosigkeit. Sei wirklich ein Hörer des 
Worts, denn es richtet sich an dich. Besieh dich selbst in dem Spiegel 
des Worts und halte dich nicht dal)ei auf, daß du den Spiegel be- 
trachtest !" 

Mit der Innerlichkeit gilt es ernst zu machen im täg- 
lichen Leben Das schärft uns lüerkegaard in seiner Schrift „Ein- 
übung im Christentum" ein. Hier spricht er das christliche Ideal in 
seiner ganzen Strenge aus mit einem scharfen Gericht über den herr- 
schenden religiösen Zustand und seine Vertreter. Das göttliche Wort 
verpf hebtet uns zum Glauben an Christus, d. h. nicht zum Glauben an 
einen in ügend eine Formel gebrachten und dadurch unpersönlich ge- 
machten Christus, sondern zum Glauben an den Christus, der uns in 
seiner absoluten Majestät im Gewissen gegenwärtig ist. Deshalb trat 
Gott selbst in Christo in die Welt, damit der Mensch nun in das Ver- 
hältnis unbedingter Verantwortlichkeit und Hingabe zu ihm trete. Der 
Mensch soll, wie Kierkegaard sagt, mit Christus „gleichzeitig" 
werden, d.h. er soll die Existenzähnlichkeit mit Christus 
erwählen. Will man das nicht, so hat man Christus nur im Abstand, 
sei es im Abstand von 1900 Jahren Geschichte, sei es in der Entfernung 
im Himmel. Im ersten FaU ist uns Christus nur eine geschichtliche Er- 
scheinung und das direkte Verhältnis zu ihm fäUt weg : er wird uns 
„objektiv", d. h. unpersönlich. Im andern Fall hat man ihn wohl 
über sich, aber doch nur in der Idee. Man lebt irdisch und l)ehält 



130 Kurt Warmuth 

sich von Christus nur den Trost vor, falls es einem im Leben einmal 
schlecht gehen sollte. 

Was heißt : mit Jesu gleichzeitig sein ? Das heißt : das Leben gerade 
so ernst nehmen wie Christus, also auch mit ihm leiden; denn die Wahr- 
heit leidet stets in der Welt. Nur wer um des Guten willen leiden 
k.ann, ist Christ. Hier scheiden sich die Geister. Da die Welt nur mit 
äußeren Maßstäben mißt und den äußeren Erfolg allein anstrebt, so 
muß ihr das Leiden um der Wahrheit willen zum „Ärgernis" werden. 
Was sie vom Christentum zurücidiält, ist eben dies Ärgernis, daß 
es nicht äußerlich siegreich ist noch sein darf; denn ein äußerlich 
siegendes Christentum hätte die Gemeinschaft mit Christus eingebüßt. 

Mit dem Gedanken der Gleichzeitigkeit will Kierkegaard aus- 
drücken die unbedingte Beugung unter den im Geist gegenwärtig 
geglaubten Christus, die unbedingte Ver])flichtung gegen Christus. 
Kierkegaard besitzt das genialste Vermögen, sich lebendig in jede 
Situation hinemzuversetzen. Mit dieser Kunst stellt er das Leben 
Christi dar. Meisterhaft setzt er auseinander, wie Christus in den 
Augen der Zeitgenossen sich ausgenommen hat. Georg Brandes 
sagt: „Der Christus, den er malt, ist nicht der Verklärte, nicht das 
göttliche Kind Kafaels, nicht Thorwaldsens hoher Versöhner, sondern 
der Christus, wie ihn Rembrandt gemalt hat: der Mann aus niederem 
Stande, der Freund der mit Ai-beit und Mühsal Beladenen." 

Christus ist die Wahrheit; für die Jetztlebenden ist die Wahr- 
heit, ihm nachzufolgen. Allein das Christentum ist in der Christen- 
heit „buchstäblich" abgeschafft, denn niemand will Christus nach- 
folgen. Nur der Nachfolger, nicht der Bewunderer der Leiden Christi 
ist der wahre Christ. ,,Und wenn alle Geistlichen, mögen sie nun in 
Samt, Seide oder Tuch einhergehen, etwas anderes sagen wollten 
so werde ich sagen: Ihr lügt, ihr betrügt die Menschen mit euren 
Sonntags predigten !" 

Übrigens ist der Widerspruch der Welt oder „das Ärgernis" gerade 
der Wahrheitsbeweis für das Christentum, ja der einzige, den es 
führen kann. Wie es Solvrates unter seiner Würde hielt, sich durch eine 
schöne Rede zu verteidigen, so ist es auch unter der Würde des 
Christentums, einen einschmeichelndenNachweis seiner 
Brauchbarkeit in der Welt oder seiner Übereinstimmung 
mit dem mensclilicheii Denken zu liefern. „Ich bin, was 
ich bin!" hat es zu sprechen und durch das Martyrium im 



Soeren Kierkegaard — ein Seelsorger für die Seelsorger. 131 

Dienste der AVahrheit den Beweis für seine Daseins- 
berechtigung zu führen. 

Mit dieser großartigen, aber schneidend scharfen Schrift sagt 
Kerkegaard der Gegenwart Krieg an. Er ruft aus : „Strenge ist das 
einzige, was einem Menschen helfen kann! In der Christenheit, wo 
freihch niemals von Strenge die Rede ist, lebt ein verzärteltes, stolzes 
und doch feiges Geschlecht, welches gelegentlich diese milden Trost- 
gründe vortragen hört, aber kaum weiß, ob es davon Gebrauch machen 
soll, wenn das Leben freundlich lächelt, und das sich in der Stunde 
der Not ärgert, wenn es sich zeigt, daß sie doch nicht so milde sind." 
Kierkegaard vergleicht die Christen von heute mit jNlkodemus, der, 
weil ihm die Gefahr der Wirldichkeit zu groß war und er sich persönlich 
fernzuhalten wünschte, ein Bewimderer war, aber kein Nachfolger 
werden woUte. Wir sollen aber Christum nicht nur bewundern. AVer 
nur be\Mmdert, verzichtet auf Gleichartigkeit. Wo also Chi-istus 
verherrlicht wird, um sich dadurch von der Pflicht, ihm ähnlich zu 
sein, los zu kaufen, da wird das Christentum zur Unwahrheit : gleich- 
viel, ob man ihn in die Himmelsferne entrückt, um in seinem Namen 
auf Erden zu herrschen, oder ob man ihn in die Geschichtsfenie bannt, 
um ihn historisch zu betrachten, ihn zu be^vundern oder zu kiiti- 
si£ren; oder ob man ihn endlich als Idee in ein Gedankensystem ein- 
sperrt, wo er dem einzehien nichts mehr zu bieten hat. 

Kierkegaard sagt: das Christentum ist dadurch eigentlich ab- 
geschafft worden, daß es bloß als Religion der Milde und des 
Trostes aufgefaßt ^^-urde: „Luther hatte 95 Thesen, ich habe nur 
eine: das Christentum ist nicht dal" 

Bischof Mynster war gestorben. Martensen, damals Professor 
an der Universität Kopenhagen, hielt ihm die Leichenrede, in der er 
Mynster einen „Wahrheits zeugen" nannte, „ein Glied der heiligen 
Kette, die aus der Apostel Tagen bis in die Gegenwart sich erstreckt". 
An diesem Ausdruck nahm Kierkegaard schwersten. Anstoß. Wohl 
wollte er Mynsters Verdienste nicht bestreiten, nur schien ihm ein 
Mann, der vor einem ausgewählten Publikum viell>ewunderte Pre- 
digten gehalten mid sich einer angesehenen imd angenehmen Lebens- 
stellung erfreut habe, damit noch kein Recht auf den Ehrentitel 
eines Wahrheitszeugen zu haben. Er meinte, ein solcher müsse für die 
AVahrheit gelitten haben. Er schrieb sofort einen Protest nieder, 
den er aber erst drei Vierteljahre später, am 18. Dezember 1854, in 



132 Kurt \Yarmuth, 

der Zeitung ,,Das Vaterland" veröffentlichte, als Martensen inzwischen 
als Mynsters Nachfolger Bischof von Seeland geworden war. Martensen 
der wenig ahnte, was bevorstand, gab eine kurze abfertigende Ant- 
wort, in der er Kierkegaard als einen Thersites bezeichnete, der auf 
dem Grabe des Helden (d. h. Mynsters) tanze. Kierkegaard erwiderte, 
und damit begann seine große Agitation gegen die ganze dänische 
Staatskii-che. Man kann sich in diese stürmischen Streitschriften 
nicht vertiefen, ohne ihren Einfluß auf den ,, einzelnen" zu erfahren: 
welche ernste, scharfe Worte über das Verhältnis zwischen Ideal und 
Selbstbetrug, die sich an jeden wenden ! 

Der Streit um den AVahrheitszeugen dreht sich um einen Haupt- 
gedanken in Kierkegaards Erkenntnistheorie, um die Frage: Kon- 
tinuität oder Bruch, sowohl— als auch oder entweder — oder^*). Die 
bestehende Kirche lehrte einen ununterbrochenen Zusam.menhang 
zwischen den gegenwärtigen kirchlichen Vertretern und den Aposteln, 
den Vertretern des neutestamentlichen Christentums. Eine heilige 
Kette verbinde sie. Zugleich wurde dainit eine Auffassung des Christen- 
tums geltend gemacht, wonach das Christliche mit der rein humanen. 
Bildmig einen Bund schließen kann, so daß eine höhere Einheit beider 
erreicht wird. Christlicher Staat, christhches Familienleben, christ- 
liche Kunst, christliche Wissenschaft; die Aufstellung dieser Begriffe 
ist charakteristisch für die kirchliche Lehre von der Harmonie des 
Christlichen und Hum.anen. 

Für Kierkegaard bezeichnen diese Begriffe ebensoviel Sinnes- 
täuschung und Selbstl>elrug. Er behauptet, der Zusammenhang 
zwischen der nu.n bestehenden Christenheit und dem Christentum 
des Neuen Testaments ist unterbrochen, weil das Christliche im Sinne 
des Neuen Testaments „der tiefste, unheilbarste Bruch mit dieser 
Welt" ist. Weder Mynsters Predigt brachte das Christliche in diesem 
Sinne zum Ausdruck, noch war Mynsters Persönlichkeit und Lebens- 
führung von dieser Art. Zählte ihn Martensen dennoch zu den rechten 
Wahrheitszeugen, so verriet dies in Kierkegaards Augen eine unzu- 
lässige Begriffsverwirrung und, wenn er dies nicht zugestehen wollte, 
eine kecke Fälschung des Ideals. 

Die bestehende Kirche konnte seiner Meinung nach um- in der 
Weise verteidigt werden, wie er es in der „Einübung im Christen- 



3«) Vgl. Höffding a. a. O. 



•:>•:> 



Soeren Kierkegaard — ein Seelsorger füi' die Seelsorger. 13o 

tum" versucht hatte: hidera mau den großen Abstand zwischen 
Ideal und AVnklichkeit zugesteht und dann zur göttlichen Gnade 
seine Zuflucht uimmt. AVill man aber von kirchlicher Seite dieses 
Zugeständnis nicht machen, so wird die bestehende Küche zu einer 
„frechen Unanständigkeit, zu einem Versuch, Gott zum Xarren zu 
halten", imd es wird notwendig, die eine These aufzustellen, daß das 
Christentum des Neuen Testaments nicht da ist. 

Welch eine Aufregung, als dies in den öffentlichen Zeitungen 
von einer solchen Feder geschrieben stand! 

Besonders übel geht es den Geistlichen. Schon früher in der 
Schrift ,,Die Krankheit zum Tode" hatte er eine sehr anzügliche 
Charakteristik des geistlichen Redners gegeben. Er schildert hier 
das unendlich Komische, das darin liegt, daß der, der soeben auf der 
Kanzel ,,mit einem Aplomb der Ei'scheinuug, mit einer Kühnheit 
im Bücke, einer KoiTekiheit der Pas, die bewundernswert sind, alle 
Mächte der Hölle unter die Füße trat, fast in demselben Augenblick, 
fast noch mit der Samarie angetan, dem kleinsten Ungemach feige 
aus dem Wege eilen kann. „0, wenn man einen sieht, der versichert, 
durchaus verstanden zu haben, wie Christus in Gestalt eines niederen 
Dieners einherging, arm, verachtet, verspottet, wie die Heilige Schrift 
sagt, augespieen — wenn ich dann denselben Mann so sorglich dorthin 
eilen sehe, wo es weltlich gut sein ist, sich dort aufs behaglichste ein- 
richten, wenn ich ihn so ängstlich, als handle es sich um das Leben, 
jedem Hauch eines ungünstigen Windes von rechts oder links ent- 
fliehen sehe, so glückselig, so äußerst glückselig, so herzensfroh, . . . 
von allen, unbedingt allen geelirt und geschätzt zu sein, dann habe 
ich oft bei mir selber gesagt: Sokrates, Soki-ates, Soki'ates, sollte 
es möglich sein, daß dieser Mann verstanden hat, was er verstanden 
zu haben behauptet?!" 

Jezt rief Kierkegaard aus: Das Christentum ist ausgebreitet. 
Weshalb ? Weil, wenn einer mit dem Christentum nichts zu tun haben 
will, der Staat sogleich kommt und fragt: „Wie? Du fühlst keinen 
Drang zum Christentum? Kun, so fühlst du wohl einen großen Drang, 
nichts zu werden; deun bist du nicht Christ, so sind dir alle AVege 
in der Gesellschaft verrammelt." Ah! Das kam der Praxis des Pre- 
digers zustatten. — Habt Dank, ihre Seide- und Samtprediger, die 
ihr stets in zahlreicheren Scharen zu Dienstem standet, als es sich 
zeigte, daß der Profit auf selten des Christentums war, habt Dank 



134 Kurt Warmuth, 

für euern christlichen Eifer !"" Immer wieder kommt Kierkegaard 
darauf zurück: Solange es in Dänemark 1000 königliche Stellen für 
Lehrer im Cliristenium gibt, ist alles Christentum im Lande not- 
wendig verderbt. Die Geistlichen sind für Kierkegaard „ohne eine 
einzige Ausnahme" Meineidige, ja, wie er sich ausdrückt, Menschen- 
fresser, insofern sie nämlich von den Leichen der jVIärtyrer leben, 
ein jährliches Salär, silberne Tafelaufsätze, Ritterkreuze, gestickte 
Lehnstühle usw. erhalten, weil sie die Leiden und den Opfermut der 
Märtyrer schildern. 

Von sich sagt Kierkegaard, er selbst sei kein Christ; bald mit 
der Wendung, daß er es noch nicht sei, am häufigsten mit der Wen- 
dung, er sei nur ein Dichter, der wisse, was Christentum ist; bald 
mit der Wendung, er vermöge sich nicht zu der christlichen Lebens- 
anschauung zu erheben, sondern behelfe sich mit einer weit leichteren, 
einer jüdischen." Er wolle nichts als Redlichkeit: „Ganz einfach, 
ich will Redlichkeit . . , ich bin nicht christliche Strenge gegenüber 
der herkömmlichen christlichen Milde. In keiner Weise, ich bin weder 
Milde noch Strenge, — ich i)in — menschliche Redlichkeit." 

Der Streit wurde zunächst als Zeitungszwist geführt. Dann 
wurde er leidenschaftlicher. Kierkegaard wandte sich durch Flug- 
blätter an größere Ki'eise mit der offen ausgesprochenen x\ufforderung, 
die Verbindung mit der Kirche abzubrechen. — Nun folgen die neun 
Hefte der Wochenschrift, „Der Augenblick" genannt, voll steigender 
Heftigkeit und ätzender Schärfe. 

Die Ejrche soll weg, es bleibt nichts weiter übrig, sie hat den 
Gegensatz des Christentums zur Welt, zu den. Gütern und xVufgaben 
der Welt abgeschafft und damit das Christentum selbst. ,,.Der Christ 
im Sinne des Neuen Testaments steht genau so hoch über dem Menschen, 
als das Tier unter dem Menschen steht." Sind die Menschen heutzu- 
tage einer derartigen geistigen Existenz noch fähig, für die eigentlich 
religiöse Leidenschaft noch empfänglich? Es ist eine Schwächung 
des Charakters eingetreten, die wesentlich dem Ehestand und dem 
Familienleben zuzuschreiben ist. „Was ich will, ist nichts Ephe- 
meres . . ., es ist etwas Ewiges: mit den Idealen gegen die Sinnes- 
täuschungen ! Die Ideale sollen verkündigt werden, wie es gehen 
mag; sonst siegt die Mittelmäßigkeit. Die Menschen haben ja von 
jeher einen Ausweg zu finden gewußt, um sich beschwerliche Pro- 



Soeren Kierkegaard — ein Seelsorger für die Seelsorger. 135 

bleme vom Halse zu schaffen, den einfachen Weg : Sei ein Schwätzer, 
und siehe, alle Schwierigkeiten schwinden !" 

Kurz nach dem Erscheinen der 9. Xummer des „Augenblicks" 
erki'anlrte Kierkegaard auf der Straße ; er fiel in Ohnmacht und wurde 
in das Frederiks-Hospital gebracht. ,,Ich komme, um zu sterben!" 
sagte er beim Eintritt ins Hospital. Während seines Krankenlagers 
lag eine außergewöhnliche Klarheit und Kühe über ihm, seine großen 
Augen strahlten in noch hellerem Glanz als zuvor. Das Leben war 
für ihn ein langer Streit gewesen ; er hatte redhch mit sich selbst ge- 
kämpft, ehe er mit andern kämpfte, und er verlangte von ihnen, mir 
dieselbe Redhchkeit, die er zuerst von sich selbst verlangt hatte. 
Nun hatte dieser innere und äußere Streit ein Ende. Er starb am 
11. November 1855. 

Wohl erscheint seine Auffassung des Christentums als 
eine große. Einseitigkeit, besonders dies, daß er die tröstliche 
Seite desselben so ganz hinter der strengen zurücktreten läßt. iVber es 
ist eine ihm bewußte, beabsichtigte Einseitigkeit. Er be- 
trachtet seine ganze Produktivität als das ,, Korrektiv" zum Be- 
stehenden und sagt in seinem Tagebuch : ,,Wer ein Korrektiv bringen 
soll, hat die schwachen Seiten des Bestehenden genau und gründlich zu 
studieren — und dann einseitig das Gegenteil hinzustellen, tüchtig ein- 
seitig. Gerade darin liegt das Korrektiv, imd darin wieder die Resigna- 
tion dessen, der das tmi soll. Das Korrektiv wird ja in gewissem Sinne 
dem Bestehenden geopfert." Kierkegaard betrachtet sich als den Büß - 
Prediger der Zeit, und als solcher legt er den Finger auf ihre 
brennende Wunde , die religiöse Schlaffheit. Man hatte bisher fast 
nur die Milde des Christentums betont, seiner Strenge aber war man aus 
dem Wege gegangen. Darum legt er den Hauptton auf die Strenge. 
„Erst Strenge (d.h. Strenge der Idealität), dann Milde. Ich 
selbst t)edarf so gut wie irgend ein anderer, daß mit mir mild ge- 
redet wird, meine Seele ist sehr geneigt, mild zu reden — aber in 
der Zeit der VerwÜTUng muß das erste zuerst geschehen, damit die 
Milde nicht zu einem matten Ablaß wird!^^)" 

Wir können die scharfe Wendung, die Kierkegaard zuletzt 
gegen das Bestehende machte, nicht gut heißen. „Bestehen- 
des" muß sein: Ordnungen und Verfassungen ersehen sich aus dem 



Buch des Richters, S. 173. 



136 Kurt Warmuth, 

biblischen Begriff der Kirche als des Leibes Christi. Dennoch können 
gerade die Seelsorger viel von Kierkegaard lernen. Ich meine vor 
allem das eine: mit Furcht und Zittern für die eigene Seele 
zu sorgen, damit sie nicht andern predigen und selbst ver- 
werflich werden, Sie sollen es ernst nehmen mit ihrer 
persönlichen Nachfolge Christi, mit ihrer „Gleichzeiti- 
keit mit Christo". Wie Kierkegaai'd selbst, sollen sie in sich be- 
ständig die Frage wach hallen : bin ich ein Christ ? Habe ich Innerlich- 
keit, oder stehe ich in der Gefahr der Veräußerlichimg? Fühle ich 
niich Gott und den Menschen gegenüber wnklich unendlich ver- 
pflichtet? Wie steht es um mein Sünden bewiißtsein und Schuld- 
gefülil? Laß ich mich durch Gottes Wort aufmerksam machen und in 
Um'uhe versetzen? Bekenne ich die Wahrheit nicht nur durch mein 
Wort, sondern vor allem durch mein Leben? Vermag ich auch zii 
leiden für die Wahrheit? 

Ebenso wie für ihre eigene Seele, sollen sie für die 
ihnen anvertrauten Seelen mit Furcht und Zittern sorgen. 
In jeder einzelnen gilt es, das Bewußtsein der unend- 
lichen Verpflichtung Gott und dem Nächsten gegenüber 
zu wecken und wach zu halten, erst dann ist der Boden 
bereit für den Trost des Evangeliums. Christus ist nich.; 
nur Versöhner, sondern auch Vorbild, das Evangelium ist nicht nur 
Milde, sondern auch Strenge. Jeder einzelne soll nicht bloß ein An- 
hänger und Bewunderer der Wahrheit werden. Es genügt nicht, daß 
das Publikum, wenn es eine rednerisch vollendete Predigt hört, vor 
der Wahrheit auf ihrem hohen Postament bloß eine respektvolle Ver- 
beugung macht und bewimdernd ausruft: ,,Es lebe die Wahrheit, 
wie ist sie so ideal, so schön !" sie dann aber auf ihrer einsamen Höhe 
stehen läßt und wieder seines Weges geht. Ob das Publikum bei seiner 
ästhetischen Bewamderung bleiben würde, wenn der Prediger-, statt 
die Wahrheit auf den hohen Sockel zu stellen, sie allen Ernstes unter 
die Menschen trüge? Freilich müßte sie dann in ihm selbst lebendig 
und gleichsam persönlich geworden sein. Wenn sie so den Menschen 
mit ernsthaften Zumutungen zu nahe träte, wenn sie gar zu per* 
sönlich wlh-de, wäre es mit der Be^^'underüng vermutlich bald 
vorbei. 

Kierkegaard erklärt sich dies daraus, daß die Menge sich nur 
durch die Phantasie zur Idee, zum Guten und AVahren verhalten 



Soeren Kierkegaard — ein Seelsorger für die Seelsorger. 137 

kaim.^^) Er sagt^^): „Sobald ich das Christentum als Lehre nehme 
und dann meinen Scharfsinn, meinen Tiefsinn., meine Beredsamkeit, 
meine Phantasie gebrauche, es darzustellen: dann gefäUt es den 
Leuten; ich werde fiU- einen ernsten Christen angesehen und geliebt. 
Sobald ich das, was ich sage, existenziell ausdrücken will, also das 
Christliche in die Wirklichkeit setze, dann sprenge ich gleichsam das 
Dasein, das Ärgernis ist sogleich* da. — Nimm jenen reichen Jüng- 
ling — laß mich darüber predigen, daß er doch nicht vollkommen 
war, daß er sich nicht entschließen konnte, alles den Armen zu geben, 
daß dagegen der wahre Christ immer willig ist, alles zu geben — dann 
werden die Leute gerührt, und ich werde geliebt; wenn ich aber ein 
reicher Jüngling wäre und hinginge und mein gan.zes Vermögen den 
Armen gäbe, dann ärgern, sich die Leute; man würde das flu- eine 
lächerliche Übertreibung halten. ^ Nimm die Sünderin, laß mich 
über ihr tiefes Sünden be\\'ußts ein, über die Leidenschaft predigen, 
die gegen alles außer ihrer Sünde gleichgültig wird, die hinein zum 
Heiland geht, indem sie sich allem Spott aussetzt — ich verpflichte 
mich, zu Tränen zu rühren, und ich, der Redner, werde für einen 
ernsten Christen angesehen und geliebt. Wenn ich dagegen selbst. 
mir bewaißt, ein Sünder zu sein, plötzlich damit Ernst machen will, 
mit einem öffentlichen Sündenbe^^^lßtsein hervorzutreten, dann er- 
hebt sich sogleich das Ärgernis, man wird es für Eitelkeit und lächer- 
liche Übertreibung halten . . . Die Sache ist die, daß die Pfarrer nicht 
gelbst im Religiösen leben, darum fluchten sie sich beinahe davor, 
daß ihre Rede die AVirkung hervorbringen könne, daß einer wirklich 
in diesem Augenblick Ernst damit machte. Es ist mit den Pfarrern 
so, wie wenn einer selbst auf dem Lande stünde und im Schwimmen 
unterrichtete: er darf es nicht zur Entscheidung kommen lassen; ja, 
ihm wüi-de angst und bange werden, wenn einer von den Zuhörern 
Ernst damit machte und ins Wasser spränge, denn der Schwimm- 
lehrer, der Pfarrer, würde 'ihm in diesem Fall nicht einmal helfen 
können, so verwirrt wlü-de der Schwimmlehrer bloß bei dem Anblick 
werden, daß einer whklich ins Wasser spränge. Mit tausend solchen 
Schwimmlehrern mag ein Land weit im Christentum kommen . . . 
Ich wüi'de lächeln, wenn ich eine verfeinerte Goethesche Kunstnatur 



»«) Buch des Richters, S. 168, 
") Buch des Richters, S. 143. 



138 Kurt Warmuth. 

höre, die in einem scliwärmerischen Augenblick auf der Kanzel nicht 
ohne Tränen versichert, wie er sich oft danach gesehnt hat, niit 
Christus ziir selben Zeit zu leben!" 

Nun, wenn Kierkegaard mit Christus zur selben Zeit gelebt hätte, 
ich bin gewiß, er wäre einer von seinen Jüngern gewesen, er hätte 
ihm die Treue gehalten, er hätte mit Maria und Johannes unter seinem 
Kj-euz gestanden ! ■ 

Auf seinem Grabstein wünschte sich der sterbende Kierkegaard 
die Verse: 

Noch eine kleine Zeit, 

Dann ist's gewonnen, 

Dann ist der ganze Streit 

In nichts zerronnen. 

Dann darf ich laben mich 

An Lebens bächen 

Und ewig, ewiglich 

Mit Jesu sprechen ! 



VIII. 

Herbarts und Benekes Kritiken des Schopenhauerschen 
Hauptwerkes und ihre Aufnahme. 

Eine kritische Unters iichung und Würdigung. 

Von 

Dr. Erpelt. 

(Schluß.) 

Dritter Hauptteil. 
Die Gründe des Mißerfolgs. 

Vergegenwärtigt man sich die Bedeutung der Ki'itiken nach 
Anzahl und Umfang der nachgewiesenen Schäden des Systems und hält 
damit die soeben nachgewiesene Tatsache zusammeu, daß Schopen- 
hauer diese nirgendswo auszubessern gesucht hat — wenigstens nicht 
auf die Veranlassung der Rezensionen hin — , so drängt sich unwill- 
kürlich die Frage auf: Wie ist diese auffällige Erscheinung zu er- 
klären? Da der Ausweg, daß die Rezensionen überhaupt nicht zur 
Kenntnis Schopenliauers gekommen seien, verschlossen ist, so bleibt 
nur übrig zu untersuchen, ob Schopenhauer in der Beschaffen- 
heit der Kritiken selbst Gründe erblicken durfte, die ihn zu 
diesem Verhalten berechtigen konnten, und weiter, ob sich vielleicht 
Züge in seiner Persönlichkeit aufweisen lassen, die ihm ein 
vertieftes Eingehen auf den Inhalt der Rezensionen erschwerten oder 
gar unmöglich machten. Umgekehrt werden diese, andern Gebieten 
entnommenen Gründe mit nicht geringer Überzeugungskraft auf die 
Befestigung und Richtigkeit der soeben aus der Analyse der Schopen- 
hauerschen Werke abgeleiteten Ergebnisse zurückwii'ken. 

Es ist nun nicht zu leugnen, daß die lüitiken eine ganze Reihe 
methodischer und sachlicher Mängel enthalten. Die methodischer 
jVIängel zunächst fallen sämtlich unter den Gesichtspunkt der man- 
gelnden Immanenz: Es werden einmal die empirischen Grundlagen 
der Schopenhauerschen Philosophie ganz unbeachtet gelassen, und 
damit auch die Frage der relativen Berechtigung gewisser Lehren, 
die sich in das Ganze des Systems harmonisch nicht einfügen wollen, 
beiseite geschoben. Ferner wird die abweichende Fassung, der eigen- 



140 Erpelt, 

tümliche Inhalt gewisser Begriffe Schopenhauers ganz übersehen, und 
endlieh macht sich eine nur oberfläcliliche Kenntnis der Schopen- 
hauerschen Philosophie darin bemerkbar, daß der Zielpunkt der Ein- 
wände schlecht gewälilt ist, also Begleiterscheinungen gewisser Grund- 
annahmen kritisiert werden, wo ein Zurückgehen auf ihre Wurzel am 
Platze gewesen wäre, und korrigierende Gedankengänge ausführlich 
dargelegt werden, die sich bei Schopenhauer selbst schon vorfanden. 
Das beste Beispiel für das Hinweggehen der Eezensenten über 
die unmittelbar vorgefundenen Grundlagen des Systems im Welt- 
bilde gibt die Willensmetaphysik ab. Sobald Schopenhauer den 
Willen zum Weltprinzip machte, erhob sich für ihn die Forderung, 
die Welt aus dem Willen zu erklären. Er ist dieser Aufgabe nach- 
gekommen und hat eine unerschöpfliche Fülle von Einzelheiten über- 
zeugend für seine Bestinmmng des Weltenkernes sprechen lassen, 
sowohl solche des Selbstbewußtseins, wie auch namentlich solche der 
Naturwissenschaften. Eine Anerkennung darüber sucht man bei 
beiden Ivritikern vergebens. Im Gegenteil : Ihre Polemik gegen den 
Analogieschluß nach Sicherheit und Tragweite setzt das Übersehen 
des von Schopenhauer benutzten Beweismittels gewisser Grundzüge 
der Erfahrung geradezu voraus. Bei der Ästhetik läßt sich wenigstens 
nur Herbart eine völhge Verständnislosigkeit für die von Schopen- 
hauer geleistete, trotz mancher Fehler anerkennenswerte Arbeit bei 
der tiefsinnigen Aufldärung mancher subtilen Verhältnisse der Kunst 
zu schulden kommen, während Beneke sie ausdrücldich anerkennt. 
Auch die Ideenwelt wird als Träger von Harmonie, Ordnung und 
Zweckmäßigkeit, die sich dem aufmerksamen Betrachter des Welt- 
ganzen nicht entzieht, nicht gewürdigt und ihre Garantierung durch 
gewisse Grundzüge des tatsächlichen Weltbildes völlig ignoriert. Die 
Erregung über die Nichtbeachtung solcher induktiver Auslegung und 
Deutung des Weltbildes und die übermäßige Betonung des rein 
logischen Entsprechens mag denn auch Schopenhauer die Worte in 
den Mund gelegt haben: ,, Widersprüche aufzuzeigen ist die gemeinste 
und verrufenste Art, einen Autor zu widerlegen" (Br 135). Auch 
später beklagte er sich bitter über die Ai't und Weise der Rezensenten, 
„die, statt ein System zu studieren und einzudringen in seinen Sinn, 
es von außen mustern und irgend einen hervorragenden Balken, d. h. 
einen Widerspruch oder sonstige Inkonsequenz herauszufinden be- 
müht sind, um es danach sehr wohlfeil und bequem auf rein logischem 
Wege zu widerlegen" (Br 200, 333). 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ilii-e Aufnahme. 141 

Schwerwiegender aber ist die Tatsache, daß beide Kiitiker sich 
nicht einmal in den Sinn mancher von Schopenhauer gebrauchten 
Grundbegriffe einleben konnten, sondern, dem oberflächlichen An- 
zeichen gleicher Benennung folgend, ohne weitere Prüfung den Lihalt 
der eigenen, durch lange Gewohnheit vertrauten Begriffe unter- 
schoben. Zwar erklärt selbst ein Goethe, daß man sich erst gewöhnen 
müsse, die Dinge so zu nennen, wie Schopenhauer es verlange (Gw. 44). 
Nichtsdestoweniger bleibt es für Herbart und Beneke ein beschämender 
Vorwurf, daß sie beide den Schopeiüiauerschen Begriff des Willens 
nicht verstanden haben. Sie halten daran fest, daß für den Willen 
die Überlegungen der Vernunft, die dem eigentlichen Impuls vorher- 
gehenden Erkenntnisakte, eine conditio sine qua non bilden. Dies 
zeigt sich deutlich bei ihrem Bedenken gegen die Schopenhauersche 
These des Bestehens eines Verhältnisses von Wesen und Erscheinung 
zwischen Willensald; und Muskelaktion. Der Versuch Herbarts, diese 
Meinung durch Hinweis auf die Beispiele des Kechnen- und Betrügen- 
wollens ad absurdum zu führen, sowie seine völlige Verständnis- 
losigkeit für die Unerschöpflichkeit des Willens bei einer noch so 
großen Anzahl von Objektivationen, seine Behauptung der völligen 
Gleichheit des Fichteschen und Schopenhauerschen Willens, beweist 
zur Genüge, welchen Inhalt Herbart dem Begriffe Wille zulegt. Bei 
der Analyse, die Beneke dem Verhältnis zwischen Willensakt und 
Leibesbewegung zuteil werden läßt, ist die Unkenntnis der eigent- 
lichen Bedeutung des Schopenliauerschen Willens der tiefere Grund 
dafür, daß er die Möglichkeit der Gleichzeitigkeit beider Geschehnisse 
glatt überspringt; die Schwierigkeiten und Dunkelheiten endlich, die 
er trotz redlichen Bemühens, eine Identität beider heterogener Pro- 
zesse denkbar zn machen, nicht überwinden kann, beruhen eben 
darauf, daß er den „Veruunftwillen", oder, wie Schopenhauer sagt, 
den Begriff der Willkür zugrunde legt. Endlich erschließt er das 
Freisein des Willens von den Formen der Erscheinungswelt durch 
eine im Bewußtsein vorgenommene Analyse^ der einzelnen konki'eten 
Willensakte, nicht aber von der Ding-an-sich-Natur des Willens aus, 
weshalb ihm auch die Form des Objektseins, die sich im letzteren 
Falle deutlicher aufgecü'ängt hätte, entgeht. Auch zeigt Benekes 
Ai-gument, daß die Enträtselung der Natur nur soweit reiche, als die 
Einfühlung gerade unseres Seelenlebens möglich sei, versteckt diesen 
Willensbegriff. Das Vorstellungselement desselben ist wohl das haupt- 

Archiv für Geschichte der Philosophie. XXX, 2. U 



142 Erpelt, 

sächlichste Hindernis für eine umfassendere Anwendung. Vergebens 
hatte also Schopenhauer schon 1818 an den mannigfachsten Stellen 
seines Hauptwerkes darauf hingewiesen, daß das „Begleitetsein von 
Erkenntnis und das dadurch bedingte Bestimmtwerden durch Motive" 
bloß der deutlichsten Erscheinung des Willens angehöre" (I 126), 
daß er eine „Erweiterung dieses Begriffes, eine reine Aussonderung 
des innersten Wesens eben dieser Erscheinung in Gedanken" ver- 
lange (I 132), daß ,, Willensbeschlüsse, die sich auf die Zukunft be- 
ziehen, bloße Überlegungen der Vernunft über das, was man einst 
wollen wird, nicht eigentliche Willensakte" bedeuten (1 121). Das 
grobe Versagen des Verständnisses der Rezensenten bei der Erfassung 
des Grundbegriffs seiner Lehre, bei dem er an klarer und deutlicher 
Wesensbestimmung nichts hatte fehlen lassen, schloß die Möglichkeit 
in sich, daß er in den guten Willen oder auch die Befähigung der Ki'i- 
tiker, sowie in die Stichhaltigkeit der übrigen unter Benutzung dieses 
falschen Begriffs entstandenen Bedenken berechtigten Zweifel setzte. 

Herbart läßt sich einen Fehler dieser Art noch ein zweites Mal 
zuschulden kommen, und zwar bei dem Begriff des unmittelbaren 
Objelrts: Er faßt diesen Begriff der Bezeichnungsweise gemäß eigent- 
lich und wörtlich auf, indem er, wie seine Ausführungen zeigen, an- 
nimmt, daß Schopenhauer den Leib des erkennenden Individuums 
durch das Bewußtsein unvermittelt, sofort bis in die kleinsten Einzel- 
heiten bekannt und in geschlossenster Einheit dastehend vorfinden 
lasse, so daß also beim Leibe von einer Bedingtheit, Veränderung 
durch die Vorstellung nicht geredet werden könne, die Erkeiiiitnis 
den Leib sofort unvermittelt und dem selbsteigenen Wesen nach 
liefere. Für Schopenhauer aber sind alle tierischen Leiber nur insofern 
unmittelbare Objekte, als sie „Ausgangspunkte der Anschauung der 
Welt" für das Subjekt bilden (I 24 m, 13 u), und er behauptet aus- 
drücklich, daß „der Begriff Objekt nicht im eigentlichen Sinne zu 
nehmen ist" (I 23 u), sondern „diejenige Vorstellung bedeutet, 
welche den Ausgangspunlrt der Erkenntnis des Subjelds ausmacht, 
indem sie selbst, mit ihren unmittelbaren Veränderungen, der An- 
wendung der Kausalität vorhergeht und so zu dieser die ersten Data 
liefert" (I 22). 

Beide Autoren sind sich ferner nicht klar gewesen über das 
Verhältnis von Bedingendem und Bedingtem bei den einzelnen 
Lehren Schopenhauers, wie aus den Gegenständen ihrer Iviitik hervor- 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 143 

geht. So ist der eben besprochene EinNMirf Herbarts gegen das un- 
mittelbare Objekt nur möglich unter Übersehen der von Schopenhauer 
gelehrten Intellektualität der Anschauung, die es unmöglich macht, 
daß irgend ein Gegenstand des Bewußtseins, außer einfachen Empfin- 
dungen, noch unmittelbar ist. Beneke tadelt das Freisein des Wülens 
von sämtlichen Formen der Erscheinungswelt. Daß aljer Schopen- 
hauer, wenn er den Willen als das Ding an sich anerkannt hatte, dazu 
gezwungen war, daß er also seine Vorwürfe auch von diesem Ge- 
sichtspunkte aus gegen die Erklärung des Willens zum Ding an sich 
richten mußte, kam ihm nicht in den Sinn. Des weiteren ist die Be- 
deutung der intuitiven, unmittelbar gefühlsmäßigen Erkenntnis von 
beiden KJ-itikern nicht erkannt: Herbart behauptet, daß Schopen- 
hauer auf die Frage, wie er das Ding an sich überhaupt erkannt habe, 
nicht die geringste, auch nur scheinbare Auskunft erteilen könne. 
Diese Verkennung beruht darauf, daß er wenige Zeilen vorher, als 
Schopenhauer die intuitive Erkenntnis in Anspruch nahm, um die 
Identität von Wille und Leib zu sichern, sich mit der bloßen Gegen- 
behauptung der völligen Diskrepanz beider Objekte begnügte und 
die Alt und Weise der Auffindung keiner näheren Aufmerksamkeit 
würdigte. Hier hätte er nach der Berechtigung dieser anormalen 
Erkenntnisart, nach ihrer eigentümlichen Funktion, ihrer Tragweite 
fragen, kurzum, eine vollständige Erkenntnistheorie verlangen sollen; 
aber er ist überhaupt auf diese abweichende Erkenntnisweise nicht 
aufmerksam geworden. Nur so erklärt sich auch, daß er in grund- 
falscher Weise Schopenhauer dahin interpretiert, als ob die Selbst- 
verneinung des Willens allein vom Genie, das durch das Überwiegen 
der regulären abstrakten Erkenntnis über den Willen ausgezeichnet 
ist, ausgehen könne, während doch Schopenhauer die ethischen Grund- 
phänomene aus einer inneren, unmittelbaren, intuitiven Erkenntnis 
entstehen läßt, „von welcher allein alle Tugend und Heiligkeit aus- 
gehen kann". „Denn auch hier zeigt sich der in unserer ganzen Be- 
trachtung so wichtige und überall durchgreifende, bisher zu wenig 
beachtete, große Unterschied zwischen der intuitiven und der ab- 
strakten Erkenntnis" (I 452). Einem ähnlichen Vorwurf entgeht 
auch Beneke nicht, da er der Ansicht ist, daß der Einwand des ethischen 
Intellektualismus die Schopenhauersche Philosophie in demselben 
Maße treffe wie die Kantische. Endhch ist der Vormirf Herbarts 
gegen die Schopenhauersche Lehre von der Willensfreiheit, daß sie 

11* 



144 Erpelt, 

nänilich nicht die Kantische sei, anch mir teihveise richtig. Denn 
Schopenhaner versteht genau das, was Kant darunter verstand, 
närtüich die Freiheit des Dings an sich zum empirischen Charakter 
des Menschen, das als solches von allen anschaulichen und Erkenntnis- 
formen frei ist und dann „erscheint". Daß nun Schopenhauer diese 
unzählig vielen intelligiblen Charaktere zu mystischen x\kten im Ding 
an sich degradiert und ihnen dadurch ihre bisherige Selbständigkeit 
nimmt, liegt in der Konsequenz der straffen Einheitslehre seines 
ganzen Systems. Jenen Vor\Yurf über die Umwandlung der Kantischen 
Freiheitslehre in Spinozismus hätte Herbart also gegen das Dogma 
Schopenhauers richten müssen, daß der Wille letzten Grundes nur 
einer sei. So paßt die Bemerkung Herbarts wohl auf den endgültigei' 
Charakter der Freiheitslehre, geht aber nicht auf die Wurzel ein, 
aus der hier der Fehler entspringt. 

Endlich mußte sich Schopenliauer seltsam berührt fühlen, daß 
man zur Erklärung der Fehlerhaftigkeit gewisser seiner Ansichten 
Gedankengänge benutzte, die ihm selbst durchaus nicht fremd und 
in seinen Werken schon vorhanden waren, wenn auch nicht in solcher 
Ausführhchkeit. So ist die von Herbart gegebene Lösung des „un- 
geheueren Widerspruchs" bei Kant, nach der zwar der Verstand 
einen unentbehrlichen Beitrag zur Anschauung liefert, aber die Sinnes- 
empfindungen nicht direkt empfängt, genau die Schopenhauersche 
Auffassung dieses Verhältnisses. Auch hatte Schopenhauer den 
genetischen Standpunkt, den Herbart benutzte, um ihm den Aprioris- 
mus bedenklich zu machen, in seiner Schrift: ,,Üljer das Sehen und 
die Farben" schon berücksichtigt, was Herbart entgangen ist. Beneke 
sucht sich die außergewöhnlichen Ansichten Schopenliauers über 
Mathematik daraus zu erklären, daß Schopenhauer zwischen der Auf- 
findung einer mathematischen Wahrheit, die Sache des intuitiven 
Scharfsinns sei, und ihrer abstrakt logischen Festlegung im Beweise 
nicht hinreichend unterschieden habe. Dabei erklärt Schopenhauer 
ausdrücklich (I 25), daß alle großen Entdeckungen „eine unmittel- 
bare Einsicht und als solche das Werk des Augenblicks" sind, „ein 
apperQu, ein Einfall, nicht das Produkt langer Schlußketten in alj- 
strakto; welche letztere hingegen dienen, die unmittelbare Verstandes- 
erkenntnis für die Vernunft, durch Niederlegung in ihre abstrakten 
Begriffe zu fixieren, d. h. sie in den Stand zu setzen, sie andern zu 
deuten . . . (ähnlich D 10, 219). 



Heibarts u. Benekes Krit. cl. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 145 

Geht man von diesen mehr methodischen Mängeln der 
vollständigen Kritiken zu einer Benrteilung des sachlichen 
Inhaltes der einzelnen Einwände über, so finden sich auch 
hier zahlreiche Mängel. 

Eine ganze Reihe von Ausstellungen zeigt entweder gar keine 
oder doch sehr mangelhafte Begründung und trägt damit den Cha- 
rakter bloßer Gegenbehauptungen. Ganz ausgesprochen ist dies der 
Fall bei der Herbartschen Ansicht über die völlige Heterogeneität 
von Wille und Leib, desgleichen bei seinem die Methodik der Mathe- 
matik betreffenden Vorschlag, auf eine bessere Bearbeitung der Be- 
griffe auszugehen. Ebenso bleibt uns Herbart die Antwort schuldig, 
wenn ^dr ihn nach dem Grunde fragen, weshalb wir gleich alle Re- 
lation dem wahrhaft Realen absprechen sollen, wenn ^vir schon seine 
Unabhängigkeit von der Relation zwischen Sulijekt und Objekt 
anerkannt haben. Hält man sich ferner die glanzvoUe, mit weit- 
ausholender Kenntnis alles Halben und Zwiespältigen der Welt ge- 
leistete Begründung des Pessimismus vor Augen, so zerflattern die 
Herbartschen Sätze, daß die physischen Leiden der menschlichen 
Natur sehr erträglich seien und das allein in den geselligen Verhält- 
nissen liegende Unglück ebenfalls leicht zu beheben sei, wie Spreu 
vor dem Winde. Ebenso hat sich Herbart nicht hinreichend über- 
zeugt, ob seine Vorschläge zur Ausgleichung des monströsen Wider- 
spruches bei Kan. wirklich geeignet waren, die Ausführungen Kants 
über das Verhältnis von Verstand und Erfahrung wirklich miteinander 
zu vereinbaren. Wenn Kant, wie Schopenhauer behauptet (I 521 f.), 
einmal darlegt, „die Kategorien des Verstandes seien keineswegs die 
Bedingungen, unter denen Gegenstände in der Erfahrung gegeben 
werden", und ein andermal „die Kategorien (seien) Bedingungen der 
Erfahrung, es sei der Anschauung oder des Denkens, das in ihi' an- 
getroffen w\vd'\ so tritt die Unfähigkeit und Machtlosigkeit des Her- 
bartschen Lösungsversuches deutlich zutage. Andernfalls \nirde schon 
Schopenhauer es nicht unterlassen haben, diese Lösung als Vorzug 
seiner eigenen Lehre gebührend hervorzuheben. Endlich werden die 
Behauptungen Benekes, daß die Art und Weise, wie Schopenhauer 
die Worte Verstand und Vernunft verwende, dem gewöhnlichen 
Sprachgebrauch und der philosophischen Kunstsprache gleichermaße]i 
zuwiderlaufe, in ihrer bloßen Allgemeinheit keinen Eindruck auf 
Schopenhauer gemacht haben, da dieser der festen Überzeugung ist. 



146 Erpelt, 

durch seine Erklärung der darunter verstandenen Begriffe die Mei- 
nungen aller Zeiten und Gelehrten treu wiedergegeben zu haben. 

Eine Steigerung der inhaltlichen Älängel liegt vor in den von 
Unklarheiten durchsetzten Benekeschen Ausführungen über den 
wahren Sinn, indem man beim Willen von einem Ding an sich reden 
könne. Ihre Dunkelheit und Zwiespältigkeit waule schon himeichend 
betont. 

Den Gipfelpunkt erreichen einige Vorwürfe, die direkte Fehler 
enthalten, mögen diese nun in handgreiflichen Mißverständnissen der 
Schopenhauerschen Lehre oder in eigenen falschen Ansichten der 
Rezensenten bestehen. So sieht Herbart in den ästhetischen An- 
schauungen ,,ein Schelling nachgeahmtes Gemenge des Piatonismus 
mit der Fichteschen und spinozistischen Lehre", während doch Plotin, 
Thomas und Meister Eckhart bedeutend mehr daran beteiligt sind 
als die von Herbart angeführten Philosophen. Von dieser leichten 
philosophiehistorischen Verkcnnmig Herbarts abgesehen aber kommt 
Beneke allein in Betracht: Er sieht Raum und Zeit als Formen des 
Satzes vom Grunde an, identifiziert Idee und Begriff, obwohl Schopen- 
hauer der Darlegung ihres Unterschiedes ein ganzes Kapitel gewidmet 
hat (I § 49). Dies macht sich später in einer weiteren schiefen Be- 
merkung über Schopenhauers Lehre von der Schönheit bemerkbar, 
die Beneke in einer „die wissenschaftliche Behandlung erleichternden 
Beschaffenheit des Objekts" findet, während Schopenhauer nur die 
Bedeutsamkeit für das intuitive Erkennen der Idee im Auge hatte. 
Ebenso übersah er, daß Schopenhauer der Philosophie als Wissen- 
schaft ein wohlgesondertes Arbeitsgebiet zugewiesen hatte, nämlich 
das Allgemeine, „eben jenes, was die Wissenschaften voraussetzen 
und ihren Erklärungen zugrunde legen und zur Grenze setzen, ist 
gerade das eigentliche Problem der Philosophie" (1 97, 980). Weiter- 
hin ist es ein völliges Mißverständnis, wenn Beneke die von Schopen- 
hauer dargelegte Sonderstellung der Musik unter den Künsten darin 
firdet, daß sie sich nicht „der Formen der äußeren Welt bediene" 
Encdich war Beneke der Ansicht, daß Schopenhauer unwissentlich den 
Kantischen Begriff der praktischen Vernunft mißverstander und aus 
ihm die Vernünftigkeit des Handelns herausgelesen habe; während 
Schopenhauer sehr wohl den von Kant hineiiigelegten Sinn zu analy- 
sieren verstand (I 619) und diese neue Bedeutung des auf den persöii- 
lichen Vorteil bedachten Verhaltens erst einführen wollte. Und wenn 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 147 

Beiieke schließlich behauptet, daß in der Mathematik die Methode 
der Iiiduktioü allein vorhanden sei, so zeugt dies von ausgesprochener 
Unkenntnis des Tatbestandes und läuft auf eine völlige. Verkennung 
der Mathematik als Formalwissenschaft hinaus. Höchstens kann sich 
die Auffindung neuer, bisher unbekannter, schwer zu beweisender 
Wahrheiten in den Formen der Induktion vollziehen, diese also eine 
genetische Bedeutung füi* die Mathematik besitzen.*) Bei der end- 
gültigen Darstellung des Inhaltes der . Mathematik aber ist die in- 
duktive Methode völlig eliminiert, eine Prüfung und Vergieichung 
der einzelnen Fälle völlig irrelevant. Fallunterscheidungen, die aller- 
dings auch dann noch vorhanden sind, haben eine ganz andere Be- 
deutung: Sie dienen zur ökonomischen Erledigung des Beweises. — 
Auf Grund der dargelegten Unklarheiten und Fehler wird man wolil 
das Urteil Eichstädts, des Verlegers der Jenaischen Literaturzeitung, 
über Beneke mitunterschreiben können: „Man erkennt ihn überall 
als einen scharfsinnigen, denkenden Kopf an, in welchem das Wissen 
noch erst mehr zersetzt und geordnet werden muß, damit es reifere 
und erfreuhchere Früchte, auch in seinen Büchern, trage (Gr. N. B. 32). 
Die bisher aufgedeckten methodischen und sachhchen Mängel 
wü-ken dann zusammen bei der Erzeugung eines letzten Haupt- 
momentes, das ein Eingehen auf den sachlichen Inhalt der Ki'itiken sehr 
erschweren und es gerade einem Schopenhauer sehr zuwider machen 
mußte: Dem Zwiespalt und Gegensatz der Ansichten der Rezensenten, 
wenn sie auf gewisse gemeinsame Punkte zu sprechen kommen. 
Während Herbart Schopenhauer zu überzeugen sucht, daß in seinem 
System der ReaHsmus sich für die ihm zuteile gwordene stiefmütterliche 
Behandlung bitter rächt, ist Beneke mit dem erkenntnistheoretischen 
Idealismus ganz zufrieden. Ein ähnliches Verhältnis herrscht zwischen 
den beiden Rezensenten in der Einschätzung des Analogieschlusses: 
Herbart bespöttelt ihn als geistreich, bequem und leichtfertig, Beneke 

*) Dahin gehört die Aufstellung von Gegenbeispielen, bei denen allge 
meine Theoreme, deren Gültigkeit sich in vielen Fällen gezeigt hat imd denen 
absolute Geltung zugesprochen werden soll, versagen. So sind tatsächlich 
die meisten stetigen Funktionen differentiierbar, weil die Stetigkeit als Folge 
mit der Differentiierbarkeit verknüpft ist. Das Bestreben aber, einen exakten 
Beweis für das Vorhandensein von Stetigkeit als Grund und Differentiierbar- 
keit als Folge zu liefern, vereitelte Weierstraß durch die Aufstellung seines 
bekannten Beispiels einer überall stetigen, nirgends differentiierbarer Funktion; 
Pascal, Repertorium I 1, 459. 



148 Erpelt, 

dagegen hält ihn für das einzige Mittel zur Enträtselung des inneren 
Wesens der uns umgebenden Objekte. Die Schopenhauersche Ästhetik 
wird von Herbart völlig verdammt, Beneke hält sie für den vorzüg- 
lichsten Teil des ganzen Werkes. Beneke ist strenger Determinist 
und nimmt Freiheit nur im Reiche des Intelligiblen an, während 
Herbart durch seinen Kampf gegen das Vorurteil, die Philosophie 
sei nicht geeignet, das Handeln zu bestinmien, ganz offenbar eine 
Veränderlichkeit des Charakters dartut, wozu auch seine Ablehnung 
jenes „ärgsten Fatalismus" und die Lehren seines eigenen philo- 
sophischen Systems passen; in diesem hängt der Wille von der Vor- 
stellungsmasse ab, die durch Apperzeption neue Bestandteile auf- 
nimmt. Schopenhauer hat endlich bezüglich des Kantischen Wider- 
spruchs Beneke zu überzeugen vermocht, Herbart steht mit seiner 
— wie wir sahen — unrichtigen Meinung abseits. 

Aber selbst, wenn sich Schopenhauer dazu entschlossen haben 
WTirde, von allen diesen Einwänden bezüglich Methode und Inhalt 
der Kritiken abzusehen, so hätten doch noch mächtige Motive ihn 
davon abhalten können, dem Verlangen der Kiitiker nachzugeben. 
Die Einschränkung oder Ausmerzung gewisser Lehren 
ist gleichbedeutend mit der Aufgabe seines philosophi- 
schen Systems und seines selbstgesteckten Zieles, das 
von ihm erschaute Weltbild begrifflich zu fixieren. Den 
Phänomenalismus mußte er beibehalten, um alle Besonderheiten 
eines Objekts der Erscheinung zuzuweisen und als Substanz eines 
jeden Objekts ein einheitliches, homogenes Etwas überhaupt möglich 
zu machen. Daher auch die immer weiter getriebene Auflösung der 
Objelvte in Relationen, die Behauptung, daß schon der Satz vom 
Grunde das Wesen der Objekte völlig erschöpfe. Um dieses Etwas 
genauer zu bestimmen, durfte Schopenhauer das Urphänomen, die 
Identität von Willensakt und Körperbewegung, niemals fahren lassen, 
wenn er nicht mit ihm den Schlüssel zum Eintritt in jenes ScHoß, 
dessen Fassaden einstweilen in Ermangelung eines besseren die Wissen- 
schaft skizziere, verlieren wollte. Die Identität von Wille und Leilj 
ist ihm die erste Grundbestätigung seiner Enthüllung des Weltgeheim- 
nisses, gewissermaßen die erste Leuchte in dem dunklen unterirdischen 
Gange der ins Innere des Sr-hlosses führt, und das Erkennen eines 
Willens in allen Teilen der Welt und des Lebens bis in ihre Schlupf- 
winkel hinein der zweite fundamentale Beleg. Gerade die Einwürfe 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 149 

gegen den Willen sind besonders schwerwiegend, da dieser als Grund- 
begriff seines Systems eine ähnliche Rolle spielt me die Wirbelsäule 
eines Wirbeltierkörpers. Mit seiner Aufgabe fällt das ganze Gerüst. 
Schopenhauer war sich über diesen Kern seiner Lehi'e und die Trag- 
weite der Einwürfe gegen ihn völlig bewußt und antwortet Frauen- 
städt, der ihm (Br 205) nahelegen will, er hätte „wie Kant unbestimmt 
lassen sollen, was das Ding an sich sei" in seiner drastischen Weise: 
„Da möchte man sich dem Teufel ergeben. . . Da könnte ich ja gleich 
meine ganze Philosophie zum Fenster hinauswerfen." Konnte Schopen- 
hauer weiter eine andere Willensfreiheit anerkennen als die dem Ding 
an sich zukommende, nachdem er im Zusammenhang mit seinem 
Idealismus den Satz vom Grunde als den absoluten Beherrscher aller 
tind nur der Erscheinung erklärt hatte? Wäre es ihm möglich ge- 
wesen, sein Erfaßtsein von den Idaff enden Widersprüchen und Düster- 
nissen der Welt, das schon seiner Mutter den ,, heiteren Humor" ver 
stimmte und ihr „schlechte Nacht und üble Träume" bereitete (Gw 52), 
in seiner Philosophie zu verbergen und mußte ihm auf diesem Grunde 
die Selbstverneinung des Willens nicht als ein Ziel erscheinen, „aufs 
innigste zu wünschen", ja, nachdem er ihre Möglichkeit durch sein 
Versenken in die Lebensführung von Asketen imd Heihgen zur Gewiß- 
heit seniacht hatte — der Umfang derselben ist aus Gw 277 und aus 
D 10, 549 ersichtlich — geradezu als der Sinn des Weltganzen? Er 
durfte über diese sich ihm aufdrängenden Gedankenströmungen nicht 
mehr verstummen, wenn er es ehrlich meinte mit seiner Aufgabe, 
eine vollständige Wiederholung der Welt in abstrakten Begriffen 
zu geben. Auch konnte er sie nicht aufgeben, um sein System nicht 
ins Wanken zu bringen, ebensowenig wie &eine Lehre vom Pessimis- 
mus, die die Basis für die Möglichkeit jenes summum bonum seiner 
Philosophie der Selbstverneinung, abgibt.*) Und was für Schopen- 
hauer endlich die Möglichkeit der Selbstverneinung bedeutete, geht 
hervor aus der Stelle eines Briefes an Becker (103): „Es würde zu 



*) Diese bedingende RcUe tritt besonders deutlich in den Vorlesungen 
hervor (D 10, 387/8): „Die deutliche Entwicklung hiervon (sei. der Be- 
jahung oder Verneinung des Willens zum Leben), der Hauptgegenstand der 
Ethik, ist uns schon etwas erleichtert und vorbereitet durch die dazwischen- 
getretenen Besprechungen über Freiheit, Notwendigkeit und Charakter. 
Indessen müssen wir sie noch hinausschieben, indem noch eine Besprechung 
vorherzustellen ist, nämlich über das Leben selbst und dessen Wollen oder 



150 Erpelt, 

bedauern sein, wenn Sie, im Eifer, Kecht zu behalten, eine Wahrheit 
aufgegeben hätten, die am bewölkten Himmel unseres Daseins und 
seines Spiegels, meiner Philosophie, der einzig lichte Fleck ist." Auch 
\\ard ihr Wert durch die in ihrer Art klassische kurze Darlegung de.> 
Schopenhauerschen Lehrgerüstes bei der bekannten aut-aut Ausein- 
andersetzung dargetan. Hier hält Schopenhauer an ihr trotz aller 
Bedi'ängnis von selten Frauenstäclts als an einer unverbrüchlichen 
Tatsache fest, und sie ist ihm ein Beleg dafür, daß im Ding an sich 
Wandlungen vorkommen können, daß der Wille vom Wollen ,,frei 
werden kann, während er im Wollen unfrei ist". Endlich fordert er 
einen angehenden Apostel, den Hamburger Philosophen Weigelt, auf: 
,,Ihm sei die Askese noch'zu fremd. . . . Er solle asketische Schriften 
lesen' (Br 268). Die Kenntnisnahme der asketischen Schriften ist 
also für Schopenhauer ein wesentlicher Teil der Einführung in seine 
Philosophie. 

Hat uns so die Analyse der Ki'itiken mannigfaltige Anhaltspunkte 
für ein Verständnis ihrer Nichtbeachtung ergeben, so werden wir uns 
darin noch weiter gefördert sehen, wenn wir unser Augenmerk auf 
gewisse Eigentümlichkeiten Schopenhauers richten, die in seiner Be- 
tätigung als produktiver Denker und in der voluntarisiischen Seite 
seiner Persönlichkeit stechend hervortreten. 

Daß beide Rezensenten die Wurzeln der Schopenhauerschen Philo- 
sophie in der empirischen Wissenschaft und im anschaulichen Welt- 
bilde übersahen, dafür aber um so mehr Gewicht legen auf ein exaktes 
logisches Entsprechen der Einzellehren seines Systems, muß um so 
schärfer beurteilt werden, da Schopenhauer gerade den umgekehrten 
Standpunkt vertritt, ihn der Konzeption seiner Philosophie zugrunde 
gelegt hat und es an Hinweisen darauf nicht fehlen läßt. Sein Denken 
erwählt sich zum willkommensten und wertvollsten Ob- 
jekt immer die Anschauung, den unmittelbaren Eindruck der 
realen Welt, während ihm die Verarbeitung inhaltsleerer abstrakter 
Begriffe widerstrebt. Allein die Anschauung hat die Kapazität, die 



Nichtwollen, welches die große Frage ist. Und zwar so, daß wir untersuchen, 
was dem Willen selbst, der ja dieses Lebens innerstes Wesen ist, eigentlich 
durch seine Bejahung werde, auf welche Art und wiew^eit sie ihn befriedigt, 
ja befriedigen kann: Kurzum, was wohl -im allgemeinen und wesentlichen 
der Zustand des Willens sei in dieser seiner eigenen und ihm in jeder Beziehung 
angehörigen Welt." 



Herbärts u. Benekes Kalt. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 151 

zur Aufnahme und Umsetzung der Energie seines Denkens. notwendig 
ist, wähi-end die weiten Abstrakta „lauter leeren Hülsen" gleichen 
(II 69), deren Verarbeitung „eine Empfindung gibt der ähnlich, die 
beim Versuch, sehr leichte Körper zu werfen, entsteht". „Eine an- 
schauhche Auffassung ist aUemal der Zeugungsprozeß gewesen, in 
welchem . . . jeder unsterbliche Gedanke den Lebensfunken erhielt" 
(II 69). Die Feststellung des Gegensatzes zwischen der Anschauung 
und der abstrakten Erkenntnis ist, wie er sagt, „ein Grundzug meiner 
Philosophie" (II 96), und er hat darauf ein volles Kapitel (7) des Er- 
gänzungsbandes verwandt. Sein Wahlspruch ist: „AUes Urdenken 
vollzieht sich in Bildern", ja, die Anschauung ist ihm die Erkenntnis 
xax' l^oxiiv (II 83). In den Vorlesungen behauptet er: „Überall 
ist das beste nicht in Worte zu fassen, man muß anschauen; indem 
wir so, durch Anschauung der lebendigen Welt, unmittelbar das wahre 
Wesen der Dinge zu uns reden lassen, so entziffern wir die echte 
signatura rerum, von der die alten Alchemisten und Theosophen 
sprachen" (D 10, 284). Er hat die Anschauung denn auch bei der 
Aufstellung seiner Philosophie fast ausschließlich verwendet: ,,Jede 
Lehi-e derselben ist in Gegenwart der angeschauten Whklichkeit 
durchdacht worden, und keine hat ihre WVzeln allein in abstrakten 
Begriffen" (II 5). 

Der Gesichtspunkt der streng logischen Konsequenz trat für ihn 
völlig zurück, ja mit einem gewissen Stolze erklärt er: „Als einen 
großen Vorzug meiner Philosophie sehe ich es an, daß alle ihre Wahr- 
heiten unabhängig voneinander durch die Betrachtung der realen 
Welt gefunden sind, die Einheit und Zusammenstellung derselben 
aber, um die ich unbesorgt gewesen war, sich immer nachher von 
selbst eingefunden hat" (II 206). Seine Maxime war: „Ich schreibe 
auf, unbekümmert, wie es zum Ganzen passen wird, denn ich weiß, 
es ist alles aus einem Grunde entsprungen". Bei dieser Atbeitsweise 
war natüi-lich ein peinlich genaues logisches Aneinanderpassen der 
einzelnen Lehren unmöglich. Die Einheitlichkeit seines Systems ließ 
er dann durch die vorausgesetzte Einheit des Weltganzen verbürgen, 
und da diese ihm zum unverbrüchlichen Dogma geworden war, so 
ist auch das Einheitsbewußtsein seiner Philosophie bei ihm äußerst 
stark. Bei allen Versuchen, ihm auf Grund einzelner Stellen Wider- 
sprüche nachzuweisen, weist er mit größter Energie auf das Ganze 
seiner Werke hin: „Ich versichere Sie, daß Sie alle Ihre Zweifel sich 



152 Erpelt, 

aus meinen Schriften lösen konnten, wenn Sie nur zusammenbrachten, 
was weit verteilt steht. Denn mein System hat mehr denn irgend 
eines organischen Zusammenhang. Man muß aber stets jeden Satz 
in promptu haben, um damit jedem andern zu Hilfe zu kommen, 
wenn er, alleinstehend, angegriffen wird" (Br 216). So wies er nichc 
nur im späten Alter seinen Erzevangelisten Frauenstädt zurecht, 
sondern verkündet schon als junger Dozent seinen Zuhörern (D 9, 70): 

In Gemäßheit nämlich meiner Resultate, zu denen mich mein Studium 
und meine Forschung geführt haben, hat die Philosophie eine Einheit und 
inneren Zusammenhang, wie durchaus keine andere Wissenschaft; alle ihre 
Teile gehören zueinander wie die des organischen Leibes und sind daher 
eben wie diese, nicht von dem Ganzen zu trennen, ohne ihre Bedeutung iind 
Verständlichkeit einzubüßen und als lacera membra, die außer dem Zusammen- 
hang einen widerwärtigen Eindruck machen, dazuliegen." 

Streng präzisiert faßt er das Wesentliche dieses seines Stand- 
]}unktes nochmals zusammen in den Schlußworten zu seiner Theorie 
der gesamten Erkenntnis: 

,,Weil nun die Welt ein Ganzes ist, im höchsten Simie des Wortes ein 
Ganzes, und daher ihre Teile völlig miteinander übereinstimmen, sich wechsel- 
seitig notwendig machen; so muß auch im abstrakten Abbild der Welt, in 
der Philosophie, jene Übereinstimmung sich wiederfinden: Nicht bloß Konse- 
quenz, sondern die Harmonie eines einzigen entfalteten Gedankens muß der 
Philosophie eigentümlich sein und ihre Echtheit beweisen. Die Summe von 
Sätzen, daraus sie besteht, muß sich dm-ch und durch so entsprechen, daß 
jeder Satz den andern gleichmäßig notwendig macht und das wechsel- 
seitig. Die Sätze müßten gewissermaßen wechselseitig auseinander abge- 
leitet werden können. Doch müssen sie hier vorerst da sein imd also zuvor 
aufgestellt werden, uimiittelbar begründet dm-ch die Erkenntnis in concreto, 
die anschaulich vorhandene Welt: Demi die unmittelbare Begründung ist 
der mittelbaren vorzuziehen. Nachher wird die vollkommene Harmonie 
der Sätze, welche sie in einen Gedanken zusammenfassen läßt, entsprungen 
aus der Harmonie und Einheit der anschaulichen Welt selbst, die ihr gemein- 
schaftlicher Erkenntnisgrund ist, als Belvräftigiing ihrer Wahrheit hinzu- 
kommen." 

Diese Ansichten Amrzeln so tief im Fleisch und Blut des Schopen- 
hauerschen Denkens, daß sie unter seinen Händen zur paradoxen 
Übertreibung auswachsen: In größter Unbefangenheit erklärt 
Schopenhauer die verbalen Widersprüche seiner Lehre als Abbild 
der tatsächlich vorhandenen realen! Die Selbstverneinung ,,ist ein 
realer Widerspruch zwischen dem Willen und seiner Erscheinung, 
Er ist entstanden aus dem Eingreifen der Freiheit, die der Wille als 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 153 

Ding an sich hat, in die Notwendigkeit, der seine Erscheinung unter- 
worfen ist: Von diesem realen Widerspruch haben v,ir nun hier eine 
Wiederhohing in der Reflexion der Philosophie an dem verbalen 
Widerspruch zwischen meiner Behauptung von der Notwendigkeit, 
mit der die Motive den Willen nach Maßgabe des Charalrters be- 
stimmen, einerseits, und meiner Behauptung der Möglichkeit einer 
gänzlichen Aufhebung des Willens, wodurch die Motive machtlos 
werden, andererseits'' (D 10, 571). Diese Ansicht von der Rechtferti- 
gung eines Widerspruches steht nicht vereinzelt: ,, Jedoch ist noch 
ein Vor^vurf zu erwähnen, den man dem letzten Teile meiner Dar- 
stellung machen kann, und den ich keineswegs verhehlen will, sondern 
vielmehr zeigen, wie er durch das Wesen der Sache herbeigeführt 
wird" (D 10, 577) 

In der geschilderten Entstehungsweise der Schopenhauerschen 
Philosophie liegt der Quellpunkt ihrer Stärke, aber auch der Urgrund 
der in ihr enthaltenen Widersprüche. Schopenhauers Geist gleicht 
einem Simson, der durch seine Hinneigung zur verführerischen und 
sich verstellenden Delila der Anschauung seine gigantische Stärke 
einbüßt und in Blindheit endigt. Daß diese Blindheit schließlich voll- 
kommen war, ergibt sich aus Widersprüchen, wie sie greller nicht ge- 
dacht werden können. Er erklärt: die Anschauung ist nicht nur 
die Quelle aller Erkenntnis, sondern sie selbst ist die Erkenntnis 
xur i^oxrjv, ist allein die unbedingt wahre, die echte, die ihres 
Namens vollkommen würdige Erkenntnis" (II 83 o), denn — so 
könnte man unter Benutzung seiner eigenen, wenige Zeilen vorher 
ausgesprochenen Worte fortfahren — sie ist „durchweg modifikabel, 
ist zweideutig, hat unerschöpfliche Einzelheiten in sich und zeigt 
viele Seiten nacheinander"!*) Noch andere Beispiele zu Selbst- 
widersprüchen Schopenhauers, die durch unveränderte Aufnahme 
momentaner Konzeptionen in sein System herbeigeführt Avurden, 
geben seine Ansichten über die Geschichte der Philosophie, die mit 
seinen x\nsichten über allgemeine Geschichte in schreiendem Wider- 
spruche stehen: Schopenhauer wiU bekanntlich der allgemeinen Ge- 



*) Die Zurücksetzung der Anschauung zeigt sich nebenbei besonders 
stark in d6r „Theorie" D 9, 237 243, 244, 248, doch erweist sich auch hier der 
Begriff unfähig, die „feinen Nuancen" zu erfassen (388) und Schopenhauer 
gibt letzten Grundes der Anschauung den endgültigen Vorzug, er erkciuit 
nur „den Nachteil derselben in einigen Stücken" an (D 9, 391). 



154 Erpelt, 

schichte nicht einmal den Ehrennamen einer Wissenschaft zugestehen, 
da es Entwicklungsgesetze, deren Studium Aufgabe der Geschichte 
sein soll, in dem bunten kaleidoskopartigen Gewirre der durcheinander- 
quirlenden Individuen überhaupt nicht gibt. Nun höre man ihn über 
die Geschichte der Philosophie: 

„Auch nimmt man, wenn man die Geschichte der Philosophie im ganzen 
überfliegt, sehr deutlich einen Zusammenhang und Fortschi'itt wahr" (D 9, 82) 
So sehen wir auch in der Geschichte der Philosophie die Menschheit nach und 
nach zur Besinnung kommen, sich selbst deutlich werden, durch Abwege 
sich belehren lassen, durch vergebliche Anstrengungen ihre Kräfte üben und 
stärken .... So ließe sich allerdings in der Geschichte der Philosophie eine 
gewisse Notwendigkeit, d. h. eine gesetzmäßig fortsclu-eitende Entwicklung 
erkemien, wenigstens eben so gut, ja gewiß besser als in der Welt- 
geschichte ... Aus dem Rückschritt erhebt sich immer die Kraft wie 
neugestärkt durch die Ruhe" (83). 

Ein drittes Beispiel findet sich Volkelt 224. 

Diese Widersprüche lassen ermessen, wie gering das Empfinden 
logischer Widersprüche überhaupt bei Schopenhauer entwickelt war, 
und wie gering der Trieb zur Ausmerzung derselben funktionierte — 
wenigstens bei seinen eigenen Werken. Die Widersprüche in andern 
^mßte er sehr gut herauszufinden, wie seine scharfsinnige lü'itik Kants 
zeigt und auch durch seine Bemerkung über Spinoza verraten wüd, 
in der plötzlich eine ganz andere Wertung der Widersprüche statt- 
findet (D 9, 106): Wie in der Musik falsche Töne mehr beleidigen 
als eine schlechte Stimme, so in der Philosophie Inkonsequeiizen, 
falsche Folgerungen mehr als falsche Prinzipien! Spinozas Moral 
aber vereinigt beides: Seine einzelnen Sätze über Eecht und andere 
ethische Dinge beleidigen das Gefühl jedes denkenden Menschen auf. 'S 
heftigste ! 

In den seltenen Fällen aler, wo sich sein logisches Gewissen 
meldete, tritt seine Neigung zum Agnostizismus besch^\^chtigend 
auf. Er steht auf dem Standpunkte, daß wir un^ ,,oft vom Entstehen 
unserer tiefsten Gedanken keine Rechenschaft geben können: Sie oind 
die Ausgeburt unseres geheimni-; vollen Innerer" (II 148) — eine Er- 
fahrung, die ihm namentlich bei der Konzeption seines Systems in 
Dresden zateil geworden war. Schopenhauer findet sich damit ab, 
daß seine ,,Lelire ÜlDereirstiimnung und Zusammerhang ir dem 
kontrastierenden Gewiri'e der Er. cheinunger dieser Welt keines- 
wegs in dem Sinne" erblicken läßt, „daß sie kein Problem zu lösen 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenli. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 155 

übrig, keine mögliche Frage unbeantwortet ließe". „Dergleichen zu 
behaupten, wäre eine vermessene Ableugnung der Schranken der 
mensclilichen Kenntnis überhaupt." ,, Welche Fackel wir auch an- 
zünden und welchen Kaum sie auch erleuchten niag, stets wird unser 
Horizont von tiefer Xacht umhüllt bleiben" (II 206). Hatte er sich 
aber einmal damit abgefunden, so konnte es ihm nicht schwer fallen, 
unlösbare Probleme, wie sie namentlich seine Ethik enthält, für trans- 
zendent zu erklären. Dieses Verfahren ^v^u-de ihm bei seiner Ethik 
ein unentbehi'liches Hilfsmittel. Schon als Dozent erklärt er seinen 
Hörern: ,, Übrigens bemerke ich beizeiten (!), daß ich mich nicht an- 
heischig mache, jede mögliche Aufgabe zu lösen und jeder möglichen 
Frage zu genügen", und bei den x\useinandersetzungen endlich, die 
Schopenhauer als Greis mit seinen Aposteln zu bestehen hatte, zieht 
er die Register des Agnostizismus immer wieder auf, um ihren An- 
griffen zu entgehen (Br 212, 217, 205, 359, 360, 456) und betrachtet 
den Agnostizismus als den Altar im Tempel seiner Philosophie, an 
dem seine Verfolger von ihm, dem in die Enge getriebenen Flücht- 
ling, ablassen müssen. Zur Rechtfertigung seines Agnostizismus ver- 
weist er dann auf seine Lehre von der sekundären Natur des Intellekts. 
Zu dieser Eigenart, die uns die Widersprüche seiner Lehre nicht 
so scharf empfinden läßt, gesellte sich dann noch eine sprö de Selbst- 
ständigkeit in der Erfassung und Ausbildung seiner Ge- 
danken, die sich namentlich in einer entschiedenen Abneigung gegen 
die Berücksichtigung fremder Gedankengänge zeigt. Er weiß, „daß 
das System unserer eigenen Gedanken und Erkenntnisse seine Ganz- 
heit und stetigen Zusammenhang einbüßt, wenn wir diesen so oft 
willkürlich unterbrechen, um für einen ganz fremden Gedankengang 
Raum zu gewinnen. Meine Gedanken verscheuchen,, um denen eines 
Buches Platz zu machen, käme mir vor, wie was Shakespeare an den 
Touristen seiner Zeit tadelt, daß sie ihr eigen Land verkaufen, um 
anderer ihres zu sehen (II 85). Darauf beruht auch seine Abneigung 
gegen Alexander von Humboldt, auf den er als auf einen Kompilator 
hinabsieht. Sein Philosophieren vollzog sich in einer ganz anderen, 
ursprünglicheren Ali: „Ich bin, bekennt er Vorrede XIX, meinem 
Gedankenzuge nachgegangen, eben weil ich es mußte und nicht anders 
konnte, aus einem instinktartigen Triebe, der jedoch von der Zuver- 
sicht unterstützt ^nu■de, daß was einer Wahres gedacht und Ver- 
borgenes beleuchtet hat, doch auch irgend wann von einem andern 



156 Erpelt, 



denkenden Geiste gefaßt werden wird." Li seiner daraus resultierenden 
Originalität ließ er sich durch Angriffe nicht irre machen. Er hielt 
sich dann vor: „Mein Leitstern ist ganz ehrlich die Wahrheit ge- 
wesen (Vorrede XXI). Den Fehlern und Schwächen, welche meiner 
Natur anhängen, kann ich freilich nimmermehr entgehen, aber ich 
werde sie nicht durch unwürdige Akkomodationen vermehren." 
Frauenstädt ermahnt er (Br 289): „Ich wollte lieber hören, daß Sie 
das Ding zwischen Wachen und Schlafen hingeschrieben haben, als 
daß es eine Konzession ist, die Sie der Unfähigkeit und Roheit machen. 
Das soll man nie! Sondern, wenn man wirken will, muß man nie 
fackeln, stets dieselbe Sprache reden und keinen ZoU weichen. Sonst 
kommt man um allen KJ-edit " Ein andermal fordert er ihn auf: 
„Verschwören Sie alle breiige Toleranz!" (Br 301), und hält ihm vor: 
„Man kann nicht Gott und dem Teufel zugleich dienen: Man muß 
konsequent und entschieden sein: Man muß eine Üloerzeugung haben 
und nicht fackeln oder irrlichterlieren" (Br 169). Auch bemerkt 
Schopenhauer mißbilligend von Schelling, Spinoza und Kant: „Sie 
alle haben gefackelt" (Br 250). Bestärkt wurde er in seiner Haltung 
durch die selbstsichere Überzeugung von der Einzigartigkeit seiner 
Leistungen; so sagt er Frauenstädt: „Sie leihen bald diesem, bald 
jenem Dir Ohr, vermeinend, das wären doch auch Leute. Sie er- 
kennen nicht die Aristoki-atie der Natur. Bicbat and ich umarmen 
uns in einer Wüste" (Br 222). Aus alledem geht hervor, daß Schopen- 
hauer nicht den geringsten Wert darauf legte, mit seinem Werke 
eine allseitig befriedigende Leistung zu geben. In knorriger Selbst- 
ständigkeit bejaht er auch die Iiilümer und Schwächen seines Systems, 
und hat Mittel und Überlegungen genug zur Hand, über das „Ge- 
schrei der Böotier" hinwegzusehen. 

Alle diese intellektuellen Eigenschaften aber strahlen aus und 
werden getragen von dem Grundzug seines philosophischen 
Denkens: Dem in vollstem Sinne unhintertreiblichen Be- 
dürfnis nach Metaphysik. Daraufhin deutet schon der ^oichtige 
und überwältigende Eindruck seines Systems als Ganzes und die 
Tatsache, daß Schopenhauer von seinem System einen Ersatz der 
positiven Religionen erhoffte, was sich bei manchem seiner Anhänger 
auch erfüllte (Doß). Bei einem eingehenderen Studium aber predigen 
unzählige einzelne Züge von dem tiefernsten Hang und der fast reli- 
giösen Inbrunst, mit der Schopenhauer über die äußere erscheinende 



Herbaits u. Benekes Krit. d. Schopenh. Haiiptw. u. ihre Aufnahme. 157 

Schale des Weltganzen hinweg in die Tiefe alles Daseins zum einen 
ewigen Urgrund getrieben ^^'llrde. Dem letzten Unsagbaren so nahe 
zu kommen wie möglich, es zu enträtseln und seine Spuren überall 
wiederzufinden, war sein innigstes Bemülien, sein Denken konnte 
jene letzte Lösung des Welträtsels nicht lassen, ohne von ihr gesegnet 
zu werden. Wenn er philosophierte, so tat er es nicht in der heutigen 
Ai't: Er sondierte erst nicht wissenschaftlich-laitisch in möglichst 
gleichwertiger Beachtung das ausgedehnte Feld der Einzelunter- 
suchungen, abstrahierte nicht mit möglichster Vorsicht daraus all- 
gemeine Züge, die sich der wissenschaftlichen Gültigkeit halber relativ 
nahe an der Erscheinungswelt halten mußten, prüfte nicht vorher 
alle möglichen Erklärungsarten eines Vorganges durch, um sich für 
die zu entscheiden, die die größte objektive Gültigkeit auf Grund 
einiger weniger, konsequent angewandter und im einzelwissenschaft- 
lichen Betrieb schon erprobter Prinzipien besaßen, die er vorher 
noch in einer nackten, kalten Erkenntnistheorie wie in einem Säure- 
gemisch von allem Unechten und wissenschaftlich Unhaltbaren radikal 
gereinigt hatte. Kurzum, er trieb keine induktive Philosophie, deren 
größter Vorzug, die an Gewißheit grenzende objektive Wahrscheinlich- 
keit und größtmöglichste Verifikation, innerhalb der Arbeit 
eines Einzellebens nur erkauft wird durch einen Verzicht auf die 
Lösung der letzten metaphysischen Probleme, durch die geringe, 
eigentlich metaphysische Tragweite ihrer Leistungen. Bei der Alter- 
native der Lösung einfacher, weniger allgemeiner Probleme im all- 
mählichen Fortschreiten durch festes verifizierbares Wissen, oder 
bloß ahnender Erfassung der letzten Wahrheiten mit einem Schlage, 
trieb ihn seine Natur, seine geistige Eigenart mit unwiderstehlicher 
Gewalt znr letzteren Möglichkeit. Sein Philosophieren war ein sinnen- 
des Versenken in bedeutsame und besonders auffallende Züge des 
Weltbildes und in gewisse, einzeln dastehende Grunderlebnisse seines 
limenlebens, ein rauschartiges Überfliegen des Mannigfaltigen und 
geniales Zusanunenfassen und Verdichten des Gemeinsamen zu einem 
Absoluten, Unbedingten, um das es ihm in letzter Linie zu tun war. 
Kurzum, das Alpha und Omega war für ihn Metaphysik und der 
Weg dazu — in der Hauptsache — mystische Versenkung, deren 
Eigenart hier aber durch die für seine Zeit immerhin bedeutende 
einzelwissenschaftliche Bildung und den nicht ausschließlich religiösen 
Gegenstand gebildet wird. Ganz besonders waren es seine psychi- 

A.rchiv für Geschichte der Philosophie. XXX. 2. 22 



158 Erpelt, 

sehen Erlebnisse, die er, weit entfernt, sie mit Mitteln einer vor- 
sichtigen Psychologie zu deuten, als nicht analysierte und mit andern 
nicht zusammenhängende Tatsachen ins Metaphysische projizierte, 
sie im Absoluten verankerte, um sie von dort her befruchtend zurück- 
wirken zu lassen auf seine neuen philosophischen Auffassungen und 
Deutungen. Ebenso verfuhr er mit gewissen einzelwissenschaft- 
lichen Tatsachen: Eine vorsichtige, vergleichende emph-ische For- 
schung galt ihm wenig, das metaphysische Erkennen behauptete im 
Konfliktsfalle seine Überlegenheit. 

Es erübrigt sich noch, dieses sein Verhalten gegenüber 
Psychologie und andern Einzelwissenschaften im einzelnen zu 
verfolgen. 

Bei der Behandlung psychischer Tatsachen ist für Schopen- 
hauer charakteristisch seine Auffassung vom Rhythmus und Pteim, 
Erscheinungen, die für sich und in ihrem Verhältnis zueinander rein 
psychologisch völlig aufgeklärt werden können. Schopenhauer ge- 
steht nun dem ersteren einen Vorzug zu und führt ihn in höchst künst- 
licher Weise auf erkenntnistheoretische Überlegungen zurück. „Der 
Vorzug des Rhythmus ist aus folgendem erklärlich : Der Rhythmus 
oder das Zeitmaß wird gefaßt durch die bloße, reine apriorisch ge- 
gebene Anschauung der Zeit, er gehört also der reinen Sinnlichkeit 
an, nicht der empirischen, physischen. Dieser aber, also der sinnlichen 
Empfindung, gehört der Reim an, denn er ist Sache der Empfindung 
im Gehörorgane." — Die Tatsache, daß die Furcht vor dem gewissen 
Tode nicht jeden Augenblick des menschlichen Lebens beunruhigt, 
führt Schopenhauer zurück auf „das Be^vußtseil1, daß jeder die Quelle 
alles Daseins in sich trägt und selbst das innerste Wesen aller Natur 
ist" (D 10, 381). Daraus entspringt jene Sicherheit im Dasein, ver- 
möge welcher keinen Menschen der Gedanke des gewissen, nie fernen 
Todes merklich beunruhigt. Man will dies psychologisch erklären aus 
der Gewohnheit und dem Sich-Zufriedengeben über das Unvermeid- 
liche, aber damit reicht man nicht aus: Der Grund davon ist eben 
jener tieferliegende, den ich angegeben habe." Auch der psycho- 
logische Vorgang der Einfühlung \\'ird metaphysisch umgedeutet als 
Durchschauung des principium individuationis (D 10, 522): Der Ge- 
rechte „wird die Person anderer, ihre Rechte und ihr Eigentum respek- 
tieren. Forschen wir nun nach dem inneren Wesen, so sehen wir, 
daß einem solchen Gerechten schon nicht mehr das principium indi- 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 159 

viduationis eine absolute Scheidewand ist". Durch Steigerung dieser 
Durchschauung des Schleiers der Maja geht dann das Mitleid und 
schließlich die Resignation hervor. Gewissensangst und Grausen sind 
gleichfalls nietaphysisch-erkenntnistheoretischen Ursprungs : 

Es liegt „im Bewußtsein eines jeden die dunkle Ahnuiig von der bloßen 
Scheinbarkeit dieser Ordnung der Dinge: Diese Ahnung tritt hervor im Ge- 
wissen ..." Als ein anderes Phänomen dieser dunklen Ahnung sehe ich an 
das Grausen, die Scheu vor dem nicht Natürlichen ... Es entsteht jedesmal 
beim Schein einer Unterbrechung der formalen Gesetze der Natur . . . Dieses 
Grausen zeigt sich, sobald wir durch irgend einen Vorfall einmal irre werden 
an dem principium individuationis und den übrigen Formen der Erschei- 
nung." 

Die lange Dauer der Gewissensbisse erklärt er so (D 10, 516) : „Nur 
weil der Wille nicht der Zeit unterworfen ist, sind die Wunden des 
Gewissens unheilbar." Me diese Beispiele zeigen die Rück^virkung 
seiner Metaphysik auf ursprünglich psychologisch zu deutende Ver- 
hältnisse. Von größeren, gleichfalls in dieser Weise beeinflußten 
Theorien wären seine Musiktheorie und seine Auffassung von der 
Geschlechtsliebe zu nennen. 

Eigentliche metaphysische Projektionen von psychi- 
schen Tatbeständen liegen vor in seiner Lehre von den Ideen 
und dem Willen. Namentlich die Auffassung der Idee als anschau- 
liches Schema, Typus, deutet auf ihre psychologische Eigenart als einer 
mit starken anschaulichen Elementen durchsetzten Allgemeinvor- 
stellung hin, zu deren Ausbildung es einer psychischen Entwicklung 
))edarf, in der Art, wie sie Kowalewski schildert und auch von Beneke 
angedeutet ist (Kow. 115): 

,,Was Schopenhauer im Sinne hatte, kann nur als sekundäres Phänomen 
vorkommen, etwa in der Art, wie Hume sich die Entstehung des Glaubens 
an eine bestimmte Kausalrelation dachte. Das direkte ästhetische Objekt 
ist siimlich anschaulich. Es regt aber gewisse abstrakte Vorstellungen an; 
der eigenartige Gefühlston, der allem sinnlich Anschaulichen anhaftet, ver- 
schmilzt bei häufiger Wiederholung mit den angeregten Voi'Stellungen. Schließ- 
lich scheinen die abstrakten Vorstellungen selbst infolge dieser Verschmel- 
zungen siimlich-anschaulichen Charakter zu haben. Umgekehrt können 
irifolge derselben Verschmelzung die besonderen Formen des sinnlich -anschau- 
lichen Objekts eine gewisse Abschwächung erfahren: Sie verlieren ihre im- 
mittelbare reale Bedeutung und werden zu bloßen Symbolen. So karm sich 
wenigstens näherungsweise eine Emanzipation vom Satze des Grundes voll- 
ziehen, indem der Druck der niederen realen Beziehungen durch symbolische 
Deutung gemildert wird." 

12- 



160 Erpelt, 

Ein Anklang an diesen Werdeprozeß der Idee drängt sich auch bei 
Schopenhauer selbst auf (D 10, 196/7): „Sie müssen eine lebendige 
Erkenntnis davon erhalten, wie in unzähligen Erscheinungen das 
Wesentliche, das darin sich Offenbarende, nur eine Idee ist, die sich 
den erkemienden Lidividuen stückweise, eine Seite nach der 
anderen, darbietet." Diese Allgemeinvorstellungen werden dann 
zu metaphysischen Objekten und Substanzen. Dasselbe geschieht 
mit dem Willen. Schopenhauer weist zu seiner Erläuterung auf die 
Phänomene von Lust und Unlust, auf die Gefühle, Affekte und Leiden- 
schaften hin, und verlangt dann eine Kondensation aller dieser Einzel- 
erscheinungen zu einer Art Substanz, die dann zunächst das Wesen 
des Individuums ausmacht, eine Erkenntnis, die der Analogieschluß 
auf das Wesen aller übrigen Dinge ausweitet. Iigend eine Zerlegung 
der oben genannten psychischen Erscheinungen in ihre Elemente, 
etwa Lust und Unlusttöne, die mit Organempfindungen verschmelzen, 
irgend eine Analyse der psychophysischen Bedingungen, unter denen 
jene psychischen Erscheinungen nur auftreten können, liegt ihm fern. 
Dieser letztere Umstand ist der innere Grund dafür, daß er für die 
Einwendungen der Ki'itiken gegen die Tragweite des Analogiesclilusses 
nur taube Ohren hat. Er würde im andern Falle die Einfühlung des 
WiUens in leblose anorganische Körper nicht fertig gebracht haben. 
Diese rudimentäre psychologische SichersteUung des Willens erhärtet 
gleichfalls ein schon von Lorenz (27 f.) sichergestelltes Ergebnis, daß 
Schopenhauer nicht auf psychologischem, sondern metaphysischem 
Wege zu dem Begriffe des Willens gekommen ist, ein Umstand, der 
ebenfalls einen Beleg für das Überwiegen des metaphysischen Grund- 
triebes in Schopenhauers Denken abgibt. 

Nachdem nun einmal jene metaphysischen Fixi^unkte erlangt 
sind, waltet Schopenhauer mit absoluter Willkür über die Psycho- 
logie, insbesondere die Erkenntniski-äfte des Individuums. Um seine 
metaphysischen Erkenntnisse zu garantieren, postuliert er besondere 
Erkenntnisweisen, um deren psychologische Möglichkeit, Charakte- 
ristik, über deren erkenntnistheoretische Tragweite er sich keine 
Sorgen macht: Die Erkenntnis der Idee setzt Aufhebung des er- 
kennenden Individuums im erkennenden Subjelvt voraus (I) 10, 180). 
Um die Ewigkeit des Willens einzusehen, verlangt er die Erkenntnis 
des nunc stans, die eine unerlaubte Vermengung von metaphj^sischer 



Herbarts u. Bcnekes Elrit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 161 

Konstanz und des gewöhnlichen Zeitbegriffs ist.*) Schon in dem 
Jugendstadium seiner Philosophie, in dem sein Skeptizismus ihm 
alle Metaphysik verwehrte, sah er in dem „besseren Be^vußtsein" 
ein besonderes Vermögen, das ihm wenigstens eine ethische Orien- 
tierung erlaubte. Auch die Tatsache, daß er nur an der Kantischen 
Philosophie, die ihm den Zugang zur Metaphysik verwehrte, lü-itik 
übte, während er die kongeniale Platonische ohne Störungen assimi- 
lierte, verrät vieles. Der seinem Philosophieren inne wohnende meta- 
physische Drang ist also auch der Grund für die große Anzahl der 
irrationalen Erkenntnisarten, die Schopenhauer in seinem System 
in Anspruch nimmt und die fast kontinuierlich ineinander übergehen. 
Deshalb ist auch der Versuch einer Sonderung, Klassifikation und 
Charakteristik, wie ihn Hasse unternimmt, eine der schwierigsten 
und in ihi'en Ergebnissen schwer zu begründenden Aufgaben. 

Um die Verachtung, die Schopenhauer für die einzelwissen- 
schaftlichen Methoden namentlich dort hatte, wo sie den Er- 
gebnissen seiner eigenen Philosophie widerstrebten, darzutun, braucht 
man nur sein Verhalten gegenüber der naturwissenschaftlichen Ent- 
wicklungslehre näher zu betrachten. Für Schopenhauer spielt sich 
die Entwicklung der Lebensformen auseinander ausschließlich in der 
Ideenwelt ab: Eine neue Tierform tritt plötzlich und sprunghaft 
ins Dasein, wenn sich nämlich durch den Konflikt zweier Ideen durch 
überwältigende Assimilation eine neue Idee gebildet hat (so D 10 vom 
Organismus überhaupt), ein neuer außerzeitlicher Willensakt einge- 
treten ist (D 10, 145). Dann aber ist die Form unveränderlich (D 10, 
159, 160). Der letzte Grund für die Ähnlichkeit der Organismen unter- 
einander ist dann das Ding an sich selbst (D 10, 155). Ja, es bequemt 
sich nicht nur die Tierspezies den Umständen an, sondern es findet 
sogar ein vorausschauendes Anpassen der Umstände an die kom- 
mende Tierspezies statt (D 10, 165). Eine solche Lehre, die von der 
Idealität der Zeit, der Existenz eines Ideenreiches, von der Annahme 
eines Dings an sich den ausgiebigsten Gebrauch macht, würde von 
der Einzelwissenschaft als mystisch und unbrauchbar abgelehnt 
werden. Schopenhauer aber tut dasselbe mit den Ergebnissen der 



*) Sie beruht etwa auf folgenden Schlüssen: Reale Objekte gibt es nur 
in der Gegenwart, da nun der Wille real ist, muß alles Gegenwart sein, „Ver- 
gangenheit und Zukiuift existieren nur im Begriff" (D 10, 378). 



162 Erpelt, 

Eiiizelwissenschaft : Er tadelt die Lehre Lamarcks (Natur 43/5) und 
weist die Darwinschen Ansichten und Belege als platten Empirisnuis 
ab: Diese Lehre ist „keineswegs meiner Theorie verwandt, sondern 
platter Empirisnuis, der in dieser Sache nicht ausreicht: Ist 
eine Variation der Theorie de la Marks (Br 384). Die Lehre Darwins 
reicht eben deshalb für Schopenhauer nicht aus, weil sein metaphysi- 
scher Drang keine Befriedigung findet. 

In diesem Verhalten zur Entwicklungslehre haben wir nui- einen 
besonderen Fall seiner Mißachtung der logischen Hilfsmittel der 
Naturwissenschaften überhaupt. Diese dokumentiert sich in seinen 
starken Angriffen auf das Kausal prinzip: In seinen aitiologischen 
Untersuchungen betont Schopenhauer, daß jene Disziplinen auf den 
Satz vom Grunde angewiesen sind, dieser aber nicht ausreiche, so daß 
jene Wissenschaften „gerade das Beste" unerklärt lassen müßten. 
Und auf D 10, 502 lehnt er mit den Worten: „Philosophie ist ein 
geschlossenes Wissen, die Tatsachen können nichts hinzutun" die 
Bedeutung aUer empirischen Wissenschaften für die Philosophie ab. 

Auch die Einzeldisziplin der Ästhetik zeigt deutlich die Nachteile 
der aUzu starken metaphyoischen Einstellung Schopenhauers. Beneke 
hatte vollkommen recht, wenn er mit seiner Frage nach dem objektiven 
Kj-iterium der Schönheit betonte, daß Schopenhauers Streben nach 
Aufklärung der ästhetischen Verhältnisse sich nicht unbefangen auf 
die Sachen und Objekte selbst richte. Wir sahen, daß die Bedeutung 
der Form nirgendswo systematisch aufgeklärt wird, daß sie in Schopen- 
hauers System die Rolle des geduldeten Emporkömmlings spielt. 
Daß es Schopenhauer auf eine wirklich haltbare, allen Teilen der 
Ästhetik gerecht werdenden Theorie nicht ankam, zeigt sein offenes 
Eingeständnis, daß die Gothische Baukunst in seine Theorie nicht 
paßt: „In der Tat weiß ich nicht, worin das Schöne der Gothischen 
Baukunst liegt" (D 10, 278, 275, 277). Dies Hineinspielen der meta- 
physischen Ansichten und Probleme wird denn auch Herbart ver- 
anlaßt haben, das Ganze „als Gemenge" abzulehnen. 

Auch der Pessimismus Schopenhauers hat zuletzt seine Stütze 
in der Metaphysik und Ethik, nicht aber in einer unbefangenen Ein- 
schätzung der in Frage kommenden Verhältnisse. Er nuiß das Motiv 
zur Selbstverneinung, das Quietiv, liefern. Er ist, wie wir sahen, 
die Basis für das summum boimm der Schopenhauerschen Philo- 
sophie. Eine Welt, in der ewige Gerechtigkeit, die Harmonie und 



Heibarts u. Benekes Ki'it. d. Schopenh. Haiiplw. ti. ihre Aufnahme. 163 

Zweckmäßigkeit einer Ideenwelt vorhanden ist. in der der Wille 
absolut ewigen Daseins und unbegrenzten Wirkens gewiß ist, hat 
Werte genug in sich, damit trotz aller gegenseitigen Impulse das 
Dasein ihrem Nichtsein vorzuziehen sei. Die Begründung des Pessimis- 
nms führt in den z^\^ngendsten Motiven zurück auf das Wohl und 
Wehe des Individuums, vom Ganzen des Welt wird er nicht gefordert. 
Insofern ist dann das Schopenhauersche System konsequent, als es 
den Pessimismus auch zur Auslöschung des Individuums verwendet. 
Der Keimpunkt des Pessimisnms ist ein psychischer Vorgang: Alles 
Streben entspringt aus Mangel, ist also Leiden, solange es nicht be- 
friedigt ist. Keine Befriedigung aber ist dauernd, vielmehr ist sie 
nur der Anfangspunkt eines neuen Strebens (D 10, 424). Diese Wer- 
tung aber ist durchaus subjektiv und willkürlich, da, wie die psychische 
Erfahrung zeigt, das Wollen auch Glücksgefülile auslöst, die sich 
dann im unendlichen Umfange auch im Ganzen der Welt wieder- 
finden, von der Einheit und Grenzenlosigkeit des ewigen Welt^^^llens 
verbürgt. Auch bei sachlichen Verhältnissen tritt die Willkür offen 
zutage (D 10, 424): „Jeder Atemzug wehrt den beständig eindrin- 
genden Tod ab, mit welchem wir auf diese Weise jede Sekunde 
kämpfen, und dann wieder, in größeren. Zwischenräumen, durch jede 
Malilzeit, jeden Schlaf, jede Erwärmung usf. Zuletzt muß er siegen." 
Diese Verhältnisse garantieren ebensogut ein Wachstum des Lebens, 
und der Tod hat ja für Schopenhauer seine Schrecken verloren, da 
dem Willen das Dasein ewig gewiß ist. Aber Schopenhauer hat eben 
diese Deutung für seine metaphysisch-mystischen Zwecke nötig, darum 
hält er auch an ihr fest. 

Dies diktatorische Verhalten Schopenhauers gegenüber sach- 
lichen Verhältnissen, insbesondere aber gegenüber den Einzelwissen- 
schaften, sein Überspringen ihrer Methoden und Erklärungsversuche 
beweist uns hinreichend den metaphysischen Drang Schopenhauers. 
Daß dieser dazu noch einen stark mystischen Einschlag hatte, 
wird ohne weiteres dadurch klar, daß die Lieblingslehren der Mystiker 
aller Zeiten bei ihm wiederkehren. Es gibt l)ei ihm ein be^\^ißtes 
Wiedererleben der Einheit mit dem Weltgrunde (Willen) innerhalb der 
Zeitlichkeit. Der Mensch hat bei ihm eine besondere Stellung und Auf- 
gabe innerhalb der Weltentwicklung: Die Möglichkeit der Selbst- 
verneinung. Er hat die Fähigkeit, die ganze Kreatur mit zu erlösen, 
Schopenhauer betont sehr stark den Wert der Selbsterkenntnis, die 



164 Erpelt, 

Rolle der intuitiven Konzeption. Auf ethischem Gebiete ist die Mystik 
völlig vorhanden, wie Herbart und Beneke beide mit Eecht bemerkten, 
ja Schopenhauer selbst schon eingestanden hatte: ,,Ich werde mystisch, 
wo ich das Letzte aller Erkennbarkeit angebe und auf das Leben 
der Heiligen . . . verweise, am Ende des vierten Buches". 

Einzelne äußerliche Züge: Die Ausführlichkeit und Sorgfalt, mit 
der Schopenhauer von den Schriften der Mystiker redet, der Sch^^'ung 
und das Feuer seiner Sprache, die Bedeutung, die er bei laitischen 
Leljcnslagen den Visionen und Träumen zulegte, seine Vorliebe für 
Einsamkeit und Abgeschiedenheit mögen die Eigenart Schopenhauers 
als Mystiker noch stärker dartun. 

Mit dieser Stärke und Eigenart des metaphysisch-mystischen 
Grundtriebes vergleiche man nun die psychologis tische Be- 
schaffenheit der Rezensionen, insbesondere die Benekes, die 
durch ihi*e Einwände Schopenhauer den Boden für seinen metaphysi- 
schen Aufschwung unter den Füßen wegziehen. Die Mathematik 
soll durch eine Analyse des Be^vußtseins, nicht des apriorischen Raumes 
des reinen, erkennenden Subjelrts getrieben werden! In ähnlicher 
Weise greift Herbart durch Hinweis auf dje Ausbildung der Raum- 
vorstellung das feste apriorische Gegebensein des Raumes vom psycho- 
logisch-genetischen Standpunkte aus an. Jede Vorstellung soll eine 
untrennbare Verbindung von Subjekt und Objekt und damit eine 
Erkenntnistheorie unmöglich sein! Die Erklärungen: „Wille ist 
nichts als eine Phantasievorstellung mit einem besonderen Reize ver- 
Ijuuden, und: Idee ist eine Verschmelzung eines Zustandes der mensch- 
lichen Seele mit dem Begriff des zugrunde liegenden Objekts" sind 
Vampyre, die den Schopenhauerschen Begriffen das metaphysische 
Herzblut absaugen. Auch mußte es Schopenhauer sehr unangenehm 
sein, auf die psychologisch bedingten Grenzen des Analogieschlusses 
aufmerksam gemacht zu werden, durch die Meinung Benekes, daß 
wir nur das menschliche Seelenleben, allenfalls das der höheren Tiere 
nachzubilden vermögen. Eine verhaßte Meinung war es ihm endlich, 
daß die Seele das An-sich des Menschen sei. Für Schopenhauer war 
die Psychologie vielmehr überhaupt nichts Selbständiges, sondern 
nur ein Anhang zu den übrigen Realwissenschaften (Br 217): „Über- 
haupt ist es mit aller Psychologie nichts, da es keine Seele gibt und 
man den Menschen nicht für sich allein studieren kann, sondern nur 
m Verein mit der Welt, Miki'okosmus und Makrokosmus, wie ich es 



Heibarts u. Benekes Krit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 165 

getan habe." Schopenhauer mußte über Beneke ebenso denken wie 
später über Fordage: „Psychologische PLittheiten sind sein Labsal 
und Vergnügen" (Br 286). 

Ähnlich wie diese psychologistische Einstellung mußten auf 
Schopenhauer auch Einwände wirken, die an den Gebilden seiner 
mystischen Sehnsucht eine nominalistische Verflüchtigung vor- 
nahmen und dabei eine flache, rationalistische Nüchternheit 
durchblicken ließen. Wie würde sich der tiefe moralische Ernst 
Schopenhauers dazu verstanden haben, das Sittengesetz als ein Ab- 
straktum aufzufassen? Was sollte Schopenhauers philosophischer 
Trieb mit einem Willen, dessen Einheit und Ewigkeit nur in dessen 
begrifflicher Form vorhanden war? Und hätte wohl Schopenhauer, 
um das Ideal der Vernünftigkeit hochzuhalten, seine Lehre von der 
Magie des Willens oder sein Hilfsmittel, Mikrokosmus und Mala'o- 
kosmus aufeinander abzubilden, den Analogieschluß aufgegeben? 
Was soll er mit der Meinung Herbarts anfangen, die ethischen Pro- 
bleme säubeiiich auseinanderzuhalten, er, der durch ihr gegenseitiges 
Vermischen und ihre einheitliche Einstellung das Ziel des Nirwana 
wahrscheinlich zu machen und aufzuldären versuchte? Was war 
ihm ein ,, objektives Kj-iterium der Schönheit"? Um seine auf das 
Genie berechnete und der metaphysischen Aufklärung halber ge- 
schriebene Ideenlehre in das rechte Licht zu setzen, würde er auf 
diesen Einwand in seiner drastischen x\rt geantwortet haben: „Ich 
schreibe doch keine leichtfaßliche und unfelilbare Schönheitslehre für 
unbegabte Dekorateure!" Endlich muß man die schon geschilderte 
Rolle des Pessimismus in seinem System als des engen Weges zum 
Heile der Selbstverneinung und die Größe seines Hasses gegen die 
„nichts\nirdige Ansicht des Optimismus" kennen, um die Gefühle zu 
\\1irdigen, die Herbart mit seiner Bemerkung auslöste, daß die physi- 
schen Leider der Menschheit erträglich seien und nur in den sozialen 
Verhältnissen ein leicht zu besserndes Übel vorliege. Auf diese Ein- 
wände eines nücliternen Wirklichkeitssinnes, die besonders der Herbart- 
schen Einwänden anhaftete, hätte er mit Fug und Recht die Äuße- 
rung ausdehnen können, die er gelegentlich einer Besprechung der 
Furcht und Mitleidstheorie des Aristoteles tat: „Ich aber bin hier, 
wie überall, zehn Klafter tiefer als alle ardern gegangen" (Br 231), 
und es mußte sich wieder der Gedanke regen: „Meine Philosophie ist 
tief, Ae ist aber auch hoch" (Br 351). 



166 Erpelt, 

Noch mächtigere, ja geradezu unüberwindlich zu nennende 
"Widerstände lagen vor in gewissen Grundeigenschaften des 
Schopenhauerschen Willenslebens, in dem überhaupt der 
Schwerpunkt seiner Persönlichkeit zu suchen ist. Denn es wäre wider- 
sinnig, anzunehmen, daß Schopenhauer eine solch lebensvolle und 
packende Darstellung der Welt als Erscheinung eines dunklen, blinden 
Triebes hätte geben können, wenn seine Natur im Denken und Forschen 
restlos aufgegangen wäre. Wir haben darüber ein Selbstgeständnis 
Schopenhauers. Er sagt: „Man hat recht, daß mein Gemüt nicht 
das mildeste ist, aber ich wollte nicht, daß dem anders wäre: Denn 
eine Milch- und Wassernatur kann keine Werke schaffen" (Br 362). 
Man gewinnt vielmehr aus seiner Philosophie, in der sein persön- 
liches ureigenstes Innenleben manchmal hüllenlos zutage tritt*), die 
Überzeugung, daß er selbst ein haltloses, wild umhergetriebenes Ge- 
schöpf dieses Willens war, der in dieser seiner Erscheinung mit größter 
Heftigkeit unermüdlich fortwirkte. Die Erregungen seines Willens 
waren von großer Gewalt und ausgesprochenster Eigenart, und Schopen- 
hauer bietet selbst das beste Beispiel dar zu seiner Lehre vom Primat 
des Willens im Selbstbewußtsein und seiner Überlegenheit über den 
Intellekt. 

An erster Stelle ist da zu nennen die ungägliche Verachtung 
seines Zeitalters und der mit ihm lebenden und strebenden Philo- 
sophen. Schon mit dreißig Jahren versichert er, „von dem Gefühl 
durchdrungen zu sein, daß das Streben des eigenthchen Gelehrten 
auf die Menschheit im ganzen, zu allen Zeiten und in allen Ländern 
gerichtet sein müsse; wenigstens mirde ich es für eine Herabwürdi- 
gung meiner selbst halten, eine solch enge und kleinliche Sphäre als 
die gerade gegenwärtige Zeit und ihre Umstände zum Wirkungski'eise 
meines Geistes zu nehmen" (Br 36). Schon hier paart sich seine huma- 
nistisch-universale Einstellung mit einer deutlichen Verachtung der 
Gegenwart. Sie wird späterhin verschärft durch das völlige Über- 
sehen und die Verkennung seiner Bedeutung und Leistungen. Nach 
den ersten, bitteren, ihn im Lmersten treffenden Erfahrungen seiner 
\vissenschaftlichen Laufb.nhn, der Erfolglosigkeit seines Hauptwerkes 
und des Scheiterns seiner philosophischen Lehrtätigkeit, war sein 
Ziel, sich vor der Welt zu verschließen; aber es gelang ihm nicht ohne 



*) „Ich stecke ganz in meinem Werke." 



Herbarts u. Benekes Krit. d. Öcliopeni). Hauptw. u. ilu'e Aufnahme. 167 

Haß. Die selbstgescliaffene Qual der Entsagung, der Druck der durch 
Jahrzehnte andauernden Yerkennung riß ihn mitunter zu Verzweif- 
lungsausbrüchen hin, in denen sich sein Groll in maßlosen Schmähungen 
des Standes der Philosophieprofessoren und seiner damals bekanntesten 
Vertreter, Fichte, Schelling und Hegel, geysirartig Luft machte (1 508, 
605, 609, n 179, 180, 159, 321, 439, 669). Die Gewalt dieser Ver- 
zweiflungsausbrüche streift ans Pathologische — spricht er doch selbst 
von seiner „Tollhäuslerwut gegen die drei Sophisten" (Br 240) — und 
entspringt aus derselben psychischen Wurzel wie die ekstatische Glut 
seiner Wahrheitspreisungen (jXatur 7, 8, 143). Sie bedeuteten für 
Schopenhauer eine zeitweilige, ruckweise Selbsterlösung durch Über- 
schwang. Als ständiger, nie verhallender Grundton aber blieb in 
seinem Wesen die bittere, kalte Verachtung; er urteilte „gänzlich 
abgewendet von einem in Hinsicht auf alle höheren Geistesbestre- 
bungen tief gesunkenen Zeitalter" von seiner philosophischen Zeit- 
genossenschaft: „Hn- Beifall ist prostituiert und ihr Tadel hat, nichts 
zu bedeuten" (Vorr. XX f.). In vollem Bewußtsein und in kalter 
Gelassenheit ging er in den Ausdrücken seiner Verachtung bis an die 
äußerste Grenze des Erlaubten: Die Vorrede zur zweiten Auflage 
seines Wülens in der Xatur schickte er dem Ki'eisrichter Becker zur 
Überprüfung auf etwaige strafrechtliche Folgen (Br 130, 141). Er 
nannte sie später voll selbstgefälligen Hohns ,, vielleicht die schönste 
Invektive, die seit Cicero geschrieben" (Br 191). Auch später be- 
reitete es ihm eine hämische Freude und Genugtuung, als er sagen 
konnte : „AVo ist eine Eitelkeit, die ich nicht geki'änkt hätte ?" (Br 214). 
Im Einklang mit dieser Gesimmngsrichtung Schopenhauers stehen 
seine allgemeinen Ansichten über Kritiker und Literatur- 
zeitungen. Schon in seiner Jugend gesteht er, daß er selbst niemals 
an Zeitschriften arbeiten würde. In seinen späteren Jahren endlich 
sind jene Ansichten in Bemerkungen niedergelegt, die den Wert der- 
selben nicht genug herunterdrücken und ihre Bedeutungslosigkeit 
nicht stärker betonen können. Er wirft den Rezensenten Impertinenz 
und Un^sässenheit vor (P 2, 549, 522, 545, 589, II 528) und belustigt 
sich an ihrem ,, Lohnschreiberstil" (P 2, 576). Wie er sich ihren Ein- 
wänden gegenüber verhalten mußte, geht daraus hervor, daß er mit 
seinen besten Freunden, die ihm an Bildung gleich standen, und deren 
Hilfe er wiederholt in Anspruch genommen hatte, in vollem Bewußt- 
sein sich auf eine Kontroverse nicht einließ; so erging es seinem Jugend- 



16^ Erpelt, 

freunde von Quandt (Br 154), so auch Asher (Br 408), und von dem 
Rätzeschen Buch, dessen Ausführungen teilweise in die Beuekesche 
Ivi-itik mit aufgenommen sind, sagt er: Gegen alle sonstigen Ver- 
ketzerungen bin ich gepanzert und habe dreifaches Erz um die Brust 
(Natur 144). Gegen die Anonymität vollends, die bei beiden lüitiken 
vorlag, kennt Schopenhauer gar keine Rücksichten. Seine Ausdrücke 
sind hier von einer nicht wiederzugebenden Schärfe (P 2, 549 u), und 
die Entlarvung eines solchen Ivi'itikers erscheint ihm als die einzig 
mögliche „Universalantiki'itik" (P 2, 54l- f.), die jedes Eingehen auf 
den sachlichen Inhalt als unmöglich, ja seiner Ehre als Philosoph 
als zuwiderlaufend ansieht Sein Standpunlrt der absoluten Un- 
bekümmertheit ist charakteristisch niedergelegt in den Worten: 

„Wenn die Herren, welche das tapfere Gewerbe betreiben, nicht 
anonym herausgegebene Bücher öffentlich anonym anzugreifen, meine 
Schriften mit dem vollen Maß ihres Tadels überschütten, sie herabsetzen, ver- 
dammen, sie für schlecht, unwahr, verkehrt, sich selber widersprechend mid fast 
an Wahnsinn grenzend erklären, so habe ich dagegen nicht das Mindeste einzu- 
wenden, finde es vielmehr ganz in der Ordnung , finde es meinen Er- 
wartungen vollkommen entsprechend. Ja ich kann aufrichtig sagen, daß ich 
dergleichen mit einer gewissen Befriedigung wahrnehme" (Einleitung der 
Anlage zum Briefe an Eichstädt vom 6. Januar 1821). 

Daß er diese seiiie Ansichten auch in die Tat umzuccizei-. ver- 
stand, zeigt sein Zusammenstoß mit Beneke, in dem er mit einer 
Energie, die alle Rücksichten beiseite ließ, seine Rechte bis aufs 
äußerste verteidigte. Beneke hatte, wie schon erwähnt, in seiner 
Rezension den Fehler begangen, selbst verfaßte Sätze durch Hervor- 
hebung in Anführungszeichen als eigene Gedanken Schopenhauers 
erscheinen zu lassen. Hiergegen wandte sich Schopenhauer, sobald 
er davon Kenntnis hatte, in vollster Schärfe. Er brauchte dabei die 
schon von Brockhaus anerkannte „göttliche Grobheit und Rustizität" 
und benahm sich wiederum wie ein „wahrer Kettenhund" (Gw 128/9); 
er übte endlich schon jetzt seinen Starrsinn und seine Unljeugsam- 
keit, zu der später sein Verhalten zur Berliner Akademie und zu 
Humboldt einen weiteren Beleg geben sollten. Schopenhauer fertigte 
nämlich eine „notwendige Rüge erlogener Zitate" an, die gegen dieses 
Vorgehen Benekes als „empörende Verwechslungen und verleumde- 
rische Lügen" protestierte; in seinem Begleitschreiben an den da- 
maligen Besitzer der Jenaischen Literaturzeitung, Eichstädt, ver- 
langte er den Abdruck seiner Berichtigung unter Vermeidung jeg- 



Heibarts u. Benekes Kiit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 169 

liehen Aufschubs; höchstens dürfe der „Bursche, der darin gezüchtigt 
^Aird, „vorher davon Kenntnis nehmen". Beneke versuchte zweimal, 
Schopenhauer persönlich zu sprechen, um die Angelegenheit mündlich 
zu ordnen, erfuhr aber bei seinen Besuchen eine zweimalige Ab- 
weisung. Die darauf erfolgende Ausflucht des Verlages, daß es sich 
nur um ein Mißverständnis des Setzers handele, der die von Beneke 
nur unterstrichenen Stellen irrtümlicherwiese in Anführungszeichen 
gesetzt habe (Br 260), wies Schopenhauer in seinem Mahnbriefe, in 
dem er seine Ungeduld über die Säumigkeit des Verlages in seiner 
deutlichen Weise zum Ausdruck brachte, in kurz angebundenem Tone 
zurück (Gw 185). Die übrigen, in der Fassung des ganzen Briefes 
und der Wahl der vorkommenden Benennungen niedergelegten Rück- 
sichtslooigkeiten verursachten die Rücksendung des Briefes an ihn, 
so daß sich Schopenhauer za einem Entschuldigungsschreiben herbei- 
lassen mußte, worin er anführt, daß er den Brief in der Übereilung 
geschrieben habe (Sehe 147). Scliließlich brachte er den Abdruck 
jener Gegenerklärung auf eigene Kosten znstande. Dies Verhalten 
zeigt, wie sehr es ihm mit den dargelegten Ansichten ernst war.*) 

Das intensive, das Maß des Durchgängigen überschreitende^ 
Selbstgefühl, das notwendig war, um Schopenhauer während seiner 
jahrzehntelangen Verkennung nicht an sich selbst verzweifeln zu 
lassen, und ihn zur Annahme, und man kann wohl sagen „rabiaten" 
Durchführung eines solchen Standpunktes hinsichtlich unvorsichtiger 
Kritik befähigte, zeigt sich noch in andern Schattenseiten seiner 
Persönlichkeit: Es hinderte ihn an dem Verständnis und an 
der gerechten Würdigung seiner Fachgenossen und veranlaßte 
ihn zu hochmütigen Äußerungen über dieselben. An die schon er- 
wähnten Verhaltungsweisen gegen die Philosophieprofessoren im all- 
gemeinen, gegen Hegel und Beneke im besonderen, die als Beispiele 
hier zu wiederholen wären, ist noch anzuschließen sein Verhältnis zu 
Fichte, den in Schutz zu nehmen beide Kritiker sich schon — ohne 
Wirkung, wie wir sehen werden — benötigt fühlten, und besonders zu 
Herbart, dessen Bedeutung und Verdienste zu schmälern, Scliopen- 
hauer sehr am Herzen liegt. Wenn ihn Schopenhauer einen „Bücher- 
phüosophen" nennt (P 2, 531\ ihn als Beispiel anführt, um den Miß- 



*) Schopenhauers eigene persönliche Auffassung findet man in einem 
Briefe an Frauenstädt (Br 260). 



170 Erpelt, 

erfolg beim Ausgang von fertigen Begriffen zu demonstrieren und die 
Zusammenstellung der K^amen „Aristoteles und Herbart" bemängelt, 
so hält er sich noch in den Grenzen einer maßvollen Iviitik. Aus- 
sprüche aber, daß „sich Herbart seinen Verstand verkehi't angezogen 
habe" (P 190) und ,, Possen" treibe (P 196), sowie solche, die von dem 
„Narrenübermute, mit welchem dieser Querkopf auf Kant herab- 
sieht" (P 194) reden, zeigen deutlich das kleinliche Bestreben, die 
Verdienste dieses Philosophen auf jede Weise um ihre Geltung zu 
bringen. Dies Bestreben äußert sich auch wiederholt in seinen Briefen, 
in denen er zusammenhängend auf das Herbarts che System eingeht 
(Br 164, 224, auch H IV 76). Besonders stieß ihn hier ab der „süß- 
liche, verblasene Einfall, die Moral auf Ästhetik zu gründen". Alle 
diese Eindrücke aber entspringen nur einem oberflächlichen Studium; 
denn nach seinem eigenen Eingeständnis hatte Schopenhauer bloß 
eine allgemeine Kenntnis der Philosophie Herbarts. Zusagend ver- 
hält er sich bloß zu den Herbartschen Leistungen auf dem Gebiete 
der Logik; denn in D 9, 248 findet sich die charakteristische An- 
merkung: ,,Bei der Logik ist noch zu benutzen der Anhang zu Her- 
barts Hauptpunkten der Metaphysik". Nichts ist natürlicher, als daß 
Schopenhauer seine Voreingenommenheit gegen Herbarts System als 
Ganzes auch den Ausführungen Herbarts entgegenbrachte, die dieser 
gegen seine eigene Philosophie richtete. Auch zeigen diese eben ange- 
führten Stellen noch, daß die schon von den Rezensenten gerügte 
Eigenart Schopenhauers, bei theoretischen Meinungsverschiedenheiten 
dem Gegner voUer Argwohn und Mißtrauen moralische Schlechtig- 
keiten zu unterschieben, nur mit den Jahren gewachsen ist. Fichte 
wird auch später ein Opfer dieses Hangs: Er „war ein Windbeutel, 
will sagen, ein Mensch, der es auf Illusion und Täuschung abgesehen 
hat" (Br 225), und die Benekesche lü'itik war für Schopenhauer das 
„boshafte Machwerkeines Konkurrenten": Beneke „hatte sich soeben 
habilitiert und wollte mich durch die Rezension unterminieren" 
(Br 260). 

Wie tief endlich eine solche Willenserregung die 
Schopenhauersche Persönlichkeit aufwühlte, zeigt die noch 
lange andauernde Nachwirkung von Zwistigkeiten, die Schopenhauer 
selbst über den Tod seiner Gegner hinaus nicht vergaß. Über eine 
von dem Kriminalisten Feuerbach — dem Großvater des bekannten 
Künstlers — stammende Charakteristik seiner schon lange Jahre im 



Herbaits u. Benekes Krit. cl. Schopenh. Hauptw. u ihie Aiifnalime. 171 

Grabe liegenden Mutter, die gewisse ilu* anhaftende Schattenseiten 
nicht verbarg, habe er, wie er selbst bekannte, lachen müssen (Br 202). 
Gegen Beueke ergeht er sich noch 1845, nach 34 Jahren, in Ausdrücken 
wie armseliger Pinsel, lügenhafter Lump, und verspottete ihn mit 
dem Xenion: 

„Armer empirischer Teufel, Du weißt es nicht, wie Du so dumm bist." 
„Denn Du bist, sei es geklagt, ach, a priori so dumm!" 
Zeigen schon diese Stellen, daß Schopenhauer seine Mitleids- 
theorie nicht in die Praxis umsetzte, so geht seine vollkommene Herz- 
losigkeit hervor aus seinen faden Scherzen, mit denen er das traurige, 
bekanntlich durch Selbstmord herbeigefühlte Knde Benekes be- 
gleitete (Br 262): ,,Dr. Lindner hat mir die Vossische mit Benekes 
Neki'olog zugestellt, wo flu- ich ihm dankbar bin, da es mich inter- 
essiert, die Laufbahn dieses Sünders zu sehen. Ich glaube, er hat es 
sclüießlich dem Empedokles gleichtun wollen und ist in Gott weiß 
welches Loch gesprungen, wo ihn der Teufel finden kann. Statt der 
ehernen Pantoffeln wird wohl einmal die goldene Brille ausgeworfen 
werden. Fragi; sich, ob ein Derangement seiner ,Angelegtlieiten' oder 
seiner Angelegenheiten ihn dazu bewogen hat". Dabei hätte ihm ge- 
rade das Schicksal Benekes Teilnahme abgewinnen müssen; denn dessen 
unglücldiche Laufbahn glich in wesentlichen Punkten der seinen: 
Beide hatten als Universitätslehi'er den ersehnten WirkungskiTis nicht 
gefunden, beide waren als Privatdozenten an Hegel und seinem Ein- 
fluß gescheitert, beiden hatte auch Herbart mitgespielt. Wen.i etwas, 
so ist diese ünversöhnlichkeit und Verstocktheit, die mit aller Macht 
jeden Versuch abwehrt, sich in die Lage des Widersachers hineinzu- 
denken und seine Handlungsweioe von dort her zu verstehen, ge- 
eignet, uns von der überragenden Gewalt des triebhaften Willens- 
lebens in Schope/ihauers Persönlichkeit einen Begriff zu geben ! Diese 
Gewalt trat bei einer persönlichen Eeizung — und für diese besaß 
Schopenhauer eine Idiosynkiasie — sofort ins Spiel und machte eine 
ruhige und sacliliche Prüfung der zugrunde liegenden Verhältnisse 
illusorisch. 

Auf jeden Fall haben uns die Ausführungen des letzten Haupt- 
teils gezeigt, daß die Nichtberücksichtigung der Iviitiken durchaus 
nicht das unwahrscheinliche Ergebnis ist, wie es sich auf den ersten 
Blick darstellt. Die Beschaffenheit der Kritiken und die Persönlich- 
keit Schopenhauers bergen Gründe und Motive genug in sich, ein 



172 Erpelt, 

Verständnis des Verhaltens Schopenhauers herbeizuführen. Ja, 
letzten Grundes ist das Übersehen aller Zweifel und Ein- 
wände nur eine naturgemäße Parallelerscheinung zu der 
Eigenart seiner Philosophie nach Inhalt und Methode. 
Denn der wesentliche Inhalt der Schopenhauerschen Metaphysik, 
die Lehre vom Willen, wäre nicht entstanden, geschweige denn zu 
solch meisterhafter und umfassender Darstellung gelaugt, wenn nicht 
eine massive, die Funktionen des Intellekts in den Hintergiund drän- 
gende Wucht des Trieb- und Instinktlebens dahinter gestanden hätte. 
Diese aber mußte, durch widrige Lebensverhältnisse in abnormer 
Weise gesteigert, die Beachtung der &itiken im stärksten Maße er- 
schweren. Kach seiner Methode ist das Denken Schopenhauers 
charakterisiert durch den übermäßigen Hang zur einseitig-anschau- 
lichen, aUem Abstrakten abgeneigten Erfassung des Weltbildes und 
seiner vorschnell mit aller Wucht ins Metaphysisch-Mystische drän- 
genden Deutung. Von diesen Eigenarten aber mußte Schopenhauer 
die erste über lüitiken überhaupt, die zweite gerade über die vor- 
liegenden verächtlich hin wegblicken lassen. Die letzte Wm'zel aber 
der Nichtbeachtung der Herbartschen und Benekeschen Rezensionen 
liegt in der Schopenhauerschen Persönlichkeit mit ihrer Doppelnatur. 



Originalwerke: 

Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, I. Aufl., 
Leipzig 1819, 11. Aufl., Leipzig 1844; IV. Aufl., Leipzig 1873. 

Gesammelte Werke ed. Frauenstädt, Leipzig 1908 (II = zweiter 
Band von „Die Welt als "\^'ille und Vorstellung". — P 2 = zweiter 
Band der Parerga). 

Handschriftlicher' Nachlaß ed. Frauenstädt, Leipzig 1864. 

Philosophische Vorlesungen. In der Dcußenschen Ausgabe der 
Werke erschienen bei Pieper, München 1912, Bd. 9 und 10 (zitiert als 
D 9 und D 10). 

Schopenhauers Briele : 
Ludwig Schemann, Leipzig 1893 (zitiert als Sehe). 
Ed. Grisebaeh, Leipzig 1894 (zitiert als Br). 

Rezensionei.: 

Her hart. Band XII der Gesammelten Werke ed. Hartenstein, Leipzig 1852. 
Beneke, Jenaische Literaturzeitung, Dezember 1820. 



Herbarts u. Benekes Kiit. d. Schopenh. Hauptw. u. ihre Aufnahme. 173 

Biographien: 

Gwinner, Schopenhauers Leben, III. Aufl., Leipzig 1910 (zitiert als Gw) 
Grisebach, Neue Beiträge (zitiert als N. B.). 

Kritische Schriften: 

Volkelt, A. Schopenhauer, III. Aufl., Stuttgart 1907. 

Kowalewski, A. Schopenhauer und seine Weltanschauung, Halle 1908 

(zitiert als Kow). 
Hasse, Schopenhauers Erkenntnislehre, Leipzig 1913. 
Lorenz, Zur Entwicklungsgeschichte der Metaphysik Schopenhauers, Leipzig 

1897 (zitiert als Lo). 
Mühlethaler, Die Mystik bei Schopenhauer, 1910. 
Gramzow, Leben Benekes, 13. Band der Berner Studien, 1899. 
Fortlage, Acht psychologische Vorträge, 1872, 2. Aufl. 
Ruyssen, Schopenhauer, Paris 1911. 

Schlüter, Schopenhauers Philosophie in seinen Briefen, Leipzig 1900. 
Richter, Schopenhauers Verhältnis zu Kant in seinen Grundzügen, Leip'zig 

1893. 



Archiv für Geschichte der Philosophie. XXX. 2. ]3 



Rezensionen. 

W i Hl e 1 m W u n d t , Lei b n i z. Zu seinem zweihundertjälu-igen Todes- 
tage, 14. November 1916. 8". 132 Seiten. Leipzig, Alfred Kröner.s 
Verlag, 1917. Preis brosch. Mk. 3, geb. Mk. 4. 

Es ist die (kitte Schrift, die uns Altmeister Willielm Wundt während des 
Krieges schenkt. Auch sie knüpft an das an, was uns heute aufs tiefste be- 
wegt, und erfüllt uns mit herzstärkender Freude an dem Kulturgut, das wir 
der Menschheit darzubieten haben. 

Leibniz ist, wie Wundt ausführt, historisch vor allem als Kind des Zeit- 
alters unmittelbar nach dem di-eißigjährigen Ki'ieg zu verstehen: Der Haupt- 
teii seiner Lebensarbeit gilt der praktischen Politik und den religiösen Unions- 
bestrebungen; der Einigkeit im Deutschen Reich, der Versöhnung im Glauben, 
der Heilung der Kriegswunden ist sein eifrigstes Streben zugewandt. Selbst 
die C4ründung von wissenschaftlichen Akademien verfolgt er mit dem Neben- 
gedanken, daß diese Körjx^rschaften der internationalen geistigen Annäherung 
und dabei volks- und staatswirtschaftlichen Zwecken cUenen würden. 

Aber dieser gewaltige Interessenbereich schöpft den universellsten Geist 
seit Ai-istoteles keineswegs aus. Wundt schildert uns, wie Leibniz Mathe- 
matik, Physik und Philosophie mit schöpferischen Ideen befruchtet und dabei 
keineswegs in einem zusammenhanglosen Nebeneinander von Episoden ver- 
sinkt. Die meisten seiner philosophischen Grundansichten tragen ihre Her- 
kunft von der mathematischen und physikalischen Forschung an der Stirn. 
Von der Infinitesimalrechnung her gelangt er zu dem allgemeinsten ^^'eltgesetz 
der Kontinuität, von den d>aiamischen Kraftzentren und dem Prinzip der Er- 
haltung der Kraft zur Monadenlehre mit seinem voluntaristischen Einschlag, 
von der Verschmelzung des Mechanismus und der Teleologie zur prästabi- 
lierten Harmonie und zum Entwicklungsgedanken. Über allen diesen Ge- 
dankenverzweigungen schwebt die Überzeugung von der widerspruchfreien 
Einheit aller Wissenschaft. Mit verdienter Sorgfalt arbeitet Wundt im be- 
sonderen den Leibnizschen Begriff des phaenomenon bene fundatum heraus, 
welcher Begriff eigentlich die Forderung enthält, „jede Erscheinung sei, ehe 
sie als wirklich angenommen werde, in ihrer objektiven Wirklichkeit wissen- 
schaftlich sicherzustellen .... Nicht die Erscheinung gewordene Kraft ist 
das Wirkliche, sondern das, was in gleicher Weise in der phänomemilen wie 
in der geistigen oder wirklichen Welt das Wesen der Kraft ausmacht: die 
Gesetze, die für beide Welten zugleich gelten." (S. 93). >' 

Eine Überraschung für den Ref. brachte die Ausführung Wundts, Maß 
Leibniz in der E t li i k , die er als aprioristische ^Vissenschaft behandelte. 



Rezensionen. 1 5 

■ der Vorläufer Kants gewesen sei. Leibniz hat „auf das strenge Pflicht- 
gebot die ga^nze Ethik gegründet ; es bildet das auszeichnende Merkmal 
der deutschen Moralphilosophie gegenüber dem in dieser Zeit bei den anderen 
europäischen Xa,tionen ziu' B.'errschaft gelangten englischen Individualismus 
und Utiiitarismus" (S. 99 und 122). Mit einer Kennzeichnung des Leibniz- 
schen Versuchs der harmonischen Versöhnung von Philosophie und Theologie 
durch das „Prinzip der Gleichberechtigung der einander ergänzenden Stand- 
punkte" schließt Wundt seine Darstellung. 

Mag man auch in der relativen Bewertung einzehier Züge imierhalb des 
Leibnizschen C4edankenkieises nicht immer mit Wundt übereinstimmen, 
so bleibt doch gewiß, daß wir es hier mit einer Schrift zu tun haben, welcher 
die reifste Beherrschung des geschichtlichen Gegenstandes nachzuriUimen ist. 

K r e i b i g (Wien). 

Dr. M a r t i n G r a b m a n n , Der Gegenwartswert der geschichtlichen Er- 
forschung der mittelalterlichen Philosophie. Akademische Antritts- 
vorlesung, Wien 1913. B. Herders Verlag. 8". VI und 94 S. Preis 
Mk. 1,50. 

Die christliche Philosophiegeschichte, welche den Österreichern Karl 
Werner und Heinrich Denifle so wertvolle Förderungen verdankt, hat nun 
in dem Professor der Wiener Universität Martin Grabmann einen weiteren 
bedeutenden Vertreter gefunden. In seiner vorliegenden Schrift bespricht 
der Verf. zunächst die vulgären allgemeinen Vorwürfe gegen den Geist der 
Scholastik (welche vornehmlich an C. Prantls Urteil anknüpfen), würdigt 
sodann das reiche „Gemeingut" der mittelalterlichen philosophia christiana 
und tritt endlich in die Darstellung der überraschend vielfachen Berührungs- 
punkte der Hochscholastik, namentlich der Lehren des hl. Thomas, m.it mo- 
dernen Problemen und ihren Lösungen ein. Der Inhalt des letzteren Abschnittes 
kann an dieser Stelle nicht mitgeteilt werden, doch sei wenigstens darauf ver- 
wiesen, daß der Verf. z. B. für E. Husserls Wahrheiten an sich, für 0. Külpes 
Realisierung, für B:. Drieschs Xeovitalismus und 0. v. Pfordtens Seelentheorie 
die Vorläufer innerhalb der mittelalterlichen Philosophie aufzuzeigen vermag. 
Auch was Thomas von Acßiino über eine Reihe ethischer Sonderfragen (z. B. 
über die Charakterbildung) gelehrt habe, trägt nach G. dm-chaus den Stempel 
des gegenwärtig Belangvollen. 

Daß jeder Historiker der mittelalterlichen Philosophie aus der Sclu'ift 
Grabmaims bedeutsame sachliche Aioiegungen empfangen wird, erscheint 
dem Ref. unzweifelhaft. K r e i b i g (Wien). 

M a r s i 1 i u s F i c i n u s , Über die Liebe oder Piatons Gastmahl. Übersetzt 
von K a r 1 P a u 1 H a s s e , Lic. Theol. Der Philos. Bibl. 154. Band. 
8". MII und 259 Seiten. Leipzig, Felix Meiner, 1915. Preis brosch. 
Mk. G, geb. Mk. 0,80, Halbpcrg. Mk. 7,50. 

Eine Übersetzung der berühmten sieben Reden des Hauptes der Plato- 
nischen Akademie über Piatons Symposion hat in der Philosophischen Biblio- 

13* 



176 Rezensionen. 

thek ihren vollberechtigten Platz, um so mehr als das für die Renaissance- 
philosophie sehr bezeichnende Werk (das mit Unrecht für einen bloßen Kom- 
mentar des erwähnten Dialogs angesehen zu werden pflegt) in der Original- 
ausgabe schwer zugänglich ist. Die Übersetzung K. B. Hasses ist gut lesbar 
und mit sorgfältigen Erklärungen versehen. K r e i b i g (Wien). 

Johann B a ji t i s t R i e f f e r t , Die Lehre von der empirischen An- 
schauung bei Schopenhauer und ihre historischen Voraussetziuigen. 
Abhandlungen zm- Philosophie und ihrer Geschichte, herausgegeben 
von Benno Erdmann. 42. Heft. Verlag Max Niemeyer, Halle a. S., 
1914. 8°. X und 248 Seiten. Preis geb. Mk. 6,50. 
Der Verf. stellt zuerst die Lehre Schopenhauers von der empirischen 
Anschauung quellenmäßig unter Berücksichtigung der Varianten der ver- 
schiedenen Auflagen der einschlägigen Werke dar und erörtert hierbei ein- 
gehend die bekannte Schwierigkeit, die in der Frage liegt, zwischen welche 
Elemente der Anschauung Schopenhauer eigentlich die konstitutive Kausal- 
verknüpfung gesetzt habe. In dieser Frage vertritt der Verf. die Meinung, 
daß Schopenhauer, indem er sagt, der Verstand schaffe aus der subjeldrvcn 
Empfindung die objektive Anschauung, den Übergang vom Sinnesorgan 
zum äußeren Objekt vor Augen habe (S. 40). Auf Grund einer darauf fol- 
genden Kritik der Schopenhauerschen Lehre gelangt der Verf. zu dem Schlüsse : 
,,Die Lehre von der empirischen Anschauung scheint mir in ihrem wesentlichen 
Punkte, der Annahme, daß der Verstand, indem er zur Empfindung, als der 
\Virkung, die Ursache in den Raum setze, aus der Empfindiing allererst eine 
Vorstellung mache (wenn diese Annahme unter der Voraussetzung Schopen- 
hauers von der Geltung der objektiven Vorstellung stattfinden soll) als ver- 
fehlt. Wenn wir mit ihm unter der Ursache unserer Emjifindungen — solange 
wir im Gebiete der Welt als Vorstellung bleiben, in keiner Weise ein Tranzen- 
dentes mitverstehen, also nicht einmal annehmen, d a ß es wirke, geschweige 
denn, w a s es sei oder w i e es wirke, — so sind bloße Empfindung und die 
ihr entsprechende Vorstellung nur darin für das Bewußtsein unterschieden, 
daß diese raumzeitlich bezogen ist, jene noch nicht . . . und die eine als Ur- 
sache der anderen als W'irkung aufzufassen, würde gleichbedeutend sein mit 
einem Zusammenfallen von Ursache und Wirkung" (S. 57). 

Der nächste umfangsreichere Teil der Schrift beschäftigt sich mit den) 
Nachweis der Beziehungen der Schopenhauerschen Anschauungstheorie mit 
den parallelen Lehren Früherer und gelangt zu dem Ergebnisse: Die Grund- 
gedanken der Theorie sind zunächst „von Kant, dann Schulze und vielleicht 
auch Fichte beeinflußt. In der zweiten Entwicklungsperiode dieser Lelu-e 
trat . . . Thomas Reid bestätigend hinzu. Für die spezielle Ausgestaltung und 
die physiologische Grundlage der Lehre Schopenhauers von der empirischen 
Anschauung aber waren wirksam wohl schon Kepler, sicher aber Cheselden, 
Robert Smith, Erasmus Darwin und in geringerem Maße 'JVoxler" (S. 198). 
Die Ablehnung der Meinung, daß H. Helmholtz im entscheidenden Punkte, 
den apriorischen Kausalzeichen, Schopenhauer gefolgt sei, schließt die Aus- 
führungen. 



Rezen?ionen. 1 ( i 

Wir haben in Riefferts Buch eine sehr gediegene i\rbeit aus dem Erd- 
niannschen Kreise vor uns, welche nicht nur für die historische Schopenhauer - 
Forschung Bedeutung hat, sondern auch für die Problemstelhmg und -lösung 
fcclbst Wert besitzt. Kr ei big (Wien). 

G. W. L e i b n i z , Deutsche Schriften. Herausgegeben von Dr. Walther 
Schmied-Kowarzik, Priv.-Doz. d. Philos. a. d. Univ. Wien. 
Erster Band: Muttersprache und völkische Gesinnung (mit einem 
Bildnis); zweiter Band: Vaterland und Reichspolitik. Verlag Felix 
Meiner, Leipzig 1916. Preis jedes Bändchens geh. 2 Mk., geb. 2,60 Mk. 
Seit dem Erscheinen der Leibniz-Ausgaben von Guhrauer, Pertz und Klopp, 
sowie der Einzelabdrücke von Pietsch, weiß man in gelehrten Kreisen, daß 
Leibniz auch eine Reihe von Scln-iften in d e u t s c h e r Sprache verfaßt habe und 
ein herzlicher Wertschätzer deutschen Volkstums in allen seinen Äußerungs- 
formen gewesen sei. Gleichwohl wird man mit einer gewissen freudigen Über- 
raschung durch die anläßlich des 200. Todestages Leibnizens dargebotenen 
,, Deutschen Sclu'iften" an jenen Sachverhalt erinnert. Der verhältnismäßige 
Umfang der in der Muttersprache abgefaßten Arbeiten Leibniz' ist nicht sehr 
ansehnlich. Dr. Schmied-Kowarzik schätzt die Seitenzahl der nichtdeutschen 
Texte des Verfassers als zwölfmal so groß als die Seiteiozahl der Schriften 
in der Muttersprache, und wir finden die letzteren Scluihen überdies mit 
entbehrlichen Fremdwörtern, französischen und lateinischen Einschüben arg 
überlastet; die äußeren und persönlichen Ursachen für diese Anpassimg Leib- 
nizens an die Zeitmode werden vom Herausgeber treffend dargelegt. Soviel 
ist aber aus den bereits vorliegenden Bändchen zu ersehen, daß Leibniz keines- 
wegs nui- nebensächliche Gelegenheitsaufsätze in der Muttersprache nieder- 
geschrieben hat. Die eindrucksvollen ,, Ermahnungen an die Deutschen", die 
auch heute noch wegweisenden ,,Unvorgreiflichen Gedanken, betreffend die 
Ausübung und Verbesserung der deutschen Sprache", die unglaublich weit- 
blickenden politischen Denkschriften „über die Festigung des Reiches" und 
manches weitere hier Abgedruckte gehören zu den wahrhaft wertvollen Dar- 
bietungen des Leibnizschen Genius. Nicht ohne Stolz lesen wir gelegentlich 
im ersten Bändchen (S. 81) die Behauptung dieses großen Mannes, daß ,,zur 
Untersuchung philosophischer Sätze durch eine lebende Sprache keine em"o- 
päische Sprache geeigneter ist als die deutsche; denn das Deutsche ist überaus 
reich und allseitig ausgestattet mit Ausdrücken für das Wirkliche, zum Neid 
aller anderen Völker". — Die Stücke des zweiten Bändchens sind erstaunlich 
gehaltvoll an für die Gegenwart lebendigen Gedanken und Anregungen zur 
mitteleuropäischen Politik und erwecken vielfache Erwartungen hinsichtlich 
der für späterhin in Aussicht gestellten Bändchen über Fürsten, deutsche 
C-eschichte, Volkswirtschaft, Technik, Weltanschauung und Religion. Diese 
Sammeltitel zeigen übrigens die glückliche Hand des Herausgebers de r es 
versteht, in das verwirrende Vielerlei, zu dem Leibniz in seinen deutschen 
Schriften Stellung genommen hat, gegenständlichen Zusammenliang und 
innere Abfolge zu bringen. Hinzuweisen ist endlich auf die füi- den weiten 
Kreis der Gebildeten berechneten, aber auch für den gelehrten Benutzer der 



178 Rezensionen. 

Sammlung Wert besitzenden Einleitungen des Herausgebers, welche, ebenso 
wie die beigefügten Anmerkungen, ungewöhnliche Sach- und Zeitkemitnis 
bekunden. K r e i b i g (Wi.en). 

Als ich das Werk des Züricher Universitätsprofessors Dr. Eleuthero- 
pulos, Die Philosophie und die sozialen Zustände (materielle und 
ideelle Entwicklung des Griechentunis) (Zürich, Orell Füssli, 191ö. 7,20 Mk.) 
las, kamen mir unwillkürlich zwei Bücher besonders lebhaft in den Simi. 
Das eine, Benedetto Croche, Zur Theorie und Geschichte der Historiographie 
(Tübingen, 1915), hatte ich einige Tage vorher gelesen. Das andere, Dr. R. Pöhl- 
mann, Geschichte des antiken Kommunismus und Sozialismus (München 1910, 
2. Auflage), gehört zu den unauslöschlichsten Eindrücken meiner weiter zurück- 
liegenden Studentenzeit, wenn auch manche Einwürfe gegen dasselbe gemacht 
werden köimen. D^r Italiener wendet sich nämlich mit Recht vor allem 
gegen verherrlichende Darstellungen und Geringschätzen der Entwicklungs- 
lehi'e. Mein anvergeßlicher Lehrer aber entwirft mit unerbittlicher Wahr- 
heitsliebe und tiefgründiger Prüfung der Überlieferung ein Bild von dem 
Werden und Wirken sozialistischer und kommunistischer (bedanken im Alter- 
tum. Obwohl Dr. E. von Pöhlmannschen Ansichten zum Beispiel hinsichtlich 
der Verwertung von Dichteräußerungen des 7. und 6. Jahrhunderts sehr ab- 
weicht, setzt er sich mit ihm nie grundsätzlich auseinander, sondern nennt 
ihn nur einigemale in Anmerkungen (S. 47, 226, 228). D/. E. bietet seinerseits 
eine sehr farbenprächtige lebhafte Schilderung, wie er sie bezeich- 
nenderweise an einem anderen Buche lebhaft lobt (S. 323 und S. 347 Anm. 2). 
Um sie glaubhaft zu machen, erwähnt er gelegentlich griechische Urcpiellen. 
Doch fehlen sie nicht selten seitenlang oder werden nur h\ allgemeinen Wen- 
dungen angedeutet (z. B. S. 67, 81 Anm. 3, S. 163). Trotz mancher ki'itischer 
Ansätze vor allem zu Begimi der „Psychologie der Griechen" (S. 14 ff.), gibt 
der Verfasser in der Hauptsache den Wortlaut seiner Gewährsmänner wieder, 
soweit sie überhaupt erkemibar lierangezogen werden. Wir vermissen also 
eine kritische Stellungnahme und fühlen uns immer wieder an die verherr- 
lichende Auffassung, welche vor allem am Anfang des 19. Jahrhunderts 
hinsichtlich griechischer Verhältnisse in Deutschland zu herrschen begann, leb- 
haft erinnert. Die Darstellung des Dr. E. ist besonders angreifbar, weil im all- 
gemeinen nicht untersucht wird, welche Absichten die benutzten Schriftsteller 
mit einzelnen Äußerungen hatten. Diese Art Quellenprüfungist aber vor allem 
nötig, wenn es sich um Dichter von ausgesprochener Parteizugehörigkeit, wie 
zum Beispiel Theognis und Pindar, oder um Lastspieldichter, wie Ai-istophanes, 
oder Gerichtsredner, wie Lysias, oder Staatsmämier, wie Demosthenes, handelt, 
weil diese Mämier je nach dem Zweck, den sie an der betreffenden Stelle hatten, 
ihre \\'orte mindestens zuspitzten, wenn nicht ohne Rücksiclit auf che ge- 
schichtliche Wahrheit gebrauchten. Niemand würde einwandfrei eine Ge- 
schichte des Gegenwartweltkrieges entwerfen, wenn nar bestimmte Gedicht- 
sammlungen oder Flugschriften oder Volksreden oder kritische Ausführungen 
von bestimmter Färbung als ausschließliche Grundlage genommen werden. 
Wie al)er dieses eine — zeitlich begrenzte — Ereignis zu gewaltig und viel- 



Rezensionen. 179 

gestaltig ist, um auf CIrund einer einzigen Quelle, zumal wenn sie ein aus ihrer 
Fassung sofort erkennbares Ziel verfolgt, richtig behandelt zu werden, ebenso 
können große Zeiträume der Vergangenheit nie — ohne sorgfältigste Kritik — 
aus einer Quelle zutreffend dargestellt werden, besonders im Falle die Tat- 
sachen so weit zurückliegen, daß Ähnlichkeitsschlüsse noch größeren Bedenken 
als gewöhnlich unterworfen sind. Nachdem ich Standpunkt und Ar- 
beitsweise des Verfassers im allgemeinen gekennzeichnet habe, will ich 
kurz den Inhalt der dritten gänzlich umgearbeiteten Auflage wiedergeben. 
Zunächst schildert Dr.E. das Volk der Griechen, indem er sehr richtig die 
Unterschiede zwischen den einzelnen Stämmen heraushebt (S. 14 ff.) und den 
Entwicklungsgang derselben (S. 20ff.) in großen Zügen zeigt. Diese Über- 
sicht wird ergänzt, als die einzelnen Abschnitte der griechischen Geschichte 
besonders betrachtet werden. Die Namen der einzelnen Perioden sind so 
bezeichnend für die Auffassung des Buches, daß ich sie einfüge: 1. Die Vor- 
bereitung für das werdende Griechentum (Das Zeitalter der Eroberung und 
der staatlichen Einrichtung, S. 45ff.); 2. Das werdende Griechentum (Das 
Zeitalter der wirtschaftlichen Kämpfe in der Form eines Kampfes der Demo- 
kratie gegen die Aristokratie, S. 70ff,); 3. Das gewordene, das klassische 
Griechentum (Das Zeitalter der Blüte der Demokratie und des Perikles, 
S. 119 ff.); 4. Das vergehende Griechentum (Das Zeitalter der inneren Wirren 
und die Wechselherrschaft Athens und Spartas, S. 163 ff.); 5. Der Untergang 
des Griechentums (von der mazedonischen Herrschaft über Griechenland 
bis zmn Untergang von Byzanz, S. 263 ff.). Manche dieser Schlagwörter, 
besonders bei den zahlreichen Unterteilen, erinnern an Lamprechtsche und 
tragen auch etwas den Stempel des Willkürlichen, so bestechend sie auf den 
ersten Blick sein mögen. Vieles von dem Gesagten wird in anderen Werken 
Dr. E.s erläutert (vgl. S. 3). Über Einzelheiten der Darstellung zu rechten, 
hat m. E. im Hinblick auf den grundsätzlichen Standpunkt des Verfassers 
wenig Zweck. Nur einiger allgemeiner Punkte bitte ich gedenken zu 
dürfen. Im Vorwort erklärt der Verfasser, eine Geschichte der Philosophie in 
einer neuen (soziologischen, völker- und individual-psychologischen Beleuchtung) 
zu geben und zugleich „eine Soziologie des Griechentums und Erkenntnis seines 
Lebens und Schaffens". Doch um dieses Ziel za erreichen, hätten die Leit- 
gedanken der verschiedenen Wissenschaften, welche in diesen Worten be- 
rührt werden, auch wirklich beachtet werden müssen, und däneben 
auch einige andere, welche Sonderseiten des griechischen Lebens beleuchten, 
vor allem die Kunstgeschichte. Besonders die Ergebnisse des Spatens, z. B. 
bei der mykenischen Zeit sind zweifellos sehr bedeiitend und wichtig. So 
wenig persönlich auch Wandgemälde und Vasenbilder sein mögen, sie bringen 
andererseits gerade wegen dieses Unterlassens das Bezeichnende des Völkischen 
klar heraus. Doch ich will mich nicht in Einzelheiten verlieren, soweit sie 
nicht grundsätzliche Fragen einschließen. Zu ihnen gehört auch die Stellung 
des Buches zur Literatur. Der Kreis der erwähnten Schriftsteller ist 
ein eng begrenzter: wir stoßen auf etwas über ein Dutzend bedeutender Werke, 
die Hauptgewährsmänner sind Eduard Meyer und Beloch (S. 10). Ihnen 
tritt Dr. E. auch entgegen, wenn ihre Auffassung zu seiner Lobrede auf die 



1 80 Rezensionen, 

geliebten Landsleute, die Athener, nicht passen will. Neben diesen beiden 
Historikern finden wir drei Philosophen, Trendelenburg (S. 278), Überweg 
(S. 138) und öfters Eduard Zeller, und vor allem ältere Darstellungen neben 
einigen neueren erwähnt. Dagegen vermissen wir einen Hinweis auf die große 
Masse sehr- wertvoller Sonderuntersuchungen, wie sie z. B. über die vielbenützte 
Politeia des Aristoteles oder die Quellen des auch oft herangezogenen Plutarch 
vorliegen (vgl. die entsprechenden Aufsätze in der Realenzykl. von Paully- 
Wissowa oder in der griechischen Literaturgeschichte von Chiüst !). Doch ich 
muß zum Ende eilen ! Gegen meine Gewohnheit habe ich bei meinem Bericht 
das Negative hervorgehoben, weil Arbeitsweise und iStandpunkt des Buches 
grundsätzliche Bedenken wachrufen. Sie sollen aber nicht übertönen, daß 
manche feinsinnige Bemerkung, z. B. über das Pathologische in der 
Natur Alexanders des Großen (S. 265) vorhanden ist, und daß der Verfassei 
auch, WC er zum Widerspruch anregt, uns zum Überprüfen bisheriger Meinungen 
enndringlich auffordert, indem er trotz der verherrlichenden Behand- 
lungsform manche altbekannte Tatsache in eigenartigen Zu- 
sammenhang bringt. Dr. Jegel. 

In der Vorrede seines Buches ,, Rasse und Kultur" (Philosophisch 
soziologische Bücherei, Band 34, Alfred Ki-öner, Leipzig 1915. 6 Mk.) betont 
Dr. Friedrich Hertz sehr lebhaft, daß die zweite Auflage gegenüber der ersten 
,,in großen Teilen" ein neiies Buch geworden. Dann fährt er fort: „An selbst- 
kritischem Streben hat es mir wohl nicht gefehlt, und ich hoffe, es in ein an- 
gemessenes Verhältnis zm* Pietät gegen den eigenen Entwicklungsgang ge- 
bracht zu haben." Durch die Hervorhebung dieser zwei Tatsachen sucht 
der Verfasser zmiächst einem naheliegenden Einwand, daß Ansichtsände- 
rungen den Wert der ersten oder zweiten Auflage drücken, sehr geschickt 
die Spitze abzubrechen. Andererseits ermöglicht er dem Berichterstatter, 
ohne Rücksicht auf die erste Ausgabe und ihre Aufnahme, sich über die zweite 
zu äußern. Ohne sich mit langatmigen Begründungen, welche zum Teil im 
Verlaufe des Buches nachgeholt werden, aufzuhalten, legt Dr. H. im ersten 
Kapitel seinen Standpunkt dar und umschreibt ihn mit einigen Sätzen. Sie 
regen zum Nachdenken und Widerspruch an, da sie nicht einer gewissen festen 
Umi-issenlieit entbehi-en und zugleich ziemlich allgemein klingen. Vor allem 
aber zeigen sie Dr. H. als einen unerschrockenen, selbstbewußten 
Kämpfer. Ungescheut führt er nach allen Seiten, besonders aber gegen 
H. St. Chamberlain, Grundlagen des 19. Jahrhunderts, seine wohlgezielten 
Hiebe und gibt den Grundton seines ganzen Buches, Prüfung der vorhandenen 
Schlüsse über Rassentheorien, sofort unzweideutig an ; selbst der Begriff Rasse 
wird kritisch abgeklopft (S. 149). Der Verf. kommt zu dem Ergebnis, daß große 
und weitwirkende Unterschiede zwischen den Menschen bestehen; sie sind als 
Gewordenes auch wieder veränderlich. Die offenen Darlegungen haben zweifellos 
dasGute, daß jeder Leser, selbst wemi er den Streitfragen ferne steht, von vorn- 
herein wenigstens ahnt, was er vom Buch zu erwarten hat. Diese Klarheit 
müssen wir dem Verfasser danken, wemi wir auch statt des gewählten Titels 
vielleicht lieber setzen würden ,, Chamberlain und ich". Doch auf diesen Ge- 



Rezensionen. 181 

danken werde ich später eingehen. Zunächst möchte ich hervorheben, wa& 
an dem Buch besonders beachtenswert ist, weil es viel Wahrscheinlich- 
keit für sich hat: es ist mehr als bedenklich und gefähi-lich, ohne die alier- 
sichersten Grundlagen weitgehende Schlüsse auf dem Gebiet der Rassefrage 
zu ziehen. Den einzig brauchbaren Boden dürften eigene Erfahrung, welche 
ohne Voreingenommenlieit gemacht wurde, und unwiderleglich beglaubigte 
Tatsachen, welche andere Forscher in der Vergangenheit oder Gegenwart 
unter der gleichen Voraussetzung feststellten, abgeben. Der Gelehrte, welcher 
diese Punkte nicht miverrückt im Auge behält, nimmt unwillkürlich Ver- 
mutungen für Wahrheiten oder wendet Ähnlichkeitsschlüsse am unrechten 
Ort an. Andererseits aber bleibt der Untersuchung von Einzeltatsachen ein 
weites Ai'beitsfeld, wie es z. B. zwei Pfadfinder, der Münchener Ranke und 
der Leipziger Ratzel, anbauten. Weil diese Führer vielfach mißverstanden 
wurden, stellten manche Gelehrte jene angreifbaren Haupt- und Untergruppen 
imierhalb der Menschheit auf. 

Daß das Gesetz der Wechselwirkung zwischen Umwelt und 
Menschen immer wieder aus dem Auge verloren wurde, dürfte die Grund- 
quelle aller Irrtümer oder — bescheidener gesagt — aller persönlichen Mei- 
nungen, welche heftige Fehden auslösten, gewesen sein. Leider schufen die 
Auffassungen von „Rasseunterschieden" nicht nur Streitigkeiten unter Ge- 
lehrten, sondern auch unter den „Rassen" selbst. Dieses Ringen beherrscht 
besonders die neueste Zeit und hat auch den Gegenwartskrieg mitverschuldet. 
Aber nicht nm- das Übersehen der Wechselwirkiuig fühi-t manche Bedenken er- 
regende Wege, sondern auch das Mißachten der persönlichen Unterschiede imier- 
lialb eines Volkes, eines eng umschi-iebenen landschaftlichen Gebietes. Diese Ab- 
weichungen sind viel zu mamiigfach, als daß sie sich auf eine einfache Formel 
bringen lassen. Wegen der immer aufs neue eingetretenen Blutmischung finden 
sich zwischen den einzelnen Teilen der Menschheit zahlreiche Ähnlichkeiten 
und Verschiedenlieiten in einer bis jetzt unlösbaren Verschränkung. Ich darf 
wohl aus meiner Umgebung und Eigenarbeit kurz einige Beispiele anführen. 
Bewohner der Vorderpfalz, der Haardt, der hinterpfälzischen Gebirgsländer, 
der benachbarten Vogesen und der Gegenberglandschaften rechts des Rheins 
werden auf Völker karten als Pfälzer bezeichnet. Tatsächlich aber weisen sie 
so starke Besonderheiten, welche die Umwelt zum Teil erklärt, untereinander 
auf, daß wir — von anderem abgesehen — zwei sich vielfach widersprechende 
Bücher über die Pfälzer haben (August Becker, Die Pfalz und die Pfälzer, 
Neustadt, 19132, und W. H. Riehl, Die Pfälzer, 1901^). Außer der Umwelt, 
welche die verschiedenartige, einflußreiche Lebensweise im weitesten Simi des 
Wortes bewirkte, drückten auch die mannigfachen Schicksale, welche die 
Bewohner unter den einzelnen Herrschern hatten, dem Volk ihren Stempel 
auf, so daß die heutigen Bewohner des Kreises Pfalz eigentlich nur dem Namen 
nach eine Einheit bilden. Wenn schon das Gegenwartsbild mindestens nicht 
leicht zu bestimmen ist, wieviel mehr steigern sich die Schwierigkeiten, wenn 
wir uns in die Zeit, aus der keine beglaubigte schriftliche Überlieferung, son- 
dern nur sehr kümmerliche Sachreste auf uns gekommen sind, begeben wollen. 
Ich erinnere an die Streitigkeiten, welche die Schlüsse des greisen Professors 



182 Rezensionen. 

Dr. Mehlis-Dürkheim hervorriefen (vgl. Dr. Häbeiie, Pfälzische Bibliographie 
1909, II, 205). Oder welcher Kampf entspann sich um den sogenannten slawi- 
schen Einschlag der Be- und Umwohner unserer fränkischen C4roßstadt Xürn- 
berg ! (vgl. Jahresberichte des historischen Vereins der Stadt Nürnberg, 
27. /8. Vereinsjahr und das Wort Slawe im Haiiptverzeichnis zu den Vereins- 
schriften, er.scheint 19171). 

Doch ich muß abbrechen, da ich leider einen noch weniger erfreidichen 
Punkt berühren muß. Wie in Sachen Kraxiß gegen Wundt muß ich bedauer- 
licherweise auch diesmal einiges über den Ton des Buches sagen, nicht 
um meinerseits anzugreifen, sondern um meiner Pflicht als Berichterstatter 
zu genügen. Der ausgesprochene Antisemitismus und der mitunter maß- 
lose Ton Chamberlains reizten Dr. H. als Mensch und Forscher; denn 
derartige Einseitigkeiten kann kein ruhig Denkender billigen, er mag 
in religiöser Hinsicht stehen, wie er will, wenn dieser Standpunkt in 
Fragen der Wahrheit auf wissenschaftlichem Gebiet überhaupt ein- 
genommen werden darf. In seinem sehr begreiflichen Unwillen, ja Er- 
bitterung über Chs. Schreibweise geht Dr. H. auch sehr entschieden 
vor. Soweit er mit feinem Spott, fast hätte ich gesagt mit attischem 
Salz — wenn ich dieses fast nach Rasseanschauung schmeckende Sprichwort 
gebrauchen darf — seine Rede würzt, wird jeder Freund geistreichen Wider- 
legens mindestens nicht widersprechen. Aber sobald Dr. H. ebenso herb er- 
widert, muß der Anhänger eines sachlichen Tones, eines der schönsten Ruhmes- 
blätter der deutschen Wissenschaft, Bedenken äußern, besonders weil auch 
Dr. Hertz dm'ch die gelegentliche andere Kampfweise zeigt, daß persönliche 
Angriffe nicht nötig sind. Muß es nicht die deutsche Wissenschaft bei miß- 
günstigen Fremden schädigen, wenn derartige „Widerlegungsformen" all- 
gemein Brauch werden? Doch es wäre — wie gesagt — ungerecht, wollten 
wir durch diese eine Eigenart des Buches uns gegen das Werk selbst einnehmen 
lassen. Es bietet durch seine geistvolle Prüfung vorhandener Meinungen 
vielfache Anregungen zum Weit er forschen, da es begreiflicherweise im 
allgemeinen nur ablehnt und das Aufbauende mehr andeutet. Diese Gedanken 
auszuführen, wird hoffentlich auch Dr. H., wenn er seiner Friedensbeschäfti- 
gung ziu-ückgegeben ist, beschieden sein! Auch andere ruhige Forscher werden 
die Fragen nochmals überprüfen, besonders soweit sie entsagungsvolle Kärrner 
sein und nicht dm-ch verblüffende Vergleiche blenden wollen. Bei diesen 
Einzelarbeiten werden auch die seelischen und Willenseigenschaften beachtet 
werden können und müssen. Möge die dritte Auflage auch durch ein ausführ- 
liches Verzeichnis von Personen und Sachen die große Menge von Einzel- 
tatsachen leicht auffindbar machen ! Würden z. B. die gebrauchten Schrift- 
steller zusammengestellt, so bekämen wir trotz mancher begreiflicher Ein- 
seitigkeit in der Auswahl einen guten Überblick, welche Büclier ..Rasse- 
fragen" behandeln. Wenn Dr. H. in Zukunft auch die Dar.stellungen über 
Kunst und Seelenleben, wie sie z. B. auch die Arbeiten, bez. Vorlesungen 
des Prof. Dr. Studniczka (bes. Abh. d. sächs. Ges. d. Wissenschaften 1904, 
07,09, 11, 14.) und des Erlanger Sanskritforschers Geheimrat r. W. Geiger 
bergen, heranzieht, so werden auch die Bedenken gegen die Literatur- 
benützung mehr und mehr verstummen. Dr. Jegel. 



Rezensionen. 183 

Als ich die Broschüre Kraus, Bentham besprach, mußte ich eines leb- 
haften Angriffes auf Wilhelm Wundt gedenken. Werm wir das Bild W.s, 
wie es Kraus zeichnet, für sich allein nehmen, werm es vor allem ein künftiger 
Oeschichtsschreiber der deutschen Psychologen des 19. Jahrhunderts als 
Orundlage benützte, würde eine eigenartig verzerrte Vorstellung von W. als 
geschichtliche Wahrheit ausgegeben werden; denn wegen einer einzigen Ent- 
gleisung, für welche auch Erklärungsgründe nicht fehlen, darf nicht eine 
Persönlichkeit als solche abgelehnt werden, selbst wenn sie kein Wundt sein 
sollte. Gegenüber dieser Auffassung von Wundt möchte ich auf eine andere 
Schilderung des Lebenswerkes W.s hinweisen: Sie gibt der Amerikaner Stanley 
Hall in seinem Buch „Die Begründer der modernen Psychologie 
Lotze, Fechner, Helmholtz, Wundt", übersetzt und mit Anmerkungen 
versehen von Raymund Schmidt, durch ein Vorwort eingeführt von Dr. 
Max Brahm (Wissen und Forschen, Band 7, Leipzig, Meiner, 1914. 5,70 Mk.). 
Wie Hall arbeitet, sagt uns das Vorwort, im Falle ein Leser im Zweifel sein 
sollte: Hall ist kein kritikloser Bewunderer W.s, sondern hat das An- 
greifbare an W. mitunter schärfer herausgehoben, als es eigentlich berechtigt 
war (S. 341/342), obwohl H. auch selbst zugibt: ,,Es ist keine leichte Auf- 
gabe, allen Schriften W.s gerecht zu werden (S. 352, vgl. 361), weil W.s Gesamt- 
leistung etwa 16 000 Seiten ist." Im allgemeinen aber ist H.s Beurteilung 
sachlich, wenn auch nicht frei von Bedenken und inneren Widersprüchen; 
denn da der Verfasser nicht weniger als 170 Seiten, fast die Hälfte des Buches, 
der Persönlichkeit W.s widmete, war es unausbleiblich, daß er im Verlaufe 
seiner Untersuchung an W. manches verschieden sah und beurteilte (z. B. 
S. 195/196, S. 200, 206 und 319: über die Darstellungsweise W.s; S. 206, 
217/218 und 355: über die Stellung W.s zu seinen benützten Quellen; S. 222/3, 
319: allgemeine Beurteilung der Grundzüge der physiologischen Psychologie; 
S. 342, 344, 354: über die geistige Frische W.s; S. 356, 359 und 361: über 
W.s Stil). Mitunter irrt sich auch H., wie auch die Anmerkungen des be- 
lesenen geschickten Übersetzers wiederholt nachweisen (Anmerkung 5, 
13, 16). Vielleicht haben H.s Haltung auch persönliche Gründe, die er leicht 
andeutet, etwas beeinflußt: W. hat eine Einladung H.s nach Amerika ab- 
gelehnt und die Arbeiten H.s und seiner amerikanischen Mitforscher wenig 
berücksichtigt (S. 220). Möglicherweise erklärt sich auch die mit warmer 
Verehrung gemischte kritische Stellungnahme gegen W. daraus, daß diesem 
persönliche Liebenswürdigkeit im Verkehr abgehen soll. An anderen Stellen 
allerdings betont derselbe H. den großen Einfluß W.s auf seine Zuhörer. Und 
wer W. einmal gehört hat, versteht diese Äußerung, vorausgesetzt, daß er 
nahe genug saß, um die Worte mit dem körperlichen Ohre aufzunehmen. 
Doch es liegt mir ferne, über Auffassungen zu streiten, besonders da an dieser 
Stelle nur über ein Buch berichtet werden soll, was in ihm steht. H. versucht 
also eine sehr eingehende Inhaltsangabe der einzelnen Schriften 
W.s und hängt überall sein Urteil an. Vor allem aber will der amerikanische 
Psychologe, welcher auch die Abhängigkeit der amerikanischen Psychologie 
von W. ausdrücklich hervorhebt, zeigen, wie einzelne Ansichten W.s zu er- 
klären sind, wiewohl er offen gesteh*", daß dieses Streben besonders schwierig 



]g4 Rezensionen. 

ist, weil W. die von ihm selbst zu verfassende Lebensgeschichte, welche allein 
seinen Entwicklungsgang klar werden läßt, der Gegenwart noch schuldig ist 
(vgl. auch Vorwort S. 3). Leichter erreicht H. sein Ziel den drei anderen 
behandelten Persönlichkeiten gegenüber; doch fehlen auch über sie 
nicht Äußerungen, welche untereinander schwer vereinbar sind, weil 
keiner der Philosophen eine so einfache und ir sich geschlossene Gestalt ist, 
daß er mit wenigen Worten ganz richtig erfaßt werden kann (z. B. beiLotzeS. 37 
Unsterblichkeit betreffend; S. 45, 47, 62; Anmerk. 2, 23, 39, wissenschaftliche 
SteUung Lotzes. Bei Helmholtz S. 128, 146, 188/189 als Gesellschafter, S. 146 
und 190 Arbeitsweise). Halls Liebe scheint dem letztgenamiten Forscher zu 
gehören, wohl weil er sich ihm wesensverwandt fühlt. Wenn auch H. ein an- 
schauliches Bild von dem Leben und Wirken der behandelten Philosophen 
gibt, ich kann mich doch nich+ ganz des Gefühles erwehi-en, als ob Hall — gerade 
in dem Streben, die Forscher möglichst genau zu sclüldern — immer wieder 
vergißt, daß er eigentlich nur darlegen wollte, was die einzelnen für die Psycho- 
logie geleistet haben. Diese besondere Seite ihres Wirkens tritt bei den 
langatmigen Darlegungen H.s nicht so scharf heraus, als derjenige, welcher 
die Eutwickhmgsgeschichte der Psychologie kennen lernen will, wünschen 
düi-fte. Die Arbeit Halls ist also nicht überall sachlich einwandfrei. Aiich 
ersetzt die eingehende Inhaltsübersicht nicht ein fehlendes Verzeichnis der 
erwähnten Personen und Sachen. Deshalb ist das Buch kein bequemes Xach- 
schlagewerk. Andererseits aber müssen wir dem Verfasser danken, daß 
er eine wichtige Vorarbeit für den künftigen Geschichtsschi-eiber der 
experimenteilen Psychologie gab, wenn eimnal der Zeitpunkt zu diesem Werk 
gekommen sein wird. Manches deutet in unserer Gegenwart darauf hin_, daß 
er nicht mehr ferne ist ; denn tatsächlich bedeutet W.s Lebenswerk den Schluß 
eines Abschnittes in der Entwicklung, da seine zahlreichen Schüler, unter 
denen sich wenig Schüler, z.B. Wilh. Wirth, im engeren Sinn des Wortes, dafür 
manche „Gegner" finden (S. 326 und 341 Meumann, S. 328 ff., 355, 361 Würz- 
burger Schule), ein Weiterbilden sich angelegen sein lassen. Andererseits aber 
ist diese Tatsache auch ein Grund gegen den Plan, mit W. abzuschließen; 
denn die Saat, die er ausstreute, entwickelt sich in unserer unmittelbaren 
Gegenwart wohl mitunter anders, als W. dachte und wünschte (vgl. Vorwort 
S. 6 und auch Dr. Felix Krüger, Über Entwicklungspsychologie. 1915, bes. 
S. 70ff., 131 ff., 148ff., 157ff., 204ff.). Vor allem jedoch steht unsere Zeit viel 
zu sehr in dem Kampfe der Meinungen mitten ' drinnen, um nicht vorein- 
genommen zu urteilen. So wenig wir eine wirklich geschichtsmäßige Darstellung 
des gegen wärtigen Völkerki-ieges geben können, bevor Jahrzehnte in die Lande 
gegangen sind, so wenig ist in diesem Augenblicke eine ganz einwandfreie 
Schilderung, wie die experimentelle Psychologie sich entwickelt hat, möglich, 
wenn diesc^i Buch mehr sein will als eine mehr oder minder persönlich gefärbte 
Beschreibung der derzeitigen Verhältnisse (vgl. S. 363). Dr. Jegcl. 



Die neuesten Erscheinungen auf dem Gebiete 
der Geschichte der Philosophie. 

Arnim, H., Gerechtigkeit und Xutzen in der griechischen Aufklärungsphilo- 
sophie. Frankfurt a. M., ^\'erner. 

Bauch, B., Geschichte der Philosophie. Berlin, Göschen. 

Cassirer, E., Freiheit und Form. Studien zm- deutschen Geistesgeschichte. 
Berlin, Cassirer. 

Clausen, E., Die Freimaurer. Berlin, Unger. 

Deussen, P., Vedänta, Piaton, und Kant. Wien, Waldheim. 

DjToff, A., Über Fr. Bacons Vorläufer (Mocenigo). Bomi, Hanstein. 
— , C. J. Windischmann (1775 -1839) und sein Kreis. Köhi, Bachem in 
Komm. 

Eucken, R., Die Lebensanschauungen der großen Denker. Eine Entwick- 
lungsgeschichte des Lebensproblems der Menschheit von Plato bis ziu- 
Gegenwart. 11. Aufl. Leipzig, Veit. 
— , Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Bibel. Leipzig, Kröner. 

Fichte : Zurückforderung der Denkfreiheit. Jena, Diederichs. 

Falkenberg, R. : Hilfsbuch zur- Geschichte der Philosophie seit Kant. 3. Aufl. 
Leipzig, Veit. 

Grabmarm, M., Forschungen über die lateinischen Aristoteles-Übersetzungen 
des 13. Jahrh. Münster, Aschendorff. 

Heckmanns, J., Die Äußerungen des Desiderius Erasmus von Rotterdam 
zur Tierpsychologie. Bonn, Hanstein. 

Heidegger, M., Die Kategorien- und Bedeutungslehre des Duns Scotus. Tü- 
bingen, Mohr. 

Heußner, A., Die philosophischen Weltanschauungen und ihre Hauptver- 
treter. 3. Aufl. Göttingen, Vandenhoeck. 

Jodl, Fr., Vom Lebenswege. Vorträge und Aufsätze. Herausgegeben von 

W. Börner. Stuttgart, Cotta. 
— , Lehrbuch der Psychologie. 4. Aufl. 

Kants kleinere Schriften. Herausgegeben von F. Groß. Leipzig, Insel- Verlag. 

Kierkegaard, S. : Kritik der Gegenwart. Jena, Diederichs. 

Leibniz : Deutsche Schriften. Herausgegeben von Schmied -Ko war zik. Leipzig, 
Meiner. 



186 Die neuesten Erscheinungen auf d. Geb. d. Geschichte d. Philoscphie. 

Messer, A., Geschichte der Philosophie im 19. Jahrh. 2. Aufl. Leipzig, 

Quelle & Me5'er. 
■ — , Die Philosophie der Gegenwart. Ebda. 
■ — , Die Hauptrichtungen der Philosophie der Gegenwart in Deutschland. 

München, Reinhardt. 
Nietzsche, Fr. : Also sprach Zarathustra. Leipzig, Kröner. 
Pantheismusstreit, Die Hauptschriften zum — zwischen Jacobi und Mendels- 
sohn. Herausgegeben von H. Scholz. Berlin, Reuther. 
Paulsen, F., Einleitung in die Philosophie. 28. Aufl. Stuttgart, Cotta. 
Piatons Staat. Übersetzt von K. Preisendanz. Jena, Diederichs. 

— Gesetze. Übersetzt von 0. Appelt. Leipzig, Meiner. 

— Staat. Ebda. 

Rousseaus Bekenntnisse. Herausgegeben von C. Wolter und H. Bretschneider. 

Leipzig, Bibliographisches Institut. 
Schleiermacher, F. : Über die Bildung zur Religion. Jena, Diederichs. 
Schulte, W., Die Gedankenwelt des Orients'^ Berlin, Haude & Spener. 
Uedelhofen, M., Die Logik Petrus Fonsecas. Bonn, Hanstein. 
Vahinger, H., Nietzsche als Philosoph. 4. Aufl. Berlin, Reuther. 
Wundt, \V., Leibniz. Zu seinem zweihundertjährigen Todestag. Leipzig, 

Kröner. 
Ziegler, Th., Die geistigen und sozialen Strömungen Deutschlands im 19. und 

20. Jalu-hundert. Berlin, Bondi. 



Historische Abhandlungen in den Zeitschriften. 

Logos, Bd. VI H. 1. Troeltsch, Das Ethos der hebräischen Propheten. 

Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik. Bd. 162 H. 1. Sickel, 
Die Umwandhing des Substanzbegriffs in Leibniz' Philosophie des 
Lebens. Lehmann, Neue Einbhcke in die Entstehungsgeschichte der 
Leibnizschen Philosophie. Rüge, W. Windelband f. 

Vierteljahrsschrift für icissenschuf fliehe Philosophie und Soziologie. Bd. XL 
H. 2. Lehmann, Das Prinzip der Chi'istlichkeit und die Geschichte. 
.Siegel, Fr. Jodl. Versuch einer genetischen Darstellung seiner Philo- 
sophie. Stern, Eine Schwierigkeit des Machschen Positivismus. 

Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft. Bd. XI H. 4. 
Doren, Karl Lamprechts Geschichtstheorie und die Kunstgeschichte. 
Lukacs, Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Ver- 
such über die Formen der großen Epik. 

Philosophisches Jahrbuch. Bd. XXIX H. 3. Eltern, Die pythagoreischen 
Erziehungs- und Lebensvorschriften im Verhältnis zu ägyptischen 
Sitten und Ideen. Minges, Zur Textgeschichte der sogenannten Logica, 
Xova der Scholastiker. Stölzle, Windelbands Stellung zu den Gottes- 
bewei'sen. 

Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Ed. 2 H. .3. Horvath, 

Die Grundfesten des Thomismus. 

- H. 4. Schuhes, Die fides explicita und implicita. Die scholastische Lehre 

über — als Grundlage der Dogmengeschichte. Gredt, Zm" neueren 

Psychologie und Tierpsychologie. Leonissa, Wahre und falsche Mystik. 

The Philosophical Beriete. Vol. XXV Xr.. 3. Papers in honom* of J. Ruyce 
on bis sixtieth birthday. Howison, Royce: The significance of his 
work in philosoph}-. Dewey, Voluntarism in the Roycean philosophy. 
Calkins, The foundation in Royce's philosophy for Christian theism. 
Adams, The interpretation of religion in Royce and Durkheim. Bacon, 
Royce's interpretation of christianity. Spaulding, Realistic aspects of 
Royce's Logic. Cohen, Xeo-Realism and the philosophy of Royce. 
Cabot, Royce as a teacher. Hörne, Royce's idealism as a philosophy 
of education. Hocking, The Holt-Freudian ethics and the ethics of 
Royce. 

The Monist. Vol. "XXVI Xr. 4. G. W. Leibiaiz (1646— 1716). Burns, Leibniz's 
life and work. Jourdain, The logical work of Leibniz. Burns, Leibniz 
and Descartes. Eliot, The development of Leibniz's monadism. Cajori, 
Leibniz's ,, Image of creation". Eliot, Leibniz's monads and Bradley's 
Finite Centers. Child, The manuscripts of Leibniz on his discovery of 
the differential calculs. Strauß, Ido and english. 

The New-Church Review. Vol. XXIIl Xr. 3. Martin, The Xineteenth of 
June 1770. Wunsch, The Warmuth of personal relationship in the 
doctrines. Hite, „Le scientisme et Swedenborg". 



Zur Besprechung eingegangene Werke. 

Bauch, B., Geschichte d. Philo«. V. Bd. Kant. Göschen, Leipzig. 

Beckh, H., Buddhismus (2 Bände). Göschen, Leipzig. 

Bickel, E., Askatische Ideal b. Ambrosius usw. Teubner, Leipzig. 

Oapelle, W., Berges- und Wolkenhöhen. Teubner, Leipzig. 

Cassirer, E., Freiheit und Form. Cassirer, Berlin. 

Cohen, H., Deutschtum und Judentum. Töpelmami, Gießen. 

Cornelius, H., Transzendentale Systematik. Reinhardt, München. 

Dietrich, A. J., Kants Begriff. Xiemeyer, Halle. 

Dürr, K., Begriffsinhalte. Rascher & Co., Zürich. 

Einhorn, D., D. Kampf u. e. Gegenstand -d. Philos. Braumüller, Wien. 

Emgo, C. A., Rechtsphilos. Relativismus. Rothschild, Leipzig. 

Engert, J., D. Deismus. Leo-Ges., Wien. 

Erismann, Th., Angewandte Psychologie. Göschen, Leipzig. 

Falckenberg, R., C^esch. d. Philosophie. Veit & Co., Leipzig. 

Freundlich, E., Einsteinsche Gravitationstheorie. Springer, Berlin. 

Heidegger, M., Bedeutungslehre d. Duns Scotus. Mohr, Tübingen. 

Jodl, F., Vom Lebenswege. Cotta, Stuttgart. 

Kehr, Th., Bewußtseinsproblem. Mohr, Tübingen. 

Kerschensteiner, G., Deutsche Schulerziehung. Teubner, Leipzig. 

Leibniz, G. W., Deutsche Schriften (2 Bände). Meiner, Leipzig. 

— , Menschl. Verstand. Ebd. 
Meckauer, W"., Intuitionismus. Ebd. 
Messer, A., Philosophie d. Gegenwart. Quelle & Meyer, Leipzig. 

— , Geschichte d. Philos. (2 Bande). Ebd. 

— , Hauptrichtungen d. Philos. Ebd. 
Pfordten, O., Religionsphilosophie. Göschen, Leipzig. 
Richert, H., Schopenhauer. Teubner, Leipzig. 

Schaüdkunz, H., Philos. Propädeutik. Bh. d. Waisenhauses, Halle. 
Stern, W., Jugendkunde. Quelle & Meyer, Leipzig. 

Verweyen, J. M., D. Krieg i. Lichte großer Denker. Reinhardt, München. 
Weiser, Chr., Schaftesburg. Teubner, Leipzig.' 
Scholz, H., Pantheismusstreit. Reuter & Reinhard, Berlin. 



Archiv 



für 



Geschichte der Philosophie 



herausgegeben 

von 

L u d vv i 2: S t e i 11. 



XXX. Band. 

Neue Folge 
XXIII. Band. 




BERLIN. 

Druck und Verlag von Leonhard Simion Nf, 

1917. 



Archiv für Philosophie. 

I. Abteilung: 

Archiv für Geschichte der Philosophie, 

Neue Folge. XXIII. Band, 3. Heft. 
IX. 

Der Marburger Logismus und sein Verhältnis zu Hegel. 

Von 
Gustav Körber, Freiburg i. Baden. 

„Immer ^Yiede^ von neuem taucht die Bemühung auf, in der 
Marburger Schule Fichtesche und Hegeische Tendenzen zu wittern" 
sagt XatoiiD, Kantstud., 1918, S. 210 und hält dieser Behauptung 
entgegen den bedeutenden Unterschied zwischen beiden Systemen, 
welcher so formuliert wird: Hegel ist Absolutist; die Gesetzhchkeit 
des Denkens ist bei ihm ein geschlossener Kreisgang; dagegen ist 
die Methode der Marburger Philosophie für eine unendhche Weiter- 
entwicklung offen; ist X das zu Erkennende: so ist X nie durch A. B. 

C abschließend bestmimbar (X ist also irrationale Zahl). 

SO sagt Cohen (Log. d. reinen Erkenntnis, Abschnitt Urteil des Be- 
griffs): Der Begriff will nicht und darf nicht vollständig sein; jeder 
Abschluß wäre Erstarrung; der Begriff ist nicht Einheit seiner Merk- 
male, nicht ein Ding — Sätze, die übrigens auch Kant entgegen- 
gehalten werden; denn dieser hätte bei der neuen RoUe, welche er 
den Kategorien zuweist, die Einheit nicht ün Sinne der starren 
Einzahl des starren Prinzips oder starren Systems fassen sollen, viel- 
mehr als Einheit durch Korrelation, die eine Entwicklung ins 
Unendhche nicht ausschließt. Der Aufbau der Denkformen ist ein 
konzentrischer, die Wechselbezüglichkeit macht das Wesen des 
Denkens aus (Xatorp a. a. 0. 210). Hierin liegt also eine Weiterbildung 
Kants durch die Marburger Schule. Mehr noch tritt die Abweichung 
von Kant darin zutage, daß die Kantsche Voranstellung der An- 
schauung (bzw. Empfindung) vor die Denkbestimmungen (in der 
transzendentalen Ästhetik) abgelehnt wird mit dem Bemerken, daß 

14* 



190 Gustav Körber, 

das Denken nicht von der Empfindung sein Material empfangen 
darf; denn eben in dieser Unabhängigkeit von der Empfindung (und 
Anschauung) stellt sich das Denken als reines dar, welchem nichts 
gegeben ist. Diese Wegrückung von Kant erscheint nun zugleich als 
Annäherung an Hegel. Es ist jedenfalls nicht zu verwundern, wenn 
man in der Marburger Philosophie ,, Hegeische Tendenzen wittert"; 
denn die Grundlehre dieser Schule: Nur das — wie gezeigt einen 
unendüchen Prozeß büdende — Denken kann erzeugen, was als 
Sein gelten darf" (Cohen a. a. 0., S. 10 u. a.), oder: „Es gibt kein 
Sein, das nicht im Denken gesetzt ist" (Natörp, die log. Grundl. dei- 
exakt. Wissensch., S. 48) scheint auf nahe Verwandtschaft mit Hegel 
— wenigstens nach der vielfach üblichen Inter|.retation des Hegeischen 
Systems, hinzuweisen. Ob diese Verwandtschaft — welcher gegen- 
über der beide Standpunlvte trennende, oben angeführte Unterschied: 
die Geschlossenheit des Hegeischen Denkens einerseits und das 
Offensein der Marburger Philosophie für unendliche Weiterentwicke- 
lung andrerseits, von minderem Belang wäre — wii'klich vorliegt, 
wh'd unsere Betrachtung später ergeben. 



1. Das Nichts als Weg zum Etwas. 

Das souveräne, von der Empfindung, also von jeglichem Ge- 
gebenen unabhängige, das Sein begründende Denken ist nach Cohen 
näher: Das Denken des Ursprungs (erste Urteilsklasse). Das Urteil 
des Ursprungs stellt das Etwas, welches natiirlich nicht wieder un 
Etwas seinen Ursprung haben kann, auf dem Univ^^eg über das „Nichts" 
dar. Dieses Nichts soll aber nicht der Widerspruch zmn Etwas, 
nicht ein Unding sein, sondern die (verstärkte) Frage (das t6 t'i 
7]v dvai des Aristoteles) als Station auf dem Wege zum Etwas, also 
ungefähr das, was die griechische Partikel ///} (im Unterschied von 
ov) ausdrückt; der Kompaß für den Weg zur Entdeckung des Ur- 
sprungs ist die Kontinuität, kraft deren alle Elemente des Denkens, 
sofern sie Elemente der Erkenntnis sind — und ebenso die Einheit 
des Gegenstands, erzeugt werden. 

]m wesentlichen übereinstimmend, doch mit der Modifikation, 
daß statt Nichts das „Unbestimmte" gesetzt wird — führt Natorp 
(Log. Grundl. d. exakt. Wissensch. Kap. II) aus: A und B sind als 



Der Marbm-ger Logismus und sein Verhältnis zu Hegel. 191 

Bestünratheiten nicht v o r dem Denken; denn das Denken ist eben 
Bestimmen, sondern vor dem Denken ist das X, das Unbestimmte, 
aber Bestimmbare da. Das X ist nur im Vorausblick oder in der 
Relation aufs bestimmte A und B; es ist bloß Frage oder Richtung 
aufs bestünmte A und B, und zwar bildet die Relation des unbe- 
stimmten X aufs bestünmte A und B den Inhalt. 

Zu dieser Konstruktion des Etwas aus dem Nichts muß die Kritik 
bemerken: daß sich darin eine Unsicherheit, ein Schwanken offenbart. 
Dies gilt insbesondere von der Begriffsbestimmung des Nichts. iVus 
dem Nichts soU das Denken als reines, welchem Nichts gegeben ist, 
das Etwas erzeugen. Da aber diese Art des Ursprungs des Etwas 
dem Denken selbst widersprechen würde: so darf das ,. Nichts" doch 
wieder nicht Nichts, nicht reines Nichts, nicht Widerspruch des 
Etwas sein, sondern eine Art von Mittelding zwischen Nichts und 
Etwas, also doch wieder ein Etwas; eine verstärkte Frage ist doch auch 
ein Etwas. Jedenfalls aber ist das Nichts i m Denken, ein vom Denken 
Gesetztes, als solches stammt es dann selbst wieder von Etwas, vom 
Denken nämlich ab. — Auch insofern als das Nichts Station auf 
dem AVege zmn Etwas, als das X Vorausblick oder Relation auf das 
bestmimte A und B ist: ist es nicht voraussetzungslos, nichts Ur- 
sprüngHches; denn es bedarf dann ja doch das Etwas, worauf es als 
Weg hinführt oder 'worauf es vorblickt und worauf es Relation ist. 

IL Das Infinitesimale als Erzeuger der endlichen Größe. 

Die Bedeutung des Denkens als des Sein-Erzeugenden wü-d nach 
Cohen erkannt am Infinitesimalen, speziell als Unendlich- Kleinem. 
Das Infinitesimale, von Newton als Fluxion, von Descartes als dx 
bezeichnet, wurde von Newton entdeckt an der Kreislinie als dem 
Ingeliriff der sie erzeugenden Tangentenpunkte. Es ist im reinen 
Denken begründet, Anschauung wirkt bei seiner Entstehung nicht 
mit. Dieses rein gedankliche Infinitesimale erzeugt nun — kraft 
der Kontinuität, die endliche Größe. Die Absolutheit des Punktes 
nämlich, in welchem die Richtung liegt, ist als Realitä t auszuzeichnen. 
So gelangt, auf Grund des Ursprungsurteils, das Sein als Realität 
zur Definition, das Endliche hat also im Unsinnhchen seinen Ur- 
sprung (Cohen, Logik S. 110). 



192 Gustav Körber, 

Mit diesen Ausführungen Cohens ist Xatorp nicht ganz einver- 
standen, er 'modifiziert dieselben in seiner Infinitesimalmethode. 
In Cohens Darlegungen liege nämlich einmal die Schwierigkeit vor. 
daß das Infinitesmiale „gleichsam" als Absolutes behandelt, das 
dx als wahre Einheit bezeichnet werde, während die Infinitestmal- 
methode gerade die Bedeutung hat, daß dadurch die Einheit und 
damit die Zahl überhaupt relativiert wird; sie zeigt, daß die Ein- 
heit einer bestimmten Wertordnung in einer andern Wertordnung 
unendhch klein, und das in einer Wertordnung Unendlich- Kleine 
in einer anderen Wertordnung endliche Maßeinheit sei. dx kann 
als X (= endl. Maßeinheit), x als dx fungieren. Die größte Schwierig- 
keit aber bei Cohen liege darin, daß er das Grenz verfahren als Grund 
der Infiniteshnahnethode ablehne, während es doch ohne Grenz- 
wert kein Differenzial (und Irrational) gebe und gerade im Grenz- 
verfahren die schöpferische Macht des Infinitesmialverfahrens liege 
(Natorp, d. log. Grundl. S. 220). 

Diese kritischen Bemerkungen Xatorps sind l^erechtigt. Man 
kann denselben noch folgende Erwägung })eifügen: Ist das Infini- 
tesimale wirklich ein Grundbegriff des reinen Denkens oder nicht 
vielmehr ein vom Denken auf dem Wege der Ableitung aus end^ 
liehen Größen erzeugter Begriff? Ferner: ist das Unendlich- Kleine 
wirkhch etwas ganz Quantitätsloses, gänzlich Unausgedehntes? 
.Der Begriff Unendlich ist, wie Hegel (Logik S. 153) zeigt, ein Korrelat- 
begriff, d. h. eben nur am Begriff: „Endlich" zu entwickeln; das Un- 
endliche ist unendlich nur in seiner Beziehung auf das EndUche und 
das Endhche ist endlich nur in seiner Beziehung auf das Unendliche. 
Ja, Hegel geht noch weiter, indem er sagt: Auch abgesehen von 
der gegenseitigen Beziehung — hat jedes der beiden das Andere 
seiner an sich („an ihm") selber (S. 153). AVenn man das Unendliche 
ohne Beziehung aufs Endliche nmmit, es als Eines der beiden 
stellt: so ist es endlich, es ist nicht das Ganze, sondern nur eine 
Seite, es hat an dem Gegenüberstehenden seine Grenze; es sind zwei 
Endliche vorhanden, (S. 156) und andererseits: Das Endliche, als 
für sich vom Unendlichen entfernt gestellt, ist diese Beziehung auf 
sich (S. 156), in welcher seine Relativität, Abhängigkeit, Vergäng- 
lichkeit entfernt ist, es ist dieselbe Selbständigkeit und x\ffirmation 
seiner, welche das Unendliche sein soll (S. 157). So verhält es sich 
mit der Begründung, der Erzeugung des Unendlichen; und wie steht 



Der Marburger Logismus und sein Verhältnis zu Hegel. 19B 

t s um die Quantitätslosigkeit oder Unausgedehntheit des Unendlich- 
Kleinen? Xatorp (S.219) ist zwar der Ansicht, daß dx nicht durch - 
unendliche Teilung (welche nicht mehr Teilung sei) entstanden sei. 
Aber auf welch anderem Wege denn? Natorp exemplifiziert doch 
einmal auf die unbeschränkt fortgesetzte Halbierung einer bestimmten 
Linie: hierbei ergibt sich aber, daß die durch unbeschränkte Hal- 
bierung entstandenen, — wenn zuletzt auch noch so kleinen Abschnitte 
der Linie niemals quantitätlos werden können; wenn aber doch: dann 
entstände die neue Schwierigkeit, daß eine Erzeugung endlicher 
Größen aus dem Quantitäslosen kaum denkbar wäre. Mit Recht 
sagt Natorp (S. 215) selbst: aus Xull wüxl keine extensive Größe, 
sondern nur von Null an, die nicht ein Nichts ist, sondern Existenz 
hat in logischem Sinn, denn der Nullwert besteht als Bezugs- 
grundlage zu jeder Zahloperation, als Grenze, zu welcher hin und von 
welcher her die Zahh^ erte stetig abnehmen oder stetig wachsen (S. 122). 

Da also das Infinitesimale nicht leistet, was Cohen ilim zumutet: 
so steht Natorp als seine eigene die Ansicht auf: Nicht das Unendhch- 
Kleine (das an Größenwert gleich NuU ist (?), ist der ,,wahre"(!) 
Erzeuger der endlichen Größe, sondern: das Gesetz (genauer die All- 
heit des Gesetzes), welches man sich in einen Punkt zusammengezogen 
oder bei der endlichen Größe (der Strecke nämhch) von Punkt zu 
Punkt erstreckt denkt; mit anderen AVorten: nicht das Infinitesmiale, 
sondern das Infinitesimal-Verfahren ist Seinerzeugend. 

Den Sinn des Infinitesimalverfahrens macht Natrop an 2 ,, typi- 
schen" Beispielen klar, nämlich am Gesetz der Fallbewegung und 
an der Kreisgleichung. 

1. Aus der (ohne Differenzial- Rechnung gefundenen) Formel 

für die Endgeschwindigkeit der FaUbewegung v = g . t*) wird — 

durch Vermittlung der Formel für den durchmessenen Raum 

(s = Vo g ■ t^) — für die eiid liehen Zuwüchse A s und J t (an Raum 

Js 
und Zeit) durch Auflösung die Formel — = g • t + ^/g g ' A t 

und für die unbegrenzt der Null sich nähernden, also infinitesimal 

Js 
oedachten Zuwüchse J s und A t die Gleichung — = g ' t ge- 

ZI Jt 



*) V ist Endgeschwindigkeit jedes beliebigen Zeitpunkts; g solche nach 
1 Sekunde; t = die Zeit; s = der durchmessene Raum; ^ = Differenz. 



194 Gustav Körber, 

Wonnen. Dies ist der Ausdruck desselben Gesetzes, welches zuvor, 
ohne die Infmite^bnal-Kechnung für die Endgeschwindigkeit jedes 
Zeitmoments für endliche Größen gefunden war. Es ergibt sich also : 
Das Gesetz, welches für den einen Punkt gilt, bei welchem sich 
das durch die voraufgegangenen Änderungen herbeigeführte p]rgebiüs 
nicht mehr ändert, gilt für jeden Punkt der Änderung, daher in 
der Zusammenfassung (Integration) für den ganzen kontinuierlichen 
Verlauf der Änderung. So ergibt sich als stetige Folge der Endge- 
schwindigkeiten im P'all wieder umgekehrt das Fallgesetz. .Dies ist 
der Sinn des Satzes: Die unendhch vielen unendhch kleinen Ände- 
rungen ergeben das Gesetz für die endlichen Beträge der Änderungen 
(S. 214). 

Noch anschaulicher wkd das Infinitesimal- Verfahren durch das 
Beispiel der Differenziation der Kreisgleichung, welche ja zur Ent- 
deckung des Infinitesmialen führte. Ein in der Kreisperipherie be- 
wegter Punkt wü-d, wenn er von einem bestünmten Moment an seine 
Richtung nicht mehr ändert, sondern die in diesem Moment erreichte 
Richtung innehält: sich in der Richtung der Tangente fortbewegen 
— und mngekehrt entsteht die Kreislinie dadurch, daß 2 Senkrechte, 
deren eine der Radius ist, sich unter Festhaltung des rechten Winkels 
um die Achse r bewegen. Auch hier ergibt sich: das Gesetz für den 
einen Peripheriepunkt, der seine Richtung nicht mehr ändert, gilt 
durch zusammenfassende Integration für alle Peripheriepunkte, 
also für den ganzen Kreislauf. Aus der stetigen Richtungsänderung 
der Tangente ergibt sich das Gesetz der Krümmung der Kurve. 
Es ist also - wie schon bemerkt, das Gesetz (nicht der PunkD, welches 
über dem Punkt und der Strecke steht, aus welchem durch Integration 
extensive Größenbestimmtheit, durch J)ifferenziation punktuelle 
ßestmimtheit hervorgeht, welches die endliche Größe erzeugt. In 
der Allheit des Gesetzes wird das Reale des Vorgangs qualitativ 
bestmimt; sie liefert also das Etwas für die sukzessiven, quantita- 
tiven Wertbesthnmunngen. 

In diesem Infinitesimal- Verfahren zeigt sich somit auch die hohe 
Bedeutung des Prinzips (Denkgesetzes) der Stetigkeit (Kontinuität); 
sie liegt eben in der qualitativen Allheit, d. h. in der Identität 
einer inhaltlichen Bestimmtheit, in welcher die Reihe der diskret 
außereinander hegenden Verschiedenheiten als wurzelhaft Ems gedacht 
ist; auf dem Gebiet der Quantität dagegen, der endlichen Größen 



Der Marburger Logismus und sein Verhältnis zu Hegel. 195 

(auch der bestimmten Zahlwerte) gibt's nur Diskretion, nicht Konti- 
niutät (S. 188). 

Man kann daher nun auch sagen: Nicht der Punkt, sondern die 
Kontinuität des Denkens ist das die endhchen Größen Erzeugende. 
J )ie Kontinuität des Denkens aber ist herstellbar durch das methodische 
:\rittel des Durchgangs durchs Unendliche, wobei das Infinitesimal- 
verfahren die Begriff sgrenzen überschreitbar macht, die wie A und 
Xon-A geschiedenen Fälle unter höherer Betrachtung vereinigt^ 
z. B. die Sekante, die den Kreis an 2 Punkten schneidet, ist in unend- 
licher x\nnäherung an die Tangente als in diese übergehend zu denken 
(oder 2 Parallele in unendlicher Fortsetzung als sich schneidend 
S. 217) — So weit Natoq). Es ist nun die Frage: Leistet das 
Infinitesimal- Verfahren, näher die Allheit des Gesetzes (oder die 
Kontinuität des Denkens), das, was das Infinitesmiale (der Punkt) 
bei Gohen nicht zu leisten imstande ist? 

Da erscheint nun von vornherein N'atorps Versuch gegenüber 
("ohen mi Kachteil zu sein, insofern bei ihm ein bloßes Verfahren 
. Is das die endhche Größe Begründende gilt, während Cohen mit 
dieser Aufgabe doch so etwas wie ein Eeales, Festes, Substanzähn- 
liches (eben den Punkt) betraut. Es ist nicht recht einzusehen, wie- 
so ein bloßes Verfahren, ein Gesetz, eine Rechnung, — mit einem 
Wort: etwas Logisches, Formales — ohne bestünraten Inhalt eine 
ein Etwas erzeugende Kraft haben könne. Natorp sucht zwar dieses 
Formal-Logische, die Allheit des Gesetzes mit einem Gehalt zu füllen, 
indem er sie zu einer qualitativen Allheit stempelt — , aber man 
sieht nicht; mit welch berechtigtem Grunde das geschieht, woher 
auf einmal dieser Inhalt, die Quahtät kommt. Die intensive Größe 
bei Kant, welche zur Unterstützung dieser Ansicht beigezogen wird, 
ist doch etwas anderes als die bloße, inhaltsarme Allgesetzlichkeit, 
übrigens wird ja später (in Kap. VI) mit diesem Begriff „intensive 
Größe" aufgeräumt — dort wo das Wärme-Äquivalent der Bewegung 
in ein bloß mathematisch-quantitatives Verhältnis aufgelöst wird 
(S. 382ff.).^ 

III. Die Zahl als Größe Inhalt erzeugend. 
Die Bedeutung der Kontinuität des Denkens und damit die 
inhalterzeugende Kraft des Denkens tritt besonders hervor in -der 
Kategorie: Zahl (die aUerdings ihrerseits wieder die Inhaltsbestim- 



196 Gustav Körber, 

muiigen der Zeit entwickelt, wovon weiter unten die Rede 
sein wird). 

Die Zahl ist das einfachste Gebilde des reinen Denkens, und als 
solches: Kategorie. Sie wird nicht etwa aus der Verschiedenheit 
schon vorhandener Gegenstände oder TMnge, die man hintennacli 
abzählt, entwickelt, sondern sie hat ihren Ursprung einzig im reinen 
Denken. Thre Erzeugung geschieht in folgender AVeise: Die Absolut- 
heit des Tangentenpunktes, der die Kreislinie erzeugt, in welchem 
die Richtung liegt, ist als Realität auszuzeichnen (Cohen, a a. 0. 
S. 1]0). In der Absolutheit und Urspriinglichkeit der Realität zeigt 
sich die Einheit (S 116). .Diese geht also vorauf, sie ist nicht etwa 
Zusammenfassung der Dinge. Die Kategorie Realität erzeugt daher 
die Zahl (S. 142) 

Die Zahl als Kategorie ist nun das Mittel zur Erzeugung des 
Gegenstands; sie macht den Zerfall (die Verschiedenheit), womit 
die Empfindung bedroht ist, vermeidUch; sie bringt die Inhaltselemente, 
die in den Zeitbestimmungen Antezipation und Rückschau liegen 
zur Entwicklung (Cohen S. 133). Xatorp verdeutlicht diesen Hergang 
so: (S. 190 ff.) Die einzelnen, bestimmten Zahlwerte sind als 
endliche Größen diskret. Das durch die diskreten Zahlwerte ent- 
stehende vacuum wird durch die Denkhandlung (objektive Relation) 
und zwar durch die Stellenordnung (die Grundbeziehung des 
Vor und Xach der Zahlreihe) ausgefüllt. Sonach ist die Zahl im Gat- 
tungssinn das den bestimmten Zahlwerten übergeordnete begriffliche 
Kontinuum. Ahnhch sagt Cohen (S. 141): Das Tnfinitesmiale durch- 
fließt die diskreten Zahlen. .Durch diese ÜI)erordnung der Zahl über 
die bestimmten Zahlen- ist die Zahl als Größe (als Variable) einge- 
führt, und hiermit ist dem Denken die Möglichkeit gegeben, das 
Sein zu erobern. .Die Zahl als begriffliches, den bestmimten Zahl- 
werten übergeordnetes Kontinuum (als Größe) gibt dem bloßen: 
„Wieviel" der Zahlen ein Substrat, ein Etwas. .Oie Zahlen sind 
nun Zahlen von Etwas (von Gegenständen); letztere sind also nicht 
durch Anschauung gegeben. Ähnlich ist Cohens Darlegung im Al>- 
schnitt: „Urteil der Mehrheit'' (S. 126 f.). Er läßt dort das Hinzu- 
treten des B zu A, genauer das Erzeugtwerden des B zu A allein durch 
unsere Tätigkeit des Hinzufügens — deren Symbol das Pluszeichen 
ist, sich vollziehen. Die Formel hierfür lautet: A + , 



Der Marburger Logismus und sein Verhältnis zu Hegel. 19 i 

nicht A + B (ein bestimmtes Ding), auch nicht A 4- x (ein 
unbestmimtes Ding), 

Diese Darlegung ruft verschiedene Bedenken hervor. Zunächst, 
es geht nicht an, die Zahl als Kategorie, als begTiffhches 
Continuum, als Größe auszuzeichnen; und zwar gerade vom 
Standpunkt der Marburger Philosophie selbst aus, nach welcher 
der Begriff nie vollständig sein will und darf (s. oben), hat 
der Begriff keinen bestinunten Umfang; hingegen muß auch daran 
erinnert werden, daß Cohen im Urteil der AVüidichkeit die Größe 
als Kategorie des Einzelnen bezeichnet und in der Größe eine Ver- 
einbarung von Raum und Zahl sieht, wobei die Zahl (der Mehrheit) 
einschränkend gegen die Allheit wirkt. Sodann aber — auch wenn 
nian die Zahl als Größe behandeln wollte: würde sich alsbald die 
Frage erheben: Woher soll denn dieser Größe die Qualität zu- 
fheßen, ohne welche es wieder keinen Inhalt, kein Etwas geben kann? 

Es wird also wohl bei der älteren Anschauung sein Bewenden 
haben müssen, daß die Zahl aus den zählbaren Gegenständen ent- 
wickelt ist — allerdings mit der einschränkenden Bestimmung, daß 
der Zahlbegriff als Kategorie a priori in uns liegt. 



IV. Raum und Zeit als Bedingungen der Bestimmung der 

Existenz. 

Gleichwie die Zahl Denkfunktion ist, so sind und bleiben 
auch Raum und Zeit Denkbestünmungen: sie sind Weisen, das Mannig- 
faltige in bestimmte Verhältnisse zu ordnen, Gesetzlichkeiten einer 

— nicht vorgefundenen, sondern von uns zu vollziehenden Ordnung 
— , und zwar werden Raum und Zeit der Zahl näher gerückt dadurch, 
daß schon die Zahl ein Nacheinander und Dimensionen aufweist 
(Natorp S. 208). Eine Mehrheit von Richtungen und Dimensionen 
nämhch wird in den eigenen Gesetzen der Zahl gefunden, sie ist nicht 

— wie J. Cohn annhiimt, auf die Verschiedenheit zählbarer Gegen- 
stände gegründet. Vielmehr aus Reihen, deren Glieder selbst wieder 
unendliche Reihen sind, ließ sich eine ^lannigfaltigkeit von Rich- 
tungen gewinnen. (Schema: 

'^o ^0 -0 



Ol li 2, 
0, 1, 2,.) 



198 Gustav Körber, 

.Der Zusammenhang von Kaum und Zeit mit der Zahl liegt auch 
darin vor, daß die Ordnungszahl (Reihenfolge) Ausdruck des-_ 
jenigen Moments ist, welches in einer späteren Entwicklung des 
Denkens die Zeit begründet, die Anzahl Ausdruck desjenigen Mo- 
ments, dgs den Raum begründet (Xatorp S. 107). 

Nach Cohen enthüllt sich die Kategorie Zeit in der Methodik 
der Sonderung (eigentlich Ersonderung), die zugleich Hinzufügung 
ist, als Kategorie un Urteil der Mehrheit und als Bedingung für einen 
Inhalt. Zur Kategorie Raum führt die Erwägung des Inhalts, welchen 
die Allheit erzeugt. Der Raum ist das Korrelat des Außen zum Innen. 
Das Sein muß dem Denken zum Außen werden. Die Leistung des 
Raumes ist das „Beisammen". .Die Zeit ist die Voraussetzung, mit 
welcher der Raum operiert. Zum Behuf der Erzeugung des Inhalts 
verbindet sich der Raum als Allheit mit der Zahl, .t^er Rauin ist 
Kraftraum (Cohen S. 126 ff.). 

Raum und Zeit sind — wie gesagt, zunächst Denkbestimmungen, 
mathematische Gebilde, aber sie haben noch eine weitere Bedeu- 
tung; sie haben nämlich Bezug auf die Existenz. Raum und Zeit 
sind die Bedingungen der Bestimmung der Existenz in möglicher 
Erfahrung (Xatorp S. 209). In Raum und Zeit oder besser als Raum 
und Zeit wird die Zahl konkret, Zahl der ])inge, Zahl der Existenz. 
Raum und Zeit sind die Bedingungen der Erfahrung, werden 
aber nie selbst Erfahrung. Der Begriff; Bestimmung des Gegen- 
stands ist Erfahrung. Erfahrung ist das zu Ende geführte Verfahren 
des Denkens. Existenz ist Bestimmtheit des .Denkens, die nichts 
unbestimmt läßt. Existenz ist als Begriff den Gesetzen des Begriffs, 
also den Gesetzen des Denkens unterworfen (Natorp 302). 

Man kann für die Richtigkeit dieser Sätze eintreten und die Be- 
deutung der „Denkbestimmungen" Raum und Zeit für die Ent- 
stehung von Erfahrung und Existenz als Begriff vollauf anerkennen: 
man muß aber alsbald an die unausweichlichen Schranken erinnern: 
auf welche diese Bestimmungen des reinen Denkens unweigerlich 
stoßen. Man hat mit diesen .Denkbestmimungen doch weiter nichts 
erreicht, als den Begriff Gegenständlichkeit, bestenfalls den 
Begriff: „einzelner Gegenstand" oder den Begriff: ,Existenz" 
(Erfahrung), weiter nichts. Aber jenseits dieses Bereiches des reinen 
.Denkens breitet sich die Welt des Seins, der Wirklichkeit auS; als 
ein ins Logische nicht aufzulösendes Transzendentales, als ein dem 



Der Marbiirger Logismus und sein Verhältnis zu Hegel. 199 

Logischen nicht erreichbarer irrationaler Rest. Gewiß: Raum und 
Zeit sind subjektive Anschauungen; aber — wie Ed. v. Hartmann 
in seinem transzendentalen Realismus nachweist: entspricht der sub- 
jektiven Raumvorstellung ein objektiver Raum (sonst könnte 
man sich die Drehung des Auges nicht erklären oder die gegenseitige 
Entfernung di'ei Lichtfjuellen vom Auge durch Abschreiten des be- 
treffenden Raumes nicht feststellen (v. Hartmami, Kateg.-Lehre 
S. 128 f.); und die Zeitlichkeit ist nicht bloß Form des Vorstellens, 
sondern auch der unbewußten Vorgänge, denn wir denken die 
ZeitHchkeit nicht durch Willkür, sondern durch unbewußten Zwang 
a. a. 0. S 87) Gewiß treten nicht die „Abbilder" der 7)inge, sondern- 
nur Zeichen derselben, in unser Bewußtsein, gewiß sind Erscheinung 
und Ding an sich verschieden: aber ebenso gewiß ist: Die Erkenntnis 
gewinnt einen Sinn nur durch ein Sein, welches Inhalt dieses Sinnes 
ist (Viktor Kraft, Erkenntnis- und AVeltbegriff Kantstud. 1913). 
Gewiß ist „Existenz, Gegenständhchkeit" ein Begriff und als solcher 
den Gesetzen des Denkens unterworfen; aber ebenso gewiß ist das 
von unserem Denken unabhängige, in der Form der GegenständUch- 
keit Existierende. Diesen Sachverhalt hat Bruno Bauch in einleuchten- 
der Weise dargetan; er sagt (in ,,Realism. und Idealism." , Kantstud. 
1915, S. 98): Der Gegenstand außer uns ist unabhängig vom Subjekt 
und dem Erkennen — aber nicht von der Erkenntnis, viehnehr 
objektiv zu sichern ist die außersubjektive Realität des Realen allein 
durch den mi Begrif der Erkenntnis mitgesetzten Begriff der Gegen- 
ständHchkeit der Gegenstände außer uns. Nahe hiermit Ijerührt 
sich die von reahstischer Seite ausgesprochene Ansicht: Wir kon- 
struieren die Dinge zwar, aber wn schaffen sie nicht. 



V. Bedeutung der Anschauung und Empfindung. 

Raum und Zeit scheinen den neuen Denkfaktor ,, Anschauung" 
einzuführen. Aber diese hat keinen Platz im System; denn die An- 
schauung kann dem Denken nichts geben, sie kann selbst nur durch 
das Denken gegeben, d. h. besthnmt werden (Natorp S. 265). Was 
aber hat dann die Anschauung neben dem Denken noch zu bedeuten? 
Natorp antwortet: In der Anschauung wirken die sämtlichen .Denk- 
funktionen oder die in den besonderen Denkgebieten waltenden 
Grundgesetzlichkeiten in ilirer Verflechtung zusanmien (Natorp 



200 Gustav Körber, 

S. 264), Diese Kontinuität des Denkens wird von der Anschauung 
antezipiert (S. 265). In der Anschauung ist das reine Denken konkret. 
Die Anschauung enthält die Kontinuität des Denkens als Problem, 
das allein durch das reine Denken seine Auflösung finden kann. 

Sonach ist die Anschauung die Vollendung der Synthesis des 
Denkens, also das ursprünghchste Denken; sie ist .')etermination 
des Denkens, welche nichts unbestimmt läßt, sie stellt daher den 
Gegenstand als einzelnen (einzigen) der (allgemeinen) Gegenständlich- 
keit gegenüber dar sie ist Wii'klichmachung (actuatio) des Denkens, 
,,sie '"st dessen Prägnanz, den Gegenstand wirklich hinzustellen, ihn 
konkret, d. h. in voller Gegenständlichkeit, nicht bloß in unbestimmt 
bleibender Allgemeinheit der Kegel — , nicht bloß zu bedingen, allenfalls 
zu fordern, sondern zu geben" (Natorp S. 271). Hiernach ist also 
der Anschauung — im Gegensatz zu Kant — ihr Platz im System 
nach den Denkbestimmungen anzuweisen (s. oben). Ganz ähnhch 
weist Cohen der ,,Empfindung" das Problem für das Denken zu 

— und zwar ebenfalls ist dies Problem : das Einzelne. Im (,, kritischen") 
Urteil der Wirklichkeit komuit das Problem des ,, Einzelnen", welches 
in den 9 früheren („nai\en") Urteilen nicht gelöst werden konnte, 
zur Lösung (in den „naiven" Urteilen ist nämüch da's „Einzelne", 
das Individuum, zu welchem der Systemgegenstand wurde, nur 
Wech seibegriff zur Gattung und allenfalls zur Sammlung von Organen, 
deren Einheit das Individuum bildet). Eben bei der Lösung des 
Problems des Einzelnen ist die Empfindung von Bedeutung - 
aber nur in dem Sinne, daß die Enipfindung einen Anspruch anmeldet 
(eben den des Einzelnen), welchen dann die logische Definition be- 
glaubigt; die Empfindung — welche nur psychologische Bewußt- 
heit, nicht letzter Ausdruck des Bewußtseins ist — stammelt 
nur, das Denken erst erschafft das Wort, es gibt dem dunkeln .Drang 
der Empfindung die Richtung auf das Ziel. Das Denken nur kann 
das Problem des Einzelnen bewältigen, den Anspruch des Einzelnen 
formulieren und befriedigen. 

Wie man sieht, enthalten diese Cohenschen Darlegungen — 
trotz aller versuchter Abschwächung der Bedeutung der Empfindung 

— ein wertvolles Zugeständnis zugunsten der letzteren. Die Empfin- 
dung meldet den Anspruch des Einzelnen an; sie stammelt die 
Laute, aus welchen das Denken das ,,Wort" bildet. Nun — das 
genügt, mehr ist nicht nötig, um der Empfindung eine gewisse Bedeu- 



Der Marburger Logismiis und sein Verhältnis zu Hegel. 201 

tiing ZU sichern. Angesichts dieses Zugeständnisses dürfte der ge- 
rügte Fehler Kants, daß er die Wirkhchkeit auf den Zusammenhang 
mit der Empfindung gründe, ebenso wenig ins Gewicht fallen, wie 
die Einsicht der neueren Physiologie, daß der Eigenwert und die 
Selbständigkeit der Empfindung aufzugeben sei, und daß bei der 
Wahrnehmung das Schließen mitwirke; — letzteres bedeutet doch 
nicht ein vollständiges Ausschalten der Empfindung. 

Wie in diesem Abschnitte ein Hinweis auf Etwas, das nicht 
im Denken gesetzt ist, sich findet: so liegen auch in anderen Teüen 
des Systems Andeutungen vor, welche zeigen, daß das wirklich Vor- 
handene nic-ht in lauter logische Beziehungen und mathematische 
Größenverhältnisse sich auflösen läßt, daß nicht allüberall nur Wechsel- 
bezügiichkeit zwischen an sich unselbständigen, blos relativen Ele- 
menten, Beziehungen stattfinden, w^elche den Bezugsgliedern vor- 
ausgehen sollen. 

Da ist beispielsweise der Begriff Energie, welche ah neue 
Leistung — durch Erhaltung da>s Prmzip der Kraft vertritt, das 
innerhalb der Kausalität nur durch die Funktion erledigt ward (Cohen, 
a. a. 0. S. 245), die Energie, welche die Heterogenität vermeidet: 
X soll nicht als äußere Kraft auf y wirken. Jeder Anhub der Bewe- 
gung muß reinen Ursprungs sein, so bleibt y verschieden und x =- 
die Kraft vertritt in allen Selbstv^erwandlungen den eigenen reinen 
Ursprung. Gewiß — aber Energie ist doch als etwas Dynamisches ein 
alogisches Prinzip, und kann nicht in logisch-mathematischen Be- 
stmimungen erschöpft werden. 

Da ist ferner der Begriff: Gegenstand bei Cohen mi „Urteü 
des Begriffs". Galt zuerst für den Gegenstand als Körper, daß 
er sich zw^ar einerseits von der Methodik emanzipiere, andererseits 
aber den Inbegriff der Gesetze bedeute (S. 274), so heißt es vom 
biologischen Gegenstand (dem Individuum): Dieser Gegenstand 
löst sich in den 2s a t Urformen als L eb ensf orrcen von der methodischen 
Abstraktion ab und wird konkret. Hier wird also ausdrücklich die 
Unabhängigkeit des Gegenstands .von der ^lethodik ausgesprochen. 

Das Entscheidende aber liegt in der erwähnten Annahme, daß 
die Empfindung den Anspruch des Einzelnen für das .Denken 
anmeldet. Mit dieser Annahme rückt der Marburger Logismus in 
die umuittelbare Xähe Hegels. Hegel geht in seiner Phänomenologie 
(S. Töf. der Berliner Ausgabe 1832/45) vom sinnlichen ., .Dieses und 



202 Gustav Körber, 

Jenes" als dem Gegenstand der sinnlichen Gewißheit aus, und lätt 
dann das Denken vom sinnlich Individuellen zum Allgemeinen als dem 
Inhalt des Begriffs sich erheben, und zwar ist es die Einzelnheit, 
die wir von dem einzelnen Ding (dem einzelnen Stein oder Haus) 
abstrahieren. Das ,. Einzelne" ist also Gedankending, wenn man 
will „Kategorie" — wie bei Cohen — , aber „angemeldet" (könnte 
man mit Cohen sagen) durch die Empfindung vom einzelnen Ding 
<dem einzelnen Stein oder Haus), und ebenso in dem Entwurf zur 
philos. Propädeutik (Hegel- Archiv v. Lasson, Bd. 1 Heft 1) §8: 
Das Wahrnehmen hat das Sinnliche, aber darin zugleich das All- 
gemeine zum Gegenstand, eine Vermischung von sinnlichen und 
Verstandesbestimmungen. Zu letzteren gehört die Bestimmung: 
Einzelnheit. 

Es gibt also doch Verbindungsfäden, die vom Marburger Logis- 
mus zu Hegel hinleiten. Von ersterem kann nur geurteilt werden: 
daß er das Sein umklammere, nicht erzeuge. Etwas anderes wollte 
auch Hegel nicht; denn daß er das Sein aus dem schöpferischen Denken 
hervorquellen lassen wollte, ist ihm zu Unrecht aufgebürdet worden, 
wie obige Sätze aus seiner Phänomenologie zeigen. 



X. 

Die Historik Wilhelm Diltheys. 

Eine Skizze. 

Von 
Max Pomtow. 

Eine Anschauung über die Leistung der systematisclien Geistes- 
wissenschaften ist bei DiKhey ohne Schwankung und Veränderung ge- 
bheben: Ihre Erkenntnisse sind grundlegend für die ErfüHung der 
letzten Aufgaben der Geschichtswissenschaft. Wie durch ihr Zu- 
sammenwirken die geistige Welt, jener große gesellschaftliche Gesamt- 
zusammenhang, sich aufbaut — ja wie in letzter Instanz dieser Aufbau 
nur ein Sichganzklarmachen, Sichbewußtmachen des logischen Zu- 
sam.m,enhangs zwischen den Einzelwissenschaften ist^) — , so ist, was 
sie erarbeitet haben, auch das ¥iittel, mit dem die Geschichtswissen- 
schaft sich auf eine neue Stufe wissenschaftlicher Erkenntnis erhebt. 

Als eine besondere Klasse von Geisteswissenschaften tritt diese 
den systematischen Geisteswissenschaften gegenüber. Universal- 
geschichte ist ein singulärer Zusam.menhang mit dem Gegenstand 
Menschheit und dadurch von jenen Wissenschaften der durch Ab- 
straktion und Analysis herausgehobenen Teilzusammenhänge nach 
Ziel und Methode verschieden, wenn auch beide Klassen sich stets 
ergänzen und aufeinander beziehen.^) Geschichte, nach ihrer charakte- 
ristischen Doppelbedeutung sowohl Inbegriff der historischen Objekte 
als Gesamtheit der historischen Erkenntnis bezeichnend, wird beider- 
seits von bilthey in sehr weitem Um.fang genommen. Wenn es von 
jeder Wissenschaft gilt; daß ihre Einheit durch eine abgrenzbare Gegen- 



^) Einleitung in die Geisteswissenschaften. Bd. I, 1883, S. 142. 
2) Der Aufbau der geschichtl. Welt in den Geisteswissenschaften. 
Abhandlungen d. Berl. Akad. 1910, S. 76 f. 

Archiv für Geschichte der Philosophie. XXX. 3. 15 



204 Max Pomtow, 

ständlifhkeit begriiiidct wircP), so ist der Gegenstand der Geschichte der 
weiteste. Jede Lebensäußerung des Geistes ist morgen, wenn sie dasteht, 
Geschichte. Jedes geistige Tun trägt den Charakter der Historicität.^) 
Die Geschichte einzuschränken aruf das Zusammenwirken von Men- 
schen zu gemeinsamen Zwecken — also auf den Menschen als soziales 
Wesen — wird ausdrücklich abgelehnt, mit den AVorten: ,,Der ein- 
zelne Mensch in seinem auf sich selber ruhenden individuellen Dasein 
ist ein geschichtliches AVesen".^) Und wenn er von dem. Interesse 
spricht, „das der denkende Mensch der geschichtlichen Welt ent- 
gegenbringt'""), so ist eine Mehrzahl von Interessen gemeint, die nicht 
zu einem Ziel der Erkenntnis streben und nicht mit einer Art des 
Forschens zu befriedigen sind. Zu eng dagegen wird dem Historiker 
erscheinen, was Dilthey über den Ursprung der Geschichtschreibnng 
äußert: „Ausschließlich aus dem Bedürfnis eines freien, anschauenden, 
von dem Interesse am Menschlichen innerlich bewegten Überblicks 
entstand die Geschichtschreibung".''') — Es ist dabei u. a. die eine 
AVurzel der Historiographie außer acht gelassen, jene zweite neigen 
der Erzählung Herodots, die mit Königs- und Bearatenlisten und 
Priesterverzeichnissen, mit Genealogien, mit Jahrestafel und Stadt- 
chronik unmittelbar aus dem öffentlichen Erleben und Bedürfen er- 
wachsen ist. 

AVas über den Grundcharakter der Geisteswissenschaften im all- 
gemeinen von Dilthey entwickelt ist, gilt ganz besonders für die Ge- 
schichte. Der Zusammenhang von Erleben, A^erstehen und Begreifen hin 
über seelische Totalität, Individualität und Singularität; dieZusam.men- 
gehörigkeit von Leben und Wissenschaft; deshalb das Zusamnten- 
wirken von Wissenschaft m.it Lebenserfahrung und Kunst; die Unab- 
trennliarkeit von theoretischen und praktischen Sätzen — das alles 
.sind ebensoviel grundlegende AVahrheiten der Historik, 3a sie sind 
vor allem aus dem historischen Betrieb abgeleitet. Hier treten denn 
auch die allgemeinen Problenu' der Geisteswissenschaften, herfließend 
letzten Endes aus dem AVidcrstreit von Lebensmacht und wissen- 



3) ebda. S. 58. 
*) ebda. S. 78. 

5) ebda. S. 64 f. 

6) Dds Wesen d. Philos. Kultur der Gegenwart. Bd. 1, T. VL 2. Aufl., 
190S, «. 3. 

") Einleitung S. 48. 



Die Historik Wilhelm Diltheys. ' 205 

schaftlicher Tendenz, mit verstärkter Deutüchkeit und Zuspitzung her- 
vor. Wie läßt sich Lebenswirkhchkeit zu objektivem Wissen unter 
Erhaltung ihrer realen Potenz umformen? Wie kann ^ das ist der 
Kern der Schwierigkeit — gegenständüches Erkennen und Kausal- 
betrachtung mit Wertgeben und Zwecksetzen vereinigt werden? Und 
wie kann „'^er grenzenlosen Vieldeutigkeit des historischen vStoffes" ein 
Einblick in Sinn und Bedeutung des Geschichtlichen abgewonnen 
werden? Diesen großen Fragen zusammen hatte Dilthey eine eigene 
Lösung gefunden. In ein und derselben Hauptanschauung ersieht er 
den Abschluß der geschichtlichen Wissenschaft und den ScUüssel der 
geschichtlichen Welt. Es ist, wie er es nennt: ,,die Zentrierung der 
AVirkungszusammenhänge'\ Wirkungszusammenhänge sind die über 
das Individuum hinausgreifenden Gesamtheiten, Leistungen und Bil- 
dungen in Geschichte, Gesellschaft und Kultur, also die sozialen 
Organisationen und -die „Kultursystem.e'\ Recht, Kunst Religion us\\'., 
ferner Zeitalter, Xationen, kurz alles, was im Zusam.menwirken der 
Einzelmenschen entsteht. Jeder einzelne dieser Wlrkungszusaminen- 
hänge hat durch Setzung von Werten und ReaHsierung von Zwecken 
seinen Mittelpunkt in sich selber. Die Teilzusamm.enhänge sind 
strukturell zu größeren Ganzen verbunden, die wieder in gleicher 
W^eise zentriert sind. Zusammen bilden sie die geschichtliche Welt 
als den allumfassenden, in sich zentrierten Whkungszusammenhang.^) 
Man sieht, wieviel Grundforderungen der historischen Erkenntnis- 
lehre Diltheys mit Einem Schlag befriedigt wurden in sol<'her Ge- 
staltung des Geschichtlichen — in diesen seehschen Totalitäten oder 
genauer Strukturzusanmienhängen zweiter Ordnung, wie man sie 
nennen könnte. 

Damit steht die eine Hauptaufgabe der Geschichte fest. „Über 
alle Abbildung und Stilisierung des Tatsächlichen und Singularen 
hinaus will das Denken zur Erkenntnis des Wesenhaften und Kot- 
wendigen gelangen: es will den Strukturzusanmienhang des indi- 
viduellen und gesellschaftUchen Lebens verstehen."^) Zu dem Er- 
fassen des Unveränderhchen und Regelhaften in den geschichthchen 
Vorgängen strebt historisches Denken. Den „ersten Gegenstand des 



Aufbau der geschichtl. Welt S. 68. 
Wesen d. Pliilos. S. 3. 



15* 



206 Max Pomtow, . 

Studiums'' nennt er es einmal.^") Kein Widerspruch ist es, wenn er 
an anderer Stelle sagt, daß ,.in allen Wendungen der gescliichtliehen 
Methode Objekt immer der Mensch" ist. Denn ,,bald als Ganzes, 
bald in seinen Teihnhalten, sowie in seinen Beziehungen", fügt er 
hinzu. ^^) In ,, Teilinhalten und Beziehungen" ist alles Überindividuelle 
der Geschichte enthalten. — Somit bleibt hier im wesentlichen nur 
dieselbe Forderung wie in dem alten treffüchen Verlangen von Ottokar 
Lorentz, daß diese großen überindividuellen Zusammenhänge nicht be- 
handelt werden dürften, als wenn sie sich auf dem Monde abspielten, 
sondern in steter Bezugnahme auf den lebendigen Menschen. Wie weit 
schon im Jahre 1883 Dilthey davon entfernt war, die Geschichte ledig- 
lich für eine „idiographische oder Wirklichkeits\nssenschaft" zu er- 
klären undauf das Besondere, Singulare und Individuelle zu beschränken, 
zeigt deuthcher als anderes seine Kritik Rankes in der „Einleitung". Er 
spricht von der Künstlernatur Rankes, die — dies seine Grenze — vor 
der Analyse und dem begrifflichen Denken über die Zusammenhänge 
der Geschichte Halt gemacht hätte. Ein Ziel der Geschichtswissen- 
schaft — die Darstellung des singularen Zusammenhangs — sei ihm 
das Ziel gewesen. Er nennt das seine dichterische Stimmung gegen- 
über der geschichtUchen Welt.^^) Freilich diese Auffassung des Singu- 
laren, Individuellen bildet so gut einen letzten Zweck als die Entwick- 
lung der Gleichförmigkeiten. 13) „Denn das Bedürfnis, auf dem sie 
beruht, ist unvertilgbar und mit dem Höchsten in unserem Wesen 
gegeben."!^) gomit sind im Erkennen der Geschichte positive und 
theoretische Ergebnisse koordiniert. Und dazu treten die praktischen 
Aufgaben: zu Tatsachen und Theoremen Werturteile und Regeln.^^) 
Kann die Geschichte das Leben belehren? Das Leben sowohl 
der Einzelnen wie der Gesellschaft? Auf dem Boden seiner Struktui- 
lehre der Geschichte glaubt Dilthey für diese so oft und so brüsk 
verneinte Frage eine Bejahung finden zu können. Von den imma- 
nenten Beziehungen aus, die im Whkungszusajumenhang der ge- 
schichtlichen AVeit zwischen whkender Kraft, Werten, Zwecken, Be- 



10) Geschichtl. Welt S. 120. 
") Einleitung S. 488. 
") ebda. S. 28. 
") ebda. S. 33. 
") ebda. S. 114 f. 
") ebda. S. 33. 



Die Historik Wilhelm Diltheys. 207 

deutung und Sinn bestehen, ist eine Lösung des Problems möglich, 
die Zukunft vorauszusagen und unser Lelien in gemeinsame Mensch- 
heitsziele einzuordnen.^^) „Nur soviel Macht gewinnen wir über das 
gesellschaftliche Leben, als wir Regelmäßigkeit und Zusammenhang 
(in der Geschichte) erfassen und benutzen."^") Ferner kann nur mit 
Hilfe der geschichtlich-theoretischen Forschung das dem Menschen 
Wertvolle und die Regeln für das Tun der Gesellschaft mit irgend 
einer Aussicht auf allgemeingültige Fassung untersucht werden. ^^) — 
Das ist nun der genau entgegengesetzte Standpunkt zu jener Rich- 
tung in der Geschichtstheorie, die, wie z. B. Heinrich Rickert es tut, 
mit einer theoretischen Geschichtslehre den Sturz aller Ideale und 
des menschlichen Idealismus herannahen sieht. — Doch diese Fähig- 
keit, vorauszusagen und damit die gesellschaftliche Zukunft durch 
die geschichthche Vergangenheit zu leiten, ist der Zukunft vorbehalten. 
Heut und immer ist eine andere Auswirkung der Historie ins Leben 
vorhanden, die auf den inneren Menschen, die Seele geht. Historie 
ist es neben Dichtung, die, indem sie in großen Zügen Menschen- 
schicksal zeigt, unsere individuelle Lebenserfahrung im Eigenleben 
und in der Gesellschaft ergänzt. ,,x\lles wirkt zusammen, damit der 
^Mensch freier werde und offen für die Resignation und das Glück 
der Hingebung an die großen Objektivitäten des Lebens.''^^) Oder, 
wie er ein andermal von dem Miterleben der Vergangenlieit sagt: es 
,, erweitert sich unser Wesen und psychische Kräfte, die mächtiger 
sind als unsere eigenen, steigern unser Dasein".^) — Eine dürftige, 
in einseitigem Utilitarismus veräußerlichte Auffassung von Wissen- 
schaft, die von England und iVmerika ausgegangen, jetzt auch m 
.'Deutschland namhafte Vertreter hat, sieht den Inbegriff von Wissen- 
schaft und Wahrheit im Nutzen für das Leben. Kurzweg definiert 
oder dekretiert Wilhelm Ostwald: ,, Wissenschaft ist Voraussagen". 
J)a Geschichte das zurzeit nicht leistet, wird sie des Ranges der Wissen- 
schaft entkleidet. Daß der handelnde Mensch noch lange nicht der 
ganze Mensch ist, scheint er gerade so wenig zu wissen, wie daß das 
Handeln noch durch andere Momente als das bloße Vorauswissen 



1«) Geschichtl. Welt S. 86 f. 

1') Wesen d. Philos. S. 3. 

18) Einleitung 8. 122. 

") Wesen d. Philos. S. 65. 

20) Einleitung 8. 114 f.. 



208 M<ax Pomtow, 

der äußeren Folgen unseres Tuns geleitet wird. Dabei hat schon 
Jakob Burckhardt in seiner unübertrefflichen Art gesagt, was 
geschichtliche Erkenntnis leistet und nicht leistet: nicht klug zu 
machen für einen Fall, sondern weise für allemal. Am Ende ein 
Höheres! In der ,, Einleitung'' erinnert Dilthey an Carlyles tiefes 
Wort von der doppelten Aufgabe der Geschichte: „AVeises Erinnern 
und weises Vergessen, darin liegt alles."2i) Wissenschaft und Weis- 
heit — man sollte denken, diese zwei Begriffe gehörten gut zusammen 
und stünden sich etwas näher als Wissenschaft und Technik oder 
Nutzen irgend äußerer Art. 

Es ist interessant — von Dilthey nicht besonders hervorge- 
hoben — , daß von beiden Arten historischer Wirklichkeitserkenntnis, 
von der Erfassung sowohl des Besonderen wie des Allgemeinen, sich 
je ein Tor öffnet, durch das historische Wissenschaft zur Wirkung 
auf das reale Leben zuriickkehrt oder aufsteigt: vom x\nschauen 
des Individuellen führt der Weg znr Vertiefung und Bereicherung der 
eigenen Seele, von den Theorien der geschichtlichen Zusammenhänge 
führt er — oder wird er einst führen — zu Voraussage, zu allgemein- 
gültiger Erfassung von Wert und Xorra, durch dies beides zur Be- 
einflussung der gesellschaftlichen Weiterent^^'icklung. — 

Für die historischen Arbeitsweisen gilt im allgemeinen, was Dilthey 
von der allgemeinen Methodenlehre der Geisteswissenschaft aufgestellt 
hat. Auch hier ist die Grundtatsache, daß wir im Gegensatz 
zur Naturwissenschaft zuerst wissen und verstehen, um allmählich 
zu erkennen. Das in unmittelba"rem Wissen und Verständnis von 
uns besessene Ganze wird stufenweise durch Analysis und begriff- 
liche Bearbeitung der Erkenntnis zugänglich. So baut sich das Ob- 
jekt selber erst auf vor den Augen der fortschreitenden Wissenschaft. 22) 
Oder, wie es ein andermal formuliert w^ird, der ganze Prozeß besteht 
darin, sich immer tiefer in die geschichtliche Wirklichkeit einzu- 
bohren — sich mit allen Gemütskräften zu versenken -^, ferner immer 
mehr aus ihr herauszuholen, endlich sich immer weiter über sie zu 
verbreiten. 23) Und zwar bohrt sich die Wissenschaft von zwei Seiten 
aus inuner tiefer in diese Wirklichkeit ein: vom Erleben der eigenen 



21) ebda. S. 41 

22) ebda. S 135 i 

23) Geschichtl. ^^'elt Ö. 4(5. 



Die Historik Wilhelm Diltheys. 209 

Zustände und vom Verstehen des in der Außenwelt objektivierten 
Geistigen"^"*), worin die fremde Individualität eingeschlossen ist. 

Viel hat Dilthey über das Hauptinstrnment der Geschichtschrei- 
bung, das nachbildende Verstehen nachgedacht. Es bedarf kaum 
des Hinweises, daß es vor allem die historisch gegebenen Züge sind, 
die wir aus der Innerlichkeit unseres Seelenlebens verstehen. ^^j Eigen- 
artig ist seine Lehre von der Interpretation und ihrer Theorie, 
der Hermeneutik, jener besonderen Abart des Verstehens, ,,auf der 
alle Sicherheit der Geschichte beruht". ,, Kunstmäßiges Verstehen 
von dauernd fixierten Lebensäußerungen nennen wir Auslegung oder 
Interpretation"^^) — lautet die Definition. Zwei Momente wii'ken 
zusammen: auf der einen Seite persönliches Virtuosentum des Philo- 
logen oder, allgemeiner gefaßt, ein Genialisches, das erst durch innere 
Verwandtschaft und Sympathie einen hohen Grad von Vollendung 
erlangt: auf der andern Seite ein Kanon von Kunstregeln, die den 
Ertrag persönlicher Kunst überliefern. ^'j Von der logischen Seite 
betrachtet, stellt sich das Verfahren der Auslegung dar als Erkennen 
eines Zusammenhangs aus nur relativ bestimmten einzelnen Zeichen 
unter beständiger Mitwirkung des vorhandenen grammatischen, logi- 
schen und historischen Wissens. Induktion, Anwendung allgemeiner 
Wahrheiten auf einen besonderen Fall und Vergleich vereinen sich.^^) 
.')er Zirkel, daß aus einzelnen Worten und Verbindungen das Ganze 
des AVerks zu verstehen ist und dabei das Verständnis des Einzelneu 
das des Ganzen voraussetzt, gibt theoretisch die Grenze aller Aus- 
legung. Sie vollzieht ihre Aufgabe immer nur bis zu einem gewissen 
Grade. ^^) Und doch steht Auslegung gegenüber anderen Arten des 
Verstehens soviel günstiger da durch die Gegebenheit ihres Objekts, 
daß Dilthey von ihr sagt: „Verstehen wird nur Sprachdenkmalen 
gegenüber zu einer Auslegung, welche Allgemeingiütigkeit erreicht. "'^j 



24) ebda. S. 47. 

25) Wesen d. Philos. S. 38. 

-^) Die Entstehung der Hermeneutik. SigWf.rt, Abhandlungen. 
Tübingen 1900. 

2') ebda. S. 190. — Beiträge zum Siudium der Individualität. Sitzungs- 
berichte d. Berl. Akad. Jahrg. 1896, I, S. 310f. 

28) Hermeneutik S. 201. 

29) ebda. 

30) ebda. S. 202. 



210 Max Pomtow, ; 

Die Hermeneutik hat noch eine zweite Hauptaufgabe neben der 
Analyse der Intei-pretation: „Sie soll gegenüber dem, beständigen 
Einbruch romantischer AVillkür und skeptischer Subjektivität in das 
Gebiet der Geschichte ' die Allgemeingültigkeit der Interpretation 
theoretisch begründen."^^) Auf die Frage nach der Sicherheit der 
historischen Quellenberichte, der geschichtlichen Zeugenaussage über- 
haupt, ist Dilthey nirgends eingegangen. Diese heute immer dring- 
licher emportauchende Grundfrage aller historischen Kritik blieb 
wohl deshalb so ganz bei Seite, weil er in all diesen methodischen 
Fragen wesentlich zur Rankeschule sich gehalten haben wird und 
sich wohl nicht für berufen hielt, hier Xeues beizubringen. 

Unter allen begriffhchen Verfahrungsweisen steht Analysis des 
unübersehbar konkreten und ungeheuer komplexen geschichtlichen 
Verlaufs an erster Stelle. Sie ist der Hebel für den Fortschritt sowohl 
der allgemein geisteswissenschaftlichen wie geschichtlichen Erkenntnis. 
Freilich die größte Leistung vollzieht sich zunächst neben der eigent- 
lichen Geschichtswissenschaft. Aus der begrifflichen vollkommenen 
Zerlegung des geschichtUchen Gesamtzusammenhangs erwachsen die 
systematischen Geisteswissenschaften. Ihre Ergebnisse übernehmend, 
später auch von den ihren gebend, steht die Geschichtswissenschaft 
neben ihnen. Aber auch innerhalb des eigentlich geschichtlichen 
Arbeitsfeldes findet x\nalysis große Aufgaben und ernste Arbeit. 
Auf die Meister der politischen Analyse weist Dilthey hin, Aristoteles, 
Macchiavelli und Tocqueville; er führt aus, wie gerade dieser, der größte 
Analytiker der politischen Welt seit jenen beiden, aus der Analyse die 
fruchtbarsten Generalisationen abgeleitet habe.^^) So gilt auch für die 
geschichtliche Erkenntnis im Engern Diltheys mahnendes Wort, daß 
die geschichtliche Wirkliclikeit nicht mit Blicken und Gewahi'en zu 
erobern sei, sondern nur durch Analysis, Zerlegung^^) — ein Wort, 
das die Historie mehr als bisher in ihr Gewissen aufnehmen sollte. 

Wie universalgeschichthche Vergleichung allein schon für die Er- 
fassung des Singulären und wie Analogie für die Bildung allgemeiner 
Sätze notwendig erscheint, ist von Dilthey nachdrückhch betont. 

Die historische Begriffsbildung entwickelt sich, indem der un- 
mittelbare Bezug des Lebens zum geschichtlichen Gegenstand ali- 

") ebda. 

32) Geschichtl. Welt S. 31 f. 

33) Einleitung ,S. 118. 



Die Historik Wilhelm Diltheys. 211 

mählich vor emer Richtung zur Allgemeiugültigkeit zurücktritt. 3*) 
Einmal heißt es zwar, daß diese Begriffsbildung beständig durch das 
Leben selber bestimmt wird. Man .sehe „den Zusammenhang, der 
vom Leben, von der — vorwissenschaftHchen — Begriffsbildung über 
Schicksal, Charaktere, Leidenschaften, Werte und Zwecke des Daseins 
beständig zu der Geschichte als Wissenschaft hinüberführt". ^^y — 
Trotzdem, es ist augenscheinlich, daß dieser Zusammenhang sich 
stufenweise abschwächt. Sein Maximum liegt in der Geschichts- 
erzählung und Wiedergabe des Individuellen. Das Extrem stellt 
die aus dem Xacherleben geflossene Biographie dar. Mit jedem 
Schritt zur theoretischen Betrachtung hin tritt stärkere Auflockerung 
der Lebensbeziehung ein. Im ganzen findet so ein langsames Heraus- 
bilden des wahrhaft wissenschaftlichen Begriffs statt aus den im 
Leben selbst vorgefundenen, d. h. den individuell und empirisch ge- 
bildeten, rein praktischen, unter Werten und Zwecken stehenden 
Erfahrungsniederschlägen. Die Wü'kliclikeit verblaßt immer mehr, 
ohne freilich so vöUig wie in der Naturwissenschaft zu verschwinden 
— bisher wenigstens. 

Man weiß, daß auf einer Seite Neigung besteht, die systematische 
Bildung abstrakter rein wissenschaftlicher Begriffe aus der Geschichte 
überhaupt zu verbannen, daß man auf einer anderen versucht, diese 
Begriffe von vornherein mit Beschlag zu belegen als Pertinenzien 
eines Systems der Werte, sei es allgemeiner Kulturwerte oder gar 
absoluter. Jene Abweisung geht aus von Männern der historischen 
Praxis, diese Beschlagnahme von philosophischen Vertretern der 
Methodenlehre und Erkenntnistheorie. Das eine wie das andere wird 
von Dilthey energisch zurückgewiesen. Er tritt für systematische 
Begriffsbildung in der Geschichte ein, er behauptet ihre Notwendig- 
keit wie ihre iVutonomie. Von der Tatsache des Flusses im Leben, 
und dam.it in der Geschichte ausgehend, sagtÄ: ,,IiTig war und ist 
es, wenn man von dieser Voraussetzung aus zur Verwerfung der syste- 
matischen Begriffsbildung auf dem geschichtlichen Gebiet gelangt. 
Ihre Gegner lassen in einer unrepräsentierbaren Lebenstiefe die 
Mannigfaltigkeit des Daseins versinken. "3^) Ebenso klar und ent- 
schieden heißt es über den zweiten Punkt: „Die Begriffsbildung ist 

34) Geschichtl. Welt S. 86 f. 

35) ebda. S. 66. 

36) ebda. S. 89. 



212 Max Pomtow, 

nicht fundiert in jenseits des gegenständlichen Auffassens auftretenden 
Xornien oder Werten, sondern sie entsteht aus dem Zug, der alles 
begriffliche Denken beherrscht, das Feste, Dauernde aus dem Fluß 
des Verlaufs herauszuheben/"^") — Dilthey wiirde befürchtet haben, 
daß mit der systematischen Überordnung allgemeiner oder unbe- 
dingter Werte am Ende wieder ,, verdünnter Saft der Vernunft" in die 
Adern der Geschichtswissenschaft gebracht würde anstatt des warmen 
Blutes vom lebenden Menschen. Der ganze Unterschied gegen früher 
wäre, daß man die alte Oberherrschaft der reinen Vernunft gegen 
die neue der praktischen Vernunft eintauschte. — Vielmehr ist diese 
geschichtUche Begriffsbildung wesentUch auf die große Analysis des 
historischen Objekts gegründet. „Auf der Isolierung der einzelnen 
Kultursysteme beruht die Begriffsbildung, durch welche Zusammen- 
hänge von allgemeinem Charakter in der Geschichtswissenschaft er- 
kannt werden."^^) — Es bleibt Eigengewächs vom geschichtlichen 
Boden, was die Historie, wenn auch zum größten Teil mit Hilfe fremder 
Arbeitskräfte gebaut, hier einerntet. 

So sehr Dilthey die Verbundenheit der Geschichte mit dem Leihen 
und mit seelischer Totalität hervorhebt, so sieht er doch klar, wie 
Abstraktion in alle Regionen der Historie tätig hineingreift, auch 
in die Region der historischen Darstellung, wo nach Wunsch und 
Meinung der meisten Historiker der ganze und leibhafte Mensch in 
aller Unmittelbarkeit und Fülle seines W^esens dasteht. Seine Be- 
merkung, daß die geschichtliche Welt der Archive eine tote Welt 
der Abstraktion sei^^), wird am Ende nur für wenige eine Über- 
raschung sein, desto mehr sein Hinweis, daß gerade das Singulare 
nur mit Hilfe von Abstraktion dargestellt wü'd. Jede Geistes- 
wissenschaft, spricht er aus, abstrahiert. Auch die Geschichte sieht 
von den ewig gleichen Zügen bei Menschen und Gesellschaft al). ,,Ihr 
Blick ist auf das Unterscheidende und Singulare gerichtet"^") — ein 
Wort, das nur von einer Art geschichtlicher Arbeit gesagt ist. Wie 
Düthey vermerkt, ward erst im 18. Jahrhundert und durch Voltaire 
das Alltägliche, allen in einem Zeitalter Gemeinsame berücksichtigt 
und aufgenommen in die künstlerische. Darstellung, der Untergrund 



37) ebda. S. 77. . 

•'S) ebda. S. 99. 

3») Einleitung S. 42. 

«) ebda. S. 34 f. 



Die Historik Wilhelm Diltheys. 213 

des ZU allen Zeiten Gleichen der Menschennatur hat noch heute dazu 
keinen Kintritt.^^} — Somit hat sich, in einer Art Gegenbewegung 
gegen die zu Abstraktion und Theorie führende Hauptströmung, in 
dieser Hinsicht die Geschichts\\'issenschaft neuerdings mehr der kon- 
kreten Whklichkeit des Lebens angenähert. Das Singulare ein Er- 
zeugnis unserer Abstraktion ! Darf man ihn ganz beim Wort nehmen, 
so begrüßt man dankbar Dilthey unter den Vertretern dieser Ansicht. 
Die Haupttätigkeit der historischen Abstraktion liegt in dem 
Gebiet oberhalb und hinter dem Einzelnen und dem Individuellen. 
Es ist die breite Mitte zwischen dem Individuum, und dem verwickelten 
Lauf der Geschichte. Hier 'entfaltet sie sich, herrscht und füllt den 
Raum mit ihren Bildungen. Auf drei große Klassen von Abstrak- 
tionen weist Dilthey hin. Es sind die äußere Organisation der Gesell- 
schaft, die Systeme der Kultur und die Einzelvöll^er. Alle drei sind 
nur in Wechselbeziehung zu erfassen. ^^j Kunst, Wissenschaft, Staat, 
Gesellschaft, Religion sind nebelhafte Wesenheiten, verschleiernd die 
Whkliclikeit des geschichtlich-gesellschaftlichen Lebens.^^) Auch 
solche Denkgebilde wie Gemeinsinn und Geselligkeitstrieb — gewöhn- 
lich als Urkräfte alles Gesellschaftlichen genommen — sind nur ein 
verschleiernder abstrakter Nebel.**) Was bleibt dann aber als die 
geschichtlich-gesellschafthche Wirklichkeit selbst? Zwei Bestimmungen 
werden dafür gegeben. Eimnal: Die Analysis trifft auf Individuen 
und deren prädikative Bestimmungen. Diese Prädikate erscheinen 
als Wesenheiten zwischen und hinter den Individuen und werden 
als solche in Begriffen wie Recht, Religion, Kunst substantiiert.*^) 
Ein andermal wird gesagt: Die Wirklichkeit, welche jene Abstrak- 
tionen verschleiern, ist die Wechselwirkung der psycho-physischen 
Lebenseinheiten. **^) — Unschwer ist beides zu vereinigen. Die großen 
individuellen Prädikate haben sich aus Wechselwirkung gebildet und 
wirken nun- auf diese zurück. Künstlerische Begabung und Sinn ist 
ein Niederschlag aus der spezifischen Wechselwirkung, in der unzählige 
Individuen ungezählter Generationen miteinander gestanden haben. 



") ebda. 8. 114 f. 
*2) ebda. S. 52. 
") ebda. S. 52 f. 
4*) ebda. S. 83. 
*5) ebda. S. 487. 
■»«) ebda. S. 52 f. 



214 Max Pomtow, ; 

und wird die Potenz zu weiteren in Wechselwii'kung mit der Umwelt 
sich vollziehenden Leistungen. Das individuelle Prädikat steht neben 
der interindividuellen Wechselwirkung etwa wie Substanz neben 
Kraft — oder, falls man „modernere" Formeln vorzieht, wie auf- 
gesammelte und ruhende neben aktueller Energie. 

j)ie Vielzahl der von der Geschichte in .i^)ienst genommenen 
Geistes- und Seelenfunktionen steht in AVechselbesttmmung und Zu- 
sammenwii'ken. Das ist eben die Signatur der Geschichte wie all- 
gemein der Geisteswissenschaft. — Schon wenn wir eine Persönhch- 
keit erfassen, sind systematisches Wissen und Verstehen gegenseitige 
Bedingungen.*') Ebenso steht es mit der Begründung des historischen 
Zusamm.enhangs. Sie beruht auf einer gegenseitigen steten Abhängig- 
keit von Kritik, Interpretation und denkendem Zusammennehmen.*^) 
Und die Beziehung zwischen Tatsache, Gesetz und Regel wird ver- 
mittelst Selbstbesinnung erkannt.*^) — Also in der Tiefe unserer 
Seele, wo der psjxhische Zusammenhang ruht, finden wir das Hilfs- 
mittel, um in Verbindung zu setzen, was sich in verschiedene wissen- 
schafthche Welten getrennt zu haben scheint. — 

Der Ertrag aller historischen Verfahrungsw eisen wird nun nieder- 
gelegt in den beiden Hauptformen: der Geschichtschreibung und 
theoretischen Geschichtsbetrachtung. In der künstlerischen Dar- 
stellung, so sagt .Dilthey, wird imnier eine große Aufgabe der Ge- 
schichtschreibung bestehen. Die durch kein Medium veränderte 
Tatsächlichkeit der Wirklichkeit, die nur in der AVeit des Geistes 
für uns besteht, fordern wir.^*^) AVesentlich auf diese künstlerische 
Geschichtsdarstellung wird man zu ))eziehen und einzuschränken 
haben, wenn er einmal sagt: „Das Band zwischen dem Singularen 
und Allgemeinen liegt in der genialen Anschauung des Geschicht- 
schreibers. "^^) Mit wie großer Resignation auch .Dilthey in mehr- 
facher Hinsicht auf die theoretische Geschichtsbetrachtung sieht 
— fraglich, ob ganz mit Recht — , ihre Existenzberechtigung als Aus- 
fluß eines eigenartigen und völlig autonomen Interesses an der Ge- 
schichte zog er nicht in Zweifel. All den Aspirationen von Ge- 



4') Geschichtl. Welt S. 73. 
"8) ebda. S. 94. 
"») Einleitung S. 118 f. 
50) Einleitung S. 114 f. 
-1) ebda. S. 115. 



Die Historik Wilhelm Diltheys". 215 

Schichtsphilosophie, von Sociologie und Völkerpsychologie luid wie 
sonst die Wissenschaften heißen mögen, die freundlich geneigt 
sind, der Geschichte das Amt theoretischer Betrachtungen und 
systematischer Bearbeitung ihrer eigenen Objekte abzunehmen, setzt 
er die alles entscheidende Forderung entgegen: ]Xotwendig für den 
Denker der geschichtlichen Welt ist die direkte Verbindung mit 
dem Eohmaterial und die Herrschaft über alle Methoden der Ge- 
schichte^^) — womit denn diese Herrschaftsgelüste fremder Macht- 
haber auf historischem Boden erledigt sind. 

Dabei hat Geschichte die Verbindung mit anderen Wissenschaften 
stärker als bisher geschehen auszubauen; dazu gehören denn auch 
diese etwas unruhigen Nachbarn, um so mehr, je mehr sie sich auf 
ihrem eigenen Territorium halten. —Von anderen Wissenschaften hebt 
es Dilthey besonders hervor. In weitem Umfang, das erkennt er aus- 
drückhch an, sind die Methoden der Geisteswissenschaften den früher 
entwickelten der Naturwissenschaften angepaßt, so z. B. ist Ver- 
gleichung zuerst in der Biologie entwickelt, dann von den systematischen 
Geisteswissenschaften übernommen worden, so das Experiment aus den 
exakten Naturwissenschaften in Psychologie, Ästhetik und Pädagogik 
übertragen. Gegen eine Diu-chführung solcher Methoden auf ge- 
schichtlichem Gebiet und einen weiteren Ausbau würde Dilthey wohl 
nichts einzuwenden haben. Mit großer Entschiedenheit verlangt er 
enge Verbindung von der Geschichte überhaupt mit Psychologie, 
von der Geschichtstheorie mit Philosophie. Auch für Geschichte 
gilt: Die Sonderung philosophischer und positiver Untersuchung ist 
unhaltbar. Die Begriffe und die elementaren Ausgangssätze sind 
nur mit Hilfe der Psychologie ausreichend festzustellen.^^) In die 
engste Beziehung tritt Psychologie und Geschichte durch eine erst 
beiderseits zu entwickelnde Forschung, die psychologische und die 
historische Ty])enbildung, das große Mittelglied z\dschen empirischer 
und theoretischer Wissenschaft, zwischen wissenschaftlicher Beschrei- 
bung und Erklärung. 

Eine Geschichtswissenschaft, die alle diese Mittel zur Anwendung 
bringt, — kann sie Objektivität und AUgemeingiiltigkeit erreichen? 
In der xVbhandlung über „die Entstehung dei- Hermeneutik" beginnt 



=2) ebda. 

5^) ebda. ö. 60 und 73. 



216 Max Ponitow, 

J)ilthey mit der Frage: Ist wissenscliaftlklie — d. li. zur Objektivität 
erhobene — Erkenntnis der Kinzelpersonen, ja der großen Formen 
singulären menschlichen Daseins überhaupt möglich ?-^^) Die Er- 
hebung des Nachverständnisses vom Singulären zur Objektivität, das 
ist freilich die Voraussetzung wie der philologischen, so der ganzen 
historischen Wissenschaft. Ausdrücklich wird zugestanden, daß auf der 
Allgemeingültigkeit der Interpretation alle Sicherheit der Geschichte 
beruht. ^^) Auch welche Schranken für all und jedes Verstehen un- 
übersteigbar bestehen, ist bereits angegeben. Dazu treten dann die 
besonderen Mängel des historischen Materials. Es bildet eine un- 
endliche, aber unvollständige Masse, aus ganz anderen — als wissen- 
schaftlichen — Interessen geschaffen, gesammelt, gesichtet. Xur in 
zwei Punkten entspricht es wissenschaftlichen Anforderungen: in der 
Literatur für den Verlauf der geistigen Bewegungen im neueren Europa 
und in der Statistik für die Tatsachen des neuesten Gesellschafts- 
lebens, soweit sie zahlemnäßig erfaßbar sind.^*^) 

So steht es denn unverhohlen bedenklich um die Geschicht- 
schreibung. Gewiß auch die Darstellung des einmal Geschehenen 
kann sich auf der Grundlage der analytischen Wissenschaften der 
einzelnen Zweckzusammenliänge einer objektiven Erfassung ihres 
Gegenstandes nähern in den Grenzen der Mittel des Verstehens und 
des denkenden Erfassens. ^^) Aber da die Begründung des historischen 
Zusamnienhangs, als beruhend auf einer gegenseitigen, steten Ab- 
hängigkeit von Ejitik, Interpretation und denkendem Zusanunen- 
nehmen immer zu einem logisch nie vollständig darstellbaren In- 
einandergreifen von Leistungen gezwungen ist, kann sie sich dem 
historischen Skeptizismus gegenü})er niemals .durch unanfechtl)are 
Beweise rechtfertigen. — Und nicht bloß wegen dieses logischen 
Mangels bleibt die Sicherheit des Ergebnisses unnachweisbar. Eine 
wirkliche Sicherheit ist überhaupt nicht erreichbar für die darstellende 
Geschichte. — Urkunden- und Archivkenntnis zwar hält dem Skepti- 
zismus hinsichtlich der Tatsachen völlig Stand. Auf dieser sicheren 
Grundlage baut m.it Hilfe der Quellenanalyse und Prüfung der Ge- 



5*) Hermeneutik S. 187. 

°5) ebda. S. 202. 

5«) Einleitung S. 31. 

5') Stadien zur Grundlegung der Gtisteswissenschafbcn. Sitzungsber. 

d. Bcrl. Akp.d. 1905, I, 8. 322 f. 



Die Fistorik Wilhelm Diltheyö. 217 

Sichtspunkte der Berichterstatter „eine Rekonstruktion auf, die 
historische Wahrscheinlichkeit hat, und der nur geistreiche, aber 
unwissenschaftliche Köpfe die Brauchbarkeit absprechen können''. 
Weit günstiger ist die Stellung der Geschichte gegenüber Massen- 
erscheinungen und vor allem in der Untersuchung künstlerischer oder 
wissenschaftlicher AVerke.^^) ^ 

,,Die Urzelle der geschichtlichen Welt ist das Erlebnis/' Was 
uns in der Nähe umgibt, wird uns zum Verständnismittel des Ent- 
fernten und Vergangenen, unter der Bedingung, daß, was wii* so über- 
tragen, den Charakter der Beständigkeit in der Zeit und der all- 
gemeinen menschlichen Geltung liat.^^) Auf die Erweiterung und Be- 
richtigung, die der individuellen Lebenserfahrung — einer Summierung 
in einer Art unmethodischer Induktion — zuteil wh-d, weist Dilthey 
hin. Es geschieht durch die allgemeine Lebensejiahi'ung, durch die 
Schöpfung eines gemeinsamen Lebens in einer GnJ^pe von Menschen, 
in Sitte, Herkommen, öffentlicher M-einung-.*'°) — Man wird das sehr 
erweitern können und dann den AVeg offen sehen, auf jäem der Historio- 
graph zu einer teilweisen Entäußerung seiner ganz persönlichen Be- 
dingtheit und Beschränktheit kommen kann; den Wfg, auf dem er 
sich alhnähüch von singulärster Subjektivität löst, stufenweise sich 
an eine Art von — dürfen wir sagen? — sozialer Objektivität oder 
relativer Allgemeingültigkeit annähert und zuletzt emporsteigen kann 
zum Repräsentanten seiner Gruppe oder Nation, seii*er Generation 
oder Epoche, zum Exponenten großer Zeittendenzen oder ganzer 
Zeithorizonte. 

Andererseits findet Dilthey bei den großen Historikern wie Ranke, 
aber auch Herodot, Thucydides, Carlyle u. a. eine Verwebung des 
der Dichtung eigenen Bewußtseins vom Leben mit der Geschichte. ^^) 
Er betont, daß die Unmittelbarkeit des Erlebens in seiner 
Fülle und Macht gerade von der Dichtung bewahrt und wieder- 
gegeben wird. — Beides, so darf man weitergehend sagen, die Ver- 
tiefung der eigenen Lebenserfahrung durch das allgemeine Erleben und 
durch eine Art intensiven dichterischen Nacherlebens, vereint sich in 
dem großen Geschichtschreiber. So nur ist er imstande, mit persön- 



58) Geschichtl. Welt S. 93. 

59) ebda. S. 62 f. 
«0) ebda. S. 28. 

") Einleitung S. 488. 



218 Max Pomtow, " 

licher Gewalt die Dinge der Vergangenheit zu erleben und sie zugleich 
aus einem überpersönlichen Standpunkt zu erfassen. Ein nächstes, 
keineswegs letztes Beispiel ist Treitschke. Wie seine mächtige Per- 
sönhehkeit die Glut seiner Liebe und seines Hasses in deii Dienst 
der nationalen Idee stellte, so ward er zum Vertreter jener Ge- 
schlechter und Kj-äfte, durch die das Eeich gebaut ist. Dabei hai 
man bei dem Grad von übei persönlicher Subjektivität, der hier 
erreicht ist, mit Recht empfunden, daß Lebenstendenzen n-oeli 
immer die Interessen der W'"ssenschaft auf den zweiten Platz ge- 
drängt halten. Immerhin mag der Abstand, der eine solche nationale 
Historiographie großen Stils von der Subjektivität des alltäglichen 
Lebens trennt, kaum geringer sein, als auf der andern Seite der Ab- 
stand zwischen jener lebensvollen Nationalgeschichte und der abge- 
klärten Universalhistorie, zwischen Treitschke und Ranke. Und es 
geht, oder wird einmal gehen, noch weiter hinauf auf der unendlichen 
Stufenleiter der Objektivierung historischer J)arsteUung. — 

Wesentlich günstiger als die Geschichtschreibung steht theore- 
tische Geschichtsbetrachtung da. Hier ist sogar, sagt wenigstens die 
., Einleitung' \ eine Behandlung von Geschichte und Gesellschaft mög- 
lich, die der mechanischen Xaturerklärung entspricht. Dazu wäre 
der Gesichtspunkt durchzuführen, daß in allen Wendungen der Me- 
thode, bis hin zur Bildung von zeithchen Durchschnitten oder zur 
Vergleichung etwa des Menschen zur Zeit des Perikles und Leos X., 
das Objekt immer der Mensch ist, bald als Ganzes, bald in seinen 
Teilinhalten sowie in seinen Beziehungen. ^2) — Es ist der Auf))au 
aus Elementen, letzten erkennbaren Bestandteilen, wovon er sich eine 
Geschichtsforschung analog zur Physik verspricht. — Späterhin tritt 
ein anderer Gedanke auf. Die Wirkungszusammenhänge der geschicht- 
lichen Welt mit ihren immanenten Beziehungen zwischen wirkenden 
Kräften, Werten, Zwecken, Bedeutung und Sinn — also mit ihrer 
Zentrierung — , die wir erfahren können, führen die historische For- 
schung nicht bloß in der Richtung auf Allgemein^iltigkeit vorwärts, 
sondern hier spricht Dilthey geradezu von „objektiver Geschichte", 
die damit erreicht ist oder werden kann. ^3) — Auch wer sich gegen- 
über den besonderen Ergebnissen seiner theoretischen Geschichts- 



«2) Geschichtl. Welt S. 86 f. 
63) ebda. S. 95 f. 



Die Historik Wilhelm Diltheys. 219 

forschiing zurückhält, wü'd dem Gesaniturteil, das er über die Sicher- 
heit der Forschlingsresultate in den verschiedenen geschichtüchen Ge- 
bieten fällt, voll beistimmen können: das Unten und das Oben in 
der Historie, Archivforschung hier und systematische Betrachtung 
dort oder Empirie und Theorie der Geschichte — das sind die Ge- 
biete maximaler Erkenntnissicherheit. In der Mitte steht die Ge- 
schichtsdai-stellung, und die muß im allgemeinen sich bescheiden mit 
erweiterter, abgeklärter Subjektivität und einem gewissen, eventuell 
hohen Grad von Wahrscheinliciikeit. 

Vielleicht aber findet Historiographie im AVeiterschreiten ihr 
volles Glück, ob auch unbefriedigt im letzten wissenschaftlichen 
Ehrgeiz. Dilthey überblickt den durch die Jahrhunderte zurück- 
gelegten Weg. Vielseitig angelegt, in Einzelheiten ausgeführt, mit 
klarem ÜlierbUck entwirft er das Bild einer Entwicklung, von dem 
hier nicht mehr als ein paar Grundstriche wiederzugeben möglich ist. 
In der Tat, er erkennt einen zweifellosen Fortschritt. Vier große 
Stufen steigender Bewältigimg des historischen Stoffes zeigen sich, 
drei davon schon im Altertum gewonnen. Die erste ist die einfache 
Erzählung, veranlaßt aus Neugier, nationalem Stolz u. dgl. wie bei 
Herodot. Dann tritt bei Thucydides die Richtung auf Erklärung 
auf, aus Motiven, politischen Kräften, und hier bereits werden auf 
das Geschehene nach Analogieschluß auch Lehren und Erwartungen 
füi' die Zukunft gegründet. Regelmäßigkeit ermöglicht auch hier 
Voraussage und Einwü'kung. Bei Polybius drittens finden wh- die 
methodische Übertragung der — noch rudimentären — systematischen 
Geisteswissenschaften auf die historische Erklärung. Dauernde Kräfte 
werden eingeführt: Verfassung, Finanzen u. a. Erst im 18. Jahr- 
hundert wird eine neue Stufe erreicht. Da erfolgt einmal die syste- 
matische Zerlegung des Ganzen in die Einzelzusammenliänge Recht, 
Religion usw., und mit Voltaire erscheint der kulturhistorische Hori- 
zont. Ferner aber tritt mit AVinkelmann, Moser, Herder das Prinzip 
der Entwicklung auf, d. h. die Anschauung, daß „in jedem Wir- 
kungszusammenhang als Gnindeigenschaft enthalten ist, daß er aus 
seinem Wesen von innen eine Reihe von Verändenmgen durchläuft, 

.•V ^ 

deren jede nur auf der Grundlage der früheren möglich ist."*^"*) 



6*) ebda. S. 97. 
Archiv für Geschichte der Philosophie. XXX. 3. lg 



220 Max Pomtow, . 

Aus der Betrachtung dieses Emporsteigens ergibt sich für JJilthe}- 
die weitere Erkenntnis, daß „alle Momente, einmal erfaßt, in der 
Geschichtschreibung lebendig geblieben sind: freudige Erzählungs- 
kunst, bohrende Erklärung, Anwendung des systematischen Wissens 
auf sie, Zerlegung in einzelne Wirkungbzusammenhänge und Prinzi}) 
der Entwicklung''.^^) Es ist diese Erkenntnis Diltheys Öl, auf die 
Wogen des Methodenstreits der neunziger Jahre gegossen. Hätte man 
auf beiden Seiten diese Einsicht besessen, daß durch Entfaltung neuer 
geschichtswissenschaftlicher Interessen die alten Bedürfnisse ge- 
schichtlicher Anschauung nicht vernichtet werden, daß es sich um 
Anbau handelt, nicht um Abbruch des Alten, so wäre wohl manches 
anders gekommen. AVenigstens dieser Grad der Erbitterung und 
damit diese wunderbaren Formen wissenschaftlicher Kontroverse 
wären uns erspart worden. — 

In ihren allgemeinen Gesichtspunkten und Gedankengängen war 
Geschichtschreibung, wie Gesellschaftwissenschaft, bis tief ins 18. Jahr- 
hundert fremden Mächten unterworfen; Theologie, Metaphysik, zu- 
letzt Naturwissenschaft. Eine eigenthche Emanzipation des Ge- 
schichtlichen ward erst in der historischen Schule gewonnen. ^^i Sie 
löste die Aufklärungszeit ab in der grundlegenden Epoche der Geistes- 
wissenschaften um 1800, wo u. a. Analysis und vergleichende Me- 
thode in den systematischen Geisteswissenschaften durchgeführt 
wurde. *^') An Stelle der Auffassung der Aufklärung, die in der Kultur 
ein Zweckgebäude der menschlichen Vernunft sah, trat nun die Grund- 
anschauung, daß die Systeme der Kultur „sich aus der schaffenden 
Kraft der Nationen entwickeln".^«) Aber bei aller Größe ihrer Lei- 
stung, bei aller Lebendigkeit und Tiefe ihrer geschichtlichen An- 
schauung fehlte der historischen Schule die Analysis ihres Bewußt- 
seins, es fehlte eine erklärende Methode, ein gesundes Verhältnis zu 
ErKenntnistheorie und Psychologie, es fehlte endlich der universal- 
historische Horizont. Bei dem Mangel philosophischer Grundlegung 
vermochte sie ihre tiefen Intuitionen nicht begrifflich zu entwicKeln, 
nicht methodisch zu begründen. «^) Verwarf sie doch geradezu die 



63) Einleitung S. XIII. 
««) rk'schichtl. Welt S. 19. 
«') Geschichtl. Welt S. 24. 

68) Einlt'itung S. XV. 

69) Geschichtl. Welt S. 25. 



Die Historik Wilhelm Diltheys. 221 

Ableitung allgemeiner Wahrheiten durch konstruKtives abstraktes 
Denken. Und so blieb die Vergleichung ihr einziges Mittel, um zu 
Wahrheiten von größerer Allgen einheit emporzusteigen — ein unzu- 
längliches Mittel zumal bei unzureichender Analysis der komplexen 
Gegenstände.™) Bei solcher Unsicherheit über die Grundlagen kam 
es, daß der Einzelforscher sich in bloße Empüie oder geistreiche 
Subjektivität zurückzog. Oder er verfiel der Metaphysik'^), die sich 
nun wieder auf geschichtlichem Boden aufrichtete. Es war eine 
Grenze der historischen Schule, daß sie kein Verhältnis zur Universal- 
geschichte gewann. Hier griff Hegel ein, ,,eins der größten historischen 
Genies aller Zeiten".'^) Seine Wirkung ist in der Geschichtschreibung 
nicht verschwunden, z. B. in der Anordnung der Stufen des Geistes 
dauert sie fort. „Und die Zeit kommt heran", so ist die Erwartung 
Diltheys, ,,in welcher auch sein Versuch, einen Zusammenhang von 
Begriffen zu bilden, der den unablässigen Strom der Geschichte be- 
wältigen kann, gewürdigt und verwertet werden wird"'.'^) Daneben 
baut Humboldt seine Lehre von der historischen Idee auf. Noch 
Gervinus teilt, wie Dilthey urteilt, ganz diese historische Stimmung 
und diese Grundansicht. '^) Und weiterhin zieht Humboldts 
Ideenlehre eine lange Spur durch die deutsche Geschichts- 
wissenschaft. Dabei: „Eben das Rückständige in der Einmischung 
des religiösen Glaubens und einer idealistischen Metaphysik in die 
historische Wissenschaft wurde für Humboldt und die Denker über 
Geschichte, die ihm folgten", — etwa bis Droysen hin — „zum Mittel- 
punkt der Geschichtsauffassung.""^) Bei Ranke haben sich jene trans- 
zendentalen Mächte Humboldts zu ,, moralischen Energien" umge- 
bildet, die nicht in Begriffen auszuchiicken sind, die wir aber anschauen, 
wahrnehmen. Wir haben ein Mitgefühl ihres Daseins.'^) Überhaupt 
sind trotz der Künstlernatur Rankes — ,, seiner dichterischen Stim- 
mung gegenüber der geschichtlichen Welt" — rationale Faktoren von 
großer Macht in seinem geschichthchen Bewußtsein lebendig. Da 



70) Einleitung S. XV. 

71) Geschichtl. Welt S. 26. 
7 2) ebda. S. 44. 

^s) ebda. S. 40 f. 

74) ebda. S. 42. 

75) ebda. S. 41. 

76) ebda. S. 74, S. 30, S. 29. 

16* 



222 Max Pomtow, 

fließen mannigfache Quellen des systematisclien Denkens; nur daraus 
ist er zu verstehen. Da ist sein Wirkliclilveitssinn; die Geschichte 
erscheint bei ihm als objektive Wissenschaft. Da ist sein steter uni- 
versalliistorischer Horizont. Und der Künstler verlangte nach sinn- 
licher Breite des Geschehens. So war beides in ihm verbunden''), 
sorgsame Pragmatik des Einzelablaufs und weiter universaler üm- 
bUck. 

Seit Ranke hat nun die gegenseitige Abhängigkeit des Systema- 
tischen und Historischen noch immer zugenommen. Zwar „die 
Genies' der erzählenden Kunst" von Thucydides bis Ranke haben 
zeitlose historische Werke geschaffen.'^^) Aber im ganzen regiert doch 
der Fortschritt. Immer tiefer wird die Einsicht in die Zusammen- 
hänge der Geschichte, in die Beziehungen dieser Zusammenhänge, 
und ein Verstehen des Lebens an den einzelnen historischen Stellen 
ist gewonnen, das über alles Frühere hinausgeht. Die Ausdehnung 
des historischen Horizonts ermöglicht die Ausbildung irajner all- 
gemeinerer und fruchtbarerer Begriffe.'^^). — 

Ohne Zweifel würde in so entschiedenem und mannigfachem Fort- 
schreiten der Geschichtschreibung moderne Wissenschaftslehre einen 
ausreichenden Ersatz zu sehen haben für Verzicht auf absolute Ob- 
jektivität und Allgemeingültigkeit. 

Doch wie es auch damit stehen mag, für inuiier wird Geschicht- 
schreibung ein Bedürfnis des Menschengeistes sein. Und in ihr wird 
künstlerische Darstellung stets notwendig bleiben aus dem Verlangen, 
die durch kein Medium veränderte TatsächUchkeit der Wü'klichkeit 
zu erfassen. Das Menschhche an sich anzuschauen, ist nicht bloß 
ein Interesse unseres Vorstellens, sondern darüber hinaus des Gemüts, 
der Mitempfindung, des Enthusiasmus — siehe Goethes Wort dar- 
über.^") 

Wie geht nun der Geschichtschreiber bei seiner Arbeit vor? Zu- 
erst, wie macht er es, aus dem Meer der Vergangenheit seine jedesmalige 
besondere Aufgabe zu ergreifen, zu bestimmen und abzugrenzen? 
Sehr einfach, antwortet Dilthey. „Geschichtschreibung, als eine freie 



") ebda. S. 75. 

78) ebda. S. 75 f. 

79) Einleitung S. 114 f. 

80) ebda. S. 31. 



Die Histoi-ik Wilhelm Diltheys. 223 

Kunst der Darstellung, faßt einen Teil dieses unermeßlichen Ganzen 
zusammen, der des Interesses unter ii'gend einem Gesichtspunkt wert 
erscheint. "^^) Interesse unter irgend einem Gesichtspunkt! Man wird 
an J. Burckhardts superiore Art erinnert, wenn der etwa seine „Welt- 
geschichthchen Betrachtungen" — nach J. Oeri — mit dem Satz be- 
ginnt, die Aufgabe sei, „eine Anzahl von historischen Beobachtungen 
und Erforschungen hier an einen halb zufälligen Gedanlvengang anzu- 
knüpfen, wie ein andermal an einen anderen". Was als großartige 
Lässigkeit zunächst verblüfft, ist bei näherem Zuschauen höchste 
Freiheit der Auffassung, hervorgegangen aus dem Bewußtsein der 
verschwindenden Kleinheit, der Willkür und Zufälligkeit all unseres 
jnenschlichen Auffassens und Gestaltens gegenüber dem Ocean der 
Geschichte. Das Gefühl der eigenen „Knü'psigkeit" — um noch einen 
Ausdruck Burckhardts zu gel)rauchen — bestimmt am tiefsten die 
Gemütsverfassung gerade des universahiistorisch Angelegten. Das 
Thema des Historikers bringt nicht nur Aussonderung des Gegen- 
standes selbst, sondern enthält auch ein Prinzip der Auswahl. Jedes 
Einzelne muß in den starken Zügen des zusammengenommenen Wir- 
kungszusammenhangs mitvertreten sein. „Darin besteht nicht bloß 
die darstellende Kunst des Historikers, sondern diese ist das Er- 
zeugnis einer bestimmten Art zu sehen."^^) Innerhalb jeder histori- 
schen Darstellung liegt eine iVuswähl der überlieferten Tatsachen 
nach Wertabschätzung vor.^^) Die großen durchgehenden Tendenzen, 
die als die Charakteristika für Generationen, Zeitalter und Epochen, 
ebenso für jedes Kultursystem und alle Gemeinschaften die Kon- 
zentration dieser Wirkungszusammenhänge in sich selbst herbeiführen, 
sie bestimmen diese Wertabschätzung der Tatsache. Nach ilu'em 
inneren Verhältnis — etwa zu der Leistung dieser Generation, zum 
Ziel jenes Verbandes oder auch zum • Inbegriff der Poesie — 
und letzten Endes nach ihrem inneren Verhältnis zum Geist ihrer Zeit 
haben die Einzelnen, die Richtungen und die Gemeinsamkeiten ihre 
Bedeutung. Durch Beziehung auf die Zentrierung des Ganzen wird 
die Bedeutsamkeit des Einzelnen, sein Verhältnis zum ganzen Zu- 
sammenhang vom Historiker festgelegt.^'*) So leistet seine „Gentrie- 

") Gesch. Welt ,S. 97. 

82) Grundlegung S. 324. 

83) Geschieht! Welt S. 111, S. 86 f. 
8*) Grundlegung 8. 32.S. 



224 Max Pomtow, 

rung der Wirkimgsziisammenhänge" Dilthey u. a. auch den Dienst, 
die Auswahl und AVertbestijiimung der historischen Tatsache für die 
Geschichtsdarstellung in hohem IMaße von subjektiver Willkür und 
persönlichem Belieben zu befreien. — Man möchte einen zweiten 
Gesichtspunkt daneben gestellt sehen. Diese, man ^könnte sagen, 
immanent-historische Wertung der historischen Erscheinungen wird 
u. a. sicherlich durchkreuzt und abgelenkt durch eine transzendent- 
historische. Noch allgemeinere Gesichtspunkte mischen sich ein. 
einmal gewonnen aus den Beziehungen der' verschiedenen Zeitalter 
und Jahrhunderte untereinander, abstrahiert mit anderen Worten aus 
der universalhistorischen Kntwicklung. Es sind das Wertungen, die 
jenseits der Grenze der „historischen Schule" erst möglich geworden 
sind. FreiUch verbergen sich wie unter einer P&ske darin vielfach 
oder meist andere Beziehungen: das Wesentliche ist dabei oft nur 
das Verhältnis zu den obersten Leitgedanken der eigenen Gegenwart 
des Geschichtschreibers. Noch höher -aufwärts weist jene moderne 
Geschichtsphilosophie, die Ausvvahl, Abschätzung und Beurteilung 
des Historiographen an allgemeinverständliche Kulturvrerte oder gar 
an die absoluten Werte selbst bindet. — Eine Bedingtheit des Histo- 
rikers durch seine Gegenwart ist von Dilthey — wie nicht anders zu 
erwarten — voll anerkannt worden. ,,Die Be\mßtseinslage und der 
Horizont einer Zeit sind jedesmal die Voraussetzung dafür, daß diese 
Zeit die geschichtliche Welt in einer besttmanten Weise erbhckt: die 
Möghchkeiten der Standpunkte historischen Sehens werden gleichsam 
in den Epochen der Geisteswissenschaften durchlaufen."^^) Besonders 
fein und weit erscheint der letzte Gedanke, wenn man ihn nüt einer 
bekannten Auffassung Rankes zusammenhält. Gerade so sah Ranke 
die Zeitalter der Geschichte selbst: ihre Folge durchläuft die Möglich- 
keiten des menschlichen Seins. Wie freilich mit solcher Abwandlung 
der historiographischen Möglichkeiten durch die Aufeinanderfolge der 
Zeitalter und der sich ablösenden Phasen der Kulturentwicklung der 
stete Fortschritt der Geschichtschreibung sich vereinen läßt, ist eine 
Frage, schwierig urul verzweigt. Den wichtigsten Fingerzeig zur 
Lösung gibt Dilthey selbst mit jenem Grundgedanken, der schon 
mehrfach berührt ist: „Auch die historische Darstellung des einmal 
Geschehenen kann nur auf der Grundlage der analvtischen AVissen- 



85) Grundlegung 8. 322 f. 



Die Historik Wilhelm Diltheys. 225 

schafteli der einzelnen Zweckzusainmenhänge sich einer objektiven 
Erfassung ihres Gegenstandes nähern."^^) Wir dürfen als seine Mei- 
nung erschließen: Die Geschichtsehreibung steht in doppelter grund- 
legender Beziehung. Sie ist eine Lebensfunktion ihrer eigenen Zeit 
und teilt als solche das Schicksal der sich folgenden Phasen des ge- 
schichtlichen Gesanitverlaufs. Ein Auf und Ab, ein Hin und Her 
mag das sein. Zugleich aber hat sie als eine Funktion des wissen- 
schaftlichen Denkens, namentlich auf Grund der Ergebnisse der 
systematischen Geisteswissenschaften, eine aus dem Wesen des Zweck- 
zusamnienhangs der Erkenntnis sich ergebende Richtung auf zuneh- 
mende Sicherheit und AUgemeingültigkeit. Es treffen in der Ge- 
sc'hichtschreibung die zwei verschiedenen Regionen der geschicht- 
lichen Welt mit hrer gegensätzHchen Eigenart zusammen oder 
aufeinander: der in jedem Punkt komplexe Gesamtverlauf des 
konkret - historischen Lebens mit seiner fortschrittslosen, ent- 
wicklungsbaren, gleichsam amorj)hen Struktur und das ,,Kultur- 
system der Wissenschaft'', wie andere Kultursysteme aus- 
1' ristallisiert zu deutlich erkennbarer Entwicklung. In dem Ver- 
fahren aUer Geschichtschreibung spiegelt sich nach Dilthey diese ihre 
Zweiseelennatur, wenn er fordert, die Wirklichkeit der Geschichte 
sei, im Gegensatz zu den toten Abstraktionen etwa der Archive, nur 
von den individuellen Lebenseinheiten aufzubauen. Aber durch den 
Begriff von Typus und Repräsentation müsse man sich der Auf- 
fassung von Ständen, Zeitaltern nähern. Xur so sei ein geschicht- 
liches Ganzes zu erfassen.^^) 

Es ist nach Diltheys Terminologie Lebenserfahrung, die sich 
hier in allen ihren Formen vom Engsten der Eincü-ücke des Indi- 
viduellen bis hin zum Weitesten, dem Zeithorizont, mit der Wissen- 
schaft vereint. Als drittes tritt die Kunst hinzu. Xur durch künst- 
lerisches Vennögen und künstlerische Mittel kann der Geschicht- 
schreiber Menschen und Zustände vergegenwärtigen. Geschicht- 
schreibung — heißt es einmal — „ist eine Kunst, weil in ihr, wie in 
der Phantasie des Künstlers selber, das Allgemeine in dem Besonderen 
angeschaut, noch nicht durch Abstraktion von ihm gesondert und für 



*") Einleitung S. 42. 

^") Beiträge zum Studium der Individualität. Silz.mgsber. d. Berl. 
Akad. 1896, I, S. 307. 



226 Max Pomtow, 

sich dargestellt wird, was erst in der Theorie geschieht. .Das Be- 
sondere ist hier nur von der Idee im Geist des Geschichtschreibers 
gesättigt und gestaltet, und wo eine Generalisation auftritt, beleuchtet 
sie nur blitzartig die Tatsachen und entbindet auf einen Moment das 
abstrakte Denken." Ähnlich dem .Dichter schafft der Geschicht- 
schreiber aus seiner genialen Anschauung das Band zwischen dem 
Besonderen und Allgemeinen. So ist es ein großes geschichtliches 
Gesetz, daß überall die darstellende Kunst dem wissen- 
schafthchen Studium dieser geschichtlichen AVeit den Weg bereitet. 
„Daher sind Höhepunkte der Geschichtschreibung tnimer eigentlich 
durch solche der Poesie bedingt." ,,Die Kunst ist eben das Organ 
des Lebensverständnisses. ''^^) 

So kommt es darauf an, in der Historie von der Lebendigkeit 
des Wkklichen Wesenhaftes festziüialten. Nun ist Grundcliarakter 
meines Daseins eili steter Lebensbezug von Dingen und Menschen 
auf mein Ich — fördernd, hemmend, in mannigfachster Weise beein- 
flussend. Alles hat liier eine Stellung zu ihm, und zugleich ändert 
sich die Zuständigkeit meines Ichs dadurch beständig. Daraus, nur 
aus dem Lebensbezu^' zu mir, ergeben sich die Prädikate der Dinge. 
„Auf diesem Untergrund des Lebens treten dann gegenständliches 
Auffassen, Wertgeben, Zwecksetzen als T^i^en des Verhaltens in un- 
zähligen Nuancen, die ineinander übergehen, hervor." Sie werden 
zu inneren Zusammenhängen im Lebenslauf verbunden, welche alle 
Betätigung und Entwickhing umfassen. Je mehr nun der Historiker 
von diesen Lebensbezügen erblicken läßt, um so mehr wird er den 
Eindruck wirklichen Lebens erwecken.^^) Grundbedingung dafür ist 
die Syjujiathie, — Mitfreuen und Mitleiden. ,, Hingebung macht das 
Innere des Avahren kongenialen Historikers zu einem L^niversum, 
welches die ganze geschichtliche AVeJt abspiegelt !"^") 

.Darum ist in der Historie denn auch ein Urteil über das Ge- 
schehene an und für sich von der .Darstellung desselben unabtrennbar. 
Es zeigt sich darin der Grundzug alles Geisteswissenschaftlichen, die 
unlösliche Verbindung von theoretische)! und praktischen Sätzen. 
Nur darf das Urteilen in der Geschichte nicht ausschließUch das 



88) Individualität S. 306. 

89) Geschieh tl. Welt ö. Ol f. 
9") Einleitung S. 114 f. 



Die Historik Wilhelm Diltheys. 227 

moralische Urteil eines Schlossers und Geivinus sein, sondern das- 
jenige, „das aus der Wertbestimniung und Nonnen aller menschlichen 
Lebensbetätigungen herv^orgeht''.^^) Auch hier also wird jede Herr- 
schaft einer isolierten seehschen Funktion zurückgewiesen und die 
Totalität von Leben und Seele, vermittelt mi Strukturzusammenhang, 
gefordert. 

Von den oben angeführten Gesichtspunkten aus scheint die Bio- 
graphie obenan zu stehen in der darstellenden Geschichte. In ihr 
wird die fundamentale geschichtliche Tatsache dargestellt, rein, ganz, 
in ihrer AVirklichkeit, freilich nur, wenn es sub specie aeterni, mit 
allen Zusammenliängen dieser Person geschieht. ^'^) 

Damit stehen wh vor dem, was unbez weifelbar das centrale 
Moment der darstellenden Geschichte ist, das Individuum oder all- 
gemeiner gefaßt das Individuelle; nach Diltheys wissenschaftlicher 
Formulierung: „Das Prinzip der Individuation", d. h. der Spezifi- 
kation nach Individuen, Arten, Gattungen, Lebensformen. Seine 
Bedeutung reicht weit über die Historiographie hinaus in alle Ge- 
biete der Geisteswissensehaften. Immer wieder einmal hat es Dilthey 
als den eigenthchen Angelpunkt aller dieser Disziplinen angesehen. 
Zuweilen es als ein Rätsel, dem kaum beizukommen ist, empfunden. 
Der feinfühlende Mensch in ihm, der Künstler und der wissen- 
schaftliche Anwalt des Menschlich-Lebendigen neigten, dazu, in ver- 
ehrender Scheu und Zurückhaltung da anzuhalten, wo der Denker 
in ihm noch vorwärts drängt. Hier ist es besonders, bei „dem 
großen Problem der Individuation'', wo man zuweilen den Eindruck 
hat, als ringe dieser i'eiche Geist auch mit sich selbst, wenn er 
mit dieser Frage der Fragen ringt. 

Es ist bemerkenswert, mit welcher Entschiedenheit er die 
Bildung von. Allgemeinkenntnissen., Theorie und generellen. Wahr- 
heiten, als das eine große und selbständige Endziel für Geistes- 
wissensehaft und auch Geschichte fordert. Demgegenüber scheint 
mehrfach eine schlechthin dominierende Stellung für das Individuelle 
beansprucht zu werden. Eine höchst eigentümliche Begründung dafür 
whd gegeben, und zwar nicht in der „Einleitung", die nach mancher 
Beziehung als ein Frühwerk erscheint, sondern in einer späteren Ab- 



^^) Individualität S. 299 f. 
»-) Einleitung S. 42. 



228 Max PonitoAv, 

liancllung vom Jahre 1896. Es ist der seelische Striiktiu-zusamnien- 
hanjo-, der aus der letzten Tiefe des eigenen Lebens den Grund für 
die herrschende Stellung des Ichs, des eigenen wie aller anderen, geben 
soll. Er strebt ja in jedem Seelenleben eine befriedigende seelische 
Verfassung herbeizuführen und „so ist das Bemißtsein eines selbst- 
ständigen inneren Wertes von dem Sichfühlen jeden Individuums 
unabtrennbar. Hieraus ergibt sich, daß der Schwerpunkt der Geistes- 
wissenschaften aus dem Erkennen des' Generellen hinüberriickt in das 
srroße Problem der Individuation''.^^) Noch in seiner letzten Ab- 
handlung von 1910 heißt es, daß, wie in der ^Naturwissenschaft das 
Gesetz der Veränderung,- so in der geistigen Welt die Auffassung der 
Indiclidualität herrscht.^*) Liegt doch in dem Erfassen der Elemente 
eine Überlegenheit der Geistes- über die Naturwissenschaften zutage. 
Hier nur allmählich erschlossen, ist dort die letzte Einheit unmittelbai- 
gegeben: das Individuum.^^) Die Naturwissenschaft muß auf einen 
wesentlichen Zusammenhang der Dinge verzichten. Sie ist beschränkt 
auf die bloße Herstellung eines äußeren Zusamm.enhangs von Be- 
ziehungen. Substituierung eines Zusammenhangs mathematisch- 
mechanischer Natur mit Hilfe des Satzes vom Grunde ist alles, was 
sie erreichen kann. Im Seelischen haben wk die Wirkhchkeit selbst. 
„Die Tatsache des Bewußtseins ist nichts anderes als das, dessen ich 
inne werde. Unser Hoffen und Trachten, Wünschen und Wollen, 
diese innere Welt ist als solche die Sache selber." Somit das innerlich 
Gegebene ist nicht relativ gegeben, wie der äußere Gegenstand. ^«^j 

Dies Seelische im Individuum, diese ieil)haftige Wü-klichkeit ist 
m_ehr und mehr zum Hauptgegenstand der Geisteswissenschaften ge- 
worden. Denn in der Gesellschafts- und Geschichtswissenschaft tritt 
fortgehend die Richtung auf immer stärkere Betonung des Psychi- 
schen hervor, wodurch die physische Seite der Vorgänge zu bloßen 
Bedingungen und Verständnismitteln herabgedrückt wh-d.^') 

Nun ist aber das, was so als unmittelbare Tatsache in unseren» 
Bewußtsein gegeben ist, ein GehemmisvoUes für Gedanke und Er- 
kenntnis. „Es wird wohl, sage man zunächst oder für immer, im 



83) Individualität S. 299. 

") G^schichtl. Welt S. 157. 

^5) Einleitung S. 35. 

96) ebda. S. 500 ff . 

9') Geschichtl. Welt 8. 6. 



Die Fistorik Wilhelm Diltheys. 229 

Seelenleben etwas Inlvommensurables anerkannt werden müssen."»^) 
Diese „so rätselliafte Individuation^-^s), sagt er, und selbst dem nach- 
bildenden Verstehen stellt er die Grenze auf: „Individuum est in- 
ef labile^ -.10«) „In jedem allgemeinen Zug des Lebens liegt ein Ver- 
hältnis zur Bedeutung des Lebens überhaupt, sonach etwas ganz 
Unergründliches."ioi) go jgt auch Ausdruck wie Begründung ganz 
allgemein gehalten, wenn er — zunächst vom Künstler — sagt: „Die 
Darstellung der Individuation ist immer subjektiv, und zwar persön- 
lich, national und in geschichtlicher Abfolge bedingt." Jede Be- 
mühung zu sehen, ohne zu appercipieren, muß mißlingen. Eine Ein- 
wu-kung des seehschen Zusammenhangs, und zwar von einem gefühlten 
Eindruckspunkt aus, ist unvermeidlich. ^02) xj^d jn der „Einleitung" 
wird z. B. geradezu jede Konstruktion des Verhältnisses zwischen 
Individuum und Gesellschaft verworfen, i"^) 

Man sieht, wie Tendenzen lebendig sind, die dem Individuum, 
wie eine Exemtion von dem Naturzusammenhang, so auch Immunität 
von rationaler wissenschaftlicher Erfassung sichern möchten. Doch 
stark ist auch die Gegentendenz. Faßt man alles zusammen, so er- 
gibt sich eine reiche Fülle von Gesichtspunkten für begriffliche Be- 
arbeitung. AVie Dilthey auch über die möglichen Endergebnisse, über 
den beim Individuellen erreichbaren Grad der Analyse gedacht haben 
mag, hingewiesen hat er auf zahkeiche Aufgaben und Angriffspunkte 
des Denkens. 

Zwar ein weiteres Hindernis scheint sich zu erheben. In festester 
Weise und in einer ganz besonderen Art kuppelt Dilthey das Indi- 
viduelle mit dem Singulären zusammen: „Aus der Lebendigkeit 
und der Wertentwicklung der geistigen Lebenseinheiten ergibt sich 
ihre Singularität, sowie das dieser zukommende selbständige Inter- 
esse." Und weil alle durch diese Einheiten gebildeten Lebensformen 
denselben singulären Charakter tragen, so kommt der singulare Cha- 
rakter schließlich der ganzen geistigen Welt zu.^«^) Das Singulare 



38) Individualität 8. 299 Anm. 

99) ebda. S. 306. 

100) Hermeneutik S. 201. 

101) Wesen d. Philos. S. öl. 

102) Individualität S. 315. 

103) EinleitunaS. 39. 

10*) Lidividualität ö. 301. 



230 Max Pomtow, 

aber ist für das .Oenken unausschöpfbar.^'^^) jJas seelische Leben 
kennt keine Wiederkehr. Jede veränderte Lage bringt eine neue 
Stelhmg des ganzen Lebens. In jeder Lebensäußerung wirkt immer 
das ganze Leben. Denn im Erleben bin ich niü' selbst als Zusammen- 
hang da. „So sind homogene Systeme, welche Gesetze der Verände- 
rung aufzufinden möglich machen, uns weder im Erleben noch Ver- 
stehen gegeben. '1°^) 

Auf der andern Seite: Gleichartigkeit und Gleichförmigkeit 
durchwalten das ganze Weltall.^"') Gleichsam auf zwei Wegen dringen 
sie auch in die geistige Welt vor. Da smd einmal die großen gesetz- 
lichen Verhältnisse, welche dort draußen die ganze Xatur durch- 
walten. Als bedingendes Milieu für die geistige AVeit zeigen sie auch 
in dieser ihre Wirkungen in Gleichförmigkeit. Zweitens tritt im 
Geistigen an sich innere Verwandtschaft und Gleichartigkeit hervor, 
sich äußernd als Allgemeingültigkeit im .Denken, Übertragbarkeit 
der Gefühle, logisches ineinandergreifen der Zwecke und Sympathie. ^*^^) 
Diese Verbindung von individuation und Gleichförmigkeit, die von 
der geistigen Lebenseinheit bis zu den Systemen der Kultur in den 
Formen der Organisation überall sich findet, kommt in jeder ein- 
zelnen Geisteswissenschaft zum Ausdruck. Sie bildet eins ihrer eigensten 
Probleme, von entscheidender Bedeutung für ihre Gestaltung. Überall 
ist die Tendenz, sich dem inneren Zusammenhang' zu nähern, in wel- 
chem das Gleichförmige Grundlage der Individuation ist.^°^) So gilt 
es auch umgekehrt: Vom Gemeinschaftlich-Menschlichen ist Indi- 
vidualität nicht ablösbar, so daß Menschheit nur ein unbestimmter 
Typus ist. 110 j 

Man könnte versucht sein, das Prinzip der Individuation über 
die menschlich-geschichtliche Welt hinaus auszudehnen, es zu ver- 
folgen in das Reich der T^atur. Erscheinen doch ohnehin vom Stand- 
punkt naturwissenschafthcher AVeltbetrachtung aus ,,die geistigen 
Lebenseinheiten mu' wie Interpolationen im Text der physischen 



](..-.) WesfU d. Pliilo8. S. 3. 

'"«) CJeschichtl. Welt S. 92. 

1«') Individualität S. 302 f. 

1"«) ebda. S. 301. 

1"") ebda. S. 301 f. 

11») Geschieht}. Welt S. 92. 



Die Hiytorik Wilhelm Diltheys. " 231 

Welt". 11^) Der tragende Begriff der Individuatioii ist der Lobens- 
wert. Man könnte Abstufungen dieses Lebenswertes aufstellen, je 
nachdem in der organischen Welt sich die Artikulation von Teilen 
oder Funktionen abstuft. So würde man Reilien mit zunehmenden 
Lebenswerten erhalten, z. B. vom niedersten Wu"beltier bis zum Men- 
schen aufwärts. Ein Prinzip der Entwicklung der Individuation er- 
gäbe sich. Aber vorsichtig hält sich Dilthey von dieser Verbindung 
zwischen Natur und Geist zurück. „Schließlich ist dieser Begriff 
des Lebenswertes, und was mit ihm zusammenhängt, uns nur in der 
menschlich-geschichtlichen Welt primär gegeben. "^^2) pje Indi- 
viduation erreicht nicht bloß auf der Stufe des menschlich-geschicht- 
lichen Lebens ihren Höhepunkt, sie hat auch hier erst selbständiges 
wissenschaftliches Interesse, ^^^j 

Man ist dann wohl ein wenig erstaunt zu hören, daß ein eigent- 
lich prinzipieller Unterschied der individuellen Variation — Vvcnn 
man hier diese für Dilthey fernliegende Bezeichnung setzen darf — 
nicht zugrunde liegt. „Alle individuellen Unterschiede sind letztlich 
nicht durch qualitative Verschiedenheiten der Personen voneinander, 
sondern nur durch Gradunterschiede ihrer Seelenvorgänge bedingt."^^^) 
— Man glaubt, jedes Hindernis sei damit gefaUen für eine restlose 
Auslieferung des Individuellen an das begriffliche Denken. 

In der Tat, mit welchen Vorbehalten auch immer gegenüber 
dem Ergebnis, Dilthey verlangt über Nacherleben, Verstehen und 
subjektives Auffassen hinaus ein begriffliches Erfassen des Indivi- 
duellen und rationale Methoden. Allgemein heißt es: ,,Die Wissen- 
schaft sucht die ganze Individuation der Lebenswirklichkeit durch 
das entgegensetzende, einteilende und klassifizierende Verfahren 
darzustellen.'"^^^) Im Besonderen ruft er Psychologie und systema- 
tische Geisteswissenschaften als hauptsächliche Helfer herbei. „Die 
Individualpsychologie entwirft die Theorie, welche die Möglichkeit 
der Individuation begründet."ii^) Und: ,,Jede Beziehung, die in 
der Darstellung der historischen Persönlichkeit herausgearbeitet wer- 



1^1) Wesen d. Philos. S. 59. 

112) Individualität S. 302 f. 

113) ebda. S. 304. 

114) Hermeneutik S. 201. 

115) Individualität S. 313. 
11«) Geschichtl. Welt S. 82. 



232 Max Pomtow, 

den muß, erhält die liöclist erreichbare Sicherheit und .Oeutliclikeit 
erst durch ihre Bestimmung vermittelst der wissenschaftlichen Be- 
griffe über die einzelnen Gebiete. "^^') In diesen Kinzelwissenschaften 
wnd freilich iUierall gekämpft, in welchem Umfang Gleichartigkeit 
Gleichförmigkeit, Gesetze das Einzelne bestimmen, von welchem 
Punkt ab das Positive, das Geschichtliche, das Singulare auftritt. 
Besonders in der Wntschaftsgeschichte, Rechtswissenschaft und Politik 
herrscht leidenschaftlicher Streit.^^^) Geschichte geht vom Singularen 
aus. „Aber an die Darstellung des Singularen schließt sich inui die 
Aufgabe, Unterschiede, Abstufungen, Verwandtschaften, kurz die 
Individuation dieser menschhch-geschichtlichen Wirklichkeit nach 
ihren Zusammenhängen zu erfassen. •^^^^) Und es wird wiederholt; 
,,Die Erforschung der hier auftretenden xVbstufungen, Verwandt- 
schaften, Typen ist von höchstem Interesse. "i^") Analysis und Ver- 
gleichung, sowohl die individuelle wie die gtnerelle, sind die Methoden, 
um die Geisteswissenschaften einem höchsten Ziel zu nähern. Demi 
„das Ideal der Geisteswissenschaften ist ja das Verständnis der ganzen 
menschlich-geschichtUchen Individuation aus dem Zusammenhang 
und der Gemeinsamkeit in allem Seelenle})en.'"^-^) 

Daher ist das Verhältnis zwischen ludividuum und Müieu zu er- 
forschen, in jeder Richtung, nach allen Zusammenhängen und bis 
zum weitesten Umfang der Lebensbeziehung. Heißt es doch einmal: 
])ie Wechselwirkung mit dem Milieu — das ist menschUphes Leben.122^ 
.Die Verschiedenheiten und Entwicklungsstufen von Individualität 
und Lebenswert in der ganzen menschlich-geschichtlichen — auch 
organischen — Welt stehen in innerem Verhältnis und Korrespondenz 
zu den Unterschieden und Abstufungen im physischen und geistigen 
Müieu. T)as Gleiche gilt für die überindividucllen Zusammenhänge und 
Bildungen der Geschichte. So ist die Relation einer Staatsverfassung 
oder Literatur zu den Naturbedingungen oder historisch-gesellschaft- 
lichen Faktoren seit Aristoteles, Tocqueville, Taine Gegenstand der 
Analyse geworden. LTm Tragweite und Grenzen des Milieuprinzips 



1'") ebda. S. 73. 

118) Individualität S. 301. 

119) Individualität S. 299. 
220) ebda. S. 304 f. 

121) ebda. S. 298. 
'22) ebda. S. 303 f. 



Die H.istorik Wilhelm Diltheys. 233 

für das Problem der Individuation zu prüfen, ,, müssen die großen 
gleichförmigen Beziehungen, welche zwischen Individuation und den 
Umständen bestehen, theoretisch entwickelt werden. "^^3) Dadurch 
kommt man heraus aus der Einseitigkeit radikaler und entgegen- 
gesetzter Hypothesen, wie sie etwa über das Verhältnis von Indivi- 
duum und Gesellschaft sich hören lassen mit ihrem Feldruf: hie 
Individuum, hie Volkseinheit, -seele oder so ähnlich. ^^*) Erschwert 
vvird die Untersuchung durch die doppelte Stellung des Individuums 
zur Gesellschaft. Es ist einmal der Kreuzungspunkt der Wechsel- 
wükungen und ein Element in diesen ; zweitens die alles anschauende 
Intelligenz. ^^^) Ebenso in den Kultursystemen. Auch hier — neben 
dem Auffangen der AVirklichkeit in seinem Bewußtsein — ist ja das 
Individuum ein Kreuzungspunkt von Zusammenhängen, welche durch 
die Individuen hindurchgehen, in ihnen bestehen, aber über sie 
hinausreichen.12^) Und ein drittes Moment des geschichtlichen Milieu- 
zusammenhangs tritt hinzu. Es gibt in jeder Epoche einen Lebens- 
horizont, eine Begrenzung der Mensehen einer Zeit im Denken, Fühlen, 
AVollen. ,,UnvermeicUichkeiten regieren hierin über die einzelnen 
Individuen. "^^') 

Diese ganze über dem Individuum aufgebaute gesellschaftlich- 
geschichthche AVeit, Verbände, Kultursysteme, Zeitcharakter, gibt 
nach ihrem geistigen Gehalt zusammengefaßt, „den objektiven Geist"; 
auch er ein Gebiet der Individuation. In dem objektiven Geist ist 
das Prinzip der Individuation wü-ksam und schafft eine Gliederung 
von der Menschheit bis zu öm T}^pen engsten Umfangs herab. ^^^) — 

So ist am Ende Dilthey dazu gelangt, auch gegenüber dem Indi- 
viduellen sehr weitgehende Rechte einer generellen und theoretischen 
Bearbeitung anzuerkennen und zu vertreten. Es ist charakteristisch, 
daß er in einem Punkt sich anscheinend stärker zurückhält, beim 
großen Individuum, dem historischen Genius. Zwar verkennt er nicht 
die Enge der Beziehungen, in denen auch der Genius an Umwelt und 
Gegenwart geknüpft ist. „Sein Schaffen geht nicht in die Ferne, 



123) Einleitung S. 38 f. 

1-*) ebda. S. 47. 

1") Geschichtl. Welt S. 64 f. 

126) ebda. S. 111. 

1") ebda. 8. 82. 

128) ebda. S. 120. 



234 Max Pomtow, 

sondern schöpft aus den Werten und dem Bedeutungszusanmienhang 
des Zeitalters selbst seine Ziele.'' Gerade aus der Einschränkung 
auf den Horizont einer Zeit schöpft er die höchste Kraft der produk- 
tiven Energie.^2^) Aber, so betont er, „es ist umsonst, aus Umständen 
aller Art den Genius oder den Helden begreiflich machen zu wollen. 
Der eigenste Zugang zu ihm ist der subjektivste. Denn die höchste 
Möglichkeit, das Gewaltige in ihm zu ergreifen, liegt im Erlebnis 
seiner Wirkungen auf uns selbst, in der fortdauernden Bedingtheit 
nnserer eigenen Lebendigkeit durch ihn.''^^^^) — Xeben dem ,, eigensten 
Zugang" winschte man wohl ein zweites Tor aufgetan in der All- 
gemeinbetrachtung. 

Mit dem Problem des Individuums und des Singulären stehen 
wir im Mittelpunkt der darstellenden Geschichte und W^issenschaft 
überhaupt. So ist hier am besten einzugehen auf die tragenden Be- 
griffe oder Kategorien, namentUchWert und Wille. — Im Gegensatz 
zu dem bloßen Kausalzusammenhang der Naturwissenschaft ist es 
das Charakteristikum der geistigen Welt, daß sie nach der Struktuj- 
des Seelenlebens, wie sie Werte erzeugt, so auch Zwecke setzt. Die 
geistigen Wirkungszusammenhänge haben mimanent-teleologischen 
Charakter. ,,Das geistige Leben schafft.''^^^) — Hinter dieser Zv»'ec'k- 
l)estimmtheit des geschichthchen Lebens tritt bei .Dilthey die Kausal- 
ableitung auffallend zurück. Wie ein letztes Gegebenes steht meist bei 
ihm das Zwecksetzen im menschlichen Wirken und Zusammenwirken 
da. Überhaupt ist ja seine Meinung, die Verursachung in den Geistes- 
wissenschaften sei auf das in den seehschen Erfahrungen Gegebene zu 
reduzieren. Hier werden ,,in der Lebendigkeit die Ursachen der Indi- 
viduation erfahren. "^^^j Wenn .Oilthey im allgemeinen für die Wissen- 
schaft die Überlegenheit kausaler Erklärung über teleologische Aus- 
deutung voll anerkennt, so droht doch hier in den Regionen des ge- 
schichtlichen Lebens mit seiner leibhaften Wirklichkeit und seelischen 
Totalität das Verhältnis sich umzukehren: Zweckzusammenhänge 
sind das Gegebene und Reale, und allgemeine Kausalableitung er- 
scheint demgegenüber nicht ganz unbedenklich, etwa wie das hypo- 
thetische Konstruieren mit Hilfe eines blutleeren Reflexionsbegriffs. 



129) Individualität S. 310 f. 
"0) Geschichtl. Welt S. 84. 
"1) ebda. S. 48. 
"2) Wesen d. Philos. S. 59. 



Die Historik Wilhelm Diltheys. 235 

Ist diese Umkehrung nicht ein Zeichen, daß hier Lebenstendenzen 
noch stärker sind als das Interesse der Wissenschaft? Doch ^värde 
man ihm Unrecht tun, woUte man es bei der einfachen Bejahung 
dieser Frage bewenden lassen. Die Zusammenhänge seines Denkens 
führen hier viel weiter, so weit, daß an dieser Stelle nur eme km'ze 
Andeutung möglich ist. Diltheys Weltanschauung in der späteren 
Zeit stand dem, was er als „den objektiven Idealismus" charak- 
terisiert, sehr ■ nahe. Sinn und Bedeutung der Welt wird 
da erfaßt wesentlich von dem Gefühlsleben mit seinen Werten aus. 
Die ganze Welt erscheint als Entfaltung eines bewußt-unbewußt 
wirkenden seelischen Zusammenhangs. Ein immanent Göttliches be- 
stimmt überall die Erscheinungen nach eniem un Bewußtsein auf- 
findbaren Verhältnis teleologischer Kausalität. i^^) Nun wendet uns 
aber das Urphänomen alles Seelischen, der Strukturzusammenhang, 
seine teleologische Seite zu und verbü'gt seine kausale. Und die ge- 
schichtlkhe Welt erseheint Dilthey als ein ungeheures Gewebe von 
überindividuellen Strukturzusammenhängen, ein riesenhaft ver- 
größertes Gegenbild des individuellen Seelischen. So sind denn 
immerhin nicht v\-enige und nicht geringe Momente im Spiel, 
wenn kausales Forschen im Geschichtlichen zugunsten des Zwecks 
Hemmung erfährt. — 

Wert — das ist am Ende die zentrale Kategorie für bei'des, für 
die Wirklichkeit und die Darstellung des Geschichtlichen. Gefühl ist 
der Mittelpunkt des seehschen Lebens. Lebendigkeit und Wert- 
entwicklung gibt dem Individuum seine Singularität. In jedem Kultur- 
system — ebenso in jedem geseUschafthchen Verband — wü'd eine 
Wertordnung aus dem Wesen der Leistungen entwickelt.^^*) Um den 
erlebbaren AVert des Lebens dreht sich der ganze äußere Lärm der- 
Geschichte.^^'M Lebendigkeit und Wertentwicklung rückt die Indi- 
viduation in den Schwerpunkt der Geisteswissenschaften. Xach Wert- 
abschätzung wählt der Historiker seine Tatsachen aus, nach Wert- 
bedeutung des Einzelnen für das Ganze baut er sein Werk auf und 
stimmt es ab. nach AVertbestimraungen und Nonnen urteilt er über 
die Vergangenheit^^^), die hervorgegangen sind aus den menschhchen 



"3) ebda. S. 101. 
"4) ebda. S. 6. 

135) Individualität S. 299 f. 

136) Geschichtl. Welt S. 77. 

Archiv für Geschichte der Philosophie. XXX. 3. 17 



236 Max Pomtow, 

Lebensbetätigungeii. Überall sind es die AVerte der eigenen, um- 
fassender Erweiterung fähigen Lebensbezüge. Die Stellung Diltheys ist 
hier genau entgegengesetzt der bekannten Position Heinrich Rickerts. 
Fordert dieser die Unterordnung der historischen Begriffsbildung 
unter allgemeine Kulturwerte oder gar unbedingte Werte, so weist 
Dilthey das kurz ab, wir hörten es schon: Die ,,Begriffsbilclung ist 
nicht fundiert in jenseits des gegeuständhchen Auffassens auftretenden 
T^ormen oder AVerten/'^^') Und unbedingte AVerte? Er spricht sich 
sehr klar aus: Ein Fortgang zu unbedingten Werten oder Xormen 
ist Spekulation, ein Problem, das in die letzten Tiefen der Trans- 
zendentalphilosophie führt, denen auch die Philosophie eine sichere 
Antwort nicht entreißen kann. „Die geschichtliche Erfahrung weiß 
von sich aus nichts von deren Allgemeingültigkeit.'- Vom Leben 
hervorgebracht sind diese Güter, Werte und Xormen. Ihre unbe- 
dingte Satzung selbst ist nur möglich durch die Einschränkung des 
Zeithorizontes. Selbst wenn die Frage in bejahendem Sinne ent- 
schieden werden sollte, „so könnte das dem Historiker nichts nützen, 
wenn nicht der Gehalt dieses Unbedingten bestimmt werden kann. 
So whd der Eingriff der Spekulation in das Erfahrungsgebiet des 
Historikers kaum auf Erfolg rechnen können.-^^^) Ein andermal 
erklärt er noch mehr geradezu, daß eine Grenze dem begrifflichen 
Denken gezogen ist durch die Unmöglichkeit, das Unbedingte zu 
fassen, sowohl im kausalen Denken wie im AVerte und Zwecksetzen. 
„Ein unbedingter AA'ert ist ein Postulat, aber kein erfüllbarer Be- 
griff.'-i2^) Und wenn bei Rickert die theoretische Geschichtsforschung 
die Todesgefahr für Ideale und Idealismus bedeutet, sie dagegen bei 
Dilthey den einzig mögUchen Zugang zu einer allgemeingültigen 
Fassung für AA^erte und Regeln der handelnden Persönlichkeit und 
Gesellschaft bietet, soweit dafür überhaupt Aussicht ist^^^),— so 
sieht man, wie diametral sich hier das Denken beider entgegensteht. 
Gegenüber dem AA^ülensproblem scheint Diltheys Stellung in der 
langen Zeit nicht ganz die gleiche geblieben zu sein. Sehr eingehend 
und sehr exponiert sind seine Auseinandersetzungen in der ,, Ein- 
leitung". Die geistige AA'elt der Individuen whd da in der Innerlich- 



1") ebda. S. 106 f. 

138) Wesen d. Philos. S. 60 f. 

139) Einleitung S. 122. 

1"') ebda. S. 499. Im ganzen's. S. 490 ff. 



Die Histoiik Wilhelm Diltheys. 237 

keit ilire seelischen Lebens sogar vom Satz vom Grund eximiert. 
Nur sofern sie in Raum und Zeit heiTortretende und sinnfällige ^^u•- 
kungen in der Außenwelt hervorbringen, sind die Individuen in das 
Netz dieses denknotwendigen Zusammenhangs eingefügt, nach wel- 
chem jedes Gegebene bedingen und bedingt sein soll. „Der mensch- 
liche Geist findet es nicht unerträglich, den logischen Zusammen- 
hang, vermittelst dessen er liber das unmittelbar Gegebene hinaus- 
geht, da unterbrochen zu sehen, wo er in lebendigem und unmittel- 
barem Wissen freie Gestaltung und Willensmacht erfährt/'"i) go 
„entziehen sich die Erfahrungen des AVillens in einer Person einer 
allgemeingültigen Darstellung, welche für jeden Intellekt zwingend 
und verbindhch wäre." Trotz der psychischen Gleichheiten der ver- 
gleichenden Psychologie „verbleibt doch die Inhalthchkeit des Willens 
in der Burgfreiheit der Person." Die Selbstbesmnung findet das Er- 
leben der Hingalie, der freien Verneinung der Egoität vor und er- 
weist so unsere Freiheit vom Naturzusammenhang. Wii- haben „das 
Be^^^ßtsein, daß dieser Wille nicht bedingt sein kann durch die Natur- 
ordnung, deren Gesetzen sein Leben nicht entspricht, sondern nur 
durch etwas, was diese hinter sich zurückläßt. ""^^ gg erinnert an 
die alte Kantische Lehi-e von der doppelten Stellung des Willens, 
in Freiheit als Ding an sich, in Ivausalgebundenheit als Bestandteil 
der Erscheinungswelt. Es findet sich in der „Einleitung" freiüch 
auch eine ganz andere, laxe Bestimmung von Willensfreiheit: „So- 
fern ein WiUe nicht äußerlich gebunden ist, nennen wir ihn frei."i*^) 
Der Standpunkt Diltheys ist hier der, den er später als Ideahsmus 
der Freiheit bezeichnet: Willensanschauung bestimmt die Weltauf- 
fassung und ergibt Unabhängigkeit des Geistes von der Natur. So 
ausfühi-üch er in der „Einleitung" diese Gedanken darlegt, so auffallend 
ist sein späteres Schweigen darüber. Selten findet sich eine kurze 
Bemerkung, wie etwa: In der geschichtlichen Welt „treten Zwecke 
auf, von denen die Natur nichts weiß. Der WiUe erarbeitet Ent- 
\ncklung, Gestaltung. "1^^) Oder: In Rehgion, Philosophie und Kunst 
findet sich wieder „die Ganzheit unseres Wesens, das Bewußtsein 
unseres Eigenwertes, unserer Unabhängigkeit von der Verkettung 



1") ebda. S. 490. 

14^) ebda. S. 85. 

1*=^). Geschichtl. Welt S. 6 f. 

"*) Wesen d. Philos. S. 36. 



17" 



238 Max Pomtow, 

nach Ursache und Wirkung, von der Bindung an Ort und Zeit." — 
Schwerlich hat er später jenen Standpunkt der AVillensautononiie 
mitsamt ihrer Begründung auf den moraUschen Idealismus, die 
Hingabe der Persönhchkeit an Höheres, ganz aufrecht erhalten. Er 
bedurfte seiner auch nicht mehr, als die Grundlage für die Unab- 
hängigkeit des Individuums sich ihm von der Willensfreiheit in die 
Wertent\vicklung verschoben hatte. 

Selbst wenn die Inhaltlichkeit des Willens in der Burgfreiheit 
der Person verbleibt und die persönlichen Willenserfahiimgen sich 
nicht allgemeingültig darstellen lassen, so gibt es doch in dem geschicht- 
lich alles bewhkenden WiUen ein Allgemeines, über die EinzeUeben 
Hinausgreifendes. Es ist das Motiv. Doch gehöre seine Besprechung, 
eben als eines Allgemeinen, nicht in die Lelire von der darstellenden 
Geschichte. 

Es ist versucht worden, Diltheys Anschauungen über das Indi- 
viduum und die zugrunde liegenden Begiiffe und Kategorien im Zu- 
sammenhang darzulegen. Xur in aller Kürze, wie mit ein paar Schlag- 
worten, ist es hier möglich, Stellung dazu zu nehmen; leider wird 
dann vielleicht ein Anschein schroffen Absprechens und Besserwissens 
nicht ganz vermeidlich. 

Die Hauptgedanken Diltheys lassen sich, denk ich, aufs kürzeste 
etwa so zusammenzufassen: Auf lebendiger Totalität des Seelischen und 
auf dem Bewußtsein des Eigenwertes ruht der eigenthche Begriff des 
Individuellen. Lebendigkeit und Wertentwicklung machen das Indi- 
viduelle zu einem Singulären. Alles Singulare ist für den Begriff un- 
erschöpflich. Damit denn auch das Individuum. Durch das indi- 
viduelle Wertbewußtsein rückt das Problem der Individuation in den 
Schweipunkt der Geisteswissenschaften. In der Natur finden wir 
nicht das eigentlich Individuelle und Singidäre. .Die Natur ist wesent- 
lich gleichförmig, und hier herrscht das Gesetz. In der geistigen 
Welt sind Individuation — oder Sing-alarität — und Gleichförmig- 
keit unlösbar miteinander verflochten. Homogene Systeme bietet 
weder Erleben noch Verstehen. Darum ist die Geltung des Gesetz- 
lichen hier beschränkt. Ist in der Naturwissenschaft oberstes Er- 
kenntnisziel das Gesetz der Veränderung, so in der Geisteswissen- 
schaft die Auffassung der Individuation. — 

Das Individuum, das ist das Rätsel? ein iiieffabile? Das See- 
lische inkommensurabel? Jedes Singidare unerschöpflich? Der 



Die Historik Wilhelm Diltheys. 239 

Blick der Foischuiig von heute dringt in früher unerreichbare Tiefen 
des Seelischen und Individudlen. Und damii tauchen ganz neue Um- 
risse desBegiiffs des Individuums auf. Wo man fiüher festgeschlossene 
Persönlichkeiten in singulärer Einheithclikeit und Freiheit verehrend 
anschaute, da beginnt sich jetzt zu entschleiern ein Mosaik von psychi- 
schen Fragmenten und Splittern, im Zufallspiel der Vererbung zusam- 
menge\nirfelt, durch den Zwang der Lebensbehauptung zu not- 
dürftiger Einheit zusammengeklammtrt, von jeder Berührung der Um- 
welt alteriert, durch die „Einheit und Ganzheit des Bewußtsems" 
wie mit einem trügerischen Schleier umwunden. Die in einsame Höhe 
herausgehobene Individuation ist nur eine besonders hohe Stufe der 
allgemeinen organischen KompUziertheit. Ihre unvergleichliche 
Singularität ist nichts als ein maximaler Ausschlag des allgemeinen 
organischen Variationspendels. Im übrigen ist alles Seiende dem Den- 
ken ein ewiges Rätsel. Jede Wükhchkeit ist dem Begriffe ein Inkom- 
mensurables. Das Konla*ete an sich — es ist ineffabile und völlig 
unerschöpflich. ,,Die unübersehbare Mannigfaltigkeit'- — etwa in 
einem, Stückchen Schwefel —wir danken es Heinrich Rickert, daß er 
sie so rückhaltlos anerkannt, so nachcb-ücklich betont hat. Modern 
denken heißt denken unter dem Prinzip des Unendlichen. Steige- 
rungen innerhalb des Unendlichen oder gar prinzipielle Abstufungen 
in ihm haben einen Hauch von Absurdität. Wenn ügend etwas Sin- 
gular ist, so ist aUes Wirkliche singulär. Auch „die Natur ist nm- 
einmal". Und in der Entwicklungslehre lernt das Individuum sich 
bescheiden einzufügen in den Allzusammenhang. 

Wollte man aber selbst seine Königsstellung im All voU aner- 
kennen, so fragt sich, invviefern daraus eme Herrschafts- oder Sonder- 
stellung in der Wissenschaft folgen muß. Inwiefern gibt die onto- 
logische Sonderstellung hier Recht und Zwang zu methodologischer 
Sonderbehandlung? Mit derLebendigReit, Wertentwicklung und Total- 
zusammenhang des Individuums wii'd diese begründet. Lebendigkeit 
und Totalzusammenhang kommt allem Organischen zu; ob dieser Eiche 
und diesem Löwen weniger als jenem Menschenkrüppel und Dorftölpel, 
wer hat den Maßstab dafür? So bleibt V»^ertentwicklung und etwa 
Ganzheit des Bewußtseins. Inwiefern kann wissenschaftliches For- 
schen verpflichtet werden, sich festzulegen und einzugrenzen auf 
irgend etwas, was ein Objekt über sich selbst denkt und fülilt. Und 
das Individuum als Subjekt der Wissenschaft? Die Souveränität des 



240 Max Pomtow. 

Geistes ist auch hier zu stabilieren. Die Wissenschaft kennt keine 
Instanz, die sie hindern könnte, an jedes Objekt die ganze Ftille ihrer 
Verfahrungsweisen anzusetzen, über die sie irgend verfügt. Geboten 
sind der Wahrnehmung homogene Systeme nie und nirgends. Überall 
bietet sich ihr gleichmäßig ein in seiner Mischung höchst wechsel- 
volles Ineinander von Ähnlichkeit und Verschiedenheit. Aus diesem 
Konglomerat entwickelt das ])enken seine Bildungen de? Besonderen 
und des Allgemeinen, hier des Singulären, dort des Gesetzlich-Gleich- 
förmigen. Das Singulare — es ist ein Grad der Komplexbetrachtung, 
der einseitig die Verschiedenheiten betont. Gesetze — sie sind Lei- 
stungen des abstrahierenden Denkens, Relationsbegriffe, die einseitig die 
Ähnhchkeiten herausheben. „Herrschen'' tun die Gesetze nirgends. Wir 
machen sie uns. Nur naives Denken sieht das Gradnetz dieser Hilfs- 
linien des logischen Urteilens über den Globus derWii'klichkeit greifbar 
ausgespannt. Und überall im Individuellen sprudelt die Fehlerquelle 
empor, daß — nach Biu-ckhardts Ausdruck — die Sache an sich 
interessanter sein soll, während in Wkklichkeit nur wir selber inter- 
essierter sind. Es ist nie zu vergessen, daß modernes europäisches 
Empfinden für den Einzelnen und seine „eigene, freie und singidäre 
Persönlichkeit" in einem Grade sich interessiert, der im Vergleich 
mit anderen Zeiten, Völker- und Kulturkreisen ein exorbitant hoher 
ist. Rückstände aus einer anthropozentrisch orientierten Vergangen- 
heit mit einem bald naiven, bald theologisch oder metaphysisch be- 
sitmmten Bewußtsein sind unschwer hier zu erkennen. Ist nicht das 
von Xaturzusammenhang und dem allgemeinen Zug der Erkenntnis 
ganz oder halb eximierte Individuum ein letzter Abkömmling vom 
Gotteskind in der Stammeslinie über Monade und den Träger des 
transzendental freien Willens? 



XI. 

Hypothese und Fiktion. 

Von 
Emanuel Seyler, Major a. D., Nürnberg. 

Einen breiten Raum nehmen zur Zeit die Erörtenmgen über 
die Bedeutung der Begriffe Hypothese und Fiktion in der Wissen- 
schaft ein. Herr Major a. D. Emanuel Seyler-Nürnberg sendet 
uns einen Abschnitt aus seinem eben im Druck befmdlichen Werk 
über ., Genie und Methode", worin dargelegt wird, daß schon vor 
mehr als fünfzig Jahren durch Herm. Lotze diese Begriffe ein- 
wandfrei bestimmt wurden; wir machen mit dessen Betrachtungen 
unsere Leser nachstehend bekannt: 

Ist der Beobachtung das umfassende Material versagt und 
scheint es dennoch geboten em Urteil zu formuheren, dann greift 
die Logik zu dem unliebsamen Auskunftsmittel der Hypo- 
these oder — im äußersten Falle — der Fiktion, welche Lei- 
stungen wiederum von der genialen Begabung gefordert werden 
mü^sen. Von beiden Urteilsformen muß zu ihrer Rechtfertigung 
die Vorlage des Postulates verlangt werden, das zu der Ent- 
scheidung drängt; für die Ausführung des Urteils ist die Be- 
schränkung auf das Gegebene anzuempfehlen. Der Form nach ist 
die Hypothese, von der es noch zweifelhaft erscheint, ob sie sich 
nicht nachträglich doch noch als zutreffend erweist, günstiger ge- 
stellt, während die Fiktion mit der Unmöglichkeit der Klarlegung 
rechnet und sich mit ehiem Annäherungswert begnügt, em Um- 
stand, dem stets in geeigneter Weise Rechnung getragen werden 
muß. Ein bekanntes Beispiel ist die Berechnung des Kreisumfanges 
als IVIittelwert aus dem Umfang des emgeschriebenen und des um- 
schriebenen Vieleckes. Auch die Rechtswissenschaft ist bisweilen, 
genötigt zu diesem Auskunftsmittel ihre Zuflucht zu nehmen, 



242 Eni^nucl Seyler. 

wenn ein Fall zur Beurteilung vorliegt, auf den sich keines der 
erlassenen Gesetze in voller Strenge anwenden läßt; man greift 
dann zu dem nächstverwandten und gestaltet dieses so um, daß 
sich Gesetz und Rechtsfall decken.*) 

Hiemit ist die Stellung, welche der reinen Anschanung oder 
der genialen Erfindung im Erkenntnisverfahren zukommt, präzisiert. 
Sucht man ihr eine höhere Weihe dadurch zu verleihen, daß man 
von ihren Leistungen als solchen spricht, zu denen das begriffliche 
Denken nicht fähig ist, so muß darauf verwiesen werden, daß sie 
in nichts anderem als in „tatloser Rezeptivität" (Lotze, 
Logik S. 594) bestehen kann. Will man zu dem Versuche fort- 
schreiten diese Leistungen in irgend welcher Weise zu verwerten, 
dann läßt sich dies auf keinem anderem Wege durchführen als 
auf dem des Denkens, und zwar mit Hilfe des beziehenden 
Vorstellens. 



*) An dieser Stelle habe ich Veranlassung einem falschen ^'erdacht, 
in den meiner Ansicht nach Herrn. Lotze durch das Werk .,Die Philo- 
sophie <]es Alsob" von H. Vaihinger geraten zu sein scheint, entgegen- 
zutreten. Nach dem durch die Verlagshandlung von Reuther & Reinhard 
in Berlin veröffeutlichten Prospekt zu diesem Werke sagt das ,,Vorwort 
des Verfassers" u. a. : „Wie kommt es, daß Avir mit bewußtfalschen 
Vorstellungen doch Richtiges erreichen?" und dann: „Nur bei einem 
fand er (der Verfasser) . . . eine aufklärende, aufmunternde Bestätigung 
seiner eigenen Auffassung über die Fiktion ... Es war Lotze, dessen 
Name daher auch hier dankbar erwähnt sei". In dem, was ich oben 
auseinandergesetzt habe, stütze ich mich durchweg auf Herm. Lotze's 
Logik; speziell die Angaben über die Fiktion finden sich auf Seite 412 
seines Werkes. Daß wir mit Hilfe von Fiktionen zu triftigen Schluß- 
folgerungen gelangen, ist eine Auffassung, die ich in den mir bekannten 
Schriften Lotze's nirgends angetroffen habe; sie steht meiner Ansicht 
nach in schrofiem Gegensatz zu dem, was Lotze über „Formen des Be- 
weises" (Logik, viertes Kapitel) und über „Auffindung von Beweis- 
gründen" (ebd. fünftes Kapitel) schreibt. Der Denker greife zu dem 
Hilfsmittel der Fiktion nur ,,der Not gehorchend, nicht dem eigenen 
Triebe" und hält sich bei seiner Anwendung in der Wissenschaft oder 
im praktischen Leben stets gegenwärtig, daß er es lediglich mit einem 
Annäherungswert zu tun hat. 



Rezensionen. 

Als Enrico Pizzo die Beiträge „Zur Theorie und Geschichte der 
BJistoriographie von Benedetto Croche (Tübingen, Mohr, 1915. Mk. 6) 
übersetzte, scheint ihn die Ansicht beherrscht zu haben, daß das Werk seines 
Landsmannes gegenüber den Darstellungen aus deutschen Federn (vgl. S. 130ff ., 
182 ff.) auch von Deutschen, welche nicht italienisch kömren, mit Sehnsucht 
erwartet werde, und daß deutschen Forschern ihr Bild, wie es sich in fremden 
Köpfen malt, vorgehalten werden müsse (vgl. S. 247 ff.). Über diese Punkte 
kann man zweifellos \terschiedener Meinung sein; denn deutsche Gelehrte 
erkamrten stets das von Fremden Geschaffene sehr bereitwilUg an. Doch sei 
dem, wie ihm wolle; es soll auch an dieser Stelle kurz gesagt werden, was der 
Verfasser Vv'oUte und wie er arbeitete. Cr. will beweisen, daß Geschichte 
nm- richtig dargestellt wird, wenn man den Entwicklungsgedanken stets im 
Auge behält (S. 226, 228, 243) und zugibt, daß „niemals ein absoluter Rück- 
schi-itt eingetreten sei" (S. 258). Daß der erstgenannte Leitstern auch anderwärts 
leuchtet, sagt Cr. am Ende seines Buches (S. 268) selbst, und wenn er die 
deutschen geschichtlichen Darstellungen der letzten Jahre sorgfältig dui'ch- 
forscht, wird er diesen Grundsatz immer wieder beachtet finden. Allerdings 
läßt er sich nur fruchtbar anwenden, wenn die nötigen Einzeltatsachen ein- 
wandfrei festgestellt sind. Diesen Dienst leistet und vollbringt immer wieder 
die sogenamite philologische Geschichtsschreibung, die entsagungsvolle Kärrner- 
arbeit. Über sie spottet Cr. häufig (S. 12/3, 17, 98, 246 ff.), wenn er auch ihr 
Wirken mitunter — etwas widerstrebend — anerkermen muß (S. 20). Wer das 
abfällige Urteil Cr.s mit der Wirklichkeit vorm^teilslos vergleicht, wird wahr- 
scheinlich auf den Gedanken kommen, daß der Neapeler Professor mit be- 
wußter Absicht ein Zerrbild zeichnete, wie er auch selbst zugesteht, das er 
sogar die Leistungen Rankes „wegen der Raschheit der Darstellung vornehm- 
lich in ihren negativen Seiten beleuchten mußte" (S. 264). Doch in demselben 
Atemzug muß er auch die Größe des Berliner Altmeisters anerkemien (vgl. 
S. 246, 256, 263). Keine noch so ausführlichen Darlegungen könnten Cr.s 
Arbeitsweise besser bezeichnen als dieser Satz, und vor allem die Worte, 
mit denen Cr. seine Einwände begründet, „wegen der Raschheit der Dar- 
stellung". Die Art der Begründung erregt nicht nur Kopf schütteln, sondern 
löst auch verschiedene Fragen aus. Läßt sich zum Beispiel „bei rascher Dar- 
stellung" nicht auch das Gute besonders herausheben? Legt das Hervorkehren 
des Ajigreifbaren nicht de» Verdacht nahe, als habe der Verfasser nach 
schwachen Seiten förmlich gesucht und sie mit bewußter Absicht und zu einem 
bestimmten Zweck betont, etwa wie ein Karrikaturenkünstler einen besonders 
auffälligen Zug der abgebildeten Persönlichkeit übertreibt, so daß ein zwar 



244 Rczeni-ionen. 

selir augenfälliges, aber mit der Wirklichkeit wenig übereinstimmendes Bild 
entsteht? Derselbe Vorgang wiederholt sich, wenn sogenannte Spitznanien 
Rufnamen werden. (Vgl. Göttinger Akad.-abh., phil.-hist. Kl., N. F. V. 2 
[W. Schulze].) So peinlich es empfunden wird, ebenso ungerecht ist es 
auch, einzelne Behauptungen, welche nicht die Gesamtanschauung wieder- 
geben, in den Vordergrund zu schieben. Cr. würde sich selbst ins Bein schneiden, 
wenn er fremden Forschern das Recht abspräche, ihre Ansicht mit Ausschluß 
anderer Meinung darzulegen; denn so berechtigt auch der Entwicklungsgedanke 
ist, er dürfte für sich allein auch nicht das letzte Wort in der Historiographie 
bedeuten, da gerade er den mindestens gleichwichtigen Einfluß der Umwelt 
(vgl. S. 89 ff., 115, 252 ff.) und der Wechselwirkung (vgl. S. 224), in der alles Ge- 
schehen zu ihr steht, sehr deutlich zeigt. Welche Triebkräfte veranlassen die 
Entwicklung ? Die Frage nach dem Warum ? ist keineswegs unnütz und falsch 
(vgl. S. 250 ff.). Aber nicht nur der grundsätzliche Standpunkt Cr.s unter- 
liegt genau denselben Bedenken, die er selbst laut werden läßt, und birgt 
genau so die Gefahr der von ihm bekämpften Einseitigkeit, sondern auch eine 
besondere Seite seiner Arbeitsweise fordert Widerspruch heraus. Es gibt 
eine gewisse Unbekümmertheit gegenüber genauen Angaben von 
Belegstellen, welche ebenso gut dem Geistreichen und Vielbelesenen als dem 
Nachlässigen eigen ist. Auf jeden Fall ist es dem Leser sehr viel zugemutet, 
immer festzustellen, was der Verfasser gemeint haben könnte. Derjenige, 
der wirklichen Nutzen von den vielen Anspielungen des Buches haben will, 
muß es eigentlich nochmals selbst machen, indem er auf die höchstens nur 
mit Namen genamiten Gewährsmänner und behandelten Schriftsteller selbst- 
ständig zurückgeht; denn der Übersetzer hat sich seine Aufgabe in diesem 
Punkte sehr leicht gemacht: er löst fast nur Verweise auf Dante auf. Es wird 
Avohl niemand so boshaft sein, das Unterlassen von Enrico Pizzo als ein Nicht- 
kömien zu erklären; aber der Wunsch ist sehr berechtigt und begründet: 
wenn der Übersetzer glaubte, durch seine Leistung den deutschen Bücher- 
kreis um ein wertvolles Werk zu erweitern, so hätte er sich der zweifellos großen 
Mühe nicht verdrießen lassen dürfen, das Buch sehr eingehend zu erläutern. 
In der vorliegenden Form gibt es zuviel Rätsel auf, um wirklich fruchtliav 
zu wirken; demi bei einer so ausgeprägten Persönlichkeit wie Cr. besteht die 
Möglichkeit, daß Tatsachen und Behauptungen anderer ganz persönlich ge- 
sehen und aufgefaßt wurden. Doch ich würde denselben Fehler begehen 
wie Cr., wollte ich mit diesem Bedenken meinen Bericht schließen; denn trotz 
alles grundsätzlichen Widerspruches gegen die Arbeitsweise können wir 
viele geistreichen Vergleiche und Zusammenstellungen genießen, wemi sie 
auch manchmal gewaltsam und geistreiehehid (z. B. S. 21/22, 42, 198, 264) 
und wie ein Berauschen an großen Worten klingen. Wii freuen uns, besonders 
im Hinblick auf das italienische „Maienwunder" 1915, daß Cr. gegen alles Ver- 
gewaltigen von Tatsachen Stellung nimmt, soweit es philosophischer, religiöser, 
völkischer oder parteipolitischer Standpunkt veranlaßt (vgl. S. 24 ff.). Auch 
lehnt Cr. mit Recht die sogenannte Schwarz-Weißmalerei ab (S. 71 ff.) und 
will alles aus der Erkenntnis der ganzen Zusammenhänge begreifen (S. 125, 
144, 175, 214), ohne daß ein von vornherein feststehender Maßstab an das 



Rezensionen. 24-) 

Geschehen angelegt wird. Doch kaim auch Cr. natürlich nicht aus seiner völ- 
kischen Haut heraus noch verleugnet er seine philosophische CTruudanschauung, 
so daß er selbst seine Forderungen als unmöglich hinstellt und abermals den 
Beweis liefert, daß sogar die scheinbar unerbittlichste ICritik in sich selbst 
unlösbare Widersprüche birgt. Aber gerade diese Erfahrung macht das Lesen 
des Buches von Cr. wie das seines Landsmannes Gulielmo Ferrero, „Größe 
und Niedergang Roms" (1906, Turin), reizvoll und am-egend, weil es eine 
heißblütige Persönlichkeit geschrieben hat. Nur schade, daß auch die Form 
das Eindringen in die Gedanken mitunter etwas erschwert; denn der Über- 
setzer, der in der Vorrede selbst die Schwierigkeiten seiner Arbeit andeutet, 
hat in der Hauptsache wörtlich übertragen und nicht gewagt, die Vorlage, 
dem deutschen Sprachgeist gemäß umgegossen, wiederzugeben. Dx. Jegel. 

Li der Vorrede seiner „Analyse des Zufalls" (Die Wissenschaft, 
Band 56, Vieweg und Sohn, Braunschweig 1915. 5 Mk.) sagt Prof. Dr. H. E. 
Timerding freimütig, daß ,, infolge seines kritischen Standpunktes . . . die 
gewonnenen Residtate in ihrer philosophischen Bedeutxmg hinter den Er- 
wartungen mancher Leser zurückbleiben" (Vorw. S. 7). Schon dieses Zuge- 
ständnis kennzeichnet den Verfasser als einsichtsvollen Forscher: er tut 
den Tatsachen, die er auf verschiedenen Wegen gewann, nicht Gewalt an, 
um sich auf Urteilslose großen Eindruck zu sichern. Die Vorrede bringt aber 
nicht nur diese wichtige Feststellung, welche die Schlußseiten (S. 161 ff.) mehr 
als beki'äf tigen, sondern klärt auch nach dem Brauche über die Arbeits- 
weise noch ausführlicher auf, als es der eben erwähnte Satz tut. Dr. T. will 
„die Mathematik auf Naturvorgänge" anwenden, um in die Geheimnisse der- 
selben einzudringen. Daß auf diesem Wege die Hauptmasse der Leser kaum 
nachwandebid, geschweige ki'itisch prüfend folgen kann, erkennt der Verfasser 
selbst und gibt deshalb den Rat, die rein mathematischen Abschnitte zu über- 
schlagen, weim die nötigen Vorkenntnisse für dieselben fehlen sollten (Vorw. S. 6). 
Doch machen wir von dieser Erlaubnis des Verfassers keinen Gebrauch, sondern 
versuchen seine Darlegungen kurz wiederzugeben. Nachdem Dr. T. zunächst die 
verschiedenen Begriffsbestimmungen des Wortes Zufall bei Schrift- 
stellern xind im allgemeinen Sprachgebrauch sehr geschickt wiedergegeben, 
und in diesem Zusammenhang die Verweise auf Literatiur genauer als in anderen 
Kapiteln geboten hat, betrachtet er die statistische Methode (S. 13 ff.). 
Die in diesem Zusammenhang niedergelegten Gedanken, welche nicht nm' 
jedem Volkswirtschaftler geläufig sind, verdienen weitgehendste Beachtung, 
weil selu- viele Gegenwarts- und Zukunftsfragen beleuchtet werden, z. B. Zu- 
nahme oder Minderung der Bevölkerung, die Zahlen der Selbstmörder und 
Verbrecher. Die nötigen Schlußfolgerungen zu ziehen, überläßt der Ver- 
fasser natürlich dem erfahrenen Leser, da ilire Behandlung über den Rahmen 
des Buches hinausgeführt hätte. ,, Praktischen Zielen" strebt auch der Ab- 
schnitt über die „Theorie der Glücksspiele" (S. 50 ff.) zu. Aus diesen 
Seiten klingt demjenigen, der es hören vdll, nicht nur ein deutliches Ablehnen 
aller Vorberechnungen des Erfolges heraus, sondern auch der sittlichen Be- 
rechtigung der sogenannten Glücksspiele. Diese Ausführungen werden in 



246 Rezensionen. 

den Darlegungen über das Urnenschema (S. 91 ff.) bekräftigt. Wer 
die Auseinandersetzungen über „Stationäre Zahlem-eihen" (S. 21) und ihre 
„mathematische Analyse" (S. 69 ff.), sowie über das „Gesetz der großen 
Zahlen" (S. 35 ff.) aufmerksam verfolgt hat, läßt sich auch durch diese eigen- 
artige Mathematik nicht abschrecken, wenn sie auch im allgemeinen über 
das hinausgehen düi-fte, was die meisten Menschen, soweit sie nicht Fach- 
leute sind, an Mathematik sich aneignen. Doch bringt es die Arbeitsweise 
des Verfassers mit sich, daß er auch füi" dieses Sondergebiet ein guter Führer 
ist. Deshalb ist es doppelt schade, daß am Schluß eine imzweideutige Zu- 
sammenfassung fehlt über das, was er entwickelt hat, und daß er nicht auch 
die Literatm-angaben alle zusammengestellt hat; denn wir bekämen einen 
raschen Überblick, daß ernste Wissenschaftler über diese Fragen sein* viel 
geschrieben haben, ohne naturgemäß zu einem sicheren Ergebnis zu gelangen, 
ob nicht auch bei einem sogenannten Zufall gewisse Gesetze walten. Infolge- 
dessen kann man über die Veröffentlichungen von Xichtfachleuten oder 
solchen, welche nur sich selbst für kundig halten, ruhig zur Tagesordnung 
übergehen. Eine wissenschaftlich vornehme Auseinandersetzung mit diesen 
Sclu'iftstellern mag zwar für den Fachmami nicht sehr erquicklii^h sein, wäre 
aber doch — ■ um vielem groben Unfug ein Ende zu machen — zu dem, was 
Dr. T. mit feiner Selbstbeschränkung und Erkemitnis des Möglichen geboten 
hat, eine sehr wertvolle Ergänzung.- Trotz dieser Unterlassung müssen wir 
dem Verfasser für seine Beschränkung ganz besonders dankbar 
sein; denn die Versuchiuig lag sehr nahe, nach berühmten Mustern die Geißel 
des Spottes zu schwingen und das schwere Geschütz der maßlosen Angriffe 
spielen zu lassen. Dr. Je gel. 

Soweit die Bücher über v\^ei bliche Erziehung ihre Behauptungen 
belegen, wei'den sie im allgemeinen von zwei entgegengesetzten Meinungen 
beherrscht: Die weibliche Natur stimmt mit der mäimlichen überein oder ist 
von ihr ganz verschieden. Diese Ansichten gelten wie Glaubenssätze und sind 
trotz aller Anfänge einer Begründung nie voraussetzungslos unter die Lupe- 
genommen worden, obwohl ohne tieferes Eindringen in den Stoff und in die 
aus den Feststellungen sich ergebenden Schlüsse ein wirklich zutreffendes 
Urteil unmöglich ist. Deshalb will Dr. Karl Haase in seiner Sclu'ift „Der 
weibliche Typus als Problem der Psychologie und Pädagogik" 
(Verlag B. G. Teubner, Leipzig 1915. 2 Mk.) zum ersten Male „die weibliche 
Bildung in der Geschlossenheit der physiologischen, psychologischen und 
l)ädagogischen Differenzierung bearbeiten" (S. 1), d. h. darstellen, wie die 
körperlichen, seelischen und erzieherischen Sondertatsachen in gegenseitige 
Beziehung gesetzt werden müssen, um die weiblichen Erziehungsfragen richtig 
stellen und lösen zu kömien. Jeder mitfühlende Leser wird seine helle Freude 
an der knappen Art haben, wie die Untersuchung rasch ihrem Ziel ent- 
gegengefühi-t wird. Ohne störende Seitensprünge, aber auch ohne Lücken in 
den Darlegungen geht der Verfasser Schritt für Schritt vor und verläßt stets 
z'.ir rechten Zeit angeschlagene Gedankenreihen, nachdem er ihi'e Bedeutung 
für die besondere Frage kurz angezeigt hat, um aus den alten neue Gedanken- 



Rezensionen. 247 

folgen za entwickeln. Wenn auch der Direktor des Erfurter städtischen Ober- 
Ij'zeums ads den vorhandenen einschlägigen Büchern viele bezeichnende Ver- 
treter auswählt und sie gelegentlich immer wieder an passender Stelle zu Wort 
kommen läßt, so wirkt doch das literarische Rüstzeug nicht als Fremd- 
körper und stört vor allem nicht den Fluß der Rede; deim die Abhandlung 
klingt wie eine Sammlung gedruckter Vorträge, obwohl die gelegentliche 
Häufung von fremdsprachlichen Ausdrücken, die, durch die Bahnbrecher der 
Seelenkunde geprägt, bis jetzt leider als unersetzlich gelten, an die Aufmerk- 
samkeit des Lesers nicht geringe Anforderungen stellt. Weim das Buch ein 
noch mehr deutschsprachliches Gewand erhält, so wird es auf noch weitere ■ 
Kreise anregend und befruchtend wirken können. Es sollte nämlich nicht nur 
von uns Lehrern und denjenigen, die Schulordnungen entwerfen, durch- 
gearbeitet werden, sondern von allen, welchen der Elternberuf Ernst ist, auf 
daß es weniger „unverstandene" Jugend gebe. 

Unsere Mädchenerziehung leidet m. E. an demselben Grundfehler wie 
die unserer Knaben. Unsere Schulordnungen, welche echte Kinder der all- 
gemeinen Stimmung sind, haben viel zu große Achtung vor dem Wissen und 
viel zu geringe Sehnsucht, dem heranwachsenden Geschlecht das Können, 
das selbständige Denken und Schließen, das rechte Em.pfinden der Umwelt 
gegenüber ganz unbemerkt anzugewöhnen. Damit diese Erkenntnis auf ge- 
sichertem Untergrund gestellt und auf ihm fußend die nötigen Schlüsse ge- 
zogen werden köimen, muß allerdings zuerst die Natur des zu Bildenden 
genau erkannt sein. Zu diesem Ziele weist Dr. Haase sehr beachtenswerte 
Wege. Das Neue und Richtige an ihnen ist m. E. vor allem, daß entschieden 
gewarnt wird, auf sogenarmten willkürlichen Versuchen weitgehende Forde- 
rungen aufzubauen; vielmehr ist das fortwährende Beobachten der Jugend 
und das Ableiten allgemeiner Gedanken aus Einzelfällen, wie unser sogenamites 
heuristisches Lehrverfahi-en, z. B. bei sprachlichen Erscheinungen erstiebt, 
der einzige Weg, der zu ziemlich einwandfreien Ergebnissen führt, weil nur 
bei ihm das Gewollte und Ausgeklügelte wegfällt; und die Vielgestaltigkeit, 
welche sich besonders bei werdenden Menschen zeigt, ganz zu ihrem Rechte 
kommt. Es mündet also alles wahre Erziehen und Bilden in das Erkeniaen 
der Eigenart des zu Beeinflussenden und des Erziehers selbst 
ein. Deshalb ist es kein Zufall, daß Dr. H., welcher bei den Mädchen das 
Tyiiische in den religiösen, ethischen, ästhetischen und rein intellektuellen 
Komplexen, d. h. das Bezeichnende in den religiösen, sittlichen, künstlerischen 
und rein geistigen Gefühls- und Gedanken reihen und -Verbindungen, eingehend 
bespricht, sich auch mit dem Schöpfer der Leitgedanken vieler Gegen warts- 
erziehungsschi-iften. Her hart, mannigfach berührt. Soweit man auch über 
ihn im einzelnen hinausgekommen sein mag, seine Richtlinien sind bewußt 
oder unbewußt, noch heute diejenigen sehr vieler „philosophischer .Päda- 
gogen", Da Je gel. 



Die neuesten Erscheinungen auf dem Gebiete 
der Geschichte der Philosophie. 

Baur, L., Die Philosophie des Robert Grosseteste, Bischofs von Lincohi (f 1253). 

Münster, Aschendorff. 
Cohen, F., Kommentar zn Kants Kritik der reinen Vernunft. 2. Aufl. Leipzig, 

Meiner. 
Cohn, J., Führende Denker. Geschichtliche Einleitung in die Philosophie. 

Leipzig, Teubner. 
Eicken, H., Geschichte und System der -mittelalterlichen Weltanschauung. 

3. Aufl. Stuttgart, Cotta. 
Kauimaim, X., Elemente der Ai-istotelischen Ontologie. Mit Berücksichtigung 

der Weiterbildung durch Thomas von Aquin und neueie Ai-istoteliker. 

2. Aufl. Luzern, Räber. 
Kerler, D. H., Bergson und das Problem des Verhältnisses zwischen Leib 

und Seele. Uhn, Kerler. 
■ — Die Fichte-Schellingsche Wissenschaftslehrt . Ebda. 
Külpe, 0., Immanuel Kant. Darstellung und Würdigung. 4. Aufl. Leipzig, 

Teubner. 
Meyer, M., Nietzsches Zukuioftsmenschheit, das Wertproblem und die Rang- 
ordnungsidee. Berlin, Simion. 
Nötzel, K., Die Grundlagen des geistigen Lebens Rußlands. Jena, Diederich?. 
Pischel, R., Leben und Lekre des Buddha. 3. Aufl. Leipzig, Teubner. 
Schilling, A., Welt- und Staat;sbürgertum in der deutschen Freimaiueixi. 

Darmstadt, Falken-Verlag. 
Schreiber, J., Altes und Neues von der Wünschelrute. Erfurt, Körner. 
Steinhausen, G., Germanische Kultur in der Urzeit. 3. Aufl. Leipzig, Teubner. 
Strecker, R., Die Anfänge von Fichtes Staatsphilosophie. Leipzig, Meiner. 



Historische Abhandlungen in den Zeitschriften. 

Zeitschrift für Philosophiz und philosophische Kritik. Bd. 162 H. 2. Müller, 
Martin Deutinger. Rüge, Willielm \\'indelba,nd . Jessel, Sam.melbericht 
über natui'philosophische Schriften des Jahres 1915. 

Philosophisches Jahrbuch. Ed. XXIX H. 4. Grabmann, Der kritische Rea- 
lismus Oswald Külpes und der Standpunkt der aristotelisch-scholastischen 
Philosophie. Kralewski, Leibniz' Lehre von der prästabilierten Har- 
monie in ihrem Verhältnis ziu* Freiheit des AA'illcns. 

Vierteljahrsschrift für unssenschaftliche Philosophie %md Soziologie. • Ed. XL 
H. 4. Metzger, Geschichtsphilosophie und Soziologie. Moog, Jiiints 
völkerpsychologische Beobachtungen über die Charaktere der euro- 
päischen Xationen. Schulte, Schleiermachers Monologen in ihrem Ver- 
hältnis zu Kants Ethik. Barth, Zu Leibniz' 200. Todestage. Kerler, 
Bergsons Bildertheorie und das Problem des Verhältnisses zwischen 
Leib und Seele. 

Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane. Bd. XXIX H. 1. 
Hevmans, Historische Xotiz zur Empfind ungslelu'e nebst Bemerkungen 
Ijeziiglich ilirer Verwertmig. 

Zeitschrift für pädagogische Psychologie und experimentelle Pädagogik. 
Bd. XVII H. 5 u. 6. Gaudig, Die neudeutsche Schule. 

The Philoso phical Review. Vol. XXVI. 1. Tufts, Ethics in the last tA\enty- 
five years. \\"ashbm-n, The last quarter centm-y in psychology. Pills- 
bury, The new development in psychology in the past qua,rter centm'j^ 

The Monist. Vol. XXVII. 1. Heath, Hermann Graßmann (1809—1877). 
— The neglect of the work of Grassmann. — The geomeü'ical analysis 
of Grassmann and its connection with Leibniz's characteristic. Xorris, 
"Treek ideas of an afterworld. Wrinch, Bernard Bolzano (1781 — 1848). 
Burns, A medieval internationalist (Pierre Dubois). 

The Journal of Philoso phy, Psychology and Scientific Methods. Vol. VIII. 1 1 . 
ßode, Ernst Mach and the new empiricism. Santagana, Two rational 
moralists. 

— 12. Costello, Professor Mackintosh's pragmatic lealism. 
— 19. Swenson, The logical significance of the paradoxes of Zeno. 

Mind. No. 100. Lopatin, The Philosophy of Vladimir Soloviev. Bowman, 
Kant's phenomenalism in its relation to subsequent metaphysics. Bm-ix.-', 
^\'illiam of Ockham on continuity. 



250 Historische Abhandlungen in den Zeitschriften. 

Archives de Psychologie. XVI. Gl. Cailler, L'influence du facteur a priori 

dans l'evaluation de la probabilite des causes. Evard, Le test d'asso- 

ciation-couple a l'ecol eprimaire. Descoeudres, Couleur, position ou 

nombre? Chaparede, Profils psychologiques gradues d'apres l'ordina- 

tion des sujcts. 
Revue Philoso pliique. XLI. 9. ßoirac, La Suggestion comme fait et commc 

hypothese. Proal, L'anarchisme au XVIII siecle. 
Revue de Metauhysiqne et de Morale. XXVII. 4. Milhaud, Une crise mystifjue 

cliez Descartes en 16l!i. 
Rivista di Filosofia Neo-Scolastica. VlII. 2. Masnovo, La politica interna 

e la politica estera di S. Tomasa d'Aquino.Olgiati, II probleiua della 

conoscenza in Josiah Royce. 
Rivista di Filosofia. VIII. 3 Martinelti, La dottrina della conoscenza 

e del metodo nella filosofia di Spinoza. Die Carlo, La dialcttica engel- 

siana. 
Rivista de Filo^ofii. II. 5. Varona, Emerson. Sagarna, Cömo se estudia 

y se juzga a Alberdi. Donoso, Ensayo sobre Eranci&co Bilbao. V illarroel 

DIrecciones de la educacion moderna. Ingenieros, Las ideas culoniales 

V la dictadura de Rosas. 



Archiv für Philosophie. 

I. Abteilung: 

Archiv für Geschichte der Philosophie, 

Neue Folge. XXX. Band, 4. Heft. 



XII. 

Die Philosophische Rechtslehre 
des Jakob Friedrich Fries, 

Von 
Kurt Hiller. 

Das methodische Prinzip der Kant'schen Vernunftla-itik ist der 
Beweis. Was nicht bewiesen werden kann, entbehrt des Anspruchs, 
für wahr zu gelten; es rechnet zwar nicht als unwahr, aber als proble- 
matisch. Xun liegen der Form des Beweises jedoch Sätze zugrunde 
(wie z. B. der Satz vom Widerspruch), die, sofern das methodische 
Prinzip richtig ist, ihrerseits wieder bewiesen werden müßten, um 
mit Fug den Stempel der Wahrheit zu tragen. .Diese Sätze indessen 
— man heißt sie ,, Grundsätze" — zeichnen sich vor allen anderen Sätzen 
der Welt dadurch aus, daß sie nicht bewiesen werden können. 
Hat also das methodische Prinzip der Kantischen Yernunftkritik 
Recht, so kann es Wahrheit nicht geben, und die Humesche Skepsis, 
gegen die der Kritizismus ins Feld gezogen, kehrt als Siegerin vom 
Kampfplatz heim. Sich bei ihr zu beruhigen, geht philosophisch nicht 
an; denn bedeutet sie kein vorsichtiges Aufschieben des Urteils, 
kein bloßes Gewappnetsein des Trommelfells gegen das Getöse pathe- 
tisch vorgetragener Schein-Selbstverständlichkeiten, so stellt sie ja 
einen Widerspruch in sich selbst dar. Wenn es nämlich Wahrheit 
nicht gibt, dann kann auch der Satz, daß es Wahrheit nicht gebe, 
nicht Wahrheit enthalten; und wenn wir nichts erkennen können, 
dann können wir auch nicht erkennen, daß Erkeimtnis unmöglich sei. 
Es steht mithm fest, daß der Skeptizismus als System bodenlos ist. 
Aber ebenso fest steht die Unzulänglichkeit des Kantianischen Wider- 



252 Kurt Hiller, 

legiiugsversiiclies. ^lan muß dem aljsoluten Zweifel aiii andere]n 
Wege beikommen. Hier hat die größten pfadfinderischen Verdienste 
Jakob Friedrich Fries, der 1773 zu Barby a d. Elbe geboren wurde, 
sich 1801 in der philosophischen Fakultät zu Jena habilitierte, wo er 
(mit emer elfjährigen Heidelberger Unterbrechung,, die ihm die Pro- 
fessur brachte) Physik, Mathematik und Philosophie lehrte und 1843 
starl) Sein Name wurde von dem großen Schwall des Hegel ianisnuis 
und später vom ,, naturwissenschaftlichen Zeitalter'', das herauf- 
donnerte, völlig übertönt, erschien wie ausgelöscht auf der Tafel 
der Geschichte deutscher Philosophie und wurde erst zu Anfang 
dieses Jahrhunderts durch einige junge Forscher der Vergessenheit 
entrissen. Der Mathematiker Gerhard Hessenberg, der Physiologe 
Karl Kaiser und der als Führer der Bewegung anzusprechende Er- 
kenntniskritiker und Moralphilosoph Leonard Nelson geben seit 1904 
„Abhandlungen der Friesischen Schule'- heraus (bei Vandenhoeck 
& Ruprecht, Göttingen), in denen .sie, freilich fast unter Ausschluß der 
Öffentlichkeit leider, auf streng fachmäunischo Art Propaganda für 
das System ihres Denkers machen. 

Fries nimmt zu Kant eine ähnliche Stellung ein wie Nietzsche zu 
Schopenhauer Er ist sein Schüler und Gegner zugleich Sein Gegner 
vornehmlich insofern, als er sich gegen das methodipche Prinzip 
Kants wendet, gegen den Beweis, und k'ar ausspricht, daß sich das 
Denl?en seine synthetischen Prinzipien umuögUch selbst erzeugen 
könne. Der Satz, alle Wahrheit müsse sich beweisen lassen, ist nach 
ihm ein logisches Vorurteil und die Lehre, die sich auf diesem Satze 
aufbaut, transzendentaler Dogmatismus. Durch alle Beweise können 
wir vielmehr nichts erkennen und entdecken, was nicht schon implicite 
in den Grundsätzen lag. Diese Grundsätze nun zu begründen, dient 
nicht der Beweis (denn dann wären es eben keine Grundsätze); 
auch nicht die ^Demonstration (denn es sind keine mathematischen, 
anschaulich zu machenden, sondei-n metaphysische Grundsätze : 
es gibt keine ,inteUektuelle Anschammg"'); sondern die Deduk- 
tion, d. h. ihre Aufzeigung in der unmittelbaren Er- 
kenntnis der reinen Vernunft. Diese Deduktion ist 
ein Geschäft der Psychologie. Die Frage nach dem Grunde aber 
hat vor der Erkenntnis diesei- metaphysischen Grundsätze Halt zu 
machen, wenn sie nicht auf einen regressus in infhütum führen soU. 
Die Frage nach dem Grunde ist ja auch keineswegs am Platze, wo ein 



Die Philosophische Rechtslehre des Jakob Frle(1rich Fries. 253 

Faktum durch innere Erfahrung aufgezeigt wird. An Fakten zu 
zweifeln, ist ein Mangel an Selbstvertrauen, und der einzige Grundsatz, 
der allein den Xamen eines Imtischen Prinzips verdient, ist in der 
Tat der Grundsatz des S e 1 b s t v e r t r a u o n s der V e r n u n f t. 

Mir scheint, daß dieser (nicht ä la Wundt, Lipps, Mach und 
Pragmatisten genetisch gefaßte, sondern systematische) 
Psycliologismus einen gew^altigen Fortschritt bedeutet, daß er den 
Skeptizismus endgültig zu Boden streckt und geradezu der formalen 
Erkenntnislehre letzten Schluß enthält. ,,AVer seiner Vernunft nicht 
traut und ilire Zuverlässigkeit erst beglaubigt haben möchte, der 
wende sich an die Psychiater und lasse die Philosophen in Ruhe^' 
(Nelson); wer ihr aber traut, der emanzipiere sich so rasch wie möglic-h 
von dem Dogma, alle Sätze, auch die metaphysischen Grundsätze, 
müßten reflexionell bewiesen werden, er lasse sich vielmehr daran 
genügen, sie unmittelbar aufgewiesen zu haben. 

Ich weiß nicht, ob die Herren von der Friesschen Schule — wie 
ihre Gegner vielfach behaupten — diese Erkenntniskritik erst selb- 
ständig entwickelt, durch irgend einen Zufall dann in den verschol- 
lenen Werken des Fries wiedergefunden und, um ihre eigene, im 
G^lehrtensmn so revolutionäre Idee vor der Zunft zu legitimieren, nun 
unter dem Patronat einer toten, historischen, also ernst zu nehro,enden 
Größe in die Welt gesandt haben; oder ob sie tatsächlich erst von 
Fries belehrt worden sind und purer Sach-Enthusiasmus die Be- 
wegung in Szene gesetzt hat. .Dem mag sein wie ihm will: wir wissen 
den Friesianern Dank, denn sie haben die Vernunftkritik um ein be- 
trächtliches Stück vorwärts gebracht. Freilich stimmt uns die Sicher- 
heit, mit. der sie verkünden, sie wlü'den kraft ihrer Methode durch- 
gehends aus dem bisherigen ,, Spiel der spekulativen Weisheit'' eine 
,, Philosophie als evidente Wissenschaft" gestalten, etwas mißtrauisch, 
und man erinnert sich der Alchimisten, die ihr Versprechen, Blei in 
Gold zu verwandeln, immer noch nicht eingelöst haben. 

Aber die präphilosophische, rein erkenntniski'itische Erheblich- 
keit des Friesianismus ist eine so hohe, daß wir die Beteuerung seiner 
Propagatoren, . auch die Philosophie Fries', nämlich die praktische, 
berge ungeahnte Werte, nicht überhören dürfen. Da, wir an die 
Möglichkeit geistigen Fortschreitens glauben, ein Schritt vorwärts 
im Geiste aber oft nur durch einen Blick rückwärts möglich wird, 
so haben wir nicht nur das Recht, sondern mich dünkt: die Pflicht, 



254 '. K^irt Hiller, 

diese Philosophie zu studieren. Ohne vorgefaßte Meinung werden 
wir an die iVrbeit gehen. Sollte dieser auferstandene Tote in der Tat 
der Rechtsphilosophie neue Erkenntnisse darreichen, so werden wir 
sie dankerfüllt annehmen; sollte er nur liergebrachte Irrtümer odei' 
Fraglichkeiten in abweichender Fromulation bringen, so werden wir 
uns nicht scheuen dürfen, ihm gleichsam ein posthumes Begräl)uis 
zu bereiten. 

Das Werk, das uns hier vor allejn interessiert, war, wenn wir 
Henke, dem Schw^iegersohn und Biographen Fries', Glauben schenken 
dürfen, ein Lieblingskind seines Autors. Ks führt den Titel ,, Philoso- 
phische Rechtslehre und Kritik aller positiven Gesetz- 
gebung'' und ist 1803 bei Mauke in Jena erschienen. (Origmal- 
getreuer Neudruck: Leipzig 1914, bei Felix Meiner.) Abgesehen 
von Vorrede und Einleitung zerfällt es in drei große x\bschnitte: 
1. ,, Allgemeine Gesetzgebung' \ 2. „Die Politik", 3. ,, Kritik aller posi- 
tiven Gesetzgebung". Diese drei Namen stellen das logische Schenui 
dar, unter das Fries sein rechtsphilosophisches System stellt. Ober- 
satz, Untersatz, Schlußsatz. Im Obersatz wird gefragt: ,,Was ist 
recht?"; im Untersatz: ,,AVenn wir wissen, was recht sei, wie ist es 
zu machen, daß dies in der menschlichen Gesellschaft rechtens werde?": 
im Schlußsatz endlich wird aus beiden Antworten eine wissenschaftliche 
Bewertung geltenden Rechtes abgeleitet. 

Das erste Problem der Rechtsphilosophie lautet also: Was 
ist recht? 

Hier wendet sich Fries in prachtvoller Schärfe gegen den Empi- 
rismus. Er zieht einen kräftigen Strich zwischen reiner (oder 
]) h i 1 s p h i s c h e r) und positiver Rechtslehre. ,,Die reine 
Rechtswissenschaft ist ganz philosophisch und ihr Gesichtspunkt 
idealisch; sie fußt auf Regeln, denen nur gleichzukommen das höchste 
Ziel irgendeiner positiven Gesetzgebung sein würde. Dagegen ist 
das AVesen jeder positiven Rechtslehre ganz empirisch, es geht nur 
auf schon vorhandene Geschichte und Erfahrung aus. Reine 
R e c h t s 1 e h r e muß studiert und gedacht werden, sie hängt 
einzig vom Selbstdenken ab; positive muß studiert und ge- 
lernt werden." So wird für den, der die Jiiris]>rudenz ,,als Geschäfte 
treibt' , die Kenntnis des ])Ositiven Rechts durchaus das erste uiul 
unentbehrlichste sein, und „wer mit einer handwerksmäßigen Tätig- 
keit im Leben zufrieden ist, der bedarf der philosophischen Unter- 



Die Philosophische Rechtslehre des Jakob Friedrich Fries. 255 

suchiuigeii für die Rechtslehre nur sehr wenig". Anders freiUch 
steht es mit dem Denker. Er kann sich nicht damit begnügen zu er- 
fahren, was rechtens ist, d. h. was wirklich als Recht im Staate 
gilt ; sondern es drängt ihn zu erforschen, was r echt ist, d. h. 
was als Recht im Staate gelten sollte. Hieraus folgt notwendig, 
„daß das Studium der philosophischen Rechtslehre von ?llem Studium 
des positiven Rechtes unabhängig sei", daß es also logische Beziehungen 
zwischen dem Seienden und dem SeinsoUendeii nicht gebe. 

Hat die reine Rechtslehre mithin für den Denker die größte theo- 
retische Bedeutung, so entbehrt sie auch keineswegs eines praktischen 
Wertes. Freilich nicht für den Richter, denn dieser hat einzig dem 
bestehenden Gesetze gemäß zu sprechen; und selbst da, wo der Gesetz- 
geber ilim überläßt, nach eigenem Ermessen zu judizieren, ,.wird ihm 
mehr obliegen, nach dem Geiste der ganzen gegebenen Gesetzgebung 
als nach dem, was eine philo?ophische Ansicht der Sache fordert, 
sein Urteü zu bestimmen". (Fries hat hier, wie wir sehen, den Gnaeus 
Flavius mitsamt der Freirechtsschule vorausgeahnt und ihre Haupt- 
forderung abgelehnt.) Es gibt keine sogenannten Lücken im Gesetz: 
was das Gesetz nicht auseinanderlegt, das spricht es implicite aus: 
und der Richter hat überall in Übereinstimmung mit dem immanenten 
Gedanlven des Gesetzes zu judizieren: für ihn hat die philosoph'sche 
Rechtslehre keinen praktischen Wert. Ohne Zweifel dagegen hat sie 
einen für den Gesetzgeber: denn diesem ist ja die Aufgabe zuerteilt. 
..seine Gesetzgebung der Idee des Rechtes gemäß einzurichten''. 

AVelches ist nun aber diese Idee ,,des Rechtes"? Was heißt 
überhaupt „Idee"? — ,,Idee" steht üi formalem Gegensatz zum Xatur- 
gesetz. .,Idee" ist nicht etwas natürlicherweise in der Gesellschaft 
schon Geltendes, w'e beispielsweise die sinnlichen Triebe, sondern eine 
Aufgabe; etwas, „was durch die eigene Tätigkeit der Menschen erst 
unter ihnen eingeführt werden soll". Das Gesetz des' Rechtes nun 
lernen wir nicht von der Natur, es entspringt vielm.ehr aus unserem 
eigenen Innern (wo es von der Psychologie aufgezeigt werden kann), 
kommt also nur in der Form der Idee vor. Der Inhalt aber dieser 
Idee ist „ein Gesetz der Wechselwirkung vernünftiger AVesen als 
solcher". Mcht etwa schlechthin ein Gesetz sozialer Wechselwirkung; 
ein solches wäre Gegenstand der Ei'fahrung und Thema der Natuj- 
wissenschaf t : sondern: ein Gesetz der AVechselwirkung vernünf- 
tiger AYesen, gerade insoweit sie nicht Bestandteile der Natur. 



'2~^Q Kurt Hill 



(■ r 



sondern vernunftbegabt sind. Die natürliche Welt macht ein Reich 
der Ursachen und Wirkungen aus, „die AVeit der Intelligenzen" aber 
,,ein Reich der Zwecke". 

Welches ist nun das oberste Prinzip dieses Gesetzes der Wechsel- 
^yirkung vernünftiger Wesen? Fries polemisiert hier gegen den 
Satz Kants, der als Urrecht des Menschen die Freiheit ansetzt Frei- 
heit sei gar „kein Recht, sondern eine Eigenschaft, welche 
vorausgesetzt wird, um überhaupt erst jemanden zum Subjekte eines 
Rechtes machen zu können"; politische Freiheit aber eine bloße 
Folge der Gleichheit. Kant widerspreche sich sell)er. J)enn wenn er 
als Aufgabe der reinen Rechtslehre die Beschränkung der Freilieit 
jedes Einzelnen zur Zusammenstimmung mit der Freiheit aller sta- 
tuiere, so mache er die Rechtslehre zu einer Lehre von der Beschrän- 
kung der Rechte, und man müßte noch erst eine eigentliche Lehre von 
den Rechten ?elbst hinzusetzen. 

Freiheit also ist eine Eigenschaft u.nd zwar ,,das auszeichnende 
Eigentum des vernünftigen Willens und somit des Menschen". .t)ie 
innere Notwendigkeit dieser Freiheit setzen wir eben der Naturnot- 
wendigkeit, deren Gesetz immer von außen her gogoben wird, ent- 
gegen, und vermöge dieser Freiheit wird an Stelle der Gleichheit. der 
Gewalt, die in der Natur gilt, eine Gleichheit der Personen angestrebt. 
Der Wille des Menschen ist teleologisch frei und wfgt den Kampf 
mit der gxnzeii Natur. Freilich steht auch er unter dem Nxiturgesetz ; 
und das Rechtsgesetz, das ihm entspringt, ist nur eine Idee, ,, welcher 
gemäß gehandelt werden soll; deim es bleibt in der Natur zufällig, 
ob das Gesetz der Freiheit wirklich gilt oder nicht". Es gibt zwei Arten 
von Notwendigkeit: die theoretische Notwendigkeit (= Natur- 
notwend'gkeit), die durch das Müssen, und die praktische 
Notwendigkeit (= Vernunftnotwendigkeit), die durch das Sollen 
ausgesprochen wird. Das Müssen geht unmittelbar auf die Wirklich- 
keit; das Sollen dagegen sagt nicht unmittelbar aus, daß sein Iiilmlt 
auch wirklich geschieht, es bezieht sich vielmehr auf einen vernünf- 
tigen Willen als Vorschrift. — Nach diesen zwei Arten von Notwendig- 
keit eines allgemeinen Gesetzes teilt Fries die Philosophie in zwei 
große Diszi])linen ehi, in Physik und E t h i k.*) Physik stellt 

*) .So bereits, achtzehn Jahre zwju', Kaut in fl«"i Vorrede der 
,,< ■riiiuliegung zui ^Metaphysik der Sitten'". 



Die Pbilosophische Reclitslehrc; des Jakob Frieilridi Fr'ies. -Jöl 

Normen auf für ein Reich der Kausalität in der Natur, Ktlük stellt 
Normen auf .,f ü r e i n R e i c h d e r Z w e c k e i n d e r G e m e i n - 
Schaft frei wollend er Intelligen ze n''. 

J)a das Gesetz der Freiheit als Idee auftritt und sich durch das 
Sollen ausspricht, so gilt es als Gebot, und Fries nennt es nach 
Kants Vorschlag Sitte ngesetz oder kategorischen I m - 
p e r a t i v. Domit es aber verwirklicht werde, l^edarf es noch einer 
Nötigung, eine Zwanges durch physische Kraft. Diese Nötigung ist 
entweder eiuQ innere ; sie heißt dann Tugend und geht auf die Ge- 
sinnung und auf die Moralität der Handlungen; oder eine äußere, 
welche auf das Tun und auf die Legalität der Handlungen geht ; diese 
ist das (objektive) Recht. Danach zerfällt die Ethik in Tugend- 
lehre und reine Rechtslehre. 

Die Rechtspflichten mithin, so sehr sie — im Gegensatz zu den 
Tugendpflichten — durch äußere Gewalt erzwungen, durch äußere 
Geset: g^bung und Vollziehung gewaltsam verwirklicht werden können, 
entsprmgen, wie diese, aus dem Sittengesetz in unserem Innern. 

Fries ist weit davon entfernt, das Sitteugesetz f o r m a ] zu neh- 
men; er gibt ihm vielmehr einen sehr greifbaren Inhalt und stellt 
der Rechtsphilosophie die Aufgabe, von diesem allgemeinsten Inhalt 
,,zum Einzelnen nach und nach durch Subsumtion herabzusteigen''. 
J)er Inhalt des kategorischen Iinparativs ist; daß „jeder die Person 
des anderen objektiv als emen selbständigen Zweck respektieren 
muß". Der Inhalt des kategorischen Imperativs und infolgedessen 
das höchste Prinzip der allgemeinen Gesetzgebung ist: die Gleichheit 
der Personen. 

Durch diesas Prinzip wird die vernünftige Wechselwirkung üi 
der Gesellschaft überhaupt erst ei'möglicht. Dieses isl im R-^iche der 
Zwecke der Endzweck, der Zweck an sich. Das Problem der aPge- 
meinen Geset; gjbung. die Frage nach dem, was recht sei, ist mithin 
zu beajitworten durch den Satz : ,,G^ eichheit ist ref^h t". 
Das Gesetz des Rechtes besagt zwar nicht,, wie das Gebot der Moral, 
daß einer den andern behandeln soll; aber es besagt: falls einer 
den andern behandelt, so soll er diesen als seinesgleichen behandeln, 
denn ,,die Menschheit in jedem Menschen hat absolute Würde und ist 
an sich Zweck". 

Von diesem obersten Prinzip der allgemeinen Gesetzgebung leitet 
Fries dann fünf Einzelgesetze ab : Versprechen sollen gehalten werden. 



«258 Kurt Ililler, 



< 



s 



fes Eigentum soll nach dem Grundsätze der Gleichheit in der Ge- 
sellschaft verteilt werden; jede Gesellschaft soll zu einer bürger- 
lichen Verfassung unter öffentlichen Gesetzen und öffentlichen Ge- 
richtshöfen zusammentreten; das öffentliche Gesetz soll einen Kodex 
des "bürgerlichen Rechte? enthalten, dessen Prinzipien die gesetzliche 
Übereinkunft über die Verteilung des Eigentums und die Gültigkeit 
der Verträge sind : das öffentliche Gesetz soll ein Kodex des peinlichen 
Rechtes enthalten, dessen Prinzip die Bestrafung nach dem Rechte 
der WiderVergeltung ist. 

.Oiese 5 Gesetze bilden bereits den Übergang zur „Politik"', zu 
der zweiten Frage der philosophischen Rechtslehre, zu der Hypothes's 
minor des logischen Schemas, zu dem Problem: Wie soll das, was 
wir als recht erkannt haben, in der Gesellschaft wirklich rechtens 
werden? 

Das Mittel, die Idee des Rechts zu verwirklichen, ist für Fries 
die „Republik'' oder ,,das gemeine Wesen", worunter er sowohl den 
Staat als auch den Staatenverein versteht, unabhängig jedenfalls 
von der Art seiner Verfassung. Der Staat also hat für ihn zum 
einzigen Zweck die Verwirklichung des Rechtsgesetzes. 
Alle anderen Zwecke, unter denen er vornehmlich Bildung und "Wohl- 
stand der Bürger nennt, sind diesem untergeordnet. Das Gebot der 
praktischen Vernunft, das Rechtsgesetz zu verwirklichen, ist der ein- 
zige Grün d des Staates Der Ursprung des Staates und seine 
Verfassung sind freilich zufällig, und es gibt hier keineswegs notwendige 
Formen. Einundderselbe gesetzmiißige Zweck kann ja durch die ver- 
schiedensten willkiülichen Mittel erreicht worden. Eine rationale Ent- 
scheidung etwa darüber, ob Monarchie, Aristokratie oder Demoki-atie 
die richtige Staatsverfassung sei, ist von der Hand zu weisen; hier 
zu urteilen ist lediglich Sache der Erfahrung. „Es kommt sehr wenig 
auf die Form der Regierung, aber sehr viel auf den Geist der Regie- 
rung und des Volkes an, um den Staat rechtlich zu konstituieren " 
Gleichviel wie die Verfassung eines Staates aussieht, wud man ihn 
nur danach zu beurteilen haben, ob der Geist seiner Regierung repu- 
blikanisch oder despotisch ist ; d. h. ; ob er darauf gerichtet 
ist, das Recht^gesetz zu verwirldichen oder nicht. Das ist die einzige 
prinzipielle Unterscheidung, 

Was Fries der demokratischen Phrase seiner Zeit zu entgegnen 
hat, ist ein feines Lachen. Gewiß, sagt er, „die höchste Gewalt im 



Die Philosophische Rechtslehre des Jakob Friedrich Fries. 259 

Staate kommt vom Volke; sie besteht in der Vereinigung der Kräfte 
der Mehrheit. Man kann also sagen: Die gesetzgebende Gewalt 
im Staate gehöre dem Volke. Dies bedeutet aber nicht, daß das Volk 
ein Recht habe, die Gesetze zu geben: Denn dies kann allein, der 
Vernunft zukommen, und wäre dap Volk imstande, Gesetze zu geben, 
so brauchte es fast keinen Staat mehr." Ein wechselseitiger Zwang 
besteht zwischen dem Regenten und dem Volke; des Regent zwingt 
das Volk durch seine tatsächhche Gewalt unter das Gesetz, das Volk 
den Regenten durch die Fiu'cht vor der aufgeklärten öffentlichen 
Meinung. Die oberste Macht aber, die Souveränität, gebliJirt weder 
dem Regenten noch dem. Volk. ,,Es mag ein Despot das Volk drücken 
oder Pöbel rieh pöbeUiaft regieren, so hat das eine vor Recht so wenig 
Wert als das andere. Weder in der Hand des Volkes noch in der 
Hand einiger aus dem Volke sollte der Idee nach die Gesetzgebung 
sein, sondern die Vernunft allein sollte das Gesetz 
geben. Dies ist die einzige wahre philosophische Antwort auf die 
Frage nach dem Rechte der Souveränität." Man sollte also eigentlich, 
wie Piaton es schon gefordert, denT Weisesten oder die Gesellschaft 
der Weisesten zu Regenten machen; womit der Erfahrung freilich 
sehr wenig gedient wäre; ,,denn wo will man diese (die Weisesten) 
erfragen, d.a im Volke, besonders im dümmeren Teile desselben, jeder 
sich selbst dafür halten wird." Das beste wird also sein, die Regie- 
rungsfähigsten zu Regenten zu machen; und diese Regierungs- 
fähigkeit wird am besten durch Einrichtung einer Zunft der Re- 
gierenden angezüchtet — so, wie in den Zünften der Handwerker 
die größte mamielle Geschicklichkeit gedieh. Wer behauptet, das 
Volk müsse sich seine Regenten von Rechtswegen w ä h 1 o n , „der 
kann ebensowohl bei jedem anderen Gewerbe sagen, z. B. das Tischler- 
handwerk ist doch ein sehr einträgliches Gewerbe, wie kann nun das 
Volk es dem Zufall und der Willkür der Einzelnen überlassen, wer 
sich in Besitz dieser Vorteile setzt? Nein, in Zukunft wähle das 
Volk sich seine Tischler selbst." Freilich soll nicht die Geburt, son- 
dern sollen Erziehung und Verdienst zur Aufnahme in die Regenten- 
zunlt berechtigen. ,, Erziehung" md.es zu welchem Typus? „Ver- 
dienst" nach welchem Kriterium? Und wer hätte zu entscheiden, 
ob ein zur Zunft Kandidierender sich „verdient" gemacht hat oder 
nicht ? Darüber und über die ganze Praxis dieser künstlichen Selek- 
tion verweigert Fries die Auskunft. 



;>Gt) I^ii'^ Hill er, 

Bisher hat sich also prinzipiell ergeben: daß Gleichheit recht sei 
und daß der Staat das Mittel sei, zu bewirken, daß sie auch reclitens 
werde. Wodurch bewirkt er das? Durch positive Gesetzgebung. 
Es besteht also luinmehr die Möglichkeit, aus Obersatz und Unter- 
satz den Schluß zu ziehen und zur ,,Kritilv aller positiven Gesetz- 
gebung" zu schreiten. In der Einleitung zu diesem dritten Teil seines 
Werkes legt Fries besondern Nachdruck darauf, daß von dem, was 
politisch geschehen m u ß , um das, was von Rechtswegen goscheben 
soll, zu ermöglichen, durchaus das zu trennen ist, was dem Ge- 
schmacke und der Willkür einzelner Völker und Re- 
genten in der Gesetzgebung überlassen bleibt. JMier leimt 
er es ab, aufklärerisch so etwas wie einen idealen Gesotzoskodex aus 
leiner Vernunft zu verfertigen. Er salviert sich, ein Vorkämpfer des 
neuen Rationa lismus, gegen den alten. (Junge Köpfe von heute werfen 
ihm hier einen Bruderblick zu.) ,,Die AVissenschaft kann gar kein 
Gesetzbuch machen, denn fast alle Anfänge der Geschäfte sind be- 
liebig, sie kann nur gegebene Gesetzbücher beurteilen und Vorschläge 
zur Verbesserung machen." So ist Fries' Rechtskritik, ganz analog 
seiner Erkenntnislo-itik, kein System, sondern eine Methode. 
Die naturrechtliche Aprioristik wird gerade so abgelehnt wie alle 
Positivisten-Trrlehre. Zweifrontenkrieg! Qual und Wonne jedes^ 
Philosophen. 

Doch die Grenze, wo das von der Idee des Rechtes Gebotene auf- 
hört nnd das für diese Idee Irrelevante, durch zufällige Übereinkunft 
IXonnierte beginnt, wird bei Fries mitnichten klar. Das zeigt sich be- 
sonders deutlich am Beispiel des Bevöllvorungsproblems. Hierzu 
stellt sich Fries folgendermaßen: „Vermehrung der Bevölkerung 
ist in unseren Staaten ein politisch sehr wichtiger Zweck, indem da- 
durch der Staat als Kriegsmaschine sehr an Stärke gewimit. Für 
die positiven Zwecke der Staatsverbindung ist sie aber etwas mehr 
Gleichgültiges; e? wird besser sein, wenn wenigere gut zusammenleben, 
als v»^enn noch so viele sich schlecht zusammen behelfen müssen." 
Ob also die Normen, in denen positive Gepetzgebungen das Gebot 
der Volksvermehrung aussprechen, ob insbesondere Normen, die, 
wie die Abtreibungsparagraphen, eine vorsätzliche Beeinträchtigung 
der Volksvermehrung unter Strafe stellen, ilirem Inhalte na(*h berech- 
tigt sind — diese Frage bleibt offen. 



Die Philosophische Rochtslehre des Jakob Friedrich Fries. 261 

So mutet der Hauptabschnitt des Werkes weniger an wie die 
Idare Konsequenz einer in sich geschlossenen Prinzipienlchre, als wie 
ein nach impressionistischen Gesichtspunkten komponiertes Potpourri 
ausgezeichneter Einzelbemerkungen; (was von uns aus vielleicht 
kein Einwand ist; wohl aber vom göttingischen Systematikerrigorismus 
aus, der für freien Denkstil soviel Hochmut, für einen Nietzsche die 
herabsetzende Bezeichnung „Künstler^' und für die selige Vaganz 
von „Litteraten" nichts als Gift hat). Jene I-Critik aller positiven 
Gesetzgebung" ttellt also den geistreichsten, nicht den wissenschaft- 
lich belangvollsten Teil der Friesschen Rechtslehre dar. Die An- 
regungen, die wir aus ihr schöpfen können, sind aphoristischen Wesens. 
Heben wir das Interessanteste heraus! 

Psychologisch besonders fein ist die Anwendung des Gleichheits- 
prinzips auf die Verteilung des Eigentumes. Fries ist nicht mit kom- 
munistischen Theoretikern zu identifizieren. Er geht davon aus, 
daß wir Eigentum ja nicht suchen, um unmittelbar zu besitzen, son- 
dern um mit Genuß zu leben. Da aber die Menschen ihre Lebensreize 
aus ganz verschiedenen Dingen ziehen, so sei es sinnlos, die besonderen 
Bedürfnisse gleichm ichen zu woUen, ausgeglichen werden 
müsse vieliiDhr die Zufriedenheit. Es liege ein „Widerspruch 
'darin, iem.mden zwingen zu v/ollen, in diesem oder dem die 
Freude seines Lebens zu suchen, in dies oder das seinen Genuß 
zu setzen, dies oder das als sein Bediu:"fnis anzusehen. Hier muß die 
Wahl einem jeden für sich überlassen bleiben." Der Grundunter- 
schied in den Bedürfnissen der Menschen ist nun der Unterschied 
zwischen Ruhe und Geschäftigkeit. „Das Hauptbestreben 
der arbeitenden Klasse in unseren Staaten geht darauf aus, ihr ruhiges 
.Durchkommen zuhaben, und damit wird das allgemeine Ziel de;- meisten 
ausgesprochen: ohne Sorge für die Zukunft leben zu können, d. h. 
leben zu können, ohne denken zu müssen, sich auf mechanisches 
Ai'beiten zu beschränken; denn freies Nachdenken als Arbeit ist den 
meisten die schwerste Last". Je mehr freilich jemand die Ruhe sucht, 
desto genügsamer muß er sein, desto weniger Genuß soll ihm zufließen. 
Und je geschäftiger jemand ist, desto anspruchsvoller darf er auch 
sein „Ein jeder soll die Früchte seiner Arbeit selbst genießen." Das 
ist der wirtschaftspolitischen Weisheit letzter Schluß. Wo Reichtum 
bei wenigen, Arbeit und Hunger bei der Masse ist, da ist die Masse 
zwar leichter zu leiten, denn sie wird zum Nachdenken weniger geneigt 

Archiv für Geschichte der Philosophie. XXX. 4. 19 



262 Kurt Hiller, 

sein und zum Mitsprechen kaum Zeit übrig haben; aber ein solcher 
Zustand, sagt Fries, muß dem unparteiischen ]3ritten „einen ekel- 
haften Anblick dos Unrechtes und der Unterdrückung" bieten. Ebenti^o 
ist die Knechtung fremder Völker zu verwerfen; die Kolonisation: 
.,die größte x\bscheulichkeit der neueren Politik". Also das ökono- 
mische Prinzip der Sklaverei und sein Korrelat, das Herrenrecht, 
werden aus eigentlich ästhetischen Gründen abgelehnt — fast 
in der Art, wie gegen Knde des Jahrhunderts der (sonst, weiß Gott, 
nicht frieshafte) irische Denker Oscar Wilde es in seinem piachtvoUen 
Essay ,,Die Seele des Menschen und der Sozialismus" getan hat. Das 
Grundgebot „Gleichheit" wird ja durch Sklaverei (in diesem nicht 
technischen Sinn) keineswegs notwendig verletzt, da es nicht auf 
mechanische Ausgleichung der Bedürfnisse, vielmehr auf gleiche 
Zufriedenheit abzielt. Wenn Fries an anderer Stelle das Moral-Argu- 
ment geltend macht, ,,daß die Sklaverei die erste Forderung des Rechtes 
(also die persönliche Gleichheit) gänzlich vernichte", so bezieht sich 
dies lediglich auf die antike und exotische Form von Sklaverei, in 
welcher der Sklave der persönlichen AVürde entbehrte, als Sache figu- 
rierte und Eigentum eines anderen Mensehen war. 

Aus dem Grundsatz; „Ein jeder soll die Früchte sehier Arbeit 
selbst genießen", müßte sich, sollte man meinen, eine Verdammung 
des Kapitalismus ergeben. Kein anderer Grundsatz war es, aus dem 
sechzig Jahre später F. L a s s a 1 1 e („Offenes Antwortschreiben an 
das Zentralkomitee zur Berufung eines Allgemeinen Deutschen Ar- 
beiterkongresses zu Leipzig") seine Forderung der Produktions- 
genossenschaften entwickelte. ,,Denn was nützen alle aulgespeicherten 
Reichtümer und alle Früchte der Zivilisation, wenn sie immer m\v 
für ein^'ge wenige vorhanden sind und die große unendliche Mensch- 
heit stets der Tantalus bleibt, welcher vergeblich nach diesen Früchten 
greift? Schlimmer als TantaluS; denn dieser hatte wenigstens nicht 
die Früchte h e r v o r g e b r a c h t , nach denen sein dürstender 
Gaumen vergeblich zu lechzen verdammt war." — „AVenn d e r A r - 
b e i t e r s t a n d sein eigener U n t e r n e h m e r i s t , so 
fällt . . . der bloße Arbeitslohn überhaupt fort, und an seine 
Stelle tritt als Vergeltung der Arbeit: der A r b e i t s e r t r a g 1" — 
So Lassallo; und nicht er allein. Professor Fries aber hiKt sich über 
derlei Konsecpienzen seines eignen Ethos mit dem uralt-billigen Argu- 
ment hinweg, dnß Leute, wek;he ohne alles Geschäft nur vom Besitze 



Die Philosophische Rechtslehre des Jakob Friedrich Fries. 263 

leben, immer als ein Residuum früherer Tätigkeit anzusehen seien, 

— ein Zynisma, mit dem dieser wirklich nicht Zjmische, aber um so 
Ängstlichere, auch das Erbrecht rechtfertigt. Sympathisieren müssen 
wir wieder mit ihm, wo er sich gegen einen gewissen Zuchthaus-Sozia- 
üsmuö kehrt. Zwangsweise Verteilung der Arbeit durch die Regierung 
(wie in Fichtes philosophischem Staate) lehnt er ab, ,,wei] jedem ein- 
zehien alle Freilieit der eigenen Bewegung genommen werden müßte". 
Die Gleichlieit, die hier erreicht werde, „müßte zum unausstehlichsten 
])nicke ausarten". Also wird an dieser Stelle das Prinzip der Freiheit 
einmal dem Prinzip der Gleichheit übergeordnet! Ein Mangel an 
Folgerichtigkeit, aber ein erfrischender. 

Bedeutend hinwiederum ist die Rolle, welche die Gleichheit in 
der Strafrechtstheorie spielt. Hier unterscheidet Fries zwei Tendenzen 
die ,, rechtliche" und die „politische". .Die rechtliche spricht zugunsten 
des Verbrechers; sie kommt zur Geltung, ,, damit nicht jede Übertretung 
des Gesetzes den Übertreter aller Rechte verlustig mache"; also — : 
der Gedanke van der Strafe als der ,, magna eharta delinquentis". 
Diese rechtliche Tendenz wird wirksam für den Fall des begangenen 
Verbrechens und gibt ein Maß für die Grade der Strafe, die im Sinne 
der Gleichheitsidee nach den Grundsätzen der Widervergeltung zu 
bestimmen sind. Jeder Verbrecher soll dem Beleidigten Schadenersatz 
für ehi zugefügtes Unrecht leisten und selbst um das gleiche bestraft 
werden, was er einem anderen widerrechtlich zufügte. Indes ist 
diese rechtliche Tendenz stets zu kombinieren mit der politischen. 
Die politische geht dahin, Verbrechen zu verhüten; die Strafe muß 
also auf die Gesamtheit der Bevölkerung abschreckend und auf den 
Verbrecher, an dem sie vollzogen wird, außerdem bessernd wirken. 

— Fries gehört mit dieser Lehrmeinung keineswegs zu den ,, Ver- 
geltungstheoretikern". Denn er setzt weder absolutistisch die Ver- 
geltung als Grund der Strafe (Grund der Strafe ist ihm vielmehr die 
politische Notwendigkeit; die Tatsache, „daß die Regierung 
ihre Gesetze im Staate nur durch Gewalt geltend machen kann"); 
noch reiht er, nach Art gewisser moderner Kompromißler, die Ver- 
geltung unter die Straf z w e c k e ein; vielmehr ist ihm Vergeltung 
weiter nichts als emes unter mehreren das Strafmaß normierenden 
Prinzipien. Er betont ausdrücklich, daß die Idee der Vergeltung 
nur rechtlichen, nicht sittlichen Ursprungs ist; daß sie nicht mit 
einer moralischen Zurechnung arbeite, wekhe ja metaphysische Frei- 

19* 



264 Kurt Hiller, 

heit (als Unabhängigkeit von der XaturnotwencUgkeit ! ) voraussetzen 
wüide: daß es sich vielmehr bloß um juristische Zurechnung handelt, 
die es mit psychologischer Freiheit, mit innerer Selbst- 
bestimmung, zu tun hat. Die metaphysische Freiheit (bei 
der moralischen Zurechnung) bestünde in der Kausalität 
der W i 1 1 k üj zum Entschluß; die psychologische 
Freiheit (bei der rechtlichen Zurechnung) besteht in der K a u - 
s a 1 i t ä t der Handlung durch den Entschluß. Eine, 
sittliche Zurechnung kann sich keiner gegen den anaern anmaßen: 
ohne eine rechtliche Zurechnung allerdings ist Strafe und somit Ver- 
wirklichung des Rechtsgesetzes überhaupt unmöglich. 

In scharfen Wendungen polemisiert Fries gegen die seit Beecaria 
aufgekommene ,, Weinerlichkeit". Mitleid mit dem armen Sünder 
ist ihm „Albernheit und Folge von ki-ankliafter Schwäche". „Es gibt 
keine fatalere Sentenz als die, daß nichts kostbarer sei als Menschen- 
blut". Er bekämpft d'e „sentimentale" und fordert die „robuste" 
Straf maxime. „Wer nicht Mut genug hat, gerecht und kräftig zu 
strafen, der lege die ganze Sache lieber in Gottes Hand nieder und ver- 
wahre sich gegen Brand, Mord und Raub durch Litaneien, Messen 
und Strafpredigten .... Gerechte Strafe darf im Staate gar nicht 
als ein Übel angesehen werden; nur das Verbrechen ist ein oft un- 
vermeidliches Übel, gegen welches die Strafe als Gegenmittel gebraucht 

wird." 

Welche Handlungen aber im Sinne der reinen Rechtslehre als 
„Verbrechen" a n z u s e h'e n seien, erfahren wir nicht. Das Problem 
der Straf würdigkeit (das freilich auch die Zunftkiiminalisten 
der Gegenv»'art kaum beschäftigt) wird nicht angeriihrt. Während 
Fries im Zivilrecht den größten Wert darauf legt, oie reine oder philo- 
sophische Rechtslehre von der positiven zu trennen, steht er nicht an, 
im Strafrecht ganz positiviptisch zu verfahren und das Verbrechen 
zu definieren als „eine Tat, die bestraft werden seil"! 

Das Werk schließt mit einigen völkerrechtlichen Betrachtungen. 
Sehr aktuell mutet uns die Verwerfung der Theorie vom ,, politischen 
Gleichgewicht" zwischen den europäischen Staatengruppen an. Ge- 
fordert wild ein Völkerbund. Die Gesetzgebung für den Staat selbst- 
„kann eigentlich erst dann fest und vollständig werden, wenn eine 
weltbürgerliche Staatenvereinigung eingeleitet ist". Wirkliche Staaten- 
vereinigungen seien aber nur solche, die ,,eine öffentliche Macht" 



Die Philosophische Rechtslehre des Jakob Friedrich Fries. 265 

aufstellen und, „in die Hände eines Kongresses" geben; also 
der Gedanke einer internationalen Polizei, als des Schwertes und Exe- 
kutivmittels eines internationalen Parlaments, bei dem die höchste 
Souveränität der Erde ruhte. Den Ausklang bildet ein wichtiges 
Bekenntnis zum ewigen Frieden. Er lautet: ,,Was endlich den Vor- 
schlag zu Beendigung des Iviiegführens überhaupt betrifft, so haben 
die Politiker, deren Zeitungen und Chroniken dann ihr jetziges Inter- 
esse verlieren müßten, diese Idee als so phantastisch und absurd in 
Ruf gebracht und den Krieg als ein notwendiges Übel dem Schutze 
aller Gutdenkenden empfohlen, wenigstens der Vorsehung, so daß 
man kaum zugunsten der Vernichtung desselben sprechen darf. Doch 
ist in der Tat die Forderung, allmählich auf die Vernichtung des 
Krieges hinzuwirken, gar nicht idealistischer als die, eine gute Polizei- 
ordnung in einem Lande einzuführen. Diejenigen, welche diese Idee 
für unnütz halten, urteilen eben wie eüi Lissaboner oder Römer, 
welcher es für unmöglich halten wollte, dem Meuchelmorde, Dieb- 
stahl und der Bettelei auf den Straßen einer großen Stadt Einhalt zu 
tun. Nur daß wir jenem eben noch kein Berlin zur faktischen Wider- 
legung aufweisen können." 

1848, fünf Jahre nach Fries' Tode, hat sein bedeutendster Schüler, 
E r n s t F r i e d r i c h A p e 1 1 , unter dem Titel ..Politik oder philo- 
sophische Staatslehre" die Aufzeichnungen seines Lehrers heraus- 
gegeben, zu denen sich im Laufe von vier Jahrzehnten die ,, philo- 
sophische Rechtslehre" erweitert hatte. Dies posthume Werk ent- 
hält eine Fülle neuer psychologischer und geschichtlicher x\per9us, 
aber die Rechtsphilosophie ist fast ganz unverändert geblieben und 
gi-ößtenteils sogar wörtlich in der Fassung von 1803 übernommen. 

Ziehen wir das Resümee, so ergibt sich, daß die reine Rechtslehre 
dos Fries weit davon entfernt ist, das philosophische Ideal der Friesi- 
aner zu erfüllen, nämlich gleich der Mathematik „evidente Wissen- 
schaft" zu sein. Die Kardinalaufgabe wissenschaftlicher Rechtsphilo- 
sophie: ein oberstes Prmzip aller Normenkritik zu finden, d-xs weder 
dem Vorwurf des Dogmatismus noch der Gefahr der Unanwend- 
barkeit ausgesetzt wäre, bleibt nach wie vor ungelöst. Die 
Idee der ,. Gleichheit", die Fries als oberstes Prinzip der allgemeinen 
Gesetzgebung aufstellt, ist keineswegs teleologisch notwendig, keines- 
wegs in der unmittelbaren ;h]rkenntnis der reinen Vernunft zu dedu- 
zieren, keineswegs ein metaphysischer Grundsatz, allenfalls ein Lehr- 



266 Kurt Hiller, 

satz. Dann aber muß er b e w i e s e n werden. Keine vornehni- 
tuende Spitzfindigkeit kann aus der Welt schaffen, daß der Satz „Ihre 
Würde gibt jeder Person den gleichen absoluten AVert mit jeder 
andern" ein willlvürliches spirituelles Dekret, ein Dogma ist. Mau 
kann es annehmen, aber Vernunft zwingt nicht dazu. Naturwissenschaft 
lehrt die eiserne Wahrheit von der U n g 1 e i c kh e i t der Menschen. 
Wertender AVille unterscheidet niedere und edlere Rasse: nicht bloß 
den Neger und den Weißen, — auch (aber ,,auch'' verringert das Ge- 
wicht der Sache): den Bürger und den Geistigen. Es ist philosophisch 
unzulänglich, ohne Beweis als vernunftnotwendig ein Sittengesetz 
aufzustellen, das eine Nivellierung dieser Ungleichheiten zum Inhalt 
hat. Und es ist um so unzulänglicher, je furchtsamer man sich hütet, 
die letzte Konsecpienz aus diesem Sittengesetz zu ziehen: den Kollek- 
tivismus. 

Bedeutet also der ausgegrabene Fries in der Hauptsache einen 
Fortschritt gegenüber dem heutigen Stand rechtsphilosophischen 
Denkens? Man wird diese Frage verneinen müssen. Freilich wird 
man auch die andre Frage: ob das Rechtsphilosophieren seit Fries 
in der Hauptsache denn Fortschritte gemacht habe, ehrlichen Herzens 
nicht bejahen können. Wer von zeitgenössischer deutscher Rechts- 
philosophie spricht, denkt in erster Linie an R u d o 1 f S t a m m 1 e r. 
Da ist es nun ganz spaßig, zu beobachten, daß es kaum einen einzigen 
unter den epochalen Gedanken Stammlers gibt,*) der nicht bei Fries 
bereits vorkäme. Zunächst in der Methode: Beide bekämpfen den 
Empirismus, der die Frage nach der inhaltlichen Berechtigung dei' 
Normen entweder im Prinzip zurückweist oder aus der Erfahrung 
durch geschichtliche und vergleichende Forschung zu beantworten 
sucht. Beide bekämpfen aber auch das Naturrecht alten Schlages, 
das wähnt, aus reinen Begriffen a priori ein ideales Gesetzbuch kon- 
struieren zu können für alle Zeiten und Länder. AVenn Stammler 
formale und zeitlich bedingte Rechtssätze unterscheidet, so spricht 
Fries von notwendigen und zufälligen Rechtssätzen. Beide trennen 
mit alle]- Schärfe die Erkenntnis des Seienden von der Erkenntnis 
des Seinsollendcn; der Stammlerschen Differenzierung zwischen 



*) Man Studielt sie wohl immer noch am gründlichsten in seinem 
aufregenden Werke ..Wirtschaft und Recht nach der materialistii^clien 
Greschichtsauffassung" (2. Aiiflage, 1906). 



Die Philosophische Rechtslehre des Jakob Friedrich Fries. 207 

kausaler und teleologisiher Betrachtung entspricht die Friessche 
zwischen Physik und Ethik. Beide erkennen, daß rechtskritische 
Wissenschaft nicht möglich ist ohne Stabilierung eines gesellschaft- 
lichen Endzwecks; beide leiten diesen Endzweck aus einem in der 
geistigen Organisation des Menschen wurzelnden Sittengesetz ab. 
Beiden bedentet dieser Endzweck nicht ein in der Natur zu verwirk- 
lichendes, von !)estimmtön sozialen Inhalten erfülltes Ziel, sondern 
ein(! regulative Idee ; beiden ist die Kritik aller positiven Gesetzgebung 
oder die Lehre von dem richtigen Reehte nicht System, sondern Me- 
thode. Beide ge])en auch dem Sittengesetz einen Inhalt und zwar 
den gleichen: nämlich alle Individuen als Zwecke an sich, als Wesen 
von absoluter persönlicher Vniide anzusehen. Und was besagen die 
,, allgemeinen Gesetze'', die Fries diesem obersten Prinzip subsumiert, 
anderes als die Stamnilerschen ,, Grundsätze des Achtens und Teil- 
nehniens'"? x\uch Stammler, so hartnäckig er behauptet, den kate- 
gorischen Imperativ rein formal zu verwenden, legt ihn tatsächlich 
aus als das Geljot der Gleichheit. Und der soziale Endzweck findet 
bei beiden Denkern nicht bloß eine beinahe identische F o r m e 1 — 
mit der ,, Gemeinschaft freiwollender Intelligenzen' ' und der „Geniein- 
scliaft f roiwollender Menschen'' verbinden beide vielmehr auch den- 
selben Begriff. Fries sowohl wie Stammler gebrauchen ,,frei" 
weder im kausalen noch im politischen, sondern im teleologischen 
Sinn. ,, Freies Wollen" bedeutet bei beiden: objektiv gültige Zweck- 
setzung, Bewirken des von der Vernunft als notwendig Erkannten, 
— iti Unabhängigkeit von den subjektiven Naturtrieben. 

Zum berüchtigten Problem der Yvillensfreiheit also nehmen 
'oeide gleichfalls dieselbe Stellung ein: sie sind Deterministen und 
lehnen die Freiheit als Gegensatz zur kausalen Notwendigkeit, als 
mystische Ursache dei' ^ Villkür zum Entschlüsse ab, konstatieren aber 
die Freiheit, Zwecke zu setzen und wählend nach diesen zu handeln, 
und postulieren sie somit als Ursache der durch Entschluß vollzogenen 
Tat. Übrigens trennen sie beide Moral und Recht, entsprechend der 
Disjunktion zwischen Gesinnung und Handlung, und fordern schließlich 
aucli beide als Kriterhim fl.er inhaltlichen Richtigkeit einer Rochts- 
noini nicht Majorität, soiul,ern Objektivität; also die Autorität (über- 
pei'sönlicherj Vermmft. 

Diese Familifenähnli(;hkeiLen zweier philosophischer Nachkommen 
Ivajits erscheinen vielleicht nicht sonderlich seltsam. Aber da 



268 Kurt Hiller, 

die Ähnlichkeit sich ()fters auch gerade in den A b w e i c h u n g e ii 
von Kant offenbart und da sich teilweise sogar Übereinstinuuung in 
der Formulierung findet (wörtliche Übereinstbnmung !), so 
muß man doch sagen: man steht hier vor etwas Auffallendem und 
Merkwüi'digem, vor einem Kuriosum in der Geschichte der Philosophie; 
über Plagiatverdacht ist Stammler, dieser glänzende Kopf und (trotz 
seinen Irrtümern) einer der größten .Oeutschen, völlig erhaben. Als ich, 
vor zehn Jahren, Franz von Liszt auf diese erstaunlichen Kongruenzen 
aufmerksam machen durfte ^ erzählte er mir von einer ähnlichen Pa- 
rallelität zwischen gewissen Ausfilhrungen Karl Lamprechts und 
Auguste Comtes — die Lamprecht erst hinterher entdeckte. Stammler 
imn kannte Fries; denn er zitiert ihn. Dennoch: selbst ein Geringerer 
als Stammler hätte dergleichen Anleihen nicht nötig. Übrigens sollen 
auch die Verschiedenheiten zwischen ihm und Fries nicht unerwähnt 
bleiben. Daß Fries die materialistische Geschichtsauffassung nicht 
widerlegen konnte, versteht sich von sell)st, da Marx und Engels 
sie erst nach seinem Tode begründeten. Eine .Oivergenz liegt freilich 
vor in der Ansicht über die praktische Bedeutung der leinen Rechts- 
lehre; während Fries diese für den Richter ablehnt, bemüht sich 
Stammler, zu zeigen, wie sie auch auf das positive Recht angewandt 
werden müsse, wie die Judikatur das Gesetz unter dem Gesichtspunkt 
des sozialen Endzwecks zu interpretieren habe. Ein zweiter Unter- 
schied besteht darin, daß Fries eine etwas kleinere Reihe von Gesetzes- 
inhalten als zufällige, zeitliche, empirische auffaßt; daß bei Stammler 
das Formal-Methodische der Rechtskritik noch schärfer betont wird; 
aber darzutun, wie sich aus rein formalen Sätzen Maximen, für die 
Kritik des Inhalts positiver Normen ableiten lassen, das gehngt leider 
auch Stammler nicht. Die Abweichungen zwischen den beiden Rechts- 
l)hilosophien sind daher nebensächliche. AVer dies geistesgeschicht- 
liche lüibinettstück und Musterbeispiel einer Konformität zweier 
Mchtzeitgenossen noch genauer überprüfen will, der bediene sich der 
Lupe, durch die (in den „Abhandlungen der Fries'schen Schule'', Neue 
Folge III, 4) Georg Fraenkel es betrachtet hat; ich empfehle diese. 
Lupe um so lieber, als ich sie selbst nicht benutzt habe, ja von ihrer 
Existenz erst soeben eifahre, während des Abschhisses meiner eigenen 
Betrachtung. 

Wir sind demnach im Prinzip honte nicht weiter als vor huml,crt 
Jahren — ein Tatbestand, den wir der d« nernden Alleinherrschaft 



Die Philosophische Rechtslehre des Jakob Friedrich Fries. 269 

dor lieben Historischen Schule zu verdanken haben, jener (als Reaktion 
gegen dogmatisch spintisierende Xaturrechtlerei) zwar verständlichen, 
darum aber nicht verzeihlichen, vielmehr geradezu verruchten Rich- 
tung, welche die Tcätigkeit des Denkens durch subalterne Sanimel- 
beflissenheit, durch Faktahamsterei ersetzt hat und uns auf unsere 
leidenschaftliche Frage: ,,was sollen vdv tun?" — in aller Gemütsruhe 
vorerzählt hat, was frülier einmal und anderswo andere taten. IVoch 
heute ist ja an den Hochschulen die Rer^htswissenschaft vom Bacilhis 
historicus stark verseucht, und wir können uns folglich nur freuen, 
wenn die wenigen Ärzte, die ihn auszurotten bestrebt sind, Sukkurs 
eihalten. Müssen uns angesichts der starken Verbi-eitung der Seuche 
sogar freuen, wenn dieser Sukkurs von einem Toten kommt. Fries 
rief: ,,Über Gelehrsamkeit verlieren wir den Geist'" und: .,Wir 
werden hier das Gute nicht schaffen, bevor wir nicht den Wissenschaften 
des Selbstdeiikens die Herrschaft wiedergeben, anstatt daß ])ei uns 
das Gedächtnis und die Tabellen regieren". Auch äußerte er Kost- 
bares über den ,, denjenigen, der die Rechtslehre als Geschäfte treibt". 
So wenig also der unbefangene Jüngei" kritischer flurispiudenz bereit 
sein wird, in das Triumphgeziip der Ts^eo-Friesianer einzustüumen. 
so wenig wird er doch, nach gewissenhafter Priifung, dazu neigen, 
dem einmal Auferstandenen ein erneutes Begräbnis zuteil werden 
zu lassen. 



XIII. 

Kritisches Verzeichnis 
der philosophischen Schriften Holbachs. 

Von 
Df. Hubert Rock in Innsbnick. 

1. 

Das Systeme de la iiature erblickte das Licht der Öffentlichkeit 
im Jahre 1770. Obschon die auf dem Titelblatt figurierende und 
durch ein darauf folgendes „Avis" des ungenannten Herausgebers 
näher belmndete Autorschaft des seit 1760 im Grabe ruhenden 
Mirabaud von Anfang an keinen Glauben fand, der wirkliche Autor 
vielmehr von Anfang an hinter denen um den „Baro^^", ziimal in der 
Person D i der ots, gewittert ^vurde, kam es damals gleichwohl keinem 
in das Geheimnis Uneingeweihten in den Sinn, auf Holbach selbst 
den geringsten Verdacht zu werfen. 

Abbe Morellet spricht in seinen Memoiren (Paris 1821—22) 
von zehn Eingeweihten und zählt als solche außer sich auf: Mar- 
montel, Saint-Lambert, Suard, Chastellux. Roux, Darcet, 
Raynal, Helvetius (1. 133). Das wären indes bloß neun. Auch 
sonst stimmt die Liste nicht. Jedenfalls haben wir sie durch Diderot, 
die Brüder Naigeon^); Lagrange'^), Grimm, Meister und wahr- 

1) Wo im folgenden einfach von Naigeon die Rede ist, betrifft es immc]' 
Naigeon den Älteren, Jacques Andre Naigeon (1738—1810), Hol- 
bachs Mitarbeiter. Näheres über Naigeon den Jüngeren bei Damiron, 
Meraoiros poiu- servir ä l'histoire de la philosophie au XVIIIe siecle (Paris 
1858) 11. 381. 

-) Nicht der Mathematiker Lagrange (1736—1813), wie man nicht 
selten, so bei Lange, Geschichte des Materialismus (Reclam) I. 476, fälsch- 



Kritisches Verzeichnis der philosophischen Schriften Holbachs. 271 

scheiDlich auch durch Lalande^) zu vervollstäudigeu. Morellet 
fährt dann fort: „Avant la mort du baroD, aucur» de nous n'avait 
confie a l'autre ses connaissances sur ce point, quoiqae chacun pensät 
bien que les autres en savaient aiitant que hü, L'idee du danger 
qu'eüt couru notre ami par une indiscretion imposait silence ä Famitie 
la pluö eoüfiante; et j'ai cra qulin secret si rchgieusement garde 
est uu fait qui, honorant la philosophie et les lettres, meritait d'etre 
conserve." 

Wenn nicht Eingeweihte nach dem im Jahre 1789 erfolgten 
Tode Holbachs das Geheimnis aus eigenem Antriebe verlautbait 
hätten, wäre der Nachwelt die Wahrheit darüber bis heute verborgen 
geblieben. 

Mit welchem Behagen mag Hoibach daher in Abbe Galianis 
aus Neapel vom 21. Juli 1770 an ihn gerichteten Briefe die Stelle 
gelesen und wieder gelesen haben: „J'ai vu le Systeme de la 
nature; c'est la ligne oü fiiiit la tristesse de la morne et seche verite, 
au delä commence la gaiete du roman. E n'y a rien de mieux que 
de se persuader que les des sonc pipes*). Cette idee en enfante mille 
autres, et un nouveau nnonde se regenere. Ce monsieur Mirabaud 
est un vrai abbe Terray de la metaphysique. II fait des reductions, 



licherweise angegeben findet, sondern Holbachs Hausleln-er Lagrange, 
Übersetzer von Lucretius und .Seneca ins Französische. Die Lucretius- Über- 
setzung erschien 1768; die von Lagrange nicht vollendete Seneca-Über- 
setzung erschien nach seinem Tode, vollendet und zusammen mit Diderots 
Essai sur la vie de Seneque herausgegeben von Naigeon (vgl. Rosenkranz, 
Diderots Leben und Werke, Leipzig 1866, II. 352; Franc k, Dictionnaire 
des Sciences philosophicjues, Paris 1875, „Naigeon"). 

^) Ich schließe dies aus folgender Angaba in dem 1803 anonym er- 
schienenen Buche ,,Der Triumph der Philosophie im achtzelmten Jahrhundert" 
(verfaßt von Joh. Aug. Stare k, vgl. Wetzer u. Weites Kirchenlexikon, 
2. Airfl. XI. 736) über das Systeme de la nature: ,,Auch Lalande, der, da 
er selbst zu den Adepten gehörte, auch von den eigentlichen Verfassern solcher 
Werke, die aus dieser Clique hervorgingen, unterrichtet sein konnte, schreibt 
dieses Buch dem Baron von Holbach zu und präkonisiert die in demselben 
vorgetragene Moral als la plus sublime, la plus pure et la plus eloquente." 
S. Journal des Debats du 15. Pluv. l'An VIII. de la Republique." Bd. I. 
S 232. 

*) Die Geschichte von den Dss pipes erzählt bei Morellet, Memoires 
1.131; nacherzählt bei Da mir on, Memoires,!. 168, Rosenkranz, Diderots 
Leben und Werke, II. 58. 



272 Hubert Rock, 

des suspensions, et cause la baiiqueroute du savoir, du plaisir et de 
l'esprit humain. Mais vous allez me dire qu'aussi il y avait irop de 
]um-valoui\-^ ; oii etait trop endette; il courait trop de papiers non 
reels sur la place. C'est vrai aussi, et voUä pourquoi la c/ise est 
airivee." 

Za den Worten „Ce monsieur Mii'abaud" machen Lucien Perey 
und Gaston Maugras, deren Ausgabe von Galianis Briefen'') 
ich benutze, die Anmerkung: „L'abbe feint d'ignorer qu'il s'agit 
de d'Holbach lui-meme, et il en profite pour lui dü'e quelque 
malices." Das ist ein Lrtum ihrerseits. Was Galiaui vorbringt, 
sind seine offenen Gedanken über den ihm ebenso fremden als un- 
sympathischen „Herrn Mirabaud"; versteckte Bosheiten gegen Hol- 
bach liegen nicht darin. Er hat eben nicht zu den Eingeweihten 
gehört, ebensowenig wie Voltaire und Friedrich der Große 
und ebensowenig wie Madame d'Epinay, an die er sclireibt: ,,J'ai 
feuiHete le Systeme de la nature. II me parait de la meme 
main qui a fait le Christianisme devoile et le Militaire philo- 
sophe. H est trop long. H ne parait pas ecrit de sang-froid, et c'est 
un grand defaut, car on croirait que l'auteur u'a pas tant besoin de 
persuader les autres que de se persaader soi-meme^). — J'ai le coeur 
saisi d'effroi sur la levee de boucliers que le clerge a faite contre le 
Systeme de la nature. Ces gens-lä ont le nez fin. Assurement 
ils connaissent l'auteur, ou ils s'en doutent; ils l'indi- 
queront, on le sacriiiera"'). So wird kein Eingeweihter weder an 
eine Eingeweihte noch an eine Uneingeweihte schreiben. Gleich den 
übrigen Uneingeweihten erschien Holbach seinem neapolitanischen 
Freunde nur als „maitre d'hotel der Philosophie" und wollte ihnen 
als nichts anderes erscheinen. Wie gut ihm die Verstellung bei Ga li ani 
gelungen ist, erhellt aus dessen Brief an ihn vom 7. April 1770, worin 
es heißt: ,.Que faites-vous, mon eher Baron? Vous amusez-vous? 
l^a Baronne se porte-t-eUe bien? Comment vont vos enfants? La 
Philosophie, donc vous etes le maitre-d'hotel, mange-t-eUe 
toujours d'un si bon appelit?" 



^) L'Abbe Galiaui, Correspondance avec MadaDU- tl'Kpinaj', Madame 
Necker etc. etc. (Paris 1881). 

«) Brief vom 30. Juni 1770. 

'') Brief vom 8. September 1770. 



Ki-itisches Verzeichnis der philosophischen Schriften Holbachs. 273 

2. 

Aber auch nach Holbachs Ableben sickerte die Wahrheit über 
seine philosophische Schriftstellerei und deren Umfang erst allmählich 
in die Öffenthchkeit durch. Sogar ein so findiger literarischer Detektive 
im Dienste der Kirche wie Abbe Barruel zeigt in seinen Memoires 
pour servir ä l'histoire du Jacobinisme (London 1797—1803) 
noch keine Spur einer Ahnurg davon und die gelehrte Gesellschaft 
seiner deutschen Übersetzer gleichfalls nicht. So heißt es in dem 1800 
erschienenen ersten Bande der deutschen Ausgabe über Holbach: 
„Ferner gehört auf diese Liste der deutsche Baron Holbach, der, 
weil er nichts Besseies tun konnte,, ihnen sein Haus hergab. 
Dieser Mann passierte in Paris für einen Liebhaber und Gönner 
der Künste. Die Verschworenen trugen große Sorge, ihm diesen 
Ruf zu verschaffen. Es war für- sie eine Ausflucht mehr, sich 
bei ihm ohne Verdacht versammeln zu können. Da er nicht 
Schriftsteller wie die anderen Verschworenen sein konnte, 
so wurde er ihi' Mäzen" (S. 349). Mit desto größerer Selbstgewißheit 
wü-d Diderot als Hauptschuldiger hingestellt. Barruel sagt: „Di- 
derot hatte dieses berühmte Systeme nicht allein fabriziert. Um 
dies Chaos der Natur zusammenzusetzen, die ohne ein denkendes 
Wesen den denkenden Menschen schuf, hatte er sieh zwei andere 
Sophisten zugesellt, die ich nicht nennen will, weü ich zu der Zeit, 
wo ich von dieser Anekdote unterrichtet wurde, noch nicht genug 
Wichtigkeit in die . Namen dieser elenden HeKershelfer setzte, um 
jetzt gewiß zu sein, mich iliier richtig zu erinnern. Was aber den 
Diderot betriff:, so bin ich ganz gewiß, daß er es war, denn ich kannte 
ihn schon damals. Er war es, der das Manuskript verkaufte, damit 
es außerhalb Franki'eichs geckuckt werde. Der Preis war hundert 
Pistolen. Ich weiß dieses von dem Menschen, der sie ausgezahlt hatte 
und der es mir zu einer Zeit gestand, wo er besser diese Gesellschaft 
von Ungläubigen hatte kennen lernen" (S. 194).^) 

Gegenwärtig besteht über Holbachs Autorschaft am Systeme 
de la nature bei ei aiger maßen Unterrichteten wohl kein Zweifel mehr. 
Wie hartnäckig sich falsche Angaben trotzdem erhalten, sei an den 
Kirchenhistorikern Herzog-Koffmane und Hergenröther- 



8) Man vergleiche ferner Bd. II (der deutschen Ausgabe) S. 28, 157, 
171 f., 182, 193. 



274 Hubert Rock, 

Kirsch vu'r Auge« gestellt. Bei den ersten heißt es: „Nichl bcsserei) 
Geistes war ein anderes atheistisches Bach: Le Systeme de la nature. 
177C erschienen, dessen Verfasser man niemals hat ermitteln 
können . . .Es kam aus dem Aviisten Ei-eise, den der deutsche Baron 
Holbach in Paris um sich sammelte."^) Bei den zweiten heißt es: 
„In dem System der Natur (1770) von Lagrange ward . . . alles 
Höhere der vergötterten oder richtiger vertierten Menschheit ent- 
zogen. '■^°) 

Um so unorientierter ist man bei uns auch iu gelehrten Kreisen 
über die andern Holbach mit Recht oder Um-echt beigelegten 
Schriften geblieben. Im allgemeinen verhält es sich damit noch immer 
kaum besser als um die Mitte de.^ vorigen Jahrhunderts, wo Karl 
Rosenkranz gespöttelt hat: ..Man glaubt schon überflüssig viel 
Gelehi'samkeit zu zeigen, vrenn man erzählt, daß nicht Miiabeau, 
sondern wahrscheinlich Holbach Verfasser des Systeme de la nature 
sei und wenn man auf dieses Werk aus Goethes Biographie heraus 
verwerfende Seitenbhcke fallen läßt "^^) 

Lange befaßt sich mit der „Bibel de-s gesamten Materialismus'' 
ziemlich eingehend, obscLon ?ür einen Geschichtschreiber des Mate- 
riahsmus durchaus nicht eingehend genug; bezeichnenderweise nimmt 
bei ihm die Darstellung von Kants Kiiiizismus einen viel breitere i 
Raum ein. Von den andern Schriften Holbachs erwähnt er eine 
einzige mit Namen: Le bon sens. Im übrigen werden wir ledigiici: 
auf „Rosenkranz, Diderot, IL S. 288 u. f." verwiesen, wo weder ein 
vollständiges Verzeichnis der philosophischen Schriften Holbachs 
gegeben wii'd noch gegeben werden soll. Dafür klingt der erste Band 
der Geschichte des Materiaiismus in die wörthche Wiedergabe der 
HauptsteUen von Goethes Urteil über das Systeme de la nature 
aus.^2) 

Hettn er sagt : ,,.üas Systeme de la nature ist das hervorragendste 
Buch Holbachs. Eine Reihe anderer Schriften, es zu schützen und 
weiter auszuführen, sind von demselben Verfasser, doch ist es nicht 



9) Abriß der gesamten Kirchengeschichte, 2. Aiui. (Leipzig 1892), II. Bd., 

1. Abt., S. 516. 

10) Handbuch der allgemeinen Kirchengeschichte, 4. Aufl. (Freiburg i. B. 

1909), III. Bd., S. 661; vgl. auch S. 662. 

'1) Studien, zweiter Teil (Leipzig 1844), Ö. 125. 

1"^) Geschichte des Materialismus (Reclam), I. 476 u. 549. 



Ea-itisches Verzeiclmis der philosophischen Schi-iften Holbachs. 275 

leicht, sie mit Sicherheit zu erkennen, da sie immer ohne Holbachs 
Xamen und mit falschem Druckort erschienen." Allerdings ist die,-^- 
nicht leicht. Hettner hat es sich dennoch sehr leicht gemacht, in- 
dem er fremde Angaben kritiklos wiederholt. So genügt ihm das 
Zeugnis Voltaires, um den Christianisme devoile Holbach ab- und 
Damilaville zuzuerkennen. Wenn er die Contagion sacree Holbach 
ab- und Naigeon zuerkennt, geschieht es im Vertrauen auf die 
Richtigkeit einer Vermutung Damirons hin. Über den wichtigen 
Essai sur les prejuges schweigt er gänzhch, obschon er ihn bei Qu erard , 
dem er hauptsächhcb nachschreibt, verzeichnet gefunden hätte. 
Dafür- ermangelt er nicht, auf das Systeme de la nature aus Goethes 
Biographie heraus verwerfende Seitenblicke fallen zu lassen. ^^) 

Hoff ding beschränkt sich auf eine kurze Würdigung des Systeme 
de la nature. Anderer Schriften Holbachs gedenkt er überhaupt 
nicht.") 

Überweg-Hein ze wissen anzugeben: „Holbach soll anonym 
außer dem Systeme de la rature eine Reihe von Schriften verfaßt 
haben, die sich gegen supranaUiralistische Doktrinen richten, ins- 
besondere Lettres äEugenie (1768), Examen erit. sur la vie et les 
ouvrages de St. Paul (1770), Le bon sens (1772), La politique na- 
turelle (1773), Systeme social (1773), Elements de la morale uni- 
verselle (1776), L'ethocratie ou le gouvernement fonde sur la morale 
universelle (1776). Einige öfters Holbach zugesehi'iebene, direkt 
gegen die christliche Theologie gerichtete Schriften haben andere 
Verfasser, wie Damilaville und Naigeon."^^) Wohlgemerkt r 
„Soll"! Sicher wäre es dem_nach nicht. Ferner wäre dagegen zu 
bemerken: Erstens, genannte Schriften richten sich nicht gegen 
,, supranaturalistische Doktrinen" allein. Zweitens, sie richten sich 
teilweise „direkt gegen die christhche Theologie". Drittens, welche 
„direkt gegen die christhche Theologie" gerichteten Schriften sollen 
von Damilaville und Naigeon sein und warum nicht von Hol- 
bach? Viertens, die Elements de la morale universelle sind nicht 



^*) Geschichte der französischen Literatur im achtzehnten Jahrhundert, 
fünfte Aufl. (Braunschweig 1894), S. 363. 

^*) Geschichte der neueren Philosophie (Leipzig 1895), Bd.I, S.540 — 545. 

^°) Grundriß der Geschichte der Philosophie der Neuzeit bis zum Ende 
des 18. Jahrhxmderts, 11. von Frischeisen-Köhler besorgte Auflage (Berlin 1914). 
S. 255. 



276 Hubert Rock, 

1776, sondern als opus postumum „refonda et mis aa jour par Nai- 
geon" erst 1790 erschienen. ^^) Offenbar handelt es sich um eine 
Verwechselung mit der 1776 erschienenen Morale universelle, einer 
Hauptschrift Holbachs, von der die Elements ein Aufzug sind. 
Fünftens, der Untertitel der Elhocraiie lautet in Wiiidichkeit nicht 
,,le gouvernement fonde .^ur la morale universelle", sondern 
„le gouvernement fonde sur la morale". 

Jodl weiß gar zu berichten: „Holbach schreibt sein Systeme 
social, Lambert verfaßt einen Catechismc universel . . ., ein un- 
bekannter Verfasser eine Morale universelle." Dem ge- 
lehrten Geschichtschreiber der Ethik ist es also veiborgen gebheben, 
daß Systeme social und Morale universelle von dem nämlichen Ver- 
fasser herrühren, was sich bei ihm um so wanderlicher ausnimmt, 
als er in einer Anmerkung hinzufügt: „Diderot wünschte die Morale 
universelle in den Händen seiner Kinder. Und selbst Damiron von 
seinem so entgegengesetzten Standpunkt aus hat warme Worte über 
ihre sitthche Anschauung."^') Denn Damiron nimmt am ange- 
gebenen Orte (S. 196 des 1. Bandes seiner Memoires) ausdi'ücldich auf 
die Morale universelle als eine Schrift Holbachs Bezug. Außer dem 
Systeme de la nature scheint Jodl überhaupt keine Sclu'ift Holbachs 
jemals im Original vor Augen gehabt zu haben. 

Eisler wäre nicht der oberfMchhche Kompilator, der er ist, 
wenn er nicht, Uberweg-Heinze abschreibend, auch die Elements 
de la morale universelle verzeichnet hätte, natürhch mit Beifügung 
der falschen Jahreszahl 1776 und mit Verschweigung der Morale 
universelle.^^) 

3. 

Solchen lücke^ihaften, unsicheren, irrtümhchen Angaben gegen- 
über soll hier festgestellt werden, daß wir Holbach die ihm sonst 
beigelegten philosophischen Schi'iften, wenigstens sämthche Haupt- 
schriften, aus äußeren und inneren Gründen mit derselben Sicherheit 
wie das Systeme de la nature zuerkennen dürfen. 

Grimm-Meisters Correspondance htteraire, philosophique et 
critique, die im Jahrgang 1789 die früheste authentische Kunde über 



^®) Querard, La France Htteraire, IV. 118. 

") Geschichte der Ethik, 2. Aufl. (Stuttgart und Berlin 1900), I. 483, 669. 

18) Philosophen-Lexikon (Berlin 1912), Artikel „Holbach", S. 276 f. 



Kritisches Verzeichnis der philosophischen Schriften Holbachs. 277 

Holbachs Autorschaft am Systeme de la na t nie in einem Nach- 
ruf Meisters auf den eben Verstorbenen enthält, bezeii2,t zugleich 
dessen Autorschaft am Systeme social und an der Morale uni- 
verselle. 

Nachdem man einmal soviel erfahren hatte, ergab sich Holbachs 
Autorschaft an der Politique naturelle, an der Etbocratie und an 
einer Reihe von andern Schriften zur Genüge aus inneren Gründen. 
Doch ist die Drucklegung der Correspondance erst 1812 erfolgt und 
die deutsche Übersetzung ist gar erst 1820 — 23 erschienen, was zur 
Folge hatte, daß Meisters Nachruf auf Holbach vor diesen Jahren 
in weiteren Kreisen nicht bekannt geworden war. 

Ein anderer Gewährsmann, der die Wahrheit wissen konnte und, 
soweit er sie wußte, sagen wollte und sagte, ist der Abbe Morellet. 
Die betreffende Stelle in seinen Memoires (Paris 1821 — 22) lautet: 
,,Le baron d'Holbach, ainsi que le public Ta su depuis, etait Tauteur 
du Systeme de la nature, et de la Politique naturelle, et 
du Christianisme devoile, et l'editeur des ouvrages de Boul- 
langer et de la plupart des ecrits imprimes chez Marc-Michel Key, 
|ibraire d'Anisterdam (I. 133) " 

Wenn Morellet sich mit der Anführung von drei Titeln be- 
gnügt, so folgt daraus nicht, daß er um Holbachs Autorschaft an 
andern Schriften, nicht; oder nichts Bebtinnntes gewußt hätte. Ein 
vollständiges Verzeichnis der philosophiscLen Schriften Holbachs 
zu geben, lag ebensowenig in seiner Absicht wie in der Absicht 
Meisters. Zu beachten ist allerdings seine Unterscheidung zwischen 
Holbach dem ,,auteur" und Holbach dem „editeur", dem „edi- 
teur de la plupart des ecrits imprimes chez Marc-Michel Key, hbraire 
d'Amsterdam". Denn sie gibt der Vermutung Raum, daß er Holbach 
bei Schriften, die dieser wirklich verfaßt hat, bloß für den Heraus- 
geber gehalten zu haben scheint. Der Anteil, den Holbach an der 
Mehrzahl (la plupart) der gewissen bei Rey in Amsterdam erschie- 
nenen Schriften als Autor hat, ist aber zweifellos viel bedeutender 
als sein Anteil als Herausgeber. So ist die Contagion sacree, 
ou l'histoire naturelle de la superstition, trad. de l'anglais, Londres 
(in Wahrheit Amsterdam bei Rey) 1768, keine Übersetzung aus dem 
EngHschen und zwar, laut avertissement, der Autoren Trenchard 
und Gordon, sordern Holbachs eigene Arbeit und als solche ihm 

Archiv für Gescliichtp dor riinosojilr'o. XXX. 4. 20 



278 Hubert Rock, 

schon von Barbier^^) zuerkannt, so richtig es ist, daß Jobii Tren- 
chard (1669—1723), dessen Sela-etär Thomas Gordon (1684—1750) 
\yar, eine IN'atnral history of superstition (1709) geschileben hat. 2") 

Holbachs Selbstzeugnis für seine Autorschaft am Systeme 
social, wenngleich ein verstecktes, doch einem offenen unter den 
gegebenen Verhältnissen an Gewicht gleichkommendes, liegt in der 
Angabe auf dem Titel der Schrift: „Par TAuteur du Systeme 
de la Natura". 

Ein verstecktes Selbstzeugnis Holbachs füi- seine Auror- 
schaft an vier andern Hauptschriften liegt in folgender „Note de 
TEditeur" am Schluß des 3. Kapitels des 1. Teils vom Systeme 
social: „Le peu de liaison, ou meme l'incoinpatibilite totale des 
Principes Kehgieux et des Principes de la vi-aie Morale, ont ete 
sohdement prouves dans un grand nombre d'ouwages modernes, 
& surtout dans le Systeme de la Nature, pubhe en 2 vol. in —8 
1770; dans le Christianisme devoile in 8" 1766; Lettres ä Eu- 
genie 2 vol. 8» 1768; La contagion .?acree 2 vol. 8« 1768; Essai 
sur les prejuges in —8° 1770, etc." 

Ein verstecktes Zeugnis Diderots für die Identität des Autors 
des Bon sens mit dem Autor des Systeme de la nature liegt in seiner 
Äußerung: ,,J'aime une Philosophie claire, nette et franche, teile 
qu'elle est dans le Systeme de la nature est plus encore dans 
le Bon sens."2i) 

Weitere versteckte Zeugnisse für Holbachs Autorschaft oder 
]\Iitautorschaft an mehreren Schriften enthalten zwei Briefe Diderots 
an Sophie Volland. 

Im ersten aus Grandval, Holbachs Landsitz, vom 24. September 
1767 datierten Briefe teilt Diderot der Freundin die Titel von einem 
halben Dutzend soeben eingetroffener Novitäten des Büchermarktes 
mit, dazu bemerkend: „Ich habe nur das letzte gelesen. Es ist eine 
ziemlich hübsche Anzahl von guten Spaßen, ertränkt in einer viel 
größeren Anzahl von schlechten. Das ist das Futter, meine Damen. 



1») Dictionnaire des ouvrages anonymes et Pseudonymes, I. (Paris 1806) 
p. 118, No. 936. Vgl. auch Querard, La France litteraire, IV. 118. 

'^") J. M. Wheeler, Biographical dictionary of freethinkers (London 
1889), p. 317 & 154. 

21) Refutation suivie de Touvrage d'Helvctiii.^ intitule L'Homme (Di- 
derot, Oeuvres compl. vol. II. p. 398). 



Kritisches Verzeichnis der philosophischen Schriften Holbachs. 279 

das Sie bei Ihrer Rückkehr erwartet Ich weiß nicht, was aus dieser 
armen Kirche Jesu Christi wird, noch aus der Prophezeiung, die be- 
sagt, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden." Die 
Titel lauten: l'Esprit du clerge, les Pretres demasques, 
le Militaire philosophe, l'Imposture sacerdotale, des 
Doutes sur la religion, la Theologie portative. Mcht außer 
acht zu lassen ist, daß Sophie Volland in das Geheimnis der philo- 
sophischen Schriftstellerei Holbachs uneingeweiht und daß das 
Systeme de la liature noch nicht erschienen war. 

In den Angaben über die einzelnen Schriften folge ich Assezat 
et Tourneux (Diderot, Oeuvres conipletes, vol. XIX. p. 246). 

1. L'Esprit du clerge, ou le Christianisme primitif venge 
des entreprises et des exces de nos pretres modernes, traduit de Tang- 
lais (de J. Trenchard et de Th. Gordon, et refait en partie par le baron 
d'Holbach); Londres (Amsterdam, M. M. Key) 1767, 2 vol. in — 8». 
— Xote manuscrite de Xaigeon le jeune: „Ce livre a ete traduit 
et corrige par le Baron, ensuite par mon frere, qui l'a atheise le plus 
possible." 

2. Les Pretres demasques, ou des Iniquites du clerge 
chretien (ouvrage traduit de l'anglais et refait en grande partie par 
le baron d'Holbach), Londres (Amsterdam, M. M. Key) 1768, in —8» 

3. Le Militaire philosophe, ou Difficultes sur la religion 
proposees au P. Malebranche; LondiTS (Amsterdam M. M. Hey) 1768, 
in —8". Ouvi-age refait en grande partie par Xaiegon, sur an manu- 
scrit intitule: Difficultes sur la rehgion proposees au P. Malebranche. 
]^ dernier chapitre est du baron d'Holbach. 

4. De l'Imposture sacerdotale, ou Recueil de pieces sur 
le clerge, traduit de l'anglais (par le baron d'Holbach); Londres 
(Amsterdam, M. M.- Rey) 1767, in 8». 

5. Doutes sur la Religion, suivis de l'Analyse du Traite 
theologi-pohtique de Spinosa (par le conte BoulainviUiers) ; London 
1767, in — 12, Le premier de ces ou\Tages est regarde comme etant 
de Gueroult de Pival. 

6. Theologie portative, ou Dictionnaire abrege de la religion 
chietienne, par l'abbe Bernier (c'est-ä-dhe par le baron d'Holbach); 
Londres (Amsterdam, M. M. Rey) 1768, in — 8°. 

Der zweite aus Paris vom 22. Xovember 1768 datierte Brief 
Diderots an Sophie Volland enthält die Stelle: „Es regnet Bomben 

20* 



280 Hubrit Röok, 

im Hause des Herrn. Ich fürchte immer, daß es einem dieser ver- 
wegenen Artilleristen schlecht bekonmit. Da sind Lettres philo- 
sophiques übersetzt oder angeblich übersetzt aus dem Englischen 
iiach Toland; da sind Lettres ä Eugenie; da ist la Contagion 
sacree; daistl'Examen des propheties; daistla Vie de David 
ou de rhomme selon le coeur de Dieu; es sind tausend h^:- 
gelassene Teufel." 

Assezat et Tourneux bemerken dazu: ,,Tous ces uuvrage^, 
imprimes en 1768, ä Amsterdam, sous la rubrique de Londres, sont 
du baron d'Holbach, aide de Naigeon."^^) 

Davon sind uns die Lettres ä .Eugenie und die Contagion 
sacree, deren Autorschaft Holbach selbst versteckterweise für sich 
in Anspruch nimmt, schon untergekommen. Die vollständigen Titel 
der drei andern Schriften lauten (nach Assezat, Diderot, Oeuvres 
compl. HL 386): 

1. Lettres philosophiques sin* Torigine des prejuges, du 
dogme de rimmortalite de l'äme, etc. Londres 1768. 

2. Examen des propheties qui servent de fondement a la 
religion chretienne. Avec un Essai de critique sur les prophetes et 
les propheties en general. Londres 1768. 

3. David, ou l'Histoire de Thonime selon le coeu.r de Dieu. 
Londres 1768. 



Christianisme devoile und Essai sur les prejuges, 
beide, wie wir sahen, von Holbach versteckterweise als eigene 
Schriften l)eglaubigt, erfordern einige nachträgliche speziellere An- 
gaben. 

Wie der Christianisme devoile als Seitenstück zur Anti- 
quit6 devoilee, einer von Boulanger (1722 — 1759) im Manusla'ipt 
hinterlassenen und von Holbach im Jahre 1767 veröffentlichten 
Schrift, dem Titel nach erscheint, hat als sein Verfasser jahrzehnte- 
lang derselbe Boulanger gegolten. Voltaire, der diesen Iirtum 
nicht teilte, beging seinerseits den Lrtuni, worin ihm viele und noch 
Hettner folgten, Damilaviile für den Verfasser zu halten. 

22) Vol. XIX. p. .308. 



Kritisches Vciv.eichnis der philosophischen 8chiiften Holbachs. 281 

L>er volle Titel der Schrift lautet nach Querard (La France 
litt. IV. 118): 

Le Christianisnie devoile, ou Examen des principes et des 
effets de la religion chretienne. Londres (Nancy, Ledere) 1753 (1761), 
in —8; 1767 in —12. 

Demnach wäre die Schrift schon 1761 und nicht erst 1767, wie 
man meistens angegeben findet, erschienen; 1756 wäre fingiert. 

G. Plechanow (Beiträge zur Geschichte des Materia Hsmus, 
Stuttgart 1896) zitiert Seite 20 nach einer Ausgalie von 1757 (nicht 
t'twa 1756), Seite 39 dagegen nach der Ausgabe von 1767. Ob es sich 
im ersten Falle nicht um einen Schreib- oder Druckfehler handelt? 

1757 statt 1767? Oder sollte er wirklich zwei Aasgaben benutzt 
haben? 

Die mir vorliegende Ausgabe ist gleichfalls vom Jahre 1767, 
während der sie eröffnende Brief des Autors aus Paris vom 4. Mai 

1758 datiert ist. 

Dazu kommt bei dieser Ausgabe ein zweiter Teil, angeblich 
in London 1769 erschienen, von dem man gewöhnlich gar nichts an- 
gegeben findet. Er l)ildet keine Fortsetzung des ersten Teils, besteht 
vielmehr aus sieben selbständigen Stücken: drei Al)handlungen 
(Diss-ertation sur St. Pierre, Eeflexions de Tempereur 
Julien sur les dogmes de la religion chretienne, La Moi- 
f^ade) und vier Gedichten (Question de Theologie, L'Anti- 
theologien, La Bathsebath, Epitre ä Athenaisj. Als Ver- 
fasser der Dissertation sur St. Pierre ist der verstorbene 
Boulanger genannt (,,Par feu Mr. Boulanger"). Die Reflexions 
de Lempereur Julien sind nichts anderes als eine Übersetzung 
der erhaltenen Fragmente von Kaiser Julians Schrift gegen die 
Christen. Auf die übrigen Stücke einzugehen, besteht kein Anlaß. 

AVahrscheinhch ist die Ausgabe von 1756 (recte 1761) nur in 
einer kleinen Anzahl von Exemplaren verbreitet gewesen und daher 
nicht in die Öffenthclikeit gedrungen. Sonst wäre es unverständhch , 
daß Bergier seine Apologie de la religion chretienne contre l'auteur 
du ( hristianisme devoile bis zum Jahre 1769 zurückbehalten hätte. 

Der Essai sur les prejuges ist in demselben Jahre wie das 
Systeme de la nature erschienen, angeblich in London, in Wahr- 
lieit bei Rev in Amsterdam. 



282 Hiibert Röc-k, 

Sein voller Titel lautet: Essai sur les prejuges, ou de rinfhienc-e 
des opinions sur les moeurs et sur le bonheur des hommes; oiuTage 
contenaiit Tapologie de la philosopliie par I). M***. Loiidres 1770. 

Über die Bedeutung von D. M*** sagt Querard (La France 
litt. IV. 118): „Le baron d' Holbach ayant voulu donner le change 
sur le veritable auteur de ce livre, mit sar son frontispice les initiales 
D. M***, ce quit Ta fait longtemps attribuer ä Du Marsais. 3IM. 
Duchosal et Million J'ont menie conipris dans la collection des Oeuvres 
de ce dernier." 

Querard hält Holbachs Autorschaft am Kssai für ausgemacht, 
nachdem ihm schon Barbier (Dictionnaire des ouvr. anon et pscuduii 
L (Paris 1806), p. 246) hierin vorangegangen ist. 

Damiron widmet der Frage, ob der Essai sur les prejuges 
Diimarsaio zum Autor habe, eine weitläufige Untersuchung, ohne 
sie weiter als zu einem entschiedenen Nein zu führen (Memoires, IH. 
195—213). Der Wahrscheinlichkeit von Holbachs Autorschaft hat 
er nur vorübergehend gedacht (p. 200). 

Ad. Franck (Dictionnaire des sciences philos., Paris 1875) be- 
schränkt sich im Artikel „Dumarsais" auf die Feststellung, man 
habe Dumarsais mit Unrecht zwei Schriften, ,, rediges dans le plus 
mauvais esprit du XVÜIe siede" beigelegt, den Essai sur les 
prejuges und den Bon sens; über Holbach schweigt er, "wie er 
im Artikel ,, Holbach" über den Essai sur les prejuges schweigt. 

Rosenkranz hat in seinem fast vollständigen Verzeichnis der 
philosophischen Schriften Holbachs den Essai sur les prejuges aus- 
gelassen (Diderot, IL 78). 

Manclie fahren sogar noch in neuester Zeit fort, über Dumarsais' 
Autorschaft so zu handeln, als ob sie bestens beglaubigt wäre. So 
spricht John M. Robertson von „the powerful Essai sur les pre- 
juges of Dumarsais, first published in 1750 under the title l)isser- 
tation du Philosophe"^^), augenscheinlich hat er in Damirons 
Memoire über Dumarsais keinen Bück hineingeworfen. Ebensowenig 
hat dies der ungenanirte Veranstalter der neuesten Ausgabe des Essai 
sur les prejuges getan, die in der Sammlung ,,Bil)liotheque natio- 
nale" erschienen ist (Paris 1902—1904); nicht bloß (biß Dumarsais 
auf dem Titelblatt als Autor figuriert, sondern es folgen als Belogt' 



^^) A Short history of freethought, London I !)()(), ]I. 221. 



Kritisches Verzeichnis der philosophischen t>chriften Holbachs. 28ö 

für seine Autorschaft drei Schriftstücke, gegen deren Beweisla-aft 
anscheinend kein Widerspruch aufzukommen vermag: erstens ein 
Diseours preHminaire, zweitens ein Precis historique de Ja vie de 
Dumarsais, beide „par le citoyen Daube", drittens ein aus Paris 
vom 7. März 1750 datierter Widmungsbrief Dumarsais' als Autors 
an einen Freund. Damiron hat sich durch diese Sclu-iftstücke nicht 
täuschen lassen, was seinem kiitischen Scharfsinn alle Ehre macht 

Darin muß man jedoch dem citoyen Daul) beipflichten, wenn 
er den Essai sur les preiuge,s.„un livre classique" nennt. ^^j In 
seiner Weise ist das Buch gerade so klassisch wie das von Jodl als 
klassisch bezeichnete Systeme de la nature^'^), klassisch insofern, als 
es wie keine andere Schrift des 18. Jahrhunderte von jenem Geiste, 
nach dem es das philosophische heißt, erfüllt ist. Mirabeau 
(1749 — 1791) soll davon so begeistert gewesen sein, daß er erklärt 
habe: „C'est le livre le moins connu, et celui qui merite le plus de 
l'etre.''^^) Selbst der gestrenge Damiron kann nicht umhin zuzu- 
geben: „Enfin, quoique l'Essai sur les prejuges ne soit pas 
un bon livre, tout n'y est cependant pas mauvais, et quelque bien 
s'y mele au mal.'"'^') 

Der kurze Untertitel „Apologie de la philo sophie" lautet 
eigenthch viel bezeichnender als der Obertitel trotz der Länge des- 
selben. Als Apologie dessen, was Holbach unter Philosophie 
versteht, ist die Schrift zugleich die beste Einführung in seinen Ge- 
dankenki-eis ; hat man sie gelesen, wird man seine üljrigen Schriften, 
die sich wie Kommentare dazu ausnehmen, in ihrem inneren Zu- 
sammenhang um so genauer verstehen und um so gerechter würdigen. 

5. 
Außer den bisher genannten werden Holbach folgende philo- 
sophische Schriften beigeleg t^^): 

1. De la Cruaute religieuse. Londres, 1769. 

2. L'Enfer detruit ou Examen raisonne du dogme de i'elernite 
des peines. Londres, 1769, 

/*) Ausgabe der Bibliotheque nationale 8. 19. 

") Geschichte der Ethik, 2. Aufl. I. 476. 

'-**) Ausgabe der Bibl. nat. S. 33. 

") Memoires III. 214. 

-8) Nach Assezat (Diderot, Oeuvr. compl. III. 386). 



284 Hubert Rock. 

3. I/Intolerance eonvaincu de crime et de folie. Loudres, 1769; 
fait partie d\i volume public sous le litre: De la Toleranee 
dans la religion, ou de la Liberte de conscience, par Crellius! 

4. Histoire critique de Jesus-Christ, ou Analyse raisonuee des 
Evangiles. Sans date (Amsterdam, M. M. Key, 1770). 

5. Tableau des saints, ou Examen de l'esprit, de la conduite, 
des maximes et du merite des personnages que le christianisme 
revere et propose pour modeles. Londres, 1770. 

6 L'Esprit du judaisme, ou Examen raisonne de la loi de Moise, 
et de son influence sur la religion chretienne. Londres, 1770. 

7. Examen critique de la vie et des ouvrages de saint Paul. 
Londres, 1770. 

8. E:hocratie, ou le Gouvernement foiule sur la moivile. Amster- 
dam, M. M. Key, 1776. 

Ob diese Schriften samt und sonders aus Holbachs Feder allein 
geflossen sind, bleibe dahingestellt. Jedenfalls weisen Ort und Zeit 
des Erscheiuens sowie die Themen und deren Behandhing auf Hol- 
bachs literarische Werkstätte hin. 

Ohne weiteres sicher erscheint Holbachs Autorschaft an der 
Ethocatie. Sobald einmal feststeht, daß Politique naturelle, 
Systeme sociale und Morale universelle Holbach zum Ver- 
fasser haben, darf seine Autorschaft an der Ethocratie als gegen 
jeden Zweifel gesichert gelten. 

P>ledigt ist damit Holbachs philosophische Schriftstellerei noch 
immer nicht. So gibt Rosenkranz von Holbach an: Er schob 
seine zahlreichen Schriften nicht selten Verstorbenen unter, z. B. 
wie Valkenaer bewiesen hat, die Lettre de Thrasybule a Leu- 
cippe (1766) und den Examen des apologistes du christia- 
nisme (1768) Freret, der schon 1739 gestorben war.''29j Dürfen 
wir auch diese beiden Sclmften als von Holbach verfaßt ansehen?" 

In betreff der Lettre de Thrasybule ä Leucippe sagt 
Barbier (Dict. des ouvr. anon. et pseudon. L, Paris 1806, p. 444): 
„De tous les ouvrages philosophiques, qui ont ete attribues ä Freret, 
celui-ci est le seul dont il soit verital)loment l'auteur. Ceux qui por- 

29) Diderots Leb(>n und Schriften, II. 78. Als Todesjahr Frerets 
findet sicli anderwärts, so bei Wlieeler. Biograplüeal Dictionary of free- 
thinkers, 1749 angegeben (8. K39). 



Kritisches Verzeichnis der j)hilo.sophischeii .Schriften Holbachs. 28. > 

teilt j^üii iiüiii, liii sunt faiisseinent attribues." Gleiches sagt noch 
Qiierard (La France litt. III. 209). Andere bezweifelten damals 
schoji Frerets angebliche Autorschaft an der Lettre. So heißt es 
in Heinrich Ph. K. Henkes Kirchengeschichte des 18. Jahrhunderts 
(II. Teil, Braunsch^Yeig ]804): ..Sehr zweifeHiaft aber ist, ob Fr er et 
gewisse Briefe hinterlassen habe'" (S 316), uänüich die Lettre de 
Thrasybule ä Leucippe. Der umstand, daß Henke von ,, gewissen 
Briefen" spricht, anstatt von einem gewissen Briefe, kennzeichnet 
ilin übrigens als 1)Ioßen Xachschreiber. 

Valkenaers Behandlung der Frage ist mir im Original nicht 
zugänglich. Xebst Rosenkranz nimmt Damiron darauf Bezug, 
tler sie eine „savante et interessante dissertation" nennt. Damiron 
selbst urteilt: ,,I1 est tres-vrai que la Lerere de Thrasybule 
contient en germe et en SLd)stance le Systeme de la na ture 
II est tres-\Tai que la parente de d' Holbach avec lui (dem Autor 
des Briefes) est plus immediate et plus sensible qu'avec aucuu des 
autres."^") Sollte dies nicht genügend sein, um die Autorschaft am 
Briefe dem Verfasser des Systeme de la nature zuzuerkennen? 

In betreff des Examen critique des apologistes de la 
religion chretienne waren schon Barl)ier (I. 265) und Querard 
(V. 278) darü])er einig, daß er Fr er et abzuerkennen sei. Dafür 
woUtej] sie ihn Burigny zuerkannt wissen. Auch davon ist iuan 
längst zurückgekommen. ^^) 

Das Richtige dürfte wiederum Valkeiiaer getroffen haben, 
wenn er nach der Angabe von Rosenkranz für Holbachs Autor- 
schaft eingetreten ist. Dafür spricht nicht zuletzt der Umstand, 
daß die Schrift zum ersten Male im Jahre 1766 ohne Ortsangabe er- 
schienen ist, also gerade zur Zeit, wo Holbachs Wirksamkeit als philo- 
sophischer i\.utor einsetzt. 

Aber auch damit ist Hol])achs philosophische Schrift stellerei 
noch immer nicht völlig erledigt. 

- Dem Erscheinungsjahre des Systeme de la nature gehört auch 
der in ,, London", d. h. bei Rey in Amsterdam, von Xaigeon anonym 



^o) Memoires pour servir ä I'liistoire de la philosophie au XVIlIe siecle I. 
(Paris 1858), p. 106, 110. 

■'i) Wetzer und Weites Kirehenlexikon, 2. Aufl. II. 15.30, Artikel 
„Burigny". 



286 Hubert Röok, 

herausgegebene zweibändige Recueil philosophique an, dessen 
voller Titel lautet: 

Recueil philosophique ou Melange de pieces sur la reliiiion et 
la niorale par differents auteurs Londres 1770 (ß vol., 
* in —12). 

Der erste Band umfaßt sieben Stücke, von denen das sechste, 
Reflexions sur les craint'es de la mort, von Holbach stannnen soll. 

Der zweite Band umfaßt acht Stücke; vom achte j), Senti- 
ments des philosophes sur la natm-e de Täme, und vom elften, Pro- 
bleme Import an t: la religion est-elle necessaire ä la morale, et utile 
ä la politique?, findet sich Mirabaud als Autor angegeben, was 
nichts anderes als Holbach bedeutet; vom zehnten, Dissertation 
sur le suicide, traduiie de ranglais (de Hume), und vom dreizehnten, 
Extrait d'un livi'e anglais de Tindal, qui a pour titre: le Christianisme 
aussi ancien que le monde, wird Holbach als Übersetzer und Be- 
arbeiter angenommen. ^^) 

Die beiden folgenden Schriften werden gleichfalls Holbach 
zugeschrieben: 

De la nature humaine, ou Ex]K)sition- des facultas, des 
actions et des passions de l'äme et de leur cau.-es, traduite 
de ranglais de Hobbcs. Londres 1772. 

Bon sens du Cure Meslier, et pubhe pour la premiere fois 
en 1772, chez M. Rey ä Amsterdam. ^^j 

In betreff Raynals Histoire philosoi)hique et politicpie des 
etabhssements et du commerce des Europeens dans les deux Indes, 
Amsterdam 1770, sagt Dieudonne Thiebault: „Übrigens hat 
die ,Philosophische Geschichte' von Raynal selbst, wie männiglich 
bekannt, fast nur den jN'amen. Das ganze Tatsacheumaterial ist ihm 
von verschiedenen Seiten geliefert worden. . . . Die Episode«, die 
])hilosophischen odei- literarischen Betrachtungen sind, wie jedermann 



32) Barbier, Dictionnaire des ouvr. anon. et pseudon. II. (Paris 1806), 
j». 269. 

33) Die Schrift, ein Auszug aus dem „Testament" A'on Jean Meslier, 
ist nieht mit Le hon sens zu verwechseln, wie dies Strauß (Voltaire, Bonn 
1895, S. 294) widerfuhr. Im übrigen sei auf die Ausgabe des „Testament" 
von Rudolf Charles (Amsterdam 1864), Bd. T, p. XLIII, verwiesen. 



Kritisches Verzeichnis der philosophischen Sclu-iften Holbachs. 28 i 

jetzt weiß, sämtlich von Diderot, dem Baron von Holbacli und 
einigen andern verfaßt."^*) 

Holbachs Mitarbeiterschaft an der Encyclopedie war schoji 
für seine Zeitgenossen kein Geheimnis, soweit sie sich auf Artikel 
aus den Gebieten der Chemie und der Mineralogie bezog. Sollte sie 
sich aber wirklich darauf beschränkt und auf philosophische Artikel 
nicht miterstreclrt haben, wie es meistens dargestellt wird? 

So sagt Rosenkranz (Diderot, I. 169): ,,Der Baron Holbacji 
nahm einen immer lebhafteren Anteil für Aitikel über Chemie, Mine- 
ralogie usw., nannte aber nie seinen Namen, sondern zeichnete M. 1. 
B. d. H." An philosophische Artikel hat Rosenkranz wohl 
nicht gedacht, widrigenfalls er es kaum zu erwähnen versäumt hätte. 

Franck sagt (Dictionnaire des sciences philos., Paris 1875, p. 725): 
,,0n sait d'ailleurs qu'il fit pour TEncyclopedie im grand nombre 
d'articles sur la chimie, la pharmacie, la physiologie, la medecine." 
Von philosophischen Artikeln weiß er nichts. 

Einige schreiben Holbach aber auch philosophische Ar- 
tikel zu. 

So sagt der Übersetzer von Grimms Korrespondenz (Branden- 
burg 1820): ,, Holbach bearbeitete für die Enzyklopädie eine Menge 
naturhistoriöCher, politischer und philosophischer Artikel'' (I. 130). 

Assezat sagt (Diderot, Oeuvr. compl. III. 388) von Holbach: 
,,il a fourni, sous le volle de Tanonyme, un grand nombre d'articles 
de Philosophie, de politique et d'hisioire naturelle dans TEncyclo- 
pedie." 

Beide Autoren scheinen ihre Angaben einer gemeinsamen Quelle 
entlehnt zu haben. Leider bleiben wir im Dunkeln darüber, worauf 
sich die Angaben gründen, ob auf bloße Vermutungen oder auf zu- 
reichende äußere und innere Anhaltspunkte. Mir sind solche Anhalts- 
punkte bis jetzt nicht bekannt geworden. 

Ein beglaubigter Beleg für Holbachs Mitarbeiterschaft an 
Grimm-Meisters Correspondance ist das nach der deutschen Über- 
setzung (1. 130) im Jahrgang 1764 enthaltene philosophische Histörchen 
„Der Abt und der Rabbi". ])ie Originalausgabe der CojTcspondance 



^*) Friedrich der (hoße und sein Hof. Persönliche Erinnerinigen an 
einen 20 jährigen Aufenthalt in Berlin von Dieudonne Thiebnult. Erste 
deutsche Bearbeitung von Heinrich Conrad (Stuttgart, 4. Aufl.), II. 35. 



2HS Hubert Röok, 

ist mir iiic-lit zin' H;tiid; iDüglicherweibe enthält sie noch einiiie der- 
^irtiiie Belege. 

Soviel denn über Holbachs philosophische Schriften. Auf seine 
]iiclit})hilosophischen, größtenteils Übersetzungen von deutschen mine- 
ralogischeji und inetalhirgisclien Schriften ins Französische, einzu- 
gehen, wäre eine Aufgabe für sich. 

Es folge nun v'm Verzeichnis der philosophischen Schriften nach 
der Eeihenfolge ihrer Erscheinungsiahre unter Hervorhebung der 
Hauptschriften dui'cl) größeren Druck. 

6. 
1756 (176]): 1767. 

1. Le Christianisme devoile, ou Examen des principes et des 
effets de la religion chretienne. Londres n56 (1761). in —8; 
J767 in — J2. 

1766. 

2. Examen critique des apologistes de la religion chretienne. 
(Sans indication de lieu) 1766.^^) 

3. Lettre de Thrasibule ä Leucippe de M. F. Londres (Sans 

date).=^") 

1767. 

4. L'Esprit du derge, ou le Christianisme primitif veuge des entre- 
prises et des exces de nos pretres modernes, traduit de Tanglais. 
Londres 1767, 2 vol. 

ö j)e rimposture sacerdotale, ou Recueil de pieces sur le clerge, 
traduit de ranglais. Londres 1767. 

1768. 

6. La Contagion sacr^e, ou THistoire naturelle de la super- 
stition, trad. de Tanglais. LoiuUts 17ü8, 2 vol. 

7. Les Pretres demasques, ou (h^s Iniquites du clerge chretien. 
Londres 1768. 

^^) Xach Q.uercard, La France litt. V. (Paris 1833), p. 278. Ro.sen- 
kranz (Diderots Lel>. ii. Schriften. II. 78) gibt, anscheinend Valkenaer folgend, 
1768 an. 

"") Ro.senkranz (Uid. 11. 78) gibt 1760 an; Querard sagt (La France 
litt. III. 209): „vers 1768". 



Kritisches Verzeichnis dw j)liilosophi.s(lu'ii Scliriftiu HoilKichs. iJ8*.' 

r 

8, .David, ou rHistoire de riioniine solon le coour de .Dien. Loiidrcs 
1 768. 

9. Examen des propheties qui servent de foiideineiit a la relii^ion 
c'hretieniie. Avec un Essai de critique sur les proplieles cl les 
])ropheties en geiieral. Londres 1768. 

10. Lettres ä Eugenie, ou Preservatif contre les prejuges. 

Londres 1768. 

11. Lettres philosophiques sur rorigiiie des prejiiii,es, du doü,me de 
l'immortalite de Tarne, etc. Londres 1768. 

12 Theologie portative, ou Dictiomiaire aljrege de la religion ehre- 
tienne, par rab])e Bernier. Londres 1768. 

1769. 

13 De la Cruaute religiense. Londres 1769. 

14. L'Eiifer detruit, ou Examen raisonne du dogme de l'eternite des 
peines. Londres 1769. 

15. L'Intolerance convainca de erime et de folie. Londres 1769. 

16. Le Cln-istianisme devoile, oj Examen des principes et des effets 
de la religion chretienne. Seconde partie. Londres 1769. 

1770. 

17. Systeme de la nature, ou Des lois du monde physique et 
du monde moral. Londres 1770. 

18. Essai sur les prejuges, ou de l'lnfluence des opinions sur 
les moeurs et sur le bonheur des hommes ; ouvrage contenant 
l'apologie de la Philosophie par D. M***. Londres 1770. 

19. Histoire critique de Jesus-Christ, ou A-iialyse raisonnee des Evan- 
giles. (Sans date.) 

20. Tableau des saints, ou Examen de l'esprit, de la conduite, de.> 
maximes et du merite des personnages que le christianisme revei-e 
et propose pour modeles. Londres 1770. 

21. L'Esprit du judaisnie, ou Examen raisonne de la Joi de Moise, 
et de son influence sur la religion chretienne. Londres 1770. 

22. Examen critique de la vie et des ouvrages de saint Paul. Londres 
1770. 



290 



Hubert Rock, 



23. Keflexions sur les craintes de la mort; 

24. Sentiments des pbilosophes sur la natiire 
de Täme; 

25. Probleme important etc.; 

26. Dissertation sur le suicide; 

27. Extrait d'un livre anglais de Tindal etc. 



Recueil philosophi- 
que, (public par ]N'ai- 
geon) Londres 1770. 
2 vol. 



1772. - 

28. Le bon sens, ou Idees naturelles opposees aux idees sur- 
naturelles. Londres 1772. 

29. Bon sens du Cure Meslier, et public pour la premiere fois en 1772, 
chez M. Rey ä Amsterdam. 

30. De la nature humaine, ou Exposition des facultes, des actione 
et des passions de l'äme et de leur causes, traduite de l'anglai- 
de Hobbes. Londres 1772. 

1773. 

31. Systeme social, ou Principes naturels de la morale et de 
la politique. Avec un examen de Tinfluence du gouverne- 
ment sur les moeurs. Par l'auteur du Systeme de la nature. 
Londres 1773, 3 vol. 

32. La politique naturelle, ou Discours sur les vraies principes 
du gouvernement. Par un ancien magistrat. Amsterdam. 
M. M. Rey, 1773, 2 vol. 



1776. 

33. La morale universelle, ou Les devoirs de Thomme fondes 
sur la nature. Amsterdam, M. M. Rey, 1776, 3 vol. 

34. Ethocratie, ou le Gouvernement fonde sur la morale. 

Amsterdam, M. M. Rey, 1776. 

1790. 

35. Elements de la morale universelle, ou Catechisme de la nature. 
Paris 1790. 

(Ouvrage posthume refait par Naigeon.) 



Rezensionen. 

Buchbesprechungen aus dem Gebiete der Ethik.*) 

Von Wilhelm Börner (Wien). 

Stern, Dr. Viktor, Einfühi-ung in die Probleme und Geschichte der Ethik. 
Leipzig und Wien, Hugo Heller & Cie., 1912. 
Dem Verfasser schwebt als Zweck des Buches die Darstellung „der ver- 
schiedenen Probleme und Aufgaben, mit denen es die Ethik zu tun hat, sowie 
der verschiedenen Richtungen und Lösungsversuche, die in der Greschichte der 
Ethik eine Rolle spielten", vor. Zur ersten Einführung in die Ethik und ihre 
i^eschichte gibt es wohl kaum einen besseren Behelf als diese Schrift. Die zwei 
Avichtigsten Probleme der Moralphilosophie erblickt Stern in den Fragen 
nach der Berechtigung und nach dem Ki-iterium der Unterscheidung von 
„gut" und „böse" und es wird gezeigt, welche Antworten auf diese Fragen 
gegeben werden können und bisher gegeben worden sind. Der historische 
Teil ist besonders wertvoll, weil noch nie in so engem Rahmen die Entwicklung 
der Ethik von 'den ersten Aiafängen sittlicher Reflexion bis zu Wundt und 
Haitmann dargestellt worden ist. (Den Abschluß bildet ein längerer Hin- 
Aveis auf M. L. Sterns „Monistische Ethik", deren Grundanschauungen der 
Verfasser sich anzuschließen scheint.) Trotz der Kürze ist überall mit scharfem 
Blick das Wesentliche hervorgehoben und klar dargestellt. Während Jodls 
großes Werk naturgemäß nur auf den engei'en Kreis von Fachgenossen be- 
schi'änkt bleiben muß, ist Sterns Arbeit für jeden an ethischen Problemen 
Interessierten sehr empfehlenswert. 

Hochstetter, Erich, Die subjeVtiven Grundlagen der scholastischen 
Ethik. Halle a. S., Max Niemeyer, 1915. 
Hochstetter will das Wirken der Individualität in den scholastischen 
Systemen von Thomas, Bonaventura, Duns Scotus und Ockam herausarbeiten 
und deutlich machen, d. h. „die in der Seele des Menschen ruhenden Grund- 
lagen ethischer Normierung in den repräsentativen Systemen des Mittelalters" 
aufzeigen. Nach einer kurzen Darstellung der intellektualistischen Ethik 
der Antike wendet sich der Verfasser dei „christlichen Bewußtseinseinstellung" 



*) Vgl. „Archiv für systematische Philosophie" Band 18, S. 110 ff.. 
Band 19, S. 414 ff.. Band 21, S. 439 ff. und „Archiv für Geschichte der 
Philosophie" Band 27, S. 504 ff. 



292 Rezensionen. 

und deren Veilialten zur artikeu Ethik zu. Diese neue BeAvußtseinsein.<tellung 
Ijewirke eine Verschiebung der Problemlage innerhalb der Philosophie: an 
Stelle des Xaturproblems der Antike trete nun das Menschheitsproblem in 
den Mittelpunkt. Das Zentralproblem des christlichen Denkens A\erde 
der sündige, erlösungsbedüi-ftige Mensch und die Hauptfrage laute: „Wie 
wird der sündige Mensch der erlösenden Gnade teilliaftig?" Diese Frage 
erfahre trotz der religiösen Gebundenheit verschiedene Beantwortungen, 
weil, wie Hochstetter betont, der .Sinn überlieferter Ideen, aller Tradition 
zum Trotz, immer „dem inneren Habitus der rezipierenden Persönlichkeit 
gemäß variabel ist." Das Pi-imäre ist nach Hochstetter immer das Erlebnis und 
die Theorie wird diesem entspiechend gebildet. Eie mystisch-traditionalistische 
wie die dialektische Richtung der Scholastik haben im wesentlichen das gleiche 
3Iaterial, nämUeh den Inhalt des christlichen Glaubens. „Dialektiker wie 
Mystiker strebten zum gleichen Ziel: Konformität herzustellen zwischen 
diesem gegebenen Inbegriff theologischer Dogmen und ihrei Subjektivität, 
gewissermaßen diesem an sich toten Betriebssystem Leben einzuflößen, seine 
prätendiert«, objektive Wahrheit zu i h r e r (subjektiven) Wahrheit zu machen; 
aber die Art, wie Cies geschah, war verschieden wie die Individualcharaktere, 
von denen sie abhing, durch die sie gefordeit war." Diese These sucht der 
Verfasser mit feinfühligem Verständnis zuerst im allgemeinen für die beiden 
genamrten Typen, sodami speziell für- die Systeme von Thomas, Bonaventura, 
Duns Scotus und Ockam nachzuweisen. Das subjektive Moment, das die 
einzelnen christlichen Denker an die Lehren des Glaubens heranbringen, 
bilde das Movens ihrer Entwicklung und bedinge auch den theoretischen 
Fortsehritt. Augustin gab der Scholastik das Thema; aber die einzelnen 
Scholastiker spielten die Variationen, entsprechend ihrer persönlichen geistigen 
Eigenart. Diefen Sachverhalt klar und überzeugend nachgewiesen zu haben, 
ist das Verdienst des Buches. 

Westerius, Xaver, Das Seligkeitsstreben in der kantischen und thomisti- 
schen Ethik. Hamm (Westf.), Breer & Thiemann, 1914. 
Der Verfasser sieht in Kant einen scharfen Gegner christlicher Ethik, 
namentlich einen Antipoden des Thomas, weil er, im Gegensatz zu diesem. 
Form und Inhalt des Strebens nach dem Grt scheidet. Westerius findet 
den „Versuch Kants, oie Tugend mit der Glückseligkeit im höchsten Gut 
verbunden erscheinen zu lassen", nicht befriedigend. Vom praktisch-psycho- 
logischen Standpunkte aus sei es verfehlt, „die Seligkeit vom sittlichen Han- 
deln zu hoffen, das Seligkeitsstreben jedoch bei der Bestimmung und Ent- 
schließung zum Handeln auszuschalten." Die autonome Moral, die das Gute 
xmd das Streben nach dem Guten trennt, zerstöre die Grundlagen der sitt- 
lichen Ordnung und nehme dem sittlichen Streben jede Sanktion. Das höchste 
Gut könne, wie Thomas lehrt, mir Gott sein, avcü der Endzweck des Menschen 
über das Cieschöpf liehe hinaus liegen müsse. Die U)sache des menschlichen 
Strebeas nach (Tlückseligkeit sei die in der Handlung liegende Güte, nicht 
aber ein außerhalb gelegenei eudämonistischer Beweggrund. Der Eudämonis- 
mus der thomistischen Ethik sei nur „das an und für sich Gute, das sich dem 



Rezensionen. 298 

Gewissen als ,sein Sollendes' ankündigt, aber nicht bloß aus kalter, gefühls- 
leerer Achtung, sondern insofern es zur natürlichen Folge das Gefühl einer 
idealen Lust gibt und den Trieb anspornt, die Verwirklichung derselben herbei- 
zuführen und Befiiedigung und Lohn zu finden." Zum Schlüsse gibt der 
Verfasser eine Zusammenstellung der Hauptunterschiede zwischen Kant 
und Thomas in der Behandlung des Problems desG lückseligkeitsstrebens : 
Nur die Auerkeimung dieses Strebens sei den beiden Denkern gemeinsam; 
im übrigen wichen ihi-e Lehren stark voneinander ab. Westerius selbst 
stellt sich auf den Standpunkt des Thomas. 

Sternberg, Kurt, Beiträge zm- Interpretation der kritischen Ethik. 'Berlin, 
Reuther & Reichard, 1912. 
Eiese Alois Riehl gewidmete Schrift enthält sozusagen eine Verteidigung 
der ki'itischen Ethik und eine Anklage gegen Kant. Sternberg lehnt die ratio- 
nalistisch-metaphysische Ethik ab, weil sie unfähig sei zu zeigen, worauf die 
Allgemeingültigkeit der ethischen Normen beruhe; er verwirft aber ebenso 
die empiristisch-psychologische Ethik, weil diese philosophische und psycho- 
logische Betrachtungsweise vermenge, Psychologie der Sitten und Ethik 
nicht voneinander trenne, die spezifische Eigengesetzlichkeit der Sittliehkeit 
nicht ermitteln könne und Sollen und Sein zusammenwerfe, obwohl das eine 
aus dem anderen nicht abzuleiten sei. Die Methode der Ethik müsse die 
Methode der Philosophie überhaupt sein, nämlich die Begi'iffsanafj-se. Des- 
halb sei jede andere als die rein formale Interpretation des ethischen Prinzips 
als falsch abzuweisen. Der wahre Kritizismus im Sinne Kants müsse gegen 
je'de physiologische Auffassung des Apriorischen Stellung nehmen, da es 
ihm nm- auf die methodische Bedeutung des Apriori ankomme. Der kate- 
gorische Imperativ sei rein formal zu verstehen und deshalb frei von „Rigoris- 
mus". Auch habe die laütische Ethik für keinerlei unwissenschaftliche Meta- 
physik Raum. Was von den Gegnern der kantischen Ethik dieser zum Vor- 
\^Tirf gemacht wird, treffe nm- die Dmchführung der Gedanken dmch Kant, 
keineswegs aber das Prinzip und die Methode seiner Ethik. Die Fehler, welch? 
Kant begangen hat, sieht der Verfasser in einer Vermengung von Form und 
Inhalt, in dem damit im Zusammenhang stehenden Rigorismus und in deni 
Versuch einer metaphysischen Begründung der Ethik. Deshalb ist Sternberg 
der Meinung, daß Kant selbst zu den wesentlichsten Mißverständnissen Anlaß 
gegeben habe, denen .seine Ethik im Laufe der philosophiegeschichtlichen 
Entwicklung des 19. Jahrhundeits ausgesetzt war und auch heute noch ist. 

Loew, Wilhelm, Das Grundproblem der Ethik Schleiermachers und seiner 
Beziehung zu Kants Ethik. Berlin, Reuther & Reichard, 1914. 
Der Verfasser geht von der Voraussetzung au.s, daß nur Kants trans- 
zendentale Methode die ethischen Forderungen zu der Gültigkeit erheben 
könne, deren sie als Führer im sittlichen Leben bedürfen, und zeigt, wie diese 
kantische Begründung der Ethik vcn Schleiermacher aufgefaßt wurde. Das 
Problem, das sich Loew stellt, lautet: „Ist (von Schleiermacher) auf der 

Archiv für Geschichte der Philosophie. XXX. 4. 21 



294 Kezeni-ionen. 

Grundlage weitergebaut worden, auf der Kant das Gebäude der Ethik er- 
richtet hat? oder wenigstens, ist diese Grundlage verstanden und respektiert 
worden?" Die Arbeit fühi-t zu einem verneinenden Ergebnis. Nach Schleier- 
macher habe die Ethik die Aufgabe, die Prinzipien dei Geschichte als Fort- 
setzung des natürlichen Werdens auf höherer Stufe zu erforschen. Ethik sei 
die Wissenschaft von den Prinzipien der Geschichte und die Prinzipienlehre 
der Geistesbetätigungen. Die moralischen Wissenschaften seien nach Ana- 
leren der Natui-wissenschaften begründet. Die von Kant eingeführte, selbst- 
ständige ethische Methode w^erde durch Schleiermacher aufgelöst. In der 
Idee des höchsten Gutes als Bewährung des Sittengesetzes berühren zwar 
Kant und Schleiermacher einander. Aber die Wurzel von Schleiermachers 
Position liegt „in dem Verlassen der Beziehung von Philosophie und strenget 
Wissenschaft und in dem Anschluß an in gewöhnlichem Sinne psychologische 
Unterscheidungen, also darin, daß er die Bedeutung dei transzendentaler 
Frage in Kants Philosophieren nicht veistand". Schleiermachers psycholo- 
gischer Ausgangspunkt hat nach Lpew einen Naturalismus in der Ethik ziu- 
Folge, der zu einer Nivellierung der Probleme fühi't. In Schleiermachers 
Versuch, durch die Ethik die Totalität geistigen und sozialen Lebens zu um- 
schreiben, erblickt der Verfasser keiner^i Förderung des ethischen Problems. 
— Als ein Beitrag zwc Philosophiegeschichte im Simie einer „Geschichte der 
in historisch beschränkten Formen sich aussprechenden philosoplüschen 
Probleme" ist die vorliegende Ai-beit sicherlich anerkermenswert. 

Lahnstein, Ernst, Ethik und Mystik in Bxbbels Weltanschauung. Berlin- 
Steglitz, B. Behr.s Verlag (Friedrich Feddersc-n), 1913. 
Lr.hn-tein, dem wir schon zwei wertvolle Ai'beiten über Hebbel ver- 
danken, skizziert zunächst des Dichters Stellung zur Philosophie und legt 
dar, wie für Hebbel das Individuum rmd das Ganze „die beiden Gegenspieler 
in dem Drama der Welt" seien und wie er von Philosophie vnd Kunst eine 
Synthese der beiden Gegensätze fordere. Die Weltanschauung Hebbels sei 
msprünglich tief in der christlichen Mystik verankert gewesen, von der ei 
in seiner Entwicklung zu den Ideen der griechischen Philosophie weitergef ühi-t 
wurde. Zm* Ethik gelangte der Dichter jedoch üler seine geschichtspliiloso- 
phischen Anschauungen: „Das Gewissen als Organ der inneren Freiheit 
des Einzelmenschen und als Weltprinzip der geschichtlichen Entwicklang 
gibt Hebbel die Grundlage fiu' seine Ethik." Die Sittlichkeit sei für den 
Dichter einerseits die Achtung vor dem Menschenbild , die Scheu, den Nächsten 
zum bloßen Werkzeug, zum Ding zu erniediigen. Aber diese eine Seit« der 
Moral müsse durch eine andere positive und aktive ergänzt werden: duroli 
die Kraft, die den Menschen zm* echten Tat treibe. Diese beiden Prinzipien 
stehen in erbittertem Kampfe miteinander; es ist der Konflikt zwischen Huma- 
nität und persönlicher Entwicklung. Hebbel glaube an „einen Entwicklimgs- 
prozeß, der von dem gegebenen Zustand ethischer Betätigmig vorwärts 
führt in der Richtung des sittlichen Ideals. Neues Lesben, das dvuch den 
Tod hindurchbricht, das ist füi' Hebbel die Dialektik der Geschichte, die den 
Fortschritt bedingt und verbürgt". Die Triebkraft alles Schaffens sei das 



Rezensionen. 295 

Gewissen als Mahnerin und Richterin. „In allen Fällen sittlichen Konflikts 
ist uns das konkrete Soll nicht unzweideutig gegeben, sondern es wird schon 
der Inhalt des Gesetzes zur sittlichen Aufgabe. Was das Gesetz verlangt, 
ist dann nichts anderes als das redliche Streben, das sich selbst treu bleibt." 
Der Dichter vertrete, nachdem er den ,, mystischen Naturalismus" über- 
wunden hatte, einen ethisclien Idealismus, in welchem Ethik und Myslik 
ihr Gleichgewicht gefunden haben. Das Sittengesetz sei für Hebbel Welt- 
gesetz und als solches Sache des Glaubens. — Die treffliche Arbeit ist Paul 
Hensel gewidmet. 

Breit, Dr. Ernst, Ibsens Soziologie und Ethik. M.-Gladbach, Volksvereins- 
Verlag, 1912. 
Die Schi-ift behandelt die Soziologie und Ethik der Ibsenschen Dramen- 
welt, ohne Rücksicht darauf, ob das von den Hauptpersonen unwiderlegt 
Ausgesprochene auch die Ansicht des Dichters sei. Breit will einen Beitrag 
z im Verständnis einer bestimmten starken, modernen Kulturströmung liefern, 
da er acnimmt, daß die Etlük in Ibsens Dramen in den philosophischen und 
naturwissenschaftlichen Anschauungen der modernen Kult^u•heroen wurzle. 
Die Gesellschafts- und Sittenlehre Ibsens sei in seiner Weltanschauung be- 
gründet. Diese is^^^ nach Ansicht des Verfasser^ „der Geist des schrankenlosen 
Individualismus". Im Mittelpunkte der Ethik stehe der Gedanke des „di'itten 
Reiches ' und die „ideale Forderung", d. h. die Forcierung, „der Wahrheit 
die Ehre zu geben und nach den aus ihr sich ergebenden Konsecjuenzen seine 
Lebensführung zu gestalten". Ibsen bekämpfe prinzipiell die gesellschaft- 
liche Ordnimg und lasse sie höchstens als notwendiges Übel gelten; er denke 
hinsichtlich des Arbeiterstandes sozialistisch; er anerkemie keinen objektiven 
Wert der Keuschheit. Diese Behauptungen, die der Verfisser aus Ibsens 
Dramen entnehmen zu können glaubt, veranlassen ihn, von seinem katholischen 
Standpunkte aus die Soziologie und Ethik des Dichters natüi'lich entschieden 
•abzulehnen. Trotz des starken ^"erzeichnens des Ideengehaltes der Dramen 
und trotz der ganz einseitig konfessionellen Kritik darf die Schi'ift doch auf 
Beachtung Anspruch erheben. Sie ist im allgemeinen sachlich und ernst 
geschrieben und stellt manche Seiten der Ibsenschen Ethik gut dar, wenn 
sich die Schrii't auch selbstverstänalich in keiner Hinsicht mit Emil Reichs 
vortrefflichem Werke messen kann. 

Reiner, Dr. Julius, Friecrich Nietzsche, der Immoralist und Antichrist. 
Stuttgart, Franckhsche Verlagsbuchhandlung, 1916. 

In sachlicher Weise, unterstützt dm'ch zahlreiche, glücklich ausge- 
Avählte Zitate aus'Nietzsches Werken, wird ein ungeschminktes Bild des Dichter- 
philosophen als Ethikei und Bekämpfer des Christentums gegeben. Reiner 
findet, daß Nietzsche mit dem Problem des Übermenschen insofern „nicht 
ganz fertig geworden" sei, als er den Begriff teils auf einzelne historische Ver- 
treter der Menschheit anwende, teils als Zukunftsideal des Menschentums 
fasse. Einen historischen Zusammenhang der Nietzscheschcn Ideen mit dem 

21* 



296 Rezensionen. 

Darwinismus hält aer Verfasser für erwiesen; Spinoza haben sie die „haupt- 
sächlichsten Gesichtspunkte zu verdanken". Besonders wird Nietzsches 
Stellung zum Krieg erörtert und dargetan, wie Nietzsche in seinen reiferen 
Jahren immer mehr zu der Ansicht neigte, „daß an die Stelle des blutigen 
KLrieges der Kampf der Geister treten werde". Zusammenfassend sagt Reiner : 
„Sein philosophisches Weltbild überrascht und entzückt nicht durch die 
Neuheit, sondern durch den Glanz, mit dem er altbekaimte Gedanken aus- 
gestattet hat, wodurch sie eine allgemeinere und erhöhte Bewunderung er- 
regten." Die Kritik, welche der Verfasser an Nietzsches Philosophie übt. 
ist maßvoll, besoimen und fast diirchaus treffend. 

Häußer, Dr. Karl, Die Lüge in der neueren Ethik. Erlangen, Junge & 
Sohn, 1912. 
In der Einleitinig wird ein km-zer Überblick über die Beurteilungen der 
Lüge von den Anfängen sittlichen Denkens bis auf Kant gegeben. Sodann 
folgt eine Darstellung des Problems bei Kant, Fichte, Steffens, Jacobi, Hegel, 
Herbart, Krause, Schopenhauer, Stirner, Nietzsche, Sidgwick, Ihering, Laas, 
Höffding, Gizycki, Döring, Ebbinghaus, Haitmarm, Wundt, Paulsen, Natorp, 
Cohen, Lipps und Rümelin unter den Philosophen und bei Bolgeni, Cathrein, 
Linsenmann, Koch, Schleiermacher, Rothe, Martensen und Burger unter 
den katholischen bzw. protestantischen Theologen. Im kritischen Teil wird 
ausgeführt, daß die weitaus überwiegende Mehrzahl dei neueren Ethikei 
unter Lüge „den Gebrauch wissentlich imwahrer \^'orte (oder statt dieser 
auch Zeichen oder Handlungen) in der Absicht zu täuschen versteht" und 
den Rigorismus Kants und Fichtes ablehne, d. h. den bedingten Gebrauch 
der Lüge sittlich zulässig finde. Nach der Ansicht des Verfassers ist die Lüge 
„an sich unsittlich", weil sie „eine Verletzung der Pflicht des Menschen gegen 
sich, eine Wegwerfung seiner selbst, eine Preisgabe seiner Menschenwürde'" 
bedeutet. Der Rigorismus sei aber deshalb unberechtigt, weil er die Tat- 
sache der Möglichkeit eines Konfliktes der sittlichen Pflichten übersehe. 
I ie Lüge sei eben „erlaubt, ja sittlich geboten, wenn sie als das einzige Mittel 
zur Abwehr drohenden Unheils von dem Getäuschten dient" oder „wenn 
eine übergeordnete sittliche Pflicht gegen den Täuschenden selbst besteht". 
Freilich sei die Lüge auch im Falle ikrer pflichtmäßigen Anwendung noch 
ein Übel und man müsse derartigen Konflikten vorzubeugen trachten, indem 
man die gesamte Lebensführung nach ethischen Gesichtspunkten einrichte. 
— Die Arbeit bietet zwar nichts Neues, ist aber als ein Beitrag zu der leider 
noch wenig gepflegten ethischen Problemgeschichte wertvoll. 

Wentscher Else, Grundzxige der Ethik mit besonderer Berücksichtigung 
der pädagogischen Probleme. Leipzig und Berlin, B. G. Teubner, 1913. 
Das Buch otellt sich die Aufgabe, „zum Nachdenken, über die (Jrund- 
jagen der Etlük, über Werte und Ziele alles monsclüichen Handelns anzu- 
regen". Für Else Wentscher ist die Ethik eine durchaus normative Disziplin. 
hiie „hat die Gesetze abzuleiten, t'ie im menschlichen Wollen und Handeln 
verwirklicht sein müssen, wenn es den Anspruch erheben will, ein sittlich- 



Rezensionen. 297 

gutes zu sein, sittliche Werte in sich zu verwirklichen". Dts Wesen der Sitt- 
lichkeit liege in der Gesinnung und im Charakter. Eine religiöse Fundierung 
der Ethik sei abzulehnen, weil die Normen des Wollens und Handelns nicht 
nur für einen bestimmten Kreis, sondern für alle Menschen verbindlich sein 
wollen. Dennoch gebe es mannigfache Beziehungen zwischen Religion und 
Moral. Was den Menschen dazu bestimme, das Sittlich-Gute zm' einzigen 
Richtschnur des Handelns zu erwählen, sei „die tiefe Übeizeugung, daß sitt- 
liche Entwicklung und Vervollkommnung der Sinn und Zweck des Menschen- 
lebens ist und daß die Welt in irgend einem Sinne avf die Verwirklichung 
des Guten angelegt ist". Es besteht also eine Art freier Wechselwirkung 
zwifrchen Sittlichkeit und Religion. Diese Wechselwirkung hebe aber die 
ethische Autonomie in keiner Weise auf. Es gebe eine „eigene Quelle der 
Sittlichkeit" im Menschen und diese liege in den „Gewissensregungen", wo- 
runter Wentscher „Gefühle der Billigung und Mißbilligung, mit denen wir 
unser eigenes Wollen und Handeln bewerten und als gut oder böse, als sein- 
soUend oder nicht-scin-sollend anerkennen", versteht. Die allgemeinste Ge- 
wissensforderung laute: „Handle so wie du es in Momenten ruhiger Über- 
legung als gut und pflichtgemäß billigen mußt". Hinsichtlich des Ej-iteriums 
der Moral lehnt Wentscher den Eudämonismus ab, weil das Sittengesetz 
,, allgemeinverbindlich", also absolut sein müsse, was nur erreicht wei'den könne, 
wenn „es seine Übereinstimmung mit einem allgemein einleuchtenden höchsten 
Zweck des Menschenlebens vor unserer Vernunft erweist", wenn das Gute, 
das Sein-soUende und die Pflicht „aus einem höchsten Zweck des Menschen- 
lebens, aus einem Ideal, das wir als sittliche Wesen zu verwirklichen haben", 
abzuleiten seien. Das Ziel der sittlichen Entwicklung liege darin, daß der 
Mensch „sich befreie von der Macht der Triebe und sein Wollen und Handeln 
bestimme durch die Gesetze seiner Einsicht, seiner Vernunft". Das oberste, 
\-erpfIichtende Prinzip der Sittlichkeit sei im höchsten Zweck alles mensch- 
iiclien Lebens und Handelns begründet: ,,In der Verpflichtung zu einer 
Entwicklung und Vervollkommnung des Menschen, die in der Richtung 
der Beherrschtheit seines \VoUens und Wesens durch vernünftige Einsicht 
liegt." Eine psychologische Analyse der Willenshandlung gelangt zu dem 
Ergebnis, daß „Persönlichkeit" und ,, Charakter" das Ziel der Menschen- 
kultvu bilden und daß in einer von der Vernuiift bestimmten Lebensführung 
das höchste Gut zu erblicken sei. Den Abschluß des klug und warm geschrie- 
benen Buches bilden Betrachtungen über die Verwirklichung des sittlichen 
Ideals im Leben und ein Kapitel über die ethische Begründung der Pädagogik. 

Seeberg, Rein hold, System der Ethik im Grundriß. Leipzig, A. Deichert- 
sche Buchh. Nachf., 1911. 
Der Titel dieses Buches ist irreführend. Es handelt sich nicht um eine 
Darstellung der „Ethik", sondern der protestantischen Ethik. Der 
bekamite Theologe srörtei't diese Disziplin so ausschließlich imd einseitig 
von seinem Standpunkte, daß für die philosophische oder gar für eine rein 
wissenschaftliche Ethik kein Gewinn erzielt werden kann. Die geschichtlich« 
Oricntierimg. die allenfalls in Betracht kommen könnte, wird auf 14 Druck- 



2*^8 Rezensionen. 

Seiten abgetan luul tlie (Jiundprobleme und die Methode der Ethik werden 
auf 15 leiten behandelt. Erwähnt sei, daß Seeberg das Hauptgewicht auf 
die Sozialethik legt und daß die reichen Literatx rangaben zu den einzelnen 
Abschnitten auch für den Nichttheologen lehrreich und wertvoll sind. 

Wittmann, Dr. Michael, Die (Grundfragen der Ethik. Kempten und 
München, Jos. Kösel, 1909. 
Der Verfasser Avill nicht von einer Weltanschauung oder Metaphysik 
ausgehen, sondern bloß von der latsächlichkcit des sittlichen Lebens. Die 
Moral ist für ihn ,,eine Summe von Vorschriften, welche die Tendenz be- 
kunden, das Verhalten des vernünftig freien Wesens zu ordnen, Vorschriften, 
die damit den freien Handlungen die Merkmale des Erlaubten und des Un- 
erlaubten, des Guten und des Bösen aufdrücken". Neben der Relativität der 
sittlichen Normen sei das Absolute nicht zu verkennen, das in der mensch- 
lichen Natur begründet liege. Der Eudämonismiis sei abzulehnen, weil „die 
Vollendung der Natm-" der Zweck alles Handelns sei. Die Befriedigung des In- 
dividuums sei nur der gefühlsmäßige Ausdruck des erreichten Zweckes, also 
nicht Zweck, sondern nur Begleiterscheinung. Das oberste Sittengesetz sei un- 
bedingt geltend; das Sittlich-Gute sei Zweck, nicht Mittel.',, Die sittliche Voll- 
endung, die Vollkommenheit des persönlichen \\'esens, weist nicht mehr über 
sich selbst hinaus, geht nicht noch einmal ein ^^erhältnis der Unterordnung 
ein." Der Höhepunkt des menschliehen Lebens sei die Vollendung der Per- 
sönlichkeit und diese bestehe in sittlicher Tüchtigkeit. ,, Die sittliche Ord- 
nung scheint es auf die n.atixigemäße Vollendng der Persörüichkeit abgesehen 
zu haben." In der Natxir und im Leben seien Aufgaben, Zwecke und Ideen 
enthalten und damit sei das Teleologische und Ideelle gegeben, das zum 
Seienden und AV^irklichen hinzukom.me. Und alles, was zur Dm-chführuni{ 
der allgemeinen Menschheitsaufgabe erforderlich ist, wird Objekt einer sitt- 
lichen Forderung." Die verpflichtende Norm wird vom Menschen nicht etwa 
geschaffen, sondern n n- erkannt. ,,Die Pflicht an sich ist, ein von uns-un b- 
hängiger Tatbestand, welchen die Erkemitnis nicht bewirkt, sondern vor- 
findet." Sie ist ,, nicht verständlich, so lange darin niu" die Forderung einer 
impersönlichen Idee und nicht auch die Kinidgebung eines persönlichen Willens 
erkannt wird. Das Sollen kann nm- als Widerhall eines Wollens, als Korrelat 
einer höheren Willensäußening begriffen werden". So gelangt der Verfasser 
zu einer theonomen Auff -.ssung des Sittlichen. Das Sittengesetz sei gleicli- 
zeitig ,, Stimme der Natur" und ,,göttliche,s Gebot". Das sittliche Denken 
stamme aus dem religiösen Bewußtsein, werde von diesem Bewußtsein geprägt 
und geformt. — ■ Das Buch ist außerordentlich klar gegliedert xnid geschrieben 
und enthält beachtenswerte Auseinandersetzungeix mit Wundt, Paulscn, 
Max Wentscher und Mess(>r. 

Kern, Bertliold, I]thik ■ — Erkenntnis — ^\''.'ita)lscll;!,uungen. Dni Ab- 
handlungen. Leipzig, Georg Thieme, 1913. 
Von diesen drei Abhandlungen, die zuerst in der ,, Deutschen medi- 
zinischen Wocherschrift" veröffentlicht wurden, gehört nur die erste in diesen 



Rezensionen. 299 

Zusammenhang. Kern behandelt, sich auf das Wesentlichste beschränkend, 
,,die Grundlagen der Ethik" in evolutionistischem Geiste. Zueist charakteri- 
siert er die großen Tj'pen der ethischen Begi'ündnngen : den ethischen In- 
tellektualismus und die Gefühlsethik; die rigoristische und die eudämonistische 
Ethik werden kontrastiert. Sodann versucht der Verfasser, eine biologisch- 
psychologische Begründung der Ethik zu geben. „Entwickluugsgeschichtlich 
ist das Gemeinschaftsleben die eigentliche ^Viege der Ethik und deshalb zeigt 
in ihren einfachsten und dauerhaftesten Zügen die ethische Lebensbetätig-ung 
der verschiedensten Völker eine auffallende Ähnlichkeit, die selbst zwischen 
Naturvölkern und Kulturvölkern nicht zu verkennen ist und diese Ähnlich- 
keit wird mit der aufsteigenden Kultur mehr und mehr zur völligen Über- 
einstimmung, trotz aller Unterschiede in den Welt- und Lebensauffassungen." 
Das Wesen der „Ethik' (soll wohl hcißenMoral) ist für Kern ein ,, Gesichts- 
punkt, der das menschliche Handeln auf seine nähere und fernere Umgebung 
und schließlich auf das Ganze einstellt, an das er in seinen Existenzbedingungen 
gebunden ist." Weil die ethischen Auffassungen von der Entwicklung der 
Natvu- abhängig seien, müsse die Ethik jede Einseitigkeit in der .Systematik 
vermeiden und ihren Rahmen für alle Ansprüche der fortsclu-eitenden Mensch- 
heitskultur . offen halten. Die Ethik müsse den Gesichtskreis ihrer Urteile 
möglichst erweitern mid ihn auf alle menschlichen Lebensverhältnisse aus- 
dehnen. Der Verfasser betont die große Bedeutung der Erkenntnis und des 
(refühles für die Ethik und stellt den Entwicklungsbegiiff in ihren Mittel- 
punkt. Die Beziehung der Ethik ztu Entwickhuig bleibe, wie Kern meint, 
„der bedeutungsvollste Ausdruck für den Wert und das Wesen der Ethik: 
sie wird dadurch zum Wegweiser für eine Menschheitsentwicklmig, die den 
Sinn der Vervollkommnung festhalten läßt, ohne doch an den Grundlagen 
der Übereinstinunung mit den natürlichen Lebensbedingungen zu rütteln." 

Pychlau, Dr. Ed., Das monistische Piinzip in der Ethik. St. Petersbui'g, 
Gügelgen, Glitsch &Cie., 1912. 
Pychlau will .die Ethik auf monistischer (vrinidlage ohne Zuhilfenahme 
metaphysischer Ar.nal men empirisch ableiten. Ethik ist für ihn „die Lehi-e 
von den den menschlichen Gesinnungen, und Handlungsweisen zugrunde lie- 
genden, sittlichen Prinzipien. Das sittliche Streben und Verhalten des Menschen 
beruht auf dem Verhältnis der Triebe und Vorstellungen, auf dem Gegen- 
satz zwischen Lust- und. L^nlustgf fühlen und auf den quantitativen Verhält- 
nissen derselben zueinander." Der Verfasser stellt .sich auf einen streng de- 
terministischen Standpunkt luid erklärt Gesinnung und Handeln abhängig: 
„1. von der Beschaffenheit (ererbter \md erworbener) unseres Gehirns und 
der dadm-ch bestimmten Funktion desselben; 2. von der Beschaffenheit der 
auf das Gehirn wirkenden Agentien — beides Faktoren, die wir aus eigener 
Machtvollkommenheit nicht willküi-lich ändern köimen, daher Avir auch füi- 
unsere Gesinnung und unser Handeln nicht verantwortlich sind, denn wir 
handeln so wie wir handeln müssen." Das ethische Kriterium wird utilita- 
ristisch gekemizeichnet. Die Quelle der sittlichen Urteile sei das (rewissen, 
d. h. „die im Bewußtsein sich vollziehende, unerbittlich strenge, sittliche 



300 Rezensionc-n. 

Bewertung der Motive und ihrer Folgen." Die oberste Aufgabe der Ethik 
erblickt dei Verfasser „in der Schaffung eines allgemeinmenschlichen, sitt- 
lichen Ideals, welches, von der Wirklichkeit ausgegangen, im Selbstbewußt- 
sein des einzelnen seine persönliche Färbung erhält, um als dauernder, fester 
Motivenkomplex die sittliche Führung des Individuums zu übernehmen.'" 
Das ,, monistische Prinzip", von dem Pychlau spricht, besteht in der von 
ilim vertretenen Autonomie. Er ist in einem großen Irrtum befangen, wenn 
er meint, in seinen Aufstellungen sei jede Metaphysik ausgeschaltet. Seim- 
Ausführungen beruhen vielmehr a\if philosophischen Voraixssetzungen, die 
man als metaphysische Annahmen bezeichnen mul.). 

Ostwald, Wilhelm. Der energetische Imperativ. I. Reihe. Leipzig, Aka- 
demische Verlagsgesellschaft, 1912. 
Dieser Band vereinigt eine große Zahl von Aufsätzen über c'ie ver- 
schiedensten Gegenstände und Probleme, die in fünf Abteilungen gegliedert 
sind: Philosophie, Organisation und Internationalismus, Pazifismus, Unter- 
richtswesen, Biographie. Der Titel ist also mir recht gewaltsam zu recht- 
fertigen und nui- ein ganz kleiner Teil der Aufsätze gehört in diesen Zusammen- 
hang. Das Buch zeigt die Grundlagen von Ostwalds Energetik, läßt einen 
Einblick gewinnen, wie er zu c>iesei Weltanschauung gelangte und soll dar- 
tun, wie sie sich in ihrer Anwendung auf spezielle theoretische xmcl praktische 
Probleme zu bewähren imstande sei. Die Anwendung der philosophischen 
(metaphysischen) Energetik ,,auf immer menschlichere und unmittelbarere 
Gebiete des Lebens" ließ Ostwald den ,,maergetischen Imperativ" prägen, 
welcher lautet: „Vergeude keine Energie, verwerte sie!" Ostwald will damit 
den zweiten Hauptsatz der physikalischen Energetik ,,auf sämtliches Ge- 
schehen und insbesondere auch auf die Gesamtheit der menschlichen Hand- 
lungen" anwenden und übertragen. Der energetische Imperativ „beruht 
darauf, daß die Menge der freien Energie, über welche wir hier auf Erden 
verfügen, begrenzt ist. Je vollkommener nun die Umwandlung der freien 
Energie in die angestrebte Zweckforiu erfolgt, um so besser ist das vorliegende 
Problem gelöst und wir haben damit ein Kriterium gewomien, welches auf 
alle und jede Handlung Anwendung findet, da alle und jede Handlung not- 
wendig eine Energieumwandlung darstellt." Der Name ist bewußt dem „kate- 
gorischen Imperativ" Kants nachgebildet. Sachlich bemerkt Ostwald: „Dieser 
Spruch ist . . . die allgemeinste Regel alles menschlichen Handelns, und zwar 
lu-streckt sich seine (rcltung . . . auf des Menschen sämtliche Betätigungen 
überhaupt bis in die allerhöchsten und wertvollsten Leistungen hinauf." Der 
Verfasser betont wiederholt und nachdrücklichst den utilitaristischen Charakter 
seiner Ethik, in welchem er einen Hauptvorzug erblickt. Er i-rklärt, „dal.< 
gerade der Nachweis, daß dasselbe Gesetz für die gewöhnlichen wirtschaft- 
lichen Fragen ebenso mßagebend ist wie füi' die höchsten Weltanschauungs- 
probleme einen Beweis ( !) dafür abgibt, daß der Monismus . . . eine aus dem 
tätigen und wirklichen Leben geschöpfte und für das wirkliche und tätige 
Jjeben ausgebildete wahre Philosophie" sei. Für Ostwald ist der energetische 
Imperativ ein Naturgesetz, „welches sich nicht als eine unverständliche Ge- 



Rezensionen. 301 

walt dem Willen und dem Sein des Älenschen, der dem Gesetz untersteht, 
'■ntgegensetzt, sondern das befolgt wird, sowie man es begriffen hat, weil es 
überhaupt keine Möglichkeit außerhalb des Gesetzes gibt." — Es ist psycho- 
logisch interessant, daß Ostwald sich des metaphj'sischen Charakters seiner ' 
ethischen Theorie so wenig bewußt ist, daß er sich in der denkbar entschie- 
densten Weise dagegen verwahrt. „Ich muß alle Versuche", so schreibt er, 
.,nüch als Metaphj^siker zu denunzieren, (!)... abweisen." Und doch steht 
und fällt selbstverständUch der energetische Imperativ mit üstwalds ener- 
getischer Metaphysik. Daß keine Energie ..vergeudet" werden solle, ist eine 
Annahme, die ebensowenig bewiesen werden kann wie irgend ein Imperativ; 
und die Forderung, die T^^nergie zu „verwerten", setzt schon ein Kiiterium 
der Bewertung voi-aus, das ja eben erst ermittelt werden niüßte. Woriir 
besteht im konki-eten Falle die zu billigende ., Verwertung" der Energie und 
wo fängt die zu mißoilligendf ., Vergeudung " an? In der Beantwortung 
dieser Fragen liegen die Hauptprobleme und zugleich die Hauptschwierig- 
keiten und gerade diese werden im voiliegenden Buche nicht eimnal dis- 
kutiert, geschweige denn gelöst. 

Nelson, Leonhard, Ethische Methodenlehre. Leipzig, Veit & Co., 1915. 
Wie Nelson im Vorworte erwähnt, ist das Buch einem großen, drei- 
liändigen Werke über die Grundlagen der Ethik entnommen. Darin soll die 
Ethik „als strenge ^^'issenschaft" aTifgebaut werden. Daß füi- ein solches 
Unternehmen die in Anwendung gebrachte Methode die Hauptsache ist, ver- 
steht sich von selbst. Nelson macht der landläufigen Ethik zum Vorwui-f, 
daß sie von der Aufstellung von Prinzipien ausgehe, „ohne eine Kontrolle 
für den Weg ihrer Auffindung zu ermöglichen", also „dogmatisch" verfahre. 
Dem gegenüber will er ein „la'itisches" Verfahren einschlagen. „Die kiütische 
Metliode besteht in dem Rückgang vom Besonderen zum Allgemeinen oder 
von den Folgen zu den Gründen. Wir können sie daher auch die regressive 
nennen, im Unterschied zu der progressiven Methode des dogmatischen Ver- 
fahrens." Die Ethik dürfe nicht mit der Definition von Begi-iffen beginnen. 
„An die Stelle der willkürlichen Definition muß . . . die Erörterung (Exposition) 
der Bogriffe treten. Bei dieser begnügt man sich damit, die in einem Begriff 
sicher enthaltenen Merkmale anzugeben und sich diu:ch Fortsetzung dieses 
Verfahrens einer Definition allmählicli anzunähern, ohne schon eine Er- 
schöpfung des Begriffes zu beanspruchen." Da die Begriffe der Ethik sich 
nicht konstruieren lassen, gebe es keine ethischen Axiome u.id es dürfe nicht 
)nit der Aufstellung von Grundsätzen angefangen weiden. Aber auch über- 
eilte Beweisführungen müssen verhütet werden. „Wie wir zm* Zusammen- 
setzung der Begriffe aus ihren Teilmerkmalen erst schreiten dürfen, wenn wir, 
auf umgekehrtem \\'ege, durch eine methodische Zergliederung der Begriffe 
zu ihren Teilmerkmaien gelangt sind, so dürfen wir uns au-'li nicht eher daran 
machen, einen Beweis zu führen, als wir nicht eine ausreichende Sicherheit 
über die Grundsätze gewomien haben, aus denen der Beweis geführt werden 
.soll." Nicht in der Methode der Definitionen und Beweise, „sondern allein 
in der axiomatischen Methode der Zergliederung" liege die Analogie der Ethik 



302 Rezensionen. 

mit der Geometrie. Die regressive Methode der Ethik sei nieht die dei In- 
duktion, welche ja nur zu Lelusätzen führe, sondern die der Abstraktion, 
welche Grundsätze vermittle. Deshalb seien Psychologie, Soziologie, Biologie 
und Physik unvermögend, als Fundament der Ethik zu dienen. Der Begriff 
des SoUens sei ebensowenig auf den des Seins zurückzuführen wie ethische 
Urteile auf Seinsarteile ziu'ückgeführt werden kömien. Die ethischen Prin- 
zipien lassen keinen Beweis, d. h. keine Zurüclrführung auf logisch höhere 
Prinzipien zu. Es war daher schon die Frage, die bisher den Mittelpunkt der 
Ethik bildete, nach dem Grunde der Verbindlichkeit i^ittlicher Pflicht grund- 
sätzlich verfehlt. ,,Der Grund irgendwelcher Verbindlichkeit kann offenbar 
nur in einem Gebot liegen, das uns diese Verbindlichkeit auferlegt. Es kami 
.iie uns aber nur auferlegen vermöge der Verbindlichkeit, die es für sich selber 
besitzt; und wcmi diese ihi-erseits einen Grund hat, so kami er nur in einem 
noch höheren Gebote zu suchen sein, bei dem sich die Frage nach dem Grunde 
seiner Verbindlichkeit Aon neuem erheben würde. So würden wir hier auf 
eine unendliche Reihe von Geboten geführt, deren jedes seine Verbindlichkeit 
nin- durch das nächst höhere erhalten kömite." Nelson unterscheidet zwischen 
,, Urteilen" und ,,\uunittelbaren Erkemitnissen" und behauptet: „Nin- wem. 
es eine unmittelbare . . . rationale ethische Erkenntnis gibt, auf die sich die 
ethischen Urteile zurückführen lassen, ist eine wissenschaftliche Begründung 
der Ethik möglich." Das Problem, auf das mithin alles ankommt, laute: 
,,Gibt es eine unmittelbare rationale ethische Erkenntnis, auf die sich die 
ethischen Urteile zurückführen lassen? Oder kürzer: Gibt es reine prakti.sche 
Vernunft?" Das sind aber Tat sachenf ragen und diese lassen sich imi auf 
empirischem Wege beantworten. Mit der Diskussion dieser Fragen und \ov 
ihrer endgültigen Beantwortung bricht das vorliegende Buch ab. Wie alle 
Werke Nelsons ist auch die vorliegende Scluift durch große Klarheit, streng 
logischen Aufbau und scharfe Gliederung in hohem Maße ausgezeichnet. Den 
„Grundlagen der Ethik" wird man mit größtem Interesse entgegensehen 
dürfen. Hoffentlich läßt ihre Veröffentliclmng niclit zu lange auf sich warten ! 

Steudel, Fr., Alte U3id neue Tafeln. Kiitik des mosaischen Dekalogs und 
Grundlegung einer neuen Ethik. Berlin, Eberhard Frowein (1912). 
Das Buch enthält die Antworten auf eine Rundfrage, welche Steudel 
über die gegen v/ärtige Bedeutung des Dekalogs (besonders im Hinblick inii 
die Jugenderziehung) und eines eventuellen Ersatzes desselben veranstaltet 
hat. Die Frage wurde an Philo.sophen, Theologen, Ethiker, lädagogen und 
Schriftsteller gerichtet. Manche unter ihnen, z. B. Ludwig Stein und Rudolf 
Eucken, haben abgelehnt; eine Anzahl bekanL>ter und geschätzter Denker, 
wie Drews, Jodl, Ostwald, Staudinger, ünold und Wundt. liaben mehr oder 
weniger eingehend geantwortet. Das Ergebnis der Rimdfrage hat Steudel 
sehr übersichtlich mid klar am Schlüsse des Buches zusannnengefaßt. Auf 
die allgemeinste Formel gebracht, lautet es: Bei dem Unternehmen, den 
Dekalog durch zeitgemäße Gebote zu ersetzen, tritt das Religiöse gänzlicli 
zurück und an seine Stelle kommt das bewußte Verhältnis zu Natur und Leben. 
,,Es fehlt jeder Anklang von Jenseitsstimmung und infolgedessen ist das 



Rezensionen. 303 

asketische Elen^ent ganz ausgeschaltet. Das Ganze ist getragen von froher, 
gläubiger Diesseitigkeitsstimmung. " Ein Gebot des Gehorsams fehlt völlig 
xxnd es wird von keinem einzigen der zahlreichen Experten der Gehorsam als 
Tugend empfohlen. In den Vordergrimd tritt vielmehr die Forderung der 
Selbstbehauptung luid Entfaltung der Persönlichkeit. Endlich ist die starke 
Betonung des sozialen Momentes und des Entwicklungsgedankens als cha- 
rakteristisch hervorzuheben. — • An dem sehi" intei essanten Buche sollte kein 
Ethiker achtlos verübergehen, der auf den Zusammenhang und die Fühlung- 
nahme mit dem allgemeinen Zeitgeist Wert legt. 

Hermann, Dr. med., Das moralische Fühlen uod Begivifen bei Imbezillen 
und bei kriminellen Degenerierten. Halle a. 8., Carl Marhcld, Ver- 
lagsbuchhandhmg, 1912. 
Der Verfasser, Anstaltsarzt einer deutschen H!eil- luid Pflegeanstalt, 
nemit selbs<"' diese Sclu-ift einen ,, Beitrag zur sog. Moral-insanity-Frage". Für- 
jeden empiiischen, wissenschaftlichen Ethiker ist dieses vielumstrittene Pro- 
blem von großei Wichtigkeit. Hermamis Untersuchungen stützen sich auf 
das Material von 16 Idioten, 6 Imbezillen, 2 Debilen und 5 Degenerierten 
oline Intelligenzdefekt seiner Anstalt in Merzig a. 8. Es wird eine genaue Dar- 
stellung der einzelnen Fälle geg ben und an ihrer Hand, werden in sehr über- 
zeugender Weise psychologische Schlüsse gezogen. Der Verfasser gelangt zu 
einer großen Reihe neuer, von anderen Forschern abweichender Erkenntnisse, 
die sich natmgemäß hiei' in Kürze nicht wiedergeben lassen. Es sollte nur auf 
die lehrreiche Schrift, die durch sin gutes Verzeichnis der einschlägigen l ite- 
ratm' noch an Wer* gewinnt, hingewiesen Averden. 

Meißner, Franz Arthur, Staat und Religion im Lichte der modernen 
Ethik. Berlin, A. B'laustein, 1912. 
Diese Schrift ist eine charakteristische Dilettantenarbeit. Man merkt 
auf jeder Seite den guten Willen des Verfassers und man kann auch nicht 
in Abrede stellen, daß er vielerlei gelesen hat. Er beruft sich auf H.eraklit, 
Darwin, Robert Mayer, bekennt sich zu Avenariüs, polemisiert gegen Ost- 
wald — aber trotzdem ist das Ganze nm* ein Dithyrambus auf das Gute, auf 
Religion und Staat. Niemals wird ein gutgemeinter Predigerton \-erlassen, 
der mit ^^'issenschaftlichkeit gar nichts zu tun hat. Das Buch besitzt auch 
keine geschlossene Form, ist ohne Disposition geschrieben und hat — zwar 
nicht äußerlich, aber inhaltlich — aphoristischen Charakter. Der Grund- 
gedanke ist der, daß die ,, Kardinaltugend unseres Lebens" „cie zweckmäßigste 
Erhaltung der Ki'aft" sei und daß zu deren Betätigung Staat imd Religion 
unentbehrlich seien. Da das „moralische Prinzip", das der Verfasser verficht, 
in seiner Formulierung eine Ähnlichkeit mit Ostwalds „energetischem Im- 
perativ" hat, betont Meißner nachdrücklich seine Priorität. 



304 Rezensionen. 

F a Ic ke'nberg, R., Hilfsbuch zur Geschichte der Philosophie seit Kant. 
88 S. 8^. Verlag von Veit & Com. Leipzig. 3. vermehrte Auflage. 

1917. 

Das vorliegende Buch könnte den Dozenten zur Grundlage ihrer Vor- 
lesungen und den .Studierenden zur Vorbereitung zum Examen, statt der 
Auszüge aus großen Werken nützlich sein. Das ist der Zweck des Buches. 
Von den zwei vorangegangenen Auflagen unterscheidet sich die dritte durch 
ein hinzugekomnieii'^s Kapitel über Wundt und Eucken. Es ist auch üb -r 
diese beiden Denkei in knapper Form das wichtigste gesagt. 

]^flj,^ Rosa H (■ i n e. 

D. Dr. A. Dorn e r , Politik, Recht und Moral, mit Beziehung auf den gegen- 
wärtigen Krieg. Stuttgart, Spemann, 1914. 30 S. 

Das Verhältnis von Politik, Recht und Moral zueinander ist gerade 
während dieses Krieges mehrmals in Schrift und Rede Gegenstand der Unter - 
Tsuchung gewesen, zuletzt von Baumgarten in seinem Werke „Politik und 
Moral" (1916). Dorners Abhandlung steht ganz auf der Stufe der Kriegs- 
flugschriften. Die Darstellung ist allgemeinverständlich, doch frei von tiefer 
philosophischer Erörterung. Dem Philosophen wird nichts Neues geboten. 

Vielleicht hätte, gerade der philosophisch gebildete Leser eine schärfere 
Pi-äzisierung der Stellung und Bedeutung des ethischen Momentes gewünscht. 
Die Verwirklichung des Sittlichen, die Forderung einer sittlichen Durch- 
<lringung aller Lebensverhältnisse als letztes Ziel und die Vervollkommnung 
der Menschheit als Endzweck von Politik vmd Recht hätte kiäftiger heraus- 
gearbeitet werden sollen. Dr. Willi S c h i n k , z. Zt. im Felde. 

Dr. (t. C o h e n , Das Dasein Gottes vom Standpunkt der reinen Logik. 
Engelhardt u. Co., Hannover 1913. 50 S? 
Ist die Schrift für weitere gebildete, aber mit wissenschaftlicher Philo- 
sophie nicht vertraute Kreise bestimmt, dann scheint sie mir nicht ungefähr- 
lich zu sein, für wissenschaftlich und philosophisch Geschulte aber dürfte sie 
gänzlich überflüssig sein. Dem Verfasser sei Kants Kritik der reinen Ver- 
nunft (vor allem was darin geschrieben steht von Gottes Beweisen und Meta- 
physik) zur Lektüre empfohlen und in Erinnerung gebracht, daß das Thema 
AVissen und Crlauben längst zu einiger Klarheit gekommen ist. Icli verzichte 
auf eine Inhaltsangabe. Einige Überschriften sagen genug: Die Alhnacht 
<^tes, Die Einheitlichkeit Gottes, Gott ist einzig, Gott ist stets im höchsten 
Grade glückselig - alles das wird „vom Standpunkt der reinen Logik" aus 
erötert. Dr. Willi S c h i n k , z. Zt. im Felde. 

Nach etwa 6 Jahren konnte 1914 der Berner Universitätsprofessor Dr. 
Ernst Dürr sein Buch „Die Lehre von der Aufmerksamkeit" (Leipzig. 
Quelle u. Meyer) in zweiter Auflage herausgeben. Die erste erwuchs an,~ 
Vorlesungen, welche bei dem Würzburger Ferienkurs von VolksschuUehreni 
1906 gehalten- wurden; die zweite stellt ein abermaliges Durchpflügen d.- 
weitschichtigen Gebietes dar, weil eigene Bedenken und Besprechungen der 



Rezensionen. 'iA)'-> 

eisten Auflage den Verfasser veranlaßten, seine frülieren Besprcvlningt'u noch- 
mals zu prüfen. Die Ergebnisse werden wieder auf zwei Wegen gefunden: 
einerseits werden die Darlegungen anderer Forscher unter die Lupe 
genommen. An erster Stelle steht der Altmeister der experimentellen Psycho- 
logie Dr. Wilhelm Wundt, neben einem seiner Lieblingsschüler, Dr. W. Wirth -^ 
ferner werden häufiger angeführt Ebbinghaus, der Würzburger Universitäts- 
professor Dr. Külp, Dürrs Lehrer, der bald nach seinem Schüler leider allzu 
früh starb, und der besonders heiß umstrittene Unive sitätspTofessor Dr. 
Herbart (z. B. 172/73, 179, 201), den bei allen Eortschritten fast kein mo- 
derner, Pädagoge übergehen kann. Auch einiger Ausländer,, b sonders des 
Franzosen Th. Ribot, wird gedacht. Auch wo Dürr, der mit seltener Bescheiden- 
heit seine eigenen früheren Arbeiten fast nicht erwähnt, fremden Behauptungen 
nicht zustimmen kami, vermeidet er alle verletzenden ^^'orte. Dieses wohl- 
tuende Verhalten dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, daß Dr. Dürr 
selbst zur Genüge erfahren hat, wie schwierig und unsicher Versuche an be- 
stimmten Personen sein können. Infolgedessen deutyet der Verfasser die 
eigenen Annahmen und Schlüsse sehr oft nur durch einschränkende Sprech- 
formen an. Sie zu zählen, empfehle ich den Liebhabern derartiger Arbeiten. 
Eine solche Zusammenstellung hätte allerdings den einen Nutzen kla- zu 
zeigen, wieviel Neues sich in dem etwas über 200 Seiten starken Buche 
findet. Weil es gewissermaßen aus der unmittelbaren Erfahrung heraus für 
den Unterricht entstand, macht es nie den Eindruck, als sei es nur am Schreib- 
tisch, fern von dem Leben, das die Tatsachen oft überraschend formt, er- 
wachsen, wenn auch der Verfasser ausdrücklich warnt, ,,daß nichts für den 
Ausbau einer jungen Wissenschaft schädlicher sein kann, als wenn allzu früh 
von ihr verlangt wird, daß sie praktischen Dingen dienen soll" (Seite 1). Es 
dürfte also wirklich zwischen hochfliegenden Gedanken, welche die E:den- 
s 'hwere und das Wiiküchkeitsgewlchl außer acht lassen, luvl einem nü:-hteruen 
Kleben an Einzelbeobachtungen, die nicht zueinander in Beziehung gesetzt 
werden, etwas in der Mitte liegen, nämlich das Erforschen dessen, was ein- 
zelnen Gelehrten das Richtige dünkt, indem Begriffsbestimmungen und 
Beispiele geschickt zi'sammenverbunden werden. Diesen Weg geht D, 
immer wieder, indem er voll feinem Verständnis für die Schwingungen der 
menschlichen Seele — man verzeihe, daß ich heißumstrittene Begriffe wie 
feststehende verwende ! — gewissermaßen mit dem Seziermesser bloßlegt, die 
Erfahrungen des täglichen Lebens zum erläuternden Vergleich benützt (z. B. 
Seite 17,51, 86, 91, 116, 153, 194, 201—205) und auch die aus den Beobach- 
timgen sich ergebenden Feststellungen, vor allem für die Behandlung der 
Schüler tind Lehrgegenstände, klar angibt; denn Dr. Dürr will mit dem Buch 
der Schule dienen. Deshalb zergliedert er auch den Stoff sehr übersichtlich 
und bietet auch ein Schlagwortverzeichnis, das vielleicht manche Leser noch 
ausführlicher wünschen. Einige mehrfach behandelte Gedankengänge, welche 
nicht in dasselbe aufgenommen sind, habe ich in meiner Besprechung er- 
wähnt. Bei allen Feststellungen ist Dr. Dürr nie leidenschaftlicher Ver- 
neiner, auch als er die vielbehandelte Frage vom Willen vornimmt (z. B. 
68 ff., 74, 79 ff., 85, 88); denn die wissenschaftliche Überzeugung vom Forschen 



306 Rezejisioni-n. 

und Suchen desjenigen, das vielleicht nie erreicht werden kaiui, bewahrt den 
Verfasser vor rechthaberischen Behauptungen (z. B. 171) und läßt ilin vor 
jedem Überschätzen von Denkergebnissen ausdrücklich warnen (z. B. »Seite 113, 
119, 122/23, 139, 151, 156, 161/62, 164, 171, 176, 178, 186, 191, 193—95). 
Bezeichnend für- D.s Ansicht ist besonders ein manchen Ohren ketzeriscli 
klingender Satz (8. 180): „Nun ist freilich nichts leichter, als der Hypothese 
diejenige Form zu geben, in der sie mit den Tatsachen besser übereinstimmt." 
Bei allen Einzelheiten sticht die ruhige vornehme Sprache Dr. D.s 
sehr angenehm ab, von manchen Streitschriften, welche z. B. über Willen- 
freiheit und Willensbestimmtheit geschrieben wru-den. Aus demselben Emp- 
finden und Erfahren heraus, daß selbst auf dem verhältnismäßig eng um- 
schriebenen Stoffgebiet des vorliegenden Buches nicht das letzte Wort ge- 
sprochen ist, zeigt Dr. D. auch ausdrücklich Fragen, welche einer Lösung 
harren (z. B. Seite 92/93, 122/23, 143, 148, 157, 171, 210). Dieser Umstand 
macht Dr. D.s Buch ganz besonders wertvoll für den selbständigen Arbeiter, 
der auch sorgfältig ausgewählte Literaturverweise vorfindet. Lifolgedessen 
möchte ich Dr. D.s Abhandlung eine Art Handbuch über das wichtige Ge- 
biet nennen, wie erfassen einzelne Menschen die Umwelt und 
welche Folgerungen ergeben sich aus der Art des Ergreifens, wenn 
wir die betreffenden Personen und ihre Umgebung ins Auge fassen. Hin- 
sichtlich dieser Punkte wäre es wertvoll zu wissen, wer die gebrauchten 
Versuchspersonen waren, unter welchen Umständen sie tätig gewesen sind 
(vgl. auch meine Besprechung von Dr. Karl Köhn, Exprimentelle Beiträge 
zum Problem der Intelligenzprüfung. Leipzig, Quelle u. Meyer, 1913); denn 
nur wenn der Leser diese Tatsachen kennt, wird er die vom Verfasser ge- 
zogenen Schlüsse voll zu würdigen und richtig einzuschätzen wissen. Ohne 
diese Kenntnis schweben alle Behauptungen etwas in der Luft, wenigstens 
für den Leser. Einen derartigen Eindruck will aber der Verfasser, dessen 
gediegene Arbeitsweise nicht im mindesten in Frage gezogen werden soll und 
kann, sicherlich nicht hervorrufen. Außer diesen sachlichen Vorschlägen für 
eine dritte Bearbeitung, möchte ich mir in Erinnerung an die Vorrede zui 
zweiten Auflage noch einige andere, welche die Form betreffen, gestatten. 
Die wuchtigen Sätze, welche oft eine Überfülle von Feststellungen und Ge- 
danken bergen (S, 13 o., 21 o., 56 u., 143 o.), sind nicht leicht zu lesen, be- 
sonders da sie noch der alten deutschen Vorliebe für fremdsprachliche Be- 
griffe, für Worte auf -Ung und — wohl von den alten' Sprachen beeinflußt — 
für Partizipialausdrücke sehr huldigen. Auch die vielen angehängten Relativ- 
sätze erschweren ein rasches Lesen, welches den Inhalt sofort voll erfassen 
will. Daß das Buch viele eifrige Leser gefunden liat und findet, zeigt die 
2. Auflage. Möge ihr bald eine 3. noch weiter ausgebaute folgen von einem, 
der Dr. D.s Werk fortsetzt, da ihn leider ein früher Tod dahim-affte. 

Dr. Jegel, Bergzabern (Pfalz). 



Die neuesten Erscheinungen auf dem Gebiete 
der Geschichte der Philosophie. 

A. Deutsche Literatur. 

Aclamkiewicz, A., Die Forruel der Schöpfung. Straßburg, Singer.* 

Asmus, R, Der Alkibiades-Kouimentar des Jamblichos als Ilauptquelle 
für Kaiser Julian. Heidelberg, C. Winter. 

Mendel.ssohn-Bartholdy, A., Bürgertugenden im Krieg und Frieden. 
Tübingen, Mohr. 

Bauer, H., Von der Ehe (Islamische Ethik Bd. II.). Halle, Niemeyer. 

BoÜ, Fr., Sterngiaube und Sterndeutung. Leipzig, Teubner. 

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Rosenzweig, Franz, Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus 

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Schwabe, Dr. Max, Der Aktienverein im Lichte d6r Relationen. Basel- 
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Willenslehre als Erkenntnisweg. 



Von 



Siegbert Flemming. 



Preis Mk. 2^0. 



-B- 



BER[JN 

W 57, Bülowstraße 56 

Druck und Verlag von Leonhard Simion Nf. 

1917. 



Verzeichnis 

der in der vorliegenden Abhandlung wörtlich ai^eführten philosophischen 
Autoren und der angewendeten Abkürzungen. 

Ai-eopagita in Deussen, Philosophie des Mittelalters, Brockhaus 1915. 
Oarus, Organon der Erkenntnis der Natur und des Geeistes, Leipzig 1856. 

— , Psyche, Zur Entwicklungsgeschichte der Seele, 2. Aufl. Pforzheim 1860. 
Du Prel, Psychologie der Lyrik. Leipzig, Günther, 1880. 

— , Das Kreuz am Ferner, 4. Aufl. Cotta, 1913. 

Hartmann, System der Philosophie im Grundriß. Bad Sachsa i. Harz, bei 

H. Haacke. — Bd. I, Grundriß der Erkenntnislehre 1907. — Bd. IV, 

Grundriß der Metaphysik 1908. 

Hegel, Phänomenologie des Geistes. Bamberg 1807, 2. Aufl. Berlin 1841. 

Heraklit in Diels, Fragmente der Vorsokratiker, 3. Aufl. Berlin, Weidmaim, 

1912. 
Kant in Pölitz, Kants Vorlesungen über die Metaphysik. Erfurt 1821. 
Leibniz, MCVI = Meditationes de Cognitione, Veritate et Ideis (i^n den Leip- 
ziger Acta Eruditorum). 
— , DM = Un petit Discoiu-s de Metaphysique 1686. 
— , NE = Nouveaux Essais sur l'entendement humain 1704. 
— , La Monadologie 1714. 
Nietzsche, FW = Fröhliche Wissenschaft 1881/2, 86. 
— , Z = Also sprach Zarathustra 1883/4. 
— , J = Jenseits von Gut und Böse 1885/6. 
— , WzM = Dar Wille zur Macht 1884—88. 
— , Zur Genealogie der Moral 1887. 
— , Ecce homo 1888. 
Parmenides in Diels, Fragmente der Vorsokratiker, 3. Aufl. Berlin, Weid- 
mann, 1912. 
Piaton, Phaidros (Übersetzung von Ritter). 
Schelling, Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen 

Freiheit. Reutlingen 1834. 
Schopenhauer, WWV = Die Welt als Wille und Vorstellung, Ausgabe von 

Grisebich. Leipzig, Reclam, 1892/3, Bd. I u. IL 
— , Übsr die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, eben- 

dort Bd. III. 
Schubert, Ahndungen einei allgemeinen Greschichte des Lebens. Leipzig 1806/7. 
— , Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft, 4. Aufl., 1840. 

— , Die Symbolik des Traumes. Bamberg 1814, 2. Aufl. 1821. 
Ssolowiow in Usnadse, Wladimir Ssolowjew, seine Erkenntnistheorie und 

Metaphysik. Halle 1909. 
Weininger, I ^ Greschlecht und Charakter. Braumüller 1910. 
— ,11 = Über die lezten Dinge. Braumüller 1912. 
Wundt, Einleitung in die Philosophie. 



Inhalt: 

Seite 

1. Das logische Denken als Erkenntnis weg 7 

2. Das Gefülilsurteil als Erkenntnisweg 25 

o. Willenserkenntnisse .... ... 36 

4. Willensmetaphysik 56 



1. Abschnitt: 
Das logische Denken als Erkenntnisweg. 

Parmenides, der Eleate, bedeutet eine Markseheide au* dem Ent- 
wicklungsgang des Geistes, den ersten Meüenstein an der Heerstraße 
des menschlichen Gedankens. Die alten lonier und noch Pythagoras 
stellten die Offenbarung des Weltgehemmisses in einem Bilde dar; 
die lonier entnahmen es aus der äußeren Welt, Pythagoras aus der 
inneren. Parmenides als erster zeigt sie in einem üilialtlich bestimmten 
Gedanken auf, den er so formuliert: Das Seiende und nur das 
Seiende existiert. Heraklit der Dunkle, rückgewandt mit dem einen 
Auge, schaut ein Bild — das Weltfeuer — , vorgewandt mit dem 
andern, erfaßt auch er einen Gedanken, aber einen formal bestimmten: 
Wort, Vernunft, Gesetz, Ordnung — der Logos — ist ihm die Lösung 
des Welträtsels, d. h. sie besteht ihm vorerst in der rein formalen 
Forderung, die Welt als Gedanken zu fassen. Parmenides und Hera- 
klit sind nicht Gegensätze in dem Smne, daß der eine das ruhende, 
gleichförmige Sein, der andere den steten und stetigen Wechsel als 
allein bestehend anerkenne; falsch ist diese dank einer schematischen 
Tradition altüberkommene Auffassung. Die Eleaten weisen auf die 
Vielheit und stete Veränderung der Erscheinungen (Parmenides be- 
sonders im zweiten Teil der Fragmente) ebenso nachdrücklich hin, 
wie Heraklit auf den unveränderlichen, von aller Äußerlichkeit der 
Welt streng gesonderten, ewig sich gleichen Weisheitsinhalt: den Logos, 
das Gesetz der Weltvernunft. Das zeigen die erhaltenen Fragmente 
klar genug. ^) Der Gegensatz besteht in einem anderen. Auch Par- 



^) Man vergleiche Parmenides „Es war nie und wird nicht sein, weil 
es zusammen nur im Jetzt vorhanden ist" und Heraklit „Diese Weltordnung, 
dieselbige für alle Wesen, hat kein Gott und kein Mensch geschaffen, sondern 
sie war immerdar und ist und wird sein ewig lebendiges Feuer, nach Maßen 
erglimmend und nach Maßen erlöschend". Obgleich sich beide scheinbar 
entgegengesetzt ausdrücken, sagen sie doch dasselbe. 



8 Siegbert Flemming, 

laeiiides hatte ein doppeltes Gesicht, auch er schaute vor und zu- 
gleich zurück, auch er war ein Schüler der Mysterienstätten; zu Be- 
ginn seines Gedichtes schildert er die Einweihung im Tempel des ver- 
schwiegenen Kultus; die Wagen%lirt zu der Gotthi, auf der die He- 
liadenmädchen die Fiüirer sind. Aber aus dem Mimde der Göttin 
empfängt er seine philosophische Formel, friedlich und versöhnt, 
wie sem Weltfeuer brennt, „das ätherische, leichte, milde", vollzieht 
sich bei ihm der Übergang aus der alten in die neue Zeit. Jäh ist 
der Bruch bei Heraklit, laut klagt dieser um das Entschwindende, 
klagt an seine Zeit mit vernehmlicher Stimme ob der lasterhaften 
Entartung der dionysischen Kulte. „In unheiliger Weise findet die 
Einführung in die Weihen statt, wie sie bei den Leuten im Schwange 
smd." Zornig sendet dem Schüler der sterbende Mythos seinen 
Scheidegruß als der Weltblitz, der alles vernichtende' alles zerstörende, 
Chaos gebärende Weltenbrand, und triumphierend jubelt der Meister 
der schon kommenden Zeit entgegen, da der ordnende Gedanke 
dennoch alles zum besten lenken wird. „Auf hohem Joch zwischen 
zwei Meeren" stehen beide, wie Nietzsche seinen Zarathustra sagen 
läßt, auf der Grenzscheide zweier Zeitalter. Aber Parmenides ist 
eine Brücke, Heraklit ist eine Kluft. 

Nach einem Wort als der Lösung des Welträtsels, als der Offen- 
barung allen und jeden Geheimnisses, nach einem solchen Wort zu 
suchen, schwebte Heraklit als die Aufgabe voi, nach einem Wort, 
das, ausgesprochen, die Welt aus den Angeln heben \nirde. Er suchte 
und suchte das Wort, aber m der Glut der Eigenart seiner Seele ver- 
brannte es im voraus („Dem Menschen ist seme Eigenart sein Dämon"); 
das Bewußtsein der Eigenart (des „Dämonischen") seiner Seele er- 
füllte ilin so stark, daß er das über dem Eigenartigen Stehende (Über- 
individuelle), den Geist, nur ahnen, nicht finden konnte, desto unge- 
stümer aber suchte. Feuersglut und Logos — diese Antithese kenn- 
zeichnet ilm wunderbar und soll zum Schluß dieser Abhandlung ilu-e 
tiefere Bedeutung gewinnen. Bescheiden nimmt Parmenides das 
Wort, das Heraklit vergebens gesucht, aus seiner Göttin Mund ent- 
gegen, in denkbar bescheidenster Form: das Seiende ist und nur das 
Seiende ist, das Nichtseiende ist nicht und nur das Nichtseiende ist 
nicht. Wahrlich! es ist nur ein schwacher Abglanz jenes Zauber- 
wortes, das Heraklit gesucht, und doch ist es fähig, die Welt aus den 
Angeln zn heben; denn es ist die erste, berauschende Vision des Iden- 



Willeuslehre als Eikeuiituiswog. 9 

titätspriiizipep, der beseligende Abglanz und Schimmer der uns schon 
so glanzlos gewordenen Logik^), jenes Werkzeuges des Logos, mit dem 
dieser seither unternehmen wird, im Menschenhirn die Schranken des 
Seins zu durchbrechen, die Welt buchstäblich aus ihren Angeln zu 
heben. Zugleich aber liest man zwischen den Zeilen und nicht nur 
zwischen den Zeilen die schaudererregende, heimliche Furcht — die 
Ahnung des Irrsinns (um mit Weininger zu reden — H, 125 — ) — , 
daß das Identitätsprinzip etwa nicht gelten könne. Zwar daß das 
Nichtseiende existiere, ist unmöglich; aber daß das Seiende existiere, 
ist nur möglich, nicht gewiß, und aus dem Munde einer Göttin muß 
Parmenides die tröstliche Versicherung entgegennehmen, unaus- 
sprechbar und unausdenkbar sei es, daß das Seiende nicht sei. Hierin 
aber liegt zugleich, mit dem Fundament der Logik noch verquickt, 
etwas anderes versteckt, das nämlich, was nunmehr bald zwei und 
ein halbes Jahrtausend die Denker beschäftigt hat, der ontologische 
Beweis des Seins und seine Schwäche, das Fundament aller Meta- 
physik und ihre verwundbare, scheinbar tödliche Stelle. 

Dies ist die charakteristische Art, mit der griechische Philosophie 
in den Geistesgang der Menschheit einsetzt: Bogriff sbildung auf logi- 
scher Grundlage. Auch indische Philosophie kannte Begriffsbildung, 
aber nicht das logische Gesetz des Widerspruchs; sie gipfelt, in der 
Erkenntnis: Brahma ist die Welt, die Welt ist das Reich der Täu- 
schung, das Nichts, also ist Brahma das Nichts, die Irrealität, aber 
Brahma ist andererseits die höchste Realität, zugleich Seiendes und 
Nichtseiendes (Sat und Asat — vgl. Bhagavad Gita IX, 19). Darum 
neigt Indien zur Mystik, zur iiTationalen Erkenntnis. Griechenland 
inauguriert mit der rationalen Erkenntnis die abendländische Philo- 
sophie, ja überhaupt die Kultiu' des Abendlandes. Alle unsere Kultur 
stammt ursprünglich aus den Gedanken großer .Denl^er. Zu einer 
Zeit, als gi'iechische Kultur ganz von Religion und Mythus abhing, 
traten einzelne überragende Geister als Träger der Begriffsbildung 
aus ihr hervor. Nachdem Parmenides und Heraklit den Weg ge- 
bahnt, wurde er von Sokrates geebnet, von Piaton mit Markzeichen 
versehen, von Aristoteles fertig eingezäunt. In letzterem kam der 
formale Prozeß der Logik zum Bewußtsein, Griechenlands Mission 



-) Nietzsche (WzM 512): ,,Die Logik ist geknüpft au die Bedingung: 
gesetzt, es gibt identische Fälle." 



10 .Siegbert Flemming, 

zum Abschluß. Der Begriff wavde nun, das ist wichtig, von voni- 
herein für metaphysische Zwecke eiiigefülii-t, im Gegensatz zur Knipirie; 
man suchte ein Beständiges itn Flusse der Erscheinungen. Deshalb 
durfte ihn Piaton für ein Kmanationsprodukt der Idee nehmen. Erst 
im Laufe der Zeit, ahmählich, wurde er immer mehr auf die Empirie 
angewandt, so daß er heute unsere ganze äußere materielle Kidtui- 
l)eherrscht, dafür aber seinen urspriinglichen Sinn verloren hat. 
Anstatt Kultur zu bringen, hat er Zivilisation gebracht. Kant wollte 
nun beweisen, daß unser heutiges nicht nur abgezogenes, sondern 
herabgezogenes Begriffsmaterial nicht auf transzendentale Objekte 
angewendet werden könne, und das mit ebendemselben Begriffs- 
material, ein Begiimen, dessen Unmöglichkeit Nietzsche drastisch 
ausdrückte mit den Worten: „Wir können nicht um unsre Ecke 
sehn" (vgl. FW 373/4) und anderwärts: ,,Ist es wahrscheinlicli, 
daß ein Werkzeug seine eigene Tauglichkeit kritisieren kann?" (WzM 
410, vgl. 473). Kant verließ ganz das historische Fundament. Piaton 
ist ein ausschlaggebendes Argument gegen Kant; denn er steht noch 
an der Quelle der Begriffsbüdung. Das Denken war ursprünglich, 
umgekehrt, wie Nietzsche meinte, rein metaphysisch; deshalb trägt 
es noch immer den Anspruch auf metaphysische Geltung in sich, des- 
halb mußte Kant zu seiner bekannten Antmomie kommen. Keine 
Erkenntnis — auch nicht das Denken — kann mit eigenen Mitteln 
ihren Geltungsbereich abstecken. Das Problem ist nur, ob sie inner- 
lialb ihrer eigenen Sphäre zu Widersprüchen oder Unzulänglichkeiten 
führt, ün Falle des Denkens also, ob griechische Begriffsbüdung üi 
üirer Einwirkung auf moderne Systeme metaphysische Realität 
iimerhalb ihrer selbst widerspruchslos zu erfassen ünstande ist. 

Als Erkenntnis des ,, unwandelbaren Seienden" bestünmt die 
platonische Phüosophie in Fortsetzung der eleatischen die Aufgabe 
der Metaphysik, während Aristoteles die ,, Prinzipien der Dinge" 
ihr als Gegenstand zuerteilt ^) und sich hierin als Nachfahre Heraklits 
erweist, dessen Feuer wie Logos sich viel eher als ein schöpferisches 
Prinzip, das in der Welt aufgegangen ist, denn als ein seiendes (sub- 
stantielles) Wesen darstellt. Der Begriff des Prinzipes erheischt eine 
nähere Untersuchung. Prinzipium {ai>X'h ist Anfang; ,, erste Ursache" 
und als solche dem Begi'iff der Ursache (causa, akia) gerade ent- 



') Wundt, Einleitung in die Philosophie S. 1 und Literaturangabc S. 10 



Willenslehre als Erkenntnis weg. 11 

gegengesetzt, der ün.mer in eine ])eiderseits durchlaufende Kausal- 
kette eiiu-eüit. Auch, ist der erstere nicht etwa ein spät abstrahierter, 
nur dem philosophischen Denken eigener Begriff, sondern in der 
religiösen Gottesanschauung implizite ebensogut enthalten wie ex- 
plizite in der begrifflichen Vorstellung des ersten Bewegers oder des 
Urgrundes.'*) Falsch ist die durch Kant eingeführte angebliche Auf- 
weisung einer Antinomie unseres Denkens auf dem Wege der Ab- 
leitung des Prinzipsbegriffes aus dem Ursachenbegriff: wohl ist der 
letztere auf die phänomenale Welt beschränkt, aber der erstere geht 
nicht darüber hinaus, sondern gehört überhaupt nur dem „Drüben" 
an und hat mit dem andern nichts gemein, sondern ist ihm entgegen- 
gesetzt — sei es auch nur, wie ein Urbild dem Abbild entgegengesetzt 
ist. Diesen Unterschied liat zuerst Schopenhauer genügend scharf 
betont, wenngleich schon Piaton sagt: „Was Anfang ist, 'ist un- 
entstanclen; denn aus ilim muß notwendig alles Entstehende ent- 
stehen, nicht aber er aus irgend etwas" (Phaidros Kap. 24). Der 
In-tum ist noch dadurch unterhalten worden, daß man an Stelle 
des für uns doppeldeutigen Latein Wortes „Prinzip" die emdeutige 
Übersetzung „Anfang" zu brauchen sich scheute. Mit dem ersteren 
verband man eine unbestimmte Vorstellung, mit der letzteren läßt 
sich nur eine klare verbinden. Wer die Metaphysik als Prinzipien- 
lehre definiert (Wundt, Einleitung S. 83), der heißt sie die Lehre 
von den Anfängen. Aber der Begriff des Anfangs darf semerseits 
nicht ohne nähere Erläuterung bleiben. Vor allem darf sich nicht 
das Mißverständnis einer zeitlichen Auffassung der hier gegebenen 
Anwendung des Begriffs unterschleichen. Deshalb gilt es, auf anders- 
artige empirische Anwendungsmöglichkeiten besonders hinzuweisen, 
zunächst auf die räumliche. Wir sagen etwa auf einer Eisenbahnfahrt: 
em Land fängt an einer bestimmten', Grenze an. und ein andermal 
bei einem Blick in den Atlas: Europa beginnt beim Ural: in letzterem 
Falle haben wir schon nur noch zum Teil eine räumliche Anwendung, 
in der die Vorstellung von der Ausdehnung Europas, das keine natür- 
liche Ostgrenze hat, nicht so sehr aus einer gegebenen Anschauung 



b' 



*) Cicero sagt von den griechischen Mysterien: ,,Initiaque ut appelantui, 
ita re vera principia vitae cognovimus" (De legibus II, 14), wobei die Glei- 
chung von Prinzip und Anfang besonders hervortritt; denn initia heißt zu- 
gleich „Weihen" und — wörtlich — „Anfänge": „Wie sie Anfänge genannt 
werden, so kennen wir (erg. aus ihnen) in der Tat die Prin'/.ii)ien des Let)ens". 



12 Siegbert Flemming, 

als vielmehr aus einem künstlich erzeugten Begriffe hervorgeht. 
Wir sagen in weiterer Übertragung des Wortes: das Reich der AVirbel- 
tiere fängt bei den Fischen an. Hierin braucht weder die geringste 
Andeutung geschichtlicher Entwicklungsbeziehungen, noch etwa ein 
Hinweis auf eine irgendwo in einem Buch oder einem Museum ge- 
gebene räumliche Anordnung enthalten zur sein. Ja, w würden 
diesen Satz unverändert so aussprechen, wenn wir uns auch bewußt 
wären, mit den Worten Wirbeltier und Fisch nicht mehr Begriffe 
zu meinen, die aus empirisch en^-standenen Vorstellungen abstrahiert 
wurden, sondern bereits Ideen ini Platonischen Sinne — übersinn- 
liche Gattungsträger. Wir sagen in ähnlicher AVeise: die Intelligenz 
fängt beim Menschen an, und suchen hierin viel eher die Idee als den 
Begriff des Menschen zu bestimmen. Wer endlich den Ausspruch 
tut: mit Gott fängt die Welt an, oder: aller Anfang ist bei Gott, oder: 
am Anfang steht das Wort, aus dem alle Dinge gemacht sind (Heraklit, 
Johannes der Evangelist, Gotthilf Heinrich von Schubert), der spricht 
vom Anfang in einer nicht mehr ,, übertragenen'", sondern bereits 
„hinübergetragenen" Bedeutung und sagt eben dies damit, daß Gott 
— oder das Wort, der Logos — das metaphysische Prinzip der Welt 
sei. Nichts anderes meint auch Schopenhauer, wenn er sagt: die 
Welt der Erscheinungen ist Objektivation des Willens, die Ideen 
bilden ein Mittelreich zwischen Erscheinung und Sein, auch der Wille 
ist noch nicht das eigentliche ,,.Oing an sich", wohl aber das Äußerste, 
was unsere ahnende Erkenntnis vom wahren Sein erreichen kann 
(vgl. S. 18) — nichts anderes meint er damit, als daß die Stufenfolge 
der Erscheinungen vom AVillen ihren Anfang nianmt, daß also der 
Wille das metaphysische Prinzip nicht zwar der AVeit überhaupt, 
aber doch der Erscheinungswelt sei, ,, ewiger Anfang", wie Schelling 
sagen würde (,,Das Wesen der menschlichen Freiheit" S. 82 Z. 1), 
aber nur mit „Priorität des Wesens", nicht der Zeit (S. 38), als ewiger 
Anfang zugleich ewige Tätigkeit im Sinne Fichtes. Ebenfalls richtig 
und zugleich sehr charakteristisch angewendet ist der Begriff des 
Prinzipes, wenn Ssolowiow den AVillen ,,das Prinzip seines Anderen" 
nennt (Bd. III S. 96 — Usnadse S. 127/8). 

An diesen Beispielen sollte zugleich die Regel erläutert werden, 
nach der sich die philosophischen Begriffe als Grenzfälle der empi- 
rischen Anwendung der AVörter ergeben, wie mathematische Werte 
als GrenzfäUe uneendhcher Reihen. Diese Regel kann jederzeit zur 



Will^nslehre als Erkenntnisweg. 13 

Kontrolle und Präzision des korrekten Gebrauchs philosophischer 
Termini verwendet werden. '^j Sie folgt aus dem Umstand, daß sich 
die Sprache des Menschen an der Anschauung imd Erkenntnis der 
Sinnenwelt herangebildet hat und daß daher für metaphysische Be- 
griffe niemals urspriinghche Bezeichnungen zur Verfügung stehen 
können. In dieser Bedeutung sagt Nietzsche : „Eure eignen Sinne 
sollt ihr zu Ende denken!" (Also sprach Zarathustra, „Auf den 
glückseligen Inseln"). .Oie Worte der Sprachen stammen zwar, wie 
Schubert trefflich gezeigt hat (besonders in der ,, Symbolik des Trau- 
mes"), aus dem gleichen Ideenreich wie die Begriffe, aber in weit 
früherer Zeit gezeugt, stellen sie eine ältere Generation von Emana- 
tionsprodukten dar, die längst in der Anwendung auf die sinnliche 
Welt aufgegangen war, als die Begriffe geschaffen wurden. An einer 
anderen Stelle sagt Nietzsche in einer „antimetaphysischen" An- 
waudjung, „daß Begriffe und AVorte unser Erbgut aus Zeiten sind, 
wo es in den Köpfen sehr dunkel und anspruchslos zuging" (AVzM 409). 
Hier dämmert ihm der wahre Zusammenhang auf. 

Das letztgenannte Beispiel des Schopenhauerischen Wülens 
weist noch in besonderer Weise auf den Gegensatz des Anfangsbegriffes 
zum Ursachenbegriff hin. Schopenhauer hat im Anschluß an Kant 
den Geltungsbereich des Kausalitätsgesetzes ausdrückhch auf die 
Erscheinungswelt beschränkt wenn er hierin auch nicht immer konse- 
quent verfahren ist^); aber das Verhältnis von Ursache und Wirkung 
bildet bei üim von vornherein nur eine der vier Wurzeln des Satzes 
vom zureichenden Gmnde, wenn m.an wül, auch deren zwei: denn die 
vierte, die Motivation, ist nur „die Kausalität von innen gesehen".') 
So drängt sich von selbst die Frage auf, ob nicht das Verhältnis des 
Prinzips zur Erscheinungswelt, wenn es schon kein kausales ist, doch 
in die Reilie der Gestahungen des Satzes vom zureichenden Grunde 



^) So verfährt z. B. Kant, wenn er sagt (Pölitz, Vorlesungen, Erfurt 1821, 
Ontologie S. G6/7): „Der Augenblick ist die Grenze der Zeit. Die Zeit be- 
.steht aber nicht aus Augenblicken; denn ich kann diese mir nicht eher denken, 
als bis ich eine Zeit habe ; die Grenze des Dinges nicht eher, als das Ding selbst", 
und ferner (Pölitz, Psychologie 208): „Wir können niemals den Anfang be- 
greifen, sondern nur, was in der Reihe der Ursachen und Wirkungen geschieht. 
Der Anfang ist aber die Grenze der Reihe, die Freiheit 
aber macht lauter neue Abschnitte zu einem neuen Anfang; deswegen ist es 
.schwer einzusehen", endlich (Pölitz, Theologie 274) : „Es muß ein Substratum 
sein. Dieser Begriff ist der Grenzbegriff (Conceptus terminatus)". 



14 iSiegbert Flemming, 

mit eingeht. Die zweite Wurzel, die des logischen Grundes im Schluß- 
verfahren, bezieht sich nur auf unsere Denkpjozesse, die als solche 
dem metaphysischen Prinzip wie der Erscheinungswelt in gleicher 
Weise nachbildend gegenüberstehen. Auffallend aber ist die Ver- 
wandtschaft des in Frage stehenden Verhältnisses zu der dritten 
Wurzel, dem Seinsgrund im Raum. In beiden Fällen handelt es sich 
um ein ruhendes Verhältnis im Gegensatz zum Ty^ms der veränder- 
lichen, in einer Ri^^htung fortlaufenden Beziehung, die durch die 
Kausalität und Rationalität repräsentiert wird; denn die Erschei- 
nungswelt wie das Denken, die Objekte der Physik wie der Psycho- 
logie, sind in ewigem Flusse begriffen, nicht aber die Objekte der 
Mathematik wie der Metaphysik. Daher auch stammt die Möghchkeit 
der Wechselvertauschung des Seins mit seinem Grunde im Grund- 
Folge- Verhältnis selbst. Aus dieser Verwandtschaft entspringt das 
Bestreben zu Beginn der neueren Philosophie, das besonders bei Des- 
cartes und Spinoza ausgeprägt und selbst bei Locke und Leibniz an- 
gedeutet ist, nämlich die Metaphysik nach mathematischen Methoden 
abzuhandeln. Leibniz spricht sich ausdrücklich — in Übereinstim.- 
mung mit Locke — dafür aus, die mtionale Methode d^r Mathematik 
insonderheit auf die Ethik anzuwenden (er sei schon lange darüber: 
'NE IV, 12). Aus dem Gesagten erklärt sich auch die merkwürdige 
Tatsache daß die beiden großen Metaphysiker, die den Entwickelungs- 
gang der neueren Philosophie inaugurieren, Descartes und Leibniz, 
zugleich bedeutende Mathematiker gewesen sind. Diese Verwandt- 
schaft mit dem Seinsgrund rechtfertigt es, für Prinzip = Anfang im 
metaphysischen Sinne die Bezeichnung ,Urgrund" zu gebrauchen 
oder mit Schelling „Ungrund" (Freiheit 114), um den Gegens<itz zur 
Kausalität schärfer zu betonen (der sonst aber bei diesem termino- 
logisch nicht etwa streng durchgeführt wird, vgl. Fr. 49). Schopen- 
hauer selbst hatte wohl, als er die Abhandlung über die vierfache 
Wurzel schrieb, noch nicht sein System in so scharfen Umrissen vor 

«) Vgl. d. Verf. Nietzsches Metaphysik S. 61 Anm. 43. 

') Schon Kant unterscheidet nur „principium" fiendi, essendi und 
cognoscendi (Pölitz, Ontologie 70). Alan kann auch sagen: die Kausalität 
sei die veräußerlichte, in die Außenwelt hinausgetragene Motivation; minde- 
stens ist diese das Urbild jener: primitive Weltanschauung stellt sich be- 
kamitlich alle äußere Verursachung als Willensmotivation im Sinne der vierten 
Wurzel vor, also fälschlicherweise als Äußerung abgeleiteter, empirischer an 
Stelle metaphysischer, ursprünglicher Willcnsakte. 



Willenslehre als Erkemitnisweg. 15 

sich, um von selbst auf das hier erörterte Problem zu stoßen; sonst 
hätte er vielleicht den metaphysischen Urgrund der Dmge als die 
fünfte Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde anfgefülirt. 

Den „Seins grund"' nennt Schopenhauer jene Gestalt der Not- 
wendigkeit, aus der in unserer Raumanschauung die geometrischen 
Gesetze hervorgehen, und als die Lehre vom ,,S e i e n d e n" im elea- 
tischen Siime bezeichnet Piaton die Metaphysik. Hier liegt ein tieferer 
Zusammenhang vor. Piatons Ideenreich nämhch wächst dergestalt 
aus seiner Seinslehre heraus, daß die einzelnen Ideen einander zuge- 
ordnet sind wie mathematische Gesetze und mithin auch wechsel- 
weise voneinander ableitbar sind wie diese, wiederum auf gesetz- 
mäßigem Wege, d. h. mit der zwmgenden Notwendigkeit eines mathe- 
matischen Beweises: wenn es auch Piaton nicht gelang, von einzelnen 
bestimmten Ideen wirkliche Wesensdefinitionen zu geben, die eine 
solche Beweisführung ermöglicht hätten, so hat doch namentlich die 
pgthagoreisierende Richtung der Ideenlehre in seinen späteren Schriften 
deutUch dieses Ziel vor Augen.^) Daher ist durch den Piatonismus 
jene Tendenz in die Philosophie gekommen, die aus Begriffen auf das 
Sein zu schließen sich bemüht und imOntologismus ihren Gipfel erstieg. 
Der methodische Fehler ist hierbei dieser: gesetzt selbst, man hätte 
Wesensdefinitionen von Ideen, so könnte man doch immer nur von 
einer Idee auf die andere schließen, wie von einem mathematischen 
Gesetz auf das andere, aber nie die absolute Existenz einer Idee be- 
weisen, so wenig wie die absolute Gültigkeit eines mathematischen 
Satzes. Diese hängt von Axiomen ab wie jene von Prinzipien. Die 
Ideen sind einander koordiniert, den Prinzipieu aber subordiniert. 
Im Reiche der Ideen herrscht die dritte Wurzel des Satzes vom zu- 
reichenden Grunde mit der ihr eigenen Gegenseitigkeit des Grund- 
Folge- Verhältnisses, im Reiche der Prinzipien jene, von der Schopen- 
hauer, der Vertreter des eleatischen Tyjius in der neueren Philosophie, 
nicht gesprochen hat, die aber gleichfalls eine Wechselvertauschung 
von Grund und Folge gestattet und aus diesem Grunde mit der dritten 
Wurzel verwandter ist als mit den übrigen dreien. Die Wechsel- 



*) Kant definiert (Pölitz 79): „Die Erkenntnis a priori, durch welche 
der Gegenstand möglich ist, ist die Idee. Piaton sagte: Die Ideen sind bei 
Gott Anschauungen, bei Menschen Reflexionen." Auf Anschauung a priori 
beruhen gerade die mathematischen Erkenntnisse, wie besonders Schopen- 
hauer ausgeführt hat. 



16 iSiegbert Flemming, 

vertausfhimg zeigt sich in jener grundsätzlichen Forderung, an die 
der Metaphysiker gebunden ist: nicht nur aus der Erscheinungswelt 
sein metaphysisches Prinzip erschließen zu können, sondern umge- 
kehrt, auch aus diesem letzteren rückwärts wiederum mit z^\ingender 
IN^ot wendigkeit die Welt der Erscheinungen ableiten zu müssen. In 
dem Umstand, daß sich dieser logische Prozeß des begrifflichen Den- 
kers umkehren läßt, spiegelt sich das gegenseitige, wechselvertausch- 
bare Grund-Folge- Verhältnis des metaphysischen Prinzipes zui' Er- 
scheiiumgswelt selbst wieder. Diese unsere in den sinnlichen Wakr- 
nehmungen gegebene Welt fordert einen außer ihr gelegenen (auch 
außerzeitlichen, immerwährenden), jenseitigen Anfang zum Grunde 
ihres Seins ebensogut, als dieser Anfang zu seiner Wirldiclikeit der 
metaphysischen „Fortsetzung" in der Erscheinungswelt bedarf. 
Auch hier gilt daher, daß man immer nur die Realität des einen aus 
der des anderen, die des Urgrundes aus seiner Erscheinung und die 
der Erscheinung aus ilirem Urgrund beweisen kann, aber niemals 
die absolute Existenz des einen oder des anderen. 

Wenn wir den Phänomenalismus so nehmen, wie ihn Schopenhauei- 
im Kern seiner Philosophie faßte, so haben wir erstens als sekundäre 
„Objektivationsstufe" des Anfangs die Welt der Pinge, in der wir 
leben; an ihr ist das Wesentliche die Täuschung, diese ist ihre Essenz, 
indem sie eine täuschende Nachbildung oder Erscheinung des realen 
Seienden ist. Wir haben zweitens dieses Seiende, das Reich der 
Ideen, d. h. der Gattungsgebilde oder Urbilder für das Reich der 
Täuschung als primäre ,, Objektivationsstufe" des Prinzips, als die 
reine, d. h. getreue (deshalb auch nur im reinen Erkennen schau- 
bare) Nachbildung oder Erscheinung des Anfangs selbst, von diesem 
als Nachbildung nur durch die Mannigfaltigkeit (das principium indi- 
viduationis) unterschieden. Mit diesem Unterschied ist aber die 
logische, wechselseitige Koordiniertheit der einzelnen Glieder dieses 
Reiches, ihre gegenseitige Existenzbedingtheit verbunden, wie oben 
gezeigt ist. ] )urch das Reich der Ideen ist das der Täuschung existenz- 
bedingt, durch das l^rinzip selbst hinwiederum das Reich der Ideen 
als Ganzes (aber nicht die Idee als einzelne). J)iese Unterscheidung 
setzt also voraus, daß dem realen Prinzip die absolute Wirkliclikeit. 
dem Reich der Ideen relative Wirklichkeit, dem Reich der Täuschung 
aber relative Uii Wirklichkeit zugeschrieben wird, relativ in Bezug auf 
die höheren Stufen, die dabei der Maßstab sind. Diese Zuschreibung 



Willenslehrc als Erkenntnisweg. 17 

ii>'t in objektivem Sinne zn verstehen. JJabei ist aber zu beachten, 
daß die objektiviter absolute Wirklichkeit subjektiviter auch eine 
relative ist; denn die Existenz des Prinzipes oder metaphysischen 
Anfangs steht und fäUt mit der der Erscheinungswelt, aus der es er- 
schlossen wird. ÖN'un ist gewiß der Schluß auf die Irrealität der sinn- 
lichen Welt logisch unantastbar; denn durch die sinnlichen Werk- 
zeuge des Leibes wird sie künstlich erzeugt als ein Komplex von Sinnes- 
empfindungen, die durch die „kategoriale" Tätigkeit des Verstandes 
konstruktiv verknüpft werden.^) Ganz gebrechlich ist der Einwand 
aus der Anpassungsfähigkeit der Sinnesorgane an die Bedingungen der 
Realität ; hatte doch der Mensch nötig, zu seiner Anpassung Mikroskop 
und Teleskop zu erfinden, und zwar ersteres zu Zwecken des unmittel- 
barsten „Kampfes ums Dasem", indem es ihn die Krankheitserreger 
bekämpfen lehrte! Aber es bleibt noch eine Möglichkeit, die Schopen- 
hauer nicht erörtert hat, auf deien Erwägung aber Nietzsche viel 
Eifer verwandte: es könnte hinter der Welt der sinnlichen Erscheinung 
gar keine Realität stehen, sie könnte zwar ihrem Wesen nach ein 
bunter Traum sein, aber ein Traum, aus dem es kein Aufwachen gibt, 
eia „Traum ohne Träumer", wie Hartmann die Konsequenz des 
..transzendentalen Idealismus'" nennt (System 1, 93): es wäre möglich 
— um mit Parraenides zu reden — , daß das Seiende überhaupt nicht 
existiere, oder — um mit Weininger zu reden — daß die Ahnung des 
Irrsinns Gewißheit sei (vgl. S. 9), daß sich der Mensch geneiell vom 
Irrsinnigen nur gradweise — durch den riesigen Umfang und die raffi- 
nierte Systematisierung seiner Wahnideen — unterscheide. ^o) In 
diesem Fall hätten wir zu der obigen relativen Unwirklichkeit eine 
absolute Unwirklichkeit im großen, wie sie uns im kleinen das Reich 
der Träume darstellt. Diese Annahme ist logisch nicht zu widerlegen. 
Entscheiden wir uns aber hypothetisch für die Existenz, so bekommen 



") So hat erst Schopcnliauer den Pfaänomenalismus überzeugend be- 
gründet; dies gibt auch Eduard von Hartnaann indirekt zu, wenn er schreibt: 
,,Der Beweis für die Apriorität der Räumlichkeit des Anschauens, den Kant 
«■rbringen wollte, aber nicht erbracht hat, ihn hat die Physiologie der Sinnes- 
wahrnehmung wirkhch erbracht" (System I 75/6); denn auf diese stützt 
Scihopenhauer seinen Beweis. 

^°) Ein ähnlicher Gedanke scheint dem Verfasser der „Nachtwachen 
des Bonaventura" im Sinn gewesen zu sein; in der neunten „Nachtwache" 
spricht er von „einem totalen Wahasinn bloß mit kleinen Nuancen" (Aus- 
gabe von Steinert, Weimar 1916 S. 169). 

Archiv für Geschichte der Philosophie (Beilagelieft). 2 



18 Siegbert Flemming, 

wir vier Stufen: Träume, Sinnenwelt, Urbilderwelt und Cranfaog 
als absolute und relative Unwirkliclikeit und relative und absolute 
Wirklichkeit. Schon in Schopenhauers Phänomenalismus steckt das 
Gesetz der Stufen der Scheinbarkeit, das Nietzsche ahnte (J 34): 
„Ja, was zwingt uns überhaupt zur Annahme, daß es emen wesen- 
haften Gegensatz von w^ahr und falsch gibt? Genügt es nicht, Stufen 
der Schembarkeit anzunehmen?" Die Träume sind eine ebensolche 
verzerrte Darstellung von der Sinnenwelt, als diese von der Urbilder- 
welt und diese wieder vom Uranfang ist. Jede Stufe ist für die nach 
unten folgende ein „Anfang'- und mit ilir gemäß der fünften Wurzel 
des Satzes vom zureichenden Grunde — dem „Grunde der Fortsetzung", 
wie er logischerweise genannt werden muß — verbunden; der ui- 
spmnglichste unserem. Denken erreichbare Anfang ist eben für uns 
ein „Uranfang". Sofort di'ängt sich die Vermutung auf, ob diese 
Stufeiüeiter nicht nach beiden Seiten ms Unendliche fortgehe. Schopen- 
hauer selbst sagt an mehreren Stellen seines Hauptwerkes^!) über das 
von ihm aufgestellte Prinzip: auch der Wille sei noch Erscheinung, 
zwar um-äumliche, aber noch zeitliche, und noch nicht das echte 
„Ding an sich". Es besteht nur die Üi-age, warimi unser Denkeii 
bei den genannten vier Möglichkeiten Halt mache. 

Fragen wu- in summa, w^as das logische Denken unter Voraus- 
setzung seiner eigenen Berechtigung zur Beibringung des Existenz- 
beweises zu leisten vermag, so gilt zuerst, daß es die iVnnahme der 
absoluten Unwirklichkeit der Welt nicht widerlegen kaim, sodann, 
daß es zu einem System von Stufen der Scheinbarkeit fülirt, die durch 
ihre in Koordmation und Subordination wechselseitig bedmgte Exi- 
stenz das logische Denken auf der Suche nach dieser m einen ewigen 
Kreisschluß treiben. Selbst der Uranfang ist m seiner Existenz von 
der Erscheinungswelt abhängig; denn es ist ihm wesentlich, zu er- 
scheinen, „Erscheinung" ist seine Essenz.^^) Der Schluß von der 

11) WWV II 228, 289, 338, 581, 583 (calso dvirchgehends im zweiten Bande ! ). 

12) Hegel nennt in der „Phänomenologie des Geistes" (S. 111) das Übei- 
similiche die Wahrheit des Sinnlichen und zugleich die Erscheinung unc" sagt 
von letzterer (auf Übersinnliches bezogen) : sie ist „sein Wesen und in der Tat 
seine Erfüllung" — dabei gebraucht er freilich in diesen und den folgenden 
Zeilen in irreführender, weil doppeldeutiger Weise das Wort „Erscheinung*' 
das eine jVIal als Abstraktum für einen Vorgang, das andere Mal als Kon- 
kxetum fm- einen Zustand: erst unter Berücksichtigung dieser Vermischung 
der Bedeutungen wird die Stelle klar. 



Willeuslehie als Erkeimtnisweg. 19 

Existenz einer Scheiiibarkeitsstiife auf die einer andern, der allein 
übrig bleibt, ist aber logisch berechtigt. Psychologisch freilich ist 
er nur mögUch, weü wh bereits verschiedenerlei Be\mßtseinsstufen 
in uns tragen, die den Scheinbarkeitsstufen entsprechen: BeT\'ußt- 
sein setzt Zweilieit, Abhebungsmöglichkeit voraus (Weininger I, 139). 
In diesem Smne vor allem ist Xietzsches Forderung an den Philo- 
sophen geltend zu machen, „Gedanken, auf die er anders gekommen 
ist, nicht mit einem falschen Arrangement von Deduktion und Dia- 
lektik zu fälschen'' (WzM 424). Wenn wir nicht in einer tieferen 
Bewußtseinsschicht die Gewißheit hätten, noch ein Zentralwesen, 
ehie Seele zu sein, außer dem Konglomerat der Emdrücke der äußeren 
und inneren Smne, so könnten wir nicht zu der logischen Erwägung 
kommen, daß eine von äußeren und mneren Sinnesorganen aufgebaute 
Welt nicht objektiv sei: der Begriff des Objektiven ermangelt ohne 
Be^^•ußtsem des Subjektiven, der Begriff der Schale für den, der 
vom Kern nichts weiß. Auf das Subjektive schließen wir aus einem 
Gefülil, das von dorther unmittelbar vermittelt; darum liegt die 
Frage nahe, ob der Beweis der absoluten Existenz vom FiÜilen er- 
bracht werden kömie, den ja das Denken schuldig blieb, weü es auch 
dem Subjektiven — der höheren Realitätsstufe — nur als emem äußeren 
Objekt, als einem Anderen und Fremden gegenübertreten, nicht es 
in wesensgleicher Berülirung erreichen konnte; daher eben stammt 
die Gefahr des Kreisschlusses, weü äußere Objekte sich leicht von 
selbst zu emer Peripherie anordnen, auf welcher der vom Zentrum 
ausgesandte Strahl, von Glied zu Glied wandernd, schließUch zum 
Ausgangspunkt zurückzukehren gezw^mgen ist. Zugleich ist jetzt 
die obige Frage, warum unser Denken bei den genannten vier Möglich- 
keiten Halt mache, damit beantwortet, daß die Zahl unserer Gefühls- 
sphären begrenzt ist. Die Gefühle (die „Triebe", me Leibniz und 
Metzsche sagen)!^) sind der unterbemißte Unterbau des Denkens. 

Bei Leibniz finden sich einige der hier entwickelten Verhältnisse 
sehr femsimiig ausgedrückt. Er wußte, daß es zuerst auf die Wesens- 
defmitionen ankommt, die schon in Piatons Philosophie eme Vor- 
aussetzung bilden und die er Realdefinitionen nennt. Solche Real- 
definitionen kennt man heute nur von den Gegenständen der Mathe- 
matik (und nach damaliger Auffassung einiger auch von denen der 



13) Vgl. d. Verf. Nietzsches Metaphysik .S. 77. 

2* 



20 Siegbert Flemming, 

Ethik als einer gleichfalls demonstrativen Wissenschaft). Der Philo- 
soph hoffte, daß man bei fortgeschrittenerer Erkenntnis der Einzel- 
mssenschaften auch von den Dingen der Natur werde derartige Defi- 
nitionen geben können, daß man einmal wissen werde, warum dem 
schwersten Metall^'') zugleich die Eigenschaften zukommen müssen, 
im Treibherd nicht geschmolzen und vom Scheidewasser nicht ange- 
griffen zu werden (NE II, 31), gleichermaßen, wie man etwa den 
Grund anzugeben weiß, warum ein gleichschenkliges Dreieck zugleich 
gleichwinklig ist und umgekehrt, oder wie man die Gültigkeit des 
Pythagoreischen Lehrsatzes beweisen kann. Begriffe von Dingen, 
die solche Definitionen zulassen, nennt Leibniz adäquat. In der Ein- 
teilung der Begriffe nach ihrem Erkenntniswert lehnt sich Leibniz 
an Descartes an. Ein Begriff ist klar, wenn er hinreicht, seinen Gegen- 
stand von anderen zu unterscheiden; andernfalls ist der Begriff dunkel. 
Ein klarer Begriff ist deutlich, wenn die Einzelmerkmale seines Gegen- 
standes erkannt, d. h. voneinander unterschieden werden können; 
hierher gehören die Begriffe von Naturgegenständen. Andernfalls 
kann em Begriff zwar klar sein, aber er ist zugleich verworren; dies 
wird an den Begriffen der einzelnen Smneswahrnchmungen erläutert, 
z. B. der Farben, die wir wohl unterscheiden, aber nicht nach Emzel- 
merkmalcn charakterisieren können (NE 11, 29). Ein deutlicher 
Begriff ist adäquat, wenn die Einzelmerkmale ihrerseits deutlich, 
inadäquat, wenn sie verworren erkannt werden. Den ersteren Fall 
repräsentieren angenähert t}T[)isch die Zahlenbegriffe, den letzteren 
der Begriff des Goldes in der oben geschilderten Weise (KE II, 31, 
MCVI). Leibniz fügt noch hinzu, ohne etwas Neues, Grundsätzliches 
damit zu bieten, daß blind oder symbolisch ein solcher adäquater 
Begriff von ihm genannt werde, dessen Einzelmerkmale durch früher 
definierte abgekürzte Begriffe vertreten seien; andernfalls heiße der 
Begriff intuitiv, und nur durch intuitive Begriffe könne man Ideen 
erkennen. Gewiß ist jedenfalls, daß adäquate Begriffe Voraussetzung 
zur wahren Erkenntnis der Ideen sind. Wie eifrig Leibniz nach einer 
solchen adäquaten Erkenntnis gestrebt hat, das beweisen nicht nur 
die merkwürdig großen Hoffnungen, die er auf seine Entdeckung der 
Analysis situs für naturwissenschaftliche Zwecke setzte, sondern auch 



1*) So schreibt Leibniz vom Gold, der das Platin noch nicht kannte, 
selbst aber sich immer dessen bewußt war, daß alle empirisch gewonnenen 
Definitionen mir provisorisch seien (III 4). 



Willenslehre tils Erkeuutuisweg. 21 

sein Plan, die Ethik als demonstrative Wissenschaft auszubauen 
(vgl. oben S. 14). Die Naturwissenschaften haben iliin bis heute seine 
Hoffnungen nicht erfüUt und werden es aus eigenem Antriebe schwer- 
lich jemals tun. Daß man selbst von den Gegenständen der ver- 
worrenen Erkenntnis, den Farben z. B., die nicht einmal eine allge- 
meine Nominaldefinition (Determination nach Kant S. 37) dulden, 
auf Umwegen — auf Grund ihrer Mischungsverhältnisse — eine 
Realdefmition geben könne; räumte schon Leibniz als Möglichkeit ein, 
betonte aber zugleich, daß damit die Farbe als Sinnesqualität keines- 
wegs definiert werde, sondern höchstens als physikalisches Phänomen 
(NE m 3/4)1^). Auch würde ja eine wenn auch beschränkte Anzahl 
von Grundiarben dabei undefmiert bleiben mijssen. Auch die moderne 
Bestimmung der Wellenlänge ist schwerlir*h eme echte Realdefüiition, 
weü sich auf der kontinuierlichen Skala, die von dieser Größe ün Ver- 
folg des Spektrums durchlaufen wird, nirgends der Punkt angeben 
läßt, an dem unser Auge anfängt, den Lichteindruck als blau oder 
rot zu empfinden: deshalb konnten Goethe und Schopenhauer nicht 
durch die Physiker widerlegt werden. 

Solche Realdefinitionen, wie sie die Naturwissenschaft für die 
Qualitäten der Sinnesempfindungen zu liefern glaubt, sind also Selbst- 
täuschungen, entsprungen aus einer plumpen, materialistischen Ver- 
wechselung von Innen und Außen des Menschen. Solange hier nicht 
genügend Selbstkritik geübt wird, wird man schwerlich auch nur 
das Problem echter Realdefinitionen sehen. Freilich wäre eine solche 
Kritik nur der erste Schritt auf dem Weg. Der Kritizist Kant sah 
wohl das Problem, behauptete aber dogmatisch seine Unlösbarkeit; 
er nennt die Objekte der adäquaten Erkenntnis die Natur, das mnere 
Prinzip oder das „Realwesen" der Dmge und sagt von ilim, es sei 
uns unerforschlich, „ob wir gleich viele wesentliche Stücke erkennen" 
(^Pölitz 39). Den Inhalt der Realdefinitionen nennt er die MögUchkeit 
der Dinge a priori; von ihr glaubt er, daß wir sie „nach unsern em- 
geschränkten Begriffen" nicht einsehen könnten (Pölitz 41). Je stärker 
er aber betont, daß wir mit dem Arsenal unseres heutigen begrifflichen 
Verstandes nicht in die Erkenntnis des Dinges an sich, der Substanz 



1^) „II serait difficilc de marquer precisement les b o r n c s du bleu 
et du verd et en gencral de discerner les couleurs fort approchantes au lieu 
que nous pouvons avoir des notions precises des termes dont on se seit on 
Arithmetique et en Geometrie" (Buch III Kap. IV § 12/3). 



22 Siegbert Flemming, 

.,nach Absonderung aller Accidentia" (55) eindringen können, desto 
stärker veiTät er die Ahnung der prinzipiellen Möglichkeit einer solchen 
Erkenntnis. Das Realwesen verhält sich bei Kant zum Ding an sich 
wie die Ideen bei Schopenhauer zum Urwillen : es ist das Ding an sich, 
schon mit dem Prinzip der Individuation behaftet, aber noch nicht 
in die raum-zeitliche Existenz getreten. 

Die adäquate Erkenntnis im Sirme von Leibniz ist es also allein, 
die Realdefinitionen gibt. Bei inadäquater Erkenntnis kann zwar 
nachträglich, auf indirektem Wege, die Realität einer bloß nominalen 
Definition geprüft werden — indirekt, d. h. bei einem rationalistischen 
Philosophen: durch die Empirie; ohne diese, sc meint er, könne man 
zweifeln, ob geniäß dem, Begriff des schweren, aber hämmerbaren 
Goldes ein so großes spezifisches Gewicht mit einer so hohen Ge- 
schmeidigkeit wirklich vereinbar sei, so gut wie man noch heute mit 
Recht bezweifelt, daß die Natur eine Glasart hervorbringen könne, 
die etwa in der Kälte hämmerbar ist (NE III 3). Aber eine solche 
aus der Erfahrung geschöpfte Realität liegt eben nicht in der De- 
finition selbst, nur in der Determination; eine echte Realdefinition 
wird ausdrücklich eine kausale (besser wäre: rationale oder essentiale) 
genannt, d. h. eine solche, die die Entstehung ihres Gegenstandes 
als denkbar, für den Verstand durchschaubar, darstellt (auf Grund 
der dritten Wurzel des Satzes vom Grunde). Darum sagt Leibniz 
— und hierin nähert er sich dem oben Auseinandergesetzten — : 
Nominaldefinitionen gehen nur auf den Unterschied von anderen 
Dingen, Realdefinitionen aber auf die Möglichkeit des Dinges selbst 
(NE III 3, MCVI). Was heißt das, in die oben aufgestellte Unter- 
scheidung übersetzt? Nichts anderes, als daß Wesensdefinitionen die 
Ableitbarkeit einer Idee aus ihren Nachbarid.een aufzeigen; denn 
darin besteht ihre Möglichkeit. Die Nachbarideen verbürgen die 
..Widerspruchslosigkeit ilires Bergiffes". Mit der Möglichkeit ist aber 
hier die Existenz noch nicht gegeben, obschon sie deren Voraussetzung 
ist; denn dies ist die bedeutungsvolle Korrektur, die Leibniz an dem 
ontologischen Beweise anbringt: aus dem Begriffe des höchsten 
AVesens zwar folgt dessen Existenz, wenn sie nur möglich ist — sonst 
könnte ja aus einem sich widersprechenden Begriffe eine sich wider- 
sprechende Existenz gefolgert werden, was ein Unding wäre — . Aber 
der Bogriff des höchsten AVesens ist der einzige, bei dem die bloße 
Möglichkeit hinreicht, um die Existenz zu beweisen (MCVI. DM XXIIJ, 



Willenslehie als Erkenntnisweg. 25d 

NE IV 10 § 7). Die Realdef iiiitionen der Ideen liefern nur die Not- 
wendigkeit der Essenz unter Voraussetzung der Existenz; die Real- 
definition des höchsten Wesens liefert zugleich die Notwendigkeit 
der Existenz. i6j Das höchste Wesen vertritt aber die Stelle des meta- 
physischen Prinzipes iin Monadensystem von Leibniz; es ist ja die 
Zentralmonade, die alles umfaßt und alles in sich enthält. Also haben 
wir hier den Unterschied jener neuen fünften Wurzel des Satzes vom 
Grunde von der dritten, die im Reiche der Ideen heiTscht. Diese, 
der Seinsgrund, zeigt wohl mit der Ableitbarkeit einer Idee aus den 
anderen die Mögliclikeit der ersteren auf, aber damit noch nicht deren 
PJxistenz, selbst wenn die Existenz der anderen Ideen vorausgesetzt 
wird. x\nclers ist der Fall des Prmzipes zu betrachten. Hier kann 
die Möglichkeit nicht anders als zugleich mit der Notwendigkeit der 
Existenz aus der Erscheiuungswelt — deren Existenz vorausgesetzt — 
erschlossen werden. Hier, im Falle des Prmzipes, geht die Existenz 
mit in den Begriff em, nicht als ein Merkmal neben den übrigen — das 
wäre der alte, scholastische Ontologismus — , sondern als Grund und 
Voraussetzung emer widerspruchslosen Verknüpfung sämtlicher Merk- 
male. Dies ist bei den Ideen, den Mittelwesen zwischen Sem und Er- 
scheinung, nicht der Fall; denn eine höhere Realität, d. i. eben eine 
Existenz, die schon mi Begriffe liegt, wird mit Recht von dem ge- 
fordert, was den vollkommenen Gegensatz zu einer bloß phänomenalen 
AVeit bilden soll. Fabelwesen kann man ersinnen, dies darf niemand 
dem Dichter verwehren: das Reich der Phantasie wird von dem der 
Ideen umschlossen ; aber Götter zu ersmnen, wäre der Natur der Sache 
nach ein Betrug. Die Möglichkeit hängt also hier von vornherem 
schon von der Existenz ab. Darum konnte Leibniz sagen, die Existenz 
Gottes hänge nur von der MögUchkeit, d. h. Widerspruchslosigkeit 
seines Begriffes ab, weil in dieser Möglichkeit schon die Existenz 
vorausgesetzt ist. Diese Umkehrung ist aber bedeutungsvoll. Aus 
ihr ergibt sich das ^vichtige Resultat, daß für Gott, das metaphysische 
Prmzip der Welt, die Existenz das Ursprüngliche ist und die logische 
^Möglichkeit (Widerspruchslosigkeit) seiner Existenz das Abgeleitet^, 
während umgekehrt für die Ideen — die Gedanken Gottes, um mit 
Augustin zu reden (vgl. Leibniz, „La monadologie" 43) — die Möglich- 

'*) Beides nach der Kantischen Definition der Notwendigkeit im Sinne 
des Rationalismus: ,,Ist etwas darum gegeben, weil es gedacht ist, so ist es 
notwendig" (Pölitz, Ontologie 40). 



24 Siegbert Flemming, 

keit das Ursprüngliche, die Existenz aber das Abgeleitete ist, oder 
anders ausgedrückt: Gott kann nur widerspruchslose Gedanken 
denken, Gottes Denken ist an die Logik gebunden, in seiner Existenz 
aber könnte ein Widersprach stecken; denn der Gottesbegriff könnte 
im Verhältnis seiner Momente noch so widerspruchslos sem: da die 
Existenz, die vor aller Möglichkeit liegt, mit in den Begriff emgeht, 
ja gerade um dessen Widerspruchslosigkeit zu verbürgen, mit emgehen 
muß, so ist ein flu- die LogUc unkontrollierbares Element an der Büdung 
des Gottesbegriffes beteüigt: das Prinzip der Welt könnte in-ational 
sein, d. h. es könnte gerade em Widerspruch, ein antüogisches Moment, 
notwendig sem, um seine Widerspruchslosigkeit zu begründen (eine 
unlogische Folge, die dem unlogischen Erkenntnisgrund logisch ent- 
spricht), i') Wäre dies der Fall, so wäre das .Denken nicht nur seiner 
Unfähigkeit für den Existenzbeweis überführt, was schon oben ge- 
schehen, sondern auch seiner mneren Berechtigung bei Behandlung 
aller anderen Probleme entkleidet; denn ein antilogisches Mom.ent 
im Prinzip der Welt würde die ganze Stufenfolge der Erscheinungen 
unlogisch stempehi und das Denken ewig in der Irre führen. 

Gemäß der Vertauschbarkeit von Grund und Folge in der neuen 
Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde muß auch umgekehrt 
der etwa unlogische Charakter der Erschemungsv\-elt das Prmzip 
unlogisch stempeln. Dies ist z. B. die Position des Xietzscheischen 
„Optimismus" so gut als die des Schopenhauerischen Pessimismus, 
welche beide die obige Möglichkeit der Irrationalität der Welt und 
darum ihres Urgrundes uneingeschränkt annehmen, die Leibniz gerade 
uneingeschränkt ablehnt. Die obige Weiterbildung des Leibnizischen 



^') Dieser Gedankengang fühi-t von Leibniz zu Haitmann, anstatt von 
Schopenhauer, und gewüint die Synthese von Panlogismus und Panthelismus, 
indem er von ersterem ausgeht, anstatt von letzterem ; denn panlogistisch ist 
auch Leibnizens rationalistisch-idealistisches System, das nirgends im Kosmos 
ein irrationales Element, einen Mangel an logischer Bestimmung, einen Wider- 
spruch einräumt: ein solcher vertrüge sich nicht mit des Philosophen Über- 
zeugung, daß die vorhandene Welt die bestmögliche sei und eines Gfottes 
Meisterstück als Augustinische Schöpfung aus dem Nichts, in das sich die 
Materia prima wie ein gestaltloses Nebelgebilde verflüchtigt imd mit ihr die 
Voraussetzung des Realismus. Darum durfte Hartmami Leibnizens System 
eine wenn auch plm-alistische Identitätsphilosophie nennen, in dem Sinne, 
daß sie „die wm-zelhafte und wesenhafte Einheit von Natur und Geist" lehre 
(System IV S. 12). 



Willenslehre» als Eikeimtnisweg. 25 

Systems führt zunächst nm- zu der Möglichkeit emer eingeschränkten 
Annahme, sie läßt Rationalität und Irrationalität nebeneinander der 
Möglichkeit nach bestehen und erhebt dieses Nebeneinander erst unter 
etwaiger hyi^othetischer Voraussetzung einer pessimistischen Welt- 
anschauung aus der Möglichkeit in die Grewißheit. 



2. Abschnitt: 
Das Gefühlsurteil als Erkenntnisweg 



&• 



Pessimismus und Optimismus sind Gefülilsurteile. Die aus- 
gedehnte Bedeutung, die sie für Weltanschauungsfragen durch eme 
Reihe von Deiikern im 19. Jahrhundert bekommen haben, legt noch 
von einer anderen Seite die Frage nahe, ob von dem Gefühl innerhalb 
seiner Sphäre der widerspruchslose Beweis absoluter Existenz besser 
erbracht werden könne. Die Metaphysik des 19. Jahrhunderts hat 
überhaupt in großer Ausdehnung gefühlsmäßige an Stelle denkerischer 
(xriinde zum Ausgangspunkt genommen, auch dort, wo die Frage 
nicht nach Pessimismus oder Optimismus gerichtet war: die roman- 
tische Schule (Fichte, Schelling, Hegel) macht ein Gefühlserlebnis zm* 
Voraussetzung des Philosophierens, nämlich das Gewahrwerden eines 
eigenen, inneren, transzendentalen Mittelpunktes mi Menschen als 
absolutes Tätigsein, absolutes Dasein oder absolutes Bevmßtsein. Ja 
Kant schon, der in mannigfacher Beziehung das 19. Jahrhundert in 
charakteristischer Weise einleitete, hat durch die besondere Form, in 
der er seinen moralischen Seelen- und Gottesbeweis vorbringt, eine 
gefühlsmäßige Fundierung der Metaphysik gegeben. Cartesius, Spinoza, 
Leibniz stützten dagegen die Philosophie von vornlierein auf ein rein 
denkerisches Verfahren. Auch Piaton und Aristoteles, sowie die Vor- 
sokratiker seit Parmenides haben den letzteren Weg beschritten. 

Lust und Schmerz sind einfache Gefühlsurteüe, Lebenslust und 
Lebensschmerz sind summierte Gefühlsurteüe, Weltlust und Welt- 
schmerz sind summierte und projizierte Gefühlsurteile. Em projiziertes 
LTrteil ist ein Wert, es gehört in die Axiologie. Ein Wert braucht nicht 



25 Siegbert Ffemming, 

subjektiv, geschweige denn individuell zu sein. Ein Wert kann einer 
Gattung gemeinsam sein, als deren subjektive Erhaltungs- oder Wachs- 
tumsbedingung, wie Nietzsche erkannte. Ein Wert, der einem Objekt 
durch eine universale Projektion der Urteile einer unendlichen oder 
unbegrenzten (also der Möglichkeit nach unendlichen) Zahl von Indi- 
viduen zukommt, ist objektiv. Aber selbst ein objektiver Wert kann 
nie eine Seinsfrage entscheiden: eine Täuschung könnte objektiven 
Wert haben, wie Nietzsche gleiclifalls erkannte. ,,Nur der Irrtum ist 
das Leben", läßt Schiller, der gewiß kein Lebenspessimist war, die 
Seherin Kassandi'a sagen. Der Phänomenalismus, der auf Grund 
einer metaphysischen Einstellung der menschlichen Stimmungslage 
rein gefühlsmäßig ebenso gut gefolgert werden kann und — von 
Dichtern z. B. — ebenso oft gefolgert wird wie auf Grund erkenntnis- 
theoietischer Erwägungen rein denkerisch, vertritt die Auffassung, 
daß das instinktive, besser: unwillkürliche Urteil aUer Menschen 
(mit Schopenhauers Ausdruck: das ,, verstandesmäßige" im. Gegensatz 
zum ,, vernunftmäßigen", welch letzteres das erstere eben nicht auf- 
hebt), die Objekte der Sinnesempfindungen seien real, eine Täuschung 
ist; eine Lustbejahung dieser Welt begründete demnach mindestens 
einen subjektiven Wert für die Menschheit, wenn sie von dieser all- 
gemein geübt würde, und gesetzt, jedes beliebige, theoretisch annehm- 
bare Wesen könne in Menschengestalt auf Erden wandeln und müsse 
damit zugleich eine solche Lustbejahung dieser Erde üben, so hätte 
man einen objektiven Wert. Das ist nicht nur logisch deiikbar, sondern 
enthält auch — als Möglichkeit genommen — gefidilsmäßig keinen 
Widerspruch; leichter jedenfalls ist das Gefühl des Menschen geneigt, 
die Sinnesart eines Pessimisten als eine gefühlsmäßige Ungereimtheit 
zu beurteilen. In beiden FäUen — ob subjektiviter oder objektiviter — 
mirde der allgemeine Wert einem irrealen Objekt anhaften. l)asselbe 
wäre also auch möglich, wenn Schopenhauer schließt: ein jedes ge- 
sunde, d. h. widerspruchslose Gefühl muß sich zum Weltschmerz be- 
kennen, folglich muß die Welt, metaphysisch genommen, schmerz- 
zeugend, widerspruf'hsvoll, irrational, sich selbst zerfleischender AVilit^ 
sein. Selbst der universalste Weltschmerz würde dies nicht beweisen. 
Der allgemeine — diesmal negative — Wert (die projizierte Unlust 
als GefühlsurteU) könnte einem irrealen Objekt anhaften. Die meta- 
physische Welteinheit als Basis dieses Wertes könnte falsch erschlossen 
sein, weil der Wert kein Sein statuiert oder aufhebt (z. B. in diesem 



Willenslehre als Erkeuutuiswcg. 27 

Falle das logische Seiii); denn eine andere — gefühlsmäßig ebenso gut 
wie denkerisch gestützte — philosophische Lehre, die mit demselben 
gefühlsmäßigen Wunsch nach Allgemeingültigkeit auftritt wie jene, 
leugnet eben diese Welteinlieit, die jene behauptet. Der lebensfeind- 
liche Charakter der ersteren — gerade sein Gefühlsmoment — ist 
ebensowenig eine Stütze, als er, wie der Phänomenalismus beweist, 
em Emwand ist. Kine Täuschung, sei sie objektiv oder gattungs- 
subjektiv, wäre nicht mir denkbar als lebenfördernd, sondern minde- 
stens ebenso gut als lebenhemmend; diese Mögliclikeit vor allem er- 
füllte Nietzsche mit Entrüstung. Ein Wert ist eme bloße Eelation 
zwischen Subjekt und Objekt und begründet in keinem Falle die 
Existenz emer Eealität. Die mangelnde Scheidung der Begriffe Re- 
lation und Realität ist ein Fundamentalfehler der meisten philo- 
sophischen Systeme. 

Kant war als Metaphysiker gleichfalls Eudämonist^^j, aber er 
geht nicht von einem Werturteil aus, er projiziert nicht, sondern er 
bleibt bei dem summierten Gefühlsurteil stehen. Dem sittlich Hoch- 
stehenden, so schließt Kant, geht es auf dieser Welt schlecht. Gerade 
durch jene Lebensweise, welche ihn der höchsten Glückseligkeit würdig 
macht, verscherzt er sich diese für das Erdenleben. Folglich muß es 
ein jenseitiges Leben geben, das einen Ausgleich bringt. .Diese Gefühls- 
gewißheit sei uns eingepflanzt zugleich mit jener andern, daß wir 
moralisch handeln sollen. Ein jenseitiges Leben, eine Fortsetzung 
des diesseitigen, setzt eine transzendente AVeit, mindestens eine trans- 
zendente Substanz dieser Welt voraus (vgl. die Vorlesimgen über 
Psychologie). Logisch kann man wohl die leere Möglichkeit einer 
solchen, so meint Kant, als „Ding an sich" erschließen, nähere Aus- 
sagen darüber können nur aus Gefühlsgewißheiten stammen, welche 
durch die sittliche Sphäre vermittelt werden. In Kant ist zum ersten 
Male das oben Gesagte (vgl. S. 19) markant und mit einseitiger Vorder- 
grundsbetonung zum Bewußtsein gekommen, daß wu-, psychologisch 
betrachtet, nur darum eine metaphysische Realität erschließen, weil 
wir eine korrespondierende Gefühlssphäre in uns tragen. Dies ist in 
Wahrheit das große Verdienst Kants, das die romantische Schule 
wohl verstanden hatte, das aber heute an ganz falscher Stelle gesucht 
wird. Schopenhauer, dessen ungemein plastische Gestaltungskraft 

i**) Nicht aber als Ethik-r! 



28 Siegbert Flemming, 

seiner Gefühlssphäre ein hervorstechender Charakterzug seiner Me- 
thode ist (er war der eigentliche Dichter-Philosoph, Nietzsche war 
Philosoph und daneben Dichter), formulierte den genannten Zu- 
sammenhang noch zustimmend: die Intuition („mnere Anschauung") 
muß dem erkenntnistheoretischen Gang zuliüfe kommen. Nietzsche 
sagte ablehnend, alle erkenntnistheoretische Position der Philosophen 
basiert auf moralischen Vorurteilen, wobei er unter den Denkern 
des 19. Jahrhunderts allenfalls Hegel ausnahm (zuletzt wurde er 
auch hierin radikaler), der allerdings auf eine erkenntnistheoretische 
Position den geringsten Wert legte. Nietzsche sah in der Moral ein 
Oberflächenphänomen, in der Tiefe sah er den Willen zur Macht. 
Sicherlich war seüie Seele anders beschaffen als die Kants. Doch 
ging auch er von einem Gefühlsurteil aus. 

Hier tritt sofort der folgenschwerste Nachteil des Gefühls be weises 
vor Augen: der Mangel an Allgemeingültigkeit. Zwar zeigen die be- 
kannten Worte von Geibel, daß auch in ihrer Gefühlssphäre von den 
Menschen üi weitestgehendem Maße Allgemeingiiltigkeit gefühlsmäßig 
vorausgesetzt wird.^^) Aber darauf beruhen ja gerade die zahkeichen 
Enttäuschungen im persönlichen Zusani.menleben, daß man das 
individuelle Moment in der Gefühlssphäre, so oft man sich denkerisch 

— mit nüchternem Verstand — darüber Eechenschaft ablegt, nicht 
genügend gefühlsmäßig anerkennt. Im Falle emes Vergleiches des 
Moralstandpunktes mit dem Machtstandpunkt liegt ^a nun das Ver- 
fahren nahe und hat auch weiteste Verbreitung gefunden, von einer 

— hypothetischen — normalen Konstitution der Gefühlssphäre auszu- 
gehen, nämlich einer solchen, aus der der moralische Standpunkt 
hervorgehe, und den gegenteüigen, den Machtstandpunkt, nach den 
beiden Polen entweder der kriminellen ocler der psychiatrischen 
Abnormität zu verlegen, wobei zur Stütze der Hinweis auf Nietzsches 
Lebensende dient. Damit stimmt aber schon sehr schlecht zusammen, 
daß Nietzsche in seinen gesunden Tagen die denkbar zartfühlendste, 
liebenswürdigste, rücksichtsvollste Persönlichkeit nach allgemeinem 
Zeugnis gewesen ist. Noch mehr entkräftet whd aber ein solcher Ein- 
wand durch die nicht germge Zahl sonstiger Vertreter des Macht- 

''•*) „Das ist des Lyi'ikers luiust, aussprechen, was allen gemein ist, 
Wie er's im tiefsten Gemüt neu und besonders crschiif: 
Oder dem Eigensten auch solch allverständlich Gepräge 

Leihn, daß jeglicher (hin staunend sich selber erkennt.'" 



Willenslehre als Erkeniitnisweg. 29 

Standpunktes unter den Philosophen. Gewiß war Schopenhauer, auf 
dessen diesbezügliche Übereinstimmung mit Nietzsche an anderem 
Orte hingewiesen wurde^'^), eine mindestens ebenso einsiedlerische 
Natur wie Nietzsche und dabei von herber, schroffer Sinnesart. Aber 
in Carl Gustav Carus kennen wh* eine Persönlichkeit von größtmög- 
licher Harmonie in Temperament und Charakter, verbunden mit 
unverkennbarer sinniger religiöser Veranlagung, was bei Nietzsche 
sowohl als bei Schopenliauer von manchem abgestritten werden 
möchte. Carus nennt klar und deutli(^h „die zentrale Idee organischer 
Einheit um so höher und mächtiger, je reicher und mannig- 
faltiger" sie sei (Organon der Erkenntnis, S. 14). Seine Anschauung 
ist, daß die Dinge dieser AVeit, je vollendeter sie sind, desto mäch- 
tigeren Ideen — platonischen Urbüdern — ilireu Ursprung verdanken, 
daß also in der metaphysischen Welt der Machtstandpunkt den Maß- 
stab der Vollendung abgibt; an einer anderen Stelle (Psyche S. 95) 
definiert er geradezu das ,, primitive Unbewußte", d. h. das niederste 
organische Leben, als „die erste Offenbarung der Idee, d. h. eines 
Göttlichen und aus eigener Machtvollkommenheit Exi- 
stierenden"; ebenso spricht er S. 260 über „die innere Machtvolllvom- 
menheit des Ansichsems der Idee". Ferner heißt es S. 119/20: „Die 
ursprünglich m ä c h t i g e Idee bildet unbewußt prometheisch ein 
mächtiges normales Gehirn eines Organismus, mächtig genug, um 
eine Menge der verschiedenartigsten Spannungsverhältnisse als physi- 
schen Ausdruck ( !) psychischer Vorstellungen zu fassen". Ja in Gott- 
hilf Heinrich von Schubert kennen wir sogar einen der Mystik zu- 
neigenden Denker, der eine sehr verwandte Anschauung in den Worten 
äußert: „Die herrschende und ursprünglich schaffende Sub- 
stanz, welche die Einlieit eines organischen Wesens ist, nennen wir 
Seele" („Ahndungen einer allgemeinen Geschichte des Lebens" I 386). 
Er stellt in seinem soeben angeführten Jugendwerk in viel schrofferer 
Form als Carus, fast ähnlich wie Nietzsche, die Welt als einen rast- 
losen metaphysischen Kampf um Macht und Vollendung dar. Man 
vergleiche Schubert (Ahndungen I 35): „Das minder VolU^ommene, 
das in sich das Streben eines andren IMächtigeren empfängt, wird in 
den Kreis des Strebens und Daseins dieses Mächtigeren aufgenommen, 
muß sich zu diesem wie Einzelnes zum Ganzen verhalten. Ein 



2") Vgl. d. Verf. Nietzsches Metaphysik S. 32 u. 46. 



30 Siegbert Flemmiug, 

Schwächeres, das von dem Streben — dem Willen — eines Stärkeren 
ergriffen wird, hat für sich kein eignes Streben, keinen eignen Willen 
mehr, es ist ein Teil des Andren" — und Nietzsche (WzM 656): „Der 
Wille zur Macht kann sich nur an Widerständen äußern; er sucht 
also nach dem, was ihm widersteht, — dies die ursprüngliche Tendenz 
des Protoplasm,as, wenn es Pseudopodien ausstreckt und um sich 
tastet. Die Aneignung und Einverleibung ist vor allem ein Über- 
wältigen-wollen, ein Formen, An- und Umbilden, bis endlich das 
Überwältigte ganz in den Machtbereich des Angreifers übergegangen 
ist und denselben vermehrt hat." Beiden, Carus wie Schubert, ist 
Macht und Vollendung ein und dasselbe : Vollendung in der sinnlichen 
AVeit ist MachtäuJjerung in der übersinnlichen. Es wäre also möglich, 
daß bei diesen und verwandten Denkern eine sehr normale Gefülils- 
erkenntnis vorläge, dadurch zustande gekomm.en, daß sie infolge 
ihrer hohen Reife der seeHschen Entwicldung mit ihrem Bewußtsebi 
in Seelenschichten hinaufreichen, die für gewöhnlich der Selbst- 
erkenntnis verschlossen bleiben. Eine solche Verschiebung der Be- 
wußtseinsschwelle, wiel)uPrel es nennen würde ^^), verlegt die Grenz- 
schicht zwischen Tag- und Nachtbewußtsein des Menschen, das ist 
eben die Gefühlssphäre, in em Gebiet, das dem durchschnittlichen 
Menschen von heute ein unerkannter Teil seines eigenen Wesens ist. 
Mit fortschreitender Entwicklung der Menschheit wird aber, wie 
.üu Prel zeigte, eine solche Verschiebung der Bewußtseinsschwelle, 
die zuerst bei einzelnen großen, vorausnehmenden Geistern eintritt, 
sßhließhch Allgemeingut werden; mithin ist eine daraus entspringende 
Gefühlserkenntnis als normal zu bezeichnen. 

So betrachtet, erscheint nun die Moralität tatsächlich als ein 



'^^) ,,In. Ausnahmezuständen aber wird die Grenze, die unsre Wesem^- 
hälften trennt, gleichsam flüssig" („Das Kreuz am Ferner", S. 170) — dieso 
Darstellung paßt auch hier. Vgl. auch Nietzsche (WzM 504): „Das Bewußt- 
sein — ganz äußerlich beginnend, als Koordination und Eewußtwerden der 
Eindrücke — anfänglich am weitesten entfernt vom biologischen Zentrum 
des Individuums; aber ein Prozeß, der sich vertieft, verinnerlicht, jenem 
Zentrum beständig annähert" und (615): „Die Erkeimtnis wird, bei höherer 
Art von Wesen, auch neue Formen haben, welche jetzt noch nicht nötig sind" 
und endlich die weitere Übereinstimmung mit Du Prel (528): „Was aus 
unserm Bewußtsein sich entfernt und deshalb dunkel wird, kaim deshall) 
an sich vollkommen klar sein. Das Dunkelwerden ist Sache der Bewußtseint;- 
Perspektive." Vgl. ferner Du Prel, „Die Mystik der alten Griechen", S. 139. 



Willeiislehro als Erkenutnisweg. 31 

Oberflächeiiphänomen, dem bewußten Seelenleben angehörig, dui'cli 
das die Menschen miteinander verkehi'en, ein Analogen des logischen 
Verstandes, während in tieferen, unterbewußten Seelenschichten, wo 
die Individualität stärker sich behauptet, recht eigentlich der WiUe 
zur Macht anzusei zen wäre ; denn Be\Mißtsein ist Oberf lächenphänomen, 
der Kern der Individualität ist uuterbo^'ußt, das ist die Voraus- 
setzung der Lehr'e vom Willen zur Macht. 2^) Auch Carus sagt (Psyche 
S. 268): ,, Schon der Idee des einzelnen Menschen kommt Indi- 
vidualität zu, nicht erst der selbstbewußten Persönlichkeit'' — letztere 
ist freilich nm*, gemäß der Auffassung JNie^zsches, die Projektion der 
Individualität nach außen, die „Entäußerung" der Indi- 
vidualität, wie man auch sagen könnte. Nun ist es aber Nietzsches 
Unglück gewesen, daß er empirische und transzendentale Psychologie 
nicht gehörig zu tieimen wußte, weil er sich überhaupt meistens 
sträubte, die Berechtigung metaphysis''her Betrachtungen anzu- 
erkennen. Die verhängnisvolle Folge war, daß ilim die Lehre vom Willen 
zur IVIacht erst ab und zu, in seinen letzten Schriften immer unauf- 
haltsamer (am grellsten im „Willen zur Macht'') in die empirische, 
die Oberflächen-Psychologie hmeingeriet, dorthin, wo die Moral — als 
Regulator d,er menschlichen Position in der phänomenalen Welt, als 
Pcrsönlichkeitsbildner — ihren berechtigten Platz hat, wo sie auch 
Carus und Schubert als selbstverständlich stehen gelassen. Daher 
kam nun Nietzsche zu jenen bekannten Ül^ertreibungen, die seiner 
Lehre geschadet haben, die in Walu'heit nicht Übertreibungen, sondern 
Überschreitungen einer streng zu wahrenden Gebietsabgrenzung sind. 
„Die Wachenden haben eine gemeinsame Welt, doch im Schlum- 
mer wendet sich jeder von dieser ab an seine eigene'', sagt Heraklit. 
In Logik, Ethik und Ästhetik kommt die gemeinsame Welt zum Aus- 
druck. Das logische Denken hat seinen Sitz an der äußersten Peri- 
pherie der Seele, dort, wo sie mit allen anderen Seelen in äußerlicher 
Berührung steht: durch logisches Deirken rechtfertigt der Mensch 
seine Gefühlswelt vor dem Forum der strengsten Allgememgültigkeit 
innerhalb der phänomenalen Welt. Von der Peripherie aus strahlt 
das Denken in die Weite aller transzendenten Möglichkeiten hinaus, 
es erhebt von sich aus — dies gehört zu seiner Natur — den Anspruch, 
für jede beliebige Existenzsphäre Gültigkeit zu besitzen. Selbst eine 



") Vgl. d. Vf rf. Nietzsches Metaphysik S. 70. 



32 iSiegbert Flemming, 

Erkenntniski-itik dieses Anspruches auf logischer Grundlage setzt 
wieder diesen Anspruch voraus. Im Denken strebt der Mensch von 
einem auf der Peripherie semer Seele gelegenen Punkte nach dem 
weitesten Umfange metaphysischer Realität zurück, diese ist aber 
gerade das Zentrum, aus dem die Seele im Laufe ihrer Entwicklung 
Schicht um Schicht hervor\^aichs, bis sie auf dem heutigen Stadium 
ihres Werdeganges an der jetzigen Peripherie, dem begriffhchen 
Denken, anlangte (man vgl. Schopenhauer WWV II 161: der Wille 
„hat zu seüien Z\Yecken das Be^\Tißtsein hervorgebracht"). Dieses 
selbst macht also die Peripherie zum Zentrum, das Zentrum zur Peri- 
pherie, es kehrt die Richtung des metaphysischen Werdens um. Um- 
gekehrt behält die Moral gerade diese Richtung bei, sie ist auch ein 
Oberflächenphänomen, aber sie strahlt nicht von der Oberfläche 
zurück, sie ist kein Reflexprozeß (Denken heißt über die Welt „reflek- 
tieren"), sondern sie strebt auf die phänomenale Welt zu, sie bewirkt 
die richtige Einstellung des Menschen auf seine äußere Umwelt. Für 
die denkende Vernunft bildet das Allgemeingültige den Ausgangs- 
punkt, für das moralische Gewissen das Ziel. Beide aber wurzeln im 
Allgemeingültigen: hierin liegt auch die Berechtigung der von Wei- 
ninger so nachdrür-klich vertretenen Identität im tieferen Sinne von 
Logik und Ethik (oder von den Objekten dieser Disziplinen: von 
Begrifflichkeit und Sittlichkeit), womit er sich in Gegensatz zu Schopen- 
hauer stellt, der mit extremem Ausdruck sagt, beim Irrtum habe es 
„nicht mehr auf sich, als wenn Hand oder Fuß wider Willen aus- 
geglitten wären", während er die moralischen Qualitäten zum Zentral- 
willen, zum Charakter a priori rechnet {\YWX II 267—272). Das 
Ichbe\\'Tißtsein oder die Persönlichkeit vertritt die Interessen des 
Allgemeingültigen gegenüber der Seele^^) (welch letztere Metzsche 
das „Selbst" des Menschen nannte im Gegentsaz zum „Ich"), das Ich 
ist ein Reflex, ein Spiegelbild der Seele innerhalb der phänomenalen 
Welt; Carus nennt es eine „Repräsentation" der Idee (Psyche S. 127). 

^^) Vgl. nochmals Heraklit: „Die Wachenden haben eine gemeinsame 
Welt (doch im »Schlummer wendet sich jeder von dieser ab an seine eigene)" — 
im «chlafc erlischt die Persönhchkeit (das „Ich"), aber nicht die Seele, welche 
den Leib erhält und die Persönhchkeit bei jedem Erwachen neu zu erzeugen 
vermag — und ferner Heraklit: „CJemeinsam ist allen das Denken. Wenn 
man mit Verstand reden will, muß man sich wappnen mit diesem allen Gemein- 
samen wie eine Stadt mit dem Gesetz." 



Willenslehie als Erkenntnisweg. 33 

Vom phänomenalen Standpunkt aus ist also der Begriff zentrifugal, 
das Gewissen zentripetal, vom metaphysischen Standpunkt aus um- 
gekehrt der Begriff zentripetal, das Gewissen zentrifugal. 

Was ging nun in Kant und Fichte vor, als sie die Moral in die 
metaphysische Welt projizierten (Fichte folgerichtig damit auch das 
Ich)? Unbekannt war ihnen die Sphäre des Willens zur Macht und der 
Individualität; denn diese lag ja jenseits ihrer Bewußtseinsschwelle, 
in ihrem Unterbemißtseiii. Auf der Schwelle selbst spielen sich die 
Gefühlsprozesse ab; diese entstehen durch Einflüsse, die in beiderlei 
Richtung verlaufen. Die Gefühlssphäre der genannten Denker war 
stark von moralischen Küidnicken beeinflußt. Aber die Gefühls- 
sphäre hat kein Maß für die Richtung der Emdrücke, die sie empfängt 
(außer in seltenen Fällen, wo die Bewußtseinsschwelle eine abnorme 
Beweglichkeit erlangt und an dem Anwachsen der Wirkung ihre Ver- 
schiebung gegen die Richtung des Gefühlseindiaickes ermißt). Kant 
und Fichte täuschten sich über die Richtung, sie nahmen für eine 
Einwh'kung der metaphysischen Welt, was eine solche aus der Richtung 
der phänomenalen Welt war; die Moral drängte nach der Gefühls- 
sphäre von der seelischen Peripherie zurijck, weü dort das logische 
Denken allen Platz belegt, allen Ausgang nach der Umwell versperrt 
hatte. Häufig ist auch die umgekehite Täuschung: Eindrücke aus 
der Sphäre des Willens zur ]\Iacht fallen in die Gefühlssphäre und 
werden hier falsch gedeutet als periphere Eindiiicke. Diese Täuschung 
kann zunächst sehr leicht als Folge der ersten eintreten und diese 
wieder wechselseitig verstärken. So entstand bei Kant unter dem 
Gesichtspunkt der falschen moralischen Metaphysik die Konzeption 
des radikalen Bösen. Sie kann auch primär auftreten, wovon sich 
deutliche Anzeichen in den Philosophien von Hobbes, Spinoza, Spencer 
finden. 

Aus diesen Beispielen erhellt deuthch die Unzulänglichkeil des 
Gefühlsbeweises für absolute Existenz. Steht zwar die Gefühlssphäre 
der metaphysischen Realität ungleich näher als die Persönlichkeits- 
sphäre, so fehlt ihr doch gerade, was der letzteren zukommt, der 
Richtungsshm (die Abhebung von Subjekt und Objekt im Erkenntnis- 
prozeß). Dieser Mangel ist um so bedeutungsvoller, als man zuge- 
stehen muß, daß die Seele nicht etwa eine eindimensionale Wesenheit 
hat, sondern daß sie von den mannigfaltigsten Einflüssen in zahllosen 

Archiv für Geschichte der Philosophie (Beilageheit). 3 



34 .Siegbert Flemining, 

Richtungen durchkreuzt wird, daß sie von den verschiedensten meta- 
physischen Sphären — eigenen wie fremden — Eindrücke empfängt 
und daß es dementsprechend, eine ganze Reihe von Grenzgebieten in 
der Seele geben kann, also eine ganze Reihe von Gefühlssphären, daß 
mithin auch die Bew^ißtseinsschwelle kein eindimensionales Gebilde 
ist. Gefühl und Gefühl ist zweierlei und nicht nur zweierlei — für den 
einen die Quelle der Autosuggestion und Täuschung, für den andern 
das Mittel wahrer Intuition und Sehergabe. Dazu kommt die Be- 
wegUchkeii der Schwelle, d. h. ihre Verschiebbarkeit innerhalb jeder 
einzelnen Richtung, die sich sowohl für ein und denselben Menschen 
im Laufe seines Lebens als auch für den Vergleich der Menschen 
untereinander geltend macht. Für den durchschnittlichen Menschen 
von heute verläuft die Bewußtseinsschwelle oder Sphäre der ein- 
fachen (emsinnigen) Gefülüe mitten durch die breitere Empfindungs- 
zone: von den Empfindungen, d. h. den sinnlichen Einwirkungen 
des Leibes auf die Seele wird uns nur ein Teil bewußt. Diese sinn- 
lichen Einwhkungen sind rhythmisch in ungeheuer schnellem Wechsel 
oszillierende Gefühlsentladungen; der schnelle Rhythmus entsteht 
durch die Gewaltsamkeit der Einwirkung der fremden metaphysischen 
Sphäre und durch die entsprechend gewaltsame Rückwhkung der 
eigenen Sphäre. Erfolgt eine metaphysische Einwirkung über ein 
gewisses Maß hinaus gewaltsam und plötzlich auf uns, so erscheint 
sie uns als leiblich-stofflich bedingt (vgl. auch die Entstehung von 
Visionen). Der rasche Rhythmus, der die emzelnen Gefühlsakte in 
dem unentwickelten menschlichen Bewußtsein verschmelzen läßt, 
täuscht uns eine kontinuierhche Einwhkung, eme homogene Emp- 
findung vor, ermöglicht aber dadurch erst, überhaupt etwas Kon- 
kretes, beo-riffhch Defmierbares im Bewußtsein festzuhalten — ein- 
fache Gefühle sind nicht definierbar, ohne transformiert und dabei 
wesentlich gefälscht zu werden (vgl. Nietzsche über die Fälschungen, 
welche die Dialektik vollzieht). 

Zwar besitzt das Gefühl gerade wegen seiner individuellen Xatur, 
die eine allgemeingültige Kontrolle nicht erfordert und auch nicht 
zuläßt, aine starke Beweiskraft für den einzelnen, das beweisen die 
Religionen, die auf dem Glauben beruhen. Aber das Gefühl ist nicht 
nur individueller Natur, es ist eine Art Grenzfläche zwischen mehr 
individualistisch und mehr universalistisch gerichteten Seelenprozessen , 



Willenslehie als Erkenntnisweg. 35 

es ist gerade wesentlich ein Richtimgsphänomen^*) — ein Prozeß der 
Verschmelzung von Subjekt und Objekt — (und hat eben deshalb 
keinen Sinn für Richtung, weil Erkennen Zweiheit, Abhebungsmöglich- 
keii voraussetzt — vgl. S. 19), daher stammt die Sehnsucht jeder Ge- 
fühlserkenntnis nach Sanktionierung durch Allgemeingültigkeit, daher 
der Fanatismus des religiösen Glaubens. Also ist auch das Gefühl nicht 
imstande, einen zwingenden Beweis für metaphysische Realität zu 
erbringen, selbst nicht innerhalb seiner eigenen Sphäre, d. h. unter 
der Voraussetzung der prinzipiellen Berechtigung einer Gefühls- 
erkenntnis überhaupt — denn gefühlsmäßig wird der notwendige 
Mangel der Allgemeingültigkeit als ein Nachteil empfunden — wie 
umgekehrt das Denken, das die Tendenz auf Allgemeingültigkeit 
besaß, von sich aus auf den Existenzbeweis verzichten mußte, weU 
es nicht aus einer Sphäre in eme zweite übergehen konnte, ohne auf 
die erste Verzicht zu leisten, weil es ünmer durch eine Kluft von 
seinem Objekt getrennt ist und deshalb auch nicht die Erfüllung seines 
Anspruchs auf universelle Geltung nachprüfen kann, weil ihm gerade 
die Beschaffenheit fehlt, die dem Gefühl zum Vorteil gereicht, näm- 
lich ein Richtungsphänomen zu sein. Das Denken ist ein Strahlungs- 
phänomen. Es strahlt ohne bestimmte Richtung nach allen Seiten 
aus. Daher findet das Denken sein sinnliches Abbüd im Sonnenlicht; 
es will wie dieses über alle Dinge Klarheit verbreiten. Das Abbild 



2*) Dies hat Hartmann gar nicht verstanden, wenn er so handgi-eiflich 
Bewußtsein und C4efühlserkenntnis verwechselt und der Meinung ist, man 
könne Vorbewußtes nicht wahrnehmen (System I 82/3). Dies kann man zwar 
nicht mit dem Bewußtsein, was er für die einzige Möglichkeit zu halten scheint ; 
aber gerade das Gefühl, das als ein Richtungsphänomen auf der Schwelle des 
Bewußtseins verläuft, ist vorzüglich geeignet, von dem, was „jenseits seiner 
Grenzen liegt", Kunde zu geben, eine Erkenntnis zu vermitteln, ins Bewußt- 
sein zu „heben", was „unter" der Schwelle vorgeht. Ganz willküi-lich ist die 
Behauptung: „Das Transzendente kann aber nicht ein Immanentes werden; 
denn sonst müßte es mindestens einen Augenblick Transzendentes und Im- 
manentes zugleich sein, was die Möglichkeit des naiven Realismus voraus- 
setzt" (S3'stem I 95). Kann das Kind in Mutterschoß nie zur Welt gebracht 
werden, weil es sonst mindestens einen Augenblick zugleich ungeboren und 
geboren sein müßte '! Daß er die „Repräsentation" an Stelle der direkten 
Schwellcnvermittelung setzt, ist nur ein erkenntnistheoretischer Umweg. Das 
Gefühl ist weder bewußt noch vorbeviiißt oder unbewußt; es spielt sich (im 
Fall der einfachen Gefülile) auf der Grenzschicht ab und ist in radialer Rich- 
tung nulldimensional, aber „gerichtet". 

3* 



36 Siegbert Flemiuing, 

des Gefühls ist die elektrische Entladung, für die Empfmduug also 
der Funke (der Blitz); wie dieser als Licht ausstrahlt, so verbreitet 
sich die Nachwirkung einer Empfindung als Denkprozeß in der Um- 
welt (vgl. Weiningers Henidentheorie ! I 125); denn in gedanklich*^r 
Form, durch die Sprache, teilen wir unsere Gefühlswelt anderen 
mit. 25) Licht und Funke sind unbeständig, beständig ist nur die 
Flamme, nur sie verharrt am Ort. Denken und Fühlen komiten einen 
zwingenden Existenzbeweis nicht erbringen. Wir müssen diesen jetzt 
in einer Sphäre suchen, die jenseits der Bewußtseinsschwelle gelegen, 
zwischen Gefühlssphäre und Individualität, der Quelle also am nächsten, 
zugleich Eichtungs- und Strahlungsphänomen ist — also (da beides 
sich voneinander abhebt) zugleich einen Maßstab für die Richtung 
und emen solchen für die Tendenz auf universelle Geltung hat — : die 
Flamme strebt empor und breitet sich aus. 



3. Abschnitt: 
Willenserkenntnisse. 

Gegen sich selber wendet die Gewißheit des Denkens üiren scharfen 
Stachel in der Erkenntniskritik, im grundsätzlichen Zweifel, endlicli 
im materialistischen Unglauben. Ihre eigene Blöße zeigt die Gewiß- 
heit des Gefühls im religiösen Fanatismus. Einen zwingenden 
Existenzbeweis vermag nur der Wille zu führen; denn nur, wo wir 
uns wollend verhalten, werden wir unmittelbar, ohne daß wir uns 
Rechenschaft darüber ablegen, gezwungen, die Existenz eines 
Anderen, das nicht wir selbst sind, und damit, weil Bewußtsein aus 
Zweiheit hei-vorgeht, auch unsere eigene Existenz — rein willens- 
mäßig — anzuerkennen. Wir mögen uns rational oder sensitiv ver- 

-^) Vgl. d. Verf. Nietzsches Metaphysik S. 69. • — Daher wollte Nietzsche 
an die Stelle der Erkenntnistheorie eine Perspcktivenlehre der Affekte setzen 
(WzM 462): in dem Ausdruck „Perspektivenlehre" wird ihm das Wesen des 
Gefühls als Richtungsphänomens dämmernd bewußt; denn perspektivische 
Verschiebungen werden dm-ch eine Drehung der optischen Achse (bez. der 
Sehrichtung) bewiikt. 



Willenslehre als Erkenntnisweg. 37 

halten, in beiden Fällen müssen wir den seelischen Prozeß auf uns 
selbst zurücklenken, so daß wir aus dem P.iinzip der Kreisbewegung 
grundsätzlich nicht heraustreten. Nie werden wir so unmittelbar 
auf ]en3S Andere hingelenkt als im thelischen Geschehen, hier schließt 
sich dei Kreisprozeß nur, nachdem eine von außerhalb der Peri- 
pherie unmittelbar stammende Wirkung in ihn eingegangen ist. Der 
Wüle ist in Wahiheit „das Prinzip seines Anderen" (^Ssolowiow). 
Auch Carus sieht den ersten Grund aller Erkemitnis im „Konflikt mit 
andern Ideen", d. h. also im Konflikt der am mindesten bewußten, 
wollenden Sphären. 

Der Wille nämlich treibt zum Konflikt. Dmx-h ihn erst kommt 
Andersartiges, Wesensfremdes miteinander in Berührung, wird zur 
Berührung gezwungen. Selbst die Vernunft, .jenes universell ten- 
dierende Grenzphänomeu, durch das in Logik und Moral die äußer- 
liche Berührung der Weltsubstanzeinheiten reguliert, Uire Abgren- 
zimg normiert wird, selbst diese Vernunft konnte nur hervorgebracht 
werden durch die Wirksamkeit des Willens als des substantiellen 
Zantnims, kraft dessen die Seele überhaupt erst zu wachsen, sich 
auszubreiten und peripher sich zu entfalten strebte. AVie so aus dem 
metaphysischen Konflikt des Willens der Substanzeinheiten die peri- 
pherische, phänomenale Welt hervorging, so treibt innerhalb dieser 
jeder Konflikt zweier einzelnen, abgeleiteten Willensäußerungen oder 
Tatakte zu einer Neuschöpfung; daher sprach Heraklit vom Streit 
als dem Vater aller Dinge. Jede Handlung setzt einen Widerstand 
voraus, und sei es auch nur den Widerstand des leblosen ]\Iaterials, 
das beiseite geschoben, einer Ortsveränderung wenigstens imterworfen 
werden muß. Jede Eigenbewegung des Körpers setzt Hemmung durch 
die Erdenschwere und den Luftwiderstand voraus. Überall tritt uns 
em fremder Wille entgegen, am deutlichsten, weil am unbeugsamsten, 
in der anorganischen Natur. Die harte Tischplatte, die dem Schlag 
der Hand, die Kerkermauer, die dem Ansturm des Gefangenen un- 
beweglich entgegensteht und den leichter beeinflußbaren, biegsameren 
Willen des mensclüichen Kerkermeisters durch üiren starren Wider- 
stand wirksam ersetzt, reden eine beredte Sprache. Nur durch einen 
gleich starren Wülen, durch anderes anorganisches IVIaterial — durch 
das Werkzeug — können sie bezwungen werden. .Die Erfindung des 
Werkzeugs durch den Menschen ist eine Willenserkenntnis und der 
erste, noch gänzlich unwillkürliche Beginn dessen, was als philo- 



38 Siegbeit Flemming, 

sophischer Thelismus seit Schopenhauer vor allem iju Bewußtsem der 
Menschheit aufzudämmern beginnt. Doch ist Schopenhauer noch 
nicht der eigentliche Begriff der „Willenserkenntnis'-, wie er hier ent- 
wickelt \^Tirde, zur Klarheit gekommen; er schließt mit dem Ver- 
stand auf den Willen. Dies mag eine Stelle aus dem „Satz vom 
Grunde" erläutern; dort heißt es S. 69: „Drücke ich mit der Hand 
gegen den Tisch, so liegt in der Empfindung, die ich davon erhalte, 
durchaus nicht die Vorstellung des festen Zusammenhangs der Teile 
dieser Masse, ja gar nichts dem Ähnliches; sondern erst indem mein 
Verstand von der Empfindung zur Ursache derselben übergeht, 
konstruiert er sich einen Körper, der die Eigenschaft der Solidität, 
Undurchdringlichkeit und Härte hat." Ist es nicht viel- 
mehr der Wille, der zuerst auf einen Köi-per zu schließen ge- 
zwungen ist, d. h. auf einen anderen Willen, der sich im Köi-per mani- 
festiert? Der Wille nänüich, der auf Widerstand stößt, wird gez\mngen, 
seinesgleichen, „sem Anderes", anzuerkeimen ! Das liegt übrigens 
schon in dem von Schopenhauer selbst gebrauchten Ausdruck der 
„Undurchdringlichkeit" eingeschlossen. Aus den weiterhin an dieser 
Stelle gegebenen Erläuterungen geht ja auch hervor, daß es nur die 
Gestalt des Körpers ist, also sein Vorstellungselem.ent, das vom „Ver- 
stand" im Schopenhauerischen Sinne konstruiert w^ird (d. i. nach der 
hier gegebenen Einteilung von der Empfindungszone in ihrem der 
Peripherie, also der Vernunft, nächstgelegenen, am klarsten bewußten 
Teil, wo die Elemente für das begriffliche Denken als gestaltete Vor- 
stellungen ausgeschieden werden — noch Aristoteles sagte: alles 
Denken geschah ursprünglich in Bildern). 

Der starre, harte Fels ist der Ausdruck des volllvommensten, 
männlichsten Willens zur Macht, w^eil er die mindeste Elastizität, die 
germgste Nachgiebigkeit hat. Ein elastisches Material gibt einem 
äußeren Widerstand anfänglich nach, und erst allmählich werden die 
Gegenkräfte aufgeweckt: der Wille ist nicht ,, beharrlich", und des- 
halb beharrt auch nicht der Stoff, der ihn verkörpert. So kann man 
von elastischen Menschenseelen reden, deren Wille sich erst ))ei starker 
Bedrängnis mächtiger regt. VöUige Passivität, wie man sie im mensch- 
lichen Seelenleben als das spezifisch Weibliche anzusprechen pflegt 
— weil sie beim Weibe überwiegender als beim Manne vorkommt — , 
repräsentieren die plastischen, knetbaren Stoffe nach deju Vorbild 
des Wachses. Eine noch mindere Stufe des Willens zur Macht zeigt 



^^'illeuslehre als Erkenntnisweg. 39 

das tropfbar flüssige Element, das gleich dem Wasser allem Eindruck 
ausweicht, nachgibt, aber auch alles Angrenzende zu umfließen und 
zu erfüllen bestrebt ist, in steter „Grenzüberschi-eitung'' (nach einem 
Ausdruck von Weininger) begriffen: mit der Schwäche, Nachgiebig- 
keit und Passivität wächst auch die Aggressivität 2^); dies ist der 
extreme Typus des "Weiblichen (zugleich Sklave imd Tyrann zu sein 
— vgl. Weminger, bes. I 256, und Nietzsche, Z „Vom Freunde''). 
Dies stimmt genau mit Nietzsches Auffassung zusammen (WzM 45): 
„Die Stärke einer Natur zeigt sich mi Abwarten und Aufschieben der 
Reaktion: eme gewisse Adiaphoria ist ihr so zu eigen, wie der Schwäche 
die Unfreilieit der Gegenbewegung, die Plötzlichkeit, Unhemmbarkeit 
der Handlung." Also feststehen wie der Fels, une schütterhch und 
unbewegt, „die Ruhe der Stärke, welche wesentlich Enthaltung der 
Reaktion ist (der Typus der Götter, welche nichts bewegt)'" (WzM 47), 
das wäre hiernach höchster Wüle zur Macht: man sieht, daß auch 
dieser Machtwille bereits weit jenseits der Erscheinung liegt, im esse, 
nicht im operari, als „Charakter a priori", so gut wie Schopenhauers 
Freiheit. Der Grad ilires Willens zui' j\Iacht ist der Menschenseele 
„angeboren" oder „vererbt" (phänomenal gesprochen), weil un- 
geboren und ungezeugt, viebnehr der Verkörperung im Leib — dem 
AVillen zur Verkörperung, zur ,,Objektivation" — vorangehend und 
diese bestimmend (transzendental gesprochen). Diese innerliche Ver- 
anlagung des Willens bestünmt in erster Linie den Charakter als 
Gesamtbild (als welches er daher eben auch „apriorisch" für das ein- 
zelne Menschenleben, transzendental ist) und in zweiter Linie die 
(empirischen) Willens- „Äußerungen", welche, eben weil empirisch, 
stets zugleich Willens-,, Entäußerungen", Willens- „Veräußerlichungen" 
sind, peripher gerichtete Projektionen der Seele, Transformationen des 
AVillens in Willkür (durch die Vereinzelung m der Ersehe iimng, durch 
das principium individuationis, wird der metaphysische AViUe phäno- 
menal: dies geschieht innerhalb der Gattung wie innerhalb des Indi- 
viduums). Diese AViUensäußerungen oder Tatakte können entweder 
physisch (als Handlungen) oder psychisch (als Entschlüsse) in die 
Erscheinung treten. Die so ermöglichte AMUkür des Menschen oder 
der „AVahlwüle", wie man auch sagen könnte (küren ist wählen), ist 
unfrei, weü stets von außen motiviert; ihm gegenüber (relativ zu ihm) 



26) Vgl. d. Veif. Nietzsches Metaphysik S. ,31. 



40 Siegbert Flemming, 

ist der Machtwille frei, weil selbstbestimmt. J3er Walilwille ist ein 
Reflex des kernhaften IVIacht willens, der von der Vernunftzone oder 
von der Empfindungszone jeweils auf die Schalenzone des Macht- 
\villens (die Strebungszone) „reflektierte" Machtwüle; als „Strebung" 
erst vermag er auf den zweckmäßigen Gang des Organismus gestaltend 
einzugreifen. Jeder einzelne Tatakt ist, wie Schopenhauer in konse- 
quenter Fortbildung bei Kant angedeuteter Gedanken gelehrt hat. 
seinerseits in die physiologische Kausalitätskette eingeschlossen, jedoch 
so, daß die Verknüpfung nicht eindeutig geschieht, sondern dem 
transzendentalen Charakter des Menschen eben weitgehenden Spiel- 
raum läßt. Die Abgrenzung dieses Spieh-aums stößt freilich auf große 
Schwierigkeiten. Diese zu beseitigen, ging Du Prel einen Schritt 
weiter und erklärte, daß auch die äußerlichen Motive eines Tataktes, 
dessen materielle Ursachen also, Emanationsprodiüvte des trans- 
zendentalen Willens sind (der bei Du Prel „transzendentales Subjekt" 
oder schlechthin Seele genannt wird), daß folglich auch die Lebens- 
schicksale, die von außen an einen Menschen herantreten, von diesem 
„gewollt", von seiner metaphysischen Realität bestimmt werden^'), 
daß auch das Menschenschic.ksal nur „Erscheinung" seiner transzen- 
dentalen Beschaffenheit und die „scheinbare" Selbständigkeit dieser 
Erscheinung, überhaupt alle materielle Kausalität vom metaphysi- 
schen Standpunkt, eben eine Täuschung ist, wie jede Art von Er- 
scheinung das Moment der Täuschung in sich enthält: so erst ist der 
Pänomenalismus streng durchgeführt. 

Diese Lehre vom Willen zur Macht, wie sie bei Schubert, Carus 
und Nietzsche vertreten wird und unmittelbar in die Schicksalslehre 
von Du Prel ausmündet, stellt den universalistischen Thelismus 
Schopenhauers auf eine individualistische und teleologische Basis. Die 
Keime zu dieser Weiterentwicklung des Systems finden sich bereits 
bei Schopenhauer selbst (besonders am Schlüsse des zweiten Bandes 
seines Hauptwerkes und in der kleineren Abhandlung ..Über die an- 
scheinende Absichtlichkeit im Schicksale des einzelnen")^^). Sehr 



-^) Schon hn Schubert findet sich diese Auffassung, und zwar in sinniger 
Weise aus Leibnizens Lelu-e von der vorherbestimmten Harmonie abgeleitet 
(„Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft", 4. Aufl., 1840 S. 231/2). 

-**) Du Prel sagt („Das Kreuz am Ferner" S. 541/2): „Den besten Be- 
weis dafür, daß wir bei tiefem Besinnen über Leben und Schicksal solchen 
Anschauungen nicht entgehen können, hat Schopenhaixer insofern geliefert, 



Willensiehre als Erkenntnisweg. 41 

raerkmirdig ist es zu sehen, wie der große, sonst so konsequent ge- 
sinnte Denker an dieser Stelle ängstlich Halt macht und den Bruch 
seines Systems zu befürchten scheint. Wenn man dieses rätselhafte 
Verhalten rein psychologisch ins Auge faßt, kann man schwer- 
lich zu einer befriedigenden Lösung kommen. Gewiß war bei Schopen- 
liauer die indisch-mystische Sehnsucht nach der Alleinheit und das 
orientalische Selbstfluchtbedürfnis sehr stark ausgeprägt, nicht minder 
aber auch die Gewißheit der hartnäckigen Selbstbehauptung der 
metaphysischen Eigenheit. Die letztere ist ja der Kern seines Systems: 
immer wieder muß sich der blinde, besinnungslose Wille in die atomi- 
stische Erscheinungswelt zersplittern^^) — wo er eben nicht, und hier 
kommt das erstere Moment zur Geltung, in einem dieser abgesplit- 
terten Teüe, in einem Splitter der Welt nur, sich selbst zu verneinen 
gelernt hat. Aber damit ist das Ganze nicht verneint, ja folglich ist 
überhaupt nichts verneint; denn — so fragt man erstaunt — was 
frommt es dem Heiligen, seinen Individualwillen so zu verneinen, daß 
seine Seele nicht mehr sich verkörpert? Metaphysisch ist ja der Wüle 
eins, und der einzelne ist nichts; also ist nichts geleistet. Hat um- 
gekehrt die Tat des Heüigen einen metaphysischen Wert — geschweige 
denn den höchsten, einen absoluten Wert (Schopenhauer sieht in ilu* 
das einzige in Wahrheit weltgeschichtliche Ereignis)^), dann muß 
dieser Heilige metaphysisch ein Eigenwesen sein, dann wird die 
Realität jener Ideen, die ursprünglich als Mittelwesen gedacht waren, 
gar zur absoluten Realität. Mit anderen Worten gesagt: gerade die 
Erlüsungslehre Schopenhauers, die eine Verneinung der Eigenheit als 
möglich lehrt, postuliert eben diese Eigenheit als metaphysisch un- 



als er im Widerspruch mit seinem eigenen System die so klare und tiefe Ab- 
handlung ,,Ue. d. a. A. i. Seh. d. e." schrieb. Man erkennt aus dieser Ab- 
handlung, wie auch aus seinem „Versuch über das Geistersehen" den tiefen 
Einfluß mystischer Studien, und wie nahe er daran war, den Ring seines 
eigenen metaphysischen Systems zu sprengen und in den metaphysischen 
Lidividualismus einzumünden, dem in der Tat keiner entgeht, der in die 
Tiefen des menschlichen Seelenlebens eindringt." 

-*) Gerade der Selbstmörder bejaht das Leben und den Eigenwillen, 
das war seine tiefere Auffassung, die Simmel mißverstand („Schopenhauer 
und Nietzsche" S. 190/1). Vgl. auch Du Prel, „Die Mystik der alten 
Griechen", S. IfiS. 

^") \nVV I 250: Des Willens „Selbsterkenntnis und darauf sich ent- 
scheidende liejahung oder Verneinung ist die einzige Begeben- 
heit an sie h". 



42 Siegbert Flemming, 

zerstörbar. ^^) Dies blieb freilich bei dem Denker vorerst eine Gefühls- 
erkenntnis (als solche findet sie sich in dem Schlußsatz seines Haupt- 
werkes ausgesprochen), die er schließlich doch (WAW am Schluß des 
zweiten Bandes) in begriffliche Form zu erheben versuchte. Hart- 
mann war konsequenter, fühlte aber auch materialistischer: nach 
ihm genügt es, daß die Hälfte der irdischen Wesen ihren Individual- 
willen verneint, dann sei die irdische Welt überhaupt vernemt (Sy- 
stem IV 94). Das heißt nun freilich die Welt zu einem Kechenstunden- 
exempel machen. Dieser Standpunkt setzt zwar keine metaphysische 
Individuahtät voraus, nivelliert aber zugleich jeden individuellen 
Unterschied innerlialb der Erscheinungswelt. Hier war Schopenhauer 
ungleich tiefer, in seinem Gefülil mehr noch als in seinem Denken. 
Daß aber der metaphysische Individualismus bei ihm als Gefülils- 
erkenntnis bereits so deutlich vorhanden war, macht bei dem Denker 
das plötzliche Anhalten auf dem geraden W^egc um so schwerer ver- 
ständlich. 

Das Entsprechende gilt für die Teleologie. Schopenhauer sagte, 
man verstehe ein Ereignis seines eigenen Lebens oft erst 20 Jahre 
später (WWV 11 517). Das ist Teleologie als Gcfühlserkenntnis (die 
in der „anscheinenden Absichtlichkeit" zögernd in denkerische Er- 
kenntnis transformiert wird). Freilich aus der Art, wie diese ein- 
gekleidet ist, geht hervor, daß sie ihm erst im späteren Leben ge- 
kommen sein konnte, und immer ist bei Schopenhauer zu beachten, 
tlaß er staiT und zäh an der ersten Konzeption seines philosophischen 
Gedankens festhielt und einer eigenen Entwicklung so wenig zu- 
gänglich war, als er Welt-Evolution in seinem System gelten ließ; 
hinzu konunt, daß Evolution und Teleologie eng verbunden sind. 
JJiese Zähigkeit war übrigens bei der späten Anerkennung, die er 
fand, ein großes Glück für ihn. Andererseits riihnit Du Frei mit Kecht 
den Mut und die Aufrichtigkeit, mit der er solche sich ilim später 
aufdrängende Überzeugungen eingestand, obgleich sie seinem System 
Abbruch zu tun schienen. Nun darf jedoch nicht übersehen w^erd.en, 
daß bereits in der Ideenlehre ein teleologisches Moment enthalten ist. 
Zwar so, wie die Ideen zunächst im zweiten Buch (I 205 — 207) dar- 
gestellt werden, in ihrem Kampf um Macht und gegenseitige Über- 



•*^) Hierin mag Philipp Maiuläiiders individ\ialistischer Pessimismus 
wiu'zeln. 



Willeiislehre als Erkeiuitnisweg. 43 

wältiguiig (ganz im Sinne Nietzsches), erscheinen sie als reine ~\Vileas- 
wesen und nicht als Ideen im Platonischen Sinne. Als solche will sie 
aber Schopenhauer ausdrücklich aufgefaßt wissen (I 186), und als 
solche treten sie auch wisder im dritten Buche auf, wo sie als die 
Objekte der Kunst beschrieben werden (I 251), mithin als formende 
und gestaltende Wesen. Also beide, Individualismus und Teleologie, 
ersterer m der Erlösungslehre, letztere in der Ideenlehre, sind bereits 
implizite ian System — als unausgesprochene Voraussetzungen — 
enthalten. Sie werden sehr bald gefühlsmäßig hervorgehoben und 
zum Schluß mehr oder mmder klar begrifflich erkannt. Aber sie 
werden clann nicht mit dem Zentrum des Systems, der Allwillenslehre, 
ausgesöhnt. Es bleibt ein Bruch bestehen, der psychologisch nicht 
erklärbar ist, und es drängt sich die Frage auf, ob er in logischen 
Schwierigkeiten bestehe, welche etwa der Verbmdung von Indivi- 
dualism.us und Teleologie einerseits und Schopenhauerischem Thelis- 
mus andererseits sich hemmend entgegenstellen. 

Der Wille treibt zum Konflikt. Hierin liegt eiii antiteleologisches 
Moment und ein logischer Grund, daß Schopenliauers System zu 
einem Bruch führte, über den sein Urheber nicht hinauskam. Hart- 
mann wußte auch um die Teleologie des Daseins; er setzte die Kon- 
traste unvermittelt nebeneinander: ihm ist die Welt Vorstellen 
(= Voranstellen) =^2) und Wollen, Rationalität und Irrationalität zu- 
gleich. Du Prel ging noch einen Schritt weiter: er verschmolz beides 
zur Identität; ilim ist der Wille wesentlich teleologisch, das Schicksal 
selbstgewollt; metaphysisch betrachtet, zeigt die Welt keine Kon- 
flikte mehi'. Damit ist aber auch das Wesen dessen, was von Schopen- 
liauer Wille genannt Mou'de und in Nietzsches Lehre vom Willen zur 
flacht sich fort spann, nämlich blindes, besinnungsloses Wollen zu 
sein, völlig ausgelöscht. Von Schopenhauer über Hartmann zu .Du Pre{ 
verläuft eine konsecpiente Linie gerade in den Gregensatz ihi'es Aus- 
gangspunktes hinem. Hierin nähert sieh .Du Prel der Auffassung 
von Leibniz, bei dem vorstellende und „strebende'' Energien der 

^-) .System IV 8. 17: ,,Das Wollen will etwas noch nicht Heiendeö .seiend 
machen, muß also, um das zu kömien, das noch nicht Seiende seinem Sein 
vorwegnehmen, antizipieren, vorstellen im Sinne von voranstellen"; daraus 
folgt die „ideelle Priorität der Finalbeziehung im Vergleich zur Kausal- 
beziehung" (S. 35) und die Definition: Idfe = logische ideelle Antizipation 
(S. 23). 



44 Siegbert Flemming, 

Seele in harmonischer Verbindung wirken, und es ist richtiger, in 
Anlehnung an die Priorität von Leibniz für das teleologische Wollen 
den Ausdruck „Streben" (appetitions = Strebungen) beizubehalten, 
noch' genauer erweitert zu der Bezeichnung „Zielstrebigkeit", sodaß 
also der Ausdruck „Wille" für die Betätigungsform der metaphysi- 
schen Substanz in der ursprünglichen Konzeption Schopenhauers als 
eindeutige Bezeichnung übrigbleibt. 

Sehr richtig hat Nietzsche darauf hmge wiesen, daß „etwas zu 
wollen" das Sekundäre ist und die nackte Triebfeder des „W^ollens 
überhaupt" durchaus das Primäre, bis zu der Zuspitzung, in der er 
seinen Satz vorbringt, daß der Mensch lieber noch das Nichts will, 
als — nicht will^^) Nietzsche bekundet hiermit, daß sein Blick von 
allen am tiefsten drang. Auch er wußte um die Teleologie des Da- 
seins, die er unter der Schwelle des Bewußtseins in semer eigenen 
Seele am lebhaftesten nachfühltet^); aber seine Gefühlserkenntnis 
drang noch tiefer, Teleologie war ilmi nicht das letzte, jenseits der 
zielstrebigen Seelenschicht fand er den reinen, objektlosen Willen als 
die höchste, ursprünglichste Realität: „Das Subjekt allein ist be- 
weisbar: Hypothese, daß es nur Subjekte gibt, — daß Objekt nur eine 
Art Wirkung von Subjekt auf Subjekt ist — ein Modus des Sub- 
jekts" (WzM 569, vgl. auch 619). „Der allgemeinste und unterste 
Instinkt in allem Tun und WoUen ist eben deshalb der unerkannteste 
und verborgenste geblieben, weil in praxi wir immer seinem Gebote 
folgen, weil wh* dies Gebot sind" (WzM 675). Nietzsche nennt ilin 
den „Willen zur Macht"; damit kennzeichnet er ihn als blinden, ziel- 
und gestaltlosen, elementaren Trieb. 

Eine genauere Zergliederung der zentralen Seelenschichten genügt 
also, um an der Klippe voriiberzusteuern, an der sich Schopenhauer 
nicht vorbeiwagte. Wir treffen in unserem Innern jenseits der Sphäre 
der Sinnesempfmdungen, in der für die heutige Menschheit — von 
wenigen Ausnahmefällen abgesehen — zugleich die Bewußtseins- 
schwelle, der Träger der Gefühlsprozesse, verläuft, eine andere Sphäre, 
von der aus nicht nur unser bewußtes Innenleben, sondern auch 
unsere leibliche Erscheinung und das Walten unseres scheinbar von 



^ä) „Zur Genealogie der Moral", Anfang und Schluß der dritten Ab- 
handlung: „Was bedeuten asketische Ideale?" 

3'») Vgl. d. Verf. Nietzsches Metaphysik S. 99—105. 



Willeiislehre als Erkenntnisweg. 45 

außen bedingten Schicksals wie an unsichtbaren Fäden geleitet werden. 
„Alle Lust- und Unlustgeftihle setzen bereits ein Messen nach Gesamt- 
XützHclikeit, Gesamt-Schädliclikeit voraus: also eine Sphäre, wo das 
Wollen eines Ziels (Zustandes) und em Auswählen der Mittel dazu 
stattfindet" (Nietzsche, WzM 669). Diese Sphäre ist es, die Du Prel 
im besonderen bei seiner Auffassung der Seele mi Auge hatte. Es ist 
die teleologische Sphäre, der Sitz der Zielstrebigkeit. Du Prel kam 
zu dieser Erkenntnis, weil in ihm selbst die Be^^^lßtseinsschweUe be- 
reits in diese Sphäre hinein vorrücken konnte. Andere erhalten von 
der Existenz dieses „Jenseits des Bewußtseins" nur unbestimmte 
xVhnungen durch Vermittelung der Gefühlsprozesse. Das religiöse 
Leben der Menschheit, besonders in den nördlichen Gebieten der 
Erde, ist stark von solchen Gefühlserkenntnissen getragen: der 
Walküreuglaube des altgermanischen Heidentums und das „Gott- 
vertrauen" des gläubigen Christen haben beide in dieser zielstrebigen 
Seelensphäre ihre metaphysisch-psychologische Wurzel. 

Wenn man Teleologie in diesem Zusammenhange betrachtet, wird 
sehr klar, warum sie nur eme beschränkte Whkung im ii-clischen 
Menschendasein zu entfalten vermag, aus zwei Gründen nämlich: 
erstens hat sie ihren Sitz nur in einer bestimmten Sphäre der Seele. 
elas Prinzip der Teleologie teilt sich also mit drei anderen m die Regent- 
schaft des Menschenlebens. Zweitens hat eben. die Teleologie ihren 
Sitz jenseits der Schwelle des Bewußtseins, jenseits vor allem der 
Empfindungssphäre, in welch letzterer sich Lust und Unlust ab- 
spielen. Der Maßstab für die Zweckmäßigkeit, mit der die Seele ihr 
Leben im. Leibe ausgestaltet, muß also einerseits in jener Sphäre 
selbst gesucht werden, andererseits, soweit er dort nicht gefunden 
werden kann, in der zentralen Seelem-egion des objektlosen WiUens 
zur Macht, aus dem erst die teleologische Sphäre im Laufe der seelischen 
Evolution hervorgewachsen ist, nicht aber in jenen Sphären, die sie 
ihrerseits selbst wieder erst zu ihren eigenen Zwecken aus sich hervor- 
getrieben hat, d. h. nicht in der Sphäre der Empfindungen oder gar 
in der noch sehr unentwickelten, äußersten und jüngsten Seelen- 
schicht der begriff Uchen Urteile und moralischen Entschlüsse. Dies 
meint Nietzsche, wenn er, gegen die Nihilisten gewendet, die Auf- 
fassung, „der Charakter des Daseuis müßte dem Philosophen Ver- 
gnügen machen, wenn anders es zu Recht bestehen soll", als eine 
absurde Wertung geißelt und behauptet, ,,daß Vergnügen und Unlust 



46 Siegbert Flemming, 

hmerhalb de? Geschehens nur den Sinn von Mittehi haben können" 
(WzM 36), was bereit? im Zarathustra weiter ausgeführt ist („Von den 
Verächtern des Leibes") mit den Worten: 

„Das Selbst sagt zum Ich: Hier fühle Schmerz! Und da leidet 
es und denkt nach, wie es nicht mehr leide — und dazu eben soll es 
denken. 

Das Selbst sagt zum Ich: Hier fühle Lust! Da freut es sich und 
denkt nach, wie es noch oft sich freue — und dazu eben soll es 
denken." 

Ferner heißt es (WzM 676): „Lust und Unlust könnten Mittel 
sein, vermöge deren wir etwas zu leisten hätten, was außerhalb unseres 
Bewußtseins liegt." Also Gedanke und Gefühl sind nur Mittel und 
Werkzeuge des unterbe\\aißten Lenkers im Menschen, und das Ziel, 
dem sie dienen, ist nicht Herrschaft der Lust oder des Begriffs, sondern 
immer erneute Steigerung der unterbewußten, zielstrebigen Fähigkeit 
der Seele selbst, die oft gerade durch Unlust in der Empfindungs- 
schicht und durch begriffliche Unverständlichkeit und Undurch- 
drirgbarkeit ihrer Schicksalsbestianmungen gefördert wird; das 
„Selbst" jNietzsches im Munde seines Zarathustra ist — entsprechend 
dem transzendentalen Subjekt bei Du Prel — rer-ht eigentlich die 
teleologische Sphäre der Menschenseele. Diese Steigerung der Ziel- 
strebigkeit aber dient ihrerseits wieder der Krhöhung des objektlosen, 
plan- und ziellosen Willens zur Macht als der zentralen Triebfeder 
allen seelischen Geschehens, dem also indirekt auch die bewußten 
Seelensphären dienen, welche die teleologische zu ihrem Bedarf aus 
sich erzeugte. jNiietzsche gibt darüber die folgende Zusammenfassung 
(WzM 524): 

..Es ist wesentlich, daß man sich über die Rolle des Bewußtseins 
nicht vergreift; es ist unsere Relation mit der Außenwelt, welche 
es entwickelt hat. Dagegen die J^iroktion, reSp. die Obhut und Vor- 
sorglichkeit in Hinsicht auf das Zusammenspiel der leiblichen Funl^- 
tionen ( — Sphäre der Teleologie, d. Verf. — ) tritt uns nicht ins Be- 
wußstsein; ebensowenig als die geistige Kinmagazinierung: daß es 
dafür eine oberste Instanz gibt, darf man nicht bezweifeln ( — ! — also 
ausgesprochene Metaphysik noch in seiner letzten, nachgelassenen 
Sf^hrift! — ): eine Art leitendes Komitee, wo die verschiedenen Haupt- 
begierden ihre Stimme und Macht geltend machen ( — Sphäre der 
Potestas — ). Lust, Unlust ( — Sphäre der Sensation — ) sind Winke 



Willenslehre als Erkeniitnisweg. 47 

aus dieser Sphäre her ( — ! — also „Gefühlserkenntnis" — )• der 
Willensakt insgleichen: die Ideen insgleichen ( — Sphäre der Katio: 
Handehi + Denken = Vernunft = Ich = Persönlichkeit — , Ideen 
sind hier im Kantischen, nicht mi Platonisch-Schopenhauerischen 
Sinne gemeint — y. 

Über das Verhältnis der potestatischen zur teleologischen Sphäre 
sagt er noch (668): 

„Wollen ist nicht begehren, stieben, verlangen: davon hebt es 
sich ab durch den Affekt des Kommandos." 

In welchem Verhältnis steht nun der Individualismus zur Teleo- 
logie und zum Willen zur IVkcht? Zugleich mit der Frage, ob zwischen 
Individualismus und Wille zur Macht ein logischer Gegensatz bestehe, 
muß nämlich die andere beantwortet werden, ob Individualismus 
teleologisch gedacht werden könne bzw. müsse und umgekehrt Teleo- 
logie individualistisch. Du Prel dachte sie so. Es ist freilich nicht 
wahr, daß Individualismus an sich zu Konflikten treibe, wie es der 
Macht wiUe unweigerlich tut. Leibniz lehrte die alldurchdringende 
Harmonie seines Monadensystems, und für Ssolowiow ist das Ver- 
hältnis der Ideen ein „organisches" (und zugleich, wie aus der Dar- 
stellung hervorgeht, ein hierarchisches!). „Der Inhalt des Absoluten 
ist der Organismus der Ideen" (Usnadse S. 105 ff., S. 114). „Als das 
absolute Prinzip ist keine leere Einheit, sondern ein konkreter, allem- 
heitlicher, allumfassender Geist anerkannt, welcher sif^h nirht in ein 
negatives Verhältnis zu emem anderen, zu dem individuellen Sein 
setzen kann. Darum ist auch das Aufheben der Whklichkeit, welches 
am Ende der historischen Entwicklung vor sich zu gehen hat, nicht 
ihre unbedingte Vernichtung, sondern nur ihre Erlösung von dem 
Zustande ausschließlicher Selbstbehauptung, äußerlicher 
Geschiedenheit und Isoliertheit". Die Ethik führt zu dem Schluß, 
„daß das letzte Ziel und das höchste Gut nur von der Gemeinschaft 
aUer Wesen, mittels eines notwendigen und absolut zweckmäßigen 
Ganges der welthistorischen Entwicklung erreicht werden kann; einer 
Entwicklung, deren letztes Ziel in der Vernichtung ausschließ- 
licher Selbstbehauptung besonderer Wesen in ihrer dinglichen 
Verschiedenheit und üi ihrer Wiederherstellung als eines von der 
Allgemeinheit des absoluten Geistes umfangenen Geisterreiches be- 
steht". Aber dies wird von Ssolowiow als das Ziel der Evolution, 
uusdrücklich nicht als der gegenwärtige Zustand angesehen, und 



48 Siegbert Fleminiug, 

hierin liegt eiii Fortschritt über Leibniz hinaus. „Le moude extra- 
divin ne peut etre . . . qua le monde divin subjeetivenient transpose 
et renverse: ü n'est qu'un faux aspect ou une representation illusoire 
de la totalite divüie" („La Eussie" p. 235). Dies ist die optimistisch- 
bejahende Perspektivenlehre von Leibniz („La monadologie" 57), in 
eine partilmlar-pessinüstisch-verneinende Perspektivenlehre übersetzt. 
Der Individualismus setzt kerne Konfligenz voraus, aber die be- 
stehende phänomenale Welt zeigt K^onflikte, folglich muß auch ih)- 
metaphysisches Substrat das Moment der Konfligenz in sich tragen;^^j 
in den Spliiiren der Vernunft, der Empfindung und der Zielstrebigkeit 
ist es nicht snthalten: der IVIachtwiUe ist der Träger der Gegensätzlich- 
keit. Obschon nun der Individualismus Konfligenz nicht voraussetzt 
und deshalb teleologisch gedacht werden köimte, so widerspricht er 
ihr auch nicht, sondern ist sehr wohl mit ihr vereinbar, und deshalb 
kann die Teleologie nicht individualistisch gedacht werden, da ja 
Teleologie der Konfligenz widerspricht und dieser Widerspruch gerade 
ihre Wesenheit ausmacht. ^^) Der Machtwille ist zum Individualismus 
hinzugetreten und schuf die bestehende Welt auf dei Grundlage der 
Konfligenz; die Wiedertrennung beider bedeutet daher das Ende der 
Welt, die Auflösung des bestehenden Daseins, die „Erlösung von dem 
Zustande ausschließlicher Selbstbehauptung", wie Ssolowiow sagt. 
,, Ausschließlich" als Attribut der Selbstbehauptung ist deshalb be- 
sonders zu beachten: es kennzeichnet den blinden, schrankenlosen, 
objektlosen Machtwillen als Attribut der Individualität. Diese steht 
also zur Potestas nif^ht in emem logischen Gegensatz, wie die Teleo- 
logie es tat. Ja, die Potestas hat sogar die Individualität zur Be- 
dingung — wennschon nicht umgekehrt — , weil der Wille zum Kon- 
flikt treibt („Der AVille zur Machl kann sich nur an Widerständen 
äußern; er sucht also nach dem, was ihm widersteht" — Nietzsche, 
WzM 656), und Konfligenz setzt Individualisierung voraus. Es zeigt 
sich nun, daß derselbe Grund, aus dem bei Schopenhauer die AVillens- 



^*) Vgl. d. Verf. Nietzsche Metaphysik S. 58—63. 

^*) Wenn Du Prel die Individualität in die teleologische Sphäre verlegte, 
so entspricht sein Verhalten psychologisch dem anderen, daß er überhaupt 
keine metaphysischen Konflikte in der Welt sah ui\d daß er die teleologische 
Sphäre mit der Seele überhaupt identifizierte. Alles dreies hat er mit Leibniz 
gemein; beide sahen eben auch „nm- das eine Gesicht am Dasein" — diesmal 
in der anderen Bedeutung — (Z „Von den Predigern des Todes"). 



Willenslehie als Erkemitnisweg. 49 

)ehre m Konflikt jnit der Teleologie geriet, sie auch in Widergprucli 
mit dem Individualismus treten ließ, nämlich der Mangel einer Unter- 
scheidung der teleologischen und der potestatischen Sphäre. Wie 
oben schon erläutert wurde, scheinen bei ihm die „Ideen" (die Willens- 
individualitäten — die Mittelwesen zwischen Sein und Erscheinung) 
im zweiten Buch seines Hauptwerkes mehr der potestatischen, im 
dritten Buch mehr der teleologischen Sphäre anzugehören. Aus der 
Verschmelzung beider Sphären resultiert Schopenhauers Bestreben, 
den IVIachtwillen mehr universalistisch darzustellen (nach dem Prinzip 
der Teleologie) und dessen zielstrebige Untersphäre, die er mit den 
Ideen verwechselt, mehr individualistisch (nach dem Prinzip der 
Potestas). Es findet bei ihm gerade eme Vertauschung statt in Bezug 
auf Universalismus und Individualismus; im Falle des umgekehrten 
Verfahrens wäre ihm von selbst der metaphysische Wille in zwei 
Sphären auseinandergefallen. 

Die Zentralzone des Willens zur Macht ist also zugleich der Sitz 
der Individualität. Zwischen ihi und der Gefühlsschicht, jenseits der 
Bewußtseinsschwelle, liegt die Zone der Zielstrebigkeit mit ihrer Ten- 
denz auf universelle Geltung: sie will keine Konflikte in der Welt 
dulden, sie ist bestrebt, die ganze Welt zu umspannen, um das äußere 
Schicksal des Menschen mit der inneren Zweckmäßigkeit in Einklang 
zu bringen, sie strahlt über die ganze Welt aus: sie ist ein ausge- 
sprochenes Strahlungsphänomen. Zugleich ist aber diese Tendenz 
auf universelle Geltung objektiv gerichtet: gerade in der Richtung 
auf das Außenwesen in der Welt liegt der „Zweck" der Zweckmäßig- 
keit, das „Ziel" im „Streben" der Zielstrebigkeit, wodurch sich diese 
von dem „blinden", objektlosen Wollen unterscheidet: sie ist auch 
ein ausgesprochenes Richtungsphänomen. In der Zone der Zielstreb g- 
keit haben wir die oben gesuchte Sphäre vor uns (S. 36), von der sich 
zunächst, nach dem Versagen des Denkens und Fühlens, der zwin- 
gende Existenzbeweis erwarten ließ. .Der Sinn für Richtung muß 
vorhanden sein, weil gerade noch ein anderes Prinzip außer dem der 
Richtung obwaltet und Abhebungsmöglichkeit, einen Maßstab für 
die Richtung abgibt, wie aus dem analogen Grunde auch die Tendenz 
auf universelle Geltung von der Teleologie selbst muß ermessen und 
daher durchgesätzt werden können. Aber in einem Punkte ist die 
Teleologie gegen die Gefühlssphäre in einem wesentlichen Nachteil: 
die Richtung ihres Wirkens ist stets einsinnig, und zwar stets radial 

Archiv füi- Geschichte der Philosophie (Beilageheft). 4 



50 Siegbert Flemming, 

im »Sinne des ]\Iachtwillens al? Zentrums. .Deshalb schuf ja die Ziel- 
i^trobigkeit aus sich heraus die Empfindungszone, um die Mannig- 
faltigkeit der Richtungen seelischen Geschehens für ihre Zwecke zu 
ermöglichen. Vor allem verläuft die Richtung ihres AVirkens — trans- 
zendental gesprochen — stets zentrifugal, nie zentripetal (oder pliäno- 
menal gesprochen: stets zentripetal, nie zentrifugal). Es kann sich 
also in der teleologischen Sphäre nur ein unbesthnmter Sinn für Rich- 
tung überhaupt, nicht der Sinn für eüie iDestimmte Richtung ent- 
wickeln und damit ebensowenig der Sinn flu- eine bestimmte Tendenz 
auf ein Objekt, sondern nur für die allgemeine Tendenz auf Objekte 
überhaupt. Es kann wohl die Abstandsveränderuiig ihres Wirkens 
in Bfzug auf das Seelenzentrum und in Bezug auf das einzelne Außen- 
objekt wahrgenommen werden (als Entfernung von dem ersteren und 
als Annäherung an das letztere, das „Ziel", als wachsende Vollendung 
der einzelnen „Strebung"), aber nicht das Verhältnis der Objekte 
untereinander und zum Zentrum, woraus sich erst die allgemeine 
Erkenntnis (diesmal als „Strebungserkenntnis") der Gattung des 
Seienden ergeben mirde. Zu einer Wahrnehmung des Verhältnisses 
der Objekte untereinander wäre erforderlich die Möglichkeit unbe- 
grenzter Mannigfaltigkeit der Richtungen, zu einer Wahrnehnmng 
des Verhältnisses der Objekte zum Zentrum die Möglichkeit beliebigen 
Wechsels der zentripetalen und zentrifugalen Richtung; beides ist 
nur der Empfmdungszone eigen. Erst wenn in außergewöhnlichen 
Fällen die Be\vußtseinsschwelle (also der Gürtel der einfachen Ge- 
fühle, der sonst die Sphäre der unterbewußten Empfindungen um- 
spannt) in die Zone der Zielstrebigkeit hinein verschoben whd, kann 
aus einer Verbindung von „Gefühlserkenntnis" (ja sogar „Empfin- 
dungserkenntnis", wenn die beiden Zonen sich ineinander schieben) 
und „Strebungserkenntnis", von Richtungssinn (durch letztere) und 
Richtungsdifferenzierung (durch erstere) eine so beschaffene Er- 
kenntnis der Objekte und des Seienden überhaupt zustande kommen, 
daß sie als absolut zwingender Existenzbeweis zu gelten vermag. 
Erst dann wird für die Gefühlserkcnntnis die Verwechselung der Rich- 
tungen ausgesr-hlossen, die m der 1 eleologi?(;hen Sphäie unmöglich 
ist, weil in ihr Sinn für Richtung vorhanden ist, und erst dann wu-d 
für die Strebungserkenntnis die Unterscheidung bestimmter Rich- 
tungen ermöglicht, die nur in der Gefühlssphäre stattfinden kann. 
Hierdurch — durch die Unterscheidung bestimmter Richtungen — 



Willeiislelu-e als Erkenntnisweg. Ol 

wild zugleich in der teleologischen Sphäre die Unterscheidung — zu- 
nächst zwar nicht von bestimmten Objekten — wohl aber von be- 
stimmten Tendenzen auf Objekte, d. h. also von Tendenzen auf be- 
stimmte Objekte ermöglicht. Nun ergibt die der Tendenz auf ein be- 
stünmtes Objekt, der bloßen Strebung, freilich noch kerne Objekt- 
erkenntnis, da die Strebung an sich rein zentrifugal verläuft und keine 
Abhebungsmöglichkeit für das Objekt besitzt; aber in Verbindung 
mit mcklaufenden Gefühlsprozessen ergibt sich ja diese Mögliclikeit, 
so daß also durch die Verlegung der Bewußtseinsschwelle oder sen- 
siblen Sphäre in die teleologische tatsächlich sowohl eme Gefülüs- 
erkenntnis als eine Strebungserkenntnis in Bezug auf das außer- 
subjektive Seiende (in Bezug auf diejenigen Subjekte also, die für das 
erkennende Subjekt zu Objekten werden), auf Emzelseiendes zunächst 
und dadurch (auf Grund gegenseitiger Abhebung) auf die Gattung 
des Seienden überhaupt, auf die Existenz der Substanz sclilechthin — 
m Bezug auf das eigene Seelenzentrum allerdmgs nur eine Gefühls- 
erkenntnis, weil die Strebung vom Zentrum fort, nicht auf das Zentrum 
zu „strebt^- und sich also nicht mit einem von diesem ausgehenden 
Gefühlsprozeß begegnen kann — im Sinne eines zwingenden Be- 
weises zustande kommt. 

Zweierlei Arten von Fragen ch-ängen sich hier in den Vorder- 
grund. Erstens verlangt es zu wissen: worin äußert sich die zwingende 
Beschaffenlieit dieses Beweises, die hier aus inneren Gründen ab- 
geleitet wurde? und wie wird sie wahrgenommen? Sie äußert sich 
— objektiviter — in der allgemeinen, d. h. das Wesenthche betreffen- 
den Üljeremstimmung der Aussagen aller führenden Persönüchkeiten, 
die mit dieser Art von Erkenntnis begabt sind, überall da, wo sie 
den gleichen Gegenstand behandeln (man vergleiche die Aussagen 
der hervorragendsten Gnostiker, z. B. des Basilides, Valentimis und 
]^Ianes über Christus und den Judengott), Abweichungen kommen 
aber leicht zustande — und oft sehr verhängnisvolle Abweichungen — 
durch Einmischung anderer Erkenntnisarten, die, zunächst das Un- 
wesentliche zum Objekt nehmend, die Ergebnisse der ihr ül)erlegenen 
Erkenntnisart oft zu verschleiern suchen, oft gar ihnen zu wider- 
sprechen trachten, obgleich sie auf ihrem Gebiet — der Erkenntnis 
des Unwesentlichen — berechtigt sind und hier auch keinen innerlich 
begründeten Anlaß zu einem solchen Widerspruch finden. Die zwin- 
gende Beschaffenheit wird wahrgenommen — subjektiviter — in der 



52 Siegbert Flemming, 

absoluten Gewißheit dieser Erkenntnis, die bei iliren Trägern keinen 
Zweifel aufkommen läßt — zu seinem Denken und Fühlen mischen 
sich dem Menschen immer mehr oder minder versteckte oder offene 
Zweifel bei, daher entstehen Skeptizismus und Fanatismus, wie oben 
gezeigt — die hier beschriebene Erkenntnis mrd von ihren Trägern, 
die als Gnostiker und Mystiker aus der Geschichte der Philosophie, 
als Seher und Propheten aus der Geschichte der Religionen bekannt 
sind, stets als etwas Neues und Über Wältigendes, mitunter 
geradezu seelisch Vergewaltigendes^'), d. h. jedenfalls als etwas 
Zwingendes — als „Inspiration" — beschrieben. Nietzsche 
selbst, der sie aus eigener Erfahrung kannte, wie seine Angaben über 
die Entstehung des Zarathustra zeigen, übte an dem Ausdruck „In- 
spiration" strenge Kritik, insofern sie als Inspiration aus einer fremden 
metaphysischen Sphäre vorgestellt werde; er verlegte iliren Ursprung 
in die eigene unterbewußte Individualität ihres Trägers, er machte 
sie zur ureigenen Tätigkeit des selbstherrlichen Menschen, zur In- 
spiration aus dem „Selbst". Der obige Gedankengang zeigt die In- 
spiration in der Tat als eine eigene und aktive Tätigkeit des Menschen 
(durch die teleologische Sphäre, die nunmehr nicht mehr mjt ihrer 
ganzen Ausdehnung in das Unterbewußte fällt) und zugleich doch 
als ein passives Empfangen von Wirkungen, die von außerhalb der 
Menschenseele stammen (durch die sensible Sphäre, die nunmehr 
eine Steigerung ihres Bewußtseinsgrades erlebt). Das eigene Unter- 
bewußtsem des Erkennenden ist hierbei unmittellmr nur insoweit 
l)eteiligt, als jede Gefühlserkenntnis ein Prozeß ist, der auf der Schwelle 
verläuft, und als die Strebungserkenntnisse nun ebenfalls diese Schwelle 
benützen, um in die bewußte Sphäre zu passieren — mittelbar natür- 
lich dadurch, daß die bewußten Scelensphären ursprünglich aus den 
nunmehr ,, unterbewußten" hervorgegangen sind und fürder nur von 
diesen erhalten und getragen werden. — Es ist nunmehr psychologisch 
verständlich, daß Nietzsche dieselbe, zwar zögernde Ancrkeniumg, die 
er — in seiner Kulminationsperiode — der Teleologie wirklich er- 
teilte, auch der Inspiration tatsächlich zukommen ließ, daß femer 
Du Prel, für den die eine emseitig in den Vordergrund rückte, auch 
die andere besonders stark betonte. - 



^') Man denke an Paulus ■ — feiner an den „rasenden Mund der Sibylle" 
bei Heraklit und an Nietzsches Beschreibung der Inspiration im „Ecce homo" 
S. 90/1 (vgl. d. Verf. Nietzsches Metaphysik S. 82/3). 



Willenslehre als Erkenntnisweg. 53 

Zweitens steht jetzt die Frage offen: aus welchem Grund heraus 
kann man das peripher gerichtete Hervorwachsen der Seelenschichten 
auseinander und aus welchem die zentralwärts gerichtete Kückver- 
schiebung der Bewußtseinsschwelle erldären — so, daß die beiden 
Erklärungsgründe einander nicht widersprechen? Das Hervorwachsen 
der Sphären auseinander folgt mit Leichtigkeit aus dem Prinzip der 
zentralen Sphäre, dem WiUen zur Macht, d. h. dem blmden, objekt- 
losen MachtwoUen, welches wesentlich — wie Nietzsche es auch dar- 
stellt — ein WachsenwoUen und Vermehrenwollen seiner selbst ist, 
J)er MachtwiUe ist in die schier grenzenlose Mannigfaltigkeit der 
Individualitäten zersplittert: durch die Konfligenz wird er sein 
eigenes Hemmnis. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit, das außer- 
subjektive Seiende zum Objekt zu nehmen ^ Zweck und Ziel zu 
setzen — , um Konfligenz zu meiden: die Teleologie, das entgegen- 
gesetzte Prinzip wird erzeugt, weü es erfordert wird, und muß, weü 
es entgegengesetzt ist, in eine äußere Sphäre abgeschieden werden. 
Damit hat der MachtwiUe den ersten Schritt getan, sein Gebiet zu 
erweitern. Aber die Zielstrebigkeit ist voierst nur ein einstnnig ge- 
richteter Strahlungsvorgang: der Machtwille drängt weiter. Er 
fordert jetzt Allseitigkeit, unbegrenzte i\Iannigfaltigkeit der Orien- 
tierungsrichtung; er wiU nicht nur auf aUes wirken, sondern auch 
von allem aufnehmen können, nachdem das Streben einmal ein Objekt 
ihm gegeben hat. So wird die aktive Zielstrebigkeit vervollkommnet, 
indem der en1 gegengesetzte Vorgang, das passive Gefühl hervor- 
gebracht, weil gefordert, und ■ — als entgegengesetzt — wiederum in 
einer weiter außen gelegenen Sphäre lokalisiert wird. Noch ist der 
Machtwille nicht gesättigt: er will nicht nur auswirken und auf- 
nehmen, er will auch schaffen. Metaphysisch sr-höpferisch .ist der 
Mensch im begrifflichen Denken und im sittlichen Handeln (nicht 
etwa in der Kunst — gerade da ist er, metaphysisch betrachtet, rein 
nachbildend oder reproduktiv, indem er die Ideen nachformt, wie 
^chon Schopenhauer gezeigt hat). Das passive Gefühl, das reine 
Richtungsphänomen, das von allem aufninunt, fordert und erzeugt 
zu seiner eigenen Vollendung, d. h. zur Verarbeitung, zur Durch- 
klärimg des Aufgenommenen, das aktive .Denken, die Vernunft, als 
reines Strahlungsphänomen, das wieder sein G^genprinzip ist und 
darum nun die äußerste Sphäre und als reines Strahlungsphänomen 
zugleich eines neues, peripheres Zentrum der Seele ausmacht (vgl. 



54 Siegbeit Flemming, 

oben S. 32), ein „Pseudozentrimr'^), welches einen vorlänt'igen Al)- 
schluß der Willensent^äckhmg bedeutet. So sehen wir, wie aus deni 
Prinzip des Wülens zur ]\Iaf'ht alles übrige in peripherer Richtung 
hervorgeht nach dem Fundamentalgesetz des Gegensatzes, von dessen 
Ahnung Hegel eriüUt war. Die Tendenz der Seele nach peripher ge- 
richteter Entfaltung auf ihrem Evolutionsweg ist selbst em Zeichen 
und Ausdi'uck für die Erweiterung des Machtbereiches das Willens. 
Wie aber erklärt sich eine zentralwärts erfolgende Verkürzung 
dieses Machtbereiches, eine „Konzentrierung" der Seele, als welche 
sich die oben besprochene Verschiebung der Bewußtseinsschwelle dar- 
stellt ? Besinnen wh* uns einen Augenblick, daß ja die Verschiebung 
der Bewußtseinsschwelle samt der daraus resultierenden neuen, kom- 
bmierten Erkenntnisart ja nur für Ausnahmefälle zugegeben wiurde, 
nachdem eben zuvor konstatiert worden war, daß auch die isolierte 
Streb ungserkenntnis sich nicht mistande erwies, den zwmgenden Be- 
weis für absolute Existenz zu erbringen. Vermag dies mm die letzte, 
noch übriggebliebene Zone der Menschenseele zu tun, die Zentral- 
zone des Willens zur Macht? Oder nmß die Allgemeinheit der Menschen 
darauf verzichten, emen — wenn auch nur unterbewußten — Beweis 
dei Existenz zu haben? Muß sie ein ewig selbstungewisses Schatten- 
dasein führen, wie die Griechen glaubten nach dem Tode zu durch- 
leben? Aber das Leben selbst widerspricht der zweiten Alternative. 
Es ist nur möglich auf der Basis der — zwar un+erbe wußten — docli 
selbstgewissen, zwingend überzeugenden Erkenntnis positiver Existenz. 
Oben schon ist gesagt worden (S. 36), warimi der Wüle allein eine 
solche erbringen kann: nur er treibt zum, Konflikt, nur er löstWider- 
stand aus, und nur am Widerstand entzündet sich die einzig zwingende 
Erkenntnis, eben die „Willenserkenntnis". Wie kommt diese zustande? 
Wie entsteht Widerstand? Woher stanmit Konfligenz? Wie ist es 
möglich, daß der Machtwille l)essere Erkenntnismöglichkeiten bietet 
als selbst die Zielstrebigkeit, da er doch nicht einmal em Richtungs- 
phänomen ist — er, der blinde, objektlose Wille, der plan- und ziellos 
über die ganze Welt ausstrahlt, nur Wachstum begehrend, seinen 
Machthunger zu sättigen, ein reines Ausstrahlungsphänomon wie die 
Vernunft am andern Pol, sein polarer Gegensatz? Kein Konflikt 



^8) Man kann auch mit einem trefflich verwertbaren Ausdruck von 
Hartmami (System IV 68) die Vernunftsphäre, die Persönlichkeit oder das 
„Ich" des 'Menschen eine „Pseudosubstanz" nennen. 



Willenslehie als Erkenntnisvveg. 55 

entsteht dui-cli den Gebrauch der Vernunft, keinen Widerstand ent- 
zündet das logische und sittliche Denken im. All (vom Denken nur 
ist hier die Rede ohne Beimischung von Willenselementen, die das 
Handeln bedmgen); nach allen Seiten der Welt strahlt die Vernunft 
hinaus wie das Sonnenlicht, und von allen Seiten wird ihr das Licht 
— die Erkenntnis — reflektiert (aber ohne ihr Zutun) und erzeugt 
die mannigfaltigsten Inteifererzen: Interferenzen aber sind nicht 
Konflikte. Freilich ist der Machtwille reines Ausstrahhingsphänomen 
im Vergleich mit seinen untergeordneten Sphären, weil er nicht Rich- 
tungsphänonien ist; aber er ist deshalb nicht nur Ausstrahlungsphä- 
noraen, er ist nämlich noch etwas anderes, was keine der anderen 
Sphären ist, was er sich allein aid"behalten hat : er ist zugleich „Rück- 
saugungsphänomen". Wie er alles umfassen, auf alles emwirken will, 
so will er auch alles in sich aufnehmen, von allem etwas empfangen : 
das ist Wille zur Macht. Ist das sinnliche Abbild der Vernunft das 
Licht, des Gefühls die Entladung, der Stiebung die Flamme — auch 
die kalte, phosphorische Flamme — , die alles in Zielstrebigkeit — in 
Flamm-e — aufzulösen, aufzuzehren strebt, so ist dasjenige des Macht- 
wiUens die Wärme: sie strahlt und strömt nach allen Seiten aus, 
aber sie strömt auch von allen Seiten zurück, sie wird aktiv (durch 
das ,, Leitvermögen") zurückgesaugt, und wo sich sehr unterschied- 
liche Wärmeeüiflüsse kreuzen, da ist ein Herd von Konflikten: durch 
plötzliche Erhitzung oder Abkühlung werden die stof fliehen Körper 
leicht zerstört. 

Nun wh'd sogleich verständlich die Möglichkeit der Rückver- 
schiebung der Bewußtseinsschwelle: sie geht aus demselben Prinzip 
wie die peripher tendierende psychische Evolution hervor, sie ist 
gleichfalls ein Ausfluß des Willens zur Macht, aber dieses Mal als 
Rücksaugungsphänomens. Ebenso wird jetzt verständlich die Möglich- 
keit der primitiven „Wülenserkenntnis". Die Rücksaugung schafft 
im Verein mit der Ausstrahlung zunächst die Abhebungsmöglichkeit 
für das außersubjektive Seiende überhaupt (noch nicht als Objekt): 
die Willenserkenntnis richtet sich auf die Gesamtheit des Seienden 
an sich, auf die Gemeinschaft als solche der anderen AVillenszentra, 
auf das Andere schlechthin („der Wille ist das Prinzip seines Anderen", 
Ssolowiow), auf die nackte Existenz der Substanz, ohne Rücksicht 
auf Modi und Attribute; sie ist inhaltlich auf ein Müiimum beschränkt, 
aber sie ist dafür von unumstößlicher Gewißheit. Nun fordert sie Er- 



üb iSic'gbi'it J''lfinjiüiig, 

Weiterung üires: Bereiches, Ausdehnung auf die Einzelumstände der 
Existenz, auf Modi und Attribute der Substanz: der AVille wendet 
das Rücksaiigungsvermögen, um diese Erweiterung zu bewirken, auf 
die von ihm zu seinen Zwecken durch das Ausstrahlungsvermügen 
aus sich heivorgetiiebenen Seelen?phären an, er zieht sie zusammer, 
sie schieben sich ineinander, die Bewußtseinsschwelle rückt zentral- 
wärts, und die neue Erkenntnisart ist gewonnen. ^^) So ist das blinde 
Dahinleben der Menschen in ilirer großen Allgemeinheit, das nur aut 
der unterbewußten Willenserkenntnis basier*^, die wichtige und not- 
wendige Vorbereitung für eine künftige Evolutionsstufe der Mensch- 
heit, die bisher in ihrer bereits zurückgelegten geschichtlichen Ent- 
wicklung nur durch wenige, schon weiter vorgeschrittene, die künftige 
Stufe vorausnehmende Vertreter vorbereitet T\Tirde. 

Nietzsche sagt: „Die Erkenntnis whd, bei höherer Art von Wesen, 
auch neue Formen haben, welche jetztnoch nicht nötig sind" (WzM 615). 



4. Abschnitt: 
Willensmetaphysik. 

.Die Frage nach dem zwingenden Beweis der absoluten Existenz 
ist beantwortet. Die erkenntnistheoretische Betrachtung hat in eine 
psychologisch-metaphysische übergeführt. Die evolutionistische Basis 
der Lehre von den Seelensphären bildet die Grundlage der hier ent- 
wickelten erkenntnistheoretischen Position. ]l)eshalb bleibt noch eine 
liesondere Betrachtung dieser Voraussetzung des gesamten Gedanken- 
ganges übrig. Nicht allein das Nebeneinanderbestehen der Seelen- 
sphären wurde angenommen — dies ist bereits im Vorliegenden (im 



^®) Unwillkürlich wird man hierbei an des Dionysius Areopagita ,, ver- 
mischte und ineinander ü b e r s c h w e b e n d e p]nergien" (wörtlich : ,, Über- 
gangsenergien") und die zentrale Bewegung der Seele als „Einkehr in sich 
selbst und Abkehr von r'en Außendingen, bestehend in der Zusanimenwicklung 
ihrer iutelligiblen Kräfte zu einer Einheit", erinnert (Deussen, Philosophie 
des Mittelalters S. 300). 



^\'illeuslehl■e als Erkeiuituisweg. 57 

Aiisjchluß an ]Nietzsche und Du Prel sowie ihre Vorgänger) genügend 
begründet worden — , sondern auch ihi* zeitliches Auseinanderhervor- 
treten. Auch diese? folgt durchaus konsequent aus den Lehren von 
]S[ietzsche und Du Frei, aus dem Geiste dieser Lehren vor allem; es 
ist in dieser oder jener Form, bald an dieser, bald an jener Stelle schon 
von ihnen (mehr andeutungsweise vielleicht) ausgesprochen worden, 
wenn auch nicht in der hier gegebenen systematischen Form. 

Die Kückverschiebung der Bewußtseinsschwelle ist nur möglich, 
wenn die Seelensphären in der absoluten Gewalt des MachtwiUens 
stehen. Dies kann nur der Fall sein, wenn sie aus üim hervorgegangen 
sind; denn nur über Ureigenes ist absolute JMacht möglich. Es ist 
also erfordeilich, zur Verteidigung der hier vertretenen Position, die 
Evolution der Seelensphären noch besonders zu begründen. Da die 
unterbewußten Residuen früherer Evolutionsstufen dem Bewußtsein 
der Allgemeinheit nicht zugänglich sind, die Aussagen einiger weniger 
führender Geister der Menschheit in einem demokratischen Zeitalter 
eine Sache nicht einmal wahrscheinlich zu machen, geschweige denn 
zu begründen geeignet sind, endlich die Zeugnisse der Paläontologie 
als kümmerliche Bruchstücke sich ganz unzuverlässig zeigen (dennoch 
aber eher eine Bestätigung als eine Widerlegung darzustellen scheinen), 
so bleibt nichts weiter übrig, als auf die gegenwärtig vorhandenen, 
überdauernden Überreste, gleichsam Nachzügler der früheren Evo- 
lutionsstufen der Menschenseele hinzuweisen: das sind die drei Natur- 
reiche, die Steinarten, die Pflanzenarten, die Tierarten. 

In den Mineralien als solchen, d. h. in den sloftlich homogenen 
Einheiten der Felsgesteine, betätigt sich der Machtwille unmittelbar: 
hier ist die nackte potestatische Sphäre verkörpert, das Bedürfnis 
nach gestaltloser Raumerfüllung, nach Ausdehnung schlei-lithin. Der 
Carte sianische Gegensatz von denkender imd ausgedehnter Substanz 
erscheint im vorliegenden Zusani.menhang in einer neuen, inter- 
essanten Beleuchlung. Nietzsche sagt in einem Abschnitt über Physik 
und Chemie (WzM 836): 

„Meine Vorstellung ist, daß jeder spazifische Körper darnach 
strebt, über den ganzen Raum Herr zu werden und seine Kraft auszu- 
dehnen ( — sein Wille zur Macht ) und alles das zurüclczustoßen, was 
seiner Ausdehnung widerstiebt. Aber er stößt fortwährend auf gleiche 
Bestrebungen andrer Körper und endet, sich mit denen zu arran- 
gieren (vereinigen), welche ihm verwandt genug sind — so kon- 



58 Siegbeit Flemming, 

spiriereii sie dann zusanniieii zur Macht. Und der Prozeß geht 
weiter — " 

In den physikalischen Prozessen kommt eben der Wille zur Alacht 
als Ausstrahlungsphänomen, in den chemischen Prozessen derselbe 
als Rücksaugungsphänomen besonders zur Geltung.'*") Das erstere 
kommt in den folgenden Worten, bei denen Atom im. Sinne des physi- 
kalischen Moleküls zu verstehen ist, noch frappanter zum Ausdruck 
(WzM 634): 

,, Jedes Atom wirkt in das ganze Sein hinaus, — es ist weggedacht, 
wenn man diese Strahlung von Machtwillen wegdenkt." 

Auf dem absoluten, starren Machtwillen beruht die Berecheubar- 
keit, der scheinbare Mechanismus der anoiganischsn Welt. ,,Es gibt 
kein Gesetz: jede Macht zieht in jedem Augenblick ihre letzte Konse- 
quenz'' (WzM 634, vgl. auch J 21/2). Gerade diese Konsequenz des 
starren MachtwiUens erscheint tlem Forschen des analysierenden 
Menschengeistes als ein System von Regeln und schließlich — bei 
unterbewußter Personifizierung der Natur — als ein System, von 
Gesetzen.'*^) Aber das ist eben nur die Seite der ,, Erscheinung'' an 
der Welt, zu der ja auch die Kausalität gehört; hier kom.m.t das Mo- 
ment der Täuschung, der Maja, zur Geltung, das der phänomenalen 
Welt anhaftet. 

In dem. starren Felsgebhge, in der Steinkruste, welche den ganzen 
Erdkörper nach allen Seiten endlos um.spannt — nach dem Prinzi]) 
der Kreislinie, welche dia größte Macht repräsentiert — . in dem festen 
Aggregatzustand des Stoffes also, kommt der Macht wülo als Aus- 
strahlungs- und Rücksaugungsphänomen zugleich zum Ausdruck, als 
Ausdehnung und Zusainmenballung; erstere bewirkt den lückenlosen 
Verschluß des Erdkernes, letztere die Faltungen der Erdschale. Das 
AVasser kann sich nicht ausdehnen, ohne zu zerfließen: es muß sich 
in Becken und Rillen sam.meln; es zeigt ausgesprochenes Konzen- 



'*") Es ist interessant zu sehen, wie sehr sich selbst in den Ausdrücken 
Schubert und Nietzsche in der Auffassung der chemischen Prozesse nähern: 
Ahndungen S. 35 (vgl. oben S. 29) und WzM 634 (,, Wille zur Vergewaltigung 
und sich gegen Vergewaltigung zu wehren"). 

'*^) J^Yeilich gebraucht die heutige positivistische Naturwissenschaft 
diesen letzteren Ausdruck ,, Gesetz" fast gedankenlos im Sinne von „Regel", 
ohne sich über den wirklichen Inhalt des von iln- angewandten Begriffes — wie 
Nietzsche doch anzunehmen scheint (WzM 629, 632) Rechenschaft abzu- 
k^gen. 



Willeuslehi'e als Erkeiuituisweg 59 

trationsvenncgen (den sogen. Wasserdruck und daher geringe Elastizi- 
tät). Das Meer nimmt alle Flüsse und durch diese wieder alle Wolken 
in sich auf (die selbst wieder aus dem Meere aufgesaugt werden). 
Der flüssige Aggregatzustand des Stoffes (selbst noch der Kreislauf 
des Wassers) verkörpert den Machtwillen als rsines Kücksaugungs- 
phänomen. Die Luft endlich, die Atmosphäre, ström.t nach allen 
Seiten haltlos auseinander. Sie hat kein eigenes, mneres Prinzip der 
Sammlung. Sie zerfließt, solange sie damit Widerstand überwinden 
kann (der Machtwille basiert auf Ivonfligenz), erst wo der Widerstand 
aufhört, hört auch ihre Bewegung, d. h. ihr Ausbreitungsbedürfnis 
auf — am Rande des Weltenraumes. Der gasförmige Aggregatzustand 
des Stoffes also verkörpert den Machtwillen als reines Ausstrahlungs- 
phänomen. Beim Erhitzen gehen die Körper im ersten Phasenwechsel 
aus dem Zustand des doppelten Vermögens in den des einfachen über: 
Schmelzen ist ein metaphysischer Vereinfachungsprozeß, was sich 
auch in der gänzlichen Formlosigkeit der Flüssigkeiten ausspricht — 
feste Körper im physikalischen Sinne haben immer eine wenn auch 
von außen aufgezwungene, relativ dauernde Form. Beim zweiten 
Phasenwechsel kehrt sich die Eichtung des metaphysischen Wirkens 
in das Gegenteil ihrer selbst um: Vei dampfen ist ein metaphysischer 
Vertauschungsprozeß, was sich phänomenal auch darin ausspricht, 
daß Flüssigkeiten abwärts. Gase aufwärts strömen. 13a die chemischen 
Verwandlungen ein spezieller Ausdruck des Macht willens als reinen 
Rücksaugungsphänomenes sind, verlaufen sie stets im flüssigen Ag- 
gregatzustand, wenn auch das Auge die Schm.elzung oder Konden- 
sierung, die also vorhergehen muß, wegen der Schnelligkeit des Gesamt- 
vorganges oft nicht wahrnehmen kann. 

Vergleicht man die einzelnen Mineralarten untereinander, so er- 
kennt man den Grad der Stärke desMachtwillens, den sie verkörpern, 
an dem Grad der Härte und Leichtigkeit der betreffenden Stoffarten. 
Dies war schon Schubert bekannt (Ahndungen S. 34 ff.), der auf das 
inverse Veiliältnis aufmerksam macht, in dem bei den Metallen Härte 
und Schwere stehen (Gold ist weich und schwer, Arsen spröde und 
leicht usw.). Die Schwere zeigt die Abhängigkeit von der Gesamtheit 
der übrigen Körper, von dem Erdganzen durch den unwiderstehlichen 
Zug nach dem Zentrum an, die Weichheit durch die geringe Wider- 
standsfähigkeit gegen das Eindringen und Eindrücken fremder Körper. 
Der Diamant repräsentiert den vollkommensten Willen zur Ma^-ht 



60 Siegbert Flemming, 

in der anorganischen Natur. Mit steigender Härte und Leichtigkeit 
nimmt auch die Durchsichtigkeit zu, die einen Ausdruck vollkom- 
nienerer intensiver Rauml)eherrschung darstellt, wie die stärkere Aus- 
dehnung, das größere Volumen bei gleichem Gewicht einen solchen 
vollkoramenerer extensiver Raumbeherrschung. Weininger (II 129) 
faßt die schwarze Kohle als Ausdruck des ,, absoluten Nichts", den 
volüvommen durchsichtigen .Oiamanten, ihr Gegenteil, als Eepräsen- 
tanten des „Ktwas" auf — also Kohle und .Diamant als Symbole für 
tiefste? Mchtseiendes und höchstes Seiendes im eleatischen Sinne — . 
Dieser statischen Äußerung des Machtwillens über Untergeordnetes 
in dessen Weichheit und Schwere entspricht die dynamische Äußerung 
in Wärme Wirkung (vgl. oben S. 55), daher die weichsten und schwersten, 
also schwächsten Stoffarten (die Metalle, besonders die Edelmetalle) 
am leichtesten erwärnit werden, d. h. die besten Wärmeleiter sind 
(Schubert S. 42). Hinwiederum werden die Körper im allgemeinen 
FaU durch denselben Einfluß, der ihre Schwäche bekundet, zugleich 
gestärkt, zu umfänglicherer Raumbeherrschung „ermächtigt", indem 
sie sich ausdehnen (Ausdehnung ist Ausdruck des Machtwillens, siehe 
oben), also gegen die Einwirkung des fremden Machtwillens den 
eigenen aufrufen und im Widerstand und Kampf vei stärken: sie 
werden relativ viel leichter, als sie an Härte einbüßen, wie die Aus- 
dehnung anzeigt — bis der Phasenwechsel keinen Vergleich mehr 
zuläßt: deim em neuer Aggregatzustand ist eine qualitativ, nicht nur 
quantitativ andersartige Verkörperung des Machtwillens. Der reine 
Machtwille, wie er sich in der anorganischen Na^ur äußert, strebt 
nach Veieiniachung (vgl. Nietzsche, AVzM 644); hat er jenen Stärke- 
grad erreicht, auf dem er diese durchsetzen kann, so schmilzt der be- 
treffende Körper. Die Vereinfachung biingl aber eine Einsaitigkeit 
mit sich, welche der Machtwille nun bestrebt ist, durch die entgegen- 
gesetzte Einseitigkeit bei gleicher Einfachheit auszugleichen: im Ver- 
dampfen. Daher sind auch die beiden einfachen Aggregatzustände 
vertauschbar, so daß häufig an Stelle des Schmelzens das Verdampfen 
(beim Arsen z. B.), an Stelle des Kondensierens das Sublimiereu 
(Schnaebildung) tritt, je nach den besonderen augenblicklichen Span- 
nungsverhältnissen der Machtwillenszentra. 

Die einzelnen Mineralarten, welche sich also durch den Stärke- 
grad ihres Machtwillens voneinander unterscheiden, sind aber auch 
qualitativ verschiedenartig, sind Individualitäten; denn weim ihr 



Willenslehie als Erkemitnisweg. 61 

Spezifisches Charakteristikum nur das quantitative Moment, eben 
der Stärkegrad des Machtwillens, wäre, au? dem sich dann sämtliche 
phänomenale Qualitäten metaphysisch ableiten lassen müßten, so 
würde es eine kontinuierliche Skala von St off arten geben, also deren 
eine unendlich große Zahl. Gesetzt nun selbst, es ließe sich im Laufe 
unbestiinmter Zeit die Zahl der uns bekannten Stoffarten ins Un- 
begrenzte vermehren, so zeigt die Chemie heute doch schon gewiß 
(durch das periodische System der Elemente), daß es nirgends einen 
kontmuierlichen Übergang zwischen zwei Stoffarten gibt. Das „Spe- 
zifisch-sem, das bestimmt So-und-so-agieren und -reagieren, je nach- 
dem", welches Nietzsche die „Perspektiven-setzende Kraft" des 
Machtwillens nennt (WzM 636), ist eben sein Individualisiert-sein, 
und die Wülensindividualitäten smd identisch mit den Platonisch- 
Schopenhauerischen Ideen. An einigen Stellen des zweiten Buches 
seines Hauptwerkes stellt ja eben Schopenhauer die Ideen ganz im 
Sinne Nietzsches als Individualitäten des Machtwillens dar. ^ Bei 
Piaton freilich tritt das thelische Moment in den Hintergrund. 

Haben wir im Vorstehenden die anorganische Natur als einen 
Komplex verkörperter Wülensindividualitäten kennen gelernt, so 
wird uns die mythologisierende Tendenz der alten heidnischen Natur- 
religionen begreiflicher, und besser verstehen wir auch nun die damit 
verwandte belebende und zugleich beseelende Naturanschauung des 
lyrischen Dichters, die Du Prel eben wegen dieser Verwandtschaft 
mit dem Weltbild früherer Menschheitsstufeu eine „paläontologische 
Weltanschauung" nennt (,, Psychologie der Lyi-ik"), und wir können 
nicht mehr mit ihm ein bloßes Projektionsphänomen, eine „anthropo- 
moiphisti'che Betrachtungsweise der Natur" darin erblicken (S. 98). 
Noch für das künstlerische Empfinden unserer Tage wird der chaotisch 
nach Gestalten ringende Nebel über einem Wasserspiegel die richtige 
Gefühlserkenntnis auslösen, daß hier WiUenswesen zu dichterer Ver- 
körperung sich anschicken — die „Wassergeister" der Wilden, von 
denen Du Prel spricht (S. 99) — , und zwar eben mit der eigentüm- 
lichen Art unbestmimter Gestaltungskraft, welche dem Stäike- 
grad des MachtwiUens auf der Stufe des Wassers entspricht 
vgl. S. 39). 

Auch Pflanzen- und Tierarten sind Individualitäten des Macht- 
willens; aber sie erschöpfen sich nicht in dieser Definition, wie die 



%2 Siegbert Flemming, 

Miueralarten.^^j Bei der Pflanze tritt die Zielstrebigkeit zum reinen 
Machtvvillen hinzu, die vom Mineral vorerst nur gefordert wird — und 
zwar im Kristall. In letzterem gelingt noch nicht die individuelle 
Form, es gibt nur wenige Krista]lli:lassen (fast alle Metalle z. B. kri- 
stallisieren regulär). In der Pflanze gelangt das Gestalten und Organ- 
sieren zu höchster Vollendung, indein die verlorenen Teile beliebig 
regeneriert vcerden können; zugleich wird es dem Machtwillen voll- 
kommen untergeordnet: alle Formen sind Ausdruck der Individualität 
der Pflanzenart. Nietzsche sagt (WzM 644): 

„Die größere Kompliziertheit, die scharfe Abscheidung, das 
Nebeneinander der ausgebildeten Organe und Funktionen, mit Ver- 
sehwinden der Mittelglieder — wenn das Vollkomraenheit ist, so er- 
gibt sich ein Wille zur Macht im organischen Prozeß, vermöge dessen 
herrschaftliche, gestaltende, befehlende Kräfte immer das 
Gebiet ihrer Macht mehren und innerhalb desselben immer wieder 
vereinfachen: der Imperativ wachsend". 

Ferner heißt es bei ilim (WzM 647): 

„.Der Einfluß der äußeren Umslände ist bei .Darwin ins Un- 
sinnige überschätzt: das Wesentliche am Lebensprozeß ist gerade die 
ungeheure gestaltende, von innen her formen- 
schaffende Gewalt, welche die äußeren Umstände ausnützt, 
ausbeutet — "^^) 

Die „Zielstrebigkeit" erscheint auch äußerlich ni der linearen 
Struktur des Pflanzentörpers. Im Tier tiitt die Empfindung hinzu, 
wodurch die lineare zur flächenhaften Struktur wird (auch als cha- 
rakteristische Ausbildung der Gewebe — das Gefühl hat beliebige 
Richtung — ): jede metaphysische — jede seelische Sphäre findet 
ihren körperlichen Ausdruck in der phänomenalen Welt. Auch die 
Empfindung steht im Dienste des Machtwillens, entsprechend sind 
daher hier auch alle Reaktionsbeweguiigen Ausdruck der Indivi- 



*^) Es entspricht der gradweisen Entwicklung und Erweiterung des 
Machtwillcns in vier Natiu-reichen, wenn die neuere Religionsgeschichte als 
unterste Stufe der primitiven Religionen die nackte Machtverehrung (den 
Alana -Kultus) aufstellt und darüber erst Animatismus und Animisraus und 
endlich die Verehrung persönlicher Götter (als Urheber oder Urväter) folgen 
läßt. 

*=*) Der nun folgende Satz paßt freilich nicht da/u und spielt überdies 
Darwin gegen Darwin aus. 



Willenslehre als Erkemitnisweg. 05 

dualität dr-r Tierart. Die Empfindung, das Gefühl überhaupt, 
wu-d von der Pflanze vorerst gefordert — in der Fähigkeit, auf 
Reize zu antworten; es gelingt aber noeh nicht die innerüche 
Anwort auf den Reiz, W3lche das Tier kennzeichnet. Die 
Pflanze antwortet mit äußeren Bewegungen, das Tier hat 
Eindrücke, auf die es nur mit der Stimme reagiert: das ist 
das Kennzeichen des echten Gefühls. Durch dieses erlangt der 
Macht^ville Jens allgemeine Aufnahmefähigkeit (vgl. S. 53), von 
der Nietzsche sagt (WzM 651): „Man kann die unterste und ursprüng- 
lichste Tätigkeit im Protoplasma nicht aus eüiem Willen zur Selbst- 
erhaltung ableiten: denn es nimmt auf eine unsinnige Art mehr in 
sich hinein, als die Erhaltung bedingen würde: und vor allem, es 
erhält sich damit nicht, sondern zerfällt.'' Dieses Zerfallen und Ab- 
scheiden, das auch eine geringere Regenerationsfähigkeit bedingt und 
in seiner charakteristischen Art dem tierischen Organismus allein zu- 
koimnt (die Pflanze nimmt exakt nur das auf, was sie braucht, gemäß 
ihrer vorherrschenden Zielstrebigkeit), ist der physische Ausdruck 
der metaphysischen Dezentralisation des Machtwillens durch das Ge- 
fühl, bei höheren Tieren durch vielfältige Gefühlskomplexe, d. h. 
Leidenschaften, wie die Blutgier der Raubtiere und als ihr Gegen- 
stück die Todesangst der Weidetiere zeigt. Daß aber diese Dezentrali- 
sation im Dienste des Machtwillens selbst steht, sagt Nietzsche mit 
den Worten (WzM 655): „Je größer der Drang ist zur Einheit, um so 
mehr darf man auf Schwäche schließen; je mehr der Drang nach 
Varietät, Differenz, innerlichem Zerfall, um so mehr Kraft ist da." 
Beim Menschen kommt die Vernunft hinzu, die das Tier vorerst 
fordert — durch die Nachahmung. Die Vernunft geht nicht nur aus 
einem Zentrum hervor, sondern schafft auch ein neues Zentrum; 
daher streJjt der menschliche Leib nicht nur sich abzuheben vom Erd- 
boden als dem Ausdruck des nackten mineralischen Machtwillens, 
sondern er strebt auch in allen seinen Teilen zum Haupt empor: das 
ist in summa die wahre „Symbolik der menschlichen Gestalt" (nach 
einem Ausdruck von Carus). Da aber auch die Vernunft im Dienste 
des Michtwillens steht, so sind entsprejihend auch die Formen alk 
Teile des m6ns3hli3hen Leibes und zugleich die Persönlichkeit selbst 
Ausdruck der Individualität der Menschenseele, des transzendentalen 
(Charakters (jeder Menssh ist eine platonische Idee für sich): darauf 
beruhen die Regeln der Physiognomik in deren mannigfach verzweigten 



s 



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64 Siegbert FIciuming, 

Einzeldiszipliiieu. Für alle vier Stufen des .Daseins gilt selbstver- 
ständlich, daß der jeweilig erreichte Evolutionsgrad nur in den voll- 
kommensten Vertretern zu volllvommener Geltung gelangt. Der 
Mensch enthält alle Naturreiche in sich: das ist die uralte Lehre vom 
Mikrokosmos. Nur im vernünftigen .Denken und Handeln ist er 
Mensch; in der Empfindungszone ist er Tier, und in den Äußerungen 
des „Gemütes" ist er dieses allein, hier kommt die Schwelle des Be- 
wußtseins näher der Peripherie; in der Zielstrebigkeit ist er Pflanze, 
und im Schlafe ist er diese allein — ein rein organisches Wesen; im 
Machtwülen endlich ist er Gestein, und in tiefer Ohnmacht, im Schein- 
tod und in der Todesstarre bis zum Beginn der Verwesung ist er nui' 
dieses und fällt also zurück m die BewTißtsemsform des Minerals. So 
können wir vom Menschen auf die Innenwesenheit der Naturreiche 
einen Rückschluß machen. Schubert sagt in den Ansichten (in der 
zehnten Vorlesung über ,,!)ie Pflanze im Tiere; das Tier aus der 
Pflanze", S. 139): 

„Wir stehen ohne Aufhören mit dem größeren, mit dem wich- 
tigsten Teile unseres leiblichen Wesens in die Flut eines nächtlichen 
Schlummers versenkt, und von dieser Nachtseite unseres irdischen 
Seins hänget unser Wohlbefinden, unsere Gesundheit, ja unser Leben 
ab. Das, was an uns schläft, ist von der Natur einer Pflanze; dieses 
Schlafende bereitet, ohne es zu empfinden, die Säfte; es bewegt sie 
als Blut in den Gefäßen; es wachset, gestaltet, schaffet ein Neues 
seiner Art; auf der Pflanze oder eigentlich in üir wohnt aber ein empfm- 
dendes, willkürlich sich bewegendes Tier, und im Tiere der Mensch. 
J)ie Pflanze hat darin es gut, daß sie nicht erst ein Lager der Ruhe 
sich zu suchen und zu bereiten und der Stunde de? Schlafes sehnlich 
entgegen zu harren braucht; sie ruhet und schläft den ganzen Tag. 
und der Schlaf ist so erquickend und süß, daß auch das Tierlein, welches 
auf der Pflanze lebt, und selbst der in diesem wohnende Mensch am 
Abend um mit der älteren Schwester teilen,'' 

An dieser Stelle des Gedankengangs drängt sich von selbst die 
Frage auf, warum die Evolution auf der iin Menschen erreichten Stufe 
Halt mache, ol) sie dies überhaupt tue oder tun werde, ob es vielmehi- 
metaphysisch möglich oder vielleicht gar notwendig sei, Substanzen 
anzunehmen, die vollkommener sind als die Menschenseele (eme größere 
Zahl von Zonen haben als diese), wie noch Leibniz dies lehrte, der ja 
schon durch die von Bruno überkommene Grundlage des Monaden- 



Willeiislehi-e als Erkenntnis weg. Ö5 

Systems— die beiderseits unbegrenzte Stufenleiter der Monaden, die 
essentielle Unendlichkeit des Alls — in Verbindung mit seinen eigenen 
Prinzipien der Harmonie und Stetigkeit zu dieser Lehre gedrängt 
mirde. Eine solche etwa künftig zu erwartende, höhere Evolutions- 
stufe müßte schon in der jetzigen h-gendwie angedeutet sein. Wie 
das Mmeral im Kristall die Pflanze, die Pflanze in der Reizbarkeit 
das Tier, das Tier in der Nachahmung den Menschen fordert, so müßte 
der Mensch m ii-gendwelchen ausnahmsweisen Erscheinungsformen 
semes Seelenlebens den „Übermenschen" fordern. In diesem Zusam- 
menhange sind wieder Worte von Schubert bedeutungsvoll; nachdem 
er von der Reizbarkeit der Staubblätter und Fruchtblätter gesprochen 
hat, sagt er (ebenfalls m den Ansichten S. 145): 

„Es sind diese Erscheinungen in der Geschichte des allgemeinen 
Lebens von emer tiefen Bedeutung. Gerade in dem höchsten Mo- 
mente des BliÜiens, welcher auch zugleich der des Verwelkens und des 
Todes ist, zeigt sich im Pflanzengeschlechte eine Vorahnung des höheren 
tierischen Daseins. Es erwacht auf einmal eine vollkommnere Natur- 
kraft, die als Empfmdlichkeit und Bewegung sich äußert und welche 
bisher nie an der Pflanze hervorgetreten war. So hat die Blüte noch 
in dem Augenblicke ihres Sterbens ein deutliches Vorgefühl und selbst 
den lebendigen Ausdruck emes höheren Lebens, wie sich auch bei 
dem Menschen gerade in den höchsten, geistigsten Augenblicken 
seines Daseins, wekhe für dieses zugleich die zerstörendsten sind, die 
Vorahnung eines höheren, künftigen Zustandes zu entfalten scheint. 
Es werden in solchen Momenten das Organ und die bisher tief im 
Innern verborgenen Kräfte eines vollkommneren Lebens aufgeweckt 
und belebt, und wir erkennen sie öfters in jenen Äußerungen, welche 
wunderbar über die gewöhnlichen Grenzen unserer Natur hinüber- 
reichen. Die einmal erwachte Psyche des höheren Lebens bildet sich 
nun mitten in der alten Hülle aus und zerstört diese, wie die wachsen- 
den Flügel des Schmetterlings die üirige, bald schneller, bald allmäh- 
licher. Auf solche Weise wirken die höchsten Momente des individuellen 
Daseins auf dieses selber auf lösend, weil in ihnen ein künftiger höherer 
Zustand in den vorhergehenden un vollkommneren eingreift." 

An anderer Stelle sagte er ergänzend (S. 157): „In einzelnen 
lichten Blicken sehen wir die Vorahnung des menschlichen Daseins 
an dem tierischen vorübergehen, und öfters wird dieses noch im 
Scheiden gleichsam durch ein fern dämmerndes Bewußtsein verklärt." 

Archiv für Geschichte der Philosophie (Beilageheft). 5 



H6 Siegbert Flemming, 

Speziell über dieses gesamte Thema handelt die zwijlfte Vorlesung 
der Ansichten; von der Vorausnahme der Pflanze im Mineral durch 
die Kristallisation ist am Schluß der siebenten die Rede. 

Die Frage gehört durchaus — wenn auch nur anhangsweise — 
in den Rahmen der vorliegenden Abhandlung, da ja die Annahme 
noch höherer Evolutionsstufen die Möglichkeit auch höherer, voll- 
kommenerer Erkenntnisarten — für die Zukunft wenigstens — ein- 
schließt, im Vergleich mit denen (durch die Abhebungsmögliclilvcit) 
sich der Mensch der Mängel der jetzt in Entwicklung begriffenen 
Erkenntnisform bewußt werden würde^^); denn die Mängel des Nie- 
deren können erst durch den Vergleich mit dem Höheren erkannt 
werden (man denke auch hier wieder an Nietzsches „Stufen der Schein- 
barkeit"). Eine solche höhere Erkenntnisart würde möglicherweise 
zustande kommen können, wenn bei Ausbildung noch weiterer Seelen- 
sphären aus dem Vermögen des rücksaugenden MachtwiUens heraus 
wieder eine Rückverschiebung eintreten würde. Eine solche Rück- 
verschiebung wäre dem Machtwillen dann erst möglich und auch 
dann erst nützlich, wenn in einer später zu bildenden Zone ein Ana- 
logon zu dem entstehen würde, was wir aus der Empfindungszone 
her als ,, Bewußtseinsschwelle" kennen. Sie wäre dann erst möglich, 
weil ein Gebilde dieser Art eine Grenzschicht darstellt und als solche 
allererst eine — relative — seelische Lokalisierung ermöglicht: Ver- 
schiebung aber setzt Lokalisierung voraus. Sie wäre auch dann erst 
nützlich, weil jede wahre Erkenntnis (wegen der benötigten Ab- 
hebungsmöglichkeit) aus — inneren, d. h. innerseelischen — Grenz- 
prozessen besteht (im obigen Falle aus Gefülüen und Streb Ungen, 
welche die verlegte Bewußtseinsschwelle passieren) uiul ein Gebilde 
der genannten Art — eben eine Bewußtseinsschwelle — allererst so 
beschaffene Grenzprozesse ermöglicht. 

Gewiß ist, daß die letzthervorgewachsene Zone, die der Ver- 
nunft, d. h. der Ichbildung oder Persönlichkeitswerdung durch folge- 
richtiges (begriffliches) und gegenständliches (sittliches) Urteilen (durch 
Logik und Moral), ein neues — peripheres — • Zentrum geschaffen hat, 



**) Carus hatte hiervon eine Ahnung, wenn er (Psyche S. 187) die Weis- 
heit als das Wissen von der Idee definiert und hinzufügt: „Zu weiterer Fort- 
bildung ist in dieser gegenwärtigen Daseinsform eine Möglichkeit überhaujit 
nicht gegeben." Darin liegt eben die Ahnung künftiger Möglichkeit in künf- 
tiger 2feit. 



Willenslehie als Erkeiuitnisweg. 67 

eiiien Reflexpunkt des ursprünglichen Zentrums, aus welchem daher 
auch die Handlungen und Entschlüsse (vgl. S. 39), die „Reflexionen'' 
des Machtwillens, durch Rückwirkung auf die zielstrebige Sphäre 
hervorgehen, und daß dieses so geschaffene neue Zentrum — es wurde 
schon oben gesagt — als eine Axt Rücldsehr zum Ausgangspunkt 
eine Zäsur in der Evolution bedeutet. Aber so gut wie das erste Mal 
die Evolution aus einem Zentrum hervorging, könnte sie nun aus 
einem neuen Zentrum von neuem und sogar in einem neuen Sinne 
anheben. 

Gewiß ist andererseits — auch das wurde schon gesagt — daß 
die Vernunft ein metaphysisches Grenzphänomen ist, daß sie die 
äußerliche Berührung der Menschenindividualitäten zu regulieren be- 
rufen ist, daß sie die Peripherie der Seele darstellt. Kann über die 
Peripherie hinaus noch etwas geschaffen werden? x\ber Peripherie 
ist hier ein relativer Begriff. Im Tier ist die Empfindungssphäre 
Peripherie; durch die unmittelbare Reaktion auf Empfindungen 
— welche Reaktion eine Rückwirkung auf die zielstrebige Sphäre 
ist — kommt die Berührung mit der Außenwelt zustande. In der 
Pflanze ist die letztgenannte Sphäre selbst die Peripherie ; dies findet 
seinen äußeren Ausdruck darin, daß durch das Wachstum allein die 
unmittelbare Berührung mit der Umgebung stattfindet, welches beim 
Tier auf seinem ausgesprochensten Stadium im Innern von geschlos- 
senen Hüllen verläuft, entsprechend wie beim Menschen die Reaktion 
auf Empfindungen verinnerlicht zu werden strebt in der Möglichkeit, 
eine Handlung als Entschluß in der Seele zurückzuhalten. In der 
metaphysischen Welt gibt es keine absolute Lokalisierung; denn der 
Raum ist ja phänomenal. Es gibt in jener nur ein Zentralsein in bezug 
auf die eigene Peripherie und ein Periphersein in bezug auf das eigene 
Zentrum, also ein Innen und Außen durch wechselseitige Bestim- 
mung. Nun zieht sich, transzendental gesprochen, Gleichnamiges, 
Verwandtes an (phänomenal gesprochen, zieht sich Ungleichnamiges, 
Gegensätzliches an). Folglich stoßen die Individualitäten einerseits 
mit ihren peripheren Enden aneinander: das ergibt die irdische AVeit 
(die eine Täuschung ist, weil es kein Ende gibt) — andererseits mit 
ihren zentralen Anfängen: das ergibt die jenseitige Gemeinschaft 
der Seelen, das Monadensystem. 

Das Monadensystem gibt den abschließenden Überblick über die 
hier entwickelte Seelenlehre. .Oie AViderlegung dieses Systems macht 



68 Sic'gbert Fleiuiuiiig, 

Hartmami sich etwas leicht, wenn er sagt: ,,Der Beweis für die Un- 
inögüchkeit eines Pluralismus der metaphysischen Tätigkeit liegt, 
kurz ausgedrückt, in der Umnögliclikeit von Beziehungen zwischen 
ursprünglich getrennten Tätigkeiten" (System IV S. 41). AVenn aber 
die Einheit in der „Essenz" oder „Substanz" (im „Subjekt") liegt, 
wenn also die höheren metaphysischen Sphären, die Hartmann in 
seinem eigenen System ansetzt, das gemeinsame Band für die niedere 
Sphäre, die der metaphysischen Tätigkeiten, bilden, wie es bei ihm 
der Fall ist, so fällt der obige Einwand von vornherein fort — gesetzt 
auch, diese Tätigkeiten seien an sich, als Tätigkeiten, isoliert — . 
Eine andere Frage wäre es, ob ein entsprechender Einwand den meta- 
physischen Plurahsmus treffen würde, wenn die Pluralität, wie es 
im Monadensystem von Leibniz offensiehtHch der Fall ist, nicht nur 
die metaphysische Tätigkeit (Monade als Krafteinheit), sondern auch 
die Essenz (Monade als platonische Idee) und in einem bestimmten, 
beschi'änkten Sinn selbst die Substanz (Monade als Seele) umfaßt. 
Schon Kant gibt in seiner Kosmologie die MögHchkeit mehrerer 
Absoluta zu, die in völliger Isoliertheit voneinander bestehen. Hart- 
mann hätte Kecht, wemi er obigen Einwand dahin erweiterte, daß 
eine uneingesclu"änkte Pluralität der Substanz die eine Welt in tausend 
und abertausend Welten auflösen ^\4irde, die miteinander nicht das 
geringste mehr zu tun hätten, ja durch keine Brücke der Wahr- 
nehmung, nicht einmal durch einen Lichtstrahl des Gedankens mit- 
emander verbunden wären. Aber im Monadensystom ist die Substanz 
nicht nur in die Pluralität der unzählbaren Monaden aufgelöst, wobei 
jede, wie bei Berkeley und bei Fichte angedeutet ist, im Sinne des 
Solipsismus eine Welt für sich ausmachen würde — Leibniz sagt 
wörtlich: Es gibt so viele Welten als Monaden^^) — , sondern diese 
Monaden sind andererseits dm'ch das Gesetz der Stufenfolge zugleich 
zu einer inneren Einheit verbunden, indem jede höhere die niederen 
und die höchste, die göttUche Zentrabnonade der Welt, aUe übrigen 
nicht nur als Glieder ihi'es Wesens, sondern auch als Bedingungen 
ihres Seins in sich einschließt. Hiermit ist eine Verbindung von Uni- 

^^) „La monadologie" 57 — vgl. hierzu Nietzsche: „Ein Ding wäre 
bezeichnet, wenn an ihm erst alle Wesen ihr Was-ist-das? gefragt nnd be- 
antwortet hätten. Gesetzt, ein einziges Wesen, mit seinen eignen Relationen 
und Perspektiven zu allen Dingen, fehlte, so ist das Ding immer noch nicht 
definiert" (WzM 5.56). Vgl. auch d. Verf. Nietzsches Metaphysik S. 15/6. 



Willenslehre als Erkenntnisweg. 69 

tarismus und Pluralismus geschaffen, die gerade für die oben be- 
sprochene neue Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde und fin- 
den dabei verwendeten Begriff des Prinzips oder metaphysischen 
Anfangs ein charakteristisches Beispiel hefert, indem hier das meta- 
physische Prinzip den Anfang einer intensiven und zugleich abstei- 
genden Reihe bildet, während hn Gegensatz dazu Schopenhauers Ur- 
wüle, der blindwaltende Weltgebärer, der sich zwecklos in. das Reich 
der räumlichen Erscheinungen ausbreitet und am Ende die willen- 
lose, sinnvolle, erhabene Idee erzeugt, den Anfang einer extensiven 
und zugleich aufsteigenden Reihe darstellt. Das Gleiche gut für 
Hegels anfangs bewußtlosen, im Durchgang durch die raum-zeitliche 
Welt zuerst zum Bewußtsein und am Ende zu höchstem, vollkom- 
menstem Selbstbewußtsein sich durchrmgenden Weltgeist. Mau 
sieht daran, daß diese beiden Systeme das letztvergangene Jahr- 
hundert bis zum heutigen Tag beherrschen, wie natürlich und selbst- 
verständlich gerade unserem Zeitalter als Niedersclüag auf die posi- 
tiven Wissenschaften die Anerkennung des Darwinismus im weiteren 
Sinne der Deszendenztheorie überhaupt, als der empirischen Evo- 
lutionslehre, war, während das Mittelalter unter dem Einfluß des 
neuplatonischen Emanationsglaubens stand, der das Prinzip in den 
Anfang einer extensiven, aber absteigenden Reihe setzte; in letzterem 
Falle machte sich die Nachwirkung uralt heidnischer Tradition geltend, 
welche die Stammbäume der Fürstengeschlechter von den Göttern 
des Mythus ableitete und so das empirische Seitenstück zu unserem 
Darwinismus abgab, das nur in diesem FaUe vorausging, während es 
heute gefolgt ist. Als Vertreter eines Systems mit intensiver und auf- 
steigender Reilie dürfte Jakob Böhme vielleicht in völliger Isoliertheit 
stehen. Bei Piaton und Aristoteles ist die Gegensätzlichkeit der vier 
Möglichkeiten noch nicht recht ausgebildet. 

Die geschilderte Vereinigung von Unitarismus und Pluralismus 
im Monadensystem von Leibniz erstreckt sich nicht nur auf die Sub- 
stanz in ihrer Totalität, sondern auch auf jede der untergeordneten 
Einheiten; sie ist gerade das strilvte Gegenteil von dem, was Kant 
dogmatisch behauptet (Pölitz, Psychologie 133/4), daß die Seele „eine 
absolute Einheit ausmache, ein Singulare in sensu absoluto, und also 
die Simplizität; denn viele Substanzen können nicht zusammen eine 
Seele ausmachen. — Viele können ja nicht sagen: Ich, es ist also 
dieses der strikteste Singularis". Hier verwechselt Kant Ich und 



70 .Siegbert Flemming, 

Selbst, Persönlichkeit und Individualität, Vernunft und Seele. Die 
Seele als Monade und Individualität zugleich ist zusammengesetzt 
sowohl ihrer Essenz nach — denn sie spiegelt das gesamte Universum 
von ihrem individuellen Gesichtspunkt aus — als auch, was hier 
besonders in Betracht kommt, ihrer Substanz nach, indem sie in eben 
dieser Substanz die niederen Glieder der Eeihe synthetisch, d. h. nach 
einem umfassenden, übergreifenden Gesichtspunkt, vereinigt. Ln 
Sinne eines solchen Monadensystems schildert Metzsche die Unter- 
ordnung der Sphäre der Zielstrebigkeit unter die des Machtwillens 
— ganz mi Sinne der oben dargelegten evolutionistischen Theorie — 
durch die folgenden ., Thesen": ,,daß die anscheinende Zweckmäßig- 
keit (die aller menschlichen Kunst unendüch überlegene Zweckmäßig- 
keit) bloß die Folge jenes in allem Geschehen sich abspielenden Willens 
zur Macht ist — : daß das Stärker-werden Ordnungen mit sich bringt, 
die einem Zweckmäßigkeits-Entwurf ähnlich sehen — : daß die an- 
scheinenden Zwecke nicht beabsichtigt sind, aber, sobald die Über- 
macht über eine geringere Macht erreicht ist und letztere als Funktion 
der größeren arbeitet, eine Ordnung des Ranges, der Organisation 
den Anschein einer Ordnung von Mittel und Zweck erwecken muß. 
Gegen die anscheinende Zweckmäßigkeit: — letztere nur ein Ausdruck 
für eine Ordnung von Machtsphären und deren Zusammenspiel" 
(WzM 552 am Schluß). D. h. mit anderen Worten: es wird geschildert, 
wie die tatsächlich vorhandene Zweckmäßigkeit in Leben und Schicksal 
(auf Grund der unterbewußten Zielstrebigkeit der Seele) im Laufe 
der Evolution aus dem Willen zur ]\racht hervorgegangen ist. 

Hierin aber, in der Art dieser Synthese, liegt es, daß ebenso wie 
im gesamten Monadensystem Unitarismus und Pluralismus, so in der 
einzelnen Monade außer Universalität und Individualität gemäß ilirer 
Essenz auch Pluralität und Unität gemäß ihrer Substanz, also Viel- 
fachheit und Einfachheit in zweifachem Sinne als ausgeglichene Gegen- 
sätze beisammen sind. Der so überaus fruchtbare, reichhaltige Mo- 
nadenbegriff gab also Leibniz wirklich die Berechtigung, die Einfach- 
heit der Substanzen so stark zu betonen, weil nämhch die andere 
Seite, die Viehachheit, am meisten in die Augen sprang. .Die Art 
der Synthese ist aber im großen dieselbe, die sich im kleinen, empi- 
risch, als schwacher Abglanz der metaphysischen, in unserem täglichen 
Seelenleben abspielt, und auf deren Eigenart im Gegensatz zu aller 
Zusammensetzung in der stofflichen Welt besonders Wundt hin- 



Willenslehre als Erkenntnisweg. 71 

weist: bei der Vereinigung zweier psychischen Gebilde resultiert ein 
Neues, das in den Elementen noch nicht gegeben war, also auch aus 
ihnen nicht bestimmbar oder ableitbar ist. Es kommt also einer 
Monade sowohl Universalität als Individualität, sowohl Pluralität 
als Unität zu, jedoch weder Totalität noch Partialität. Sie spiegelt 
die Welt, aber sie ist nicht die Welt wie die Seele im Brahmanisraus. 
Sie umfaßt niedere und ist selbst ein Glied höheier Monaden, wie bei 
Augustin die Seele ein Gedanke Gottes; aber sie ist kein Teü eines 
anderen Ganzen, noch hat sie selbst Teile; denn der Begriff des Teiles 
setzt Zerteilbarkeit, Abtrennungsmöglichkeit voraus und hinwiederum 
Zusammensetzbarkeit im Sinne stofflicher Zusammensetzungen, die 
Bindung der Monaden liegt aber materialiter in ihrer Essenz, forma- 
liter sogar schon m ihrer Substanz und keineswegs in äußeren Re- 
lationen. Auch die höchste Zentralmonade des Alls hat keine Totalitä*, 
weil sie keine Teile hat. Sie ist das Ens originaiium Kants, das zwar 
alle Realitäten hat, aber doch kein Ens compositum ist, sondern 
Simplizität besitzt (,,denn ein ens compositum hat keine größere Not- 
wendigkeit, als die Teile haben, aus denen es besteht" — Pölitz, 
Theologie 301). 

Kants Felller üi obigem Gedankengang wird noch aus einer 
folgenden Stehe besonders klar. S. 203/4 heißt es: „Die Seele ist eine 
einzehie Seele, d. h. mein Bewußtsein ist das Bewußtsein einer ein- 
zelnen Substanz. Ich bin m,ir nicht mehrerer Substanzen bewußt. 
Denn wenn mehrere denkende Wesen im Menschen wären, so müßte 
man doch auch sich mehrerer denkenden Wesen bewußt sein. Das 
Ich drückt aber die Unität aus; ich bin mir eines Subjekts be- 
wußt." Was hier sofort auffällt, ist die ungeheuere Einseitigkeit, 
unter der Seele nur das denkende Wesen des Menschen zu verstehen. 
Diese Einseitigkeit ist von lang her überkommen; sie war im Mittel- 
alter verbreitet. IVIan hat Augustin der Urheberschaft beschuldigt, 
so sehr dieser gegen einen solchen Vorwurf schon dadurch geschützt 
sein sollte, daß sich Schopenhauer für den Panthelismus gerade auf 
ihn als auf seinen — nach seiner Meinimg einzigen ^ Vorginger be- 
rufen konnte.4^) Augustin lehrte, dia Menschenseele sei ein Gedanke 
Gottes; das heißt bei weitem noch nicht, sie sei ein wesentlich den- 



^6) Augastin, De Civitate Dei XI 27, 28, XIV 5, 6, Schopenhauer WWVI 
IS;^, 271, II 234, 421. 



72 Siegbert Flemming, 

keiides Wesen. Sie könnte trotzdem ein wesentlich wollendes Wesen 
sein. Sie könnte sehr wolü zugleich Objekt eines DenJvaktes und Sub- 
jekt eines Willensaktes sein. Die führenden Geister der Menschheit 
haben sonst nie die Seele als denkendes Wesen aufgefaßt. Piaton 
lehrte die Seele als Idee, d. h. als em anschauendes und bildende? 
Wesen. Aristoteles lehrte die Seele als Entelechie, d. h. als ein be- 
wegendes und lenkendes Wesen. Leibniz vereinigte beides in semer 
Art. Von Descartes, der zwar die Seele als die denkende Substanz 
bestimmte — aber in Gegensatz zu der Materie als ausgedehnter 
Substanz — kann man ebenso gut sagen, daß er das Wollen m Denk- 
akte, als daß er das Denken in Willensakte transformierte. Man 
braucht gar nicht einmal mit Du Prel auf den Bewußtsemswechsel 
beim Träumenden oder, was schon besser ist, beim Somnambulen 
hinzuweisen (bei letzterem nämlich ist das anschauende, somnambule 
Be^\^ißtsein dem denkenden Wachzustand in seinen Leistungen 
mindestens gleichwertig, während das Traumbewußtsein meist nur 
Albernheiten zustande bringt), man bleibe bei dem alltäglichen Seelen- 
leben stehen: das Bibelwort „Der Geist ist willig, aber das Fleisch 
ist schwach" — recht verstanden m dem Sinne, daß hier unter dem 
Bilde des Fleisches die Leidenschaften m der Seele verstanden sind — 
und die Übersetzung dieser Erkenntnis bei dem Heidenchristen 
Goethe, der die Leidenschaften nicht als Fleisch brandmarkt und des- 
halb sagt: „Zwei Seelen wohnen, ach! in memer Brust usw." —philo- 
sophisch zwar nicht viel exakter, aber zur Widerlegung Kants noch 
geeigneter — , endlich dasselbe in der Formel des Panthelismus bei 
Nietzsche (Z, „Von der Menschen- Klugheit", Eingangsworte): „Nicht 
die Höhe: der Abhang ist das Furchtbare! der Abhang, wo der Blick 
hmunterstürzt und die Hand hinaufgreift. Da schwindelt dem Herzen 
vor seinem doppelten Willen" — : all diese Auffassungen beweisen, 
daß das empirische Bewußtsein der seelischen Euiheit verloren ist, 
sobald man aus der Sphäre des Denkens heraustritt. Mit der stärkeren 
Betonimg der Leidenschaften im Seelenleben hängt auch bei Nietzsche 
die schroffe Ablehnung des Seelenbegriffes zusammen, der aus der 
Vorstellung eines spezifisch denkenden Wesens abgeleitet ist, und damit 
seine Gegnerschaft gegen Kant; und doch glaubte Nietzsche an eine 
metaphysisch-teleologische Einheit im Menschen, das Denken aber 
verlegte er ganz an seine empiiische, bewußte Oberfläche. Diese Ein- 
heit vermochte Kant nicht zu finden. Er konnte zufolge seines Be- 



Willenslehre als Erkeontnisweg. 73 

weises aus der Moral nur eine Universalität und Unität der Seele er- 
schließen, nicht aber ihre Individualität und Pluralität. Dabei waren 
seine Schlüsse noch falsch begründet; denn was er als Unität ansah, 
ist nur die Projektion der metaphysischen Einheit in das empirische 
„Ich" oder Persönlichkeitsbewußtsein, und die Universalität des 
moralischen Gesetzes ist nur eine Äquation äußerer Relationen in der 
metaphysischen Grenzsphäre, während die wahre metaphysische Ein- 
heit durch den ^Machtwillen im Sinne Nietzsches gekennzeichnet ist 
und sich eben tieferem EmbUck m den wohl verborgenen und ver- 
deckten Hintergrund des Dasems als Willensindividualität ent- 
schleiert. 

Nietzsche spricht geradezu von „Willenspunktationen" (WzM 715). 
Das monadologische Moment — im weiteren Sinne — klingt überall 
durch den Schopenhauerischen Universalismus bei Nietzsche hin- 
dui-ch (WzM 715): „Relativ dürfen wir von Atomen und Monaden 
reden: und gewiß ist, daß die kleinste Welt an Dauer die dauer- 
hafteste ist"). Die vorstehend entwickelte Seelenlehre führt nun auch 
das monadologische Moment im engeren Siime in den Thelismus ein. 
Die Lehre vom ]\Iikrokosmos ist die Basis des Monadensystems. Der 
Mensch ist als Wülensüidividualität nicht nur der gesamten äußeren 
Natur verwandt, er schließt auch alle Naturreiche essentiell in sich 
ein, wie die Individualitäten der nächst niederen Stufe, die Tier- 
arten, wenigstens noch die pflanzliche und mineralische Wesenheit 
in sich enthalten und die Pflanzen nur noch das IMineral. Jede Monade 
ist ein Spiegel des Universums, wie Leibniz sagt, und wie schon der 
arabische Phüosoph Alkindi lehrte, aber ein Spiegelbild vom indi- 
viduellen Gesichtspunkt der Monade aus, in deren Perspektive ge- 
sehen, wie gleichfalls Leibniz sagt. Dieser perspektivische Charakter 
der Monaden bedingt es eben, daß eine jede Individualität nur die 
tieferen in sich begreift; denn Stetigkeit und Harmonie verbürgen 
ein hierarchisch abgestuftes Monadensystem. 

Es liegt nun die Mögliclikeit nahe, noch höhere, über dem Men- 
schen stehende metaphysische Individualitäten anzunehmen, welche 
gleichfalls die niederen Stufen in sich emschließen. Es könnte sein, 
daß der Grad von Selbsttäuschung, der zur irdischen Verkörperung 
einer Seele gehört, von jenen höheren Individualitäten nicht auf- 
gebracht werden kann, mit anderen Worten: daß sie zu wahrhaftig 
in ihrer Wesenheit sind, um in die phänomenale Welt einzutreten, 



74 S i e g b e r t F 1 e m m i n g, 

und daran eben wiirds sich zeigen, daß sie höher stehen als selbst 
noch der Mensch. .Oanu mirden sie also der Weltentwicklung rein 
transzendent sein; die metaphysische Stufenleiter würde dann trotz- 
dem streng kontmuierlich im Sinne Brunos verlaufen, nur die physi- 
sche wäre abgebrochen. Von solchen höheren Monadenreichen ist in 
den Schriften der Gnostiker und Mystiker mannigfach die Rede. Hier 
handelt es sich um die Frage, ob die hier aus dem Leibnizischen Mo- 
nadensystem entwickelte Seelenlehre von selbst zu der Aimahme solch 
höherer Reiche drängt, und diese Frage ist zu bejahen auf Giund des 
Prinzips der universellen Analogie, welches eben diesem System zu- 
grunde liegt. 

So haben wir denn die unbegrenzte monadologische Stufenleiter 
hn. Sinne Brunos vor uns, mit ihrer Stetigkeit, die Leibniz forderte, 
und die Harmonie, die dieser lehrte, die Ssolowiow als Almung eines 
künftigen Zustandes erkannte, warum — so fragen wir — kommt 
diese Harmonie im gegenwärtigen Stadium der Welt nicht zur Gel- 
tung? — : weü der Machtwille auf Konfligenz beruht und auf der 
Grundlage der Konfligenz die bestehende Welt erschuf. J)er Mach+- 
wille hat die Harmonie des Monadensystems gestört als feindliche 
kosmische Macht, er ist zu den Individualitäten der niederen Reiche 
hinzugetreten und hat ihnen die Selbsttäuschung, welche die irdische 
Verkörperung bedingt, erst ermöglicht. Er ist der JJemiurgos dtr 
griechischen Philosophie, der dämonische Weltschöpfor, dem ein rein 
geistiges Monadelldasein nur ein Chaos bedeutet, er ist ein rechtes 
Mittelwesen zwischen Sein und Erscheinung. Sein Eingreifen in die 
Weltevolution ist der unmittelbarste Ausdruck, die unmittelbarste 
Bezeugung der Irrationalität der Weltsubstanz, die erst an dieser 
Stelle des Gedankenganges unabweisbar wu'd. 

Wenn es nur Individualitäten des Machtwillens gäbe, deren jede 
in jedem Augenblicke ihre letzte Konsequenz zieht, dann müßte 
ganz gleichgültig, welcher Soelcnsphären sich der MachtwiUe noch 
zu seinen Zwecken bedient und bedienen wird — der gesamte Kosmos 
bis hinauf zum Menschen so streng nach festen Regeln in seinen Pro- 
zessen ablaufen wie die anorganische Natur. Was auch an kompli- 
zierter Struktur die Strebung in der Pflanze, an n.annigfaltigem 
Wechsel die Empfindung im Tier, an umfassender Koinbinationsgabe 
die Verminft im Menschen hervorbrächte, alles müßte sich mit der 
Exaktheit der physikalischen ,, Gesetze'' zergliedern lassen. Scheut aber 



WilleiTslehre als Erkenntnisweg. 75 

die Exaktheit schon in der anorganischen Natur vor deni periodischen 
System der Elemente, d. h. vor der Tatsache der Individualität, etwas 
zurück, so scheitert sie beim Aufsteigen in den Kelchen, je mehr und 
mehr sich die metaphysische Individualität auf das physische Indi- 
viduum konzentriert, und erleidet also im Menschen völligen Schiff- 
bruch. Jene „Freiheit", welche uns als Charakteristikum auserwählter 
Augenblicke im Leben der echten Mystiker aller Zeiten entgegen- 
tritt, beweist die Möglichkeit einer vom Machtwillen unabhängigen 
Existenzform der Monaden, indem sie eine frühere — und in Zukunft 
in ähnlicher Weise wieder mögliche — üa seinstufe der Menschen- 
seele — wenn auch im Erdenleben nur eben auf Augenblicke — 
rekapituliert. 

Das sinnliche Dasein stammt aus dem Machtwillen, welcher nur 
durch die Gefolgschaft der Täuschung in die Harmonie des Monaden- 
systems eindringen konnte. Hier ist auf die von Wagner dramati- 
sierte nordische Mythologie zu verweisen, in der die Gestalt des Mbe- 
iungenfürsten jene feindliche kosmische Macht darstellt, welche die 
Harmonie der Götterwelt stört: Alberich erzaubert den Rhig — Sym- 
bol der Macht — und die Tarnkappe — Symbol der Täuschung — . 
x\uf den Raub des Goldes folgt der Bau Walhalls, der Burg der „Macht", 
die Wotans „Wille" „aus der Träume wonnigem Trug" erschuf, zu 
spät das Veihängnis erkennend; das ilrn an Alberich überliefert. 
Dasselbe Prinzip erscheint bei Ibsen im Peer Gynt als der „große 
Krumme" („den störe böjgen") — man könnte auch übersetzen: der 
„große Kreis". Imniei ist der Kreis oder Ring Symbol des Macht- 
willens und damit der ewigen Individualität des Menschen. Man denke 
an Nietzsche, den Lehrer des Machtwillens, dessen „Sieben Siegel" 
in seinem Zarathustra sieben Mal wiederholen: „Oh, wie sollte ich nicht 
nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring 
der Ringe — dem Ring der Wiederkunft !" Der Machtwilk eben treibt 
die Individualität des Menschen zu immer erneuter Wiederkunft in der 
Welt der Täuschung: ^^) Der „große Krumme" nun, der ewige, meta- 
physische Machtwille des Menschen, ei scheint Peer Gynt in dem 
Augenblicke, wo er die ohnmächtige Machtgier der kurzsichtigen, 
irdischen Persönlichkeit, den Trieb zu den Trollen des Berges, be- 
zwungen hat durch Selbsterkenntnis („ich bin weder Prinz, weder 



47 



) Mephistopheles führt Faust in die Hexenküche zum Verjüngungstiank. 



76 Siegbert Flemming. 

reich"). Metaphysisch betrachtet, ist ja der Mensch einesteils Glied 
des Monadensystems, der göttlichen Hierarchien, andernteils dämoni- 
scher Macht wille: daher gleicht der Krumme der Sphinx als einem 
Doppelwesen mit Menschenkopf und Löwenleib (IV. Akt). Der ab- 
solute Machtwille spricht sich in der absoluten Selbstsicherheit aus: 
der Krumme bedarf keines Angriffs, um sich zu behaupten, er steht 
starr wie der Fels (vgl. S. 39). Als unbezwmgbare Zentralkraft der 
Seele fordeit er die Kreisbewegung seine? Objekts, des empirischen 
Menschen: „Geh um mich herum!" Zugleich setzt aber der Macht- 
wüle Täuschung voraus, nämlich Täuschung über die urtümliche 
Harmonie de? Monadensystems, und der Krumme täuscht Peer Gynt 
dadurch, daß er unsichtbar ist (nichtseiend im eleatisch-platonischen 
Sinne), ganz wie Alberich und Siegfried in der Tarnkappe (jener als 
jVIachtwille schlechthin im Sinne eines kosmischen Prinzipes, dieser 
als Menschenindividualität mit dem Attribute des Machtwillens: auch 
den Ring erwirbt Siegfried zugleich mit dem Kebelhelm). Darum 
konnte Weinmger im „großen Krummen" zweierlei erbücken, einmal 
„das die Erlösung negierende Prinzip überhaupt", zum andern „die 
Lüge" (H 35/6). 

Erinnern wir uns zum Sfhluß, daß die Wärme —also die Feuers- 
glut — Symbol des Machtwillens ist, so erhält nun auch die zu Ein- 
gang dieser Abhandlung berährte Antithese von Feuer und Logot^ 
— Machtwüle imd Harmonie der Monaden — , welche wie ein Siegel 
über der Philosophie des dunklen Heraklit steht, ihren tieferen Sinn, 
ihre eigentliche Bedeutung. In ähnlicher Antithese füidet sich gerade 
bei Nietzsche, dem Lahrer des Machtwillens, die Ahnung eines vom 
Machtwillen befreiten Systems der Monaden oder Individualitäten, 
welches nach den Eegeln der Haimonie und Stetigkeit aufgebaut und 
daium ein hierarchisches System ist, und insofern ist es nur die letzte 
Konsequenz des Individualismus und nicht etwa seine Aufhebung 
oder gar Widerrufung, wenn Nietzsche sagt (WzM 287): Meine Moral 
ist nicht auf Individualismus gestellt, sondern auf 

Rangordnung ! 




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